Ausgabe 
25.9.1929
 
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Nr. 225 Erster Blatt

179. Jahrgang

Mittwoch, 25. September (929

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Dr. Klönne hat das Auswärtige Amt informiert.

Drei Unterredungen mit leitenden Persönlichkeiten.

Berlin, 24. Sept. (Privalmeldung.) Reichs- tagsabgeordneler Dr. klönne gibt über feine Be­sprechungen mit französischen Politikern noch fol­gende Erklärung bekannt:

1. Ich habe im herbst 1927 dem Ministerialdirek­tor Dr. Ritter einen etwa einstündigen Bericht über meine bis dahin gepflogenen Un­terhaltungen gegeben, nachdem es mir trotz zwei­tägigem Versuch nicht gelungen war, den Herrn Außenminister selbst zu unterrichten.

2. Ich habe im Februar 1928 den damaligen Dirigenten der Offableilung des Auswärtigen Am­tes Ministerialdirektor v. D i r ck s e u eingehend über meine Unterhaltungen mit französischen und eng­lischen Staatsmännern und Politikern sowie über die Anregungen, die bei solchen Gelegenheiten an mich herangetragen wurden, unterrichtet.

3. 3d) habe am 26. April 1929 dem Staatssekre­tär v. Schubert den Inhalt meiner Unterhal­tungen vom Vortage mit zwei französischen Politikern bekanntgegeben. Dieser Bericht enthielt keine Empfehlung der roiebergegebenen Vor­schläge zur Heparationsfrage. 3m Gegenteil, ich machte warnend auf verschiedene Bedenken auf­merksam. Dabei konnte ich zu meiner Genugtuung seststellen, dah sich der Herr Staatssekretär meiner Auffassung völlig anschIoh.

Der Abgeordnete Reynaud Über seine Berliner Reise.

Paris. 24. Sept. (WTD.) Der der demo­kratisch-sozialen Fraktion (Fraktion Maginot) an- gehörende Abgeordnete Paul Rehnaud, der auf Grund der Veröffentlichungen der (Rational- liberalen Korrespondenz über deutsch-französische Allianzoerhandlungen von der linksstehenden französischen Presse sehr scharf ange­griffen und aufgefordert worden ist, fich zu' äußern, übermittelt aus Mexiko, wo er sich gegenwärtig aufhält, unter heutigem Datum fol­gende durch Havas verbreitete Erklärung:

Im Verlaufe einer Studienreise nach Berlin habe ich Besprechungen mit den Ver­tretern der verschiedenen politischen Parteien, wie Stresemann, Breitscheid und Ab­geordneten des Zentrums gehabt. Herr Rech- berg schlug mir vor, durch Vermittlung des Generals v. Lippe auch mit Persönlichkeiten der (Rechten zusammenzukommen. Ich nahm den Vorschlag an. maß ihm aber nur wenig Bedeutung bei. so daß ich weder zur Presse noch zu meinen Amtskollegen davon gesprochen habe."

pDificare überseineVespreHungen mit Arnold Äechberß.

Paris, 25. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der innenpolitische Leitartikler des ..Echo de Paris". Marcel H u t i n, hat den früheren Ministerpräsi­denten P o i n c a r e gebeten. Stellung zu den Verhandlungen zu nehmen, die Arnold Rech- berg in Paris gehabt hat. als Poincare noch dec Regierung angehörtc. Poincare hat an den Redakteur folgendes Schreiben gerichtet:

Ich habe in der Tat Herrn Rechberg einmal im Jahre 1923 und einmal im Jahre 1928 emp­fangen. Er hat mir über die deutsch-fran­zösische Annäherung einige A l l g e m e i n h e i - t e n mitgetcilt, die er in den französischen Zei­tungen veröffentlicht hat. Ich habe ihn darauf hingewiesen, daß alle diese Fragen zu denen gehören, die zwischen den Regierungen behandelt werden, nicht aber mit Pri­vatleuten. Das ist alles. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dieser direkte Besuch den Ge­danken ausschließt, daß ich jemals den Abgeord­neten Paul Reynaud hätte bitten können, für mich als Mittelsmann bei Herrn Rechberg zu dienen. Das ist eine Erfindung. Unter uns gesagt, habe ich übrigens zu Botschafter v.Hoesch von diesem Besuch gespro- ch e n. Er schien ihnnichternst zunehme n. Zum Schluß bemerkt Poincare. dah er noch immer durch seine Krankheit nahezu ans Bett gefesselt sei und daß der Zeitpunkt der zweiten Operation noch nicht festgesetzt sei.

Die Meinung der Presse.

Berlin, 24. Sept. (TU.) Die Berliner Blätter beschäftigen sich mit der neuerlichen Erklärung der ./National-Liberalen Korrespondenz", sowie den Er­klärungen von zuständiger Stelle.Der 21 b e n b" (Spätausgabe desVorwärts") meint, daß es sich bei den bekannten Plänen um ein Militärbündnis gegen Rußland handeln solle, sei bekannt. Das sei und) der Grund, weshalb die Unterhändler jo ichweigsam seien. Sie wollten ohne dazu berechtigt zu fein, deutsche Männer und Jünglinge an die französischen Imperialisten verhandeln. DerBer­liner Börsenkurier" (dem.) meint, daß man, sich im Grunde darüber freuen müsse, daß auch deutschnationale Politiker und Führer des Stahl­helms sich mit der Frage einer Verständigung mit Frankreich auf der Grundlage französischer Zuge­ständnisse ernstlich beschäftigen. Berechtigt sei nur bas Erstaunen darüber, daß deutschnationale Poli- liker noch viel weitgehendere und undiskutable Ver-

Eine Berliner Kundgebung des Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren.

Berlin. 24. Sept. (WB.) Der Großberliner Ausschuß für das deutsche Volksbegehren veran­staltete heute abend im Sportpalast eine große Kundgebung. Schon um 6,30 Ufjr hatten sich große Massen eingefunden, um sich rechtzeitig einen Platz zu sichern. Kurz vor 8 LIhr mußte der Sportpalast wegen Heberfüllung polizeilich geschlossen werden. Zur Durchführung des Ordnungsdienstes waren zahlreiche Polizeimann, schäften zusammengezogen worden. Auf den Zu- gangsstrahen wurde der Dienst von zwei Zügen berittener Polizei ausgeübt. In den Nebenstraßen sind mehrere Polizeiautos für den Fall eines Alarms aufgestellt. Die Kundgebung wurde ein­geleitet von Musikvorträgen der Stahlhelmkapelle. Rach dem Einmarsch der Fahnen und der Begrü­ßungsansprache des Landtagsabgeordneten Stadt­rat Steinhoff erklärte

der Siahlhelmbundessührer Seldie:

Wie innere und äußere Politik in Deutschland geführt werde, entspreche nicht der Denkungs- weise des Stahlhelms, der in seinem Kampf um die Freiheit Bundesgenossen gefunden habe in dem Reichsausschuh für das deutsche Volksbe­gehren. Dieses Volksbegehren sei ein Teilstück des Kampfes um die deutsche Freiheit, der nicht etwa stehe und falle mit dem Ausgang dieses Volksbegehrens. Dem Stahlhelm sei jedes legale Mittel recht, das Deutschland der Freiheit näher­bringe. Der Poung-Plan bedeute für uns keinerlei Erleichterung oder Verbesserung. Der Redner wandte sich dann gegen das Bestreben, den Reichspräsidenten in den Kampf hinein­zuziehen, den die Männer der nationalen Reihen erst auf den Schild erhoben und zum Reichs­präsidenten gewählt Haden. Der Stahlhelm ver­handele nicht mit Frankreich, der Stahlhelm habe begriffen, daß der Erbfeind nicht außerhalb der Grenzen, sondern innerhalb der deut­schen Gaue wohne. Der Stahlhelm sei nicht gegen den Staat, er sei für .das Vgferlgnd, für das Deutsche Reich.

Darauf erklärte

Reichstagsabg. Or. Hugenberg:

Unser Angriff richtet sich gegen Art, Methode und Richtung der deutschen Außenpolitik, gegen die Poli­tik der Versklavung Deutschlands an das internatio­nale mobile Kapital. Wir sollen freiwillig ohne jede wirksame Rücktritts- ober Revisionsmöglichkeit feierlich bestätigen, daß wir bis 1988 ungeheure unb unmögliche Lasten auf uns nehmen. Die Behaup­tung ber amtlichen Propaganda, es handle sich um eine Ermäßigung unserer Lasten, ist eine Irrefüh­rung. Wir übernehmen im Pariser Tributvertrag Verpflichtungen, die wir nach allgemeiner Auffassung des Inlandes und des Auslandes nicht erfüllen können, deren Ueberncihme also eine Unehrlichkeit ist und von vornherein nur in der Absicht eines späteren Konkurses ober Atkorbes erfolgen kann. Die 15 Milliarben Aus - lanbschulben, bie wir in ben fünf Dawes-Iah- ren gemacht haben, beweisen unsere internationale Zahlungsunfähigkeit. Die Daweskrise mag zwar einigen Banken unb Firmen, die sich vor der Kün­digung kurzfristiger ausländischer Kredite fürchten, vorübergehend Unbequemlichkeiten bereiten. Bei einer richtigen inneren und Wirtschaftspolitik wird sie dagegen die große breite Masse un- ferer Wirtschaft unb unseres Volkes nicht treffen. Die Daweskrise würbe, richtig ungefaßt, für das ganze deutsche Volk eine Gejundungs- krise sein wie einst bei der Helsferichschen Stabili­sierung der Währung. Man hat uns seit Versailles nie unsere Lasten erleichtert, man hat sie mit jedem Vertrage erhöht. Man hat nie zu unseren Gunsten revidiert", sondern stets zu unseren Ungunsten. Der Poungplan ist die Aufrechterhaltung des Dawes- planes, ist seine Rettung vor dem Bankerott. Mir

scheint der Gedanke im höchsten Grade verächtlich, zunächst widerstandslos unerträgliche internationale Lasten zu übernehmen und dann in Rathenauschem Sinne durch Lohn - und Gehaltskürzung und Abbau der sozialen Einrichtun­gen die breite Masse des Volkes ver­elenden zu lassen. Ich meine: das mag dann nach der etwaigen Annahme des Voungplanes die So­zialdemokratie selbst einmal versuchen, nicht etwa wir anderen. Wir Deutschen sind in den letzten zehn Jahren nach und nach alle z u Sklaven ge­worden und wollen gemeinschaftlich als Sklaven empfinden, deren höchstes Empfinden es ist, wie­der ein freies Volk zu werden. Wir fragen, ob ein solches Volk, auch wenn es wehr- und waf­fenlos ist, nicht so geführt werden kann, daß es nicht zum Geschöpf und zum Schuhputzer der Welt wird?

Ob es nötig und würdig dieses von ihm zer­tretenen Volkes ist, dah der Reichsaußenmini­ster Stresemann erklärt:Die Gegner un­seres Systems operieren mit dem beliebten Schlagwort, durch den Poung-Plan werde das deutsche Volk für zwei Generationen versklavt. Statt immer von der nächsten Generation zu sprechen, die wahrscheinlich schon unter ganz ande­ren Bedingungen leben wird, sollte man zunächst einmal daran denken, daß der Poung-PIan der

Müllers Heimkehr.

Don unserer Berliner Redaktion.

Am Donnerstag kehrt der Reichskanzler nach Berlin zurück. Am Montag beginnt bie Zwischen­tagung des Reichstags: diese beiden Daten zeigen in ihrer einfachen Auszählung, daß wir vor wich-tiaen Der Reichstag

soll die Reform der Arbeitslosen­versicherung zu einem erträglichen Ende führen, dazu hat er drei Tage Zeit. Bevor aber die Beratungen beginnen, muß man wenigstens einigermaßen wissen, was werden soll, weil sonst eine schwere politische Niederlage der Regierung unvermeidlich ist. Woraus sich ergibt, daß der Kanzler gerate vier Tage Zeit hat vom Donnerstag bis zum Montag um die Gegensätze zwischen den Regierungsparteien aus­zubügeln. Stärkere als er haben sich bisher ver­geblich daran versucht. Es wäre für ihn selbst vom Liebel, wenn er mit allzu großen Hoffnungen an diese Ausgabe heranginge. Denn auch er kann nicht verkennen, daß die Dersicherungs- reform, die ja von Hause aus nur eine Teil- frage aus dem großen Gebiet der inneren Politik gewesen ist, nachgerade zu d e r politischen Frage geworden ist. Die Parteien haben sich auf ihren Standpunkt so festgebissen, daß es eine Prestigefrage für jede einzelne geworden ist, nicht nachzugeben. Lind wenn vor einigen Wochen noch vielleicht die Möglichkeit bestand, eine Mehr­heit aus Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten und Bayern gewissermaßen an der Volkspartei vorbei zusammenzubringen, so ist auch dieser Augenblick heute schon verpaßt: einmal weil die Volkspartei damit nicht mehr zufrieden sein wird, dann aber auch, weil offenbar die Bayern und wahrscheinlich die Demokraten keine Neigung ha­ben, ohne die Volkspartei der Wirtschaft eine neue Belastung von rund hundertfünfzig Mil­lionen aufzupacken. Was ja auch in der Tat eine mehr als seltsame Einleitung der großen Aktion zur Entlastung der Wirtschaft wäre.

Der Kanzler will offenbar darauf starten, daß er die Versicherungsresorm aus ihrer Isolierung herausnimmt und in den großen Komplex der

gegenwärtigen Generation eine starke Erleichte­rung bringt. In den nächsten zehn Jahren hat das deutsche Volk ungefähr sieben Milliarden weniger zu zahlen, als es nach dem Dawes-Plan schuldete ist das etwa nichts?" Ja, selbst wenn die Zahl richtig wäre, was nicht der Fall ist, wäre es nichts, weil wir das Mehrfache nachzuzahlen haben und weil außerdem eine furchtbare Kehrseite verschwiegen wird: die Versperrung des Weges zur Revi­sion und zur Freiheit. Der kurze Inhalt dieser Stresemannschen Worte heißt: Rach uns die Sintflut I

Nach dem Gesang des Niederländischen Dank- f.ebeteä und einem kurzen Schlußwort des Ber- iner Stahlhelmführers v. Stephani endete die Kundgebung mit dem Großen Zapfenstreich. Nach Schluß der Versammlung kam es gegen 3/424 Llhr noch in der Schickler-, Blumenstrahe und an der Waisenbrücke zu Zusammenstößen. Es ent­spann sich eine wüste Schlägerei, in deren Verlauf mehrere Schüsse gefallen waren. Die Po­lizei mußte starke Kräfte einsetzen und m i t dem Gummiknüppel d ie Menge zer­streuen. Sechs Personen wurden zwangsge­stellt, zwei Verletzte nach der Rettungswache ge­bracht.

Finanzreform einfügt, um auf diese Weise ein größeres Maß von Zugeständnissen zu ge­winnen, das Volkspartei und Sozialdemokraten gegeneinander aushandeln rnen: das wür.e a er immer bedeuten, daß uic Volkspartei Dorju- leisten hätte und als Gegengabe einen Wechsel in die Hand bekommt, dessen Einlösung unsicher bleibt, auch wenn ihr bei., der Gestaltung Les fFknanzprögramms in der Theorie sehr weit­gehende Zusagen gemacht würden. Es besteht also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dah Herr Müller sich t o t l ä u f t und dann ist eigentlich ein Rück­tritt des Kabinetts unvermeidlich. Wir würden ihn nicht einmal bedauern. Denn die Zusammen­setzung der Regierung ist im Augenblick nicht derart, dah die Voraussetzungen für eine gedeih­liche Entwicklung im kommenden parlamentari­schen Winter gegeben wäre. Auch außenpolitische Gründe sprechen nicht dagegen, dah, wenn eine Krise schon unvermeidlich ist, sie dann sofort kommt. Man hätte dann in Ruhe die Möglichkeit, eine wirkliche Koalition zu bilden, und das Kabinett mit Männern zu besetzen, die nicht durch Krankheit oder innere Llnentschlossenheit jeden Fortschritt lähmen. Wobei wohl selbstver­ständlich ist, daß der Reichsaußenminister auch dem künftigen Kabinett angehört.

Der Reichskanzler über die nächsten Ausgaben desKabinetts.

Mannheim, 25. Sept. (WTB. Funkspruch.) 3n derNeuen Badischen Landeszeilung" bezeich­nete der in Bühlerhöhe weilende Reichskanzler Her­mann Müller als wichtigste Ausgabe der am 30. September beginnenden außerordentlichen Ta­gung des Reichstags die Erledigung der Gesetzent­würfe zur Aenderung des Gesetzes über die Ver­sicherung der Erwerbslosen. Die zu lösende Ausgabe bestehe darin, für alle berechtigten sozialen Anforderungen auch die finanzielle Deckung zu schaffen. Das verlange eine ordent­liche Ltatwirtschaft. Nach seiner Rückkehr nach Berlin werde der Kanzler den versuch machen.

Schwierige innerpoliiische Lage.

ständigungsvorschläge mit französischen Politikern und Militärs erwogen hätten, als die amtlichen Stellen, hier liege tatsächliä) die Enthüllung ernster Unaufrichtigkeit und Heuchelei vor. So scharf sich bas Blatt immer wieder dagegen gewandt habe, daß man aus den Kreisen der nationalen Opposi­tion die Männer der Regierungspartei nicht etwa des Irrtums, sondern am liebsten des Landesver­rates geziehen habe, jo wenig tonne das Blatt jetzt aber analogen Versuchen von der anderen «eite zustimmen. Das seien üble Methoden, mit denen es nichts zu schaffen haben wolle.Der Deutsche" (Zentrum) wendet sich dagegen, daß man Klönne einen Vorwurf daraus machen wolle, daß er das Auswärtige 2lmt erst nach seinen Be­sprechungen unterrichtet habe. Es wäre lächerlich von jeder Unterhaltung, die ein Politiker ober Journalist mit einem Ausländer habe, vorher das Ausivärtige Amt zu unterrichten. Denn erstens seien solche Besuche heute ein fast tägliches Er­eignis, und zweitens könne man vorher kaum ubschätzen, was bei solchen Unterredungen heraus- komme. Die der Bolksparkei nahestehendeB e r - liner Börsen zeitung" wendet sich gegen die neuerlichen Auslegungen derRational-Liberalen Korrespondenz" und gibt der Ansicht Ausdruck, daß die Wirkung, die der Vorstoß derRational- Liberalen Korrespondenz" bei der Linkspresse ge­sunden habe, deutlich genug zeige, daß der Stoß gegen die gesamte bürgerliche Rechte gerichtet sei. Auch ein schlechtes Gewissen ändere nichts mehr an dem Ungeschick dieser ganzen

Enthüllungen. Das Blatt berichtet sodann, daß die Enthüllungskampagne derRational-Liberalen Kor­respondenz" in maßgeb en den undeinsluß- reichen Kreisen der Deutschen Volks­partei lebhaften Unwillen ausgelöst habe. Man sei dort vor allem darüber empört, daß bas parteiamtliche Organ der Deutschen Volkspartei zu einer Intrige mißbraucht worden sei. DieVolkszeitung" (dem.) meint, daß aus den Enthüllungen derRational-Liberalen Korre­spondenz" neuerdings die aufdämmernde Erkenntnis spreche, daß sie der deutschen Außenpolitik sicherlich keinen Dien st erwiesen habe.

Keine Fortschritte

in der Aörusiungssrage.

Genf, 24. Sept. (TU.» Die vorbereitende Abrüstungskonferenz des Völkerbundes wird, wie sich jetzt auf Gruno der verschiedenen privaten Gespräche zwischen den Führern der maßgeben­den Abordnungen ergeben hat, kaum vor März oder April nächsten Jahres zusammentreten. Ein Fortschritt ist bei der dies­jährigen Tagung der Döllerbundsversammlung in der Abrüstungsfrage in keiner Richtung zu verzeichnen. Der von der englischen Regierung mit großer Hartnäckigkeit vertretene Standpunkt, die Abrüstungsarbeiten des Völkerbundes mühten unverzüglich weitergeführt werden, ist

an dem Widerstand Frankreichs und der den französischen Standpunkt vertretenden Mächte gescheitert. Die englische Regierung hat mit großem Recht daraus hingewiesen, daß die Land­abrüstung jedenfalls für Europa bei jedem Kriege in erster Linie entscheidend fei. Es sei deshalb sinnlos, den Fortgang der Abrüstungs­verhandlungen und die Klärung der Landab­rüstungsfrage von dem Ergebnis der Konferenz der großen Seemächte abhängig zu machen. Diese T^se wurde jedoch von der Völkerbundsver- sammlung abgelehnt.

Der Verzicht auf den Krieg als Mit­tel der nationalen Politik wurde in der Vollversammlung am Dienstag von den Franzo­sen eingehend an Hand des Berichtes der juristi­schen Kommission behandelt. Den Llrsprung die­ses Berichts bildete der Antrag der englischen Abordnung zu Beginn der diesiährigen Völker­bundstagung, die Artikel 12 und 15 des Völker- bundspaktes, die in gewissen Fällen den Krieg als zulässiges Mittel gestatten, dem KeI ° logpaktanzugleichen. Den Mitgliedsstaa­ten des Völkerbundes müsse dieses Recht, zum Kriege zu schreiten, genommen werden. Der Vor­schlag der juristischen Kommission sieht eine elf- gliedrige Sonde rkommission vor, die bis zur nächsten Vollversammlung die notwendigen Abänderungen des Völkerbundspaktes int Geiste des Kelloggpaktes ausgearbeitet haben soll. Der Vorschlag wurde von der Vollversammlung angenommen.