Ausgabe 
23.10.1929
 
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eine treibende Mine.

Mündung der Schlei (Nord- ei Fischer durch eine ex- ötet und einer schwer ver- die Mine, die aus hoher See lurde, an Bord genom- an 2anö jagen, lüfte sich die >.lt fid) bei allen um 5ami-

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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 23. Oktober 1929.

Soziales Gefühl.

Sozial: Das ist auch so ein Fremdwort, das sich in die deutsche Sprache eingenistet hat. 3n Hunderten von Reden, in Hunderten von Auf­sätzen wird es gebraucht, und jeder wirft dem anderen vor. daß er nicht sozial empfinde und handele.

Was bedeutet eigentlich: sozial empfinden? Wenn mir jemand diese Frage stellt, werde ich lebhaft an ein kleines Erlebnis erinnert, das mir einst einen frohen Tag bereitete. Ich will es hier kurz erzählen.

Ich machte einen Rachmittagsspaziergang und war schon tief im Walde, als ich von einer Bauersfrau, die einen leeren Korb auf dem Kopfe trug, eingeholt wurde. Wir kamen inS Gespräch, und sie klagte mir, daß sie geschäft­lich in der Stadt gewesen sei, dann noch Ver­wandte besucht und sich dabei zu lange aufge­halten hätte. So war es gekommen, daß das Auto, mit dem sie fahren wollte, nicht mehr da war, als sie den Haltepunkt erreicht hatte, und es war das letzte Auto, das ging. Run müßte sie IVe Stunden zu Fuß durch den langen Wald laufen, und zu Hause warteten die Kinder und das Vieh! Ich tröstete sie so gut ich konnte und erinnerte an die Zeiten, in denen sie ja so wie so zu Fuße laufen mußte.Aber man hat sich so schön daran gewöhnt, an das Autofahren", er­widerte sie..Ja, es ist manches anders und besser geworden", mutzte ich zugeben.

Es wurde noch allerlei gesprochen, dann nahm ich Abschied und sprach tröstend:Vielleicht kommt ja noch ein Fuhrwerk, mit dem Sie fahren können."

Ich war kaum hundert Meter von ihr ent­fernt, da raste ein Auto vorbei. Es kam aus der Stadt, und nur ein einzelner Herr saß darin. Aber ehe ich auch nur winken konnte, war cs schon weg. Unwillkürlich drehte ich mich um und dachte: Wenn die Frau doch ein Zeichen geben wollteI Aber nichts von dem. Sie ging gelassen ihres Weges. Zu dumm, datz ich das Auto nicht eher bemerkt habe, dachte ich noch. Doch halt! Was ist das? Das Auto hält ja tat» sächlich, der Herr steigt aus, wartet auf die Frau, sie sprechen einige Worte, und nun steigt auch die Frau mit dem Korb ein. Schon rast das Auto weiter.

Ich mutzte den ganzen Abend an diese kleine Tat denken. Sie stimmte mich freudig, bewegte mich eigentlich im innersten Herzen und erhellte mir mit einem Schlage das Fremdwort: Sozial!

Was dieser Autofahrer tat. war sozial gedacht und gehandelt. Und immer wieder, wenn sich ein Redner nicht genug tun kann in schönen Wor­ten vom sozialen Denken und Empfinden, fällt mir das kleine Erlebnis ein. Ich stelle dann innerlich immer die Frage und stelle sie auch dir, lieber Leser,Würdest du auch so handeln wie jener Autosahrer, oder denken: Gut, datz ich ein Auto habe, mögen die andern sehen, wie sie heim kommen?"

So können wir bei gar manchen Gelegenheiten, ohne datz es uns viel Arbeit macht, unfern Rächsten einen Gefallen tun. Du gehst im Walde spazieren und zerreibest dir an einer überhängen­den Brombeerranke das Kleid. Ist es da nicht eine Kleinigkeit, daß du umkehrst und die schlimme Ranke zurückbiegst und abschneidest? Oder freust du dich, wenn deine Mitmenschen auch Schaden nehmen?

In der Rähe meiner Vaterstadt steht an einem wichtigen Stratzenknotenpunlt ein Wegweiser. Er ist ziemlich alt und war morsch geworden. Da hatten sich nun einige Burschen einen Spatz ge­macht und ihn herumgedreht. Das sind so kleine Lausbubenstreiche. Die Folgen werden nicht be­dacht. Gar mancher Fuhrmann. Autofahrer und auch Wanderer, sic wären hier mitten im Walde auf einen ganz falschen Weg gewiesen worden. Wir brachten deshalb den Wegweiser wieder in seine richtige Stellung und befestigten ihn. so gut wir konnten. Hätten wir nicht auch Vorbei­gehen und denken können: Latzt ihn. wir kennen ja den Weg?

Solche sozialen Handlungen sind gar oft nur Selbstverständlichkeiten, aber viele gehen stumpf und teilnahmslos vorüber.

Bedenken wir doch auch den eigenen Gewinn, den wir haben, wenn wir unfern Mitmenschen ohne datz sie es ahnen helfen können. Das frohe Gefühl, das unsere Brust schwillt, ist doch auch etwas wert. L- J-

Serbstbezirlstcg des SasslabezNS Meßen.

Unter sehr starker Beteiligung der Krieger­vereine fand am Sonntag imPostkeller" der Bezirkstag des Hassiabezirks Gietzen statt, den der 1. Vorsitzende Prof. Dr. Kraemer mit he^lichen Tegrützungsworten eröffnete.

Bei der Auszahlung der Rückvergü- t u n g e n wurden vom Vorsitzenden an die Kriegervereine des Bezirks insgesamt 1446,80 Mk. aus den Vertragsversicherungen derHassia" auSgehändigt, und zwar von der Allianz-Ver­sicherung 875.55 Mk.. von der Unfall-Versicherung 96.90 Mk.. Lebensversicherung 134,55 Mk.. von der Zürich 186.50 Ml., von Hassia-Kalendern 150,50 Mk. Anschliessend referierte Karnerad Kretschmar über das Versicherungswesen und betonte, datz einzelne Kriegervereine grötzte Er­folge erzielt und hohe Vergütungen erhalten hätten. Die Cesamtrückvergütungen der Allianz betrügen 42 000 Mk. An der regen Aussprache beteiligten sich Prof. Dr. Kraemer. Frei- t a g (Hausen) und Haas (Burkhardsfelden). Die Aufwertung und Auszahlung alter Versicherung erfolgt 1932. verzinst werden sie feit 1924.

Heber das Fürforgewefen sprach Ob­mann Lehrer D ö h n (Gietzen), dec zu der Landestagung der Kriegsopfer innerhalb der Hassia" in Mainz einludt.

lieber das Schießwesen sprach Bezirksschietz- wart Kamerad Klein in ausführlicher Weise. Auf seine Anregung wurde der Bezirk in vier Gruppen eingeteilt. Für das Lumdatal fand das Scbießen in Daubringen, für das Buseckertal in Reiskirchen statt; außerdem wurde ein Schießen in Hausen und eins in Gießen auf den Ständen des Schützenoereins ab­gehalten. Die Beteiligung war über alles Erwarten stark. Die vier Schießen habyn sich glatt und ohne Unfall abgewickelt. Im ganzen nahmen 230 Schützen teil, 1396 Patronen wurden verschoßen, 230 Schei­ben ausgegeben. Auch das finanzielle Ergebnis war günstig: bie Einnahmen betrugen 312,20 Mk., die Ausgaben 314,09 Mark. Der Vorsitzende dankte dem Schießleiter für die mustergültige Durchführung des ersten Bezirksschießens und hofft auch für 1930 auf starke Beteiligung. Zugleich beglückwünschte er die Schützen des Kviegeroeneins Gießen: Wilhelm

a i n b a d), Willi Georg, Gg. Schilling und Hch. M o o tz , die am 1. September in Offen­bach auf dem Derbandsschiehen die Meisterschaft der Kriegerkameradschaft .Hassia" errungen haben.

Das Hassia-Berbandsschießen 19 3 0 findet in Gießen auf den Schießständen des Schützenvereins statt. Daneben bleibt das Bezirks- schießen bestehen, das Ende September oder Anfang Oktober abgehalten werden soll.

Hierauf schloß der Vorsitzende den Bezirkstag und dankte nochmals allen Vereinen und Kameraden für ihre erfolgreiche Mitwirkung im Interesse des Has­siabezirks Gießen.

Anschließend fand in feierlicher Weise die Dertei- lung der Ehrenpreise an die Sieger des ersten Preisschießens des Bezirkes Gießen durch den Bezirksschießwart Kamerad Klein statt. Es wurden 30 silberne Becher mit dem Hassiaabzeichen für beste Schießleistung ausgegeben. Es errangen: 1. Preis Wilhelm Hainbach (Gie­ßen), 62 Ringe: 2. Willi Georg (Gießen), 61 Ringe: 3. Heinrich Roth (Reiskirchen) und Georg Schilling (Gießen), 58 Ringe; 4. Hrch. Mootz (Gießen), 57 Ringe; 5. Ernst Hofmann (Burk­hardsfelden), 54 Ringe: 6. Johannes Damm (Al- lendorf a. d. Lda.), 51 Ringe; 7. Philipp Hammel (Annerod), Joh. Ad. Horn (Burkhardsfelden) und Ernst Wüst (Mendorf), 50 Ringe. Die Krieger­kameradschaftHassia" ließ durch den Bezirksoor­steher den drei besten Schützen noch eine besondere Ehrengabe überreichen.

Zehn Wahlvorschläge zur Gießener Kreisiayswabl.

Zu der bevorstehenden Neuwahl des Kreis­tages für den Kreis Gießen sind folgende zehn Wahlvorschläge eingereicht worden: Deutschnationale Dolkspartei, Hessischer Landbund, Deutsche Dolkspartei, Mittelstandsoereinigung, Zen­trum, Evangelische Volksgemeinschaft, Volksrechtpar­tei, Deutsche Demokratische Partei, Sozialdemokra­tische Partei, Kommunisten.

*

Für die Neuwahl des Provinzialtags sind, wie wir kurz vor Redaktionsschluß erfahren, nicht weniger als 18 Wahlvorschläge eingereicht worden.

Zagd-Hastpslichtversicherung und Inhaberiagdpäffe.

Das Jagdpaßgesetz vom 25. März 1929 brachte ab 1. April 1929 die Neuerung, daß jeder I a g d p a ß (mit Ausnahme der Dienstpässe) nur gültig ist in Verbindung mit einer Jagdhaftpflichtoer­sicherung in Mindesthöhe von 100 000 RM. für Personen, und 10 000 RM. für Sachschaden. Die Tatsache der Versicherung muß bei dem Lösen des Passes am Kreisamt durch Vorlage eines Ausweises oder der Police nachgewiesen werden. Der Nachweis der Versicherung für eine fest bestimmte Einzelperson macht also keine Schwierigkeiten. Anders steht es mit den sog. Pässen auf Inhaber, gut deutsch auch Au porteur-Pässe" oder manchem Jäger anheimeln­der klingend scherzweiseApportierpässe" genannt. Da diese Pässe von dem Jagdpächter, der sie zu seinem eigenen Paß hinzulöste, heute dem und mor­gen dem Jagdgast in die Hand gedrückt werden kön­nen, taucht die Frage auf, wie nun dabei die Ver­sicherung nachgewiesen werden soll. Da die Versiche­rung den Privatgesellschaften überlassen wurde, fragt es sich, ob diese Gesellschaften bereit sind, auch die Deckung für einen solchen Paß zu übernehmen, ob­wohl damit eine ganze Anzahl ganz verschiedener Menschen versichert wird und das Risiko ein anderes ist. Darin, daß unter Umständen ein gewisses Ent­gegenkommen der Versicherer vorausgesetzt werden muß, liegt u. E. eine Lücke im Gesetz. Es wird viel­leicht praktisch so werden, daß sich alle Gesellschaften gegen Zahlung einer weiteren Jahresprämie für jeden Jnhaberpaß bereitfinden, die Haftpflicht zu überneh­men. Wenigstens haben es die Vertragsgesellschaften sowohl be-'Hubertus" in Gießen wie auch des Hessischen Jagdklubs getan. Jedenfalls ist ein Jn­haberpaß, wenn er nicht durch eine Versicherung ge­deckt ist, ebenso ungültig wie ein anderer Jagdpaß ohne Deckung. H.

Daten fnr Donnerstag 24. Oktober.

1601: der Astronom Tycho Brahe in Prag ge­storben; 1648: Westfalischer Friede: Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Bornotizen.

TageskolenderfürMittwoch. Stadt­theater:Der arme Heinrich", 19.30 bis 22 Uhr. R. C.Germania", Gießen: Generalversammlung, Bayerischer Hof", 20 Uhr. Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Monolescu, der König der Hochstapler". Astoria-Lichtspiele:Der Postillon von Mont Cenis".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutig« Aufführung des Dra­masDer arme Heinrich" von Gerhart Hauptmann beginnt um 191 Uhr.

Eine öffentliche Versammlung für das Volksbegehren wird in unserem heutigen Anzeigenteil von dem Ortsausschuß für das Volks- begehren auf kommenden Freitag abend in die Turn­halle am Oswaldsgarten einberufen. Referent ist Dr. Brehm- Darmstadt. (Siehe heutige Anzeige.)

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L. U. Von der Landesuniversität Gietzen. Da eine Besetzung des altte Rament» lichen Lehrstuhls zum Wintersemester 1929/30 nicht mehr möglich ist, wird die Vertretung in diesem Semester Prof. Sic. Eduard Sach tze aus Her­born übernehmen.

** 20000 Mark Staatsbeihilfe für den Gießener Flughafen. Aus Darm­stadt w^rd gemeldet: Der im Etat für 1929 vor­gesehene C^trag von 40 000 Mk. zur Unter­stützung der Flugverkehrsunternehmungen wird in diesem Jahr nicht, wie bisher, zwischen Darm­stadt und Mainz, sondern je zur Hälfte zwischen den Flughäfen Darmstadt und Gießen auf- getcllt werden, da der Flugplatz in Mainz aus­gefallen ist. In Gießen wird diese Beihilfe des Staates sicherlich allgemein begrüßt werden. Zu wünschen wäre aber noch, daß der Staat auch dem Gießener Stadttheater gegen­über bei der Bemessung der Staatsbeihilfe groß­zügiger als bisher verfahren möge.

** D i« Schnellzüge der Reichsbahn werden komfortabel. Die Deutsche Reichs­bahn-Gesellschaft beabsichtigt, sämlliche Schnellzugs­wagen im gesamten Bereich der Reichsbahn wieder, wie vor dem Kriege, mit Fenstervorhängen aus dickem grünen Fries auszustatten. Diese Maßnahme soll noch zu Beainn der diesjährigen Kälteperiode durchgeführt werden. Die Reisenden werden die An­bringung von Fenstervorhängen, die sie gegen das Eindringen der Kälte in die Abteile schützen, sicher­lich begrüßen.

** D i e Vereinigung für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie in Hes- s e n hält ihre diesjährige Hauptversammlung am

9. November in Gießen ab. Vormittags wird im I großen Hörsaal der Universität ,/Die Reform des Jrrenrechts" besprochen werden. Berichterstatter sind Geh.-Rat Professor Dr. Hoche, Freiburg i. Breis­gau, und Med.-Rat Professor Dr. Dannemann, Heppenheim a. d. B. Nachmittags findet im Schwur­gerichtssaale, Ost-Anlage, eine Vorstellung bedeutsa­mer kriminalistischer Typen statt.

* Vereinigung ehemaliger Ange­höriger des Realgymnasiums Gie­ßen. Man schreibt uns: Wie aus der gestrigen Anzeige ersichtlich ist, hält die Vereinigung am nächsten Samstag, 26. Oktober, abends 7l/s älhr beginnend, auf der Licbigshöhe einen Familien­abend ab, wozu sie ihre Mitglieder mit deren Angehörigen, sowie auch die ehemaligen Gieße­ner Realgvmnasiaften, die ihr noch nicht beigctre- ten sind, herzlich einlädt. Da von vielen Seiten der Wunsch geäußert worden ist, diese Wieder­sehensfeier zu veranstalten, darf sicherlich mit einer starken Beteiligung auch der auswärtigen Mitglieder mit ihxen Damen gerechnet werden. Eine sehr reichhaltige Vortragssolge verspricht einen genußreichen Abend. Cs werden nicht nur eine Reihe von Herren und Damen der Vereini­gung Mitwirken. - sondern es haben auch einige namhafte Künstlerinnen und Künstler in lie­benswürdiger Weise sich in den Dienst der gu­ten Sache gestellt. In seiner Ansprache wird der Vorsitzende der Giehener Ortsgruppe ein­gehend über den Stand der Denkmalfrage be­richten. Die Vereinigung, die in der Pflege der Iugendfreundschaften und Kameradschaft ihre vornehmste Aufgabe sieht, beabsichtigt, im kom­menden Jahre ihren im Weltkriege gefallenen Kameraden ein schlichtes, aber würdiges Ehren­mal zu errichten. Dieses soll anläßlich der im Sommer 1930 stattfindenden Feier des lOOjähri- gen Bestehens des Gießener Realgymnasiums eingeweiht werden. Es wird voraussichtlich in der Ludwigstraße vor der Front des Realgymnasiums seinen Platz finden, dessen Vorgarten nach Reno­vierung des Gebäudes in eine für die Oeffent- lichkeit zugängliche, gärtnerische Anlage umge- wandelt werden wird.

* Eine Warn-ung vor üblen Land­straße n. Dom Auto- und Motorrad-Club E. V. Gietzen wird uns mit,geteilt: In der am 6. Oktober in Alsfeld stattgehabten Iahreshaupt- dersammluirg des Gaues 3 b Hessen und Hessen- Rassau-Rord des Allgemeinen Deutschen Auto­mobil-Club e. V. wurde auf einstimmigen De- schluh der Teilnehmer folgende Entschließung an­genommen:Die Jahreshauptversammlung des Gaues 3 b Hessen und Hessen--Rassau-Rord des Allgemeinen Deutschen Automobil-Club mit weit über 100 000 Mitgliedern hat in ihrer Tagung Klagen zahlreicher Gaumitglieder entgegennehmen müssen über die Beschaffenheit vieler Haupt- verbindungsstrahen im Gebiete des Regierungs­bezirks Kassel, von denen z. B. die Straße Kirch­hainMarburg als völlig unbefahrbar bezeichnet wepden muß, daß sie einen Anspruch auf die Bezeichnung Straße überhaupt nicht mehr hat. Die Gauleitung sieht sich im Interesse ihvev Mitglieder veranlaßt, vor der Benutzung der Straße im Regierungsbezirk Kassel öffentlich zu warnen, und trägt sich sogar mit dem Gedanken, eventueU notwendig werdende Zivilklagen gegen den Straßeninhaber zu finanzieren, Klagen, die darauf hinausgehen, den Straheninhaber für Materialschäden, die lediglich auf schlechte Straßenbeschaffenheit zurückzuführen sind, haft­bar zu machen. Die von den obersten deutschen Gerichten übereinstimmend festgelegte Rechtspre­chung ist sich darüber einig, datz der Stratzen- inhaber für derartige Schäden aufkommen muh, und datz Warnungszeichen, wie Achtung, Schlaglöcher! und ähnliche eine derartige Haftung nicht im geringsten einschränken. Es soll auch weiterhin der Gedanke erwogen werden, ob es nicht möglich ist, die gesetzliche 'Vertretung der die Straße verwaltenden Behörden in fort­gesetztem Falle fahrlässiger Außerachtlassung pflichtgemäßer Beaufsichtigung der Straßen und ihrer Beschaffenheit und Verkehrssicherheit per­sönlich haftbar zu machen."

Der Kriegerverein Gießen hielt dieser Tage imPostkeller" eine außerordentlich gut besuchte Monatsversammlung ab. Der große Saal war wie man uns berichtet bis zum letzten Platz besetzt, ein Zeichen des guten Zu­sammenhaltens und der treuen Kameradschaft. Der 1. Vorsitzende, Landgerichts rat Trümpert, begrüßte die Kameraden und deren Angehörige und konnte anschließend die Kameraden Georg, Hain b ach, Wootz und Schilling, die an­läßlich des Derbandsschietzens der Kriegerkame­radschaftHassia" die Verbandsmeisterschaft er­rangen, burd) Ueberreichung von Diplomen und des wunderbaren Wanderpreises ehren. Es ist lobenswert, daß der Kriegerverein den edlen Schießsport pflegt und den großen Erfolg errin­gen konnte. Rachdem einige geschäftliche An­gelegenheiten erledigt waren, erstattete Kame­rad Klein einen Bericht über den Reichs- kriegertag in München. Kamerad Kretschmer schilderte kurz seine Erlebnisse anläßlich einer Reise nach den Schlachtfeldern bei Verdun, die ebenfalls mit großem Interesse ausgenommen wurden. Der Abend wurde umrahmt von einigen Musikvorträgen der Hauskapelle unter Leitung des Kameraden Weller, so daß alle Teilneh­mer befriedigt von dieser Versammlung waren.

* Vorträge über Prag. Am Sonntag­abend veranstaltete der Goethc-Bund in der Reuen Aula feinen zweiten dieswintcrlichen Vor­tragsabend. Dr. Oskar Schürer, Prag, sprach überPrag, ein bläuliches Schicksal". In der Einleitung zeigte der Redner zunächst die Art und Weise, wie man Städte besichtigen soll und wie sich die Städte mit ihren Bauwerken als Schicksalsgestalten zeigen. Auf die Verhältnisse der sehr lebendigen Großstadt Prag (800 000 Einwohner, darunter nur 40 000 Deutsche) ein­gehend, versuchte der Vortragende das Geheimnis dieser alten, an prachtvollen Bauwerken so reichen Stadt zu ergründen. Zu diesem Zwecke zeigte er eine große Anzahl von Lichtbildern, die zunächst den außerordentlichen Unterschied der Bauwerke in Ausdruck und Form, je nach dem Zeitalter der Entstehung, veranschaulichten. Er erläutert: weiter die Entstehung, Gestaltung und Entwick­lung Prags, sowie die Beeinträchtigung alter mächtiger Bauwerke durch die Errichtung von Anbauten in späterer Zeit. Als Gegensatz zu den Bauarten in Prag zeigte der Redner die Bau­weise in Paris, die eine klare Führung auf­weist, in großen Leitlinien entlangzieht, dem Auge aber Gelegenheit zur Ruhe läßt, während man bei der Besichtigung der Bauwerke von Prag sich weitergezerrt fühlt, ohne Ruhepause. Als Zwischenstufe der Bauweisen in Prag, und Paris zeigte der Redner Bilder von Augsburg. Weiter unterzog er die einzelnen Bauwerke in Prag einer eingehenden Betrachtung, dabei die

Stimmung der Formen besonders kennzeichnend und erwähnend, daß viele Kunstwerke aus alter Zeit heute in Prag modernen, nüchternen Ge- schäftsbautcn weichen müssen. Der Vortragende sprach dann noch von den sehr beengten Der- lehrsverhältnisien der Altstadt Prags und der beabsichtigten Maßnahmen zur Abhilfe dieser Mißstände. Weiter zeigte er noch in sehr inter­essanter Weise, wie sich das Schicksal dieser Stadt in seinen Bauwerken ausgeprägt hat. Er schloß mit dem Hinweis, daß der Deutsche in Prag viel von seinem Schicksal erleben würde. Am Montagabend sprach Dr. Schürer auf Ein­ladung des KaufmännischcnVereins und des Ortsgcwcrb evercins über das gleiche Vortragsthema vor einer sehr zahlreichen Zu­hörerschaft in der Reuen Aula. Wie am Vor­abend, so bereitete der Redner auch hier seinen Hörern durch Wort und Bild einige genußreiche Stunden, für die ihm mit lebhaftem Beifall ge­dankt wurde.

**Eine Wa nderung durch Thürin­gen." Der Deutschnationale Handlungsgehilfen- Verband veranstaltete im Rahmen seines Wintcr- bildungsplanes diesen Lichtbildervortrag am vorigen Freitagabend im Katholischen Vereins­haus. Der Geschäftsführer Rudolf Drzezinski vorn D. H. V. versuchte in seinen Degleitworten die Besucher mit der Schönheit unseres Vater­landes in Thüringen vertraut zu machen. Die gut ausgeführten Diapositiv-Bildcr zeigten Aus­schnitte aus der Landschaft mit DevölkerungS- typen, Waldwege mit Durchblicken auf Burgen und Schlösser, wie Wartburg, Schloß Ältenstein, Burg Liebenstein, Wilhelmsburg, Rheinhards- brunn, Elgersburg. Schwarzburg, Heidecksburg, Schloß Lobeda des D. H. B., Dornbura, Frey­burg, Schönburg, Rudelsburg und Saaleck. Da­neben erschienen auf der Leinewand die Bilder denkwürdiger Stätten, wie Eisenach, Ruhla, Schmalkalden, Jena, Raumburg, Pforta, Bad Kösen, Lutherstübchen in der Wartburg, Elisa- bethenkemenate, Lutherkeller in Eisenach, Cyriaks- kirchen-Ruine bei Camburg und Gotha. Wan kaim sagen, daß die Bild-Wanderung durch diesen deutschen Gau sehr stark interessiert hat.

** GDA. »Iugendführertagung. Wan berichtet uns: Der Iugendbund des Gaues Hessen im Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA) hielt in den altehrwürdigen Mauern des Schiffen- bcrgs eine Führertagung ab, die einen starken Eindruck hinterließ. Aus Darmstadt, Frankfurt a. M., Mainz, Wiesbaden, Limburg, Kassel,Wetz­lar usw. waren die Iugendobleute und Mädels­führerinnen eingetroffen. Theo Kisselbach (Frankfurt a. M.) verstand cs am. Vorabend ausgezeichnet, mit seinen Vorschlägen für frohe Heimrunden undUnterhaltungsspiele" die Lacher auf seine Seite zu bringen, und vielen ging es gewiß zu früh in die Lagerstätten (Scheunen und Zeltlager). Am Sonntagmorgen um 6 Uhr be­gann das Wecken mit anschließender Morgen­gymnastik für Jungens und Mädels. Die Mor­genfeier im Walde leitete die Tagung ein. Bei der Rückkehr waren inzwischen das Bundesvor­standsmitglied Borchardt (Berlin), sowie der Leiter der Volkshochschule Gietzen, Walter H c - gar, eingetroffen. Rach kurzer Begrützung durch Drost (Frankfurt a. M.) uni) Geschäftsführer Mack (Gietzen) sprach Herr H e g a r überDie Psychologie des Jugendalters", indem er die Behandlung der Altersgruppe von 14 bis 15' § Jahren und 15'/r bis 18 Jahren unterschied. Er Zeigte die Spannungen, welche diese jungen, un­fertigen Menschen belasten, und hier den Aus­gleich in freundschaftlich-beratender Weise zu schaffen, sei Mission des Jugendführers. Der Führer dürfe dabei aber nicht in seiner eigenen Entwicklung steckenbleiben, sondern müsse auch an seiner eigenen Entwicklung fortarbeiten. Einen engeren Könnet zwischen Volkshochschule und der heranreifenden Jugend herzustellen, sei bisher leider mißlungen, müsse aber die erstrebens­werte Aufgabe sein. Der Redner warnte vor einer Belastung, wie sie auherberufliche Be­tätigung bei Scheinfirmenarbeiten und dergleichen mit sich bringe. Leider konnte Herr Heg ar infolge anderweitiger Verpflichtung der regen Diskussion, die seine Ausführungen hervorgerufen hatten, nicht mehr beiwohnen. Er hätte dabei er­fahren, datz die Jugend gerade in der außer- beruflichen Betätigung den Ausgleich sucht und findet, den Herr Hcgar als Belastung betrachtet. Die Freiwilligkeit dieser Detättgung ist es, welche ihr erst Wert und Gehalt verleiht. Gerade diese Aufgabe, richtig erfatzt, macht die Arbeit des Jugendführers, der selbst noch in der Entwicklung steht, so außerordentlich schwer und vielseitig. Reife Menschen seien nicht die resignierten, son­dern die schöpferischen Menschen, die nicht geistig tot sind, sondern geistig belebend wirken. Denn Leben ist Bewegung, und ohne Bewegung kein Fortschritt. Die Jugend will den Fortschritt, den nur reife Menschen formen können.Vom hohen Sinn der Gemeinschaft" sprach Herr Borchardt (Berlin), und er führte u. a. aus, daß wir heute nur darin einig seien, daß wir einiger werden müßten". Versöhnung und Vertrauen sind die Grundlagen der Gemeinschaft, die wir erstreben. Dietz (Frankfurt a. M.) gab Anleitungen zum Singen in den Gruppen, Keller (Darmstadt) Raturbetrachtungen beim Wandern" bei prak­tischer Anschauung im Herbstwald. Gegen 2 Uhr begannen die internen Beratungen Hierbei wurde die Werbearbeit, Winterarbeit, Ausgestaltung der Winterabende eingehend behandelt. In die Themen teilten sich Drost (Frankfurt a. M.). Görde (Offenbach), Winter (Kassel), Rie­de n t h a l (Offenbach). Die fruchtbaren Anregun­gen fanden lebhaftes Interesse und bezeugten die innere Verbundenheit in der Gemeinschafts­arbeit des GDA. unter dem Leitsatz:Unsere Arbeit dient dem Gemeinwohl".

Kleine Strafkammer Gießen.

Gietzen, 22. Oft. Die heutige Sitzung war kurz, da zwei Angeklagte ihre Berufungen in den anstehenden Sachen zurücknahmen.

Es wurde verhandelt gegen einen Geschäfts­mann aus Friedberg und dessen Frau, die nach ihm, wenn auch nur formell, Geschäftsinhaberin gewesen war, wegen Vergehens gegen die Reichs- versicherungsgesehc. Beide hatten Beiträge zur Kranken-, Arbeitslosen- und Invalidenversiche­rung, die sie einbehalten oder ausbezahlt erhal­ten hatten, nicht an die Versicherung abgesührt. Vom Amtsgericht Friedberg war deshalb der Mann zu Geldstrafen von zusammen 300 Mk., die Ehefrau zu 70 Mk. verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft verfolgte dagegen Berufung wegen der Strccchöhe. Wegen der beträchtlichen Höhe der hinterzogenen Beträge wurde die Strafe des Angeklagten um 2 0 0 Wk. erhöht, die Berufung gegen die Angeklagte wurde zu­rückgewiesen, da im Hinblick auf ihre Rot- läge die Strafe ausreichend erschien.