Ausgabe 
25.4.1929
 
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I

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Nr. Yb Zweites Blatt

Donnerstag, 25. April 1929

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Oie Reparationsbesteuerung durch Entwertung.

Don unserer Berliner Redaktion.

Bei der Frage nach der deutschen Leistungs- fähigleit zur Tilgung und Verzinsung eines be­stimmten Milliardenbetrages für die Reparatio­nen wird von den Ziffern ausgcgangen, die die Handelsbilanz, die Einkommens- und Vermögens­steuer, der Konsum gewisser Grundstoffe, wie Kohle, Getreide usw., die Arbeitslosigkeit und das staatliche Fürsorgewesen, vielleicht auch noch die Schätzungen über Anlagewert und Rentabili­tät der Industrie- und Handelsbetriebe liefern. Cs ist zweifellos, daß die gründliche Vorbereitung auf deutscher Seite noch zahlreiche andere Daten beigebracht hat, um einer falschen Schätzung vor­zubeugen. In der Oeffentlichkeit ist über diese Bemühungen und ihre Grundlage wenig bekannt, und cs ist fraglich, ob man sich jemals ernstlich den Kopf darüber zerbrochen hat, die Frage nach dem Vermögensabbau durch Entwer­tung ziffernmäßig so weit zu klären, daß dieses Argument mit feinem ganzen Gewicht in Rech­nung gestellt werden konnte.

älnö doch ist es eines der sinnfälligsten und beweisstärksten. Denn es ist durchaus abwegig, den Stand der Börsenwerte, insbesondere der festverzinslichen, einfach als eine Konsequenz des Börsenspiels anzusehen und die fortschreitende und sichtbare Herabminderung dieser Werte, die einen effektiven V e r m ö g e n s v e r l u st für die Besitzer, zugleich aber auch den rechneri­schen Ausdruck einer Gesamtverminderung fast oller wichtigen Vermögenswerte darstellt, als eine vorübergehende Erscheinung abzutun. Wenn deutsche wertbeständige Anleihen, wie etwa die sechsprozentige Reichsanleihe von 1927 nur 87,5 Prozent notieren, Pfandbriefe deutscher Hypo­thekenbanken mit 8 Prozent Zinsen zwischen 94 und 96 Prozent liegen, siebenprozentige zwischen 83 und 88 Prozent, achtprozentige Industrieobli­gationen zwischen 85 und 93 Prozent, ebensolche Provinzial- und Stadtanleihen zwischen 90 und 92,5 Prozent, wenn die siebenprozentigen An­leihen deutscher Länder nur 83 oder 84 Prozent notieren, so prägt sich darin gegenüber dem Ausgabelurs ein Kapitalverlust von 10 bis 15 Prozent aus.

Rimmt man den Durchschnitt der gairzen Aktienkurse für die letzten zwei bis drei Jahre und beseitigt den spekulativen Koeffizienten der gelegentlichen Haussen und Baissen, so sieht man genau dieselbe Entwicklung: mit Aus­nahme einiger besonders bevorzugter Unter­nehmungen, die in der Lage sind, eine Monopol­stellung auszunuhen oder durch eine starke Ex­pansionspolitik öfters wertvolle Bezugsrechte zu bieten, ist eine mindestens zehnprozentige Sen­kung des gesamten Kursniveaus zu verzeichnen. Da der Zinsfuß, gemessen am Reichsbankdiskont und an anderen Kriterien, in dieser Zeit nicht gestiegen, sondern eher gesunken ist, so Müßte normalerweise das Gegenteil der Fall gewesen sein, d. h., bei gleichbleibendem Zinssatz oder gleicher Dividende mühte der Kapitalwert sämtlicher Papiere gestiegen fein.

Man geht also wohl nicht zu weit, wenn man den Ausfall an Kapitalwert, berechnet aus tat­sächlicher Mindernotierung und ausgebliebener Höhervewertung auf Grund des Zinsfußes im Durchschnitt und auf der ganzen Linie auf min­destens 15 bis 20 Prozent bemißt. Auch wenn man der Tatsache Rechnung trägt, daß die In­anspruchnahme der zu engen Kapitaldecke durch vermehrte Anleihen und Kapitalerhöhungen auf das Niveau drückt, bleibt somit ganz deutlich ein namhafter Verlust übrig, der sich ausschließlich dadurch erklären läßt, daß durch die Repa­rationszahlungen, durch die Übertragung von Summen, die die eigene Kapitalbil­dung überschreiten, an das Ausland eine Vermögensbelastung, eine Besteuerung des gesamten Besitzes erfolgt, die sich ent­

sprechend einem steigenden Defizit der nationalen Kapitalwirtschaft in der Verminderung der Vermögenswerte auswirkt. Wendet man diese Feststellung auf die G e f a m tziffer des deutschen Volksvermögens an, die nach den

(Rachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Phantastisch, wie die fernen Visionen eines Opiumträumers, dessen ungehemmte Einbildung im Wahnsinn durch die Jahrhunderte schwärmt oder sich auf einem spurlosen Weg kreuz und quer durch Kontinente und Ozeane schlängelt, war der kürzliche Orientflug des deutschen Luftschiffes Graf Zeppelin", mit dem wir 5000 Meilen in 81 Stunden zurücklegten und dabei drei Konti­nente berührten und zehn Rationen besuchten.

An einem Sonntagabend fanden sich 28 ge­ladene Passagiere in Friedrichshafen zusammen, jeder umgeben von seinem kleinen Wall von Ge­päckstücken. Es war etwas zweifelhaft, ob wir in jener Rocht starten würden. Ein heftiger Wind stand direkt gegen die Ausfahrt der Halle, und nichts in der Welt, nicht einmal die wartenden Minister, Staatssekretäre und Abgeordneten, würden Dr. Eckener dazu veranlaßt haben, einen Riß in seinem einzigen Luftschiff zu riskieren. Die französische Bedingung, der Zeppelin dürfe Frankreich nut während der Rächt überfliegen, schuf eine zeitliche Begrenzung für unsere Abfahrt. Indessen um Mitternacht war das 766 Fuß lange Luftschiff glücklich draußen und glänzte wie ein filberner Dolch in dem Mondlicht.

Die Rächt an Bord war kalt. Die nach der Atlantik-Fahit eingebauten Heizapparate waren angesichts der in südlicheren Breiten saisonmähig zu erwartenden Wörme entfernt worden. Einige der Passagiere hatten sich nicht auf kühles Wetter eingerichtet, und es war mehr als kühl.

Eingerollt in Mäntel. Decken und fonstiges IDarme kamen sie über eine der gefährlichsten Rächte, die Dr. Eckener erlebt hat, hinweg. Zwischen zwei und drei Uhr morgens fuhr der Zeppelin, nachdem er die französische Grenze von der Schwei; aus an dem von der franzö­sischen Regierung bezeichneten Punkt überflogen hatte, in einen dichten Rebel, der von Minute zu Minute dicker und dicker wurde. Lr machte es völlig unmöglich, etwas voraus oder unten zu sehen. DieTür", die Frankreich demGraf Zeppelin" geöffnet hatte, führte auf einen selbst bei klarem Wetter schwierigen Kurs zwischen hohen Bergen, gegen deren Gipfel das Luft­schiff leicht getrieben werden konnte, wenn es nicht sehr sorgfältig navigierte. Im Rebel war es ein Todeskurs! Bei Tage würde die Route sicher und angenehm gewesen sein, aber die Franzosen verweigerten dem Luftschiff und den 67 internationalen Passagieren die Durch­fahrt während der Hellen Stunden.

Zwischen Lyon und Balance verloren wir un­gefähr zwei Stunden dadurch, daß wir uns wie ein Blinder in der unterweltlichen Dunkelheit umhcrtastctcn. Die Pistolenschüsse des Echolotes, jenes neuen Instrumentes, die Tiefe durch das Echo festzustellen. klangen dumpf durch die nebel­schwangere Lust. Die Gräfin von Brande n- st ein-Zeppelin, die Tochter des Erfinders, die mit mir die Kabine teilte, zeigte alle Tage eine stille Ruhe und ein festes Vertrauen auf die Entwicklung des väterlichen Traumes und das Können Dr. Eckeners. Frau Toni Sen­der. eine sozialistische Abgeordnete aus dem Reichstag, war die dritte Frau im Bunde. Klein,

verschiedenen Schätzungen zwischen 1924 und 1926 von 150 bis 200 Milliarden Goldmark schwankt, so ergibt sich eine indirekte Kapitalverminderung als Folge der Reparationslasten nach obiger Berechnung von 30 bis 40 Milliarden Mark.

mit schwarzem Bubikopf, lebhaften Augen, bildete sie ein krasses Gegenstück zu der ruhigen, silber­haarigen, eher reservierten Gräfin Zeppelin, die mir gegenüber immer wieder bemerkte, wie glück­lich ihr Vater gewesen sein würde, wenn er diesen Triumph seiner Erfindung erlebt hätte.

Dr. Eckener ist nicht allein Zeppelin-Kom­mandantauf der Drücke" oder in der Kontroll­kabine, denn die Kapitäne Lehmann, Flem­ming und von Schiller sind alle drei Kom­mandanten, die früher ihr eigenes Luftschiff ge­habt haben und jetzt auf den Tag hoffen, da Friedrichshafen Luftschiffe genug gebaut haben wird, um jedem von ihnen einen Platz als Zeppe­linkommandanten zu ermöglichen.

Gerade um die Frühstückszeit passierten wir Marseille, das uns mit finsterem Schweigen begrüßte oder auch nicht begrüßte. So viele Städte längs des 9/hone-Tales hatten die Höflichkeit an den Tag gelegt, uns zuzuwinken, mit den Sirenen zu heulen oder uns durch sonstigen Lärm willkommen zu heißen, und außerhalb Frankreichs hatte jede Stadt und jedes Dorf uns in freund­lichster Weise empfangen, so daß das Schwei­gen von Marseille um so boshafter und kennzeichnender wirkte.

Ich überlieh meine Reisegefährten dem Schach, den Karten und den Baedekern und nahm unter Führung von Kapitän von Schiller die Reuerun­gen des. Luftschiffes in Augenschein. Durch eine kleine Tür gelangten wir von der Passagiergondel in das Innere des Schisses, in dem ein fuß­breiter Steg 766 Fuß entlangführte, hindurch zwi­schen den kolossalen Aluminiumknochen, den Gas­behältern, Offiziers- und Mannschaftsräumen und Petroleumtanks. Ich sah die neuen Segeltuch­kabinen, von denen vier acht unserer 28 Passagiere beherbergten. Das Innere des Schiffes ist in der Tat faszinierender als die Gondel, Fenster sind in das silberne Gerippe eingelassen und ge­währen einen Durchblick auf die See unter uns. Innerhalb dieses labyrinthartigen Gerippes liegt die ganze Romantik desGraf Zeppelin". Hier schlafen die Offiziere und Mannschaften in den Segeltuchkabinen, essen in einer Segeltuchmesse, waschen sich an Aluminiumwaschtischen.

Gegen Montagmittag rundeten wir den nörd­lichen Teil von Korsika, Rapoleons Geburts- stätte. Ich sah Korsika und sah Elb a, die Insel seiner Verbannung, und zwar von der Motoren­gondel Rr. 1 aus. Das ist einer der besten Aus­guckpunkte, die es an Bord gibt.Aber nicht für jeden", sagte Karl Bäuerle, als ich die Leiter hinabstieg, denn die Leiter hat kein Geländer...

Das kaiserliche Rom ehrte uns mit einer Eskorte von Flugzeugen, den einzigen Sonnen­schein, den wir während der dreitägigen Reise erlebten, hatten wir nachmittags über Rom, als wir eine Schleife über der Stadt flogen. Das Luftschiff fuhr unmittelbar an der Peterskirche und am Vatikan vorbei. Als Karl von Wiegand scherzeshalber bemerkte, der Papst, Mussolini und der König von Italien würden sicherlich von ihren Fenstern aus den Zeppelin bewundern, wurden die schärfsten Gläser mitleidslos auf den Vatikan, auf den Ehigi-Palast und den Königs­palast gerichtet, aber niemand bemerkte so etwas wie eine Krone auf einem besonders würdigen Haupt. Reapel war in Rebel gehüllt, der Vesuv rauchte finster. Die italienische Küsten­linie verschwand in der Entfernung. Die Rächt

legte sich schnell, wie es In jenen Regionen die Regel ist, wie ein dunkler Mantel, über das Pastellgemälde des nebligen Mittelmeeres...

Die Dämmerung des Dienstag brach über Kreta, HomersInsel der hundert Städte", an. Zypern kündigte den Osten an. Das gelobte Land Palästina nachdem uns Aegypten auf unserem Orienttrip verboten war war unser nächstes Ziel. Qluf einem Hügel in der Rähe von Haifa, entzifferten wir große weiße BuchstabenWillkommen" neben der Flagge von Württemberg, dem Lande, in dem Friedrichshafen gelegen ist. In Jaffa waren die Straßen schwarz, abet nirgends drängte sich die Menge so wie in Tel Aviv der Zionistenmetropole, denn sie feierte ihren jährlichen Karneval. Tat­sächlich hatte uns Tel Aviv eine offizielle Ein­ladung zukommen lassen, dort zu landen. Wir. mußten uns aber damit begnügen, die Motoren abzustellen iind ganz niedrig über die Stadt zu fliegen und 66 Kilo farbigen Konfetti abzuwersen. Dann schraubten wir uns wieder auf 4000 Fuß Höhe empor undGraf Zeppelin" steuerte im Scheine des aufgehenden Vollmondes, der, wie es im Osten oft der Fall ist, anfangs eine prächtige rote Scheibe war, dann ein orangefarbener Flam- rnenball wurde und sich schließlich in einen phos- phoresierenden Kelch brennenden Silbers ver­wandelte, Jerusalem entgegen! Echter To­kaier wurde über dem Toten Meer hervorgeholt und man trank mit viel Begeisterung und Lärm auf das Wohl Dr. Eckeners, seiner Besatzung und seines Schiffes. Wir flogen ganz niedrig über den See dahin. Zehn Minuten später flog der Zeppelin wieder in einer Höhe von 3700 Fuß.

Später schienen die Lichter von Aegypten schwach aus der Dunkelheit hervor. Grüße wurden vom Zeppelin drahtlos an den König Fuad von Aegypten gesandt, die ihm noch viele glückliche Lebensjahre wünschten. Eine kurze Rächt. Um fünf Uhr in der Frühe hieß es:In einer Stunde sind wir in Athen, wir laufen halbe Kraft, um nicht zu früh dort zu fein". Die Inseln von Griechenland, die das Aegäische Meer erfüllen, dann der Phräus und einige Minuten später Athen. Die Akropolis und das Parthenon sahen nicht größer aus als Figuren aus dem Kinderbaukasten.

Starke Winde packten das Schiss, Sturmmolken hingen schwarz am Himmel, als der Zeppelin seinen Weg westwärts zog. Zwischen Patras und Ithaka halten wir Rückenwind und der Zeppelin stellte einen neuen Luflschifs-wett- rekord auf, indem er 112 Meilen in der Stunde erreichte. Die letzte Rächt unseres Orientfluges, die Rächt vom Mittwoch zum Donnerstag, war eine harte Probe für das Schiss. Dr.Eckener erzählte mir, es sei die schwerste und gesahr- lichsle Rächt gewesen, die et je erlebt hätte.

Zwischen Spa 1 ato und Wien, das wir gegen 3 Uhc morgens am Donnerstag erreichten, statt Mitternacht, verlor der Zeppelin drei Stunden durch einen Gegenwind, der eine Stunden- geschwindigkeit von 50 Meilen hatte.Zeppelin" erfocht sich seinen Weg wie ein gehetztes, in Wut gesetztes Tier gegen die Wetterdämonen, die ihn fassen und packen wollten, um ihn zu vernichten. Das war ein Luftepos und es endete noch nicht. Wien, das sonst nach Mitternacht vollkommen dunkel ist, leuchtete hell, um uns willkommen zu heißen und uns Wegweiser zu fein. Aber nach CEicn die Sintflut! Ungefähr dreieinhalb Stunden zwischen Wien und Friedrichshafen dichter Rebel, Regen, Schnee und Eis, fo daß die Fenster der Kontrollkabine vollkommen un­durchsichtig wurden. Die Fenster mußten geöffnet werden, Regen und Schnee drangen hinein und verwandelten die Kontrottkabine in einen See. Die Offiziere und Mannschaften standen im Was­ser und waren bis auf die Haut durchnäßt. Dr. Eckener kam gegen sieben Ubr in den Salon, fein Mantel triefte von Wasser. Er meinte: Eine böse Rächt!" und bann erzählte er einigen wenigen von uns die wahre Geschichte seines Kampfes gegen die Wettergewalten. Re­be l i n d e n B e r g e n ist bei weitem die größte

5000 Meilen imGras Zeppelin" durch die Lust.

Oie Orientfahrt Eckeners. - Ein eigenartiger Willkomm in Frankreich. Heber Rom und Neapel zum Heiligen Lande. - Eine böse Nacht.

Don Lady Orummond Hay.

Gießener Gtadttheater.

Carl Zuckmayer:Katharina Knie".

Den großen Wurf desSchinderhannes" hat Zuckmayer in diesemSeittänzerstäck nicht wieder erreicht. Gerade wer den Rheinhessen schätzt und ihm was zutraut und überschaut, was er bisher ge­leistet hat, darf jetzt nicht die Augen zudrücken und muß die Mängel zugeben. *

*

Es bleibt ja noch manches übrig, was gut ist und was auch den unbestreitbaren Erfolg des Werkes rechtfertigt. Zuckmayer versteht sich, um es gleich zu tagen, zum Beispiel auf eine unverwässerte, ge­wissermaßen handgreifliche, im Volkstümlichen und Landschaftlichen wurzelnde Romantik. Er ift ein Idylliker, ein Lyriker oft, in diesem Stück, das ein Drama sein sollte von Rechts wegen. Er beweist Sinn für Humor, einen ungequälten, populären und gewachsenen Humor, der die drolligsten Dialekt­blüten treibt, ohne die vormaligen Derbheiten und die klobige Drastik desWeinbergs".

Zuckmayer hat ferner wie man längst weiß und wie auch bei diesem Stück wieder zu empfmben ist eine ausgezeichnete Witterung für Menschen und Schauplätze, für die eigentümliche und ganz be­sondere Atmosphäre, welche das fahrende Volk und den grünen Wagen und die winzige Manege um­weht.

Aber die vier Akte haben nur selten einmal wirk­lich dramatischen Antrieb und Atem. Sie schildern vortrefflich, auch überall publikumswirksam, aber es wird nebenbei und drumherum zuviel geredet, ge­dacht, philosophiert und gepredigt. Das gibt ein Volksstück allenfalls, demgegenüber man don atters- her zu gewissen Konzessionen in der Kritik bereit war. Aber kein Drama.

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Der Grundgedanke, in den Zuckmayer sich mit diesem Stoff verliebt hat und den er eindringlich und vollkommen überzeugend an den Mann bringt, ist: wie die alte historischeSeittänzlerei" von der neuen Zeit, der brutalen und sehr unromantischen Gegenwart mit Inflation, Kino, Geldmangel, wach­sender Konkurrenz und schwindender Tradition all­mählich erbarmungslos erdrückt und erdrosselt wird, zugrunde geht und ausstirbt. Der Tod des alten Knie wirkt fast wie ein Symbol: man empfindet, wie mit ihm die ganze Zunft und der alte Stamm

in die Grube fährt. Das ift gut und ehrlich emp­funden und dargestellt.

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Dramatisch gesehen ist aber nur die Hauptgestcllt der Katharina. Sie ist, mit schwankendem, verwirrten Gefühl, zwischen zwei Männer gestellt, den alten Knie und den Bauern Rothacker, zwischen den Vater und den Geliebten. Dies wäre an sich nichts Beson­deres, aber die beiden Männer bedeuten hier zu­gleich zwei Wetten, zwischen denen die junge Lanb- störtzerin hin und her gerissen wird.

Ärtistenstand und Bauernstand sind die beiden unvereinbaren Lager, von denen immer nur eins die Heimat des Herzens werden kann. Wanderschaft und Wettschweiserei kämpfen gegen bodenständiges, eingesessenes Bauerntum auf eigner, von vielen Ge­schlechtern vererbter Scholle.

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Wohl geht das Mädchen, von einer raschen, blut- warmen Welle des Gefühls überströmt und getrieben, zu dem bäuerlich ßanbfcften über, an den sie, im Dorüberfahren gleichsam, ihr Herz gehängt hat. Sie verläßt den Vater, die Truppe, die alte, ihr eigen­tümlich, vertraut und lieb gewordene Wett und kehrt nur zurück, um es dem Vater der mit allen Fasern an ihr hängt und sie innig liebt und an ihre Heim­kehr in die Wagenburg immer geglaubt hat mit Schonung einzugestehen, daß sie nun die Brücken endgültig hinter sich abgebrochen habe.

*

Aster wie der Alte über ihrem Geständnis unver­sehens und ganz friedlich und still binmeggeftorben ift, da wird mit einem Male die Welt, in der sie aufwuchs, die Vergangenheit und die doch im Blut sitzende, aus Jahrhunderten überkommene Seil- tänzererbschaft in der Katharina wieder lebendig und übermächtig: sie bleibt und führt die verwaiste Truppe weiter und verläßt die Scholle, auf der sie schon Wurzel zu schlagen begann, verläßt den Mann, den sie liebgehabt hat und auch immer noch liebt.

*

Dies ist der dramatische Kern. Wie schade, daß er so schwer herauszulösen ist aus der wuchernden Menge des Beiwerks, aus Idyll und gemütlicher Schilderung, aus Poffenfpiel und Manegenschaustück und allerlei Spitzwegmusik und seitenlangen Reden.

Das ist im einzelnen alles sehr sicher ge­sehen, erlauscht und nbgetaftei; die Figuren sind fast sämtlich prall und rund, menschlich gebildet, am Cha­rakteristischen gepackt und mit leichtem Handgelenk in die bunten Kulissen gestellt. Was sie sagen, wie sie sprechen: das ist von einer ganz unverschminkten

und überzeugenden Treffsicherheit. Kaum ein falscher Ton. Liber allzuvieles davon hat mit dem Drama und dem Kernmotiv des Schauspiels wenig oder gar nichts zu tun. (Obwohl nicht zuletzt auch hierin der Publikumserfolg allenthalben entschieden mitbegrün« bet ift.)

Die Aufführung Regie: Tanne rt hinterließ zwiespältige Eindrücke. Sie war nicht aus einem Guß, schon der (gelegentlich recht spürbaren- Dialeltschwierigkeiten wegen, die bei jeder Zuckmayer-Infzenierung ein gefährliches Problem darftellen.

Der erste Akt geriet etwas holprig, der letzte zerflattcrte in der Stimmung: der zweite war gut, am besten die größere Hälfte des dritten. Da war ein ganz echt wirkendes Theater breit und bunt, mit Lärm und Applaus, mit hand­festem Auftritt und gediegener Akrobatik auf» geboten, alles in Stimmung und Spannung ge­taucht.

Die anschließende Sterbeszene wurde dagegen verschleppt: auch waren die Streichungen hier nicht recht verständlich, welche der Katharina die wichtigsten Worte wegnehmen, auf die den ganzen Akt hindurch gewartet wird: während umgekehrt beim alten Knie allerlei stehen geblieben war, was gut und gern hätte fallen können.

Räumlich und technisch war die nicht ganz einfache Szenerie recht glücklich bewältigt. (Deko­rationen: Karl Löffler: Beleuchtung: Ludwig Keim.)

In der Rolle der Katharina verabschiedete sich Alix Krahmer vom Gießener Publikum. Sie ging mit einem frischen Elan an die Ausgabe heran, die ja ihrem schauspielerischen Wesen nicht gerade sehr entgegenkommt, nahm sie mit dem Mutterwitz, der dazu gehört, und schlug sich fröhlich durch die ungewohnte Mundart: im ganzen erschien sie ein wenig zu fein, zu urban und nicht immer naiv genug, und man vermißte manchmal auch den echten Herzton, ohne den diese Katharina durchaus nicht zu denken ist, und der nur hier und da ganz verdeckt und ver­steckt zum Mitschwingen kam.

Peter gaffet gab als Gast den alten Knie. Er spielte ihn aus pfälzerisch, weich und geschmei­dig, mit vorsichtiger Betonung des Komödianti­schen und leichter Herauskehrung des patriarcha­lischen Tons und väterlichen Stolzes, oft ein

bischen zu sentimental, aber nirgends unsympa­thisch. Für die Längen in seiner Rolle ist er nicht verantwortlich zu machen: die sind da und können beschnittey werden.

Zwei herrliche Wanderzirkusgestalten brachten Linkmann und Arzdorf auf die Bühne. Linkmann als der alte Harlekin Schmittolini. Clownintermezzi und komisches Kunftradeln, mit waschechtem Dialekt und einer ursprünglichen Komik. (Allerdings ist die Figur im Buch etwas anders angelegt: nicht so landstreicherhaft und etwas mehr als guter Manegengeist und Statt­halter des alten Knie.)

Der Ignaz Scheel - Trampolin, Sprungseil, Luftarbeit wurde von Arzdorf als schöner und eitler Mann mit rausgedrücktem Brustkasten. Schmalzlocke und großem Maulwerk sehr drollig aufgeputzt.

Die Bobbi (Luise Jüngling) sollte nicht ausschließlich auf drollige Wirkung und drastische Gebärden hin gespielt werden: sie darf ruhig eine ganze Menge Gemüt und eine etwas rauhe und unbeholfen geäußerte Mütterlichkeit mitbringen.

T a n n e r t gab auf der Gegenseite den Rothacker: knapp, trocken, verhalten. Die Gestalt wirkt schon im Buch nicht besonders kräftig und überzeugend: hier erschien sie ein wenig zu poliert und zu städtisch: man glaubt nicht recht an die bäurische Herkunft und die bedingungslose Verbundenheit mit der Scholle.

Von den Chargen: V o l ck, H a e s e r, R i 11 e r, W e s e n e r. In den stummen Rotten der Fa­milie Eichel leistete die Gießener Truppe Jörg eine sehenswert saubere akrobatische Arbeit.

Die Aufführung sand anhaltenden lauten Bei­fall: insbesondere Fräulein Krahmer wurde zum Abschied mit Blumen und allerlei Ange­binden sehr gefeiert. Dr. Th.

Hochschulnachrichten.

In der medizinischen Fakultät der Universität Marburg ist der Privatdozent für Geburts­hilfe und Gynäkologie Dr. Hans R a u j o k s zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor ernannt worden. -- Der Berliner ilnioetfi- tätsprofessor Dr. Fritz Paneth hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Chemie an der Universität Königsberg als Rachfolger von Professor H. Meerwein angenommen.