Ausgabe 
23.9.1929
 
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Rr. 225 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesien)Montag, 25. September 1929

Ein Festtag des oberhessischen Handwerks.

Oie Abschlußfeier der Iungmeister und Iungmeisterinnen von 1929.

Am gestrigen Sonntag sand im Saale des Caf4 Leib zu Gießen die diesjährige Abschlußfeier der Iungmeister und Jungmeisterin- nen in der Provinz Obcrhessen statt, die in diesem Jahre ihre M e i st c r p r ü f u n g vor der Meisterprüsungskommission für die Provinz Ober­hessen bestanden haben. Bei der alljährlich stattfin­denden Schlußfeier werden den jungen Meistern und Meisterinnen im Rahmen einer festlichen Veranstal­tung die M e i st e r b r i e f e überreicht.

Das Ergebne der Meisterprüfungen 1929 ist folgendes: Von 375 gemeldeten Prüflingen be­standen 322, davon mit Rote I (Auszeichnung) 15, mit Note II (Gut) 160, mit Note III (Genügend) 147. Nach Handwerkszweigen geordnet be­standen die Meisterprüfung: 6 Automechaniker, 34 Bäcker, 2 Dachdecker, 6 Elektroinstallateure, 17 Fri­seure, 19 Maurer, 30 Metzger, 2 Polsterer, 11 Satt­ler. 10 Maschinenschlosser, 13 Bauschlosser, 16 Schmiede, 12 Schneider, 4 Spengler und Installa­teure, 1 Installateur, 23 Schuhmacher, 48 Schreiner, 10 Wagner, 25 Maler- und Weißbinder, 11 Zim­merer, 5 Schneiderinnen, 5 Putzmacherinnen, 3 Buch­binder, 3 Glaser, 2 Schriftsetzer, 1 Steinmetz, 1 Töpfer, 1 Optiker, 1 Werkzeugschlosser, 1 Küfer, 1 Müller.

Zu der gestrigen Schlußfeier, die um 11 Uhr vor­mittags begann, hatten sich neben den Ehrengästen und den Mitgliedern der Meisterprüfungskommis, sion die Iungmeister und Iungmeisterinnen mit ihren Angehörigen in so stattlicher Anzahl eingesun- den, daß der große Saal vollbesetzt war. Nach einer Musikdarbietung von Mitgliedern der Kapelle W e l- l e r sang ein Doppelquartett des Bauerschen Gesangvereins in sehr schöner Weise Mozarts eindrucksvollen ChorWeihe des Gesangs". Darauf folgten

Oie Festansprachen.

Der Vorsitzende der Meisterprüsungskommission für Oberhessen, Gewerbeschulrat Dr. B ü n n i n g s, Gießen, gab in seiner Eröffnungsrede zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, daß die jungen Meister und Meisterinnen und die Ehrengäste in so großer Zahl zu dieser Feier erschienen seien. Sein beson­derer Willkommengruß gelte Direktor Schüttler von der Hess. Handwerkskammer in Darmstadt, Schlossermeister Heß und Syndikus Dr. Reif von der Handwerkskammernebenstelle Friedberg, Regie­rungsrat Dr. Braun, Gießen, als Vertreter der Prooinzialdirektion und des Kreisamtes Gießen, Stadtratsmitglied Kreiling, Gießen, als Ver­treter der Stadt Gießen, sodann den Vertretern der Presse. Das Handwerk sei heute mehr als früher auf die Unterstützung durch die Presse angewiesen; als Vertreter des oberhessischen Heimatblattes, des Gießener Anzeigers", begrüße er besonders Re­dakteur Blumschein, ferner den Verleger Klein vom Kammerblatt. Als Vertreter des Ge­werbevereins Gießen, der in dankenswerter Weise seine Räume der Prüfungskommission zur Ver­fügung stelle, begrüße er den Vereinsoorsitzenden, Schreinermeister H a u b a ch, Gießen. Ferner gelle sein Gruß und Dank den Prüfungsmeistern und -Meisterinnnen, ebenso den Meistern, die sich um die Ausbildung der Jungmeister verdient gemacht hätten. Schließlich begrüße er besonders noch die beiden

verdienstvollen Helfer und Vorkämpfer des Hand­werks, Oberreallehrer i. R. Haggenmüller, Gießen, und Rektor Neubauer, Friedberg. Nach Dankesworten an die jungen Meister und Meiste­rinnen für die freundliche Aufnahme der Prüfungs­meister bei ihren Besuchen in der Provinz gab der Redner das oben berichtete Ergebnis der Meister­prüfungen bekannt und wünschte sodann allen Fest- teilnehmern frohen Genuß dieser Feier

Handelskammerdirektor Schüttler (Darmstadt) sprach als Vertreter der Handwerkskammer, deren Präsident N o h l durch dringliche geschäftliche Ver­hältnisse am Erscheinen verhindert war, den jungen Meistern und Meisterinnen die herzlichsten Glück­wünsche der Kammer aus und dankte den Mitglie­dern der Meisterprüsungskommission für ihre Mühe­waltung. Zu den Iungmeistern gewandt sagte der Redner u. o. weiter,sie hätten nun die höchste Würde erreicht, die das Handwerk zu vergeben habe: sie hätten die Meisterprüfung abgelegt. Die Meister­würde berge ober auch Verpflichtungen in sich. Den jungen Meistern und Meisterinnen sei nun das Erziehungsrecht an den Lehrlingen in die Hand ge­geben, auch ihnen obliege nun die Aufgabe, die handwerkliche Jugend in gutem Handwerkergeiste zu erziehen und voranzubringen. Diese Erziehungs­pflicht könne nicht ernst genug genommen werden, gerade in der heutigen Zeit. Unsere Jugend müsse wieder Rückgrat betommen, sie müsse zu sittlich ge­festigten Menschen für das wirtschaftliche und ge­sellschaftliche Leben erzogen werden. Der Meister­titel bringe aber den Iungmeistern noch weitere Verpflichtungen. Meister sein heiße meisterhafte Ar­beit leisten und Mitarbeiten zum Wahle des Gan­zen. Meisterhafte Arbeit brauche Deutschland, Qua­litätsarbeit in höchster Vollendung, um wieder hoch- zukommen. Wer sich Handwerksmeister nenne, der müsse aber auch die Bestrebungen des Handwerks zur Förderung des handwerklichen Berufsstandes unterstützen. Er müsse hinein in die Organisation »nd sich dort mit den Fragen des Handwerks be­schäftigen. Dem deutschen Handwerk fehle es heute in der Führerschaft an Nachwuchs, es fehle an Männern, die sich mit großem Idealismus der schweren Führeraufgabe widmen. Er richte den ernsten Appell an die Jungmeister, in die Organi­sation einzutreten und sich dort Einfluß zu ver­schaffen, aus der Geschichte des deutschen Hand­werks zu lernen, daß man trotz aller Schwere der Zeit nicht verzagen 'fall, sondern auf sich selbst ge­stützt den Weg aufwärts gehen soll zur Sonne. Der Redner wies sodann auf die Einrichtungen der Handwerkskammer und ihre Nebenstellen zum Nutzen des Handwerks hin, die von allen Hand­werksmeistern rege benutzt werden sollten. Nicht durch übelwollende Kritik könne die Lage des Hand­werks gebessert werden, sondern nur dadurch, daß die wohlüberlegten und zum Nutzen des Handwerks von der Kammer geschaffenen Einrichtungen benutzt und ausgebaut würden. Auch für die heutigen Jung- meister gebe es eine hohe Berufspflicht, die durch beste Arbeitsleistung erfüllt werden müsse. Jede Ar­beit sei geadelt, wenn in ihr rechtes Dorwärts- ftreben und volles Hineinfühlen des Meisters zum Ausdruck komme. Berufspflicht sei es, mit Sinn und Verstand bei seiner Arbeit zu sein und diese Ar­beit mit Lust und Liebe so auszuführen, daß man dabei auch innere Befriedigung habe. Nachdem der

Dämonen -er Zett.

Vornan von Arthur Brausewetter.

37 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

3n langem, peinigendem Schweigen sahen sie sich gegenüber.

Ihrer war ich so ganz sicher. Ach, es war so unbeschreiblich schön, dies Gefühl völliger Ge­borgenheit ... nun ist das alles vorbei."

Vorbei? Weshalb vorbei, Fräulein Lotte?"

Weil ich weih, daß ich nun nie mehr mit Ihnen allein sein darf."

Weil Cie das Vertrauen zu mir verloren haben?"

Weil warum fragen Sie mich und wollen das Letzte aus mir Arauspressen, das unser kameradschaftliches Verhältnis für immer ver­nichten muh? Weil ich weiß, dah ich, wenn ich mich in diesem Augenblicke Ihnen geben würde mit Leib und Seele, ich in Ihrem Leben auch mir eine Episode sein würde, wie die vielen anderen, und weil ich mir dazu zu schade bin. Hochaufgerichtet stand sie ihm gegenüber. Ein flammender Stolz war in ihrem Antlitz, ihren Worten. Alnb in ihren Augen glühte etwas auf, er wußte nicht, war es Scham oder Zorn.

Er war betroffen. Niemals war ihm eine Frau so entgegengetreten, hatte so zu ihm ge­sprochen. Das war das Kind nicht mehr, das er einmal in ihr gesehen, das sich seinem Schutze anvertraut hatte. Das war das zum Bewußtsein seiner Liebe und seines Wertes erwachte Weib.

Er suhlte, daß er etwas sagen muhte... er suchte nach dem rechten Worte... er fand es nicht...

Da drang von unten her zuerst ein Gemurmel und Gesumme, dann ein laut anschwellendes Ge­töse, ein Rufen und Grüßen empor, in das sich die dumpf hallenden Schläge einer Alhr und fern verschwimmendes Glockengeläute mischten. Die erste Stunde des neuen Jahres war angebrochen, und nun brandeten auch in die vornehme Stille des Tiergartenviertels die Wogen der gedanken­los lärmenden Lustigkeit hinüber, mit dec man aus einem ernsten Jahre in ein vielleicht ern­steres hinüberging.

Klaus hatte die Kelche gefüllt. Sie stießen an, sie wünschten sich ein gutes neues Jahr. Sie tranken und reichten sich die Hand darauf. Aber das Fremde, das sich mit dem heutigen Abend wie eine trennende Mauer zwischen ihnen ge­türmt hatte, war nur stärker geworden, und die Worte, die sie wechselten, klangen von weit weither.--

Von diesem Abend an erwachte der alte Dämon wieder in Klaus. Der urewige Wandertrieb, der dem Menschen angeboren ist, ihn aber in un­widerstehlicher Weise beseelte, ließ ihm nirgends Ruhe, rief zu neuen Alfern, neuen Tagen.

Was hielt ihn noch in Berlin?

Don Lotte hörte er nichts mehr.

Er nahm sich fest vor, seinerseits keine Schritte zu einem Wiedersehen zu tun. Er fühlte, daß nach jener Aussprache am Silvesterabend etwas iln» überbrückbares zwischen ihnen lag, er wollte ihr die Trennung, vielleicht die Loslösung von ihm, nicht noch schwerer machen.

Schließlich aber warf die Sehnsucht, ein letztes Mal mit ihr zu reden, seine Vorsätze über den Haufen. Er schrieb ihr einige kurze Cffioit?, in denen er sie zu einer klassischen Aufführung im Deutschen Theater einlud, die sie besonders liebte.

Sie dankte ihm, bat ihn aber, ihr Fernbleiben zu entschuldigen, da sie ganz und gar von ihren Examensarbeiten in Anspruch genommen wäre und sich nicht ablenken dürfe.

Da wußte er, daß sie die Stärkere war.

Niemals wieder machte er einen Versuch, sich ihr zu nähern.

Aber feine Gedanken beschäftigten sich mit ihr, wie sie sich noch nie mit einer Abwesenden be­schäftigt hatten.

Liebte er sie?

Er hatte sich so oft in seinen Empfindungen getäuscht, hatte so manches als echte und dauernde Zuneigung hingenommen, was sich später nur als vorüberrauschendes Spiel der Sinne erwiesen, dah er sich darüber keine Rechenschaft zu geben ver­mochte.

War es auch hier der rastlose Wandertrieb, der nie schlummernde Dämon feiner inneren Ruhelosigkeit, die ihn in stetem Alnbefriebigtfein von einer Erscheinung zur anderen trieb?

Er wollte den Gedanken gebieten, wollte auch sie aus seinem Leben streichen, wie er so viele mühelos gestrichen hatte es war vergeblich.

Er fragte sich, was ihn an diesem Mädchen so aiuog, so widerstandslos an sie fesselte.

Aino er fand die Antwort: das Natürliche war es, das trotz allen Studiums, aller Aleberfultur der Großstädte in ihr nie ertötete Erdhafte, das im Lande und feiner Kraft Wurzelnde, das chm innerlich so tief verwandt war. Die gesunde Sinnlichkeit ihres Blutes und zugleich der Stolz des erwachten Weibes, sich mit Leib und Seele niemals einem Manne zu geben, der ihrer Hin­gabe nicht wert war.

Weil ich weiß, daß ich in Ihrem Leben auch nur eine Episode sein würde wie die vielen anderen.. . und weil ich mir dazu zu schade bin."

Hatte sie vielleicht nicht unrecht?

Auch darüber vermochte er sich eine Rechen­schaft nicht zu geben.

Aber der flammende Stolz, mit dem sie es ihm entgegengeworfen, hatte einen Eindruck in ihm hervorgerufen, von dem er sich nicht mehr frei machen konnte, fo sehr er sich auch darum bemühte.

Es mußte eine große Festigkeit in diesem jungen Weibe sein, daß es ihn so beharrlich mied. Denn dah er ihr einmal viel gewesen, das wuhte er. Jetzt vielleicht mehr als je.

Immer mehr tarn er zur Erkenntnis, daß sie vielleicht richtig handelte, daß er sich allen Ernstes erst prüfen muhte, bevor er einen neuen Versuch unternahm, sich ihr zu nähern.

Alnb mochten Zeiten darüber vergehen...

Redner den Iungmeistern auch noch seine persön­lichen Glückwünsche ausgesprochen hatte, schloß er mit dem Wunsche, daß dieser Feiertag zur an­teiligen Zufriedenheit verlausen möge.

Stadtratsmitglied Kreiling <Gießen) beglück­wünschte die Iungmeistcr und -Meisterinnen im Namen der Stadt Gießen und betonte weiter, daß in Gießen die öffentlichen Arbeiten der Stadt nicht nach dem Grundsatz der Auftrags­erteilung an den Billigsten, sondern nach dem Gesichtspunkt des angemessenen Preises vergeben würden. Dadurch bemühe sich die Stadt Gießen, das Handwerk hochzubringen. Die Anwendung dieses Verfahrens fei auch in allen andern Orten zu empfehlen. Alm dahin zu kommen, empfehle auch er den jungen Meistern den Anschluß an die Organisationen des Handwerks, die Mitarbeit in diesen und das Aufbauen auf den Erfahrungen der alten Handwerksmeister. Dann werde das Handwerk auch die jetzigen schweren Zeiten über­stehen.

Schlvssermeister Heß (Friedberg) brachte die Glückwünsche der Handwerkskammernebenstelle Friedberg zum Ausdruck und wünschte, daß die Iungmeister tüchtige Handwerksmeister und tüch­tige Männer in ihren Gemeinden werden möch­ten zum Segen der Menschheit und des Hand­werks. Die alten Meister würden ihren jungen Kollegen gerne nach jeder Richtung hin mit ihren Erfahrungen zur Seite stehen. Die Iungmeister sollten stets eingedenk sein des Zweckes und Zieles des Handwerks und nicht zuletzt der Ver­pflichtungen des Meistertitels.

Syndikus Dr. Reif (Friedberg) von derHand- werkskammernebenstelle, ermahnte nach seinen Glückwünschen die jungen Meister, ihrem Meister­titel auch einen bestimmten Inhalt zu geben. Das Handwerk könne seine Aufgabe in der deutschen Wirtschaft nur dann erfüllen, wenn es seine Pflicht in rechter Weise tue. Der alte gute Handwerkergeist, der Geist der Werkstatt und Selbstvertrauen müsse bei der Arbeit herrschen, ferner müsse der Handwerksmeister auch ein­gedenk sein seiner hohen Staatsbürgerpflichten. Es gelte mitzuarbeiten für die große Gemeinschaft im Sinne der Geschichte des deutschen 5>anb- Werks.

Regierungsrat Dr. Braun (Gießen) über­mittelte die Glückwünsche der Provinzialdirektion an die jungen Meister und betonte dann, mit der Erlangung des Meistertitels sei nun der Werdegang der jungen Meister nicht beendet, sondern es müsse eifrig weitergearbeitet werden, das Handwerk müsse sich der neuen Zeit an­passen und überholte Arbeitsmethoden beiseite lassen. Wenn es diesen Weg gehe, werde es auch in Zukunft noch gedeihen, wie in früheren Jahren, denn es bleibe neben den modernen Großbetrieben ein bedeutungsvoller Produktions- saktor. Durch handwerkliche Tüchtigkeit und Streb­samkeit seien schon aus vielen Kleinbetrieben Großbetriebe entstanden. Dieses Zielstreben möge auch die jetzige Iungmeisterschaft allezeit be­sitzen.

Hierauf brachte Redakteur B l u m s ch e i n von der Redaktion des Gießener Anzeigers den Iungmeistern und Iungmeisterinnen herz­liche Glückwünsche zu ihrem Ehrentage zum Aus­druck. Er wies sodann auf die mannigfachen handwerkerfeindlichen Bestrebungen in der Politik und Gesetzgebung hin, erinnerte an den stark aus­gebauten Zusammenschluß der großen Konzerne und Syndikate, deren Ausdehnungsdrang und I wirtschaftliches Machtstreben vielfach das Hand­

werk bedrohe, und forderte die Handwerker auf mit ihren Forderungen an das Volksganze, an die Gesetzgebung in einer geschlossenen Front aufzutreten. Dazu sei es, wie Direktor Schütt­ler schon mit Recht betont habe, eine Notwendig­keit für die Handwerksmeister, die handwerklichen Organisationen durch Beitritt und Mitarbeit zu stärken: notwendig sei es für sie aber auch, sich der Bedeutung der auch dem Handwerk freund­lich gesinnten Tagespresse bewußt zu werden, wie Dr. B ü n n i n g s zutreffend hervorgehoben habe. DerGießener Anzeiger" werde dem Hand­werk bei der Vertretung seiner berechtigten For­derungen stets gerne als Kampfgenosse zur Seite stehen, um mitzuhelsen an der Schaffung einer neuen wirtschaftlichen Blüte des deutschen und des hessischen Handwerks.

Buchdruckereibesiher Klein empfahl nach feinen Glückwunschworten den Iungmeistern eben­falls den Anschluß an die Organisation und die Inanspruchnahme der Einrichtungen des Hand­werks und forderte dann zum eifrigen Lesen des von ihm verlegten Kammerblattes auf.

Der Vorsitzende des Gießener Ortsgewerbe- vereins, Schveinermeister H a u b a ch (Gießen), beglückwünschte die jungen Meisterkollegen im Namen des Vereins und hob hervor, daß die Meisterstücke über alles Erwarten gut seien. Der Meistertitel müsse immer in Ehren gehalten wer­den. denn er sei ein Ehrentitel. Die jungen Meister sollten sich immer den alten Handwerkerspruch vor Augen halten:Wer soll Meister sein? Der was erfann. Wer soll Geselle sein? Der was kann. Wer soll Lehrling fein? Jedermann "

Iungmeister Faber (Gießen) dankte sodann im Namen der jungen Meister und Meisterin­nen den Ehrengästen für die beherzigenswerten Worte und Glückwünsche, der Meisterprüfungs- kvmmission und den Meistern für ihre Mühe­waltung und schloß mit einem Hoch auf die Ehrengäste, die Meisterprüfungskommifsion und die Meister.

Oer weitere Festverlauf.

Die Kapelle Weller und das Doppelquar- tett des Bauerschen Gesangvereins er­freuten dann mit instrumentalen bzw. gesang­lichen Darbietungen. Hierauf folgte das gemein­same CQattageffen, das der Küche des Gastwirts Rahnefeld volle Ehre machte. 3m Verlaufe der Tafel hielt Oberreallehrer i. R. H a g g e m ü l l e r (Gießen) eine Ansprache, in der er auf dir schwere wirtschaftliche Lage unseres Vaterlandes unter dem Drucke der Reparationslast fjintoieC. dann die nunmehr festgelegte baldige Räumung des besetzten Gebiets als einen Freudenstrahl in der großen deutschen Not bezeichnete, und wünschte, daß wir bald wieder in weitestem Aus­maß ein Volk der Arbeit werden möchten. Die jungen Meister seien mit dazu berufen, durch eifrige und gute Arbeit mitzuchelfen an dem Wiederaufstieg und der Genesung unseres deut­schen Vaterlandes. Der Redner schloß seine An­sprache mit einem begeistert auf genommenen Hoch auf das deutsche und hessische Handwerk. Das Doppelquartett der Bauern, sowie der Opernsänger Kurt Richter bereicherten die Feststunden noch wiederholt mit prächtigen Ge­sängen, wobei Kurt Richter Lieder des Gieße­ner Komponisten Paul Duchwald zu Gehör brachte. Die Sänger sanden stets verdienter­maßen lebhaften Beifall als Lcchn für ihre her­vorragenden Leistungen, die Schreinermeister Hau dach als Mitglied der Meisterprüfungs­

Vielleicht brachten sie ihm Heilung. Vielleicht gab es eine so tiefe innere Gemeinschaft, wie er sie trotz aller seiner Alnruhe und Alnstetigkeit im letzten Grunde doch voller Sehnsucht erstrebte, zwischen Menschen überhaupt nicht.

Alnb doch litt er unter seiner Einsamkeit--

Durch einen eiskalten Januar und einen schnee- und regennassen Februar war Berlin zu einem Weichen, linden Vorfrühling erwacht.

Alnb als bic siegreich üorbringenbe Sonne sich selbst in bas eherne Häusermeer Berlins einen Eingang erzwang unb in bem Tiergartenviertel manchmal eine bereits fast sommerliche Wärme ausstrahlte ba war es um Klaus geschehen. Die große Staot begann ihn zu erbrücfen.

Alnb nun kam mit einem Male auch Licht in feine Seele unb machte es klar unb hell in ihm. Nun wußte er, was mit fo unbestimmtem Suchen in ihm gärte unb trieb: die alte Liebe zum Lande war es, die mit der Sonne erwachte Sehn­sucht nach Luft unb Freiheit, die ihn mit solcher Gewalt packte, baß sie seinen letzten Wiberstanb zerbrach.

Co schrieb er eines Tages an Herrn Feucht- toanger, der sich immer noch auf Reisen befanb, unb teilte ihm seinen Entschluß mit, sich nach irgenbeiner Tätigkeit in Gottes freier Natur umzusehen, ohne die er nicht gedeihen könnte. Nie wäre ihm das so^zum Bewußtsein gekommen, als während seines langen Aufenthaltes in Berlin.

Schneller, als er erwartet, hatte er dessen Ant­wort in Händen:

Mein lieber Herr Körber!

Ihr Pries, den ich heute morgen erhielt, hat mich in keiner Weise überrascht. Als ich Ihnen damals die Stellung in meinem Hause bot, wußte ich, daß sie Ihnen nur auf eine gewisse Zeit Befriedigung gewähren würde. Ich habe inzwischen vorgebaut unb bin heute in ber glücklichen Lage, Ihnen eine neue Aufgabe schaffen zu können, bie bem Wunsche, bem Sie in Ihrem Schreiben so beredten Ausdruck geben, sicher entsprechen dürfte.

Es handelt sich um einen größeren Landbesitz in der Nähe von Alelzen, mit Namen Dergrode, von dem ich Ihnen wohl bereits erzählte.

Alrsprünglich nur ein Geflügelhof, ist er im Laufe der Zeit durch allerlei Ankäufe und Doben- erteerb bedeutend vergrößert, bann aber im Kriege unb in ber barauf folgenden Zeit durch mangelhafte Bewirtschaftung leider stark ent­wertet worden.

Ich habe jetzt den ganzen Besitz an mich ge­bracht. Es fehlt nun aber an der ordnenden und neuschaffenden Kraft für ihn.

Sie wären der Mann, den ich brauchte. Eine große, mühereiche Tätigkeit wartet Ihrer. Das darf ich Ihnen nicht verhehlen. Aber zugleich eine lohnende. Die Pacht, die Sie mir zahlen, ist Ihre Arbeit. Alnb wenn es biefer gelungen fein sollte, das verwahrloste Land zu neuer Kultur unb Blüte zu führen, bann wäre es mir Freube, es ganz in Ihre Hänbe legen unb bamit einen kleinen Teil ber großen Dankesschulb ab­

ft otten zu können, in der ich mich Ihnen gegen* über fühle.

Sind Sie bereit, dann melden Sie mir draht­lich Ihre Ankunft.

Dis dahin seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem Martin Feuchtwanger."

Sowie Klaus diesen Brief gelesen, war sein Entschluß gefaßt.

Zugleich war es ihm klar, daß er Lotte Bern­hard noch einmal sehen muhte, bevor er, viel­leicht für immer, von ihr ging.

Er schickte durch einen Boten einige Zeilen an sie: daß er bereits am nächsten Tage Berlin zu verlassen gedächte, und bat sie um ein letztes Zusammensein, damit er ihr das Nähere Mitteilen könne. Als Antwort erhielt er einen Brief von Lotte Bernhard, in bem sie ihm mitteUte, bah sie krank zu Bett läge, seiner Einlabung für ben Abenb also nicht folgen könne.

Ihr Pfarrdorf Altfelde wäre jedoch, wenn die Verbindung auch etwas umständlich wäre, nicht fo weit von Alelzen entfernt, daß sie nicht auf ein Wiedersehen hoffen könnte.

Inmitten aller Arbeit, die ihm die Ordnung seiner Angelegenheit auferlegte, wollte ihm dieser Dries nicht aus dem Sinne.

Sie lag krank zu Dett. Was mochte ihr fehlen?

War ihr Definben der Grund, daß der mit unsicherer Hand geschriebene Dries einen so frem­den Eindruck machte?

Oder war sie vielleicht gar nicht krank?

War auch dies vielleicht nur eine Ausflucht, ein letztes Zusammensein mit ihm zu vermeiden?

Aber es war nicht Zeit zum Fragen und Grübeln, denn morgen in der ersten Frühe schon ging der Hamburger v-Zug, der Üjn nach Alelzen bringen sollte...zu neuen Alfern, neuen Tagen, die das Vergangene vergangen sein liehen, ihm in frischer Arbeit frische Kraft, und, wenn es sein muhte, Vergessen bringen sollten.

*

Herr Feuchtwanger war selbst auf dem Bahnhof.

Es war ein unfreundlicher Dorfrühlingssonn- tag, an bem sie im offenen Iagbwagen bie lange gerabe Straße hinab unb bann, an manchem hochgiebligen altertümlichen Hause vorbei, burch die trotz ber vorgeschrittenen Stunde noch im Sonntagsschlummer ruhende Stadt fuhren.

Als sie auf die Lanbstraße gelangten, hatte bie Alnbill bes Wetters zugenommen. Der vom Sturm gepeitschte Regen trieb ganze Ströme von Wasser unb Kälte in ben schlecht geschützten Wagen, so daß sie völlig durchnäßt unb erfroren enblich in Dergrobe anlangten.

Dafür empfing sie in bem kleinen, nach Schwei­zer Art gebauten Hause ein um so größeres Be­hagen : ein mit alten Möbeln traulich einge­richtetes, von einem dunkelbraunen Kachelofen wohlig durchwärmtes Zimmer unb ein tunber Disch, auf bem alles stand, was zu einem guten ländlichen Mahl gehört, unb banach ein Kaffee, wie ihn nur Fräulein Kardinal, die zweiund- fiebzigjährige, langerprobte Haushälterin, bera­ten konnte.

(Schluß folgt.)