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Nr. 301 Erstes Blatt
1Z9. Zahrgang
Dienstag, 2^. Dezember 1929
Ericheini laglich, außer Sonntags und feiertags.
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Die OHuftrierte Gießener Familienblätter
Heimat im Bild Die Scholle
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr Will). Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Vr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den AnzeigenteU Max Filter, sämtlich in Gießen.
........den Menschen ein Wohlgefallen."
Von D Dr. £. Cordier, 0. Prof. d. Theologie an der Landesuniversität Gießen.
Das ist der uns allen wohlbekannte Ausklang der Weihnachtsbotschaft, mit der nach der Er^ Zählung des Evangelisten Lukas die Engel auf Bethlehems Fluren der Welt daZ Heil verbündet haben. Eigentlich hat Luther hier ungenau überseht, was in der griechischen Bibel steht. Aber gerade diese seine Uebersetzung führt tief und fein in den Sinn der Weihnachtsbotschaft hinein. Denn um nichts anderes geht es an Weihnachten, wenn wir Weihnachten von der menschlichen Seite betrachten, als daß das Verhältnis der Menschen untereinander wieder in Ordnung gebracht werde, daß Wohlgefallen auf Der Menschheit ruhe, ein letztes, endgültiges Wohlgefallen, Gottes Wohlgefallen. Man begreift von hier aus den Auftakt der Weihnachts- runde neu: „Ehre fei Gott in der Höhe", und man kann wieder an das schwer faßbare Mittel- slück dieser Botschaft glauben: „Friede auf Erden", wenn sich ihr Ausklang zu verwirklichen beginnt: „Den Menschen ein Wohlgefallen".
Fahre schwersten Erlebens haben unsere Welt für diese Botschaft reif gemacht. Cs gehört zu Den großen Erkenntnissen unserer Tage, daß es im Grunde kein privates Glück, kein privates Wohlergehen eines einzelnen Menschen geben kann, llnfer „Wohlgefallen" ist immer ein gemeinsames. Es ist bedingt von dem Verhältnis, in welchem wir zu den anderen, zu unseren Mitmenschen, zu unserem Nächsten stehen. Auch wenn uns alles zur Verfügung stünde, um unsere eigene Existenz nach Wunsch so reich wie nur denkbar, auszustatten, es würde doch die höchstgesteigerte Persönlichkeit, auf sich gestellt, noch nicht das eigentliche „Wohlgefallen" bedeuten können. Die Pflege der eigenen Persönlichkeit führt letztlich in gähnende Einsamkeit, in erstarrende Isolierung und damit zum Tod. Denn das heißt Sterben, daß die Beziehungen zum Leben ringsum abgebrochen find.
Wir beginnen heute diese Todesstarre des itomificrtcn Einzel lebens zu durchschauen. Wir ahnen wieder, was Leben ist. Leben heißt für uns, teilnehmen an der vollen Wirklichkeit ringsum, eine Welle sein im Lebrnsstrom, der nns mit allen den Menschen trägt, die unsere Welt, unsere Zeit bilden. Wir spüren etwas davon, daß wir niemals aus uns selber und mit uns selber und zu uns selber lebendige Menschen fein Finnen, sondern nur zusammen mit den Menschen, die unsere Existenz bestimmen. Kinder sind nur wirkliche Kinder mit ihren Eltern und mit ihren Geschwistern zusammen: man versagt ihnen aifo ein Stück Leben, wenn man ihnen keine Geschwister gönnt. Die junge Generation ist nur j ung mit der älteren zusammen, die wirklich die ältere ist, und der Mann ist in der Ehe nur Mann mit der ihm bestimmten Frau — es gibt Fein Einzelglück in der Ehe. Der Meister ist nur Meister mit seinen Gehilfen, denen er helfen und die ihm helfen dürfen. Ein Volk ist nur Volk im Lebensraum mit seinen Nachbarvölkern ... wir könnten die lange Linie dieser wesenhaften Beziehungen beliebig fortfetzen, und wir kämen immer wieder zu dem gleichen Cr- Bcbnie: wir sind alle aufeinander angewiesen!
llehr noch: was wir find, sind wir nur durch die Mitbestimmung der anderen! Man kann nicht Arbeiter sein ohne andere, die die Arbeit ehren wnd ihren Ertrag nutzen wollen. Man kann nicht lehren ohne Menschen, denen diese Lehre Leben gibt, die sie sich innerlich aneignen. 3a, Las Arbeiten, das Lehren bedarf des inneren Entgegenkommens des anderen, daß es die Ar- Bcitenoen, die Lehrenden in ihrer Tätigkeit be- ßcuchte und diese zur freudigen Aufgabe mache. Wir Menschen können untereinander nicht leben »hne „Wohlgefallen", ohne innerlichste Beziehungen, ohne Hilfe voneinander und Achtung Voreinander. Wir müßten sonst sterben an der Beziehungslosigkeit, es ginge uns sonst der geistige Atem aus. Wir sind nicht einfach „Einzelmen- KHen", wir sind Menschheit, wenn anders wir Vas fein wollen, wozu uns die Schöpfung be- ftimmt hat. Cs ist das eine große Geheimnis Äer Weichhnachtsbotschaft. daß sie nicht einen «einzelnen Menschen, etwa den Frommen, den Wissenden, anspricht, sondern daß sie an alhe Dich wendet, daß sie allen Kunde gibt: „den Menschen" ein „Wohlgefallen".
3ft uns diese Wahrheit einmal aufgegangen, S-ann sehen wir die Menschheit mit anderen Augen an. Wieviel Selbstverstümmelung, weil ans unsere Person, unser 3ch, noch die Wirklichkeit bedeutet! ilnb welch eine Verkehrung der gottgewollten Beziehungen zueinander! Was ist »ns der andere? Der Konkurrent, mit dem wir um d<m Platz an der Sonne kämpfen? Das 3n- jtrument, mit dem wir unsere Macht behaupten? Äas Spielzeug, mit dem wir uns das Leben unterhaltsam machen? Der andere sollte ein Stück unserer Wirklichkeit, unser zweites Selbst, unsere Ergänzung fein! Mehr noch: wir sollten mit ihm zusammen ein Stück Menschheit. Gegenwart, Volk, Zeitwirklichkeit bilden! Nicht, als wüßte das in harmonischem Gleich klang geschehen, ei soll und muß auch in bewußtem Gegensatz er» folgen können, — aber gerade damit in Beziehung, als Ergänzung, als Gegenpol, in der Nolle ces politischen, wirtschaftlichen oder irgendwie sonst gearteten Partners! ilnb damit als „Partner“ ernstgenommen bei aller Gegensätzlich- Feit, anerkannt als ein Stück Wirklichkeit, das cöenso notwendig sein mag im Organismus des
Prof. Moldenhauer Reichsfinanzminister.
Robert Schmidt Reichswirtschastsminister.
Berlin, 23. De;. (WB.) Der Herr Reichspräsident Hal auf Vorschlag des Herrn Reichs- k a n ; l e r s drn derzeitigen Reichswirlschastsminister Dr. Moldenhauer zum Reichsminister der Finanzen und den Reichsminister a.D. Robert Schmidt, M. d. R., zum R e i ch s w i r l - schastsminister ernannt.
Der neue Reichsmirtschaftsininister Robert Schmidt wurde am 15. Mai 1864 in Berlin geboren. Bon 1893 bis 1903 war er Redakteur des „Vorwärts", worauf er von 1903 bis 1919 Mitglied der ©cneralfommiffion der Gewerkschaften und Angestellten dieser Organisation war. Im Oktober 1918 wurde er Unterstaatssekretär im Reichsernährungs- amt, im Februar 1919 Minister für Ernährung und Landwirtschaft, später Reichswirtschaftsminister. Im August 1923 war er Vizekanzler und bis November 1923 Minister für Wiederaufbau. Er gehört der Sozialdemokratischen Partei an.
Der neue Staatssekretär.
Berlin, 24. Dez. (TU. Funkspruch.) wie die „D. A. 3.“ erfährt, ist als Staatssekretär im Reichsfinanzmini st erium der Minislerial- direklor im Reichewirtschaftsminifterium Dr. Hans Schäffer auserfchen.
Berliner Kommentare.
Berlin, 24. Dez. (Funkspruch.) Die Neubesetzung des Finanz- und des Wirtschaftsministe- riums veranlaßt die Berliner Blätter zur ausführlichen Stellungnahme.
Die „D. A. Z." schreibt, dah die Deutsche D 0 l k s p a r t e i sich kurz vor den Haager Verhandlungen mit der Verantwortung für bas in den Tributfragen federführende Ministerium belaste in einer Koalition, die nach der grundsätzlichen wirtschaftlichen Einstellung ihrer Mitglieder auch in der Finanzrefvrm auseinanderfallen müife, sei ein entsagungsvol- l e s schweres Opfer. Es werde die politisHe Klärung im Nahmen der Partei wahrscheinlich beschleunigen. 3m Grunde sei es überhaupt ein Unding, daß in den wirtschaftlichen Ministerien, die doch Aeste ein und desselben Baumes seien, nach völlig entgegengesetzten Tendenzen regiert worden sei und auch in Zukunft regiert werden solle. An seinen inneren Widersprüchen werde das Kabinett nach den Haager Verhandlungen scheitern.
Die deutschnationale ,B ö r s e n z e i t u n g" bedauert die Lösung nicht, nicht weil sie zu der Persönlichkeit des neuen Finanzministers kein Vertrauen habe, sondern weil sie fürchte, daß hier ein großer Aufwand nutzlos ver- t a n werde. Sie sei überzeugt, dah kein Finanzminister in dieser durch den überragenden Einfluh der Sozialdemokratie belasteten und gelähmten Regierung bzw. Negierungskoalition jeweils er
folgreiche Arbeit werde leisten können. Es fei der Sozialdemokratie gelungen, das verantwor- tungsvollste und daher undankbarste Ressort von sich abzuwälzen und doch ihren zahlenmäßigen Einfluß zu behaupten. Das Manöver der „Mi- nisterschisbung" sei der Sozialdemokratie geglückt.
Die „Germania" schreibt, wenn der bisherige Wirtschaftsminister Pros. Dr. Molden- Hauer nunmehr die Verantwortung für das Reichsfinanzministerium übernehme, so entspreche dies der Tatsache, daß die Deutsche Volks- Partei an dem Rücktritt Hilferdings maßgebend beteiligt und in erster Linie für ihn verantwortlich sei.
Die „V 0 s s i s ch e Zeitung" schreibt, durch die Ernennung Dr. Moldenhauers zum Reichs-
königsbe cg, 23.Dez. (WB.) Die Reichsbahn- biretlion feilt mit: heute nachmittag gegen 2 Uhr ist nach Mitteilung der polnischen Sfaatsbahndirek- tion Danzig der D - 3 u g 5 5Berlin— Schnei- demühl-Deuts ch-Eylau —Allen st ein — Insterburg auf polnischem Gebiet bei Walden zwischen Schneidemühl und Rakel mit sechs wagen cn (glei ft. Rach Angaben der polnischen Eisenbahnverwaltung sind 15 Personen ver- letjt, niemand getötet. Untersuchung und Rettungsmaßnahmen obliegen der polnischen Staatsbahnverwaltung. Diese hat einen Ersahzug nach Deutsch-Eylau—Insterburg abgesandt, der erst im Lause der Rächt in Deutsch-Eylau zu erwarten ist.
Der Ersahzug des bei Walden entgleisten O-Zuges Derlin-3nsterburg ist gegen 21.45 Uhr in Deutsch-Eylau eingetroffen. Unter den mit diesem Zuge eingetroffenen Reifenden befanden sich nur drei Leichtverletzte. Cs sind dies Fräulin Charlotte Stahnke, Kassier'' in aus Berlin, Fräulein 3 u n g a aus M:ns- gutb in Ostpreußen und Fräulein Teichert aus Riesenburg in Ostpreußen.
Eine polnische Darstellung.
Danzig, 23. Dez. (WTD.) Zu dem Eisen- bahnunsall im polnischen Korridor verlautet von polnischer Seite, daß der O-Zug Berlin- 3nsterburg bei der Einfahrt in die Station Walden mit der Lokomotive und vier Wagen entgleist sei. Dabei seien 15 Personen leicht verletzt worden, in der Hauptsache Passagiere des sogenannten offenen Zugteils, der dem Reiseverkehr Deutschland- Polen diente, während die geschlossenen, für den Transitverkehr bestimmten Wagen unversehrt blieben. Ernstlich verletzt sei nur das Personal der Lokomotive. Die Verletzten konnten mit dem Crsahzuge die Fahrt nach Deutsch-Eylau fortsetzen. Der Verkehr zwischen
sinanzminister sei ein sehr eigenartiger Zustand herbeigeführt. Die Regierung und ihr neuer Finanzminister wollten nach wie vor Steuersenkungen. Die sozialdemokratische Reichs- tagssraktion, die bisher sehr widerwillig dem sozialdemokratischen Finanzminister auf dem Wege des Regierungsprogramms gefolgt war, werde jetzt unter der finanzpolitischen Führung von Dr. Hertz unter Beistand des noch viel intranfigenteren Abgeordneten Keil gegen jede Steuersenkung fein. Das bedeute unter Umständen eine Schwierigkeit für die Regierung, die nach der Haager Konferenz vermutlich zu sehr ernsten Auseinandersetzungen führen werde, wenn man überhaupt glaube, daß das gegenwärtige Kabinett
Weißenhöhe und Rakel werde bis auf weiteres eingleisig durchgeführt.
Was Augenzeugen berichten.
Deutsch-Eylau, 23. Dez. (WTD.) Von dem Eisenbahnunglück im Korridor gibt das „Westdeutsche Tageblatt" folgende Darstellung nach den Berichten von Augenzeugen: Bei der Einfahrt in den Bahnhof Walden sprang die Lokomotive des Unglückszuges, der voll beseht war, bei mittlerer Geschwindigkeit aus bisher ungeklärter Ursache plötzlich aus den Schienen und riß die nachfolgenden Wagen mit sich.
Die Maschine, die sich durch den Ruck losgerissen hatte, kipple um. Der Packwagen wurde mit den nachfolgenden wagen erster und zweiter Klasse zusammengepreßt, wobei mehrere Schwerverlehtc zu verzeichnen waren. Die nächsten wagen blieben mit starker Reigung zwischen den Schienen stehen.
Durch die ungeheure Erschütterung zersplitterten sämtliche Fensterscheiben, wodurch der größte Teil der Reisenden Verletzungen davontrug. Der Lokomotivführer trug außer einem Beinbruch verschiedene Kopf» und Handverletzungen davon. Die Zahl der Verletzten wird mit 10 angegeben. Der zahlreichen Reisenden bemächtigte sich eine große Panik, die durch den Umstand erhöht wurde, daß
die waggontüren, wie im Korridor üblich, verschlossen
waren. Ein Hilfszug aus Rakel war e r ft nach 1 '/r Stunden zur Stelle. Die Schwerverletzten litten bis dahin sehr unter dem Mangel an Verbandzeug. Sie wurden fbätet nach Bromberg ins Krankenhaus gebracht. Die Leichtverletzten und die übrigen Reisenden konnten nach mehrstündigem Warten die Reise in einem Sonderzug fortsetzen.
Deutscher D-3ufl im polnischen Korridor entgleist.
Ganzen, wie wir selber mit unserer eigenen Einstellung. Wissen wir von dieser Zusammenge- hötigkell auch im Widerspruch, dann vergeht uns die Lust, in der Eigenbehauptung den andern auslöschen zu wollen. Dann wissen wir um ein „Wohlgefallen" unter den Menschen, das mehr ist als persönliche Harmonie und Sympathie, ein Wohlgefallen, das von uns selber wegweist, das ein großes Ganzes ahnt, das der ausein- anderlaufenden Linie gleicht, die zusammentrifft in der Rundung der Unendlichkeit.
3st Weihnachten, menschlich gesehen, die Botschaft von einem ganz neuen Verhältnis untereinander, zu dem wir bestimmt sind, dann mag freilich die Weihnachtsbotschaft sich als eine ganz schwere Last auf uns legen. Denn ist das nicht gerade untere Rot, daß wir uns wohl gegenseitig suchen und fördern wollen, wenigstens auf einer gewissen Stufe der Gesittung, dah wir uns aber in der Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist, einfach nicht zu finden vermögen?! Cs liegt in der Tat ein Zug zum andern in uns, wir möchten uns gegenseitig lieben, achten — und wir müssen uns doch immer wieder hassen und meiden. Es gerinnt in unseren Händen zu Cis, was als ein Strom der Liebe zum Rächsten gedacht war. Wir schließen miteinander Verständigungsverträge ab, aber die Verträge werden uns zu Gegenständen des Zankes und des Kampfes. Wir ermannen uns zu Taten der Liebe, und die Liebe wird zum Eigennutz, das Handeln aus Liebe zum gewinnbringenden Geschäft, die Tat der Liebe zu Gunst und Berechirung. Mit dem besten Wollen sind wir ausgezogen und erleben gerade mit unserem guten Willen Schiffbruch am andern. Vielleicht daß des andern Sünde uns reizt oder lockt, daß wir sein Unrecht mit Unrecht erwidern, daß wir an und mit des andern Schuld selber schuldig werden.
Aus solcher Rot erschließt sich uns erst letzter, tiefster Sinn der Weihnachtsbotschaft. Gott will, daß der Menschen Wege in Wohlgefallen sich wieder zusammenfügen. Aber Gott mutet uns das nicht zu als eine Leistung vom Menschen her, deren wir nicht fäfji$ sind. Weihnachten kündet: Diese neue Einung tft von Gott aus geschehen! Das „Wohlgefallen" spricht Gott über uns aus! Wir sollen zusammenstehen dürfen als eine Menschheit des göttlichen Wohlgefallens. Alle miteinander sind wir gerufen in sein Reich.
versichert seines Erbarmens, bestimmt, seine Gemeinde in der Welt zu fein! Auf ein und der gleichen Ebene stehen wir miteinander vor Gott, auf der Ebene des Gerichts, wenn seine Botschaft an uns abprallt, auf der Ebene der Gnade, wenn sein Ruf Glauben findet. Keiner ragt auf dieser Ebene über den andern hinaus, alle stehen wir unter dem gleichen Gericht und unter der gleichen Gnade. 3n Gericht und Gnade sind wir von Gottes Seite her zusammengeschlossen zu einer Menschheit, die von Gott her ihre Existenz bejaht sehen kann.
Don Gott sechst sind wir also hineiugerusen in eine Gott wohlgefällige Menschheit. Das ist der tiefe Sinn der Weihnacht-botschaft. Weil Gott Wohlgefallen an uns haben will, sollen nun auch wir Wohlgefallen unter einander haben dürfen. Weil er uns geliebt hat, sollen wir einander lieben können, wie es das Schriftwort ausspricht. das der alte Vater Bodelschwingh sich zur Losung seines Lebens der Liebe gewählt hatte: „Weil uns 'Barmherzigkeit widerfahren ist, werden wir nicht müde!" Als ein Wunder Gottes kommt diese Botschaft des göttlichen Wohlgefallens an der Menschheit in diese Welt. Das Kind in der Krippe ist uns die Darstellung dieses Wunders. Die Welt, wie sie ist, diese Welt in Armut und Niedrigkeit, in Schatten und Sünde, empfängt den Gottgesandten! So wenig Würdigkeit toiro vorausgesetzt, so sehr ist Gottesgeschenk, was hier sich vollzieht! Und in der unscheinbaren Gestalt eines Kindes, das zwischen Ochs und Esel gebettet wird, kommt der neue Gotteswille zur Welt: weil der Ruf Gottes in fein Wohlgefallen wider alle menschliche Erwartung geht! Weil es geglaubt sein will, was Gott hier mit der Menschheit vorhat! Weil Gottes Botschaft zuerst diejenigen sucht, die in solch offensichtlicher Armut und Rot sitzen! Weil sie von denen zuerst verstanden wird, die des Lebens Schattenseiten kennen!
„Das Heil der Welt ein kleines Kind, sich jetzt und in der Krippe find." Auch für uns Heutige geht der Weg zu der Botschaft vom göttlichen Wohlgefallen über das Kind in der Krippe. 3st das nicht eine starke Zumutung für uns, die wir beides nicht mehr bejahen, die Krippe und das Kind? Wer will heute von Armut und Niedrigkeit, von Entbehren und von Opfer, von Kreuz und Hingabe wissen? Man muß das
Schicksal, der Enterbten brüderlich tragen wollen, man muh, gerufen in das göttliche Wohlgefallen, willig fein, in die Nachfolge des Gottgesandten, d. h. unter das Kreuz zu treten, dann darf man etwas spüren von der Kraft der Gemeinschaft, die sich um uns schließt. Und man muß den Weg zum Kleinen und Geringen, den Weg zum Kinde gehen wollen, um im Menschen wieder den Bruder zu sehen, mit dem wir eins sein dürfen.
Es ist das schwerste Gericht, das sich an den Kulturvölkern der Gegenwart vollzieht, dah sie den Weg zmn Kinde nicht mehr finden, daß sie den Ungeborenen den Weg ins Licht versperren und den Geborenen den Lebensraum verschränken, den ein Kind zu seiner natürlichen Entwicklung nötig bat. Der Weg zum Verständnis des Evangeliums führt über das Kind in der Krippe zu Bethlehem. Wer sich von Gott hinein rufen läßt in fein Wohlgefallen, bekommt damit auch neue Augen und ein neues Herz für die Welt des Kindes. 3in Kinde offenbaren sich ihm besondere Wunder göttlicher Gnade. Wir sind es gewohnt, Weihnachten als ein Fest der Kinder zu feiern. Ein sentimentales Beschenken der Kinder macht Weihnachten noch nicht zum Fest der Kinder. Auch das Kind soll eingeschlossen werden in das Wohlgefallen Gottes mit den Menschen. Dah muß für die deutsche Christenheit, für die deutschen Väter und die deutschen Mütter heißen, daß sie einen Kreis von Kindern wieder wollen, daß sie ihn wollen- als ein Pfand des göttlichen Wohlgefallens an uns, als eine Gabe, mit der wir nicht arm, sondern auch vor der Welt reich werden.
Die Armut der Zeit bringt es mit sich, dah uns manch „Wohlgefallen" an Weihnachten versagt bleibt, das wir uns gern bereiten möchten. E in „Wohlgefallen" ist unabhängig von der Zeiten Gunst: das Wohlgefallen, das Gott über uns beschlossen hat. Es gehört allen, die es zu glauben vermögen. Wer es aber im Glauben sich schenken läht, der zieht in dies Wohlgefallen hinein das Wohlgefallen am geringsten Bruder, das Wohlgefallen an unseres Volkes Zukunft, das Wohlgefallen am Kind. So arm braucht keiner unter uns zu sein, daß er sich und die Seinen ausschließen müßte von der ewig neuen Weihnachtsverheißung Gottes: „Den Menschen ein Wohlgefallen."


