Ausgabe 
24.12.1929
 
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Nr. ZA viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 24. Dezember M<)

3n derDrachensiation amBodensee

Mit dem Forschungsschiff dem Fesselballon nach. Interessanter Einblick in die Tätigkeit eines früheren Gießener Gelehrten.

Urlaubdtage am Bodensee zwischen Friedrichs­hafen und Lindau. Bei herrlichem Sommerwetter mit tagelangem Sonnenschein und wunderbarer Sicht weit über den gewaltigen See und hinüber nach den zum Teil schneebedeckten Schweizer Ber­gen eine herrliche Zeit der Erholung. Dampfer­fahrten von unserem Standort Bad Schachen nach dem österreichischen Städtchen Bregenz mit dem Psänder und dem Schweizer Städtchen Rorschach mit der weltberühmten Flugschifs- werft der Dornier-Werke, Ausflüge nach Lin­dau und in die Umgebung Schachens, sowie das tägliche Baden im See lassen die Tage viel zu schnell vergehen. Für den letzten Tag der ersten Hrlaubswoche, den Samstag, ist der Be­such beimZeppelin" in Friedrichshafen, der am Mittag dieses Tages von L a k c h u r st zurückkehren und dann von Friedrichsha­fen aus die Weltfahrt antreten soll, vorgesehen. Am frühen Dormittag des Samstag soll, einer freundlichen Einladung Folge leistend, gleichzei­tig in Friedrichshafen die Drachen- station am Bodensee, der Wirkungsort des früher in Gießen an der Hniversität leh­renden Professors Dr. P e p p l e r besichtigt wer­den. Aber, o weh, am Freitagmittag fängt es an zu regnen, es bleibt so fast die ganze Rächt hindurch, und am Samstagfrüh, als wir kurz nach 6 Hhr, mit der Bahn von Schachen kom­mend, in Friedrichshafen eintreffen, regnet es wie Bindfaden. Trotzdem lassen wir den Mut nicht sinken, wandern im strömenden Regen vom Bahn- Hos hinaus an den" Bodenseehafen zur Drachen­station, um von dort aus eine Fahrt mit dem Forschungsschiff der Station auf den Bodensee mitzumachen.

Bon Professor Peppler werden wir in liebenswürdigster We se empfangen, alsbald mit seinen Assistenten bekanntgemacht. dann werden Lederjacken angezogen, und hinüber geht's zu dem Ankerplatz des so verhältnismäßig kleinen und doch so außerordentlich seetüchtigen For­schungsschiffes, einem langgestreckten, schwarzen Schiffskörper mit nur geringen Auf­bauten. Mit den drei Gießener Gästen kommt noch eine zwölf Köpfe starke Iungmannenabtei- lung des Marinevereins Pforzheim unter Füh­rung zweier ehemaligerSeebären" unserer frü­heren Kriegsmarine an Bord. Nachdem der Fahrtleiter. Prof. Peppler, und seine Mit­arbeiter allesklar zum Gefecht" befunden haben, geht die Fahrt los. Mit geradezu unheimlicher Geschwindigkeit saust das kleine Schiff es kann bei stärkster Motorenkraft etwa 34 Kilometer pro Stunde entwickeln! hinaus auf die weite, ziemlich bewegte Wasserfläche. Der immer noch strömende Regen trommelt unablässig in ein­töniger Melodie auf die Schisfsaufbauten, die den Meßinstrumenten und sonstigen Apparaten der Forschungsstation Schuh gegen Witterungsun­bilden bieten sollen und die auch den Fahrgästen so gut wie möglich einen Unterschlupf vor dem Regen ermöglichen Weit draußen auf dem See, auf der Höhe von Romanshorn, von wo aus man bei dem regnerischen Wetter nach keiner Seite hin das Ufer erblickt, wird die Fahrt des Schisses etwas abgestoppt. Und nun steigt aus einer kesselartigen Vertiefung im Schisfsrumpf am Heck der große gelbe Fesselballon, der bisher wie ein gewaltiges Ungetüm den hinteren Teil des Schiffes eingenommen hatte, mit einem anhängcnden Körbchen, das die fei­nen selb st schreibenden Registrier­instrumente der Station enthält, an einem dünnen Draht hinaus in die regenschwere, böige Luft. Der Auftrieb des Ballons ist sehr gut, und nicht lange dauerts, da ist er in den Wolken verschwunden. Dom Zeitpunkt des Ballonabfluges an jagt nun unser Schifflein mit höchster Geschwindigkeit der Flugrichtung des Ballons nach, die von einem der Assistenten nach der jewei- Itgeit Stellung des Haltedrahtes bestimmt wird, Kreuz und quer über den See geht nun die

schnelle Fahrt, bald hinüber nach dem Schweizer und bald zurück nach dem deutschen Ufer zu, dann wieder hinauf in Richtung Konstanz und von hier gerade entgegengesetzt auf Schachen und Lindau zu, dann wiederum kehrt, kurz und gut ein kunterbuntes Kreuz und Quer, bis schließ­lich nach mehrstündiger Kreuzfahrt der b i s z u einer Höhe von 3760 Mete r empor- geftiegcnc Ballon eingeh eit und die Rück­fahrt nach Friedrichshafen angetreten wird, während von dem Fahrtleiter und einem Assistenten die wissenschaftlichen Ergeb­nisse der Auszeichnungen in den Registrierappa­raten ermittelt werden, um sogleich nach der Ankunft in der Station durch F u n k s p r u ch nach Berlin zu gelangen, von wo sie zur wissenschaftlichen Bearbeitung und zur Derwen- düng im Flugwetterdienst weitergehen. Rach beendeter Fahrt erzählt und Professor Peppler auf unsere Bitte das Wichtigste über die Drachenstation, ihre Arbeit und ihre Aufgaben. Wir bringen es hier dem Leser zur Kenntnis.

Das aerologische Forschungsinsti- t u t am Bodensee, die Drachen st ation, ist der Initiative des Grafen Zeppelin und des Geheimrats H e r g e f e l1 entsprungen. Als zu Beginn des Jahrhunderts der Graf sein erstes Luftschiff baute, stand ihm in meteorologischen Fragen sein Freund und Berater Sjergefed zur Seite. Damals war das Luftschiff naturgemäß infolge seiner geringeren Geschwindigkeit und pri­mitiveren Bauart noch viel mehr von der Witte­rung abhängig, als der heutige Zeppelin, und die meteorologische Ravigation noch viel wich­tiger als heute, besonders die Kenntnis des Windes in der freien Atmosphäre. Die Erfor­schung der freien Atmosphäre, die sich zu einer eigenen umfangreichen, hochentwickelten Wissen­schaft in den vergangenen drei Jahrzehnten ent­wickelt hat, stand im Jahre 1901, als das erste Luftschiff gebaut wurde, noch in den Anfängen. Zeppelin und H e r g e s e l l erkannten damals bereits die Dorteile, die ein großer See für die aerologische Forschung bietet, und tarnen auf den glücklichen Gedanken, von einem fahrenden Schiffe aus die Atmosphäre mit gefesselten Drachen zu erforschen. Aus diesen ersten Drachenaufstiegen im Jahre 1901, die in den nächsten Jahren wiederholt wurden, ist die heutige Drachenstation entstanden, die vom Reiche und den süddeutschen Staaten unterhalten wird. Sie begann ihre offi­zielle Tätigkeit im April 1908.

Die Aufgaben der Drachen st ation sind wissenschaftlicher und praktischer Ratur. Die wissenschaftliche Aufgabe erstreckt sich auf die gesamte Erforschung der physikalisch-meteorologi­schen Zustände im Luftmeere bis zu großen Höhen, besonders die räumliche Verteilung des Druckes, der Temperatur, Feuchtigkeit, Bewöl­kung und Wind. Diese Wissenschaft, die Aero­logie, bedient sich verschiedener Methoden, die im Laufe der Zeit zu großer Dollkommenheit ent­wickelt worden sind. Während im vorigen Jahr­hundert im wesentlichen nur die teuren Frei­ballonfahrten der Forschung zur Derfügung standen, teils bemannt, teils unbemannt, hat gerade die Methode der gefesselten Flugkörper, Drachen und Fesselballon, große Erfolge gezeitigt.

Die Drachenmethode beruht darauf, daß an sehr festen Stahldrähten von 0,6 bis 0,9 Milli­meter Durchmesser bei stärkerem Winde von etwa 7 bis 8 Metersekunden Drachen hochgelassen wer­den von einer elektrisch betriebenen Winde, wie sie ähnlich bei den Tiefseelotungen benützt wird. Ist die Tragfähigkeit des ersten Drachen durch das anhängende Drahtgewicht erschöpft, so wird nach etwa 1500 Meter Draht ein Hilfsdrachen und nach weiterem Auslassen von 1 bis 2 Kilometer Draht ein zweiter und ein Dritter Drachen an­gehängt. Mit dieser Kette von Drachen ist es möglich, 4 bis 5 Kilometer Höhe zu erreichen. Die Aufstiege vom fahrenden Schiffe aus haben

Das Erbe des Herrn von Anstetten.

Vornan von I. Gchneider-Foerstl.

Urheber-Rechtsschuh durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

34. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ende Januar befand Akab einen eingeschrie­benen Brief von seinem Gebieter.

Mein Getreuer!

Die Derhältnisse haben sich in den letzten Wochen so gestaltet, daß es für mich aus­geschlossen ist, je wieder nach Indien zurück­zukehren. Anfang Mai werde ich Dater sein. Ich bitte Dich, daß Du mich nicht zu sehr ver­achtest. Meine Pflicht ist es, nun bis ans Ende hier auszuharren. Ich möchte Der nicht verhehlen, daß ich es gern tue, denn ich liebe diese Frau mit einer Inbrunst, die aller anderen Gefühle spottet.

Da ich dem Sohn des Toten fein Erbe in keiner Weise schmälern will, möchte ich Dich er­suchen, folgende Anweisung genau zu erfüllen: Du verkaufst das Haus in Benares samt allem, was dazu gehört, zu einem Preis, der nicht zu weit hinter dem wirklichen Wert' zurückstcht. Den Betrag deponierst Du auf meinen Ramen auf der Englischen Bank. Von den anfallenden Zinsen hebst Du für Deine Bedürfnisse ab, was Du brauchst.

Der Bungalow in Dardschiling ist ab heute Dein Eigentum. Du kannst nach Belieben dar­über verfügen, doch möchte ich Dich bitten, daß Du ihn nicht veräußerst. Solltest Du das einmal im Sinne haben, so bedinge ich mir das Vor­kaufsrecht aus.

Cs könnte fein, Akab daß ich doch eines Tages eine Zufluchtsstätte benötige! Einen Win­kel, wohin ich mich verkriechen kann, wenn alles über mir zusammenbricht. Ich hoffe zwar, daß mein Glück noch viele, viele Jahre dauert, aber das Leben würfelt zuweilen Geschicke aus, die aller Berechnung spotten. Das ist der ewige

Wermutstropfen in all der Freude, die mir die Gegenwart schenkt, daß ich nie so ganz froh werden kann. Ich habe eben die Zeit verpaßt und muh nun tragen, was ich nicht anders wollte.

Laß es Dir gut gehen, mein Lieber! Sollte ich größere Beträge benötigen, so schreibe ich Dir. Du hebst sie dann von der Bank ab und läßt sie an meine Adresse kommen. Vergiß nicht, alle Vorsicht zu gebrauchen, mein Geheimnis zu bewahren. Dein Sahib."

Akab las die Zeilen mehreremal hintereinander und schüttelte den Kopf, als er sie in einer Lade des Zimmers versperrte.Die Zeit ver­paßt? Rein! Roch nicht! Aber wenn ich auch schriebe und den Rat geben würde: Sahib Günther, gehe zu Deiner Frau und sprich mit ihr, sie wird Dir um des Kindes willen gerne vergeben es wäre doch umsonst!"

Man mußte den Dingen ihren Lauf lassen.

Der Verkauf des Besitzes in Benares nahm Wochen in Anspruch. Interessenten gab es viele. Liber die Angebote waren durchweg unter Wert. Das konnte Akab vor dem Gebieter nicht ver­antworten. Erst Ende April glückte es, die Sache nach Anstettens Wünschen zu regeln.

Ein englischer Regierungsbeamter, der mit Frau und Kind frisch nach den Kolonien verseht war, erstand das reizende Heim um eine Summe, die eher ein Zuviel als ein Zuwenig bedeutete. Der Vertrag wurde abgeschlossen. Da Akab Ge­neralvollmacht besaß, ergaben sich keinerlei Schwie­rigkeiten.

An dem Tage, an welchem er das Geld auf der Bank deponierte, traf ein Telegramm von Anstetten ein:

Uebertoeife sechshundert Pfund an Deutsche Bank, Wien l.

Hairs Peter."

Akab hob die Summe ab und ließ sie an die gewünschte Adresse gehen. Eine liefe Sorgrnfalte stand dabei in seinem Gesicht geschrieben. Wenn der Sahib fein Vermögen vor der Zeit verschleu­derte was dann? Möglicherweise kam er eines Tages als Bettler zurück! Als ein vom Glück Verstoßener?

Der Hindu hatte viel böse Träume gehabt in letzter Zeit. Unb alle hatten sich um den Ge­

ben großen Vorteil, daß man den Drachenwind durch die Eigengeschwindigkeit des Schisses be­liebig verstärken und abschwächen kann.

In den ersten Jahren der Arbeit der Drachen- station stellte sich schon heraus, daß am Bodensee der Wind für Drachenausstiege im allgemeinen zu schwach ist, so daß man immer mehr zur Ver­wendung von Fesselballonen an Stelle der Drachen überging. Während des Hochlassens des Fesselballons fährt das Schiff mit dem Bal­lon derart, daß er möglichst senkrecht über dem Schisse steht. Aus dem Kurs und der Geschwindig­keit des Schisses läßt sich dann auf recht einfache Weise Windrichtung und Geschwindigkeit in den verschiedenen Höhen des Luftmeeres ableiten. Cs ist selbstverständlich, daß dazu ein möglichst schnel­les Schiff zur Verfügung stehen muß. Das nach dem Typus eines Torpedobootes gebaute For­schungsschiff der Drachen st ation er­füllt diese Bedingung, denn es läuft im Maximum 9 Metersekunden. Ist die Tragfähigkeit des Bal­lons erschöpft, was je nach der Größe und dem Austrieb des Ballons bei etwa 5 bis 7 Kilo­meter der Fall ist, dann wird der Ballon mit der elektrischen Winde wieder herabgeholt, wobei das Schiff ebenfalls mit dem oberen Winde läuft. Die größte mit Fesselballon erreichte Hohe betrug 7600 Meter, die mittlere etwa 4500 Meter. Die Registrierinstrumente, die an die Drachen oder Fesselballone angehängt werden, registrieren während der ganzen Zeit der Aufstiege und Ab­stiege kontinuierlich den Luftdruck, die Tem­per a t u r und die Feuchtigkeit, so daß die wichtigsten meteorologischen Faktoren in jeder Höhe bekannt sind.

Diese Aufstiege werden mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich kurz nach Sonnenaufgang ausgeführt. In der über 20jährigen Tätigkeit der Drachenstation ist ein für wissenschaftliche Untersuchungen wertvolles und reichhaltiges Material von Tausenden von Aufstiegen gewonnen worden, die zu zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten verwendet worden sind, so daß heute die physikalischen und meteorologi­schen Verhältnisse des Luftmeeres im Alpen­vorland in allen Einzelheiten so gut bekannt sind, wie es in keiner Gegend der Erde der Fall ist.

Außer den regelmäßigen Drachen- und Fessel­ballonaufstiegen vom Schiffe aus werden täglich

mehrmals noch sogenannte Pilotvisierun­gen ausgeführt, indem man kleine, mit Wasser^ stoff gefüllte Pilotballone, deren Ausstiegsge schwindigkeiten bekannt sind, frei mit dem Winke fliegen läßt, und mit einem zu diesem Zwecke gebauten Theodoliten visiert. Aus der Flugbahn der Ballone kann auf einfache Weise Richtung und Geschwindigkeit des Windes bis zur Höhe von über 20 Kilometer berechnet werden.

Außerdem werden an der Drachenstation mit einer Reihe von Registrierinstrumenten Luftdruck. Temperatur. Feuchtigkeit und Wind am Boden dauernd registriert. Die Ergebnisse bilden so­wohl für wissenschaftliche Untersuchungen über die meteorologischen und klimatischen Verhältnisse des Alpenvorlandes ein wertvolles Material, als auch eine wichtige Grundlage für den Ver­kehr mit Flugzeugen und Luftschiffen.

Die Beobachtungsergebnisse werden außerdem täglich mehrmals für die Wettervorher sage und vor allen Dingen die Luftver- kehrssicherung nutzbar gemacht durch draht­lose Weitergabe an die Berliner Zentrale des Deutschen Höhenwetterdienstes und von dort an die Flugwetterwarten und Flughäfen.

Ein Rundgang durch die Stations­räume mit ihrem außerordentlich interessanten Inhalt an wissenschaftlichem Material und tech­nischem Gerät, das der liebenswürdige Leiter mit aufschlußreichen Worten erläuterte, beschloß den denkwürdigen Besuch. Wenn etwas die Freude der Gäste über die hervorragende wissenschastliche Arbeit dieses Forschungsinstituts zu trüben ver­mochte, so war es die Mitteilung auf unsere Frage, daß der Drachenstation z. Z. leider nur ganze 38 000 M k. pro Jahr zur Ver­fügung stehen, mit denen alles, einschl. Ge­hälter, Löhne usw., bestritten werden muß. Es ließe sich in der wissenschaftlichen Arbeit dieses Instituts noch viel mehr ausbauen zum Segen der Menschheit, wenn die Geldmittel nicht gar zu knapp bemessen wären. Könnten das Reich und das Land Württemberg, vielleicht auch die Rotgemeinschast der deutschen Wissenschaft hier nicht alljährlich noch ein paar Tausender zulegen? Und wären für dieses Forschungsinstitut nicht auch noch private Freunde und wohlmögende Förderer der Wissen­schaft in deutschen Landen zu finden? E. B.

Gießen im Siebenjährigen Krieg.

Heber diesen Gegenstand sprach Pros.Dr.Rös­chen (Laubach) am 2. Vortragsabend des Oberstes sis chen Geschichtsvereins, dessen Ehrenmitglied er ist. Er berichtete zunächst über die Quellenwerke zur Geschichte des westlichen Schauplatzes des Siebenjährigen Krie­ges, indem er sie einer eingehenden Kritik in bezug auf ihren Wert unterzog. Leider ist das GeneralstabswerkDie Kriege Friedrichs des Großen" nur bis zum Jahre 1760, bis zu den Ereignissen vor der Schlacht bei Torgau durch­geführt. Wie der Vortragende 1916 von Major von Joachim störte, wird das Werk in abseh­barer Zeit nicht in Angriff genommen werden. Im folgenden behandelte Prof. Röschen ein­gehend die Anlage der Festung Gießen. Er widerlegte die vielen Behauptungen von der Unzulänglichkeit der Gießener Festungswerke. Gießen war durchaus nicht unbedeutend. Als Stützpunkt für die französischen Heere bildete die Lahnstadt eine Vormauer der Maingegend, von wo die Verpflegungsmittel bezogen wurden. Von Gießen aus erfolgten die Vorstöße gegen die feindlichen Gebiete. Der Vortragende ver­wertete auch die Ergebnisse seiner Forschungen in den Staatsarchiven zu Darmstadt, Marburg, Paris und London. Er bot nach den Plänen von Laurens und Artus eine genaue Be­schreibung der Festungsanlagen. Vier Jahrelang behaupteten die Franzosen die Festung. Die Hauptstärke der Befestigungen bildeten der gegen 10 Meter hoste Erdwa11, der eine gemauerte Cskarpe (eine gemauerte innere Böschung) hatte, und der tiefe und breite Wassergraben. Einen besonderen Vorteil boten die Lahn und die Wieseck, wodurch die Festung unter Wasser

gesetzt werden konnte. Eine Reihe starker D a - ft i o n e n schützten die Stadt; die bedeutendste war die Georgenschanze auf der Südwestseite. Seit dem Jahre 1757 sanden verschiedeneDurchzüge fran­zösischer Truppen statt, jedoch erst am 16.Rovember 1753 gelang es den Franzosen, die Besetzung dcr Festung endgültig zu erzwingen. In den Mittel­punkt der Kriegsereignisse trat Gießen im Herbst 1759. 21 ach dem glänzenden Siege des H e r z o g s Ferdinand von Braunschweig bei Minden am 1. August 1759 flüchteten die Fran­zosen gegen die Lahn. Sie wurden von Stellung zu Stellung vertrieben. Am 6. September bezogen sie ein festes Lager zwischen Großen-Buseck und Rödgen; in Annerod war ihr Haupt­quartier. Die Reserve stand zur Deckung von Wetzlar zwischen Münchholzhausen und Dudenhofen, ein starkes Verbindungskorps zwischen Gießen und Klein-Linden. Alle Anhöhen bei Gießen wurden mit starken Feld­schanzen versehen. Am 19. September bezog das alliierte Hauptheer eine starke Stellung auf der rechten Seite der Lahn. Das Hauptquartier des Herzogs Ferdinand kam nach Krofdorf; alle Höhen von Fellingshausen bis Wismar wurden stark verschanzt. Prof. Röschen machte nähere Angaben über verschiedene Schan-- zen in der Umgegend von Gießen: im Phil o* sophenwald, auf dem Wettenberg, bei Wismar usw., die sich noch bis heute erhalten haben. Der OHangel an Verpslegungsmitteln zwang am 5. Dezember das französische Heer, bis Friedberg zurückzugehen. In Gießen ließen sie eine Besatzung von 3000 Mann zurück. Am selben Tag begann Herzog Ferdinand die Belagerung der Festung. Da er aber bald einen

bietet gedreht: Einmal kam er in Lumpen ge­kleidet an seine Türe und brach tot auf der Schwelle zusammen gestern sah er ihn mit blutüberströmtem Gesicht durch die Gartentüre des Bungalow fallen, und als er hinzusprang, ihn aufzuheben, hielt er ihn leblos in den Armen.

Sollte er ihn warnen? Wieder seine Seele hinüber nach Anstetten schicken, wie er es schon zweimal getan hatte? Aber der Sahib war jetzt so mitten in seiner Liebesseligkeit. Vater sollte er werden! Vater! Akab konnte sich nicht entschließen, ihn aus all dem Taumel seines Glücks zu reißen.

Rur den Bungalow in Dardschiling hielt er immer bereit. Stets brannte nachts ein Licht in dem kleinen Flur, daß t?r nicht strauchle, wenn er unvermutet kommen sollte. Immer stand Backwerk und frisches Wasser bereit, wenn er matt und elend den Berg erklimmen und bei ihm Zuflucht suchen würde.

Aber der Sahib kam nicht!

Statt seiner traf in den ersten Tagen des Mau eine Depesche ein.

..Ein Sohn. 3m Uebermah des Glückes

Dein S a h i b."

Ein Sohn! Akab brach frisches Grün und schmückte Günthers Arbeitszimmer. Dann fastete er bis zum Abend Buddha zu Ehren, daß er das Glück des Gebieters schirmen und erhalten möge.

Ein Sohn!--Hans Peter stand über das

Lager seiner Frau geneigt und küßte den schmerz­verzogenen Mund in dem schmalen Gesicht.

Ich bin doch nicht mehr neunzehn Jahre, wie damals." Das Lächeln, das dabei um ihren Mund zittene, war etwas verzerrt.Ich hätte dir so gerne eine Tochter geschenkt, Hans Peter! Verzeih die Enttäuschung."

Ich bin der seligste Mann, Brunhilde."

Dann ist ja alles gut! Laßt mich jetzt ein we­nig schlafen und tragt Bernd den Bruder hin­über, wenn er kommt."

Anstetten neigte sich über die geliebte Frau, bie in tiefster Erschöpfung ihre Augen schloß. Ich danke dir! Ich danke dir!" hörte sie ihn flüstern, aber sie war zu müde, auch nur ein schwaches Lächeln in ihr Gesicht zu zwingen.

Als Bernd von seinem Spazierritt nach Hause kam, hielt ihm der Vater ein süßes, schlafendes Menschenkind entgegen. Chatlen, die man zur Pflege der Mutter geholt hatte, stand mit fie­bernden Wangen und wagte kaum zu flüstern.

Ein Mädchen, Vater?" hauchte Bernd.

Ein Bruder!"

Das junge Gesicht strahlte. Als er die Arme nach dem Kleinen streckte, wehrte Chatlen mit allen Zeichen des Entsetzens und nahm das spitzenbesehte Bündel an sich.Rur ansehen, Bernd!--Und küssen! Und wenn die Mutter

erwacht, begrüßt du sie. Sie ist sehr müde."

Freust du dich, mein Bub." Anstetten ließ keinen Blick von dem Gesicht seines Aeltesten.

Heber die Maßen, Vater "

Du wirst um nichts in deinem Erbe geschmä­lert werden, Bernd," tröstete er.

Geschmälert?--Wie kommst du nur auf

solche Gedanken, Papa. Ich habe mir ja immer jemand gewünscht, mit dem ich teilen kann. Ich bin beinahe so alt wie du, wenn er aus der Schule kommt. Glaubst du, daß er mich re­spektiert?"

Wir wollen es hoffen, mein Junge." Heber Anstettens Gesicht flog für Sekunden ein frohes Lachen.

Als General Lötzen vier Tage später kam. seinen jüngsten Enkel in Augenschein zu nehmen, fand er eine Familie, über deren Glück nur ein einziger Schatten schwebte! Es war Brunhildens noch immer große Schwäche. Hnd als diese nach Wochen endlich behoben war, wurde das Leben nur mehr eine Flut von Sonne, die sich Tag für Tag über Anstetten ergoß.

Bernd hatte die Hochschule bezogen und be­kam der Form nach an seinem achtzehnten Ge­burtstag Anstetten zugeschrieben. Aber in der Verwaltung des Gutes blieb alles beim Glei­chen. Brunhilde erblühte wie eine Frau, die kaum die Zwanzig überschritten hat, und der kleine Hans Peter gedieh in einer Weise, daß Chatlen ihn immer mehr und mehr der Obhut anderer übertaffen mußte, weil fein Gewicht ihren zarten Armen zu schwer wurde.

(Fortsetzung folgt.)