Ur. 275 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 23. November (929
Aus dem Reiche der Frau.
Rahrungsbansteine für das Kleinkind.
Von Dr. Guste Feuchtwanger, Äerlin-Sieglih.
Betrachtes wir die uns zur Verfügung stehenden Nahrungsbausteine. die für eine zweckmäßige Ernährung im Kindesalter in Frage kommen, so kommen wir zu verschiedenen Möglichkeiten. Cs stehen uns zur Verfügung als hauptsächlichste und grundlegende Nahrungsbausteine: das Eiweiß, das Fett, die Kohlehydrate und die Salze. Eiweiß ist hauptsächlich im Fleisch und im Ei, ferner in geringen Mengen auch in Pflanzen enthalten, und wir wissen, daß es im ersten halben Lebensjahr des Kindes als tierisches Eiweiß absolut weggelassen werden und auch im zweiten Halbjahr nur in ganz geringen Mengen gegeben werden soll.
Das Fett, welches wir hauptsächlich in Form von Vutter den Kindern verabreichen, wird schon den ganz jungen Säuglingen und später dem Kleinkinde bekömmlich sein.
Kohlehydrate kommen besonders reichlich im Pflanzcnkörper und weniger reichlich im tierischen Organismus vor. Sie schmecken süß und sind allgemein sehr leicht in Zucker zu verwandeln. Die sogenannten Kohlehydrate können nun sehr viele Amwandlungen durchmachen, deren schwierige, chemische Struktur hier nicht besonders erwähnt werden soll. Cs soll nur dargetan werden, daß die Kohlehydrate in Form von Stärke-(Mehl) und Zucker ein wesentlicher und wichtiger De- standteil in der Säuglings- und Kleinkinderernährung sind. Bedenken wir doch nur, daß wir nach Absetzung der Vrust unsere Kinder mit Milchverdünnungen ernähren, deren einer Bestandteil Schleim (Hafer, Mais, Reis usw.), deren anderer Bestandteil Zucker ist. Wir wissen, daß die Verwendung des reinen Zuckers bei Kindern mit geregelter Verdauungstätigkeit außerordentlich zu empfehlen ist, und daß sämtliche anderen, komplizierten gereinigten Zuckerarten im Nährwert keineswegs höher zu stellen sind. Für das sogenannte Kleinkind haben auch kohlehydratreiche Speisen in Verbindung mit Fett und geringen Eiweißmengen hohen Wert. Zu warnen ist natürlich bei der allgemeinen Ernährung vor allzu großem Kohlehydratgenuß, denn das Kohlehydrat hat die Eigenschaft, die Haut und das darunterliegende Zeugewebe aufzuschwemmen, „teigig" zu machen und eine schlechte körperliche Entwicklung des Kindes hervorzurufen. Kohlehydrate-, Fett- und Eiweißernährung muß ergänzt werden durch die für die Ernährung außerordentlich wichtige Zufuhr von Salzen und Vitaminen, die am besten in Form von Gemüse und rohem Obst verabreicht werden. Wichtig ist überhaupt namentlich für das Kleinkind die gemischte Kost. Das Zusammenspiel aller uns zur Vctfügung stehenden Bestandteile für die Ernährung, wie Kohlehydrate, Fette, geringe Eiweißmengen, frisches Obst und Gemüse ist überhaupt als idealste Ernährung anzusehen.
Aach diesen allgemeinen Betrachtungen sei auf das Praktische hingewiesen. Wir wissen, daß in die Gruppe der Kohlehydrate eine Fülle von Nahrungsmitteln gehören, die man in verschiedener Form Kindern verabreichen kann. Dazu gehört vor allen Dingen die große Gruppe der sogenannten Schleckereien, die in Form von Bonbons, Schokolade, Kuchen und Plätzchen unseren Kleinen von liebender Hand zugestcllt werden. Nicht ganz zu Anrecht, denn der Dank, der dicken Spendern zufällt, ist ein großer. Trotzdem bedürfen diese Dinge genauer Wertung. Bonbons ab und zu in mäßigen Mengen verabreicht, ein Stückchen Schokolade zum Nachtisch, etwas Kuchen zur Belohnung wird sicher günstigen Einfluß auf die Entwicklung unserer Kleinen haben. Zu betonen ist jedoch, daß diese kleinen Freuden den Kindern nur nach dem Ekscn gemacht werden, da bekanntlich Süßigkeiten den Appetit verderben. Auch ist vor schweren Gebäcken, Kuchen, die eine
große Anzahl Butter, Eier und Sahne enthalten, zu warnen.
Wir müssen ja bedenken, daß der kleine Organismus die calorisch hochwertige Nahrung nur schwer und langsam verdauen kann. Wie ost habe ich eine kleine Patientin von einer Nachmittags- cinladung halb krank von Kuchen, Schlagsahne und Schokolade nach Hause kommen sehen.
Wir müssen auch hier wie überall in der Ernährung Maß halten, uns das einzelne Kind genau betrachten, inwieweit es viel oder wenig vertragen kann. Wir dürfen vor allem die Nichtoder Schlechtesser nicht von vorneherein durch den
übermäßigen Genuß von Kohlehydraten noch eß- unlustiger machen.
Alles in allem sei aber hervorgehoben, daß eine Verwendung von Zucker und Schokolade in der Kinderernährung eine nicht zu unterschätzende Nolle spielt. Die Entwicklung unserer Industrie hat hierzu durch Verwendung von meist erstklassigen Zutaten das ihre beigetragen. Wir können daher unbesorgt unseren Kindern innerhalb mäßiger Grenzen die ihnen nun einmal so angenehme Gaumenfreude der Süßigkeiten lassen.
Das Schlafzimmer im
Von Or. N. Weller.
Winter.
Mit dem Beginn der „dunkleren" Jahreszeit beginnt für eine große Mehrzahl der Menschen die Zeit, wo sie später aufstehen. Denn viele, ja vielleicht die meisten Menschen, richten nicht die Schlafenszeit nach dem Schlafbedürfnis, sondern nach dem Zeitmaß, das ihnen zum Schlafen vergönnt ist, ein. Me Hauptsache ist, daß wir ruhig und ungestört schlafen, ob dies abends oder morgens der Fall ist, bleibt sich im allgemeinen gleich. Aber um ruhig und ungestört zu schlafen, brauchen wir ein Schlafzimmer, das uns die Möglichkeit hierzu gewährt. Die Mehrzahl der Menschen wohnt in ungeeigneten Schlafräumen. Die Schlafzimmer sind oft dumpfig, feucht und kalt. An nebelreichen Tagen können wir es leicht beobachten, daß, wenn sich der Nebel auf der Straße längst gelegt hat, er noch eine ganze Weile — oft stundenlang bei starken Nebeln — die Hofräume füllt. Daraus können wir dann ersehen, wieviel feuchter bei nasser Witterung die nach dem Hofraum zu gelegenen Näume sind, als die nach der Straßenfront gelegenen.
Daher ist es denn aber auch durchaus falsch, die Schlafzimmer im Winter nicht zu heizen. Gewiß, in warmen oder gar überheizten Schlafzimmern schläft es sich nicht gut, wenigstens für alle diejenigen, die nicht an geheizte Schlafzimmer gewöhnt sind. Das besagt nun aber noch nicht, daß wir überhaupt nicht die Schlafzimmer heizen sollen: wir können ja die Wärme zur Schlafenszeit wieder herauslassen. Es ist ganz notwendig, besonders bei Wohnungen, deren Schlafzimmer nicht nach der Sonnenseite zu gelegen sind, daß wir tüchtig heizen lassen, um die Feuchtigkeit durch die Wärme zu vertreiben.
Je naßkalter die Witterung ist, desto besser müssen die Schlasräume durchheizt werden. Also nicht nach dem Thermometer allein muß das Heizen sich richten, im Gegenteil, oft wird es bei einigen Graden Wärme an nebelreichen Tagen notwendiger sein als an trockenen, kalten Tagen bei 5 Grad Kälte und mehr. Denn die Kälte an sich schadet uns im Bett, wenn wir uns durchwärmt haben, weniger als die Feuchtigkeit, die sich den Betten mitteilt, die wir außerdem noch beständig einatmen. Da feuchte Luft sich besser zu Trägern von Krankheitskcimen eignet als trockene, so atmen wir mit der feuchten Luf^ im Schlafzimmer allerlei Krankheitsstoffe ein.
So wie in der Regel die Schlafzimmer in unseren Familien behandelt werden, müssen sie ein Herd von Kranlheitsstoffen werden. Man bedenke: Nachdem man das Schlafzimmer verlassen, werden die Fenster geöffnet: das ist im Winter zumeist in der Zeit von 8 bis 10 .Ahr. wenn die Nebel noch nicht gefallen find. Die Feuchtigkeit legt sich auf die geöffneten Betten. And sobald diese recht durchfeuchtet find, werden sie in Ordnung gebracht und mit schweren Decken belegt, damit die Feuchtigkeit hübsch darin bleibt und nicht heraus kann, so sehr auch im Zimmer geheizt werden mag.
Natürlich müssen die Fenster im Schlafzimmer geöffnet, ebenso auch die Betten gelüftet werden, aber möglichst während der Mittagszeit. Das geht natürlich den Hausfrauen gegen den Strich, weil dann die Dienstboten längst zu anderen Arbeiten berufen sind, und den meisten tüchtigen Hausfrauen ja die Erhaltung der Wirtschaft wichtiger erscheint als die der Gesundheit der Familie. Richtiger wäre es noch, wenn an feuchtkalten Wintertagen die Betten, nachdem die Fenster wieder geschlossen sind und tüchtig im Zimmer eingeheizt worden ist, überhaupt nicht zugemacht und cingedeckt würden, sondern offen bleiben und ordentlich austrocknen können.
Daß im Winter die Handtücher täglich gewechselt werden müssen, daß sich an diesen womöglich nicht mehr als eine Person abtrocknen darf, daß. die Handtücher so gehängt werden müssen,, daß sie auslüften können, sind Forderungen der modernen Hygiene.
Wie warm das Schlafzimmer sein soll, richtet sich ganz nach den Persönlichkeiten, die es benutzen, d. h. nach deren Körperkonstitution, nach deren Gewohnheiten usw. Kinder und ältere Personen bedürfen durchwärmter Schlafzimmer: andere Personen, sobald sie sich einer gesunden Körperkonstitution erfreuen, werden auch in ungeheizten Schlafzimmern schlafen können, ja vermutlich sehr gut schlafen. Aeberheizte Schlafzimmer sind allen schädlich: das Schlafzimmer muß kühler sein als der Wohnraum.
Leute, die gewohnt sind, den Abend über zu Hause zu bleiben — was ja auch bei Kindern und älteren Personen der Fall ist —, bedürfen der durchwärmten Schlafzimmer, besonders auch, wenn sie an kalten Füßen leiden. Wer aus Gesellschaften heimkehrt, wo er üppiger gegessen und getrunken hat als in der Regel, wird im kalten Schlafzimmer besser schlafen als im durch- heizten.
Wer kalte Füße hat, muß entschieden vor dem Schlafengehen etwas dagegen tun: sei es, ein kaltes Fußbad nehmen, sei cs, die Füße tüchtig reiben lassen, oder — was bei alten Leuten wohl das beste ist, bei Kindern aber nicht empfohlen sei — eine Wärmflasche mit ins Bett nehmen. Denn ehe sich der Körper nicht gleichmäßig erwärmt hat, kann man schwer einschlafen. Die ganz kalten, völlig ungeheizten Schlafzimmer Wb keineswegs empfehlenswert, da man sich beim An- und Auskleiden nur zu leicht erkältet.
Zentralheizung hat für die Schlafräume entschieden große Vorteile, da man das Zimmer bis zu dem Augenblick, wo man ins Bett steigt, angenehm durchwärmt haben kann, während man dann schnell die Stube auskühlen zu lassen vermag, um sie leicht am andern Morgen vor dem Aufstehen wieder zu durchwärmen. Diesem Jdeal- zustand muß man sich auch in solchen Häusern, wo sich keine Zentralheizung befindet, zu nähern versuchen. Insbesondere ist es nötig, daß das Schlafzimmer frühmorgens vor dem Aufstehen
durchheizt wird. Es gibt Wohnungen, in denen zu solchem Zweck die Heizanlage der Schlafzimmer so eingerichtet ist, daß der Ofen zwar im Schlafzimmer selbst steht, die Heizung aber vom Korridor aus erfolgen kann, so daß die Schläfer nicht in ihrer Ruhe gestört werden.
In den Kinderzimmcrn ist dagegen eine leichte Durchwärmung des Raumes auch während der Nacht nötig, da sich Kinder zu leicht „bloßstrampeln". Indessen brauchen im allgemeinen überhaupt Kinder nicht eine so warme Temperatur wie Erwachsene. Nur der Wechsel der Temperaturen ist schädlich.
Daß unsere modernen Architekten noch nicht mehr für die 2challdichtigk.it der Wohnungen getan haben, ist ein Aebelstand, der sich besonders bei den Schlafzimmern fühlbar macht. Weit mehr als aus allen möglichen Schmuck des Hauses sollte darauf hingestrebt werden: Wie halten wir den Lärm von unseren Wohnungen, insbesondere vom Schlafzimmer, fern? Natürlich gibt cs einige Mittel, durch die der Schall ^gedämpft werden kann, aber sie sind zum Teil kostspielig, zum Teil nicht überall anwendbar.
Oie Krau als Kollegin.
Von Marie Gerbrandt.
Nachdruck Derboten!
Aus dem sorglich umfriedeten Reich des Hauses, in dem sie Alleinherrscherin — oder je nachdem auch zärtlich gehüteter Liebling, verhätschelter Lucusgegenstand war, ist die Frau hinausgetreten aus das Feld der beruflichen Arbeit. Hier herrscht Wettbewerb der Kräfte. Die Leistungen werden gegeneinander abgewogen, von ihrem Wert hängen Lohn und Ansehen ab, ein auch nur momentanes Versagen kann eine Entgleisung zur Folge haben.
And dabei ist vieles von dem Besten, das die Frau zu geben hat, ausgeschaltet: ihr Gefühl wird oft gar nicht befragt, ihre Neigung, liebevoll auf Einzelheiten einzugehen, muß unterdrückt werden, ihr Interesse für das Persönliche darf nicht in Betracht kommen, ihr weiblicher Charme soll erst recht nicht zählen. Dagegen werden Eigenschaften verlangt, die durch Jahrhunderte bei der Frauenwelt nicht eben kultiviert wurden: Zielbewußtsein, Pünktlichkeit, Objektivität, Festigkeit, geistige Konzentration.
Cs wäre kein Wunder, wenn die Frau, die in dieser ihr doch etwas fremden Welt sich zurecht- zufmden genötigt ist, im Verkehr mit den Mitarbeiterinnen nicht immer den rechten Ton anschlüge. Daß sie sich zurech.findet, daß sie, obwohl nur ein Teil ihrer schönsten Kräfte bei der Berufsarbeit eingestellt werden kann, diese doch treu und umsichtig zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten leistet, haben Tausende bewiesen. Aber zu lange war sie gewohnt, allein das Wohl der Ihren, das zugleich das eigene für sie war, im Auge zu haben. Zu sehr war sie auf das eigene Gebiet beschränkt. Ihr Herz ging nicht im Takt der Allgemeinheit. Korpsgeist konnte sich nicht entwickeln.
Solange der Kampf hauptsächlich um den Mann ging, war sogar eine Frau die geborene Nebenbuhlerin der anderen. Diese Erbschaft, die uns im Blut liegt, kann natürlich nicht in einigen Jahrzehnten ausgerottet werden. So zeigt sich bei der gemeinsamen Arbeit von Frauen wohl oft noch ein Zug von Neid — nicht Brotneid: es handelt sich meist um das Bestreben, mehr zu gelten als die andere — zeigt sich besonders gegen die Artgenossin, wenn auch männliche Kollegen auf dem Plan erscheinen. Es zeigt sich ein wenig Aeberhebung, die Neigung, von der eigenen Leistung — sie kostet ja so viel Mühe und Selbstverleugnung! — recht hoch zu denken, die fremde nicht einsichtsvoll zu bemessen.
Man wird auch die Beobachtung machen, daß der Wettbewerb um die Anerkennung des Prinzipals nicht immer mit ganz ehrlichen Mitteln ausgefochten wird. Die Klatschsucht, die sonst futti-
Kinderlügen.
Nachdenkliches für Ettern.
Von Paula Messer-Plah.
Die Kinderlüge kann von allen möglichen Gesichtspunkten aus betrachtet und dem Nachdenken zugänglich gemacht werden. Symte geschieht es häufig von der wissenschaftlich-psychologischen Seite her, die nach Arsache, Motiv und Zweck fragt. Oder auch von pädagogischer Seite her, die nach der Möglichkeit sucht, dem Hang zur Lüge vorzubeugen oder ihn zu heilen. Durch diese rein sachliche Art der Betrachtung wird es auch den Eltern erleichtert, bei der Entdeckung einer Lüge ihres Kindes sich nicht voreilig über den angeblich schlechten und schwachen Charakter des „Lügners" zu kränken, sondern sich erst einmal in Ruhe den Beweggrund, die Arsache und den Zweck solch einer 2üge klar zu machen. '
Die Lüge ist eine soziale Erscheinung, denn cs werden — wenigstens beim Kinde — immer nur andere belogen. Aber gerade darum gilt die Lüge wohl für so besonders verächtlich und der Strafe wert, weil es für die menschliche Gesellschaft immer von besonderer Bedeutung war. Neigungen auszurotten, die gegen die Gesellschaft sich lehrten. Erhaltungstrieb der menschlichen Gesellschaft und Erhaltungstrieb des Einzelnen zu fördern und zu veredeln, scheint immer die tiefste Wurzel jeder Erziehung gewesen zu fein und diese zwei Artriebe in Aebereinstim- mung zu bringen, gehört zum Schwierigsten pädagogischer Kunst. Nun verstößt Lüge aber offenbar nicht nur gegen die Fähigkeit der Selbst- erhaltung. Denn nach hergebrachter Meinung haben die Kinderlügen ihren Arsprung in der Furcht. Der Feigling aber ist nicht tüchtig, sich selbst zu behaupten, fei es in der Arzeit gegen wilde Tiere und wilde Nachbarn, fei es im Kampf ums Dasein, Beruf und Auskommen.
So erklärt sich der besondere Kummer von Eltern, die ihre Kinder als lügenhaft erkennen. Nicht immer find die Mittel, die gegen den „Lügner" angewandt werden, pädagogisch einwandfrei. Am dies zu erreichen, muh zuerst die Einsicht in das Warum der Lüge eine klarere werden. Wenn man hier sich tiHer und liebevoller in die Kinderseele versenkt, dann
entdeckt man, daß die Luge gar nicht so häufig eine antisoziale Tendenz verrät, wie es doch bei der egozentrischen Einstellung des Kindes zu erwarten gewesen wäre. Gewiß, häufig bekundet sich eine asoziale — nicht antisoziale Tendenz. Sie steht 'aber jenseits von Gut und Böse, da sie einfach das Arsprüngliche her menschlichen Natur darstcllt, das moralfreie Nichtwissen, das ja erst durch Erfahrung und Erziehung zum ethischen Wissen und zur ethischen Entscheidungsfähigkeit entwickelt werden soll.
Ist das Kind über diese triebmäßig naturhaste Ichbearenzung hinausgclangt, so verschwindet freilich damit noch nicht die asoziale Lüge. Denn es kann in übermäßiger Erregung seiner Triebe das Wissen um die Andern wieder völlig vergessen und so ausschließlich nur an eigene Interessen denken, als ob es überhaupt (eine Neben- Menschen gäbe. Vergleichbar jener unbewußten Fahrlässigkeit der Juristen, die so schwer als Schuld bezeichnet werden kann und doch geahndet werden muh. Auch bei Kindern müssen solchem Untergeben ins eigene Ich Hemmungen entgegengesetzt werden, ohne daß die Eltern bei dieser Gedächtnishilfe sich schon Sorgen über asoziale Veranlagung ihres Kindes zu machen brauchten.
Nachdenklicher dagegen müssen jene Fälle stimmen. wo der kindlichen Lüge offenkundig die Absicht zugrunde liegt, die anderen zu schädigen, oder wo wenigstens die Gleichgültigkeit gegen mögliche Schädigung der anderen zutage tritt. Furcht vor Anangenehmem oder Begierde nach Angenehmem sind bei solchen Kindern entweder übermäßig groß im Verhältnis zur Rücksichtnahme auf die Anderen, oder diese Rücksichtnahme selbst ist so gering entwickelt, daß schon die normalen Ichtriebe sie übertäuben. Hier muh zuerst eine ernste, stille und genaue Beobachtung der Eltern einsetzen, ehe sie mit Mahnen. Verächtlichmachen und Strafen eingreifen. Es ist auch für den seinstfühligen und liebevollsten Erwachsenen nicht immer leicht, die Motive einer kindlichen Handlung zu verstehen. Denn gerade durch ihre Ankompliziertheit werden sie dem komplizierten Erwachsenen schwer nachsühlbar. Freilich, je älter die Kinder werden, desto plastischer heben sich die Arsachen ihrer antisozialen Einstellung heraus, desto fester sind sie aber schon eingewurzelt. Darum kommt für die Eltern
alles darauf an, möglichst frühzeitig die seelische Struktur ihrer Kinder zu erkennen. Nicht, um nur mit ewigem Strafen und Zanken das Kind höchstens zum Verheimlichen und Verstockt- werden zu bringen, sondern um durch Hervorlocken, Ermutigen und Kräftigen der schwachen, aber besseren Tendenzen diese zu stärkerer Wirkung zu erheben. Denn weder der Ich- noch der Du - Trieb soll ausgerottet werden — das eine wie das andere würde zur Lebensuntauglichkeit führen — sondern wahre Erziehung erstrebt das harmonische Berücksichtigen beider nach einem inneren Wertmaßstab.
Häufiger, als es die überkommene Rede von der „Verderbtheit der menschlichen Natur" vermuten läßt, sind aber jene Fälle, wo die Kinderlüge sich zurücksühren läßt auf ein tiefes soziales Empfinden des Kindes. Man will dem andern nützen, wenigstens nicht schaden. Man fühlt sich als eine Gemeinschaft gegen die Erwachsenen — etwa gegen die Lehrer — und man fühlt sich verpflichtet, dieser Gemeinschaft mit List, Verstellung und Lüge aus Schwierigkeiten zu Helsen. VerlegenheitsliiAen und Notlügen können hierher gehören. Sicher ist dabei das eine, daß die Eltern sich nicht zu grämen brauchen über den Charakter solcher lügnerischer Kinder, sondern daß sie die Aufgabe vor sich haben, unmerklich und mit zarter Hand ihren Kindern verständlich zu machen, daß Hilfsbereitschaft für andere und Treue gegen die Gemeinschaft nicht erkauft werden darf mit Untreue gegen das ©ute und Wahre in sich selber. Auch hier ist es nicht leicht, falsche Anschauungen über Wahrhaftigkeit, Treue, über Erlaubtes und Anerlaubtes zu berichtigen, ebenso schwer, wie die Phantasielüge des Kindes ihm abzugewöhnen. Denn auch diese wurzelt tief in einer irrigen Auffassung der Wirklichkeit, nicht in einer bewußten Fälschung derselben.
Die Tatsache also, daß eines ihrer Kinder lügt, muh den Eltern zwar erneut Anlaß fein, sich über dessen psychische Struktur Rechenschaft zu geben und selber mit noch tieferem Verantwortungsgefühl der Lüge sich zu enthalten. Die Tatsache der Kinderlüge darf sie jedoch keinesfalls zu übereilten Schlüssen über den Charakter ihrer Kinder bringen, denn es ist nicht ausschlaggebend, daß em Kind lügt, sondern warum es lügt.
Weiße oder bunte Wäsche?
Während in kleinen Plätzen die weiße Wäsche bevorzugt wird, kämpfen in den großen Städten die weiße und die bunte, vielmehr farbige Wäsche um die Vorherrschaft. Das Publicum bevorzugt die bunte Wäsche nicht allein wegen ihrer Billigkeit, die bunten Farben der Wäsche passen sich auch mehr dem stets wechselnden Modegeschmack, dem hastenden Treiben der Großstadt an als das zarte Weiß der Wäsche, das wohl öfters gewaschen werden muß, trotzdem aber haltbarer, widerstandsfähiger ist als die bunte Wäsche, die ihre schillernde, glänzende Farbenfreudigkeit in der Wäsche bald verliert. Hierzu kommt noch, daß die in den letzten Jahren durch eine große Propaganda viel aufgenommenen Kunstseidenerzeugnisse nicht immer einwandfrei gefärbt waren, so daß diese Qualitäten dem Verkäufer viele Rc^amationen verursachten. — Daß der Kaufmann der weißen Wäsche im allgemeinen den Vorzug gibt, ist verständlich, wenn man berücksichtigt. daß die weihe Wäsche nur ein Sortiment in den verschiedenen Größen zu führen hat, die bunte Wäsche aber in allen verschiedenen Qualitäten und Gröh?n sowie in einem stets wechselnden Farbensortiment vorhanden sein muh. Dieses Sortiment erfordert nicht nur eine erheblich größere Kapitalinvestierung, trotz der billigeren Preislagen,— es seht ihn auch der Gefahr aus, ungangbare Farben in Sonderverkäusen zu verschleudern. Wenn auch ein größerer Verdienst durch den Verkauf der farbigen Wäsche zu erzielen ist, so hat der Geschäftsinhaber dennoch den Vorteil, für die weiße Wäsche der Kundschaft gegenüber eine Garantie übernehmen zu können auf Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit, durch seine langjährigen Erfahrungen, während er für die bunte Wäsche nicht in demselben Maße eintreten kann. Man könnte auch einwenden, daß öie_ weihe Wäsche hygienischer fei als die bunte Wäsche! Doch solange die Mode kurze Röckchen, Aermel und tiefe Ausschnitte bedingt, wird die bunte Wäsche, die für diese Moderichtung geschaffen, sich weiter die Gunst der Käufer erhalten. ohne Rücksicht darauf, daß weihe Wäsche in materieller Hinsicht praktischer ist und schätzenswerte Vorteile gegenüber der bunten Wäsche auftoeifen kann. Anne Beer.


