Nr. 275 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesfen)
Samstag, 25. November (929
Angelsächsischer Rassenverfall.
Don Or. Friedrich JW, Malleczewen.
Schon vor einem und einem halben Jahrzehnt waren es amerikanische Aerzte, die sich bitterlich über die mittelbaren und unmittelbaren Fol- qcn der „körperlichen Ertüchtigung der Frau" beklagten. England selbst seht auf eigener Erde dem ja heute noch einen guten Teil seines angeborenen Konservativismus — will sagen, seines guten Instinktes — entgegen. Man sehe sich aber in den Kolonien — etwa in Durban, Cast-London, in den fashionablen Kurorten bei Kapstadt so ein Iungmädchenbad an: eine immer stärker werdende Verwischung der weiblichen sekundären Geschlechtscharaktere, ilnö damit als natürliche Folge: Schwinden der natürlichen erotischen Spannungen. Vicht nur aus der körperlichen Verkümmerung des spezisi ch weiblichen Elementes heraus, sondern aus sehr seelischen Gründen.
Das Fortsallen der Geschlechterschranken beim Sport bedingt nämlich, wenigstens so lange auf beiden Seilen die erotischen Motore unversehrt sind, sehr natürliche Spannungen. Die ewig sich wiederholenden Spannungen aber — man denke auch an den modernen Tanz — bedingen auf die Dauer das Gegenteil: -Abspannung. Genau so wie das ewige Vertändeln starker Leidenschaften, der Flirt, schließlich jeden starken Gefühlssturm unmöglich macht. Man erspare mir das medizinische Wort. Man la se mich nur das Donmot eines britischen Marinearztes erwähnen, der mir neulich auf der Terrasse jenes gleichen Seebades in Durban erklärte, „die intimste Annäherung der beiden Geschlechter in England bestünde in der jungen Generation in einem gemeinsamen Verzehren einer Portion Eissoda.
Man glaube ja nicht, das) ich Kleinigkeiten verhandele. Denn das eben ist das Schreckliche, daß als Erbe in der Erotik der weißen Rasse schließlich der Farbige erscheint. In Amerika in Gestalt jenes chinesischen WäscherZ, der einst in einer vielbesprochenen Mordassäre vor zwanzig Jahren in Chicago die Leiche jener unglückseligen Elise Siegel in den Koffer packte. In den englischen Kolonien aber, sinngemäß in Gestalt des Regers.
96 man in Amerika je die Broschüre gelesen hat, die ein sehr bekannter Wiener Publizist der prinzipiellen Bedeutung des Falles Siegel gewidmet hat, weis) ich nicht. Diel wahrscheinlicher ist mir, — da man drüben ja in grandiosem Maße gewillt ist, den Kopf in den Sand zu stecken — viel wahrscheinlicher ist mir, daß man den auslegenden Buchhändlern ihre Schaufenster cingeworfen hat. Man will eben nichts sehen, was den schönen Traum von der Intaktheit der Rasse und vom Fortschritt der weißen Menschlichkeit stören könnte.
Die Ratur aber läßt sich nun einmal kein 3 vors H machen. Sie rächt sich um so unerbittlicher, je mehr man geglaubt hat, sie betrügen zu können: das Weib, inmitten dieser Verwässerung der männlichen Instinkte ein Stück Ratur geblieben, ist eines Tages der platonischen Anhimmelung amcrican style, ist schließlich der ganzen Weiberherrschaft satt, Hnd sucht sich — ich weiß, wie hart das klingt — den brutalen, männlich gebliebenen Führer dort, wo es ihn findet: in Amerika in diesem chinesischen Wäscher. 3n England, wie mir tränenden Auges alte vornehme britische Damen gestanden, selbst in Hafenstädten des Mutterlandes immer häufiger in Eheschließung und Techtelmechtel mit dem — Reger —.
Was ich zu diesem traurigen Kapitel gesagt habe, ist keine Abschweifung vom großen Thema dieser Aussührungcn, ist lediglich eine Variierung des Grundmotives „Auflösung aller großen Leidenschaften in Sport, Spiel und Tändelei". Auf den großen britischen Automobilstrahen sieht man in gerne, senen Abständen weithin kenntlich an den Insignien der einzelnen Werke, Mechaniler der großen Automobilsabriken Wache halten. Die Leute sind mit Werkzeug, mit allen Ersatzteilen ausgerüstet, sie grüßen „chre" Marke, wenn sie passiert, sie haben telephonische Verbindung nach allen Rahbardörsern, und man braucht sie bei einem Defekt auf offener Strecke nur anzurufen, um einen Helfer in der Rot zu finden. Sehr schön, gewiß, wenn auch damit für einen selbständigen Mann der Reiz fortfällt, daß er in der Rot eben auf sich selbstgestellt ist.
Ist aber dies eben nicht das Abbild für die Lebensauffassung eines ganz verwöhnten Volkes? Irgendwie ist ein öffentlicher Mechanismus, heiße er nun Autosabrik, Krankenkasse, Versicherung oder Staat dazu da. mir aus der Rot zu Helsen, mir meine Bequemlichkeit, meine ungetrübte Freude am heiteren Daseinsgenuh zu erhalten.
Sehr schön und sehr angenehm, gewiß! Rur, daß dies eben dasjenige Prinzip ist, das Tro- glodytcn heranwachsen läßt statt der Männer. Hnd ich kann verraten, daß die Abneigung der alten englischen Gesellschaft gegen Bernhard Shaw (der wie gesagt „so" aber auch „so" kann, im Bedarfsfälle heroi ch und im Te- darsssa'le skep.isch-modernistisch) darin ihren Grund hat, daß sie eben in ihm den geistigen Protagonisten eben d'.eser Lebensauffassung wittert. Äs gibt nun einmal im Leben des einzelnen eine Aufgabe, die ihm keine Versicherungsgesellschaft, kein Staat und kein an der Straße stehender Automechaniker abnimmt. Das ist der Tod, der ja auch inmitten aller Manchestervorstellungen vom menschlichen Fortschritt eine menschliche Konstante geblieben ist. Im gleichen Ausmaß aber bleibt als Konstante im Leben der Völker bestehen der Einbruch männlich-kriegerischer Scharen in müde, verweichlichte Bezirke.
Hnd hier ... reckt sich die furchtbarste Gefahr für das britische Imperium auf. Die Jugend, die den Krieg noch nicht gesehen hat, hat von der alten Generation wohl das sorglose, fröhliche „Wir werden es schon schaffen'^ 'geerbt — ohne den männlichen Ernst, die männliche Kraft und die stoische Erkenntnisfähigteit dieser alten Generation für die drohenden Gefahren zu besitzen. Die Jugend tanzt, sportet und flirtet, während es in Afrika glimmt und in Asien brennt. Sie vertanzt im hemmungslosen Glauben an die ewig gültige Dauer oes britischen Gentleman-Ideals ihre bescheidenen Kräfte, während — das ist eigentlich das Hauptproblem der gan'en britischen auswärtigen Politik — dieses Gentleman-Ideal und mit ihm die ganze britische Zivilisation in der Exotik nicht mehr anerkannt wird.
Gewiß, noch regieren die Alten. Roch verfügt England über feine stolze politische Oligarchie. Roch ist jener stolze Ruf „Benehmt euch als Briten" ... dieser Ruf nicht verklungen, der einst von der Kommandobrücke der sinkenden „Titanic" aus die Panik der britischen Matrosen bannte und Zitternde zu Helden machte und ein Vorbild des Besten gab, was einem Manne und einem ganzen Volle werden kann: des heroi-
Das Erbe -es Herrn von Anstetten.
Vornan von I. Schneider-Foerstl.
Hrheber-Rechtsfchuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie ließ in der geweihgeschmückten Halle den Schal achtlos zu Boden gleiten und hörte auf dem Rand der Marmorfliesen, wohin der große Teppich nicht mehr reichte, den Schrllt des Dieners, der das Tuch aufnahm und sich damit entfernen wollte.
Ihr Blick hielt den Alten fest. „Ist der junge Herr auf seinem Zimmer?"
„Ich werde nachsehen, Frau Baronin."
„Rein, bleiben Sie, Karl, ich gehe ohnedies nach oben."
Der Diener sah der graziösen Gestall nach, bis sie oben von den Blattpflanzen verdeckt wurde, welche die Säulen der Treppenabsätze schmückten. Er blieb noch eine Weile stehen, schüttelte den Kopf und verschwand in einer Türe.
„Haben Sie Bernd gesehen?"
Der junge Hauslehrer, welcher eben den Korridor überqueren wollte, verneinte. „Frau Baronin. wenn ich Sie für einen Augenblick sprechen könnte?"
„Ich habe jetzt keine Zeit," unterbrach sie ihn
Ach Gott, sie wußte ohnedies, was nun wieder kommen würde: Bernd, der früher so fleißige, pflichtgetreue, unheimlich strebsame Junge, war seit Wochen wie ausgewechselt, machte den Pro- fessoren Verdruß, brachte schlechte Zensuren nach Hause und wollte sich nicht unter das Regiment des jungen Instruktors ducken, den sie für ihn engagiert hatte.
Es würde hoffentlich nur vorübergehend sein. Sie seufzte, öffnete die Tür zu seinem Zimmer und warf einen unzufriedenen Blick in dasselbe. Auf dem Tische tagen ein paar Zeichnungen, auf dem Divan, unordentlich hingeworfen, ein Stapel Bücher, von denen welche auf den Boden herabgelitten und nun zur Hälfte aufgeschlagen waren.
„Bernd!"
Richts regte sich.
Vielleicht war er drüben im Westbau. Cs war voreilig von ihr gewesen, die Räume von Hans Peter instandsehen zu lassen. Aber wenn er auch nicht kam. die Auffrischung konnte nicht schaden. Mit raschen Schritten nahm sie eine Wendeltreppe und ging einen schmalen Korridor zurück. Es roch hier nach Tünche und frischen Farben, nach Lack und Kleister und Holö und Del. Rur wenn sie an einem Fenster vorüverkam,
drang die harzige Luft der Tannen aus dem Park herüber.
In Hans Peters Schlafzimmer mußte das Parkett ausgebessert und die Bespannung erneuert werden. Man hörte Klopfen und vernahm das Rascheln von Spähnen.
„Bernd!" Sie steckte den Kopf durch die Türe, sah ihn nicht und ließ sie wieder einschnappen. Auch in den Räumen nebenan war nichts von ihm zu finden.
„So ein dummer, überempfindlicher Junge!"
Die Hand auf die Klinke zu Hans Peters Arbeitszimmer legend, stutzte sie. Diese gab nicht nach. Eine ungewisse Angst trat in ihre Stimme, als sie jetzt seinen Ramen rief.
Irgend etwas fiel drinnen zu Boden — dann wieder Ruhe. •
„Bernd!" Eine hämmernde Welle Blutes schnürte ihr die Kehle ab. Das rechte Knie gegen die Füllung, beide Fäuste gegen das Schloß drückend, suchte sie Einlaß zu bekommen. Ihre Kraft reichte nicht aus.
Dann ein Erinnern!
Sie lief nach dem Schlafzimmer und von dort nach dem Toilettenraum, von wo aus eine Türe nach dem Arbeitszimmer führte.
„Bernie!" Mit zwei Sätzen stand sie vor chm und riß ihm das entsicherte Gewehr aus der Hand. „Junge!" —
„Was ist. Mama?" Kalkweiß im Gesicht, aber sonst vollkommen gefaßt, blickte er sie an. „Ich wollte nur — Forstmeister Bogner hat mir's angeboten, mit ihm auf einen Sechzehnender zu pirschen — ich dachte, du würdest es erlauben.“
„Du lügst!"
„Mama!" Eine bremienbe Röte stand plötzlich auf seinen Wangen .
„Berndl Junge! Mein lieber, lieber dummer Junge!"
Sie sank auf das Ruhebett, welches an die Wand geschoben war. und zog den Widerstandslosen zu sich nieder. „Sei jetzt ganz stille, mein Bub! — Ganz stille!" Sie bog seinen Kopf gegen die Brust und drückte das Gesicht in seinen Scheitel.
„Mutter!"
„Gan; still fein!“
Der Knabe fühlte, wie der schlanke Leib an seiner Seite bebte und die Frauenbünde ihn immer fester an sich preßten. Erst nach langem, wortlosen Schweigen gab sie ihn frei
Erschrocken sah er ihr entfärbtes Antlitz: „Mutter, das konnte ich doch nicht wissen!" —
„Was. Bernd?" Ihre Augen hefteten sich zwingend in die seinen.
„Daß du — daß ich — dir mehr gelte als —"
„Die ganze Wahrheit, Kind!" —
„Als — Oertzen!"
Sie sagte nichts, glättete nur seinen Scheitel. „Warum sollte es gerade hier sein, Bernd?"
scheu Sterbens in Selbstverleugnung. Roch heute halte ich das Ofsizierkorps der Armee, die, wie jede Söldnerarmee, abseits von der allgemeinen Entwicklung steht, für intakt (die Mannschaft der RachkriegSzeit kenne ich nicht mehr). Roch heute existieren jene prachtvollen alten Kommandeure, die ritterliche Gegner waren (für die Gepslogenheiten ihrer Milizregimenter in der zweiten Kriegshällle konnten sie wahrhaftig nichts!) und gute Kameraden sein konnten. Qtbcr es ist. wie ich schon sagte, so. daß unter dem vollen weihen Haar 6L<c Gesichter einen tiefen Pessimismus widerspiegeln, daß mit ihren und den offiziellen Vertretern der Politik die letzten Kämpfer vor der brennenden Halle stehen.
Wenn heute diese in ihrer Art grandiosen Menschen ganz innen so tief traurig sind, so
geschieht es. weil sie seit Kriegsende Vor, ganz neuen historischen Fakten stehen, vor Fakten, die ihnen unverständlich bleiben müssen. Einmal, da waren ihre Aufgaben als Staatsmänner. Kolonial-Gouverneure, Kommandanten so einfach: man telegraphierte in die Welt hinaus, was die Welt zu glauben und was sie nicht zu glauben hatte, was als schicklich und was als „unethisch" galt, welche Lebensformen angemessen waren und welche einen Gentleman disquali i ierten. Man unterstrich diese Meinungen Englands nötigenfalls mit Wasfengewalt, und die Wett — glaubte, was England glaubte, nahm englische Lebensform und englische Tracht und englische Wirtschaft willig an. Man Pazifik ierte den Exoten, indem man ihm beibrachte, wann auch er einen Smoking zu tragen habe.
Dir Schrill des Düsseldorfer Mörders.
Don Dr. Max Pulver.
zweier Opfer des Düsseldorfer Massenmörders verraten haben. Zu einer umfassenden Hnter- suchung bedürfte es des Originals, über dessen erste Fassung bekannt ist, daß es mit Blaustift auf einem weißen Papierbogen gezeichnet und geschrieben worden ist; über die sogenannte Kopie des Planes, die der Zeitung „Freiheit" zuging, weiß ich in technischer Hinsicht nichts. Der Mangel des Originals ist aber nicht die einzige Schwierigkeit; auch die Reproduktionen aus zwei verschiedenen Berliner Blättern weisen erhebliche Verschiedenheiten auf, xum Beispiel im Grade der Verschmierung, im Vorhandensein von Punkten und derlei xnehr. Der Ausdrucksgehalt dieser Skizze ist demnach nur fragmentarisch zu ermitteln. Etwa folgendes bleibt feststellbar: Zwei graphische Schichten heben sich deutlich voneinander ab. Einmal die Kurven der Zeichnung und die erläuternden Worte und rechts unten die beiden hinweisenden Sähe des Textes. In diesem Teil handelt es sich um ein sachliches
Dr. Max Pulver, der berühmte Züricher Graphologe, hat die Schrift des Düsseldorfer Mörders einer eingehenden Analyse unterzogen und dabei bedeutsame Aufschlüsse geben können. Die Analyse der Schrift des Mörders erfolgte nach jener Kartenskizze, die die Stellen bezeichnete, an denen die beiden Leichen der Gertrud Albermann und des Dienstmädchens Hahn vergraben lagen.
Das mir vorliegende Material ist technisch betrachtet ungenügend. Es handelt sich um die llischeemähige Reproduktion der Kartenskizze, die der Polizei und der Oeffentlichkeit den Fundort
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Kroki, wie die Rachforschungen erwiesen haben. Darüber legt sich eine zweite Schicht, deren Plakatwirkung ins Auge springt. Sie ist ausgezeichnet durch das vielmal groß geschriebene Wort Wald, ferner durch die unterstrichenen Worte Mord bei Pappendelle.
Zu den oben skizzierten Schwierigkeiten des Materials, das heißt zu dem Umftanb, daß wir die Reproduktion einer Reproduktion vor uns haben, gesellt sich nun eine schreibpsychologische: Der Hrheber (fein Geschlecht ist für uns nicht feststellbar, wenn auch mit einiger Wahrscheinlichkeit auf eine männliche Schrift geschlossen werden muß) zeigt eine in mehrfachem Sinne gemischte Schrift: zunächst verwendet er namentlich in den Großbuchstaben Drucktypen, nur das große L ist kursiv aufgefaßt. Die Kleinbuchstaben stehen getrennt wie beim Skript, haben nur gelegentlich an Druckschriften anklingende Formen und zeigen immer wieder die Reigung, namentlich in längeren Worten, sich zur Kursiv zu verbinden. Diese Mischung von Druckschrift und Schreibschrift ist aber nicht die einzige; der Schreiber ist sehr wenig geübt, nicht nur in den Typen- formen (siehe großes L), sondern auch in der von ihm gebrauchten Lateinschrift, so fällt er in der dreimaligen Plakatären Schreibung des Wortes Wald am oberen Rande, beim dritten d in die gotische Form zurück, vor allem aber reicht seine Hebung nicht einmal aus, das besonders einfache Druck-v oder die entsprechende lateinische Kursiv type zu bilden, sondern er fällt auch hier in eine ungeschickt verquollene gotische Form zurück (siehe vermißten), die ja graphisch die Hinkehrung des deutschen a darstellt.
Die unverstellte Schrift des Mannes ist demnach aller Wahrscheinlichkeit nach mit deutschen Buchstaben geschrieben. Die Variation von deutschen und lateinischen Formen ist psychologisch von weittragender Bedeutung. Wir finden sie in unregelmäßigem Wechsel, wie er hier zwischen deutsch und lateinisch d vorliegt, als Ausdruck von Halbbildung, ferner aber aus Reigung zu Schwindeleien, äu Schieburge.r mit der Wahrheit und zu Tatsachenvertauschungen andeutend als ein beachtenswertes Hnaufrichtigkeitsinerkmal.
Eigentümlich berührt auch die Stilisierung des Buchstaben 1, der in den Heiner geschriebenen Partien fast immer in Kursivfom gehalten ist, in den Plakatworten nur beim Ortsnamen Pappendelle und beim Worte Wald an der rechten Seite, sonst aber seltsame Anflickungen und Form- Veränderungen aufweist, einmal wie ein f. dann wie ein p erscheint. Gerade diese willkürliche Verbiegung von Buchstaben ist nicht allein auf
Er hörte den Schauder aus ihrer Stimme. „Gerade hier?" — Er fuhr sich die Schläfen entlang: „Weil das doch Vaters Arbeitszimmer ist! Der Raum, in welchem er am liebsten toarl — Wenn du ihm dann geschrieben hättest, wo ich mich erschossen habe — dann — Mutter — dann —"
„Hm Gotteswillen. Bernd!"
„Ich habe das nicht mehr ertragen können," stöhnte er auf. „Du und Oertzen! — Hnd ich ganz allein! Ganz allein! Richt einmal einen Vater mehr, der sich um mich kümmert!“
„Bernd!“ Die schöne Frau wandte sich ab und log — log um dieses Kinderfriedens willen: „Ich hoffe immer noch, daß in den nächsten Tagen ein Telegramm von ihm eintrifft. Bedenke, wie lange so ein Brief von hier nach Indien braucht. Vielleicht war er auch nicht gerade in Benares, sondern auf einer Jagd — und dann kann er doch nicht Hals über Kopf, zu jeder beliebigen Stunde reifen.“
„Vielleicht ist mein Brief verlorengegangen, Mutter!"
„Ja, vielleicht!“ Siehst du nun ein, mein Bub, wie unüberlegt das gewesen wäre — von allem Leid abgesehen, das du mir und dem Vater bereitet hättest."
„Du hoffst also, wirklich, Mutter?"
„Ja!"
„Wirst du gut zu ihm fein, Mama?“ Der große, wieder so rührend schüchterne Ki abe wollte die Hände heben, aber Frau Drunhilde drückte sie rasch herab.
„Du mußt warten können, Bernd. Es wird ganz friedlich werden! — Rein, du darfst mich nicht so ungläubig ansehen, ich werde ihm entgegenkommen, so weit ich kann, und er wird es auch tun. Wir sind beide älter geworden und ruhiger, und du bist doch auch bei uns, nicht wahr, mein Junge?“
„Ja, Mutter!“ Er sagte es so ernsthaft tröstend, daß sie das schmale Gesicht zu sich aufhob und ihn auf die Lippen küßte.
Am Abend setzte sie sich, was schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen war, zu ihm auf den Dettrand und rückte ifjm die Kissen' zurecht. Sie wußte noch von früher her, wie er es gerne hatte.
„Glaubst du. daß morgen eine Nachricht von ihm kommt, Mama?“
„Vielleicht, mein Junge!"
„Denn ganz ohne Mitteilung würde er uns doch nicht lassen, nicht wahr, Mama?"
„Auf keinen Fall! Ein Brief kommt sicher!"
Wit einem Lächeln schlief der Knabe ein. Es war schon gegen elf Hhr. als die Baronin in einem ungeheuren Zwiespalt nach ihrem Zimmer ging und sich von der Zofe entkleiden lieh.
„Sahib, du kannst dich auf mich verlassen, wie auf deine rechte Hand," sagte Akab und klappte die Schlösser der Koffer zu, die von Dardschiling nach Bombay gebracht werden sollten.
„Ab und zu wirst du hier nachsehen.“ befahl Günther, „in Benares löst du den Haushalt auf. Etwaigen Reugierigen sagst du: Ich wäre für längere Zeit bei Freunden eingeladen. Tiger zu jagen oder Nashorn, was dir eben gerade einfällt."
„Gewiß, Sahib!"
„Don den Briefen hier schickst du alle Monate einen an mich weg. Sie sind schon adressiert, versiegell und alles. — Vergiß aber nicht! Alle Monate nur einen!“
„Wie du befiehlst, Sahib, ich werde nichts vergessen.“
„Von der Bank in Benares hebst du ab, was du brauchst. Eine Vollmacht habe ich ausgestellt und von der Dank bestätigen lassen. Knausere nicht, ich kann das nicht leiden! Die heißen Monate verbringst du hier in Dardschiling. Der Bungalow wird nicht vermietet, das Haus in Benares noch weniger.“
„Sahib, wie kannst du denken!“
„Es gibt Schnüffler, verstehst du, Akab. Du hällst alles so, als ob ich jeden Tag zurückkommen könnte.“
Der Hindu nickte.
Stefan Würz erschien auf der Schwelle und sah sich in dem Wirrwarr des Raumes um.
Endlich! — Dieses Indien batte er satt. Er vermied es. an den Toten zu denken und noch mehr von diesem zu sprechen. Günther hatte chm das Schweigen über alles so auf die Seele gebunden, daß er sich jetzt schon darin übte, um zu Hause auf Anstetten keine Dummheit zu machen.
„Niemand," so hatte Günther zu ihm gesagt, „dürfte darum wissen, daß nicht Hans Peter, sondern er statt diesem zurückkehre." Er hatte tem Treubewährten auch die wichtigsten Gründe auseinandergeseht, die Stefan völlig einleuchtend fand.
Der Paria wurde mit einem Geldgeschenk entlassen und küßte den Boden, auf welchem der Baron stand.
Akab stand noch auf dem Perron, als hie Maschine den Bahnhof von Dardschiling verließ. Er ging neben den langsam dahinrollenden Wagen her und legte die Rechte gegen die Brust: „Sahib, hast du etwas dagegen, wenn ich dich ab und zu besuchen komme?" Das Staunen Anstettens ignorierend. griff er noch einmal nach dessen Hand. Obwohl die Maschine ihr Tempo jetzt beschleu- nigte. schien ihn das nicht im Geringsten zu echauffieren. „Sahib, achte auf deine Seele,“ bat er. Seine Augen waren von einer grenzenlosen Angst erfüllt. „Wenn ich auch alles für dich tun könnte — dir deine Seele zurückgeben — das könnte ich nicht." (Fortsetzung folgt)


