Ausgabe 
25.3.1929
 
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Nr.?' Zweiter Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen) Montag, 25. März 1929

Reparationen und Liquidation des Krieges.

Don Kommerzienrat E. Deit von Speyer.

n.

Deutschland.

Die letzt vergangenen 3o6rc schienen Deutsch­land den von dem Dawes-Plan erwarteten Auf­schwung zu bringen. Die Auhenhandelsziffern stiegen gegen 1913 um 25 Prozent für die Ein­fuhr und um 17 Prozent für die Ausfuhr, die Produktion erreichte überall zumindest das Dor­kriegsniveau, der Konsum stieg. Der seit einem Jahre andauernde starke Rückgang der deut­schen Wirtschaftslage läßt die Frage auftauchen, ob cs sich hier nicht, wie schon vom Reichsbank- präsidenten und auch früher vom Reparations­agenten behauptet, nur um eine Scheinblüte gehandelt habe: ob nicht Deutschland sowohl die Reparationen wie auch die Investitionen seiner Industrie ganz oder zum größten Teil mit aus dem Ausland geborgten Geldern gezahlt hätte, und so, anstatt produktiv zu investieren, vom Kapital gezehrt hätte. Bedenkt man die Summe des von Deutschland langfristig im Ausland geborgten Geldes, so wird man fest­stellen, baß eS seit 1924 bis jetzt etwa genau so viel vom Ausland geliehen hat, wie cs an Reparationen gezahlt hat, nämlich 7,2 Md. Mk. Danach hätte es aus sich heraus abge­sehen von Sachlieferungen keine wesentlichen transferierbarer Beträge produziert, da ja auch die Handelsbilanz passiv ist.

Infolge der Belastung Deutschlands durch die für die Reparationszahlungen benötigten unge­heuerlichen Summen ist Geld in Deutschland sehr teuer geworden. Der Tagesdurchschnitt für tägliches Geld 1928 war 63/* Prozent, ein Bankkredit auch für erste Firmen kostet zumindest 9 bis 10 Prozent, Anleihen der Städte 9 Prozent! Bei diesen Sähen tft es der Industrie im ganzen genommen kaum möglich, auch nur eine be­scheidene Rentabilität herauszuwirt'chasten.

'Betrachtet man die deutsche Wirtschaft, die Verluste durch die Blockade, den Vermögens- schwund in der Inflation, den Verlust des in den Kolonien investierten Kapitals, die Schäden durch die Sequestration, den Verlust deutscher Patente usw., so wird man durchaus nicht zu demselben günstigen Ergebnis kommen, wie derReparations- agcnt. Bei einem Passivum der deutschen Han­delsbilanz von etwa 2 Md. Mk., der Zahlungs­bilanz von ungefähr 2,8 Md. Mk. muß in der gegenwärtigen Depression ein deutliches Zeichen der Lleberlastung durch den Dawes-Plan gesehen werden, wie sie z.B. in mangelnder Ex­portfähigkeit zum Ausdruck kommt.

Der Wohlstandsindex.

Alm der endgültigen Regelung der Reparatio­nen eine objektive Grundlage zu geben, an Hand derer die Entwicklung Deutschlands unter dem Dawesplan festgestellt werden könne, schlug die Sachverständigenkommission die Berechnung eines sogenannten Wohlstandsindex vor. Dieser wird nach folgenden Gesichtspunkten errechnet:

1. Gesamtsumme der deutschen Ein- und Aus­fuhr.

2. Einnahmen und Ausgaben des Reichshaus- haltcs, des Haushaltes Preußens, Bayerns und Sachsens.

3. Eisenbahngüterverkehr nach Gewicht.

4. Wert des Verbrauchs an Zucker, Tabak, Bier und Branntwein.

5. Gesorntbevölkerung.

Der erste Abschied.

Do« Waldemar Dönsels.

Es sind selten die großen Ereignisse, die unser Ge­müt in Aufruhr oder Stille führen, sondern etwas ganz anderes, etwas, das ich die Ahnung vom Lesen des Lebendigen nennen mochte, den kaum spürbaren Abglanz jener Beschaffenheit des Men- schenwesens, aus dem alle Schicksale geboren werden, wie schon im ersten Blick zweier liebender Menschen der erste Herzschlag eines neuen Lebens schlummert. An jener Ahnung entzündet sich unsere eigenste Hoff­nung, von ungewisser Erwartung bis zum brennen­den Heimweh geführt, von der Unschuld zur Tot, und zuletzt zum langsamen Erwachen, über die rasche Jugend dahin, bis zur großen Einkehr, welche nur denen erspart bleibt, die ihre Augen mitten im Glanz der Jugend im Tode schließen.

Zu diesen letzten gehört der eine jener zwei, von denen ich erzähle, vom späteren Ergehen des anderen weiß ich so wenig wie vom Geschick des Lesers, der vielleicht flüchtig seine Augen durch diese Zeilen gleiten läßt, um ihren Inhalt in der Unruhe des Lebens wieder zu vergessen. Beides waren Kinder, nicht einmal ihren Namen kenne ich, cs waren zwei Knaben von etwa zwei und vier Jahren, und ich beobachtete ihre Tagesstunden in der Sommersonne von einem grünen Versteck des Nachbargortens aus, in einer glücklichen Geborgenheit des Beschauens. Das Glück eines solchen Postens ist ein wemg indis­kret, und man würde sich nicht allein rechtlos, son­dern auch wie ein ungebetener Gast am Tisch des Lebens vorkommen, wenn nicht die Andacht solch tatlose Einmischung zu einer neidlosen Erkenntnis des Schönen umgestatten könnte.

Jeden Morgen brachte ein alleres Dienstmädchen, zugleich mürrisch und gutmütig, die beiden Knaben in den Garten und setzte sie auf eine große rote Deoe auf den Rasenplatz unter vier Ahornbaumen, eie schüttete aus einem Korb die Trümmer einiger bis zur Unkenntlichkeit heimgesuchter Spielsachen neben den kleinsten von ihnen, der in der Ihegel uorsog, sich zunächst niederzusetzen, und entfernte sich, meist bis zum Mittag.

Nun begann für meine beiden Nachbarn das große Leben. Ich weih erst seit ihrem Glück um nichts, wie­viel Unnötiges wir Großen nötig haben.,Der Kleine bevorzugte deutlich den gebrochenen Kopf eines höl­zernen Hahnes, den Schwengel einer Spieldose, deren Seele längst bis zur Lautlosigkeit durchforscht war, und einen braunen Gardinenring von der Größe eines Armbandes. Um diese drei Wunder menschlicher Erfindungsgabe gruppierte sich fein Glück. Er genoß ihre Herrlichkeit mit allen Sinnen, er betastete sie, er­götzte sich am Klang, den sie gaben, wenn man sie aneinanderschlug, und versäumte nie, sie zuletzt auch zu kosten. Er war in allem, was den Morgen hindurch geschah, derjenige, auf den es ankam. Sein'

6. Kohlenverbrauch per Kopf.

Als Derechnungsgrundlagc für die Punkte 1, 3. 4 dient das arithmetische Mittel der Jahre 1912, 1913. 1926, 1927, 1928 und 1929, für die Punkte 2, 5, 6 das Mittel der Jahre 1927, 1928 und 1929.

Als Grundlage des Index dient das arith­metische Mittel aus den so gewonnenen 6 Ziffern.

Heute ist es also noch unmöglich, etwas über die Entwicklung dieses Wohlstandsindex zu sagen, da ja die Ergebnisse für 1929 noch nicht vorliegen. DerWohlstandsindex", von dem nun bei 6er jetzigen Reparationstagung die Rede zu sein scheint, ist nichts anderes als die Ent­wicklung Deutschlands während der letzten Jahre. Hierbei wird meistens ein Vergleich mit dem Jahre 1924 gezogen, wobei man Übersicht, daß 1924 das Jahr nach der Inflation und nach der Ruhrbesetzung, also das Jahr schwersten wirtschaftlichen Riederganges und einer niegesehenen Verarmung war. Deswegen werden von deutscher Seite stets dieErgebnissebes Ickten normalen Friedensjahres also von 1913 als einzig maßgebend bezeichnet. Es ist deshalb auch richtig, die heutigen Ziffern mit Hinblick auf die Ergebnisse von 1913 zu analy­sieren.

Zu 1. Die Einfuhr Deutschlands hat sich gegen­über 1913 um 25 Prozent, die Ausfuhr nur um 17 Prozent erhöht. Irn Vergleich mit der Pro- duktions- und Konsumsteigerung der meisten übri­gen europäischen Gebiete, ist Deutschland in der allgemeinen Entwicklung stark zurückgeblie­ben.

Zu 2. Wenn es dem Deutschen Reich und den Ländern auch bis jetzt noch immer gelungen ist, ihre Haushalte ohne Defzit im Gleichgewicht zu halten, so ist es doch schon für dieses Jahr sehr schwer, das Gleichgewicht herzustcllen. Rur durch erhebliche Steuererhöhungen und durch äußerste Kürzung aller ent­behrlichen Ausgaben wird dies möglich sein. Allein die Reparationsbelastung des or­dentlichen Haushaltes macht mit 1200 Millionen Mark ein Achtel der gesamten Ausgaben aus.

Zu 3. Die Entwicklung des deutschen Güter­verkehrs ist von allen angeführten Punkten bei weitem die günstigste. Er ist gegenüber 1913 um 24 Prozent gestiegen.

Zu 4. Der Verbrauch an Zucker ist gegenüber 1913 um 22 Prozent gestiegen: dagegen der von Bier auf 82 Prozent, der von Branntwein auf 48 Prozent des Vorkriegsstandes zurückgegangen.

Zu 5. Obwohl Deutschland die Kriegsverluste an Menschenleben noch nicht verwunden hat, zeigt doch die Bevölkerungszahl ein dauerndes leichtes Ansteigen, aber die Zunahme ist i m Sinken begriffen.

Zu 6. Der Kohlenverbrauch ist jetzt er st dem Vorkriegsoerbrauch wieder gleich geworden.

Im ganzen dürfte Deutschlands Entwicklung hinter derjenigen des übrigen Europas zurück­bleiben.

Gibt also dieser Wohlstandsindex, selbst wenn er eine Besserung gegenüber 1924 aufweist, ein richtigeres Bild von Deutschlands Wohlstand, vom Lebensstandard des deutschen Volkes als die angeführten Zahlen von Ausfuhr. Einfuhr, Geldzins? Schließlich haben alle diese Bestim­mungen für möglicherweise noch gesteigerte Re­parationszahlungen ihre Basis im Diktat von Versailles, und dieses hat wiederum feine Be­gründung einzig und allein in der angeblichen

älterer Bruder, der zweifellos, auch abgesehen von seinem Alter, der Stärkere und Gesündere mar, schien seine ganze junge Existenz in den Dienst des Bruders gestellt zu haben. Er diente ihm mit einer Hingabe und Geduld, deren Ernst mich tief entzückte, es schien fast, als trachtete er ihm die Ettern zu er­setzen, die ich erst später gesehen habe: wahrscheinlich befanden sie sich auf einer Sommerreife.

Wer Kinder beobachtet hat, weiß, daß cs in der Regel zwischen ihnen umgekehrt zu sein pflegt, um so mehr fesselte mich die liebreiche Vorsicht des älteren Knaben, in der er über seinen Bruder wachte. Er schien von der Natur ein wenig benachteiligt gegen den jüngeren, der in seinem hellgoldnen Blondkopf mit der überzarten Gesichtsfarbe, wie ein unter­irdischer Erdengast, einem kleinen Engel vergleichbar, eine unerkannte Demut im Herzen des Bruders aus­zulösen schien. Das mochte diesen für seine vier Jahre ungewöhnlich besonnen gemacht haben: ein wenig derb und nicht eben schön, wie er war, strich er oft sein rauhes Haar aus der Äinderstim und schien zu überlegen, was wohl der Bruder meinte, der es mit der Sprache durchaus nicht genau nahm. Dann mußte man achthaben und das Unverständliche erraten, aber trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, daß das Bruder- wescn zuweilen alle Lebenslust in einem weltver­gessenden Geschrei aufgab. Schließlich verliert selbst ein Hahnenkopf vorübergehend seinen Reiz.

Die Ratlosigkeit des anderen solchem Schmerz gegenüber war bewegend, er konnte nicht trösten. Er mochte längst die Nutzlosigkeit seines Eifers ein­gesehen haben, so blieb ihm nichts übrig, als das Leid des Bruders zu teilen, und er meinte schließ­lich auf feine Art mit, aber ohne sich dabei oorzu- drängen.

Einmal sah ich, daß sie einen Käfer gefangen hatten, der ahnungslos in das Bereich ihrer Herr­schaft geraten war. Der Weitere war diesem Raub­tier gegenüber außerordentlich zurückhaltend, denn gerade hin diesen Jahren beginnt die Tätigkeit der Phantasie, und man nimmt etwas Lebendiges nicht so selbstverständlich wie mit zwei Jahre». Aber der jüngere bemächtigte sich in gedankenloser Kühnheit der Beute und zerlegte sic in blauäugiger Andacht, unter dem Hellen Löckenwald, in alle Bestandteile, in die sich etwa ein Käser zerlegen läßt. Das trug ihm die Bewunderung seines Bruders in großem Maße ein. Ich beobachtete fast täglich, wenn die Sonne schien, Vorfälle nichtiger und doch so bedeut­samer Art, und die Erlebnisse meiner beiden Nach- baren wurden in der Zurückgezogenheit meines Landaufenthalts ein wichtiger Teil meines Erlebens überhaupt.

Als ich »ach einer Abwesenheit von einigen Wochen aus der nahen Großstadt zurückkehrte, hörte ich, daß der jüngere meiner nachbarlichen Freunde gestorben sei. Er war plötzlich und unerwartet einer heimtückischen Krankheit erlegen.

Am nächsten Morgen, als ich meine Holunder­laube am Zaun bezogen hatte, sah ich nach einer

Alleinschuld Deutschlands am Kriege, an die heute Wohl nur noch wenige Menschen selbst bei den da­maligen Kriegsgegnern glauben.

Daß diese so viel von Deutschland, dem im Kriege unterlegenen, fordern, als sie für ihre Schulden an andere alliierte oder assoziierte Ra­tionen aufwendcn müssen, läßt sich von ihrem Standpunkt vielleicht begreifen. Frankreich fordert aber mehr, vor allem für den Wieder­aufbau seiner zerstörten Gebiete. Da wäre doch zu fragen: Was hat und hätte Frankreich aus den bisher von Deutschland gezahlten Repara­tionen schon an Wiederaufbau leisten können und welche Summen fehlen noch für den Wieder­aufbau? Unsere Sachlieferungen können natürlich nicht sämtlich für die zerstörten Gebiete verwendet werden. Werden denn aber in Frankreich den Summen, die es für den Wiederaufbau ausgibt, alle Beträge gewissenhaft gegenübergestellt, die Deutschland an Reparatonen leistet?

Was soll also Deutschland endgültig zahlen?

1. Die Annuitäten der Schulden unserer Kriegs­gegner untereinander? (Wenn diese Schulden mit den Reparationen auch nichts zu tun haben.)

2. Die Kosten des Wiederaufbaus in den zer­störten Gebieten? Wieviel hat Deutschland schon davon bezahlt?

Wird noch mehr gefordert? Dann aber müßte diese Forderung wenigstens ehrlich und einfach damit begründet werden, daß Deutschland be­siegt wurde. Die bequeme und niederträchtige Be­hauptung von Deutschlands Alleinschuld am Kriege sollte endlich fallen gelassen werden.

Was wir bis jetzt von den Pariser Verhand­lungen vernommen haben, sind nur Ideen und Pläne, von denen noch gar nicht feststeht, daß die Regierungen sie annehmen, ilnfcrc Vertreter auf der Pariser Konferenz werden einen schweren Stand haben, wenn es erst zur ernsten und offe­nen Diskussion über die Endsumme kommt. Aber vielleicht kommt es jetzt noch gar nicht dazu, und die Entscheidung wird wieder der Zukunft überlassen. Dann wäre aber der Beweis ge­liefert. daß der Krieg jetzt noch nicht endgültig liquidiert werden kann und die Ungewißheit über unsere Schulden und der hierdurch auf unserem Wirtschaftsleben liegende Druck wird vorerst nicht von uns genommen. Jedenfalls müssen wir mann­haft für unsere Sache kämpfen, nicht um grund­sätzlich möglichst viel herunterzuhandeln, sondern weil uns ein Friedensvertrag mit solchen Lasten auferlcgt wurde, wie er seit den Zeiten der alten Römer nicht dagcwescn ist und der gemacht war, nicht allein um Deutschland zu strafen, sondern um sein Wicderhochkommen auf lange Zeit zu verhindern.

Geschichten aus aller Welt.

Edda Mussolini.

(k) Mailand.

Fräulein Edda, die achtzehnjährige Tochter des italienischen Diktators Mussolini, unter­nimmt zur Zeit eine kleine Erholungsreise auf den indischen Gewässern. Als nun die Königin von Travancore (Travankur). des zur Präsident­schaft Madras gehörigen britisch-ostindischen Va­sallenstaates, erfuhr, daß Fräulein Mussolini sich in einer Hafenstadt ihres Reiches aufhielt, lud Ihre Majestät Edda ein, sie in ihrer Residenz zu besuchen. Edda weih, was sich schickt: sie bat ihren Vater mittels Radiogramm um Erlaubnis, erhielt diese und reifte in Begleitung des Sena­tors Conti unverzüglich nach Trivandrum, um der Königin ihre Huldigung darzubringen. Unter» Wegs wurde Edda von den Eingeborenen lebhaft gefeiert: ihr Einzug nach Trivandrum (Tiru- wanantapuram) gestaltete sich zu einem wahren Siegeszug. Die Königin unterhielt sich mehrere Stunden mit der jungen Dame und entlieh sie reichlich beschenkt. Die Achtzehnjährige kann sich nunmehr rühmen, die Stadt besucht zu haben, die dereinst ihren berühmten Landsmann, den be­deutendsten Weltreisenden des Mittelalters, Marco Polo (12541271), auf dessen Indien­fahrt beherbergte. Damals hieh Trivandrum noch C o i 1 u m, sonst hat sich aber daselbst in der Zwischenzeit herzlich wenig geändert. Denn nachdem Fräulein Edda sich von der Königin und ihren Ministern verabschiedet hatte, nahmen Ihre Majestät sowie der gesamte Hof ein öf­fentliches Bad imheiligen Flusse", um sich den religiösen Gesehen entsprechend von derBe­rührung mit den Ungläubigen zu entsühnen.

Eisenbahrtromantik.

(b) Sofia.

Asparuch Rankoss und Georgi Stohanoff waren Söhne einer armen Eisenbahnerfamilie in Rust- schuk. Aus der Schule waren sic entlassen, konn­ten aber keine Arbeit finden. Zusammen traten sie im vorigen Frühjahr die Wanderschaft an, durchquerten halb Bulgarien zu Fuß und ge­langten schließlich nach Sarambey, einer Station

Weile das ältere mürrische Dienstmädchen den älte­ren der beiden Knaben an der Hand auf den ge­wohnten Spielplatz führen: sie stellte sogar den Korb mit den gewöhnten Spielsachen neben ihn auf die große Decke, es mochte beides eher in der Ver­störtheit ihrer Trauer und in unbedachter Gewöh­nung geschehen, als eben mit Ueberlegung. Aber man ist so sehr davon überzeugt, daß ein Kind noch nicht befähigt ist, einen Abschiedsschmerz im Be­wußtsein zu durchleben, daß man sich feiner zu­meist nur in gedankenlosem Bedauern annimmt.

Der Zurückgebliebene der Zwei erweckte auch nicht den Anschein, als fei er betrübt. Merkwürdig, von allen, die ich sah, die Ettern waren nun auch zurück­gekehrt, schien nur er den Bruder nicht zu vermissen, denn ich habe ihn weder meinen »och klagen sehen, wenn die Magd bisweilen vom toten Brüderchen sprach. Er sah mit großen Augen die Tränen an und schwieg.

Da sah ich an einem Morgen, an dem das Mäd­chen sich entfernt hatte, wie das Kind die Spielfachen seines Bruders nacheinander zur Hand nahm und betrachtete, den Hahnenkopf, den braunen Ring und den Schwengel der Spieldose. Mit gesenkten Blicken und roohl in dem, was man bei einem Kinde Nach­denklichkeit nennen möchte, versuchte es mit diesen Dingen etwas anzufangen, und darüber muß ihm wohl in de» Sinn gekommen fein, daß ihn nie mand mehr brauchte. Er sah langsam auf, und fein Blick verlor sich in die Weite.

Diesen Blick habe ich nie vergeßen können, und er ist mir im Leben unter Menschen überall wieder be­gegnet, und mehr als in ihm lag, habe ich in keinem Schmerz gefunden. Dämais mußte ich die Dinge meines eigenen Lebens überdenken und ihren Wert, und mir war zumute wie meinem kleinen Nach­barn, ich fühlte plötzlich, daß alle Güter und Gaben des Daseins in unserem Herzen bedeutungslos wer­den, wenn wir niemand haben, der sie braucht.

Hochschulnochrichten.

Der ordentliche Professor der praktischen Theologie an der Ruprecht-Karls-Hniversität zu Heidelberg Geh. Kirchenrat D. Johannes Bauer ist seiner Amtspflichten enthoben wor­den. Johannes Dauer ist 1860 zu Wiesloch bei Heidelberg, als Sohn eines Pfarrers, geboren, widmete sich dem Studium der Theologie in Er­langen, Leipzig. Bafel und Heidelberg. Im Dienst der badischen Landeskirche war er bis 1890 in Emmendingen, Heidelberg und Freiburg tätig. 1892 promovierte er in Marburg zum Lic- theol. und habilitierte sich gleichzeitig für Kirchen­geschichte und praktische Theologie, wurde zum nichtetatsmähigen Extraordinarius im Jahre 1902. zum etatmäßigen 1905 ernannt, folgte zum 1. Oktober 1907 einem Rufe als Ordinarius für praktische Theologie und christliche Archäologie nach Königsberg i.Pr. 1910 erfolgte seine De­

an der großen Eisenbahnlinie BelgradKonstan­tinopel. Auch hier war keine Arbeit zu bekom­men. In ihrer Enttäuschung beschlossen sic, daS Vaterland zu verlassen, und sie bedienten sich dazu des vornehmsten Verkehrsmittels, dessen sic in Bulgarien habhaft werden konnten. In Sarambey macht allnächtlich der Orientexpreß­zug einen kurzen Halt, um Wasser zu fassen. Als Eisenbahnerkindern war ihnen ein Bahnhof wohlvcrtrautes Gelände, und unbeme'ckt gelang es ihnen, sich auf den Achsen der mächtigen Simplonwagen zu verstecken mit drei Lewa in der Tasche ohne jegliche Rahrung. Dis Osi- jek, schon jenseits der Donau, hielten sie aus, denn die damals besonders scharfe Grenzkontrolle an der jugoslawisch-bulgarischen Grenze entdeckte wunderbarerweife die beiden blinden Passagiere nicht - und es war noch nicht sibirisch kalt. In Ofijek konnten fbe unbemerktaussteigen", sich etwas Rahrung erbetteln und in der nächsten Rächt wieder den zweiten Simplonexpreß be­steigen. der sie nach Venedig führte. Die italie­nische Polizei aber hatte schärfere Augen, ent­deckte die bis zur Unkenntlichkeit durch Rauch. Oel und Staub verfchmierten Burschen und nahm sie fest. Fünf Monate brachten sic dann in ver­schiedenen italienischen Gefängnissen zu, um schließlich auf Staatskosten in die Heimat beför­dert zu werden. Jetzt sind sie, durch eiitsvrechende Reklame der Sofioter Presse, zu kleinen Berühmi- hcitcn geworden und werden jetzt Wohl ohne weiteres Arbeit finden.

Der Nachtwächter von London.

(f) Londo n.

Der Stunüenruf des Rachtwächters mit La­terne, Hellebarde und Horn wird wohl von nie­mandem mehr als etwas angesehen, was noch der Gegenwart einer modernen Großstadt an- gehbrt. Wie soll man sich auch diesen legendär gewordenen braven Rachtwächter in der mo­dernen Stadt vorstellen, wo zwischen Tag und Rächt kaum noch ein älnterschied besteht, wo die Zifferblätter elektrischer Ricsenuhren auch nach Mitternacht noch in greller Beleuchtung die Stun-

rufung nach Heidelberg als Rachfolger H. Basser- manns. 1915,16 stand Geheimrat Bauer als Pro­rektor an der Spitze der Ruperto-Earola. Einen Ruf an die Universität Leipzig als Rachfolger Rietschels hat Bauer ausgeschlagen. 1904 er­nannte ihn die Marburger theologische Fakultät zum Ehrendoktor. Bauers Veröffentlichungen be­treffen Fragen aus dem Gebiete der praktischen Theologie und christlichen Kunstgeschichte. - - Der ordentliche Professor der Botanik und Direktor des Botanischen Instituts an der Universität Freiburg i. D. Geh. Hofrat Dr. Friedrich Oltmanns ist feiner amtlichen Verpflichtung enthoben worden. Prof. Oltmanns ist Mitbe­gründer und Schriftleiter derZeitfchrift für Botanik". Der aus Oberndorf (Hannover) ge­bürtige Botaniker betuchte das Gymnasium in Lüneburg und studierte in Jena und Straß­burg. Dann bekleidete er eine Afsistentenstelle am Rostocker Botanischen Institut und erwirkte dort 1886 -eine Zulassung als Privatdozent für Bo­tanik. 1893 siedelte er als etatmäßiger Extra­ordinarius nach Freiburg i. B. über, wo er später zum ordentlichen Professor befördert wurde. Einen Ruf nach Straßburg hat er ab­gelehnt. Im Studienjahre 191213 stand Pros. Oltmanns als Prorektor an der Spitze der Frei­burger Hochschule. Den Mademien der Wissen­schaften in Berlin und Heidelberg gehört der Ge­lehrte als Mitglied an. Dem außerordentlichen Professor für alttestamcntliche Exegese in der evang.-theologifchen Fakultät der Universität Tübingen Dr. Wilhelm Rudolph find die Rechte eines ordentlichen Professors verliehen worden.

Zum Leiter des Forschungsinstituts für Pflanzenklimatologie in Trier ist Diplom-Land­wirt Dr. phil. Otto Wilhelm Keßler. Geschäfts­führer und Versuchsleiter des Reichsausschusses für Frostabwchr im deutschen Weinbau zu Oppen­heim a. Rh., berufen worden- Keßlers Arbeiten betreffen die Beziehungen zwischen Wetter und Pflanze, ferner Klimaverbefserungen. Keßler wid­mete sich in Gießen und Göttingen dem Studium der Botonik, Meteorologie sowie der landwirt­schaftlichen Fächer und erwarb 1925 de« Doktor­grad mit der ArbeitDie klimatischen Verhältnisse der Provinz Overhes- s e n und deren Einfluß auf die landwirtschaft­liche Bodenkultur" Zunächst als Assistent ani Landwirtschaftlichen Institut der Ükniversität Gie­ßen und Leiter her dortigen Wetterdienststelle tätig, wurde er später Assessor an der Landwirt­schaftlichen Versuchsstation in Darmstadt und kam 1927 in gleicher Eigenschaft an die Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Oppen­heim a. Rh. Bei dem Reichsausschuh für Frost- abwchr im deutschen Weinbau wirkt Dr. Kehler seit September 1928.