Ur. 95 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Mittwoch, 24. April 1929
Man erkennt hier
kön-
deutlich die gegensätzliche Ten- Einfuhranteils aus den roich-
England Deutschland Frankreich Holland Kanada Japan Argentinien Man würde
1910-1914
26,2 v. H. x
14,0 „
6,4 „
4,8 „
14,5 „
2,1 „
2,2 „
der Anteil an
1927
17,3 v. $).
9,9 „
4,7 „
3,0 „
17,2 „
5,3 „
3,4 „ meinen
Enieuropäisiemng.
Vcm Professor Or. Hermann Levy, Äerlin.
Während die Vereinigten Staaten von Amerika durch die Hergabe von Krediten in den letzten zwei Jahren in engere finanzielle Fühlung mit verschiedenen europäischen Ländern getreten sind, macht sich auf dem Gebiete der eigen! chen Wirtschaft und ihres Güterverkehrs eine immer stärkere Isolierung der Union von den europäischen Märkten bemerkbar. Es ist von Wichtigkeit, gerade im Hinblick auf die sog. „Unterstützungen", welche Europa von Amerika in finanzieller Hinsicht erfährt, diesen Gegensatz im Auge zu behalten.
Die Union weist in ihrer Gesamteinfuhr eine Tendenz zu stärkerer Rohstoffeinfuhr auf. Während zwischen 1901 und 1905 noch 24,7 v. H. der Einfuhr aus fertigen Waren bestanden, waren es im Jahre 1927 nur noch 21 0. H., dagegen war der Anteil der Rohstoffcinfuhr von 33,4 v. H. auf 38,3 v. H. gestiegen. Schon hierin liegt ein gewisser Beweis der Enteuropäisierung der amerikanischen Wirtschaft. Denn Europa ist ja für die ganze Welt in erster Linie Lieferant von Fabrikaten gewesen. Die Mehrzahl der Rohstoffe und der wenigen Nahrungsmittel, welche Amerika einfüh'kt, stammen nicht aus Europa, so vor allem nicht Gummi, Kaffee, Zinn, Häute und Felle, Tee und Kakao.
______ ______ vielleicht zunächst
nen, daß die Ablenkung amerikanischer Ausfuhr von Europa gar nicht so ungünstig für dasselbe sei. Man könnte meinen, daß in den obigen
ja, es zeichnet sich hier vielleicht mit noch größerer Deutlichkeit ab. Es betrua der Anteil einzelner Bestimmungsländer an der Ausfuhr der Union:
Bestimmungsland
Ziffern der Beweis liegt, daß die Konkurrenz amerikanischer Waren in Europa geringer geworden sei. Bun ist es richtig, daß die Konkurrenz amerikanischer Zndustrieerzeugnisse in Europa noch immer nicht die so oft befürchtete Ausdehnung genommen hat. Europa bezieht in erster Linie Aahrungs- und Genuhmittel aus der Union, erst in zweiter Linie Zndustriefabrikate, und auch diese können sich in Europa nur behaupten, da wo sie standardisierte Massenartikel sind, wie Automobile, Bureaumaschinen, einzelne landwirtschaftliche Maschinen usw. In der sogenannten verfeinerten Fertigerzeugung sind die Amerikaner bei uns noch nicht konkurrenzfähig, Um so mehr aber beweisen die obigen Ziffern, daß wir die Konkurrenz der Amerikaner auf „dritten" (besonders überseeischen) Märkte n zu fürchten haben. Hier haben die Amerikaner seit dem Kriege ihre Stellung gegenüber der früher dort allein herrschenden europäischen Ausfuhr wesentlich Reigern können. Es ist dabei von großer Bedeutung, daß die Eroberung solchet Märkte seitens der Amerikaner nicht nur auf der Güte und Billigkeit ihrer Waren beruht, sondern vielfach durch finanzielle
Nur beim Kali ist die Union so gut wie ganz auf den Bezug aus Deutschland und Frankreich angewiesen. Schon in diesen Verhältnissen liegt der Grund für den Rückgang der europäischen Einfuhr der Union. Wir geben hierfür einige Beispiele; es der Einfuhr Amerikas:
denz: Abnahme des , , tigsten Europaaebieten zugunsten überseeischer Län- der. Bei der Ausfuhr haben wir ein gleiches Bild,
Ursprungsland England
1910—1914
16,5 v. H.
1927
8,6 v. H.
Deutschland
10,4 „
4,8 „
Frankreich
7,7 „
4,0 „
Japan
5,0 „
9,6 „
Kanada
6,9 „
11,4 „
China
2,1 „
3,6 „
Druckmittel künstlich verstärkt wird, wogegen das heute kapitalarme Europa und insbesondere ein Land wie Deutschland natürlich völlig machtlos ist. Der bekannte englische Handelsattache in Washington, Sir Joyce B r 0 d r i ck, hat unlängst einen höchst beachtlichen Bericht an seine Regierung gesandt, in welchem er sagt: „Man muß zugeben, daß die Handelsaussichten für die Bereinigten Staaten nach vielen Richtungen hin sehr günstig sind. Die große Masse ausländischer Anleihen, welche in den letzten Jahren von ihnen gegeben worden sind, hat ihnen (auf den überseeischen Märkten) eine besondere Gelegenheit verschafft, den Handelsverkehr der finanziellen Unterstützung folgen zu lassen. Große Summen sind für produktive Zwecke an Lateinamerika verliehen worden und das ständige Anwachsen des Handels mit diesen Gebieten scheint die Annahme zu rechtfertigen, daß d i e Finanzfrage auch für den amerikanischen Handel eine ausschläggebende Rolle spielt. Aehn- lich arbeiten auf anderen Gebieten ö?r Weltwirtschaft amerikanischer Finanzleute und Fabrikanten Hand in Hand." Es findet also seitens Amerikas heute das statt, was die Engländer vor dem Kriege anderen Ländern gegenüber als „friedliche Durchdringung" bezeichneten. Heute ist die Dollardipkomatie an die Stelle der alten europäischen Geldgeber getreten.
Wenn Amerika weniger von E -ropa lauft, und in steigendem Maße nicht-europäische Märkte mit seinen Waren beschickt, so kann : :an mit Recht von e ner „Enteuropäisierung b:r amerikanischen Außenwirtschaft" sprechen. Freilich das stärkste Moment in dieser seit dem Kriege und der Rachkriegszeit erst eigentlich hervortrelenden Tendenz ist der Berlust des amerikanischen Marktes selb st für Europa. Hier liegt wohl das Hauptmoment der Enteuropäi- fieruna. Auch der neueste englische Bericht, den wir oben nannten, konstatiert, daß der amerikanische Markt höchstens noch für verfeinerte Qualitätsartikel Europas offen sei. 3m übrigen hak die Standardisierung einerseits und Zollpolitik andererseits dafür gesorgt, daß europäische Waren normaler Qualität in der Union nicht mehr abgesetzt werden können. Was das für Europa als Schuldnerland Amerikas bedeutet, liegt auf der Hand. Kommt zu dieser Versperrung des wichtigsten Marktes über See noch die Konkurrenz Amerikas auf dritten Märkten, so erscheint die Lage der europäischen Fabrikatausfuhr in der Tat recht bedenklich. Die einzige Hoffnung ist vielleicht, daß die Belebung der überseeischen Wirtschaften, insbesondere der südamerikanischen, durch tie Finanzhilfe der Union diesen Ländern de ari gesteigerte Entwicklungsmöglichkeiten verschafft, daß an diesen auch die europäische Qualitätsindustrie einen steigenden Anteil haben wird. Für die Gegenwart ist dies freilich nur ein schwacher Trost. Die Enteuropäisierung der amerikanischen Wirtschaft bleibt einer der bedrohlichsten Faktoren der europäischen, insbesondere auch der deutschen Aussuhr- entwicklung; und sie wird in ihren Wirkungen um so verhängnisvoller, je mehr wir Schuldnerland der Union werden.
Lichtbild und $itm in Schule und Volksbildung.
WER. Lauterbach, 23. April. Ein von der Lichtbildstelle des Kreisschulamts Lauterbach veranstalteter Kursus für die Anwendung von Lichtbild und Film als Lehrmittel in Schule, Jugendpflege und Volksbildung nahm dieser Tage im Saale des Kasinos zu Lauterbach seinen Anfang. Schulrat Lorentz konnte als Kursusleiter über 100 Anwesende begrüßen, von denen 45 für die ganze Dauer des 14tägigen Kursus von der Schulbehörde beurlaubt waren. Unter den Anwesenden bemerkte man den Kreisdirektor des Kreises Lauterbach, Dr. Michel, den Bürgermeister der Stadt, Herrn Walz, die beide beste Wünsche für den Verlauf des Kursus aussprachen. Auch die Kreisschulräte Kinkel (Gießen) und
Rausch (Lauterbach) bekundeten ihr Interesse. Als Vertreter des Ministers für Kultus und Bildungswesen eröffnete Schulrat Hassinger (Darmstadt) den Kursus, wobei er betonte, daß das Kultusministerium nach den Vorarbeiten des Generalinstituts für Erziehung und Unterricht, sowie nach der an Erfahrungen reichen mehrjährigen Tätigkeit des Kreisschulrats Lorentz mit Ueberzeuaung sür die Förderung von Lichtbild und Film als Erziehungsmittel eintrete. Eine vorzügliche Einführung in die Materie des Kursus gaben die beiden Referate von Professor Lampe, dem Direktor der pädagogischen Abteilung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht, zugleich auch Leiter der Bildstelle des Instituts, und von Direktor Günther, dem geschäftssührenden Vorsitzenden des deutschen Bildspielbundes, zugleich Direktor des Filmseminars in Berlin. Der Kursus fand feinen Abschluß mit einer vor der hessischen Prüfungskommission an der Technischen Hochschule zu Darmstadt (Vorsitzender Professor ©enget) abgelegten Lichtbildvorsührerprüfung, der sich 45 Kursusteilnehmer mit Erfolg unterzogen.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 23. April. Gestern abend versammelten sich die hiesige Lehrerschaft, der Schulvorstand und der Gemeindevorstand zu einer einfachen Abschiedsfeier für den zum Stadtschulrat nach Mainz Berufenen Rektor Dr. Rein. Bürgermeister S ch 0 m b e r dankte Dr. Rein im Namen des Gemeindevorstandes für die in Wiescck geleistete Erziehungsarbeit und überreichte ihm zur Erinnerung eine Vasengruppe, gefertigt in der Kunsttöpferei Keßler. Für den Schulvorstand sprach der stellvertretende Schulleiter Lehrer Keil. Er sagte dem vorzüglichen Schulmann und nun scheidenden Leiter der Volksschule Wieseck, Worte des Dankes und der Anerkennung, während für die Lehrerschaft der diensttuende Lehrer Burk dem Leiter uno Kollegen den Dank übermittelte. Als äußeres Zeichen her Wertschätzung überreichte er Dr. Rein ein Gruppenbild der hiesigen Lehrer und Lehrerinnen. Mit Worten des Dankes verabschiedete sich Schulrat Dr. Rein von seinen Kollegen, dem Schulvorstand und dem Gemeindevorstand. -
X Wieseck, 23. April. Bei der a 0 11 e s - dienstlichen Feier der Aufnahme der Kleinsten in die Schule wurde die zahlreich versammelte Gemeinde am Sonntag überrascht durch den zum ersten Male vorgenommenen feierlichen Einzug der mit Sträußchen oder Kränzchen geschmückten ABC- Schützen. An der Spitze des Zuges hinter dem Ortsgeistlichen trug ein Junge den neuen Wim- pel der Kinderkirche mit dem violetten Kreuz der Kirchenfahne auf weißem Grunde. Der Ansprache des Geistlichen vom Altäre aus lag das Iesuswort Matth. 18, 10 zugrunde. Fleißkärtchen mit Kindern und Engeln wurden von den in gleicher Ordnung in den Pfarrhof zurückziehenden Kleinen als Erinnerung an die Feier mitgenommen. Die beim Ausgang angebotenen Erziehungsbüchlein und ähnliche Schriftchen wurden sämtlich abgesetzt. In die Schule wurden ausgenommen 30 Knaben und 30 Mädchen; sie sind Schulverwalter Pfeifer anvertraut.
r. Beuern. 23. April. Am Sonntag wurde der weit über die Grenzen seines Heimatdorfes hinaus bekannte Gemeinderechner i. R. Georg Stein zur letzten Ruhe gebettet. Der hiesige Kirchengesangverein (Dirigent Lehrer Edelmann) und der Männergesangverein Polyhym» nia (Dirigent: Musiker Heinrich Schomber) fangen ihrem langjährigen Ehren- und ehemaligen Vorstandsmitglied letzte Grüße. Pfarrer K a I b * Henn (Großen-Duseck) zeichnete in feiner Grabrede den Verstorbenen als treuen und gewissenhaften Beamten und treusorgenden Familienvater. 50 Jahre stand Rechner Stein ununterbrochen im Dienste der Gemeinde Beuern, darunter die letzten 20 Jahre als Gemeinderechner. Im September 1926 trat er in den Ruhestand, nachdem er im
Dezember 1925 mit feiner Gattin daS Fest der goldenen Hochzeit feiern konnte. Von den vielen Kranzspenden, die am Grabe niedergelegt wurden, seien erwähnt: Gemeinde ‘Beuern durch Bürgermeister Linden st ruth, Kirchengemeinde, der der Verstorbene als Kirchenvorstandsmitglied angehörte, Kirchengefangverein, Spar- und Vor- schußkasse 1, deren langjähriger Direktor der Verblichene war, Konsumverein II, dem Rechner Stein als Aufsichtsratsmitglied angehörte, Männergesangverein Polyhymnia und Verband der Gemeinderechner, deren Sprecher Rechner Stumpf von Reiskirchen den Heimgegangenen als Vorbild eines pflichttreuen Beamten bezeichnete.
gt. Orüningen, 23. April. Unsere Schul- s p a r k a s s e, angegliedert bei der Dezirksspar- kasse Gießen, wurde 1925 ins Leben gerufen und hat seitdem eine langsame, aber stete Aufwärtsentwicklung durchgcmacht. Anfänglich waren es nur 32 Sparer; die Zahl stieg in jedem Jahre zunächst auf 36, 45 und dann auf 60. Besonders stark war der Zuwachs an Sparern und das Anwachsen der Spargelder im Schuljahr 1928/29. Zu Beginn des Jahres betrug der Kassenbestand 456.86 Mk., während er bis zu Ende auf 1105,20 Mk. angewachsen war, so daß nach der Rückzahlung von 240,86 Mk. an die Schulentlassenen noch 864,34 Mk. Spargelder verblieben. Die Zahl der sparenden Kinder beträgt zu Anfang des neuen Schuljahres 68, das sind zwei Drittel der Gesamtschülerzahl. So können wir eine recht erfreuliche Zunahme der Spartätigkeit feststellen.
—/— Lich, 23. April. Der Reubau des hiesigen Postamts wurde in diesen Tagen angefangen. Das Gebäude soll noch im Herbst fertig und bezogen werden. Hoffentlich erfahren mit dem Bezug des neuen Amtes auch die postalischen Verhältnisse in unserer Stadt eine gründliche Verbesserung. Während an verschiedenen kleineren Orten der Schalter bis 6 Uhr nachmittags geöffnet ist, wird er hier schon um 5 Uhr geschlossen. Die Bewohner einzelner Straßen bekommen ihre erste Briefzustellung häufig erst um 11 oder 12 Uhr vormittags, an bestimmten Tagen wird es manchmal noch später. Es ist zu wünschen, daß die oberste Postbehörde die berechtigten Wünsche unserer Stadt mit ihrer Industrie und Geschäftswelt endlich durch Einstellung eines weiteren Beamten erfüllt, oder durch andere Einteilung die bestehenden Mängel ab st eilt.
df. Langsdorf, 23. April. Am Sonntag fand im Gasthaus „Zur Traube" die ordentliche Generalversammlung des Dorfchu stund Creditvereins e. G. m. b. H. sta t. Von den 129 Mitgliedern waren 59 erschienen. Rach Eröffnung der Tagesordnung verlas der Vorsitzende den Jahresbericht und erteilte sodann dem Rechner, Beigeordneten Roth, das Wort zur Erstattung der Bilanz. Diese ergab für den 31. Dezember v. I. 185 481,88 Mk. Aktiva, denen 182 851,37 Mk. Passiva gegenüberstehen, so daß die Iahresrechnung mit einem Gewinn von 2630,51 Mk. abschloß. Der Vorsitzende verlas den Revisionsbericht des Oberrevisors Hartmann, Gießen, aus dem hervorging, daß sich dank der gewissenhaften Geschäftsführung des Rechners keine Anstände ergaben. Ueber den Geschäftsverkehr der Langsdorfer Kasse kann allgemein gesagt werden, daß er sich in 1928 sehr befriedigend entwickelt hat. so daß ein Gesamt- kassenumsah von 2 411 402,54 Mk. getätigt wurde. Vorstand und Aufsichtsrat wurden durch die Generalversammlung entlastet. Aus dem Reingewinn erhalten die Mitglieder für ihr Geschäftsguthaben 10 Proz. Dividende. Die Generalversammlung nahm auch Stellung zur Aufwertung der alten Guthaben und genehmigte den Vorschlag des Vorstandes, mit 7 Proz. aufzuwerten. Bei den Crgänzungswahlen zum Vorstand und Aufsichtsrat wurden die satzungs- gemäß Ausscheidenden wiedergewählt. Q(n Ct?lc des durch Tod ausgeschiedenen Direktors, des Beigeordneten Schiel, wurde einstimmig Leh .er
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Prüfung der Schauspielschüler
Von Peter Puck.
In Berlin fand dieser Tage eine Prüfung junger Schauspieler statt. Das Examen wurde von Professor 3 ehner, dem General - Intendanten der Staatsbühnen, geleitet.
Da ja bekanntlich einmal in jedem Jahr die Bühnengenossenschaft junge Leute auf ihre Befähigung für die Theaterl/iufbahn prüft, und da ja bekanntlich jeder glaubt, ein mehr oder weniger großer Künstler zu fein, so mag es keinem verwunderlich erscheinen, daß sich auch in mir der Wunsch bemerkbar machte, mich dieser Prüfung zu unterziehen. Da ich, wie die vielen anderen jungen Leute, ebenfalls der Ansicht war, daß die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, nur noch auf mich warteten, ging ich zur Bühnengenossenschaft, meldete mich und trug mich in die Liste der Hoffnungsvollen ein. Qualvolle vierzehn Tage wartete ich, dann sollte ich mich in einem Theater der Innenstadt einfinden. Ich hatte viel geprobt; stundenlang hatte ich vor dem Spiegel gefeffen, die Hände in meine Mähne vergraben und hatte Musenworte meinem Munde entströmen lassen. Obwohl ich mir gefiel, schickte der Wirt mir einen Beschwerdebrief, und mein Stubennachbar imitierte sagenhafte Klopfgeister an unserer gemeinsamen Zimmerwand.
Pünkllich fand ich mich zur festgesetzten Zeit im Theater ein. Dunkel und kalt war das Theater; auf den letzten Stuhlreihen zusammengekuschelt quetschten sich ungefähr fünfzig vor Angst Zitternde. Im Vordergrund des Zuschauerraums waren zwischen den Stuhlreihen einige Tische mit Lampen aufgestellt. Hier konnte man die große, markante Gestalt des Herrn I e h n e r sehen. Geschäftig lief Direktor Zickel im Theater herum. Eduard v. W i n t e r st e i n, Ernst Deutsch und andere zukünftige „Kollegen" sahen gelangweilt umher. Provisorisch wurde eine Kommission gebildet, und nun fing es an.
Fräulein Müller, bitte! Ja, bitte, eine piepsende Stimme aus dem Hintergrund erscholl, und ein junges Mädchen schlängelte sich aus den Stuhlreihen nach vorne. Was wollen Sie sprechen, fragt die Dame aus der Prüfungskommission. Den Puck! Und schon hüpft das junge Mädchen auf der Bühne umher, der Schalk blitzt ihr aus den Augen. Man merkt, das liegt ihr. Der
nächste Schüler ist ein Herr mit tiefem Daß; er spricht den Doktor Faust, nachdem er sich einen Tisch nebst Stuhl für diesen Zweck zurechtgestellt hat. Mitten im Prolog plötzlich eine Stimme von unten: Danke, genügt! Der Rächste. Eine junge, schlanke Dame, Augen und Lippen in voller Kriegsbemalung. Die Indianer hatten doch recht, denn sie bemalten sich, um ihre Feinde zu erschrecken. Aber Herr Ießner läßt sich nicht bluffen. Rachdem die junge Dame eine Szene aus „Schloß Wetterstein" gesprochen hatte, unterbricht sie Herr Ießner und fragt unvermittelt: Wie lange waren Sie schon beim Theater, liebes Fräulein? Das liebe Fräulein fährt jäh zusammen, blickt erschreckt auf und sagt nach einer längeren Pause: Hintereinander drei Monate. Und wieder fragt Herr Ießner: Und wie lange Pausen waren dazwischen? Ja, da war eben nix zu machen, der Fachmann merkt alles.
Und so geht es weiter. Allmählich wird meine Unruhe immer größer. Es ist gleiche Gefühl wie in der Schule, wenn b c Diktathefte zurückgegeben werden. Man fühlt ba^ Herz bis unter den Kragenknopf schlagen und meint, daß das laute Ticken unbedingt vom Rachbar gehört werden muß. Man bekommt viel zu hören, man fühlt sich auch als Kritiker und nach dem ersten Dutzend kann man auch schon gut und schlecht unterscheiden. Zwar weiß ich nicht, ob dieses Examen von dem Schüler ein richtiges Bild wiedergibt. So plötzlich auf die Bühne, sofort sprechen, plötzlich unvermittelt aufhören. Ehe man über die erste Angst hinweggekommen ist und die erste Scheu überwunden hat, sitzt man schon wieder unten, und in Herrn Iessners Taschenbuch steht die Zensur. Interessant ist es, festzustellen, daß größtenteils moderne Stücke über die Szene gehen. Iohst, Wedekind, Shaw und andere. Aber Herr Iessner will immer wieder Klassiker hören. Auch einzelne Gedichte werden aufgesagt. Viel hört man Schiller. Je nach Geschlecht und Temperament Don Carlos, Emilia Galotti, Maria Stuart. Für den Zuhörer sicher oftmals ein Genuß. Ein junges Mädchen spricht mit stolz gerecktem Kopf und flammenden Antlitzes die Anklagerede der Maria:
Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist, Denn ich bin eine Königin wie Ihr,
Und Ihr habt als Gefangene mich gehalten. — Hier hat man das Gefühl des Derbundenseins mit der Rolle und das „Danke, das genügt“ reiht die junge Dame aus Musenarmen in die rauhe
Wirklichkeit zurück. Sie ist so benommen, daß sie fast torkelnd den Weg zurückgeht.
Ein anderer spricht die Worte des Marquis Posa an den König:
Geh n Sie Europens Königen voran!
Ein Feberzug von dieser Hand, und neu Erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit! —
Und weiter geht es, man hort die Worte des Antonius vor dem Forum: Mitbürger, Romer! Freunde! Hört mich an: —
Bis dann auch mein Rame erschallt, und ich mich auf die Bühne begebe, noch leise das Gelernte vor mich hin brabbelnd. Ich fing an mit einem Gedicht, da ich das am besten konnte. Es waren die „Wanderratten", das schöne Gedicht und die beißende Satire von Heine. Und dann noch etwas Klassisches, und ehe ich mich versah — war ich unten, der nächste war schon wieder auf der Bühne.
Unten im Parkett wurde getuschelt, man kritisierte. Die junge Generation legte an ihre Mitlernenden die schärfste Kritik an. Vor mir eine junge Dame flüsterte leidenschaftlich gute Ratschläge in den Raum. Mehr Pathos, die Hände erhoben, niederwerfen, auf dem Boden rutschen, die Hände auf den Boden schlagen, die Haare raufen, mit gebrochener Stimme sprechen und so weiter. Ein Glück, daß das außer mir niemand mehr horte. Viele hatten die Gewohnheit, um sich in Stimmung zu versehen, sich mit einem lauten Aufschrei auf den Boden zu werfen und langsam auf dem Boden kriechend, ihren Senf abzuleiern. Ein schöner und erhebender Anblick, besonders dq der Boden der Bühne frisch gefärbt war und die hellen Strümpfe bald eine anktere Farbe erhielten. Frau 3., die Prüfungskommissarin, rief nach dem ersten Riederwurf: Sie sind verletzt. Qlber das war halb so schlimm. Uebrigens hatte diese Dame einen ungeahnten Redefluß. Laut und deurlich unterhielt sie sich und wurde nur durch die ihr gewiß unangenehme „Quasselei" auf der Bühne unterbrochen.
Fast zum Schluß wurde ein Herr aufgerufen. Mit heller Stimme antwortete er „Hier". Man wartete auf einen 3üngling, und ein älterer Herr mit langen, weißen Haaren erschien. Auf der Bühne angelangt, sprach dieser Herr auch noch, und man dachte, daß es der Großpapa eines Schülers sei, und er sprach, aber um was es sich gehandelt hat — wer weih es! —
Rach knapp zwei Stunden war die Prüfung beendet. In Gruppen und Grüppchen, heftig
debattierend, so zogen wir heim. Der Lohn ist ein Befähigungsschein, und dann beginnt für viele der harte Kampf um das Engagement, und in der freien Zeit muh man fleißig studieren. Und wie viele, die heute noch den stolzen Wunsch in sich tragen, bald etwas ganz Großes zu sein, sieht man im Kabarett wieder. Für zwei bis drei Mark dürfen sie Musenworte sprechen. Man lacht über sie, sie sind eingereiht in die große Masse der Ramenlosen. Ja, das sind die Gedanken, wenn man eine Prüfung hinter sich hat. Aber man weiß ja nicht, vielleicht habe ich Glück, und der Weg nach oben wird mir nicht so schwer gemacht, und ich lande bei Reinhardt, Ießner ober Darnowski.
Lochschulnachrichten.
Der ao. Professor an der Universität Halle Dr. Hans H e r z f e l d ist für das Sommersemester 1929 mit der Vertretung des durch den Weggang Professor 21. 0. Meyers nach München an der Universität Göttingen erledigten Lehrstuhls für neuere und mittlere Geschichte beauftragt worden.
Zur Wiederbesehung des durch den Weggang des Prof. G. Hölscher an der Universität Marburg erledigten Lehrstuhls für Altes Testament ist ein Ruf an Professor Dr. theol. Sigmund Mowinckel an der Universität Oslo (Ror- toegen) ergangen. Dr. Mowinckel absolvierte seine theologischen Studien in Oslo, Kopenhagen. Marburg und Gießen bei den Professoren Michelet, Brun, Brandrud und Ording (Oslo), Buhl (Kopenhagen), K. Budde und W. Gunkel (Marburg und Gießen), ferner bei dem Asshriologen 3. 3enfen (Marburg) und promovierte 1916 in der Theologischen Fakultät zu Oslo. 1915 wurde Mowinckel Adjunkt-Stipendiat der Universität Oslo, später Dozent der alttestamentlichen Theologie ebenda und 1922 Professor. Einen Ruf nach Basel hat der Gelehrte abgelehnt. Professor Mowinckel ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Oslo, Dr. theol. h. c. von Gießen, Lund und Straßburg, Mitglied der Direktion von „Statens Forskningsfond", sowie der Direktion von „Institute! For Sammenlignende Kulturfor- skning“. Sein Arbeitsgebiet ist Altes Testament, besonders Psalmen und Propheten. — Der Lehrstuhl für deutsche Sprache, Literatur und Volkskunde in der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ist dem Privatdozenten Dr. Fritz Karg ebenda angeboten worden.


