Nr. 145 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Montag, 24. Juni 1929
Sie Denkwürdigkeiten Mrschall Jochs.
Oer französische Generalissimus und sein Stabschef. — Oie Legende beherrscht das Feld.
Die Denkwürdigkeiten des Marschalls Ferdinand Fach werden nicht vor zwanzig oder gar erst dreißig Jahren das Licht der Oeffentlich- keit erblicken. Der Verblichene selbst hat Wohl keinen so fernen Termin ausdrücklich bestimmt. Er hat aber oft und oft betont, daß seine Memoiren zum Vesten der kommenden Geschlechter offenherzig sein würden, seinen Zeitgenossen aber schwerlich mit der Bloßstellung einzelner politischer und militärischer Führer oder gar mit der Darstellung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verbündeten gedient wäre: seine Lebenserinnerungen würden daher nicht zu seinen Lebzeiten erscheinen. Gestützt auf solche Worte des Oberbefehlshabers der Westmächte scheinen sich gleich nach seinem Ableben amtliche französische und private englische Einflüsse auf die Hinterbliebenen geltend gemacht zu haben, die diese bestimmt haben mögen, vorläufig einen möglichst fernen Erscheinungstermin ins Auge zu fassen. — Das Werk ist aber vom Marschall nahezu fertiggestellt worden. Cs wird sehr umfangreich sein. Foch hat schon vor vier Jahren dem bekannten französischen Publizisten Jules Sauerwein einen gewaltigen Manuskriptband gezeigt, der sich nur mit der Somme-Schlacht befaßt. Des Marschalls publizistischer Vertrauensmann Charles Le Goffic hat denselben Band im Sommer 1927 gesehen. Auf dem Bündel war die Aufschrift zu lesen: „Ve partie. Annee 1916. La bataille de Somme. Texte.“ Ein anderer Band war etikettiert: „Pikees justificatives et cartes.“ Le Goffic schätzte das druckfertige Manuskript auf zwölf starke Bände.
Cs ist zu bedauern, daß sich diese Erinnerungen vielleicht er st der kommenden Generation erschließen werden. Von Foch sind gewichtige Aufschlüsse über den Mechanismus der politischen und militärischen Führung der Entente, über die operativen und taktischen Voraussetzungen der beiden Marne-Schlachten und der Schlacht an der Somme, aber auch über die Friedensverhandlungen und die französische Aach- kriegspolitik zu erwarten. Das späte Erscheinen dieser Erinnerungen kommt dem Andenken des Heimgegangenen Soldaten nicht zugute. Zwanzig oder dreißig Jahre lang wird die Legende Siegerin bleiben.
Die Schriftsteller, die bisher den Marschall zu zeichnen versucht haben, müssen von ihm ein Zerrbild entworfen haben. Während wir von Lude n d o r f f selbst aus den Angriffen seiner wütendsten Gegner den wohlbegründeten (Sinßrud gewonnen haben, daß er mindestens ein großzügiger Organisator war, konnten uns nicht einmal die begeistertsten Anhänger Fochs überzeugen, daß dem Haupte des französischen Heerführers geniale Gedanken entsprungen seien. Vor Jahren hat Captain B. H. Liddell Hart ein lesenswertes Buch „Reputa- tions" veröffentlicht, in dem er einige hervorragende Feldherrn der beiden Weltkriegslager zu charakterisieren bemüht war. Während er manche Porträts glaubhaft und plastisch zu machen verstand, ist seine Foch-Skizze durchaus dürftig und nicht überzeugend ausgefallen. Auch Hart wußte von dem Marschall von Frankreich nur banale Worte, keine tatsächlich auf ihn zurüdzuführenden Pläne und Taten zu berichten. Aus dem stets aufs neue wiederholten „Keinen Schritt zurüd! Angreifen!“ des Franzosen schließt man eher auf Eigensinn als auf einen starken Willen, wenn man niemals erfährt, welche Gedanken durch den Angriff verwirklicht werden sollten, um so häufiger aber hört, daß jene Worte immer und überall Vorstellungen bedrängter Unterführer abgeschnitten haben. Dieselben — unter Umständen recht nichtssagenden — Worte werden uns auch von der
Schar der Foch-Verehrer überliefert, die sich gleich nach dem Ableben des Feldherrn daran gemacht haben, ihre Erinnerungen an die Stelle seiner Denkwürdigkeiten zu sehen. Alle diese Panegyriker — mögen sie nun Recoulh, Le Goffic oder Mellet heißen — schaden dem Andenken des Marschalls. Wie sie es überliefern, kann der Mann nicht gedacht und gesprochen haben, der (ein allerdings ausgeblutetes) Deutschland bezwang. Aach ihrer Schilderung hätte sich die Geistesarbeit und Befehlgebung des alliierten Oberfeldherrn so ziemlich in den Worten er» söpft: „Tenezl“ und „Bourrez!“ Halten Sie! Schlagen Sie um sich! Was sollten Armee- und Korpskommandeure mit solchen Befehlen (und nur solchen Befehlen) anfangen? Wie sollten sie halten? Warum sollten sie halten? Was geschah rechts und links von ihnen? In welcher Aichtung, mit welchen Kräften, wie weit sollte zugestoßen werden? — Niemals findet sich eine Antwort auf diese einigermaßen wichtigen Fragen — eine Antwort Fochs nämlich. Jeder gute Kommandant hält gerne den einmal besetzten Aaum und führt lieber eine aktive als eine passive Verteidigung. Wenn aber einmal die abstoßende Kraft des Verteidigers aufgezehrt ist, genügt ein inhaltloses „Tenezl“ und „Bourrez!“ nicht mehr, um den Zusammenbruch aufzuhalten. Um dann noch standzuhalten (und auch sonst), muh der örtliche Befehlshaber wissen, daß er einen schwierigen Rüdzug zu deden oder, durch seine Standhaftigkeit den Angriff an anderer Stelle zu erleichtern hat. Von solcher Kenntnis geht eine wunderbare Steigerung aller moralischen Kräfte aus und hängt auch der richtige Einsatz der materiellen Mittel ab.
Wollte man den „Lobrednern“ Fochs glauben, so wären Fragen wie die obigen mit einem brüsken „Es genügt, daß ich es weiß“ abgetan worden. Le Goffic berichtet denn auch von einer interalliierten Konferenz, bei der die ausländischen Kollegen des Marschalls solche wesentliche Clemente des „Tenir“ und „Bourrer“ gerne gewußt hätten und mit den Worten abgefertigt worden seien: „Es genügt, daß ich mich verstehe." Dann allerdings habe General W e y g a n d begonnen: „Der Herr Marschall wollte sagen...“, um in einem glänzenden Vortrag die beabsichtigte Operation zu erläutern. Der Marschall aber habe die Konferenz mit den Worten geschlossen, dah er just dasselbe habe sagen wollen. Die Szene erinnert ein wenig an die Erzählung von Serenissimus, dessen „Ach, Aeh“ Kindermann zu interpretieren pflegte.
Wenn Foch war, toi eihn seine Freunde schildern, dann muh Wehgand, sein Generalstabschef, eine Herkulesarbeit zu verrichten gehabt haben. Er scheint denn auch weniger der Generalstabschef gewesen zu sein, der vom Kommandanten gefaßte Entschlüsse technisch in die Tat umseht, als der Mann, in dessen Kopf die großen Pläne geboren wurden. Foch wäre darnach nur der Repräsentant des Kommandos gewesen, der zwischen Franzosen, Engländern und Amerikanern vermittelte und sie alle zum Anschluß an die Gedanken Wehgands bewog.
Weygand ist nämlich nach seiner ganzen ungewöhnlichen Vergangenheit eher Befehlshaber als Stabschef. Wie dieser interessante Mann gelegentlich selbst erzählt hat, war er bis zum Weltkrieg mit Leib und Seele Kavallerist, und nur das. „Meine Jugend, meine Pferde, hie und da ein bißchen Bridge" machten den Inhalt dieses Vorkriegslebens aus. Sich zu den Aufnahmeprüfungen für die Kriegsakademie vorzubereiten, hatte er keine Zeit. Er muß aber sehr begabt gewesen und als begabt erkannt worden sein, denn im Jahre 1913 wurde er den Kursen über höhere Führung — der sogenannten Marschallschule — zugezogen. Foch kannte er nur
Neues von der Berliner Oper.
Strautz' „Elektra"—d'Alberts „Die schwarze Orchidee"—Hindemith's„Neucsvonirage"
Die Aufführungen im Rahmen der Berliner IFestspielwochen sehen sich fort. In der städtischen Oper in Charlottenburg gastierte Richard Strauß und dirigierte eines seiner schönsten Werke, die Operntragödie „Elektra“, stürmisch vorn Publikum gefeiert. Die Aufführung, vorbildlich in ihrer künstlerischen Geschlossenheit, brachte Kräfte von bestem Ruf auf die (Lühne. Helene Wildbrunn als Elektra, gesanglich nach anfänglicher Verhaltenheit zu voller Höhe sich entfaltend, gab auch darstellerisch eine vollendete Leistung. Die Klytemnästra fang Marie Schulz-Dornburg, deren stimmliche Mittel sich auffallend gebessert haben, mit dämonischem Temperament und großem, schauspielerischem Können. Die Chrysothemis der Aelly Merz-Gehrke erfreute durch einen frischen Sopran, während in den kleineren Rollen Wilhelm Rode als Orest und Josef Burg winkel als Aegisth sich besonders her. vorhoben.
Ebenfalls in der Städtischen Oper kam d ' A l b e r t s „Die schwarze Orchidee“ zur Erstaufführung. Es wäre verfehlt, an diese „Opera grotesca", die schon in Leipzig uraufgeführt wurde, den Maßstab der Kunst anzulegen, wie es die früheren Werke d'Alberts verlangen durften, aber auch als Zeitsatire kann das Wert nicht ernst genommen werden: dazu ist es feinem Inhalt und Text nach zu wih- und pointenlos. Das Textbuch Levetzows erzählt eine amerikanische Kriminal-Groteske. Da ist ein Einbrechergentleman, der nur aus Passion den sensations- und abenteuerlustigen Ladies Schmudgegenstände raubt. Als Quittung hinterläßt er jeweils eine schwarze Orchidee mit rotem Herzen. Selbstverständlich — daß Lady Grace, eine reiche Amerikanerin, nichts sehnlicher wünscht als diese Blume, die nur von dem unbekannten Verbrecher gezüchtet wird. Da ist ferner ein verliebter, trottliger Polizeipräsident, der durchaus nicht merken will, daß sein bester Freund der Dielgesuchte ist. Da taucht Jimmy, der Aegerboh auf, der die Tragikkomik seiner Rasse verkörpern soll — da sind ein Dutzend Detektive, die stets die gleichen witzlosen Bewegungen machen, und
schließlich gibt es auch einen Reporter, der überall da erscheint, wo er nicht hingehört. Man versteht nicht den Lärm um dieses Stück, dem kaum Beachtung geschenkt werden würde, stammte es nicht vom Tiefland-Komponisten. Die musikalische Interpretation schillert in allen Farben, bleibt bis auf wenige, nicht ganz unbekannte Walzertakte, kaum haften und fällt in der Bar- Szene sogar in das Aiveau der Bums-Musik. Die szenische Aufmachung ist mit allen nur erdenklichen Mitteln interessant, farbenfreudig und lebendig gestaltet worden. F i d e s s e r in der Rolle des Gentlemaneinbrechers ist mit seiner klaren und ausgeglichenen Stimmhöhe der ebenbürtige Partner für Margarete Pfahl, die in reizenden Toiletten über die Bühne quirlt und eine erstaunliche Stimmkultur besonders in der Schlafzimmerszene beweist. A i h s ch als Rigger- Jimmy zeigt seine komische Seite, leider verpufft das Schlußwort Jimmys, das seine Rassentragik zum Ausdrud bringen sollte, völlig. Ob dieses Werk sich als Unterhaltungsstück lange auf dem Berliner Spielplan halten wird, muß die Zeit lehren.
Aehnlich ist die neue Hindemith- Oper „Reues vom Tage“, die in der Kroll-Oper anläßlich der Festspielwochen zur ".Uraufführung kam, zu bewerten. Sie führt den Untertitel: eine lustige Oper in drei Teilen, eine Bezeichnung, die nur für die drei Teile zutrifft, denn eine Oper ist das nie und nimmer und lustig ist sie auch nicht, dazu ist der Inhalt zu banal. Für den Text zeichnet Marcellus Schiffer verantwortlich. Schiffer, sonst ein begabter und witziger Revuedichter, versucht sich hier, trotz stetschartiger Aufmachung der Szenenbilder, in einer zusammenhängenden Handlung, die sterblich langweilt. Ein streitendes Eehepaar, Laura und Eduard, werden von dem eben von der Hochzeitsreise zurüdkehrenden Ehepaar M. in ihrem Zank überrascht. Frau M. ergreift für Laura, Herr M. für Eduard Partei. Folge — ein heiß entbrennender Doppelehepaarstreit mit dem Entschluß, sich scheiden zu lassem Doch das ist nicht so einfach. M's haben es schneller geschafft, Laura und Eduard noch nicht, die bei der Behörde erfahren, daß ein triftiger Scheidungs- grunb beigebracht werden müsse. Dafür wissen die M's Rat und verweisen die beiden an das Bureau für Familienangelegenheiten, dessen Chef, der schöne Herr Hermann, sich als geschidter Konstrukteur von Scheidungsgründen einen Romen gemacht hat. Dec Rat wird befolgt, der
dem 2tamen nach. Als der Krieg ausbrach, kommandierte Weygand, der damals Oberstleutnant war, ein Husarenregiment, das dem von Foch kommandierten 20. Korps angehörte. Die beiden scheinen einander auch dann nicht nähergekommen zu fein. Jedenfalls war es nicht Foch, der sich Weygand zum ersten Gehilfen erkor. Wie Weygand selbst einmal sagte, wäre er der letzte gewesen, an den Foch gedacht hätte, wenn diesem die Wahl freigestanden hätte. Aber die Wahl traf das Große Hauptquartier. Es war I o f f r c, der Wehgand am 29. August 1914 zum Generalstabschef Fochs ernannte, als dieser das Kommando über die Armeegruppe (die spätere 9. Armee) übernahm, die zwischen die Armeen Langle und Lanrezac eingeschoben wurde. Bon da an blieb Weygand mit einer kurzen Unterbrechung Fochs Stabschef. Die Unterbrechung fiel mit der vorübergehenden Absägung Fochs zusammen. In dieser Zeit war Wehgand mit den Berner Verhandlungen betraut, aus denen eine französisch- schweizerische Kooperation im Fall eines deutschen Einfalls ins Gebiet der Eidgenossenschaft hervorgehen sollte.
Foch und Weygand haben im Jahre 1918 den Entscheidungssieg errungen. Der Anteil des einen und des anderen an diesem Erfolg ist umstritten. Wehgand durste aber einen Erfolg buchen, den er allein errungen hat. Als das junge Polen im Jahre 1920 unter den Schlägen der Bolschewiken zusammenzubrechen drohte und die Kavallerie Budjennys bereits vor den Toren Warschaus herumschwärmte, wurde Weygand' — ohne Foch — nach dem Osten gesandt, um Polen zu retten. Das gelang ihm unter den widrigsten Verhältnissen in unglaublich kurzer Zeit.
Weygands Format ist also bekannt, obgleich (und weil) sich an seine Fersen nicht der Schwarm von Lobrednern geheftet hat, der Foch namentlich in den letzten Jahren seines Lebens verfolgt hat. Foch müssen wir erst kennenlernen. Besonders seitdem die Erinnerungen an ihn den Platz der Erinnerungen von ihm eingenommen haben.
Deutschlands Auswanderer.
Mit 57 293 Auswanderern ist der Höchststand des Unglücksjahres 1923 mit rund der doppelten Zahl glüdlicßertoeife nicht erreicht, aber immerhin war die Auswanderung nach üeberfee 1928 wesentlich höher als der Jahresdurchschnitt von 1900 bis 1914 mit jährlich rund 25 000 Personen. In dem letzten Dorkriegsjahr sind sogar nur 22 000 Deutsche nach Ueberfee abgewandert. Sehr seltsam ist die Zunahme der weiblichen Auswanderer. 1928 sind 5000 Männer weniger als im Dorjahre aus Deutschland weg- gezogen, während im gleichen Zeitraum 1300 Frauen mehr ausgewandert sind. Man führt die Ursache im allgemeinen auf die relativ schlechten HeiratsaussichtensürFrauen in Deutschland zurüd, während z. B. in Amerika die Männer zahlenmäßig überwiegen. Auch hier scheinen sich beinahe schon mit der Beweglichkeit etwa des internationalen Geldmarktes die Gesetze von Angebot und Rachfrage in der ganzen Welt auszuwirken. Besonders stark überwiegen die Frauen bei der Auswanderung aus Süddeutschland, in Baden sogar mit 10:1. Umgekehrt ist intereffantertoeife das Verhältnis in den meisten preußischen Provinzen. Das relativ stärkste Kontingent an Auswanderern stellt die Provinz Grenzmark-Posen-We st Preußen mit 165 Auswanderern auf 100 000 Einwohnern, während der Reichsdurchschnitt nur 103 beträgt. Anscheinend wirken sich bei dieser un- glüdseligen Provinz die Folgen der Versailler Grenzziehung besonders stark aus. Schleswig-Hol st ein steht hinter der Grenzmark an zweiter Stelle, während die Qkrßältniffe in Oberschlesien wesentlich günstiger liegen.
Immer noch sind die Vereinigten Staaten mit 90 Prozent ähnlich wie in der Vorkriegszeit das Hauptziel aller deutschen Auswanderer, was sich mit dem Inkrafttreten der
schöne Herr Hermann hat ein Stelldichein mit Laura im Museum, führt eine klassische Liebesszene mit ihr auf, wird von Eduard programmmäßig überrascht, der jedoch gegen alle Verabredung den Spaß ernst nimmt und Herrn Hermann eine kostbare Denusstatue an den Kopf wirft. Da er sie nicht ersehen kann, wandert er ins Gefängnis. Als er entlassen wird, hat er mehr Schulden als Haare auf dem Kopf, während Laura im Savoy-Hotel in der Badewanne sitzend, von dem schönen Herrn Hermann, der sich in sie verliebt hat, attadiert wird. Frau M., die sich wiederum in Herrn Hermann verliebt hat, überrascht die Beiden, alarmiert das ganze Hotelpersonal. Skandal! 2llles kommt 'm die Zeitung, und die Großstadt interessiert sich so brennend für das noch nicht geschiedene Ehepaar, daß ein paar geschäftstüchtige Manager auf den Gedanken kommen, die beiden mit immensem Honorar für das Variete zu engagieren. Sie nehmen das Angebot an, um ihre Schulden loszuwerden und müssen nun allabendlich ihre Streitszene vor dem Publikum aufführen. Als sie nun so viel Geld beisammen haben, daß die Schulden abgetragen sind und ein reichlicher Ueberschuß ihnen ein behagliches Leben gestatten würde, beschließen sie, beieinander zu bleiben, sich nicht scheiden zu lassen. Da aber legt die öffentliche Meinung ein Veto ein. Die Leute sind mit dieser friedlichen Lösung nicht einverstanden. Versöhnung? Gibt es nicht! Ihr habt euch gefälligst zum Vergnügen des Publikums allabendlich zu zanken. Das der Inhalt. Diel ist nicht dahinter, — bleibt also die Musik, die virtuos hingesetzt ist. Heiterkeit und Laune in der Instrumentation dominieren. Prachtvoll die sechsbändige Klavierbegleitung eines Duetts, mitreißend die Rhythmik, in der Hindemith Meister ist, und bewundernswert einige kammermusikalische Feinheiten, aber doch, trotz versuchter Dichtigkeit zu ernsthaft, zu absolut, Musik und Libretto deden sich nur stellenweise. Otto Klernperer brachte die Partitur mit Tempe. rament zum Klingen, unterstützt von den Sängern, die in E r i k W i r l und Fritz Krenn (Eduard und der schöne Herr Hermann) ihre besten 23ertreter stellten. Grete ©tüdgolb als Laura sah reizerrd aus, war jedoch stimmlich nicht auf der Höhe. Weniger gut waren Sabine Kalter und Artur Cavara als das Ehepaar M. Die Bühnenbilder von Traugott Müller verrieten nur eine blasse Phantasie, man hätte dieser dankbaren szenischen Aufgabe,
sog. amerikanischen Ursprungsklausel wohl toc- sentlich verändern wird, da das deutsche Auswanderungskontingent sich auf rund die Hälfte verkleinerL Es ist anzunehmen, daß man die Einwanderung nach Kanada, für die heute eine recht lebhafte Propaganda getrieben wird, die aber im Durchschnitt nur rund 1200 Auswanderer beträgt, stark zunehmen wird. Ganz gering ist die deutsche Auswanderung nach Australien und nach Asien, letzteres nimmt nach der amtlichen Statistik nur rund 70 Deutsche auf.
Hessischer Verkehrsverband.
Der Hessische Verkehrsverband hielt seine diesjährige, stark besuchte Hauptversammlung am Mittwoch im Rathaus zu Darmstadt ab.
Der Vorsitzende, Kaufmann Stemmer (Darm, stadt), konnte zahlreiche Vertreter der Behörden, an ihrer Spitze solche des Ministeriums des Innern, des Staatsministeriums, der Stadt Darm, stadt, der Reichsbahndirektion Mainz und der Oberpostdirektion Darmstadt, begrüßen. Der Vor. sitzende erstattete einen eingehenden Bericht über die umfangreiche Tätigkeit des Verbandes. Er wies darauf hin, daß der nunmehr fertiggestellten Odenwald. Reliefkarte, die den allgemeinen Beifall der Anwesenden fand, entsprechende Publikationen für die anderen Gan- desteile folgen sollen. Auch die Fremdenverkehrs, gebiete in Oberhessen und Rheinhessen sollen in ähnlicher QDeife ihre Darstellung erfahren. Der Hessenkalender soll in seiner bewähr, ten Gestaltung auch für das Jahr 1930 heraus- gegeben werden.
Im Mittelpunkt der Verhandlungen standen zwei Referate, deren erstes der Derkehrsdezernent im hessischen Ministerium des Innern Oberregierungsrat Dr. Krebs (Darmstadt) übernommen hatte. Der Redner sprach über das interessante Thema
„Psychologie der Verkehrswerbung, angewandt auf Hessen"
und beleuchtete auf Grund reichhaltiger Erfahrungen in tief durchdachter Weise die Gesichts- punkte, nach denen sich eine den Erfordernissen unserer Zeit angepaßte Verkehrswerbung zu richten hat, wenn sie wirkungsvoll sein soll. Dr. Krebs legte an Hand von Beispielen dar, daß auch eine Landschaft, eine Stadt, wie jeder einzelne Mensch ihr besonderes Gesicht und Vorzüge besitzt, deren natürliche Forderung geistige und wirtschaftliche Kräfteentfaltung bedeute. Der Referent zeigte, wie jede der drei hessischen Provinzen auf besonderen Gebieten eine starke Anziehungskraft ausüben kann. Soweit die Praxis in Frage kommt, ist es notwendig, daß die Bereitwilligkeit, den auswärtigen Gästen den Aufenthalt angenehm zu gestalten, gleichmäßig alle Devölkerungskreife und Altersstufen bis zu den Schulkindern herab erfaßt.
Der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, Regierungsrat Dr. R o e f e n e r, Darmstadt, warf in einem Referat
„(Ein Verkehrsproblem unserer Zeit und ein praktischer Vorschlag zu seiner Lösung."
die Frage auf, ob die Reichsbahn ö%r neuzeitlichen Verkehrsentwidlung durch ihre bisherigen Maßnahmen ausreichend Rechnung trage. Die Antwort mußte nach Lage der Dinge verneinend ausfallen: Wie der Referent an Hand konkreter Beispiele augenfällig nachwies, find die bisherigen Derkehrsmaßnahmen der Reichsbahn den durch das immer weitere Vordringen des Kraftwagens von Grund auf veränderten Verhältnissen auch nicht im entferntesten genügend angepaßt. Um von der in bester Absicht erfolgten Kritik zu praktischen Vorschlägen überzugehen, entwidelte der Referent einen ins einzelne gehenden Plan, wie durch die Indienststellung einer mäßigen Anzahl — von zehn — Eil trieb - wagen, die auf einer größeren Anzahl von Strecken, nämlich Darmstadt—Mainz—Wiesbaden, Darmstadt—Aschaffenburg, Wiesbaden— Mainz—Kastel—Frankfurt, Wiesbaden—Mainz-
ganz anders gerecht werden können. Die Aufnahme des Werkes beim Publikum war durchaus freundlich. E. A.
Die Opfer- der „Dschungel-Königin".
Eines der aufregendsten Jagdabenteuer im indischen Dschungel, die glüdliche Erlegung einer Tigerin, die in vier Jahren nicht weniger als 168 Menschen tötete, wird jetzt von dem Helden dieser Geschichte, E. A. Guest, in der „Empire Review" erzählt. Das Raubtier, dem die Eingeborenen den Ramen der „Dschungel-Königin“ gegeben hatten, pflegte sich nach dem Schall der Aexte der Holzfäller zu richten, schlich sich in die Rähe der Arbeiter, wartete, bis ein paar Eingeborene von der Arbeitsstätte fortgingen, und griff sie dann an. Aber selbst eine größere Menschenmenge war vor ihr nicht sicher, denn die Tigerin sprang, wenn sie hungrig war, plötzlich mitten in die Menge und wußte sich in der dadurch entstehenden Qkrtoirrung immer ein Opfer zu sichern. Der Aberglaube der Bevölkerung sah in der Bestie eine „Deataa", die Verkörperung einer Gottheit. Man behauptete auch, die Tigerin habe so viel Menschen verzehrt, daß sie dadurch menschliche Klugheit gewonnen habe. Sehr ge- schidt wußte das Raubtier den Jägern aus dem Wege zu gehen. Schließlich setzte die Regierung einen hohen Preis auf seinen Kopf, und Guest gelang es, das Untier zu erlegen, nur durch den Ausnahmefall, daß die Tigerin zu ihrem Opfer zurüdkehrte, wahrscheinlich deswegen, weil ein Monsum herrschte, bei dem sonst kein Mensch auf die Jagd geht. Die Dschungelkönigin war augenscheinlich durch das schlechte Wetter in Sicherheit gewiegt. „Ich hatte auf einem Daum, etwa 30 Meter von dem Toten Posten gefaßt,“ berichtet der Jäger. „Um klar zu sehen und bereit zu fein, mußte ich beständig die schweren Tropfen abwischen, die von einem echt tropischen Regen auf mich herniederfielen. Rach etwa einer halben Stunde tauchten die riesigen Klauen des Tieres aus dem Unterholz auf, und mit einem einzigen blitzschnellen Sprung stand die große gelbe Königin des Urwalds in all ihrer furchtbaren Pracht auf einem Felsstück, unter dem der Tote lag. Es war nur eine Spanne von Sekunden, bis mein Gewehr sprach und eine Kugel in das Gehirn dieser Dernichterin so vieler menschlicher Leben drang. Das Untier, das tüdisch zu mir herüber- geblidt hatte, stürzte sofort mit schwerem Fall auf die Leiche seines letzten Opfers".


