Ausgabe 
23.11.1929
 
Einzelbild herunterladen

l.

Reute flbctibS1,111:

Btaerilwuaalu!

21 Stadttheater

(lyciv-»

'S

HÜS® r °A«s IIU Uuiifpel i",gM

den seli

n l nt.

He3*B ttoi}!

ul.

>D

n ier

bet richt, nach lieh. 1.7«

er 65

10$ (g^öp u

Sie mitt'- lier-L

III

552

en >011 tert ott la- en ;at.

übbnnbenfletommei ti'itbetbtinqet er- ball fluieBvlobnunft Hotel Prinz Carl.

E.V. BegrtndeUMt Totcuionuta« anbei mordens ms 10 Uhr im Boots bans eine [9(SfcD loteuflclenfleict statt. PoilMIia. & itbein. wirb errooi tet. Dunkler »nm? -kachiiittlanS ilt bjl LoctSbauS aeoiinr.

Der Vorstand

n «"d v.Äe-

ie

in ahe bi. 547 nz.

At btc

551 il B

er

>r

,ßsä

M?.h N°"' l*l rillt et*ChUaVW hn nLB e Ertlndunj «Inti blinden Musiken, Sp«« Pr«PeHNoAl'e*yenSl kostenlos dvn* Vy«

-2«. IfrKh f3sde*l

Hk» nod) en g 'S Scbek' Ae 7-

2onutaA.24.9i0b' Anher abpnnemff ,<tembenuoritellur-i (itmoB. lilkiic. -iri ZchtilerkleinePre von IS bis 2 -1. ' Bunt letzten W MI« Wit (fine beutle in iünl Mtn von ßerb Hauvmiann. W j, 25.9100.. Wm« Die nullit UaM n öle Ifoeriöoti M

hte Abonnent lei Stadibeoters' KkÄ? 4s

«KZ/«' LKÄ KM von 1"1 fllff ^inmalifl» «nU WlHlHf?

und t'" |, $ ron"l?"'uvr- tuWS von B{{*; F Mi?®!

um D0|bonn<$ SMZ 'M ! Atz- s?ssf >*

Ä a * HAiSÄ

(7=h=n Hj|, etDe.rh«U. een Ihre »B<lkrll- Cane. R,. H ^Drechot.

«rkeit

»md sie d». Kal*rrb ?«?*£

bekenbe?Jn

wo teä Sichtbar/^

GSeib^T _ reise

i. r. il. id

Nr. 275 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 25. November 1929

In memoriam Rainer.

Don Werner Bock.

Mein Freund-Rainer, der mit mir zehn Jahre auf der gleichen Schulbank gesessen hatte, kam durch einen je ter Zufälle, die wir mit unserm armen Verstand nicht zu Lernen vermögen, am Abend vor seinem Tode in meine Kompagnie Ich fütterte ihn, der schlimme Tage in seinem früheren Regiment mitgemacht hatte und abge­zehrt aussah, mit den legten Schätzen aus meinem Tornister. Während ec mit einer Bedächtig­keit, wie ec schon als Kind zu essen pflegte, er­innerte ich mich, daß der große Junge früher manchmal ein Stück von meinem Frühstücksbrot in derselben Haltung verzehrte, wenn er das seine in der Hast des Frühaufstehrns zu Hause liegen gelassen hatte. Rainer schaute mich mit dem alten dankbaren Blick seiner glänzenden dunklen Augen an.

..Weiht du," sagte er,man bleibt immer der Gleiche. Ich sitze jetzt bei dir wie vor einem Dutzend Jahren und meine, die Zeit habe sich einfach hinter uns abgerollt, während wir selbst uns um nichts verändert haben. Ein paar Haare weniger und ein paar Falten mehr, das ist alles! Aber da drin" er deutete auf die Mitte der Brustist nichts anders geworden."

Rach einer Pause fuhr er fort:

Ich habe immer zu tief geliebt, mich zu tief gefreut und zu tief gelitten. Du erinnerst dich noch an unseren Klassenlehrer in Sekunda, den kleinen Tullius. Ich lernte eigentlich nur für chn und genoß jeden Morgen vor Schulbeginn die Freude, die ihm mein Eifer bereitete, wie ein Fest. Ich ahnte, daß der zarte Mensch nach Verstehen hungerte wie ich, und lebte ein paar Jahre nur in dem Gedanken, den armen Einsiedler glück­lich machen. Als er plötzlich eine Witwe mit zwei Kindern heiratete, verlor er meine Rei- gung. Er war aufgehoben. Entsinnst du dich noch unseres Mitschü'e.-s Claus? Ich bewunderte seine Stärke und seine Gewandtheit und war stolz auf seine turnerischen Erfolge, als ob ich sie selbst errungen hätte. Ich spürte noch die Wellen der Freude, die mich jedesmal durchströmten, wenn er alle anderen geschlagen hatte. Daß er aus meinesgleichen herabsah. fand ich selbstverständ­lich. Ich war froh, Laß er da war in seiner jun­gen selbstbewußten Kraft und Anmut. Seine Schwester liebte ich deshalb, weil sie die Schwester von Claus war. Ihr burschikoses Wesen in der Tanzstunde tat mir wrh, aber ich billigte es, wie ich es natürlich finde, daß junge starke Tiere nicht zärtlich sind und nur für sich zu leben scheinen. Es geht doch eine Wärme von ihnen aus, die be-

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X

In bezug auf die großen Konferenzen dieses Winters herrscht ein arges Durcheinander, und zwar in erster Linie durch die Schuld von Frankreich. 2n Aussicht stehen ja die zweite Haager Konferenz, der Völkerbundsrat in Genf, der am 20. Januar zusammentreten soll, und die Seeabrüstungskonserenz der fünf Mächte, deren Beginn auf den 21. Januar festgesetzt ist.

Schon das Zusammenfällen der beiden letzten Konferenzen ist nicht günstig, aber unbedingt müßte vorher die 2. Haager Konferenz $u Ende fein. Denn sonst ist für diese das volle Interesse Englands nicht zu gewinnen. An sich ist auch durchaus möglich, daß der Voungplan mit allem vor Jahresschluß fertig wird, und bis dahin ist ja auch der Volksentscheid ausgelaufen. Die Pariser Ausschüsse sind freilich nicht ganz fertig geworden. Besonders ist der ganze Fragen­komplex der sogenannten Ostreparationen überhaupt nicht gelöst worden. Er muß von den betreffenden Regierungen in Ordnung gebracht werden. Hnb vor allem: die Saarverhand­lungen kommen eben erst in Gang! Run aber kommt Frankreich mit der Anregung, die 2. Haa­ger Konferenz erst am 3. Januar beginnen zu lassen. Roch in der vorigen Woche hatte Briand dem Vorschläge Deutschlands über den Termin, d. h. vor Weihnachten, zugestimmt. Für Tardieu aber sprechen innenpolitische Gründe für diesen Versuch der Verzögerung: er möchte näm­lich vorher den Etat rechtzeitig, also bis Ende des Jahres, verabschieden lassen. Das würde gut aussehen und der neuen Regierung be­scheinigen, daß sie Ordnung zu halten versteht. Wer genau dasselbe gilt ja auch für Deutsch­land! Wann soll denn dieses endlich zur Auf­stellung und Verabschiedung des Etats kommen, wenn die Entscheidung über die sogenannte end­gültige Reparationsregelung derartig hingezögert wird? Dec französische Vorschlag ist für Deutsch­land nicht annehmbar, und wenn man aus Frankreich sagt, es müsse erst der Volksent­scheid abgewartet werden, so weisen wir diesen Versuch, die Verantwortung für die Verzögerung auf Deutschland abzuwälzen, zurück. Der Volks­entscheid ist eine innerdeutsche Ange­legenheit, in die das Ausland nicht herein­zureden hat. Deutschland aber hat keine Veran­lassung, sich nach innerpolitischen Wünschen Frankreichs zu richten!

t Das ist ein ähnlicher LDruck, wie er in Sachen Polens schon leider mit Erfolg! ausgeübt wurde, älnb wieder ein derartiger Druck wird, abermals leider, auf Deutschland jetzt von Eng­land ausgeübt in der Frage der Liqui­dation. Die Haltung des Schahkanzlers Snow­den ist nicht verständlich und steht im Wider­spruch mit den Aeuherungen des Oppositions­mitgliedes Snowden vor ein paar Jahren. Ec lehnt jetzt unseren Anspruch, das konfiszierte deutsche Privateigentum, das noch nicht liqui­diert ist, bedingungslos zurückzugeben, ab und droht, die eingestellte Liquidation wieder aufzu­nehmen. Damit will er einen Druck auf Deutsch­land ausüben, damit dieses ein in Vorbereitung begriffenes Abkommen möglichst bald anneh'me. Desgleichen lehnt Snowden die deutschen An­sprüche auf Rückzahlung der Liquidationsüber­schüsse ab. Diese Haltung des Schahkanzlers ist sehr bedauerlich. Gewiß sind Vorgänge wie ge­rade jetzt der Empfang eines beutln H°Doots- Kommandanten in England sehr erfreulich. Aber dazu darf doch die Haltung in einer wichtigen materiellen Frage nicht in solchem Widerspruch stehen. Hnb diese Frage ist nicht nur materiell wichtig, sie ist im höchsten Grade grundsä h- lich und berührt das Privateigentum und seine Sicherheit. Wie will man im Ernst gegen den

Sozialismus kämpfen, wenn man in dieser Weise das Recht des Privateigentums nicht nur im Kriege, sondern sogar noch 10 Jahre nach Frie- densschluh mit Füßen tritt? Was ist das für ein sonderbarer Widerspruch einer Labourregie- rung, die sich im allgemeinen schönen Sähen von Frieden und Friedensordnung gar nicht genug tun kann und in einer praktischen Frage mit am allerschäbigsten ist?

Diese Frage nun wieder geht herein in das große Gebiet, das der Präsident Hoover am Waffenstillstandstag entschlossen betreten hat. Denn auch die Freiheit der Meere, die er damit zur Diskussion stellt, indem er den Aus­schluß der Hungerblockade fordert, ge­hört in das gleiche Gebiet, daß bestimmte Rechte in Kriegszeiten gesichert sein müssen. Auch hier ist England der Staat, der die größten Schwierig­keiten macht und Hoovers Anregung vorläufig ausweicht. Englands Gründe ziehen nicht und zudem übersieht man dabei gerade in England, daß fein Staat in höherem Maße auf die Lebens­mittelzufuhr aus Heber fee angewiesen ist, als England selbst. Ihm wird es nicht gelingen, die Hooversche Anregung beiseite zu schieben. Denn mit großem Geschick hat er damit einen Punkt aufgegriffen, der in feinem Lande sehr populär ist, den besonders der höchst einflußreiche Senator D o r a h fortgesetzt in den Vordergrund schiebt. Dieser aber kann der Marinekonferenz im Januar und ihren Ergebnisfen außerordentliche Schwie­rigkeiten machen. Hnd am Gelingen dieser Kon­ferenz ist auch Macdonald höchst gelegen!

Hoover hat zugleich mit überraschender Ak­tivität im Innern einen ganz neuartigen Schritt getan. Am 14. gab er bekannt, daß er eine Wirtschaftskonferenz aus Vertretern der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie und der Arbeiter einberufen wolle. Die Ver­anlassung war der ungeheure Börsenkrach in Reuhork. Der Schritt selbst ist völlig neu in der amerikanischen Geschichte, aber für den, der sich in Hoovers Denken vertieft hat, ist er kaum überraschend. Denn der Präsident sieht weit genug, um zu wissen, daß die Prosperität nicht ewig gehen kann und daß sich Krisen, wie die eben erlebte, nicht einfach von selber lösen. Die erste mag noch eineVerdauungspause" sein, nach

der sich der Organismus wieder zurecht findet. Aber sie ist ein Warnungssignal, sie ernüchtert in dem Rausch, den die Prosperität jahrelang erzeugte. Für die anderen Länder aber bedeutet ein solcher Schritt nicht nur, daß erste Dersu ^e, die Produktion zu beeinflussen und zu regeln, in Amerika beginnen, sondern daß damit zugleich der Blick nach außen auf Ausfuhr und Absatzmärkte gerichtet wird. Ein Sig­nal also ist dieser Börsenkrach und dieser Schritt Hoovers für die Exportindustrie aller Länder und für die Wirtschaftspolitik der anderen Länder!

Etwas ganz anderes und an das Herz greifen­des: die Wanderungsbewegung der deutschen Kolonisten in Rußland, die eine Folge der Stalinschen Agrarpolitik ist. Ich habe diese Kolonisten, die so in Verzweiflung vor die Tore Moskaus kamen, im Oktober selbst gesehen und gesprochen. Prachtmenschen, ausge­zeichnete nüchterne Siedler und Arbeiter, die durch die Sozialisierung der Landwirtschaft rui­niert, keinen Weg wußten als heraus. Wohin? Rach Kanada oder wo sonst die Möglichkeit ist! Rur heraus aus diesem Land! Die Bewegung ist auch ein Signal für die Sowjetregierung, denn sie kann ebensogut den russischen Bauern ergreifen. Jetzt haben wir es im ganzen schon mit 13 000 dieser Dauern zu tun. Sie liegen in den Vororten von Moskau und bedürfen der Hilfe. Cs ist einfach Pflicht gegen die Volks­genossen, daß wir alles, was wir können, tun, zunächst um unmittelbare Hilfe zu bringen. Wir mischen uns nicht in die russische Agrarpolitik und wissen, daß es sich um russische Staats­bürger deutscher Volkszugehörigkeit handelt. Aber denen in Hebereinstimmung mit Sowjetrußland zu helfen, unmittelbar, damit sie nicht in Elend und Krankheit verkommen, und mittelbar, indem wir ihnen zu neuer Siedlungsstätte verhelfen, in Heberfee oder bei uns, das ist unsere Pflicht und unser Recht. Die nötigen Maßnahmen sind in die Wege geleitet, und wir hoffen, daß sie helfen, daß praktisch und schnell geholfen werde und daß die erforderlichen Mittel nicht die Kraft des Reiches und unserer Volkswirtschaft über­steigen.

An deutschen Kriegergräbern vor Derdun.

Von Wilhelm Kornmann, Pfarrer in Rodheim a. b. H.

Der Schnellzug führt uns an Rhein und Rahe, durch schönste Landschaft; an der Grenze des Saargebietes schon Paß- und Gepäckrevision, die aber keinerlei Anstände ergibt Dann durch Lothringen, Metz, der », alten" französischen Grenze entgegen.

Gleich hinter dieseralten" Grenze belebt sich unser Interesse auf's stärkste: da sind noch alte Stellungen zu sehen, zusammengerutschte Schühen- grabenwände, Reste von Hnterständen, ja auch noch Pfähle und Drahtverhau. Der Zug stampft vorüber, führt uns zu bekannten Ramen einer fast schon vergessenen Zeit: Etain, Conflans, und wie sie alle heißen, Ramen, uns docq einge­brannt in die Seele. Weit, weit spannen sich hier die Ebenen; jetzt hat man einen viel umfassen­deren Heberblick, wie einst. Wälder ziehen vorbei: verwildertes Hnterholz, jetzt etwa telegraphen- stangenhoch, überragt von zersplitterten, verkohl­ten Daumresten. Weder un) immer wieder zie e i durch die Gehölze alte Schützengräben, aber die Ratur hat alles überwuchern laßen, und so wirkt es eigentlich recht erträglich. Dann kom­men Felder und Wiesen; sie sind besprenkelt mit alten Granattrichtern, klein, mittel und riesig groß. Hier und da ein zerschossenes Gehöft, ein paar unter Hnkraut nur gerade noch sichtbare Grundmauern, hohle Fassaden, noch jetzt feuer­

geschwärzt; und in den Dörfern: ein buntes Durcheinander von Zerstörung und Reubau, überall aber, auffällig, wie aus dem Ei gepellt, weiße Wände und rote Ziegeldächer erst jüngst errichteter Gebäude. Run kommen auch Friedhöfe, schwarz die deutschen Grabzeichen, weiß die der anderen. Zwei Heere also noch im Tode?! Gab es wirllich keine andere Möglichkeit?

Da tauchen langgestreckte Höhenzüge auf: die Höhen um Verdun. Da oben alsoI Ja, da oben habensie" gesessen und uns das Leben schwer gemacht. Jetzt freilich treiben ein paar harmlose Wolkenschiffe am Himmel dahin, und sanft strahlt eine gütige Sonne das alles an. Der Zug huscht an ausgebrannten Kasernen vorbei in einen kleinen Bahnhof hinein, ein kleines, recht unscheinbares Ding; aber er trägt den Ramen, der der Weltgeschichte angehört: Verdun. Es ist ein Städtchen von etwa 14000 Einwohnern, die Straßen teils blitzsauber und gepflegt, teils ausgefahren und voller Pfützen. Alles ist beherrscht von der Kathedrale,, die nach französischer Weise ihre zwei abgestumpften Türme hat. Man erkennt sofort: sie trägt die Spuren des Krieges an sich; der Chor ist mit Drettern verschalt, da er stark gelitten hat. Die Gottesdienste sind tatsächlich in dem übrigen Teil der Kirche. In der Stadt auch der Wechsel von

glückt. Du kennst mein Erlebnis mit Lili, dec Tochter unsere; Rachbars. Ich schrieb ihr jeden Tag zwei Briefe, die so voll Leidenschaft waren, daß ich manchmal glaubte, mein Dlut flös e aus dec Feier. Viele Rächte hindurch schlief ich nicht und zitterte, wenn ich mit dem Mädchen eine Strecke ie; Schulwegs gemeinsam ging. Heute noch schüttelt mich die Qual marierool er Warte- stunden, die ich vor ihrem Hause verbrachte, ost nur durch einen für er Dlick aus dem Fenster belohnt. Ich wußte genau, daß ich in Lilis Augen ein Schwärmer war und daß sie meine Huldigun­gen mehr aus Eitelleit als aus Reigung an­nahm. Als ihr Vater in die Hauptstadt versetzt wurde und sie mir freudig davon erzählte, krampfte sich mein Herz so zusammen, daß ich den Schmer; jetzt noch empfinde. Wenn ich nach unseren hemlichen Kneipen dich nachts h:im- begleilete und du meine Hand hieltest, wahrend ich dir mein Leid über die Trennung von Lili klagte, fühlte ich in al em Hnglück die selige Tröstung der Freundschaft. Ich glaube, daß du niemals ahntest, to'caiel du mir damals bedeu­tetest. Als bald darauf meine Mutter starb, mit der ich nur Alltägliches besprach und die mehr Dienerin als Leiterin unserer großen Fa­milie war, fen'le sich ein Schwert in meine Brust, das ich unsichtbar monatelang mit mir herum- trug, während die Geschwister längst wieder lach- ten und vergaßen.

Es war immer das gleiche. Menschen traten in mein Wesen ein, erfüllten es so sehr, daß ich selbst verging, und wenn ich merkte, daß die Geliebten einfach durch mich hindurchgezogen waren und oft keinen Dlick zu mir zurückwandten, der ich ein Teil von ihnen geworden war, glaubte ich tot zu sein, so leer blieb ich jedesmal zurück. Sie sind alle weitergegangen und haben aus meinem Decher getrunken. Aber das Rätsel­hafte blieb: es war bann immer wieder Dlut da für Reue, ich liebte, jubelte und litt, obwohl ich wußte, daß alles immer wieder dasselbe Ende neunen würde.

Hnd so bin ich in diesen Krieg hineingeschrit­ten, die um mich waren, tauchten in mir unter, ohne daß sie es wollten und wußten, und wenn sie starben, starben sie ebenso wie sonst die Lebenden für mich erloschen.Weißt du," schloß Rainer und strich sich mit einer unvergeßlichen Bewegung über die edle Stirn,ich bin auf einen falschen Stern geraten, ich gehöre anderswo hin!" Dabei sah er in eine Ferne, die sehr, sehr fern sein mußte.

Am nächsten Morgen habe ich ihm die Augen zugedrückt, in denen ein letztes Leuchten jener unendlichen Ferne schimmerte.

Gin früher deutscher Totentanz.

Von Walther Appell, planen.

Der bekannteste deutsche Totentanz ist der von Holbein. Auf ihn geht wesentlich die Vor­stellung zurück, die sich das Vo k'empfi den noch heute vomTode" macht und die noch in zeit- genösfiichen Kunstwerken erkennbar ist (Co­rinth, Käthe Kollwih amb die Mehrzahl der nach dem Kriege erschienenen modernen Totentänze). Holbein aber hat bedeutungsvolle Vorläufer, die cl3 Bahnbrecher auf unerschlosse­nem, nur in Legenden und S.iulgeschich en vor­dem lebendigem Gebiet die größeren Schöpfer gewesen sein müssen. Ihre Werke sind aller­dings viel wenig r bekannt geworden. Das liegt daran, daß sie nicht wie Holbeins Holz- schnittsolge zur Vervielfältigung ge'chaffen wurden. In der Häuf: fache handelte es sich um Wandbilder, und nur die zentral gelegenen, in­zwischen freilich auch vernichteten Großbas: ler Fresken konnten so populär werden, daß der Tod von Basel" sogar in die Volkslieder einging

Diese ältesten, vorwiegend in Deutschland, Spa­nien und Rordfrankreich entstandenen Tot ntänze unterscheiden »ich in einem grunbkgmben Punkte von der Deutung, die wir heute, und schon lange, dem BegriffTotentanz" geben. Die frühen Künstler schufen wirllich nochTänze" und auch Tänze vonToten" (mit Gebenden, die sie zu sich holen). Ein eindrucksvolles Beispiel dieser Auffassung, die von dem Furchtglauben der mitternächtlichen Rrigen auf den Kirchhöfen aus- geht, ist derHeidelberger Totentanz", einer der letzten und sichtlich einflußreichsten An­reger Holbrins. Gemeinsam ist ihnen vor allem die zwar äußerliche, aber gegen die früheren Darstellungen doch sehr wesentliche Auflösung des Reigens, der auf den Monumentalb.ldcm noch ein einheitliches Ganzes bildet, in Einzelgruppen von je zwei Gestalten. Die acht erhaltenen Blätter eines Heidelberger Dlockbuches von 1435 zeigen immer einen Toten, der einen Lebenden zum Tanze führt oder auffordert, und sich dabei der verschiedensten Verlockungen beb'.e.it. EZ ist mög­lich, daß auch an diesem Werk schon die beiden, vergcsfenen Künstler mitgarbeitet haben, deren nach 1486 bei Heinrich Knoblochher in Heidel­berg gedrucktenDvtentantz mit figuren wir den eigentlichenHeidelberger" nennen. Die Mo­tive des Dlockbuches sind erweitert und, obwohl noch grobsinnlich genug, gedanklich gesteigert. Der Grundidee desTanzes" entsprechend, hält jeder Tote ein Musikinstrument in den Händen, übri-

Kriegsresten und zum Teil imposanten Reu- bauten. Stärkster Eindruck in der Stadt: in einer Dresche der uralten, aus dem Mittelalter stam­menden Stadtmauer ein übergroßes Der.kzeichen, ein auf das Schwert sich stützender Krieger, zum Gedächtnisan den Sieg und die Sol­daten von Verdun".

Vor allem nun hinaus, in eine Gegend, die viel deutsches Dlut getrunken hat: an den Toten Mann und den Forgesbach. Heute: gewiß zer­pflügte Felder, freilich nicht vom Wirken des Dauern, sondern von Granate und Spaten. Heute: gewiß erschütternd und seltsam ergreifend, aber doch auch so beruhigend und alle Erregungen abdämpfend, weithin sich schwingende Höhen und liebliche Täler. Scheußlich nur, wie ein schriller M.hklang in allem, dieses französische Denkmal am Toten Mann: Der Tod selbst, in der Linken die Trikolore, in der Rechten die Siegespalme, und darunter die Inschrift: Ils nont pas passe! (Sie sind nicht durch­gekommen!") Dann über die Maas hin­über nach Consenvoye. Hier muß, nach den Ermittlungen, bei denen der Vo.ksbund für Kriegergräberfürsorge dankenswert half, der eine der gefallenen Drüder ruhen. Derrn Gang durch den völlig neu erstandenen Ort kommen ein paar noch in alten Dretterbaracken hausende, vergrämte Frauen auf uns zu, sie haben sofort erkannt, was unsere Absicht ist und unterhalten sich wohltuend-teilnahmsvoll mit uns. Sie be­schreiben uns genau den Weg nach dem deutschen Friedhof, dessen ungefähre Lage wir kennen, und wir schreiten nun schneller aus, dem Ort ent­gegen. dem unsere innere Spannung gilt. Beider­seits der Straße in den Gräben alte Feldflaschen, faulende Gewehrstümpfe, mannigfache Reste von militärischer Ausrüstung, hin und wieder auch Blindgänger, die ein Bauersmann aus seinem Acker warf. Hnd nun der Friedhof: ein einfacher Zaun, lange Grabreihen mit den einheitlich schwarzen Zeichen, in einer Ecke ein zerschlagenes, einst von Deutschen errichtetes Denkmal: alles bestimmend Reihen von kleinen Trauerweiden und Büscheln rosaroter Retten. 5000 Mann liegen hier; viele, viele unbekannt, bei anderen aber -ist genau Rame, Dienstgrad und Truppenteil an­gegeben. Hier nun ein kurzes Suchen: Da ist das Grab.

Hier seht die Feder ab; sie kann und will nicht etwaszerschreiben", was ihr heilig ist. Am Abend aus dem Hotel Blick über die schla­fende Stadt: keine emsig den Himmel abtastenden Scheinwerfer, kein Blitzen und -(donnern, keine lärmende Hnruhe; nur starke Stille, vertieft von dem herüberllingenden Glockenspiel der Kathe­drale. Heimfahrt dann über Straßburg; wir stehen andächtig im Halbdunkel des ehr­würdigen M lnsters. Don feinem Turm weht die Trikolore. Es regnet in Strömen, als wir am Abend noch einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen suchen; in unseren Herzen klingt es an, mit einer bezwingenden Gewalt:O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt1 Der Himmel weint über Stadt und Land; in selbstverständlicher Bewegung falten sich uns die Hände, daß unser deutsches Volk doch wert werden möchte all der Opfer, die für es gebracht sind und immer neu gebracht werden, wert denn auch jener Opfer von Verdun.

Das neue Tschechenkabinett.

Die Deutschen ausgebootct.

Auch die Tschechoslowaken haben ihre Re­gierung! sorgen. Da' b's'jerfge Ka inett Hdrzal hat bei den Wahlen seine Mehrheit verloren, die eigentlich schon vorher durch den Austritt der Slowaken in die Brüche gegangen war. Es galt also, eine neue Kombination zu suchen; bei dem stark zerk ufteten Parteis.)stem auf deut­scher wie auf tschechischer Seite eine ziemlich

gens jeder ein anderes, vielfach phantastisch er­sonnenes. Von den 41 Holz chuittrn (rinschli hl ch Cinleitungs- und Abschl: ßrlöttcm) und ihren, von fremder Feder stammenden Degleitversen scheinen insgesamt tret Auslagen gedruckt worden zu sein. Wir besitzen davon nur noch wenige Exemplare, kaum ein halbes Dutzend. Auch re­produziert worden ist derDotertantz" zu Hn» recht nur selten. Zugegeben muß freilich wer­den, daß die Holbeinschen Schnitte, ein Halb­jahrhundert später entstanden,schöner" sind. Beispielsweise sind sie, in üppigerer Ausstattung, bildhaster und einfallsreicher. Aber dem Kunst­freund, der die Quellen sucht, wird immer das Hrsprüngliche, gerade im Reiz feiyer unfertigen, tastenden Hrsprünglichle'.t das Wertvollere b.'.i- ben. Einerlei, ob die simple Schlichtheit der unbeholfenen Figuren, der fast völlige Verzicht auf Hintergründe, die spür iche V.rw ndung illu­strierender Requisiten Hnvermögen ist oder Mangel an Phantasie die schöpferische Leistung ist größer als die der Rachfahren. All:rdingö ist die Realistik der Toten, deren Liner gänzlich dem andern gleicht, recht weit getrieben (meist sind es noch keine Gerippe, sondern in der Auf­lösung begriffene Leichname), aber die Heber.i:- ftimmung jedes Toten mit feinem O >fer ist bei aller, oft plumpen und derben Einfältigkeit er­staunlich. Wie früher und später sind es auch im Heidelberger Tot.ntanz die verschiedenen Ge­schlechter, LcbcnsaltLr, Stände und Tugenden, die den Toten in ihr Reich folgen müssen (Kind, Jungsrau, Kaiser, Papst, Kaufmann, gute und böse Mönche, Ritt r, Bürgermeister, Wechsler, Spieler, Diebe usw.).

Wie schon angedcutet, sind es dann seit Holbein nicht mehr individuelle Tote, sondern es ist schon der Tod", der sich seine Opfer holt. Als Voll­zieher eines höheren, ihn beauftragenden Wil­lens, der aber viel eigenes, hämisches Zutun nicht ausschließt. Daß sich der Tod beim Wer­ben um die Lebenden raffinierter Täuschungs­masken und oft niederträcht'ger Schliche bedient, ist noch ein Anklang an die ersten Vorbilder. Die zugrunde liegende Tendenz ist sowieso über­all dieselbe: wir alle sind nicht gefeit gegen das Sterben. Hns allen weih der Tod beklommen, mögen wir noch so gut oder schl'cht sein, noch so hochgestellt oder arm, noch so schlau oder mutig. Das aber ist es auch, was jeden Totentanz, trotz vieler Grausamkeiten im einz lnen, als Gesamt­werk eine tröstende und versöhnliche Wirkung ausüben läßt. Womit sie, alle, ihre tiefste und menschlichste Bestimmung erfüllen.