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Nr. 275 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Samstag, 25. November 1929

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gieß-rn.

Verlodernde Flammen.

Von Dr. med. Alfred (Stetiger.

Das Geheimnis des Todes ist metaphysischer Art. Es gibt eigentlich nur noch Eines von glei­chem Stange: Zeugung oder Geburt. Wie die Zeu­gung so ist auch der allgewaltige Tod vom un­durchsichtigen Schleier der Maja verhüllt, so daß der Sterbliche ihn nicht heben, kaum einen Zipfel dieses Schleiers lüften kann. Wenn die Philo­sophen von dem Tode oder dem Jenseits reden, so nennen sie alles das, was Gegenstand des Den* kenben. Tiefschürfenden, in die Ewigkeit Blicken­den ist,eschatologisch" oder auf Deutsch:Das Letzte". Die Eschatologie umfaßt also jenes ge­heimnisvolle, dunkle Reich, zu dem der Tod den einzigen Zugang gewährt. Denn da der Tod das irdische Ende des Lebens ist. so ist er das eigentliche eschatologische Problem oder Phä­nomen; denn Phänomen yeißt Erscheinung und mehr als die Erscheinung sehen und das dahinter liegende oder vermutete Wesen, das ..Ding an sich", ahnen, können w'r. kaum! Darum ist das Todesproblem ewig und stets zeit­gemäß. wenngle:ch die Einladung zur Betrach­tung dieses Problems den allermeisten Menschen außerordentlichunzeitgemäß" erscheint.

Ueberall ist dieses Problem naheliegend: in der Religion. Kunst und Philosovhie, sowie ihren Wissenschaften. Zunächst in der Religion; denn mit dem Tode hebt das Totengericht an. Im Augenblick seines Eintretens stellen die Totenrichter der Unterwelt: Minos, Aiakos und Rhadamantys die unerbittliche Waage der Ge­rechtigkeit auf und die Wege scheiden sich zum Elysium oder Tartaros, zu Walhall oder zur Hel, zum Himmel oder zur Hölle. Sodann in der Kunst! Calderon de la Barca stellte in seinem herrlichen, tiefsinnigenGroßen Welttheater" das Menschenleben als eine Bühne dar, deren Ein­trittstür die Gestalt einer Wiege, deren Aus­gangstür die Form des Grabes hat. Welch reiche Möglichkeiten. Hilfsmittel, Farben, Töne, Ziele. Lösungen gewährt diese Auffassung dem Künst­ler? Wer denkt hier z. B. nicht an Böcklins ergreifendes Bild, aus dem er sich selbst und hinter ihm den Tod darstellt, der ihm auf seiner Fiedel geheimnisvolle Klänge aus der Ewigkeit, aus dem Urgrund aller Rätsel vorspielt? Run gar in der Philosovhie! Wo wäre wohl ein ..Gastmahl" der Philosophen denkbar, an dem nicht der Tod tcilnimmt. die Szene be­herrscht oder drohend hinter dem Borhang auf seine Beute lauert? Und betrachten wir das schier unübersehbare Reich der Wissenschaften, welche ihrer Stönigin, der Philosophie. Heeres- folge leisten müssen, so spielt der Tod überall eine gewaltige Rolle, wie die Zeugung, die ihm mctavhysisch entspricht, metaphysisch das Gegen­gewicht hält. Ethik, Moral, Rechtswissenschaft, be­sonders das Strafrecht, Geschichte, Heilkunde. Bio­logie, Tier- und Pflanzenkunde, ja selbst die scheinbar rein ..anorganische" Kristallkunde haben hier' ihre tiefsten Wurzeln, begründen hier ihre Satzungen und Forderungen.

Man braucht hier nur an das Calderonis.che Große Welttheater" zu denken und begreift so­fort klar, warum die Menschen auf den Gedan­ken der Metempsychose oder Seelenwan­derung kamen: Weil das metaphpsi'che Bedürf­nis nach Gerechtigkeit in der L.hre von der Seelenwanderung die Möglichteit eines vollkom­men gerechten Ausgleichs sah! Große Denker, die sonst nicht die geringste Steigung zur tri­vialen Statistik hatten, haben hier eine Ausnahme gemacht und in dem wundersamen Auf und 2lb von Geburt und Tod eine feinspielende Waage des allmächtigen, ewigen Schicksals gesehen, so Platon. Goethe. Schopenhauer. Rach diesen Den­iern folgen Tod und Geburt einander wie die Hebungen und Senkungen der Wellenbewegung: Erlischt hier durch den Tod eine große Quantität oder Qualität, so entsteht durch Zeugung ein ewiger Ersah. So läßt Ludwig Uhland seinen Eberhard den Greiner, der soeben seinen Sohn in der Feldschlacht verloren Hai. bei der Kunde von der Geburt seines Enkels frohlocken:Der Fink hat wieder Samen. Dem Herrn sei Dank unö Preis!"

Die griechische Sage erzählt: Thetis, die silber- füßige Meeresgöttin, habe ihrem Sohne Achil­leus verhießen, er könne wählen zwischen einem ruhmvollen aber kurzen Leben, oder einem lan­gen aber rühmlosen Leben. Achilleus wählte be­kanntlich das kurze aber ruhmvolle Leben. Es ward ihm in dem Trojanischen Kriege erfüllt und der große Homer sang ihm das unsterblche Helden­lied: Die Ilias oder der Zorn des Peliden. Aus innersten, tiefsten Seelennolwendigkeiten konnte unserem Siegfried nur ein gleiches LoL beschieden fein, und so ging er im gewaltigen Ribelungenlied in die glanzerfüllte Ewigkeit. Alexander der Große, Hermann der Skfreier. Rafael. Mozart, Byron, Hölderlin, Schiller, Slict)* sche und viele, viele andere Helden und Genien i*cr Sage und Geschichte sanken früh ins Grab, stiegen zeitig in die Glorie. Ihr Ende war sehr verschieden, aber sichtbar waltete ein metaphysi­sches, ehernes Gesetz über dem frühen Berglim- liten ihrer Geistesflamine, gleichviel ob diese in her männermordenden Feldschlacht durch das 3chwert, im Frieden durch Mörderhand, durch tückische Krankheit oder Umnachtung erlosch! Emerson sagte einmal von Shakespeare:Der Genius, von dessen Leben wir so wenig wissen, itieg auf zum Himmel und zog die Leiter mit sich hinauf, damit ihm kein Sleugicriger folgen könne."

- Emerson will hier unverkennbar andeuten.

Hugenbergs Sieg in Kassel.

Der Kampf gegen den sjoungplan - Die Bündnisbereitfchaft der Deutschnationalen - Das Vertrauensvotum für den Parteiführer.

Kassel, 22. Rov. iWB.l Heute nachmittag begann die erste Vollsitzung des 9. Deutsch- nationalen Parteitags im großen Saal der Kasse­ler Stadthalle. Dr. Hugenberg beschäftigte sich mit dem SZoung-Plan, dem jedes nur mögliche Hindernis in den Weg gllegt werden müsse. Ist es zu bestreiten, daß die bisherigen Fremdkontrollen «Beschränkungen unfe.ee Souveränität) nicht beseitigt, sondern lediglich in veränderter Form auf die Tributbant übertragen sind? Ist es zu bestreiten, daß die deutschen Grenzlande im Westen unter Fremdkontrolle verbleiben, und daß die Fran­zosen das vertragsmäßige Recht der Wie- derbesehung in Anspruch nehmen? Ist es zu bestreiten, daß der SZoungplan im Gegensatz zum Versailler Vertrag und zum Dawes-Plan keinerlei wirkliche Revisionsrnög- lichkeit enthält und demnach seine Richt­erfüllung ohne weiteres Vertragsbruch mit allen seinen Folgen fein wird? Ist es zu bestreiten, daß der bisher völkerrechtlich aufgerichtete Schutz der sogenannten Transferklausel des Dawes-Vertrages rechtlich und praktisch durch den Poung-Plan so gut wie vollständig be­seitigt wird? Ist es zu begreifen, daß man trotz allem den Voung-Dertrag abschließen will, zu dessen Abschluß man nicht gezwun­gen werden kann?

Der poung-plan. d. h. der gemäß den 3n(er- effen der Gläubiger veränderte Dawes-plan, kann als eine kunstvolle technische Maschinerie des Hochkapitalismus zur Unterjochung Deutsch­lands bezeichnet werden. Unter Mithilfe der deutschen Sozialdemokratie wird zu Lasten Deutschlands mit dem poung-plan internatio­nal der versuch einer vollen Verwirklichung der kapltaiherrschaft gemacht.

Slicht umsonst hat Helffcrich immer davon ge­sprochen. daß wir unf.cre Zukunft nur auf die eigene freie Kraft aufbauen können, Un|er Ab- weichen von diesem Wege gleich nach seinem Tode hat zunächst unsere Landwirtschaft ins Elend gestürzt. Wenn wir so fortsahren, folgt alles andere nach! Es ist eine Einbildung oder eine bewußte Ablenkung, wenn davon gesprochen wird, daß man durch organisatorische Ersparnisse in Staat und Wirtschaft der alternativen Zer­störung der Wirtschaft oder Verelendung des Volkes entgehen könne. Auch der Arbeitnehmer weiß nachgerade, was für ihn ein leistungs­fähiger Unternehmer in Industrie und Landwirt­schaft bedeutet. Aber auf der anderen Seite würde ein Programm der Verelendung der Mas­sen gleichfalls die Slxt an die Wurzeln des Volksganzen legen. Frankreich und Polen, un­sere unmittelbaren Slachbarn, haben mehr Inter­esse an unserem Verfall als an unseren Tributen. Dagegen ist die angelsächsische Welt in der Lage dessen, der weit vom Schuß sitzt, wie es auf die Dauer der Teil ist, der sich verrechnet. Eine Reichsregierung, die etwa nach der Annahme und zur Durchführung des Voung-Planes unter SNitwirkung der Sozialdemokratie gebildet würde, müsse zur beschleunigten Zersetzung unserer wirt­schaftlichen und kulturellen Verhältnisse führen. Eine Koalition im Sinne der von 1927 28, so erklärte Dr. Hugenberg weiter, wollten die Deutschnationalen überhaupt nicht wieder.

Die antimarxistische Front ist für uns ganz selbstverständlich. Ls kommt nur dar­auf an, daß hinter dem Wort auch ein ernster Wille stehl, und daß die zwei Voraussetzungen erfüllt werden, nämlich, daß die antimarxistische Front nicht nur im Reich, sondern a u ch i n Preußen regiere, und daß sie einen Dauerzu­stand bedeute. Solange aber das notwendige Verständnis der anderen für eine solche Koali­tion fehlt, müssen wir den Kampf gegen dasZusammenregierenmikder So­zialdemokratie führen; denn in diesem Zusammenregieren liegt das große verbrechen, das am deutschen Volke begangen wurde. Richt

wir haben mit dem Volksbegehren eine Klusl zwischen dem Bürgertum geschossen, sondern diese stellt längst das Zusammenregieren der an­deren mit der Sozialdemokratie dar. Eine Schaukelpolitik mit wechselnden Mehrheiten können wir nicht mehr dulden, von dem Augenblick an, wo wir innenpolitisch wieder zur Offensive übergehen, müssen wir dem Zentrum und der volksparlei das Zusammen­regieren mit der Sozialdemokratie so sehr ver­ekeln, wie wir irgend dazu in der Lage sind. Wir erstreben eine andere innere Machtverteilung in Deutschland, und dieses Ziel ist so groß, daß zu seiner Er­reichung auch auf kleine Augenblickserfolge ver­zichtet werden muß.

Im Anschluß an verschiedene Referate wurde ein stimmig eine Entschließung angenommen, in der cs

heißt:In Politik und Wirtschaft hat der Marxis­mus unser Volk an den Rand des Abgrundes ge­führt. j)ier kann ein entscheidender Wechsel in der Regierung, durch den ein Herumwer- fen des Steuers möglich wird, Wandel schaffen. Weit gefährlicher noch sind die nach der Revolution ziel- bewußt wirkenden Kräfte, welche die Grundlagen unserer Siultur, Christentum und Deutschtum, an der Wurzel zu zerstören trachten. Ihnen ist durch die Verelendung der fultnrtragenben Mittelschicht in hohem Maße Vorschub geleistet worden. Wir bekennen uus zu dem Glauben an die unverrückbare Verbundenheit von Christentum und Deutschtum. Wir rufen alle deutschnationalen Man ncr und Frauen auf: Seid euch der Gefahr bewußt! Kämpft für unsere heiligsten Güter! Werbet Bundes­genossen weit über den Rahmen unserer Partei hin­aus und richtet gegen alle kulturbolschewistischen Be­strebungen einen schützenden Damm auf!"

Die internationalen Konferenzen.

Die zweite Haager Konferenz. Ter vorbereitende Ausschuß für den 2. De­zember nach Brüssel einberufen.

Brüssel. 22. Rov. (Belgische Telegraphenagen- lur.) Die von der Haager Konferenz ernannten und in dem Poungplan vorgesehenen Unteraus- s ch ü s s e werden nächstens ihre Arbeiten be­endet haben. Die meisten Berichte sind bereits dem Vorsitzenden der Konseren; I a s p a r eingehändigt worden. Infolgedessen hat er den interessierten Mäch­ten r.ütgeteill, daß er den mit der Zusammenfassung aller Berichte zur Vorbereitung des endgültigen Pro­tokolls betrauten Jurist en ausschuß ; u m 2. Dezember in Brüssel einberufen habe. Jaspar wird auch das Datum der zweiten Haager Konferenz festzusehen haben. Dies wird er aber nur bann tun können, wenn der Stand der Arbeiten des Iuristenausschusfes ihm erlaubt, sich ein Urteil über den passenden Zeitpunkt für die Ein­berufung der Konferenz zu bilden. Wahrscheinlich wird dieser Zeitpunkt auf Anfang Januar f e st g e s e h t werden.

Die Jlottenkonferenz.

Bemühnngen um eine Einheitsfront der Mitteltneermächte.

Paris, 22. Roo. (WB.) DasEcho de Paris" beschäftigt sich mit dem Vorschlag des italienischen Botschafters in Paris, der die Anregung enthielt, französisch - italienische Verhandlun­gen als Vorbereitung für die Seeab - rüstungskonferenz in London einzuleiten, um die Auffassungen der beiden Länder miteinander in Einklang zu bringen. Briand habe drei Tage später dieser Aufforderung zu gestimmt, jedoch mitgeteilt, daß die französischen Sachverständigen ihre vorbereitenden Arbeiten noch nicht beendet hät­ten. Die angekündigte italienische Rote mit der offi­ziellen Einladung sei aber nie in Paris angenommen. Sie sollte, wie das Blatt erklärt, folgende 5 Punkte enthalten:

1. Die Abrüstung Hal sich nicht nur auf die Flotten, sondern auch aus die Heere und Luftstreitkräfte zu erstrecken;

2. keine Abrüstung der großen Staaten ohne A b - rüstung der kleinen Staaten;

3. die Abrüstung zur See soll mehr durch eine Begrenzung der Gesamtlonnage als durch eine Begrenzung der Schiffskategorien erreicht werden;

4. Frankreich und Italien mühen untereinander möglichst niedrige Tonnagen fcf(-

sehen, die aber trotzdem höher liegen als die Tonnage der Fcstlandmacht, die die größte Stärke auf dem Gebiet der Flotte oufweisi; innerhalb dieser Grenzen sollen sich die franzö­sische und italienische Flotte gleichmäßig entwickeln;

5. der Bau von Panzerkreuzern soll bis 1936 ausgesetzt werden.

Echo de Paris" bespricht die Aussichten der Ver­wirklichung, die diese fünf Punkte gehabt haben würden, und schreibt: hinsichtlich der ersten drei Punkte stimmen die Ansichten Italiens und Frank­reichs überein. Punkt 5 ist allerdings nicht recht an­nehmbar, außer in dem sehr unwahrscheinlichen Falle, daß Deutschland von der ihm im Ver sailler Vertrag gelassenen Möglichkeit, Panzerkreuzer zu bauen, keinen Gebrauch machen und sei­nen im Jahre 1928 . vom Stapel gelassenen Ersatz Preuße n" zerstören wurde, der trotz seiner nur 10 000 Tonnen Raumverdrängung anscheinend in der Lage sei, sich mit den englischen und amerikanischen 35 000 Tonnen starken Kreuzern zu messen. Der in Punkt 4 enthaltene Grundsatz sei annehmbar, wenn das französische Flottenbauprogramm, das im Jahre 1943 durchgesührt sein soll, die von Italien gesor bette Grenze darstellen würde.

Die Ratstagung.

Italien wünscht Vorverlegung.

Genf, 22. Rov. (WV.) Eine Vorverle­gung der nächsten Ratstagung, die be­kanntlich bereits vor Einberufung der Londoner Seeabrüstungskonferenz auf den 20. Januar fest­gesetzt worden ist, hak der italienische Außen- Minister G r a n d i in einem Telegramm an den Generalsekretär des Völkerbundes angeregt. Er begründet diese Anregung mit dem Hinweis, daß er bei der englischen Regierung bereits auf die Rachteile hingewiesen habe, die aus dem Z u f am m e n f a 11 e n der F l o t ten ko n s e- renz und der Ratstagung entstehen könn­ten. Da jedoch das Datum der Ereabrüstungs- konferenz nicht geändert werden könne und er bei der Ratstagung nicht fehlen möchte, bitte er um Prüfung der Möglichkeit einer Vorverlegung der Ratstagung um acht Tage Dieses Telegramm ist vom Generalsekretär an sämtliche Ratsmit­glieder weitergeleitet worden. Die weitere Ent­wicklung dieser Frage hängt naturgemäß von den Antworten der Ratsmitglieder ab, unter denen sich nur einige wenige befinden, die an der Flottenkonferenz interessiert sind, während an­dere an der zweiten Haager Konferenz teilnehmen müssen, von der man heute noch nicht weiß, ob sie nicht mit einer früher gelegten Ratstagung zusammensallen würde.

daß es Geheimnisse gibt, an denen am besten nicht gerührt oder gerüttelt wird.

Es braucht sicherlich kein Philistergeist vermutet zu werden, wenn man fragt, ob dem so sein mußte, daß jene Helden und Genien so früh vollendeten? Denn viele Helden und Riesen­geister von Ewigkeitsdrang schufen ein langes, reiches Leben hindurch: Denken wir an Ho­mer Platon, Calderon, Michelangelo, Goethe, Friedrich den Großen, Moltke, Bismarck. Hin­denburg, Hans Thoma. Sie alle schufen bis in ihr hohes Greisenalter unvergängliche SDerfc und Taten. Es erhebt sich nun die Frage, ob etwa Rafael, falls ihm ein ebenso langes Leben wie Michelangelo bestimmt gewesen wäre, auch so lange schasfenskrästig geblieben wäre. Man kann wohl selbstverständlich vom rein ärztlichen Standpunkte aus diese Frage mitJa' beant­worten; denn Rafaels Genius war ja über jeden Zweifel erhaben; also warum hätte er nicht weiter Unvergängliches schaffen sollen? Die so antworten, können fortsahren und sagen:Michel­angelo, der ja bis ins höchste Greisenalter un­

vergängliche Werke schuf, hätte ja auch durch eine Krankheit, durch Mörderhand, durch Unfall, Geistesumnachtung etwa im Alter Rafaels dahingerafft und aus seinem ungeheuren Schaf­fen fortgerissen werden können. Dies klingt so zwingend und selbstveri'tändlich bis zur Triviali­tät. Und doch will diese Antwort den Tiefer­blickenden nicht befriedigen; denn es schwebt das gleiche geheimnisvolle, eherne Gesetz über dein langen Leben des einen, wie über dem jähen Ende des anderen!

Rapoleon sagte einmal in einer tobenden Schlacht zu den ihn Warnenden:Freunde, die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht ge­gossen." Ein andermal antwortete er bei einer ähnlichen Gelegenheit:Solange mein Wert noch nicht vollbracht ist. kann mich keine Gewalt der Erde vernichten; ist es vollbracht, dann kann mich ein Strohhalm zerbrechen!" Das Werk muhtevollbracht" fein, ehe der Tod den Helden hinwegraffen konnte! Dies ist der meta­physische. geheimnisvolle, ewige Grund! Wer da noch zweifeln kann, der denke an das Wort dcS

Erlösers am Kreuze:Es ist vollbracht!" Erst dann sank sein göttliches Dulderhaupt und' er verschied und ging ein in die ewigen Reiche! Ein undurchbrechbares inneres Gesetz tut sich uns hier kund: Der Held kann vor der Vollendung seines Werkes vom Schicksal nicht hinw.ggcraffl werden! Auch wenn cs derWelt" anders er* scheint. Die Menge, die um- das Kreuz Herum­stand, glaubte vermutlich, der Gekreuzigte hätte sein Werk nichtvollbracht": denn er starb ja in Ohnmacht. Schmach und Verlassenheit! Sic wuß­ten ja nicht, daß gerade hierin der Sieg des Er­lösers bestand!

Die Ahnung, das sichere innere Schauen um das frühe oder späte Ende ist dem Genius, dem Helden eigen. Der eineweiß", daß er frühe beim muß und schasst daher mit verzehrender Glut, in der er mit seinem Sterblichen verbrennt aber sein Werk läutert und in ewige Form prägt. Der andereweiß", daß erZeit hat" Zu seinem Werk und trägt daher unermeßliche Grundsteine hinzu, um das Werk wahrhaft voll­kommen zu gestalten, obwohl der Philister stau-