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Montag, 24. Juni 1929
Nr. 145 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Der LWer Dr. Roos in Zesancon sreigesprochen
Amnestie hoffen wir, über die berechtigten Forderungen des Elsaß und Lothringen ungehindert sprechen zu können.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzoorfchrift 20% mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
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Die Illustrierte
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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Deutschland unter dem Joch wachsender Kriegslasten.
Der Kriegslastenetat vor dem Reichstag. —Reichsminister Dr. Wirth über das Hilfsprogramm
Berlin, 22. Juni. (V. D. Z.) Auf der Tagesordnung des Reichstags steht die gemeinsame Beratung des Kriegslastenetats und der Etats des Auswärtigen Amtes und der besetzten Gebiete. Präsident Lobe teilt mit, daß Reichsaußenminister Dr. S t r e s e - mann durch Krankheit verhindert sei, an der Sitzung teilzunehmen. Er hofft aber, Montag seine Ausführungen machen zu können.
Neichsfinanzminister Or. Hilferding:
Der Kriegslastenhaushalt enthält keineswegs alle erfaßbaren Ausgaben, die als unmittelbare Folgen des verlorenen Krieges die deutsche Volkswirtschaft belasten. Rimmt man alles zusammen, so ergibt sich, daß die deutsche Volkswirtschaft für das Rechnungsjahr 1929 nicht weniger a ls 41/2 Milliarden Mark an Kriegslasten zu tragen hat. Bon dieser Summe entfallen 21 Milliarden Mk. auf die äußeren Kriegslasten, die sogenannten Reparationen, 1750 Millionen Mk. auf die inneren Kriegslasten, und über 300 Millionen Mark bilden, abgesehen von den Pensionslasten, die sogenannten politischen Lasten der deutschen Reichsbahngesellschaft im engeren Sinne, wie Be- sahungszulagen und vermehrte Pensionszahlungen. Die Kriegslasten bedeuten 55 Prozent, d. h. mehr als die Hälfte des gesamten Zuschuhbedarfes.
Von den inneren Kriegslasten im Betrage von 1730 Millionen Mark entfällt der weitaus größte Teil, nämlich 1378 Millionen auf die Versorgung der Kriegsbeschädigten, der Kriegshinterbliebenen und der Offiziere und Beamten der alten Wehr- machr.
Von den äußeren Kriegslasten, den Reparationszahlungen, im Gesamtbetrag von zweieinhalb Milliarden trägt der Haushalt des Reiches die Summe von 1540 Millionen. Die Haushaltsverpflichtung hat sich infolge des Eintritts in das fünfte Reparationsjahr, das sog. Normaljahr des Dawes-Planes, gegenüber dem Vorjahre um 312,5 Millionen erhöht. Diese Last hat die Schwierigkeiten herbcigeführt, die sich in dem laufenden Jahr mit besonderer Stärke gezeigt haben. Diese Last zu senken, bildet neben der völligen Wiederherstellung der deutschen Souveränität die Hauptaufgabe unserer Reparationspolitik. Die Reparationspolitik steht jetzt vor der Lösung der Probleme, die sich aus den Pariser Verhandlungen und dem Gutachten der Sachverständigen ergeben. Es ist mir Bedürfnis auch von dieser Stelle aus nochmals im Namen der Reichsregierung den deutschen Sachverständigen aufrichtig zu danken.
von der Reichsregierung kann der Plan im gegenwärtigen Augenblick nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, ob er geeignet erscheint, d i e Grundlage für die notwendigen kommenden politischen Verhandlungen abzugeben. Die Reichsregierung hat diese Frage bejaht und ist nach dem Ihnen bekannten einstimmig gefaßten Beschluß bereit, den von den Sachverständigen unterzeichneten Plan als Grundlage für die Konferenz der Regierungen anzunehmen: im notwendigen Zusammenhang hiermit ist gleichzeitig die Gesamtliquidierung der noch schwebenden Fragen aus dem Weltkriege herbeizuführen.
lieber die Einzelheiten des Planes in diesem Augenblick zu sprechen, verbietet die Tatsache, daß wir vor der politischen Konferenz stehen. Erst deren (3e= samtergebnis bietet die Unterlagen, die unerläßlich sind für die Entscheidung, die dann endgültig von der Reichsregierung und den gesetzgebenden Körperschaften zu treffen ist.
Abg Böckler (Soz.) fuhrt aus, das ganze Volk ersehne heiß die möglichst rasche Räumung des besetzten G e b i e t s. Del den kommenden Verhandlungen muß auch die Frage derRückführungdesSaargebiet sm s Mutterland energisch gefördert werden Schon aus wirtschaftlichen Gründen ist das unbedingt notwendig, weil sonst das geschlossene südwestdeutsche Wirtschaftsgebiet nicht wieder erstehen und wirken kann.
Abg. Schreck- Baden (Komm.) meint, die Lasten der Besetzung würden restlos auf die Schultern der Arbeiterschaft gelegt. Deutsche Arbeitsämter im Mannheimer Gebiet verschicken deutsche Arbeitslose zwangsweise nach Elsaß- Lothringen, wo diese verzweifelten Deutschen m großer Zahl für die Fremdenlegion geworben werden. So verschachern deutsche Behörden deutsche Arbeiter an die Armee des sogenannten Erbfeindes.
Abg. Hofmann- Ludwigshafen (Zentr.) bedauert, daß auch beim Etat der besetzten Gebiete große Abstriche unvermeidlich gewesen seien. Das Saargebiet mutz wieder zum Mutterland zurück, seine Abtrennung hat in erster Linie die Rotlage der Pfalz verschuldet. Zur Gesamtliquidation der Kriegsfolgen gehört die schleunige Rückgabe des Saargebiets ans deutsche Mutterland. Es bedarf gar keiner Volksabstimmung mehr, die Bevölkerung des Saargebiets hat bei ihren Kundgebungen in Heidelberg und Münster gezeigt, datz über 99 Prozent die schleu-
Die Bedeutung dieses Prozeßausganges für die französische Innenpolitik ist nicht zu unterschätzen. Denn der Spruch der Geschworenen von Defan- Con ist eine Absage an die Politik der Unter- drückung der autonomistischen Bewegung im Elsaß und an die französischen Regierungsmatz- nahmen, die vor Jahresfrist zu dem Prozeß von Kolmar geführt haben. Bekanntlich war in Kol- mar auch Dr. Roos mitangeklagt, er war indessen außer Landes gegangen und hat sich nachher freiwillig der französischen Justiz gestellt, um seine Unschuld zu erweisen. In diesem Prozeß wurde auch der elsässische Autonomistenführer Dr. R i ck- l i n als Zeuge vernommen. Dr. Ricklin hat dabei auf die Frage eines Geschworenen, ob der Friede im Elsaß wiederhergestellt werden könnte, mit Ja geantwortet für den Fall, daß Dr. Roos freigesprochen und der Schandfleck von Kolmar getilgt werde. Der Kolmarer Prozeß hat bekanntlich dazu geführt, daß die beiden Autonomistenführer Ricklin und Rosse ihrer Kammermandate für verlustig erklärt wurden. Die weitere Folge war eine Verhärtung der Gegensätze im Elsaß. Inzwischen aber haben sich wohl auch die Franzosen davon überzeugt, daß sie mit den Methoden des Generalstaats-- anwalts Fachot nicht durchkommen. So scheint es, als ob sie versuchen wollten, jetzt mit Hilfe des Urteils von Desan^on eine Schwenkung einzuleiten.
Aoos kehtt nach Sttaßburg zurück.
Ein Triumphzug durch das Elsaß.
Paris, 24. Juni. (WTB. Funkspruch.) Philipp Roos ist gestern, nachdem er gemeinsam mit den elsässischen Abgeordneten Sturmel, Dahlet, Hautz und Drogly vor dem Gefallenen-Denbnal in Besan^on einen Kranz mit der Inschrift „Das dankbare Elsaß der Franche Comte" niedergelegt hatte, in seine Heimat zurückgekehrt. Sowohl in Colmar wie in Straßburg wurde ihm ein herzlicher Empfang bereitet. Bei seiner Ankunft auf dem Straßburger Bahnhof wurde Roos von seinen Anhängern in Empfang genommen und, wie „Petit Journal" berichtet, im Triumph durch die Hauptstraßen getragen unter Absingung deutscher Lieder und unter Rufen „Amnestie!" Die Manifestanten sind mit Dr. Roos an der Spitze vom Straßburger Gemeinderat empfangen worden. Vom Balkon des Rathauses aus hielt Roos eine Ansprache an die unten versammelte Menge, die mit den Worten schloß: „Das schönste am Prozeh in Besannen war die elsässische Solidarität.“
Befanden, 22. Juni. (WTB.) Rach dreiviertelstündiger Beratung hat das Schwurgericht den wegen Komplottes gegen die Sicherheit des Staates angeklaglen elsässischen Autonomisten Dr. Philipp Roos freigesprochen. Dr. Roos hatte, bevor die Geschworenen sich zur Beratung zurückzogen, noch einmal die eides st ältliche Ber- ficherung abgegeben, daß er niemals daran gedacht habe, das Elsaß von Frankreich jji trennen und daß er niemals mit öeut- schen Kreisen in Verbindung gewesen sei. Seine Hände seien rein. Verteidiger, Rechtsanwalt Berthon, erklärte in seinem Plädoyer: „Man verlangt von Ihnen, meine Herren Geschworenen, die Erklärung, daß ein Komplott im Elsaß geschmiedet wurde und daß Roos einer der Urheber ist. Was gibt man Ihnen als Beweis? Zeitungsartikel, unvollständige Zeugenaussagen, gefälschte Dokumente, das sind die ganzen Schuldbeweise!" Als im Schwurgerichls- faat die Freisprechung von Dr. Roos verkündet wurde, brach der im Saal anwesende Rosse in den Ruf aus: „Es lebe die Franche-Eomte! E s leben die Geschworene n!“ Der Abg. Dah - i e t stürzte mit Tränen in den Augen auf die Geschworenen zu, um ihnen zu danken. Aus dem Zuhörerraum, in dem sich die autonomistischen Deputierten Brogly, Stürmet und hauß aufhielten, wurden wiederholt die Rufe laut: „Es leben die Geschworenen! Es lebe die Franche-Eomte!" und auch der Ruf: „Es lebe Frankreich!" Als Roos von feinen Freunden begleitet den Schwurgerichls- faal verlieh, um sich nach feinem Hotel zu begeben, wurde fein Wagen von etwa 100 Mitgliedern der patriotischen Jugendliga umringt, die ihn aufforderten, in den Ruf einzusiimmen: „Es lebe F r a n t r e i ch!" Roos wurde jedoch von feinen Begleitern schnell ins Hotel entführt, während sich draußen eine ziemlich große Menge von Manifestanten ansammelte, die erst allmählich von der Republikanischen Garde zerstreut werden konnte. Liner der Geschworenen des Prozesses von Befanden hat. wie vermiedene Bläffer berichten, nach dem Freispruch von Roos erflärt, bereits in den ersten Tagen der Verhandlung sind die Geschworenen entschlossen gewesen, einen Freispruch zu fällen, in der Hoffnung, daß man darin eine Geste der Beruhigung erblicke, und daß die Autonomisten begreifen würden, daß Frankreich ihnen ein letztes Mal die Hand ent- gegenffreefe. Dem Sonderberichterstatter des „Malin" hat der autonomistifche Abg. S t u r rn e l erklärt: „Dieser Freispruch muß die oollstän- dige Amnestie für sämtliche in Kolmar Verurteilte nach sich ziehen. Rach dieser
pofens Feldzug gegen die deutsche Sprache.
Berlin, 23. Juni. (Prio.-Tel.) In Posen ist vor kurzem eine Landesausstellung eröffnet worden, für die die Warschauer Regierung durch den von ihr für diese Ausstellung ernannten Kommissar Bestimmungen getroffen hat, die in Deutschland nur das allergrößte Befremden Hervorrufen können. Der Ausstellungskommissar hat nämlich verfügt, daß bei allen zweisprachigen Prospekten außer der polnischen Sprache nur d i e französische verwandt werden darf. Wenn Prospekte mehrsprachig verfaßt werden, dann muß er st noch englisch und italienisch folgen, ehe eine deutsche Ankündigung gedruckt werden darf. Eine solche Unterdrückung der deutschen Sprache geschieht in einer Stadt, die inmit - ten ein es Gebietes mit st arten deutschen Minderheiten liegt. Sie ist ein neuer Beweis dafür, daß die Polen jede Gelegenheit benutzen, um ihre Minderheitenfeindlichkeit zu beweisen. Man kann ohne weiteres voraussetzen, daß der wirtschaftliche Erfolg der Ausstellung hierdurch erheblich beeinträchtigt wird. Aber in ihrem blinden Kampf gegen alles Deutsche scheint es den Polen darauf nicht anzukommen.
Beschwerde der deutschen Theatergemeinde in Kattowih.
K a t t o w i h , 22. Juni. (WB.) Die Polnische Theatergemeinde hat die Deutsche Theatergemeinde, die bekanntlich nach den Oppelner Vorfällen ihr Bureau im Stadttheater schließen mußte, aufgefordert, das Bureau bis zum 30. Juni zu räumen. Auch die Benutzung des Theaters durch die deutsche Theatergemeinde, die sich bisher auf zwei Tage in der Woche und einen Sonntag im Monat erstreckte, erscheint gefährdet. Der Vorstand der Deutschen Theatergemeinde hat sich beschwerdeführend an den Magistrat der Stadt mit einem Schreiben
für die besetzten Gebiete.
nige Rückkehr ins Mutterland herbe i s e h n e n und im Gegensatz zu der ganz falschen Darstellung eines Pariser Industriellen Deutschland nicht als Gefängnis, sondern als Heimat betrachten. Das geplante W e st g r e n z- programm wird vor allem die furchtbare Wirtschaftsnot der Westgrenze berücksichtigen müssen. Statt der Siedlung ist hier eine Cnt- siedlung zu beobachten. Erschreckend groß ist in der Pfalz die große Zahl der jungen Leute, die sich in französischen Kasernen zur Fremdenlegion anwerben lassen. Im vorigen Jahre waren es 538 Mann. (Hört, hört!) lieber das Jahr 1935 hinaus darf unter keinen Umständen irgendeine ausländische Ko n- trolle zugelafsen werden, auch wenn sie den schönen Ramen „Ausgleichs- und Versöhnungskommission führt. Lieber würden wir die Besetzung bis 1935 ertragen. Wir hoffen aber auf rasche Erfüllung unserer drei Wünsche: Räumung des besetzten Gebiets, Rückgabe des Saargebiets und Grenzlandhilfe für deutsche Wirtschaft und Kultur.
Abg. Ulrich (Soz.) bedauert die Abstriche am Etat. Die für die Mainzer Drücke eingesetzten Beträge reichen unter keinen Umständen aus. Leider haben wir von der Regierung noch nichts über die Räumungsfrage gehört. Diese Frage muh aber bei den Verhandlungen in den Vordergrund gerückt werden. Hessen leidet am meisten unter der Besetzung. Die seelische Depression der unter der Besetzung leidenden Bevölkerung ist fast noch schlimmer als die wirtschaftliche.
Reichsminister für die besetzten Gebiete Dr. Wirth
begrüßt die Einigkeit der Parteien in der Forderung einer schnellen Räumung der besetzten Gebiete und der Rückgabe des Saargebietes. Bei den Vorbereitungen für ein Grenzlandprogramm stehen wir in enger Fühlung mit den leitenden Persönlichkeiten der beteiligten Länder. Im Vordergrund aller Hilfsmaßnahmen werden die De-
Berliner Blätter zum Freispruch in Besan^on. Eine erste Brücke der Verständigung?
Berlin, 23. Juni. (TU.) Eine Reihe Berliner Blätter nimmt zu dem Freispruch im Autonomiften- Prozeß Stellung. 3m allgemeinen wird aus die Folgerungen hingewiesen, die Frankreich vor allen Dingen auch wegen des Unrechts von Kolmar aus dem Urteil wird ziehen müssen. Die „Börsenzeitung" schreibt, da Poincarä selbst die oberste Verantwortung für die elsaß-lothringische Politik übernommen habe, werde er zu zeigen haben, ob er einsichtig genug sei, unter die bisherige Elsaß-Politik einen klaren Schlußstrich zu ziehen. Auch die „D A Z" weist daraus hin, daß man der heutigen Entscheidung besondere Bedeutung für die ganze nächste Entwicklung Elsaß- Lochringens beizumessen haben werde. Der „Lok.- A nz." schreibt, nach der schweren Beunruhigung des Elsaß durch das Urteil von Kalmar versuche man nun, daß „befreite" Land durch diesen Freispruch zu beruhigen. Nach dem Urteil der „Ger - m a n i a" hat man mit diesem Freispruch dem Elsaß eine Sühne für die Fehlsprüche von Kolmar gegeben und damit eine e r st e Brücke der Verständigung ins Laaer des Autonomismus geschlagen. 3n der „V off. 3 t g." wird daraus hingewiesen, daß das Nein der Geschworenen das Kolmarer Verdikt durchstrichen habe. Das traurige Fehlurteil bestehe nicht mehr. Das Unrecht der Verurteilung von vier Angeklagten im Kolmarer Prozeß zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte sei klar erwiesen. Erwiesen sei auch, daß der Kolmarer Prozeß eine bewußte Beugung des Rechts war. Der „Vorwärts" begrüßt den Freispruch Roos' als Vorboten einer Entspannung im Elsaß, die sich auch auf die gesamten deutsch- französischen Beziehungen günstig auswirken müßte.
Erstes pariser Echo.
Paris. 22. Juni. (T. II.) Der Freispruch des Dr. Roos wurde in Paris erst in den allerspätesten Abendstunden bekannt, so daß nicht einmal mehr die Spätabendpresse den Schlutzpunkt der langen Verhandlungen veröffentlichen konnte. Rur auf den großen Boulevards gaben die Lichtreklamen den Freispruch begannt und in manchen Kinos fand er unter den neuesten Rachrichten Aufnahme, die in den Zwischenakten den Zuschauern vorgeführt wurden. Soweit sich bis jetzt überblicken läßt, findet der Ausgang des Prozesses vor dem Schwurgericht in Vesan^on recht verschiedene Beurteilung. Bis zum letzten Augenblick haben diejenigen politischen Kreise, die in allem, was Frankreichs Wünschen und Hoffnungen zuwiderläult, die Hand Deutschlands sehen, auf die Zusammensetzung des Schwurgerichts gehofft, aus der sich eine Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils ergeben sollte. In der Tat waren die Geschworenen ausschließlich aus Industriellen und landwirtschaftlichen Kreisen entnommen, die nicht immer mit der Volksseele und namentlich der elsässischen engere Fühlung haben. Man nahm ferner an, daß die sehr stark an die patriotischen Gefühle appellierende und in Kriegserinnerungen wühlende Anklagerede des Generalstaatsanwalts ihre Wirkung auf die Geschworenen nicht verfehlen werde. Diejenigen Kreise, die von Anfang an in dem Kolmarer Urteil einen bestellten und auf Regierungsdruck erfolgten Tendenzspruch sahen, halten mit ihrer Befriedigung nicht zurück.
strebungen auf Verbesserung des Verkehrs, insbesondere im Aachener Steinkohlengebiet und in den engeren Grenzgebieten stehen. Der Verkehr auf dem linken Rheinufer soll durch Erweiterung bzw. Reubau von Rhein- brücken einige Erleichterung erfahren. Die lange geplanten Eisenbahnen in der Westeifel und im nördlichen Saargrenzviertel sollen gefördert werden. Für die Wiedergesundung von Landwirtschaft und Weinbau soll durch eine ganze Reihe von Maßnahmen gewirkt werden. Der Minister für die besetzten Gebiete wird ganz von selbst zum wirtschaftspolitischen Mini st er für diese Gebiete. Er wird mit allem Eifer in der Richtung des erwähnten Programms arbeiten, muh aber vor übertriebenen Erwartungen warnen. Wir müssen heraus aus der Methode, hier oder da aus politischen Gründen etwas zu geben. Wir müssen zu neuem organischen Wiederaufbau im besetzten Gebiet kommen.
Abg. Pall mann (WP.): Die rheinische Bevölkerung ist deutsch und bleibt deutsch, mag kommen, was kommen mag. Die Landwirtschaft der Pfalz leide besonders darunter, daß durch die Grenze zum Saargebiet die Absatzmöglichkeit sehr beschränkt ist. Groß ist auch die Not von Handwerk, Handel und Gewerbe in der Pfalz. Die Versprechungen der Regierung haben bisher noch nicht die Wirkung gehabt, daß die pfälzischen Handwerker behördliche Aufträge in ausreichender Zahl bekommen hätten. Die pfälzische Bevölkerung sehne die Räumung herbei, aber sie lehne es ab, sie durch weitere Opfer des Reiches zu erkaufen. Wir wünschen Maßnahmen, um den Wein- und Gemüsebau des besetzten Gebietes vor den Folgen der Einfuhrerleichterungen für Wein und Gemüse zu schützen.
Abg. Dr. B o ck i u s (Zentr.) begrüßt es, daß das Gesamtkabinett sich mit einem umfassenden Hilfsprogramm für die Westgrenze einverstanden erklärt hat. Mainz habe besondersschwer unter der Besetzung gelitten.
Das Haus vertagt sich auf Montag: Beratung des Etats des Auswärtigen Amts.
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General-Anzeiger für Gberhefsen
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