Rr. U6 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesfen)Dienstag, 25. Juni (929
Zu zweit.
Von Hans Hajel.
Nichts ist schöner, als etwas zu zweit zu erleben. Aber nichts scheint heute schwerer, ja vielleicht unmöglicher zu sein. Die Menschen sind ohne Zweifel viel verschiedenartiger geworden: zwischen den Lebenskreisen (ich spreche nicht gerne von Schichten), zwischen den Generationen, zwischen den beiden Geschlechtern klaffen breitere und tiefere Klüfte als jemals vorher. Es ist oberflächlich, hier nur von Individualismus zu reden: die natürlich entfaltete Einzelpersönlichkeit bleibt doch noch immer ein Zoon Politikon nach dem berühmten Ausdrucke des Aristoteles, ein geselliges Lebewesen: und eingebettet in die Individualitäten höherer Ordnungen, in Familie und Stamm» Volk und Kulturkreis lernt sich daö selbstherrliche Ich liebend und dienend zum Du, verantwortungsbewußt und stolz zum Wir erweitern. Was und heute voneinander trennt, ist 6er Egoismus (dem nur gar zu oft das Ego fehlt), die Trägheit des Herzens, dem nur der eigene Takt vertraut und dem es zu mühevoll ist, sich einem andern einfühlend anzupassen. Diese freundliche Ineinssetzung müßte sich aber gerade in den kleinen Erlebnissen des Alltags bewähren.
Ich sehe einen Mann mit seiner Frau durch die Straßen gehen. Ungeduldiger und ungeduldiger, weil sie ihm an zu vielen Schaufenstern stehen bleibt. Was interessieren ihn die Kleiderstoffe, die Pelze, die Hutmodelle? VielleiA kann er ihr doch nichts dergleichen kaufen. Oder er gibt ihr ohnedies Geld genug für solche, wre er meint, persönlichen Wünsche. In beiden Fallen: wozu soll er sich auch noch mit ihr die Schaufenster ansehen? Sie nimmt ja, wenn sie rauft, doch, was sie will. Der Mann brauchte sich darüber dann wirklich nicht zu wundern. Aber er wundert sich schon darüber, daß die Frau am Abend nach diesem Strahenspaziergange schlechter Stimmung ist: und er wird es gar nicht begreifen, wenn sie ihm das nächstemal spöttisch mitteilt: das interessiert dich doch nicht, ich ^he lieber mit meiner Freundin Erna. Don den feinen Spannungen, die es der Frau bereitet, wenn sie sich im Geiste hübsch anzieht, wenn sie im Geiste hübsche Sachen aussucht (auch wenn sie sie in Wirklichkeit nicht bezahlen kann), von den zarten Wunschträumen ahnt der Tölpel erst gar nichts. Vermißt er es dann, wenn die Frau nicht mehr daran denkt, für ihn schön sein zu wollen? Zu seiner Schande sei es gesagt: er vermißt es meist nicht, und es ist ihm ganz gleich-
Aus dem schwarzen Frankreich.
Von Hans Tröbst.
Oran.
Stadt an der Nordküste Afrikas. Gehört mit ihren „Vier Buchstaben" zum eisernen Bestand der deut- schen Kreuzworträtsel-Industrie. Genau wie der bewußte „Inselbewohner" und das „strauhenähnliche Tier", von dem man nie weiß, ob es „der", „die" oder „das" Emu heißt ...
Zugegeben! ... Auch von Oran habe ich mir bisher nur sehr nebelhafte, sozusagen Kreuzwort- rätselhafte Vorstellungen gemacht. Bisher dachte ich immer, Oran — das Wort erinnert so an „Drang", an Riesenaffen, an afrikanisch-kannibalisc^s ... „Oran"! dachte ich, sei irgendein besteres Mamelucken- oder Piratendorf, irgendwo, dort oben, an der heißen, afrikanischen Küste. Palmen, Hütten, ein Hafen mit ein paar Booten. Am Ufer herumstreichende, auf Flucht bedachte Fremdenlegionäre. Palmwein-Kneipen ... und im übrigen „Scheichs", Kamele und Dreck. Wenn es hoch kam, noch ein paar Soldaten der grande armse ...
Ach du lieber Himmel! In dieser Hinsicht unterschätzen wir die Franzosen doch wohl etwas. Selbstverständlich — ein kurzer, nach Stunden zählender Aufenthalt, ermöglicht gemeinhein nur den bekannten „e rste n" Eindruck. Zumal die Franzosen dafür bekannt sind, in der Regel nur an der Oberfläche zu kolonisieren und zu kultivieren. Was also an positiven Werten dahinter steckt, das wissen wir flüchtigen Weltenwanderer nicht. Die Oran-Fassade kann also täuschen. Immerhin — auch Fassaden haben ihre Reize.
Das Meer ist preußisch-blau, spiegelglatt. Hohe kahle Berge säumen die Bucht ein. Die Gipfel von malerischen Forts gekrönt. Der erste Eindruck nicht übel: weiße Hochhäuser, die von weitem wie Paläste wirken, terrassenförmig den Berg hinaufgebaut. Ein großer, von Schiffen wimmelnder Hafen, mächtige Kohlenbunker ... hierher wird ein großer Teil der guten R u h r k o h l e verschoben, die wir auf Reparationskonto liefern. Oran ist eine der großen Kohlenstationen für die Handelsschiffahrt an der nord- afrikanischen Küste. Fast alle Levante- und Heber- seedampfer machen hier Station und füllen ihre Bunker. Mit jener Kohle, die unsere Bergleute In Westfalen im Schweiße ihres Angesichts fördern müssen und unsere anlegenden Dampfer dann zurückkaufen dürfen. Ein schönes Geschäft! Man be- kommt schon eine gelinde Wut, wenn man diese mächtigen Anlagen, die Kräne, die Leichter, die Lager, die Bagger kritisch betrachtet. Alles sozusagen „g r a t i s" geliefert ...
Langsam steuert der Dampfer um die Mole, Boote schießen heran. Der drahtlos bestellte Kohlen- pran ist bereits mit mächtigen Hebern im Anschwimmen, ein kleines Motorboot bringt die schwarzen Kohlenarbeiter. Die armen Kerle! Behandelt werden sie von den französischen Aufsehern jedenfalls gemein. Das dicke Holzstück, das eben der eine ins Kreuz geworfen bekommt .. .1 Der darüber quittierende Gesichtsausdruck erinnert an den eines geprügelten Löwen. Wie gedrillte Lemuren arbeiten diese Schwarzen. Auf ihrer dreißig kommt ein französischer Aufseher. Dick und schmierig. Klebrig. Wie lange werden sich diese Schwarzen den „Schliff" noch gefallen lassen?
Das Ouavantäne-Boot legt an. Kein Arzt, irgendein Schreiber. „Och!" sagt der Kapitän, „die Fran- zosen sind nicht so! Da können wir Pestkranke an Bord haben, wenn der Schreiber seine Boddel Bier bekommt, dann sind wir all« gesund!" Und dabei sucht man nun immer noch umständlich nach- den diversen Bazillen!
Ein rotbefezter, zähnefletschender Algerier — weiß der Henker, in welche naturwissenschaftliche Abteilung diese Burschen rangieren — rudert mich an Land. Verbindlich grinsend steckt er meine etwas angerostete, kupfrig-silberne Reichsmark ein. Denn
das sind trotz des verlorenen Krieges.an die sechs Franken. Gutes Geld, das man heule schneller los wird, als die Scheine der ..Banque d’Algerie“, die jeder Wechsler erst mißtrauisch gegen das Licht hält, worauf er oft noch höflich bedauert ..
Im Hafen geschäftige Bewegung. Ueberall werden neue Straßen gebaut, Schienengleise verlegt, am Steilabfall finden Sprengungen statt, in dichten Wolken sausen die Staub- und Steinlawinen herab. „Unten" werden sie planiert, und der neue Kai entsteht so ohne umständliche Transportmittel. Den Abhang hinauf, zur Oberstadt, führen ausgezeichnete, asphattierte Kunststraßen. Von Sträflingen und Fremdenlegionären erbaut. Also deutsche Arbeit auch hier.
Die Stadt selbst? Nun bei aller Antipathie, sachlich gesprochen: So habe ich mir die „Vier Buchstaben" des Kreuzworträtsels doch nicht vorgestellt. Hunderttausend, dreißigtausend Einwohner . . . schwer zu entscheiden. Das Nest erinnert an ein zehnfach vergrößertes Konstanza, stellenweise an Konstantinopel. Monumentale Geschäfts- und Verwaltungsgebäude. Breite Straßen, tadellos asphaltiert, von Palmen eingesäumt. Mächtig« Hotels, Bijouterie, und Möbelgeschäfte, Cafös, Restaurants, Warenhäuser — wie in Europa. Sausende, tutende Autos, elektrische Bahnen, mit denen man nach „Eggmühl", „Austerlitz", „Wagram" und anderen Orten französischer „glorie“ fahren kann. Taxis, Pferde und Maultiergespanne, Geschrei und Gelärm ... wie in Slldfrankreich.
Der Haupttrubel auf der „Place d’armde“, dem von Palmen eingezäunten Zentrum der Stadt. In der Mitte ein mächtiger Obelisk, am Fuße, malerisch hingegossen, eine halbaufgerichtete, überlebensgroße Bronzefigur: „Das dankbare Frankreich!" Eine Frauengestalt, mit dem Griffel in der Hand, die auf den Obelisk schreibt: „Verteidigt Euch bis zum Tode!" Und darunter: „Den Helden von Siddi el Abbas". Wieviel gefallenen deutschen Legionären mag dieser „Gruß" gelten?
Rings um das Denkmal stehen Karnevalsbuden, ein Oktoberfest en miniature, alle „Sensationen" durch deutsches Reichspatent geschützt. Der originellste Kauz ist der Mann mit dem Glücksrad. Ein kragenloser Kavalier „aus Marseille", wie er mit heiserer Stimme seiner gefleckten, schwarzen, weißen, gestrichelten und schraffierten Kundschaft immer wieder versichert. Mit einem Schwall von Worten verkauft er seine Los« und Bons an jeden, der da kommt. Es sind unter feinen Kunden nachdenklich blickende Beduinen in weißen Mänteln, bildhübsche Beduinenmädchen, Soldaten, Arbeiter, Lastträger .. Und der Mann aus Marseille redet, redet. „Vertrauen!, Vertrauen!" so fleht er, und jeder seht, und kauft, weil jeder eben gewinnen muß. Das Rad schnurrt herum ... „Numero fix". Natürlich haben alle eine „sieben" oder „adjr und andere Nieten gekauft. Der Unternehmer beklagt die Unglücklichen und ringt die Hände ... ergreifend! „Eins weiter!" und jeder hätte das halbe Pfund Helwa gewonnen. So ein Pech! Aber der Mann aus Marseille kennt seine Kundschaft. Für den, der „in die Nähe" gesetzt hat, stiftet er aus freiem Antriebe ein Viertelpfund dieser klebrigen Süßigkett. Und die Dummen, die auf diesen Trick hereinfallen, werden nicht alle.
Und Oran sonst? Nun, es wird sich darin auch schon leben lassen. Im Sommer ist es sicherlich sehr heiß, denn irgend etwas speziell Afrikanisches muß diese Stadt doch ehrenhalber schließlich bieten. Die Landeseinwohner treten eigentlich kaum in Erscheinung. 3m Zentrum, vor den Kaffeehäusern, hier und dort einige Araber oder Beduinen im weißen Burnus, die geräuschvoll ihren Kaffee schlürfen und mit gerunzelter Stirn die Lokalzeitung studieren. Den „Kleinen Oraneser", dessen Titelkopf merkwürdigerweise das Hakenkreuz schmückt. Die Wehrmacht ist stark vertreten, auf reizend elegant gekleidete
gültig, wie sie aussieht, seine Frau. Er findet nur manchmal, daß es eigentlich sehr langweilig zu Hause ist. Aber schließlich will er ja auch seine Ruhe haben, wenn er aus dem Bureau kommt.
Vorigen Herbst stand ich entzückt im Kreuzgang von Maulbronn. Der freundliche alte Küster hatte mich nach liebevoller Führung allein gebissen und kam eben mit einer Gruppe von Fremden wieder an mir vorbei. Er hatte wohl eben die wundervolle Runde des Kreuzganges gezeigt, die vom romanischen zum spätgottschen Zeitstile alle Wandlungen in prächtiger Anschaulichkeit, ein Stück steingewordene Kunstgeschichte, vorstellt. Ich sah nur, wie ein Mann leuchtenden Auges ein bißchen zurückblieb, der seiner Frau offenbar einzelnes dieser Köstlichkeiten besonders deuten und sich mit ihr gemeinsam noch einmal dran freuen wollte. Es war kein Kunsthistoriker, der einen gelehrten Vortrag loszuwerden strebte, und kein Banause mit dummen Bemerkungen: nein, es war ein schlichter Mann, dem man die Freude an einem Stecken- vferd ansah. „Man", nicht seine Frau: denn oie war eine Darcs. „Ach, das harn mr doch alles grade schon emal geheert", sagte sie und lief weiter. Und als der Mann noch einen Augenblick, halb gebannt von dem Reichtum, halb beschämt, daß er seiner Frau so was zugemutet hatte, stehen blieb, kam die Gans richtig zurück und holte ihn am Aermel nach: „Ra, nu komm doch endlich! Mir sin schon die Letzten!" Dar nicht gereizt sagte sie das, gar nicht ärgerlich, ganz freundlich, Und wußte nicht, daß sie eben einem großen Kinde ein llebes Geschenk aus den Händen geschlagen hatte. Hat sie sich je darüber gewundert, daß der Mann sich scheu zurückzog von ihrem lauten, praktischen Wesen und von ihr, die immer „recht" behielt?
Und neulich im Zoo. Eine Dame stand neben einem kleinen Iungen und war richtig ärgerlich über den Fragekasten. Sie hatte ihn offenbar in den Zoo eingeladen, um ihm die Affen zu zeigen — das mußte ihm doch Eindruck machen! Und nun stand der Bengel vor dem gemeinen Seehunde und war nicht wegzukriegen. Stellte die unmöglichsten Fragen: Tante, schwimmt der Seehund immer alleine da rum? Hat der Seehund keine Frau, Tante? Kriegt der Seehund auch Kinder? Kann der auch Eier legen wie die Gänse in Seddin? (Vielleicht war der Heine Kerl dort in der Sommerfrische oder hat er da sonst Bekannte.) Sinken die kleinen Seehunde nicht unter, wenn sie aus dem Ei kriechen und ins Wasser fallen? — Oh, oh, oh, und neben diesem lieben fragehungrigen kleinen Plapper-
Offiziere, und Mannschaften in den seltsamsten Uniformen, die jede Gelegenheit benutzen, um sich um die vorgeschriebenen Ehrenbezeugungen zu drücken. Natürlich fehlt auch die Creme de Paris, zu Deutsch der „Abschaum" nicht. Wie in jeder großen Militärkolonie. Kleine Puppen, geschminkte Münder, scheußliches Parfum. Diele Bettler, tätowierte Ara- berroeiber, die mal sehr hübsch gewesen fein müssen, dann und wann ein paar junge Eingeborenenmädchen. Wie wandelnde Reklamephotos aus den Schaukästen daheim. Mit dem Wasserkrug und melancholischen Augen ...
Preise? Meine Güt«! Teuer! Teuer! Diel teurer als in Deutschland und daher noch teurer als daheim. Und dabei stammt di« Hälfte aller Waren aus Deutschland! Solingen ist überall vertreten und auf dem Markt wird gerade von einem feisten Agenten ein Stapel deutscher Handsägen verschleudert. Die Eingeborenen stehen bewundernd drum herum und fahren mit den Fingern über die Zähne. Die Dinger gehen reißend ab. Nur schlucken wir nicht den Verdienst. Wie üblich...
Daten für Mittwoch, 26. Juni.
1583: der schwedische Staatsmann Axel Oxenstierna auf Fänö geboren (gestorben 1654); — 1824: der englische Physiker Lord William Thomson in Belfast geboren (gestorben 1907); — 1918: der österreichische Dichter Peter Rosegger in Krieglach gestorben (geboren 1843).
Oberheffen.
Butzbach - Licher-Eisenbahn-A.-G.
pb. Butzbach, 24. Juni. Heute vormittag fand im „Hessischen Hof" die Generalversammlung der Butzbach-Licher Eisenbahn- Aktiengesellschaft statt. Der Vorsitzende des l Aufsichtsrats, Med.-Rat Dr. Vogt (Butzbach), eröffnete und leitete die Sitzung. Vorstandsmitglied Reg.-Baumeister a. D. S em ke erstattete den Be> rcht über die Betriebs- und Verkehrsverhältnisse der Bahn. Aus diesem war zu entnehmen, daß sich bei den Bahnanlagen und Betriebsmitteln außer einigen Verbesserungen wenig geändert hat. Befördert .wurden im Jahre 1928 599 693 Personen gegen 591842, der Gütertransport stellte sich auf 240 646 Tonnen gegen 301403 Tonnen im Vorjahr. 3m Personenverkehr zeigten die Einnahmen eine geringe Steigerung, die Mindereinnahmen im Güterverkehr find im wesentlichen auf geringere Verfrachtungen von Basalterzeugnissen und Quarzit zurückzuführen. Die Betriebseinnahmen (Personen-, Gepäck-, Güterverkehr usw.) betragen 577 026,43 Mark (im Vorjahre 616 299,27 Mark), die Betriebsausgaben (Besoldungen, Löhne, Unterhaltung und Ergänzung, Steuern usw.) 504 710,76 Mark (im Vorjahre 458 340 Mark), so daß einBetriebsüberschuß von 72 315,67 Mk. verbleibt. Aus der Gewinn- und Verlust-Rechnung feien, folgende Zahlen genannt: Soll: Zinsen auf Schuldverschreibungen 11115 Mark, Steuer auf Schuldverschreibungen 716,85 Mark, Schatz für Betriebsrücklage 4743,75 Mark, Schatz für Erneuerungen 93 000Mk., insgesamt 109575,60Mk. Haben: Gewinnvortrag aus 1927 693,20 Mark, Betriebs- Überschuß 72 315,67 Mk., Verlust 36 566,73 Mark. Letzterer Betrag wird auf neue Rechnung vorgetragen. Der Vorsitzende stellte den Bericht zur Aus- spräche, es erhob sich kein Widerspruch, worauf Entlastung des Aufsichtsrats und Vorstands erteilt wurde. Es wurde nod) erwähnt, daß in diesem 3ahre seit der Eröffnung der Bahn (28. März 1904) 25 Jahr« verstrichen seien, bei der derzeit ungünstigen Lage sei es jedoch nicht möglich gewesen, eine Feier aus diesem Anlaß zu veranstalten.
La: "reis Ccßcn.
.—. Lang-Göns, 24. Iuni. Rach einer kurzen Wanderung trafen sich heute die S ch u l- klassen von Grüningen, Holzheim und Lang-Göns in der Rähe des Pfahlgrabens
maul steht eine ratlose, verärgerte Tante, die nur an die Affen denkt, die sie sich gerade eingebildet hat! Statt, wie es ihr niemals wiederkehrt, auf alle Fragen des Kindes vergnügt antwortcmd, den gemeinen Seehund zu zweit mit ihrem Reffen zu erleben, so zu erleben wie nie zuvor ein Tier, geführt durch die Märchenaugen und die Kinderphantasie des Iungen!
Es ist nicht notwendig, die Beispiele zu häufen. Ieder weiß auö eigener Beobachtung und — aus eigener schmerzlicher oder beschämter Erinnerung ein Dutzend Gelegenheiten, wo es zu zweit so schön, so wunderschön hätte werden können, und wo es ganz und gar daneben ging. Und es gehört doch nur ein bißchen Demut und ein bißchen Humor dazu, mit einem andern Menschen zusammen etwas, nicht zuallerletzt ihn selber! zu erleben. Ich kenne kein besseres Mittel, einen (oder eine) für meinen Kreis zu erproben, als indem ich einmal einen Tag lang mit ihm (mit ihr) wandere. Da ergibt sich der Rhythmus der Deine wie der Herzen und Gedanken, und wenn es auch ganz grundverschiedene Menschenkinder sind, so ein paar Stunden einträchtig-willig nebeneinander herlaufen, es könnte eigentlich fast immer ein reiches und schönes „Zu zweit" werden, gerade weil der Gleichschritt nur für einen festlichen Tag und nicht für die Dauer des Lebens gilt, wo die Proben viel, viel härter sein müssen. Es könnte eigentlich fast Immer... und es ist doch so selten, so selten...
Armer potuschek!
Von Hans Riebau.
Potuschet war ein netter Kerl. Aber er hatte einen Fehler: Er renommierte. Und er renommierte um so hemmungsloser, je weiter er von seiner Heimat Erfurt entfernt und je mehr er den Kontrollmöglichkeiten jener Zeitgenossen entrückt war, die irgendwie mit dem Milieu des Erfurter Bekanntenkreises in Berührung kommen konnten.
So war denn auch seine Serienreife ein Symbol dieses Charakterfehlers. Don Erfurt bis München war Potuschek, wie es sich für einen kleinen Geschäftsmann gehört, dritter Klasse gefahren. Don München aber sah er in den grauen Polstern der zweiten Klasse.
Mit ihm fuhr ein älterer, sympathischer Herr. Potuschek hatte sich vorgestellt. Der ältere Herr hatte sich vorgestellt.
„Ich bin Kaufmann," sagte Potuschek. „3n Erfurt."
auf der „Langen Höhe", einer wundervoll gelegenen Waldwiese, um den Iugendtag festlich zu begehen, ilntcr Spiel und Gesang, Vorträgen und Reigen verflossen die Stunden gar zu schnell. Holzheimer Schüler trugen Gedichte vor, die sich auf diesen Tag, der unter dem Zeichen des Wanderns stand, bezogen. Sackhüpfen, Cierlauf, Cilbotenlauf und Dallspiel wechselten ab. Rach einer kurzen Ansprache von Lehrer Reck (Hwlzheim) und einem Heinen Sonnwendfeuer fangen Die 400 versammelten Kinder mit leuchtenden Augen „Das Wandern ist des Müllers Luft". Damit war die Feier beendet. Man trennte sich mit dem Versprechen, auch im nächsten Iahre hier auf der schönen Waldwiese den Iugendtag, vielleicht in größerem Ausmaße, zu feiern; denn gerade das Zusammenspiel der Kinder aus verschiedenen Dörfern gibt dem Feste einen besonderen Reiz.
s. Ätphe, 24. Iuni. Bei der Versteigerung des Heugrases auf den Gemeindewiesengelände, zu der sich auch zahlreiche Landwirte aus Rachbardörfern eingefunden hatten, wurden ganz ungewöhnlich hohe Preise erzielt. Die billigsten Morgen beliefen sich auf 35 bis 50 Mark, obwohl sie hinsichtlich der Menge und Güte des Grases minderwertig sind. Die Morgen mittlerer Güte kamen mit 60 bis 80 Mark heraus, während alle Morgen guter Qualität mit starkem Graswuchs mit über 100 Mark bezahlt wurden, teilweise bis 120 Mark. Den Höchstpreis erzielte ein 3000 Quadratmeter großes Stück mit 134 Mark. Derartige Preise wurden noch nie erzielt und lassen sich nur erklären durch den seitherigen Mangel an Grünfutter, sowie die restlose Verfütterung der vorjährigen Heubestände.
Kreis Friedberg.
2$. Bad-Rauheim, 24. Iuni. Die jüngste Stadtratssihung beschloß, wie in den Vorjahren, den Verfassungstag wieder durch eine allgemeine städtische Feier zu begehen. Eine Kommission von Stadtratsmitgliedern trifft die Vorbereitungen. Im Hinblick auf die bevorstehende Vereinigung der Kommunalen Landesbank und der Hessischen Girozentrale wurde beschlossen, daß die Stadt auch unter der veränderten Sachlage Mitglied der Kommunalen Landesbank bleibt. Der zunehmende Verkehr in der Stadt macht zur Vermeidung von Verkehrsunfällen weitgehendeD erkehrssicherungen notwendig. An zwei wichtigen Straßengabeln sollen daher Verkehrsinseln mit Beleuchtungsmöglichkeit errichtet werden. Es wurden dafür 1750 Mk. bewilligt. Im Rah- men des Wohnungsbauprogramms 1929 erscheint die weitere Errichtung eines Wohnbaues am Rödger Weg dringend notwendig. Es handelt sich um einen Dau mit Zwei- und Dreizimmerwohnungen und entsprechenden Gartengrundstücken. Die Wohnungen sind für Minderbemittelte bestimmt, weshalb eine niedrige Miete vorgesehen ist. (Zweizimmerwohnung etwa 22 Mk.) 50 000 Mark wurden für den Dau bewilligt. Die städtischen Arbeiter, die der strengen Kälte besonders ausgesetzt waren, erhalten eine einmalige Winterbeihilfe von 30 Mark. Gegen die Stimmen der Linke wurden für Anschaffung von Ehrenpreisen gestiftet: 200 Mk. dem hiesigen Rot-Weih-Klub für das inzwischen schon stattgehabte internationale Tanzturnier und 50 Mark dem Sport-Schieß-Klub für sein im August stattfindendes Herbstschießen. Deschlossen wurde ferner, die gleiche Steuerfreiheit, die der hessische Staat den im Iahre 1929 begonnenen Reubauten gewährt, auch für die städtische Grundsteuer gelten zu lassen. —Etwa 100 Delegierte des Derbandstages der deutschen Duchdrucker, der zur Zeit in Frankfurt a. M. stattfindet, statteten gestern unserem Bade einen Besuch ab. Dieser galt in der Hauptsache der Besichtigung des Kurheims Gutenberg der Krankenkasse Berliner Buchdrucker.
„In Erfurt?" fragte der ältere Herr.
„In Erfurt. Die Geschäfte gehen, Gott sei Dank, gut. Da reden die Leute soviel von Wirtschaftskrisis daher, aber der wirkliche Kaufmann, der die Lage zu meistern versteht, kennt keine Krisis. Das Unglück der einen ist immer das Glück der anderen, und es kommt eben darauf an, sich im richtigen Augenblick auf die richtige Seite zu schlagen, jawohl. Die ewigen Schreier sind die Schwächsten, denen es an der Fähigkeit zu organisieren fehlt. Ich, Gott sein Dank, gehöre nicht zu ihnen!"
„Mein Kompliment," sagte der ältere Herr, „es gibt heute wenig Geschäftsleute, die ehrlich sind, ihre Erfolge einzugestehen."
„Warum soll man nicht eingestehen?" lächelte Potuschek. „Gewiß, beim Finanzamt muß man ja schon ein bißchen zurückhaltend sein, aber im übrigen läßt es sich doch z. B. nicht verheimlichen, daß ich drei Automoblle habe, daß ich jetzt nach Garmisch-Partenkirchen fahre, daß ich so zu leben gewohnt bin, wie ich zu arbeiten verstehe; nämlich gut!"
Der ältere Herr schwieg. Aber Potuschek renommierte weiter. Er erzählte von den zahlreichen Dienstboten, die et im Hause habe, von der Motorjacht, die er sich bauen lassen wolle und von mancherlei anderen Dingen, die geeignet waren, bei materiell veranlagten Leuten Gefühle des Reides wachzurufen.
Aber der ältere sympathische Herr schien nicht materiell veranlagt zu sein. Er hörte ruhig zu, in seinem Gesicht lag ein Zug von sachlichem Ernst, und schließlich gar nahm er ein Rotizbuch und schrieb sich dies und jenes auf.
„Was schreiben Sie denn da?" fragte Potuschek.
„Ach", lächelte der sympathische Herr. „Ieder hat so seine 3ntereffen, Sie sind ein tüchtiger Kaufmann und haben Ihre Freude daran, nach Partenkirchen zu fahren, Kaviar im Eisblock zu essen und sich eine Motorjacht bauen zu lassen. Ich dagegen bin weit anspruchsloser und liebe es, mich über die Lebensumstände meiner Mitmenschen zu orientieren.“
„Sonderbare Liebhaberei", schüttelte Potuschek den Kopf.
„Gewiß," sagte der sympathische Herr und schrieb weiter in seinem Rotizbuch, „aber meine Lieberhaberei wird Ihnen weniger sonderbar erscheinen, wenn Sie auch meine Lebensumstände erfahren. Ich bin — und ich hoffe, daß unsere flüchtige Reisebekanntschaft zu weiter- gehenden Beziehungen in unserer gemeinsamen Heimat führen wird — ich bin Leiter des Finanzamtes Erfurt."


