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Nr. 120 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 25. Mai 1929
Probleme -es Ostens.
Außenpolitische Umschau.
Don Or. Oho Hoetzfch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. Ift.
Der Blick sei heute nach dem Osten gelenkt. 3n Litauen hat das Attentat auf den Ministerpräsidenten Woldemaras wieder die ungesunde Spannung beleuchtet, in der das litauische Staatswesen sich befindet. Aber weitere Kreise hat der Versuch, der den Ministerpräsidenten selbst nicht verletzte, nicht gezogen. Auch das litauisch-polnische Verhältnis ist augenblicklich etwas in Ruhe. Dafür ist das Verhältnis Polens zu Deutschland und zu Rußland wieder einmal in erheblicher Spannung. Zu Deutschland infolge des Oppelner Vorfalles, der in Polen ungebührlich aufgebauscht wurde, und durch die Wiederaufnahme der Liquidation des deutschen Grundbesitzes in den von uns abgetretenen Gebieten durch die polnische Regierung. Eine ganze Reihe neuer Liquidationsbeschlüsse ist gefaßt und in Formen, die einer Verschleuderung des Besitzes gleichkommen. So sind die langen Bemühungen, in der Liquidationsfrage eine Verständigung zwischen Deutschland und Polen herzustellen, wieder einmal völlig zunichte gemacht. Dazu kommt beim Völkerbunde, daß Polen in der Abrüstungs- srage selbstverständlich als getreuer Vasall Frankreichs sich betätigt, und in der Minderheitenfrage unbedingt zusammen mit der Kleinen Entente und Griechenland die deutschen Anregungen zum Minderheitenrecht ablehnt. Mit Rußland ist man in Spannung wegen eines be- londeren Vorfalles, nämlich eines Attentates auf ein Mitglied der Sowjet-Handelsvertretung in Warschau. Vor allem aber fürchtet man in Moskau von der letzten Regierungsänderung in Polen lür die Sicherheit Rußlands. Man traut dec logenannten „Oberstengruppe", die jetzt das Heft des Staates in die Hand genommen hat, kriegerische Croberungsabsichten gegen Rußland zu unb fühlt sich denen gegenüber mit Recht als schwach und machtlos.
3n solche Befürchtungen und Spannungen kommt gerade zurecht der neue Dierteljahres- lbericht des amerikanischen Finanzberaters für itzolen, Dewey, über die polnischen Finanzen rind die polnische Wirtschaft. Der Bericht ist recht kritisch und warnend. Er weist auf den Kredit- rnangel hin, die Höhe der polnischen Staatsschulden, die mit 480 Millionen Dollar 15 Dollar <iuf den Kopf der Bevölkerung ausmachen, die Erhöhung der Steuerlasten, den Rückgang der Reserven der Dank Polski, das Defizit der polnischen Zahlungsbilanz, die Aufrechterhaltung der polnischen Währung nur durch die Ausland- cmleihen, von denen allein 1928 langfristig und kurzfristig rund 600 Millionen Zloty ausgenommen wurden. Man kann das im ganzen objektiv nicht eine katastrophale Lage nennen, aber gespannt und schwierig ist die Finanz- und Wirtschaftslage Polens recht sehr. 3ndes ist es hoffnungslos, darauf hinzuweisen, daß die Rotwendigkeiten der inneren wirtschaftlichen und finanziellen Konsolidation Polens dringend eine Der- slandigung mit den beiden Rachbarn erforderten. So bleibt das deutsch-polnische Verhältnis, vor altem ohne Deutschlands Schuld, das schwere und ernste Ostproblem für den europäischen Frieden, das es von Anfang an war, als es im Versailler Vertrag so gegen uns festgesetzt und uns aufgezwungen wurde, wie es geschehen ist.
3n Rußland finden die üblichen großen Kongresse statt, die, gut vorbereitet, auf den Sieg.Stalins gegen die Opposition von rechts icttö links auslaufen. Damit ist freilich für die innere und Wirtschaftskrise des Landes noch
Welttaus um Sllinor.
Roman von Senta Neckel.
Copyright bei Greiner & Co., Berlin NW 6.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
3m Gegenteil, oft hatte sich aus so einem netten kleinen Zusammenstoß ein hübsches Aben- tcaer entwickelt, wenn er mehr Zeit gehabt hetzte, dann wäre er dem süßen blonden Mädel bestimmt nachgefahren. Rur eins hätte er gern g«v)ußt: Woher kannte er die Frau?
Zufällig fiel sein Blick auf eine Litfaßsäule, tne in der Rähe stand.
„Wo ist Ellinor?" fragten große leuchtend rote Buchstaben. Unb daneben war ein Bild von dieser Ellinor, ein großes Bild zeigte eine schöne blonde Frau mit leuchtenden Augen und einem lachenden roten Mund.
Geistesabwesend starrte Bobby auf das Plakat, plo^lich belebten sich seine Augen. Er schlug die FaUst vor die Stirn, daß es knallte.
„3ch 3diot!"
Wild riß er den Wagen herum, aber die kleine rote Limousine war natürlich längst im Trubel verschwunden.
Gwrge wartete schon, als Bobby fünf Minuten später in das kleine Lokal trat.
Er sah bleich und angegriffen aus.
Kein Wunder, dachte sich Bobby, wenn man fo ebn Gesöff trinkt, denn es überkrochen ihn kalte Schauer, als er sah, daß der Kellner George cfen, ein Glas voll eisgekühlter Milch hinstellte.
Bobby bestellte eine Selter „mit Pfiff". Der Nist war irgend etwas Alkoholhaltiges, das der Wirk für seine Stammgäste immer zur Hand hette.
Kopfschüttelnd reichte er dann George die Hand.
„Wo brennt es denn schon wieder, old boy?"
Er ließ sich schnaufend in einen Sessel fallen und streckte die Beine unwahrscheinlich lang ton sich.
ist lieb von dir, daß du gekommen bist, iH brauche deinen Rat und deine Hilfe," sagte George.
Dobbh gähnte: „Ehe wir von der wichtigen SIngeL'egenpeit sprechen, gib mir eine Zigarette!"
George öffnete sein goldenes Etui, ein kleiner Settel flatterte heraus.
Crröbend griff er danach und steckte ihn ein. Seit gestern abend trug George diesen Zettel ständig bei sich. Es war das einzigste Zeichen, ba.3 er bis jetzt-von Ellinor bekommen hatte. Sonderbar war das gewesen.
wenig getan. Stalin wird immer mehr zum Diktator für ein Programm, das sich offenbar in diesem Maße und in diesem Tempo nicht durchführen läßt. Soweit man überhaupt klar sieht, strebt er sowohl eine schnelle und starke 3n- dustriealisierung wie eine Gesamtkollektivierung der Landwirtschaft an. Das Letztere soll bedeuten: gegen die große und wohlhabende Bauernschaft (die sogenannten Kulaken), und gegen die indvidualistische und kapitalistische Auffassung für die armen und mittleren Bauern und die sozialistische Form des landwirtschaftlichen Betriebes. Es ist schwer, genau zu sagen, wo dann eigentlich grundsätzlich die Unterschiede zwischen ihm und der Rechts- und Linksopposition sind. Wichtiger als der ganze Streit aber ist, wie das Land die beängstigende Wirtschaftskrise überwindet, die heute, elf 3ahre nach Beginn des Sowjetregimes, wieder zur Brotkarte geführt hat!
Auch hier, für diesen Staat, läge nahe, im Verhältnis zu den Rachbarn alles zu vermeiden, was friedliche Beziehungen stören könnte. Das tut man ja auch ängstlich gegenüber England und Amerika. Deutschla-nd gegenüber glaubt man, etwas anders auftreten zu können. Die Berliner Maidemonstrationen sind von der russischen Presse mit Begeisterung für die Kommu
nisten und den Widerstand gegen die Staatsgewalt begrüßt und begleitet worden. Ein Minister der Sowjetunion, der Kriegskommissar, hat sich in gleicher Weise geäußert. Die Komintern ruft danach in einem Aufruf das deutsche Proletariat zur Wiederholung dieser Revolten am 1. August auf. Vor dem deutschen Generallonsulat in Leningrad haben sogar deutsch-feindliche Kundgebungen stattgefunden. Selbstverständlich hat Deutschland dagegen und nachdrücklich protestiert. Die Antwort der Sowjetregierung sand kein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung für die Vorgänge, die das Verhältnis der beiden Staaten trüben müssen. Diese Einmischung in die deutschen Verhältnisse, die wir unbedingt ablehnen, und diese Trübung des Verhältnisses zu Deutschland war vom russischen Standpunkte aus um so unkluger, als sie zusammenfielen mit der Anbahnung der neuen deutsch-russischen Wirtschaftsverhandlungen, in denen die russischen Wünsche und Ansprüche größer sind als die deutschen. Wie kann die russische Regierung glauben, für eine neue Kreditaktion Reigung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Staates zu finden, wenn die Komintern mit einem solchen Aufruf zur weltrevolutionären Agitation das ganze Verhältnis ernsthaft erschüttert?
Es gibt nur ein Rom!
Von unserem römischen ^Korrespondenten.
Rom, Mitte Mai.
Wer an der Tafelrunde des strengen Winters 1928/29 an der Wiederaufrichtung des Kirchenstaates zu zweifeln wagte, der galt als steinerner Gast. Wer am 11. Februar anzudeuten sich erfrechte, es könne ein Reif in der Frühlingsnacht fallen und ein Aschermittwoch dem Dienstag des Lateranjubels folgen, der galt als schlechter Prophet. Häretiker, die es bis zu Artikeln trieben, in denen gesagt wurde, daß die römische Frage auf dem Grabe der päpstlichen Macht „gelöst" werde, erstickte man im Papierkorb.
„3ubeL Bewegung. Glocken. Fanfaren. Fahnen . . . heute, drei Monate später hat sich dieses Feuer abgekühlt. 3ch werde daher eine Rede halten so wenig lhrifch wie nur möglich, so kühl wie nur möglich, aus der da und dort die Krallen der Polemik hervorstechen werden!"
Das sind die Worte Mussolinis. Wir schreiben den 13. Mai und am 13. Februar war Aschermittwoch. Eine Klausel des Vertrages schrieb die Ratifizierung binnen drei Monaten vor. Die Frist ist verstrichen, ein juristischer Pedant könnte damit dem Papste im letzten Augenblick den Rückzug aus einer furchtbaren Verantwortung ermöglichen, aber er würde wenig damit
toinnen. Die Würfel sind gefallen. „Wir f)a» n die zeitliche Macht der Päpste nicht wieder
auserweckt, wir haben sie endgültig begraben!“ Also sprach Mussolini.
Verpönten die kirchlichen Kreise nördlich der Alpen die leiseste Kritik an dem vermeintlichen päpstlichen Siege, so müssen sie nun hören, aus dem Munde des einen Vertragspartners hören, daß er in den letzten drei Monaten mehr katholische Zeitungen beschlagnahmte, als in den vorausgegangenen sieben 3ahren. Wohlgemerkt: faszistisch gesinnte Vlätter, denn andere gibt es nicht mehr in 3talien. Ec läßt den politisch denkenden Katholiken nicht die geringste Hoffnung, sich irgendwie organisieren zu können, er betont ausdrücklich und wenn er Damit intimste Der- handlungsvorgänge enthüllt, daß im 3ahre 1927 die Lösung der römischen Frage an den katho
lischen Pfadfindern scheiterte. Darauf wurden sie kurzerhand verboten, wie alle anderen nicht- faszistischen 3ugenborganifationen. „Glaube niemand, daß nicht auch das kleinste Winkelblättchen, das im hintersten Kirchensprengel herauskommt, Mussolini bekannt werde! Riemals werden wir die Wiederauferstehung von Parteien oder Organisationen erlauben, die wir ein für allemal zerstört haben!"
Mit furchtbarer Offenheit sprach Mussolini in dieser denkwürdigen Kammersitzung. Richt vom Blatt weg wie der König bei der Thronrede. Diese Eröffnung des Rates der Vierhundert war eine Galavorstellung gewesen, jetzt stand der Feldherr im Kreise seines Stabes vor den Karten. Es galt, die letzte, die entscheidende Schlacht des Faszismus zu schlagen. Als Taktiker nicht kleiner denn als Stratege, riß er in drei Stunden Schanze um Schanze nieder, unaufhaltsam ging es von Stellung zu Stellung, wie sie sturmreif geschossen worden waren. Wer historisch zu fühlen versteht, der wird selbst in der Lektüre der gedruckten Rede erleben, was der Mithörer gespannten Pulses empfand: wie der Kirchenstaat zusammenbrach und in das Grab der Zeit veriank, wie die berühmte, an den Ereignissen der 3ahrhunderte geschulte Dialektik der Kirche unter der Wucht der Tatsachen zerstob. Die Geschichte hielt den Atem atz, denn eine solche Geschlossenheit hinter einem Angreifer hatte fie noch nie erlebt. 3n jedem anderen Parlament eines jeden anderen Staates wäre die römische Frage durch zahllose Kanäle dem zupackenden Griff entschlüpft: das italienische war sich schon einig, als das Genie, das Mussolini nach dem Worte Cavours fein muß, zum ersten Streiche ausholte. Als am nächsten Tage, nachdem noch der 3ustizminister Rocco den rechtlichen Schlußstrich gezogen hatte, zur Abstimmung geschritten wurde, war die Opposition durch ganze 2 Mann vertreten. Denen war wahrscheinlich das Konkordat zuwenig faszistisch.
Hatte doch in der vorausgegangenen Debatte dec Abgeordnete Garibaldi als Hüter eines bedeutsamen Vermächtnisses den Duce beschworen, dem Papste keinen Schritt mehr entgegen*
Als er am vorhergehenden Abend, verzweifelt durch die vergebliche Suche nach Ellinor, nach Hause gekommen war, hatte plötzlich vor Dem Gartentor ein Chinese gestanden, ein Diener, wie man ihn bei vielen amerikanischen Familien fand. Der Mann hatte ihm diesen Zettel in die Hand gedrückt. 3m nächsten Augenblick, ehe George irgend etwas fragen konnte, hatte die Finsternis ihn schon verschluckt.
Erst wollte er den Zettel fortwerfen, aber feine Finger hatten ihn schon mechanisch entfaltet. Basch blitzte die Taschenlampe aus, und dann las George die geheimnisvolle Botschaft, die fein Blut zum Kochen brachte und es in harten, beinah schmerzenden Stößen durch die Adern jagte.
Rur wenige Worte standen auf dem Zettel, aber genug, um ihm neuen Mut zu geben, das ganze, selig süße Abenteuer im Fem-O-Zug nach Reuyork nicht nur für einen Traum zu halten, sondern für unsinnig schöne Wirklichkeit.
„3ch liebe Dich, wie im ersten Augenblick unseres Sehens. Glaube an mich, vielleicht findest Du mich bald. Morgen abend um dieselbe Zeit wird mein chinesischer Diener wieder vor Deiner Tür fein. Frage ihn nicht, er wird Dir doch nicht antworten, aber gib ihm einen Gruß für mich mit, denn ich sehne mich nach Dir.
Ellinor."
Das war gestern abend gewesen.
Run fieberte George der Stunde entgegen, in der der Chinese kommen wollte, und er hatte einen langen, zärtlichen Brief geschrieben und einen Arm voll Rosen für Ellinor gekauft. Dobbh hatte mit einem behaglichen Schnaufen seine Zigarette in Brand gesetzt und las nun mit gerunzelten Brauen den Zettel, den ihm George überreichte.
Ein Lächeln huschte während des Lesens über fein Gesicht, denn er dachte dabei an das süße blonde Geschöpf, das vor weniger als zehn Minuten in einer kleinen roten Limousine, an der Seite eines chinesischen Dieners an ihm vorübergehuscht war.
Bobby spitzte die Lippen und stieß einen schrillen Pfiff aus. Er war immer irgendwie laut, er liebte es, wo er auch war, Leben und Lebendigkeit um sich zu verbreiten.
3n dem kleinen stillen Lokal fuhren ein paar Köpfe mißbilligend zu dem pfeifenden Bobby herum, den dies aber nicht im geringsten störte.
„3a, old boy, das sieht hoffnungslos aus," grinste er.
„Hoffnungslos?"
„Run ja, ihr seid eben beide hoffnungslos ineinander verliebt, und ich soll nun sehen, wie ich die Sache einigermaßen vernünftig arrangiere. 3m übrigen kann ich es dir nicht ver
denken, denn Ellinor ist wirklich außergewöhnlich schön, in Wirklichkeit noch viel schöner, als auf dem Bild, das an allen öffentlichen Stellen klebt!"
George fuhr hoch, als hätte man ihn geschlagen. Seine Hand griff über den Tisch und faßte Bobbys Handgelenke:
„Du kennst sie?"
Bobby besah sich eindringlich seine blankpolierten Fingernägel, einen nach dem andern, dann erklärte er mit der gleichgültigsten Miene der Welt, Ellinor sei vorhin, also vor noch nicht zehn Minuten, und nicht weiter als eine Straßenecke, an ihm im Auto vorübergefahren und habe ihm zugewinkt.
Bobby hatte die Wirkung seiner Worte genau berechnet.
Er wußte, George war ein schwer zugänglicher Mensch, aber wenn man ihn einmal so weit hatte, daß er aus sich heraus ging, dann gab er sich auch rückhaltlos.
„Du hast Ellinor gesehen, Bobby. Du kannst mich vielleicht jetzt verstehen, wenn ich dir sage, daß ich diese Frau liebe, wie ich noch nie vorher eine Frau liebte, und trotzdem ..."
Olnd dann schilderte er Bobby seine inneren Kämpfe, die er um Ellinor mit sich ausfocht: feine Begierde nach der Frau neben seinem angeborenen Drang nach Freiheit.
3a, er hatte viele Frauen gekannt, hatte keine Liebe unerwidert gelassen, er kannte die köstliche und süße Art der ganz jungen Mädchen, hatte sich wohl und geborgen gefühlt in den Armen der Frauen, die zur Mutter geboren sind und sich langsam innerlich aufzehren für den Mann, Den sie lieben, und der es ihnen niemals dankt, er hatte die quälende Tyrannei wissender Frauen gespürt, die den Mann als amüfantes Spielzeug betrachten, und er hatte sich hineingestürzt in den schnell verebbenden Rausch untergeordneter Abenteuer.
Wohl hatte es schon einmal eine Frau gegeben, die ihm anfangs bestimmt mehr war, als eine bloße Poussage. gewiß, er hatte z. B. Ethel Clisford mehr als gern, vielleicht sogar lieb gehabt, und er war tagelang herumgelaufen wie ein 3rrer, als er erfuhr, daß Ethel sich mit einem französischen Marquis, der an ihrem Reichtum seine zerrütteten Finanzen aufbessern wollte, verheiratet hatte, aber dann war diese Ellinor Stanley wie ein Slementarereignis über ihn hereingebrochen, und seine Sehnsucht nach dieser seltsamen Frau, die sein Denken und Fühlen in einem einzigen Moment an sich gerissen hatte, trug ihn mit riesigen Schwingen über alles, was nicht Ellinor war, hinaus!
Sollte er sie heiraten?
Da war wieder dieser quälende Zwiespalt. Trotz seiner geistigen Freiheit, feiner vermeint
zukommen, damit nicht unsere Söhne das Drama eines neuen Risorgimento erleben müssen, unter Dem unsere Väter so vieles litten. Uni) mit Garibaldi endete Mussolini, indem er versicherte, der Dolksheld werde Da Droben auf Dem 3aniculus, vor Der Villa Doria Pamphili, Die Der Papst vergeblich verlangt hatte, stehen bleiben. An der berühmten Kopfhaltung des Pferdes, an dem mißtrauischen Blick des Reiters werde nichts geändert. Richt abgebrochen wird das Denkmal, wie so manche Kirchenstaatgründer meinten, sondern es kommt im Gegenteil eines für Anita Garibaldi, Die Gefährtin Des Freischarenführers, hinzu.
Witzige Ausfälle, wie immer, wenn Mussolini gut in Form ist. Vielleicht war er es an diesem Tage etwas zu gut. Er übertrieb etwas, als er sagte, man könne die Vatikanstadt, die ja allerdings seit den Lateranverträgen noch mehr ein* geschrumpft ist, in 5 Minuten betrachten und in 10 umtoanDcrn. 3n Wirklichkeit braucht man fast eine halbe Stunde dazu, mit dem Auto allerdings nur 3 Minuten. Er betonte überscharf, daß er noch am 10. Februar die Abtretung von nur fünfhundert Quadratmeter italienischen Bodens verweigerte, die Der Vatikan für das ©ant’Ufficio gebraucht hätte, worauf der heilige Stuhl sogar dieses ganze Gebäude und Die umliegenden dazu fahren lassen muhte. San Marino, rief Mussolini aus, ist ein Reich gegen die Vatikanstadt. Aber diese absichtlich in Den VorDergrund gerückte Eifersucht auf Den vaterländischen Boden kann nur solche Betrachter überraschen, die auch an einen neuen Kirchenstaat glaubten, weil sie Mussolini immer noch nicht kennen.
3n diesem Manne ist die Vaterlands- i d e e verkörpert, wie noch in keinem 3taliener vor ihm. Alle anderen, noch Orlando nach dem Kriege, boten dem Papste ein mehr oder minder weites Territorium an, und wenn Benedikt, der Kriegspapst, zugegriffen hätte, so wäre er, anders als Pius XI., als Wiedereroberer in die Geschichte übergegangen. Mussolinis erster Gedanke gilt aber immer der Fahne. Man muß ihn gehört haben, wie er es sagte, daß die italienische Fahne im Vasikan nicht niedergeholt werde, und Dann vor Bewegung zitternD schilderte, wie es Die Engländer macht-*, als sie kürzlich ein Stück des 3ubalandes an 3talien abtraten: da pflanzten sie Die britische Fahne vor Dem Riederholen in ein Faß voll Erde, um mit Der Fahne auch die geheiligte Erde Davontragen zu können. „Das zeigt euch, was ein Danner ist, wie die Flagge Geist und Seele Der Ration vertrittI" Keine Abtretung von Land, keine Abtretung von Untertanen! Rur wer es ausdrücklich verlangt, kann auf Die Dauer seines Dortigen Wohnsitzes Die Bürgerschaft Der Vatikanstadt erwerben. Da aber Der Papst die weltlichen Bewohner bereits ausgewiesen habe, so würden ja dort überhaupt nicht viele Datikanbürger geboren werden! Die Kirche ist nicht souverän und noch weniger frei! Sie ist in ihren Einrichtungen und ihren Männern den Gesehen des italienischen Staates unterworfen! Was die Kirche mit dem Konkordat errungen hat, das gilt fortan auch für alle anderen religiösen Bekenntnisse! Warum die Synagoge zerstören, nachdem die 3uden längst vor den Christen in Rom sahen? Wahrscheinlich sind sie nach dem Raub der Sabinerinnen die Kleiderlieseranten gewesen! Rom werde durch das Konkordat eine langweilig keusche Stadt werden? Keine Angst, es wird sich auch fernerhin zu vergnügen wissen! Uebrigens hat es sich ja gerade in der Zeit der Päpste trefflich daraus verstanden!
Und so weiter, Schlag für Schlag. 3m Vasikan soll man mehr als erstaunt gewesen sein. Der „Osservatore Romano" veröffentlichte die Rede nicht, sondern begnügte sich mit der Feststellung,
lichen Loslösung von althergebrachten Formen und vom Vürgertum, wurzelte er doch tief in ihnen, und er spürte dies immer wieder auf sich, wie einen drückenden bleiernen Mantel lasten.
Was sprachen die Leute da von der modernen, aufgeklärten 3ugend? 3m 3nncrften, tief versteckt, war doch in allen die Sehnsucht geblieben, nach einem vernünftigen, geraden, legalisierten Wege. Aber heiraten?
Das hieß also all diese unzähligen, läppischen Formalitäten erledigen, die man bis dahin verlacht hatte, heiraten, das bedeutete ewiges Gleichmaß, kleinliche Sorgen, Kindergeschrei und schließlich die tödliche, niemals aufhörende Mit* beteUigung der Familie an seinem intimsten Leben. ...
Und doch fühlte George, daß seine Liebe zu dieser Frau stärker war, als alle Bedenken. Mit einem fast kindlichen Lächeln streckte er Bobby die Hand hin und fragte:
„Rate, Bob, was foll ich tun?“
Bobby war still jedem Wort gefolgt. Sein Kopf konnte den komplizierten Gedankengängen des Freundes nicht ganz folgen, doch auf die primitive Art Der Liebeswerbung öerftanD er sich, wie kaum ein anDercr.
„Wenn ich Dir nun sage, George, Du sollst noch einmal alles beDenten, so tust Du cs bestimmt Doch nicht, unD bei verliebten Menschen ist ja auch alles ZureDen überflüssig. Rur eins rate ich Dir: mach Die schöne Ellinor ein wenig eifersüchtig, Das ist immer Das beste Mittel, eine Frau ganz an sich zu fesseln. 3ch toerDe Dir zeigen, wie man Das macht."
Er zog Das Morgenblatt Der „Evening-Review“ aus Der Tasche unD schlug Die Rubrik „Ellinor" auf.
Er las, Daß Ellinor heute abenD Die Metropolitan-Opera besuchen toürDe.
„Selbstverständlich gehst Du auch hin, George. unD selbstverstänDlich mit einer schönen Frau, mit wem, ist egal, Die Hauptsache ist. Daß sie schön ist, unD Daß Du nett zu ihr bist, sogar fehr nett. Such Dir eine Frau aus, Die Diese Nettigkeit nicht persönlich nimmt, sonst hast Du sie nachher auf Dem Hals, aber ich jage Dir eins: Die anwesenDe Ellinor toirD platzen vor ReiD, unD Dann toirD sie erst richtig wissen, wie lieb sie Dich eigentlich hat. UnD Dann noch eins: kein Wort an Den Chinesen, wenn er heute abenD kommt! Du wirst ihn gar nicht empfangen. 3ch kann Dir sagen, Das wirkt großartig!"
George schüttelte etwas zweifelnD Den Kopf, aber Bobbys Überredungskunst gelang es schließlich, ihn zu überzeugen, unD man trennte sich mit einer BerabreDung in Die Metropolitan-Opera für Den AbenD.
(Fortsetzung folgt)


