Rr. |97 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Freitag, 23. August (929
Hintergründe desmandschunschenkonflikts
Ostsibirien im Kampf der Mächte. - Das erstarkte Nationalbewußtsein in China. Japans Angst vor dem Bolschewismus. - Beginnende Emanzipation der Sibirier. Von Axel Schmidt.
Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es sich bei dem Streit um die Ostchinefische Dahn um einen Konflikt zwifchen Sowjetruftland und China zu handeln. Schaut man näher hm, fo sieht man deutlich, sich den Schatten Japans darüber ausbreiten.
Solange China schwach war, schob sich im vorigen Jahrhundert Rußland langsam dem offenen Meere zu. 1850 hatte Rußland den Stillen Ozean im Borden bei Bikolajewst erreicht. Richt riel später wurde das Küstengebiet beseht und Wladiwostok gegründet, Unb am Ende des Jahrhunderts war Rußland in Asien auf der Höhe seiner Macht angelangt. Es baute die Sibirische Bahn, die 1500 Kilometer durch mandschurisches Gebiet (zu China gehörig) lief, pachtete von China die Häfen Port Arthur .und 5)a Int) und zwang China, ihm den Dan einer Bahn zu diesen beiden Häfen mitten durch die Südmandschurei zu gestatten. Bald darauf begann der Umschwung. Aber nicht China setzte zum Gegenstoft an, sondern Japan. Aach der russischen Aiederlage 1905 behielt es nicht nur die Halbinsel Liautang mit Port Arthur und Dalny, sondern auch Korea und übernahm zudem noch die Südmandschurische Bahn. Aur die nordmandschurische Linie bis Wladiwostok blieb in russischem Besitz.
Als die bolschewistische Revolution ausbrach, schien Japan am Ziel seiner Wünsche angelangt. Cs besetzte nicht nur Wladiwostok und das Küstengebiet, sondern stieft auch bis zum Baikalsee vor. Mit dem Erstarken der Sowjetrepublik zog sich Japan langsam aus diesen Gebieten zurück. 1920 gab es das Transbaikal- und 1921 das Küstengebiet auf. Zu diesem Rückzug trug nicht wenig die Tatsache bei, daft dem Japaner die Lebensverhältnisse in der Rord- mandschurei, von Sibirien gar nicht zu reden, nicht zusagen. Aach wenigen Jahren des Aufenthalts in Sibirien, aber auch in der Aordman- dfckurei, kehren die Japaner meistenteils mit der Anlage zur Schwindsucht in die Heimat zurück. Dazu kommt, daft der japanische Bauer nicht dorthin auswandern will. Er ist zu sehr an den Reisanbau gewöhnt. Davon ist in diesen nördlichen Gebieten nicht die Rede. Diese wirtschaftlichen Erwägungen trugen den Sieg über die Annektionslust der nationalen Stürmer in Japan davon, die Sibirien bis zum Baikal, auch auf die Gefahr eines Krieges mit Sowjetruftland, behalten wollten. Roch ein weiterer Grund ver- anlahte die japanischen Staatsmänner, die Truppen aus Sibirien zurückzuziehrn. Eine Erschlie- ftiing dieses Gebietes aus seine Aaturschähe hin, ist nur mit groften Kapitalien möglich. Weder Amerika noch England waren bereit, Japan die Mittel zu einer solchen wirtschaftlichen Expansion zu bieten. Beide hatten kein Interesse daran, Japans Bormachtstcllung in Ostafien noch weiter zu verstärken.
Anstelle der Japaner schieben sich jetzt Jahr für Jahr die Chinesen in die Mandschurei und in das Küstengebiet vor. In wenigen Jahrzehnten wird nicht nur die ganze Mandschurei, sondern auch das sibirische Küstengebiet mit Chi- nesen besiedelt fein. Bei einer solchen Konstellation mußte der Tag kommen, an dem ein national erstarites China den Versuch unternehmen würde, sich wieder in den Besitz seiner ihm entrissenen Territorien zu sehen. Chinas Gegenstoft richtete sich auf seinen schwächsten Gegner: Sowjet- ruft land, indem es Moskau aus der gemeinsamen Verwaltung der Ostchinesischen Bahn hin- ausdrängte. Dieses Erstarken Chinas in der Aordmandschurei ist weder Sowjetruftland noch Japan angenehm. Trotzdem ist es nicht wahrscheinlich. daft sich zwischen den beiden Staaten eine Verständigung gegen China anspinnen wird. Dazu befürchtet die japanische Regierung zu sehr eine Beeinflussung seines Proletariats durch
kommunistische Agitation. Japan glaubt augenscheinlich noch auf längere Zeit hinaus, es machtpolitisch allein mit China aufnehmen zu können. 51m so mehr ist daher Japan daran interessiert, daft Rußland nicht wieder in Sibirien erstarke. Aus diesem Grunde unterstützt Japan die Selbständigkeitsbestrebungen in Sibirien. In Europa hörte man bisher wenig von dieser Bewegung. Es läßt sich jedoch nicht leugnen, daft eine solche schon in den letzten Jahrzehnten des Zarismus bestand. Zwar stammen die Bewohner Sibiriens — die eingeborenen Völkerschaften stehen auf dem Aussterbeetat — von rufsischen Einwanderern ab. Die Entwicklung aber unter den anders gearteten Verhält- niffen Sibiriens, wo es vor allem keinen Groh- grundbefih und keine Leibeigenschaft gegeben hat, lieft einen kräftigeren, felbstbewuhteren Men- schenthpus entstehen. Schon vor dem Kriege nann-
Mit dem Ehrenbrief der Deutschen Sportbehörde für Athletik wurden ausgezeichnet: für langjährige Vereinsarbeit der Abteilungsleiter der Gieftener Spielvereinigung von 1900, Oberkasseninspektor Karl Müller, Gieften, für erfolgreiche Verbandsarbeit der Bankbeamte Alois Hofmann vom VfB. Gieften und Kaufmann Willy Schmidt von der Spielvereinigung 1900.
Leichtathletik der Gp.-Dg. 1900.
ö. Der nächste Sonntag bringt die erste und einzige amtliche Iugendveranstaltung des Jahres, nämlich die Gaujugendwettkämpfe. Sie finden in Weilburg statt und wird aller Voraussicht nach eine sehr gute Beschickung seitens aller leichtathletiktreibenden Gauvereine erfahren. Die Spieloereingung 1900, die mit etwa dreißig Leuten die Wettkämpfe zu bestreiten beabsichtigt, wird daher in allen vier Altersklassen auf starke Konkurrenz, insbesondere aus den Vereinen V.f.L. Wetzlar, Weilburger Fußballverein und V.f.B Gießen, stoßen.
Von den Aktiven wird sich Sonntag wahrscheinlich nur Hopfenmüller wettkämpferisch betätigen. Er startet bei den vom Kasseler Rasensportverband erst vor kurzem angesetzten bezirksoffenen Wettkämpfen. Da der 1900er zuletzt gute Trainings- und Wettkampfleistungen gezeigt hat, darf man annehmen, daß er sich in den ihm belegten Lauf-, Sprung- und Wurskonkurrenzen der Klassen zwei und drei durchsetzt.
V.f.B. Leichtathletik.
Die Leichtathletikabteilung des V. f. B. entsendet zu den am nächsten Sonntag in Weilburg stattfindenden Gaujugendwettkämpfen fünfundzwanzig Jugendliche und Schüler. In der /.-Klasse haben R o t h e r m e l im Kugelstoßen, Gruber im Speerwerfen, Geller und von R o t e n h a n im Hochsprung einige Chancen. In der 6-Klasse sind es Kirchheimer, Steuerwald, Stroh, Hellmeyer und L u h , die sich Hoffnung aus einen Sieg oder wenigstens auf einen Platz machen können. Mattern, Hopp, Simon, Harbauer und E r h a r d t vertreten den V.f.B. in der O-Klasse. Die besten Aussichten haben die Kleinsten (W e y l, '.Küpper, Steuerwald II., Heinz Fischer und Härder).
Faustballspiele desT. D. v.l 846 Gießen
Zum 6. Male führt die Spielabteilung des Tv. 1 8 4 6 die früher Pokalspiele genannten F a u st -
ten sich die Bewohner Sibiriens nicht Russen, sondern Sibirier. Es hat dort eine ähnliche Entwicklung begonnen, wie sie in Amerika abgeschlossen vorliegt. Auch dort hat sich auf kolonialem Boden der Engländer zum Amerikaner gewandelt, bis er sich die Freiheit von seinem Stammlande eroberte. Roch ist es in Sibirien lange nicht s o weit. Aber die Entwicklung tendiert ohne Zweifel dahin. Japan sieht diese Entwicklung nicht ungern und ist bereit, diese Bewegung nach Möglichkeit zu unterstützen.
Was die Außenpolitik kostet.
Eine bemerkenswerte Aufstellung über die Kosten der Auswärtigen Aemter und deren Organisation hat soeben die amerikanische Akademie für Politik und Sozialwifsenschaft herausgegeben. Dieses Institut kommt zu dem bemerkenswerten Schluß, daft Deutschland die größten Aufwendungen für sein Auswärtiges Amt zu machen hat und dabei die geringsten Gebühren bezieht, während Amerika beinahe die gesamten Auslagen für fein Staatsdepartement aus den eingehenden Gebühren unterhalten kann. Im einzelnen beträgt die Gesamtsumme des auswärtigen Etats in Deutschland 16 126975. Die Gebührenanfälle
Tv. 1846 Gieften bestritten. Leider ist der ehemalige deutsche Meister Lichtluftbad-Frankfurt zur Zeit durch die Berbandspiele in Anspruch genommen. Dagegen nimmt seine Turnerinnen- Mannschaft teil, die mit den Turnerinnen des Mtv. Gießen und von 1860 Frankfurt um den ersten Platz spielen wird. Die Turner-/.-Klasse weist auch fünf Bewerber um die ausgeschriebene Radierung auf. Griesheim-Elektron, 1860 Marburg, Lützellinden, Oberndorf und 1846 Gießen sind alle ziemlich gleichstarke Kämpen, die sich gegenseitig den Sieg nicht leicht machen werden. Spärlich ist dagegen die Beteiligung der Jugend, da nur Mtv. Gieften und Tv. 1846 gemeldet haben. Es ist Wohl anzunehmen, daft die Frankfurter Vereine, die ständig an dem deutschen Meister ihre Spielstärte erproben, in erster Linie für den Sieger in Betracht kommen. Aber auch die Mannschaften des Gaues Hessen stehen heute auf einer beachtlichen spielerischen Höhe, und es ist nicht aussichtslos, daß eine von ihnen Sieger wird.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Nach längerer Pause beginnt die 1. Mannschaft wieder ihre'Spieltätigkeit. Zum Gegner ist die als sehr spielstark bekannte Elf des Tv. Wetzlar verpflichtet worden. Das Spiel ist gewissermaßen der Auftakt für die am 8. September beginnende Verbandsrunde. Man wird also am Sonntag schon gewisse Voraussagen über die Aussichten der beiden Mannschaften in den Punktspielen machen können.
Handball Tv. 1899 Großen-Buseck.
Zum ersten Male seit Mitte Mai treten die aktiven Handballer wieder in Aktion. Die Mannschaft der 1. Kompagnie Inf.-Reg. 15 Gießen fährt zum Freundschaftsspiele nach Gr.-Buseck. Die Reichswehrmannschaft ist bekannt durch ihren schnellen und vor allem fairen Handball. Erst letzten Sonntag konnte sie durch ihren Sieg über bie der Mainliga der Sportler angehörigen Tutzbacher Polizisten ihre Stärke beweisen. Ob es bei dem Turnermeister nach der langen Pause gleich klappen wird, ist fraglich, zumal einige Spieler ersetzt werden müssen. Eine Riederlage gegen die zu den sührenden Mannschaften unserer Gegend zählenden Gäste ist also unter diesen Umständen wahrscheinlich.
sind mit f 5 225 angeseht. so daß sich die reinen Kosten aus 15 190 050 stellen. An zweiter Stelle steht England mit einer Gesamtsumme von 10 607 730, wovon 3 536070 auf Gebühren entfallen, so daß die reinen Kosten 7 071 660 betragen. Für Frank rei ch ist die Gesamtsumme mit 9 335190, die Gebührcnansälle mit 5 576 196 und die reinen Kosten mit 3 578 995 angegeben, während Italien die Gesamtsumme von ^879 605 aufweist und die Gebühren 3 200 000 ausmachen, so daß sich die reinen Kosten aus 3 679 605 stellen. Die Kosten des amerikanischen Staatsdepartements sind im Vergleich zu den angeführten Staaten am geringsten. Sie betragen nur 2 243 565, während die Gesamtsumme 11 002 048 beträgt, woraus hervorgeht, daß an Gebühren • nicht weniger als 8 758 483 eingenommen werden. In Amerika geben diese Zahlen Anlaß zu einer scharfen Kritik der Gehaltspolitik, da man aus ihnen zu erkennen glaubt, daß durch die Gehaltspolitik der auswärtige Dienst und vor allem die diplomatische Vertretung im Ausland lediglich den Söhnen reicher Väter Vorbehalten bleiben muß, während es der unverhältnismäßig höhere Aufwand Deutschlands auch den Unbemittelten möglich macht, sich seinem Land im diplomatischen Dienst zu widmen.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
ö. Liga und Ligareserve sind am kommenden Sonntag spielfrei.
Die 3. Mannschaft hat die gleiche Elf vom 23. f. B. Kurhessen Marburg verpflichtet. Die Bc- aegnung dürfte recht spannend werden, da beide Mannschaften aus jungen Spielern bestehend, über recht gutes Können verfügen. Der Ausgang ist vollkommen offen.
1900s 4. Elf wird ihr erstes Spiel absolvieren. Sie hat sich aber sicher etwas zuviel gugemutet, wenn sie sich die 1. Mannschaft vom Sportverein Steinbach nach hier verpflichtete. Die Blauweißen werden wohl um eine Niederlage nicht herumkorn- men, wenn sie auch technisch gar nicht allzu viel unterlegen sein sollten.
Die i. Jugend empfängt die 1. Jugend Gladenbachs im Ruckspiel und dürfte, zumal auf eigenem Platz spielend, sicherer Sieger werden. Schon im Vorspiel in Gladenbach, beim dortigen 15. Stiftungsfest, siegten die 1900er nach schönem Spiel 4:1; seitdem dürfte sich die Spielstärke der Gießenev. eher noch gehoben haben.
Die 1. Schülerelf wird ihr erstes diesjähriges Gesellschaftsspiel wahrscheinlich gegen die Schüler des Wetzlarer Sportvereins in Gießen absolvieren. Die Aussichten sind hierbei im voraus nicht abzu- roägen, da die Mannschaften, nach dem Ausscheiden des älteren Jahrganges, noch nicht tätig waren.
V. f. B.
Am kommenden Sonntag findet auf dem Wald- fportplatz das Rückspiel der Ligamannschaft gegen die Liga der Vereinigten 23. f. B. Kurhessen Marburg statt. Das am vergangenen Sonntag in Marburg ausgetragene Vorspiel endete, wie noch bekannt, mit einer knappen 2:3-Niederlage Gießens. Die geringe Tordifferenz dieses Treffens und dec Umstand, daß V.f.B. stark ersatzgeschwächt war, lassen die Annahme eines besseren 'Abschneidens berechtigt erscheinen, um so mehr, als 23. s. B. diesmal auch noch den Vorteil des eigenen Platzes hat. In welcher Aufstellung die Mannschaft antreten wird, ist noch nicht bekannt. Jedenfalls werden die am letzten Sonntag Verhinderten wieder mit von der Partie fein. Die V. f. B.-Elf wird alles daransetzen, um durch einen Sieg die Niederlage wieder wettzumachen. Die zur Bezirksliga (Oberliga) gehörenden 23. f. 23. Kurhessen werden naturgemäß ebenfalls stark bemüht sein, den Vorsprung über den zweitklassigen Gegner zu wiederholen. 'Man darf auf den Verlauf und den Ausgang dieses Treffens, die bis zu einem gewissen Grade eine Voraussage für das Abschneiden der Platzmannschaft in den Punktkämpfen zulassen, gespannt sein.
Turnen, Sport und Spiel.
Shrenbnese der Deutschen Sportbehörde für Athletik.
ballspicle durch. Das gute Meldeergebnis — insgesamt 15 Mannschaften — zeigt, daß sich die Spiele heute über die Grenzen des Hessengaues hinaus großer Beliebtheit erfreuen. Die Meisterklasse wird von den Mannschaften der Faustballabteilung Griesheim-Elektron, Tv. 1860 Frankfurt, Tv. 1846 Herborn, Tv. Reukirchen und
Komödie um einen alten Hut.
Äon Walther Nisten.
Die Sache begann sehr harmlos, wie so viele Sachen, die später zu den wildesten Konsequenzen führen. Herr und Frau Bankier Greiff schritten nämlich den Kurfürstendamm herunter, als Frau Lily Plötzlich stehenblieb und sagte:
„■Sein Hut ist ein Scheidungsgrund, Fritz!" Betroffen nahm Fritz die Kopfbedeckung ab. Ein grünliches, verschossenes, formloses Ding. Ohne'sich das Geringste dabei zu denken, sagte er:
„Schäbig ist er wohl, aber ein alter Freund von mir ist er auch. Findest du es eigentlich nett, alte Freunde auszurangieren. wenn sie anfangen, schäbig auszuschen? Ich weift nicht.. .“
Frau Lily fragte ihn, ob er möglicherweise nicht ganz richtig im Kopfe sei.
Damit war das Schicksal des Hutes besiegelt.
Am nächsten Tage kaufte sich der Bankier einen neuen.
Die Verkäuferin faftte den alten mit zwei Fingern, ließ ihn in eine Papiertüte fallen und sagte: „So — nun sehen Sie doch aus wie ein Mensch!" Der Bankier zuckte die Achseln.
Dann aber, als er wieder in seinem Auto saß, schien es ihm, als habe das junge Mädchen ganz recht. Es war ja eigentlich kaum sehr anständig, wenn ein Gesicht oder ein Hut Erlebnis-Runen zur Schau trug. Leben war ja wohl doch die Fähigkeit, zu erneuern und zu ersehen, ohne die Spuren aller 51ntocttcr der Vergangenheit herumzuschleppen.
Ein plötzlicher Zorn gegen den alten Filz ergriff ihn, und da das Auto gerade jenseits der Halenseer Brücke durch die stilleren Grune- wald-Alleen fuhr, so warf er die Tüte mit dem lästig gewordenen Filz zum offenen Fenster hinaus. Erledigt.
Als aber der Wagen hielt, sprang em kleiner Junge mit dem Paket, das er aufgehoben hatte, hinten ab und übergab es freudestrahlend ...
Der Bankier fühlte, wie der Haß gegen den Hut in ihm hochstieg. Ein Haft, wie wir ihn auch gegen Menschen fühlen, denen gegenüber wir ein schlechtes Gewissen haben. Verstand denn dieser aufdringliche Hut nicht, daß man ihn los fein wollte?! Wie unsympathisch, sich
wieder an den alten Kleiderhaken zurückzu- i schleichen und auf die Herzmuskeln zu wirken!
Aber keine Sentimentalitäten! Alter Freund oder nicht — lästig ist lästig! Richt nachlassen. Brücke über den Landwehrkanal, stiller Rach- mittag und unbewachter Augenblick — und alles ist zu Ende!
Roch am gleichen Rachmittag geschah die Tat. Der alte Freund schwamm aus dem Wasser, sog sich voll, schien mit den Wellen zu kämpfen. Der Bankier wandte sich schnell ab und stürzte in seinen Klub, wo er mehr trank und länger spielte als sonst.
Inzwischen war der Hut jedoch nicht untergegangen, sondern an der nächsten Brücke von Passanten gesichtet und unter großem Andrang aufgefischt worden.
Selbstmord? Verbrechen? Die Polizei ging zielbewuftt vor, wandte sich an die Hutmacherfirma. und im Ru war. mit Hilfe der angebrachten Initialen, der Besitzer festgestellt.
Roch am späten Abend wurde die Witwe ver-- ständigt. die sich sowieso schon über das ungewöhnlich lange Ausbleiben ihres Mannes geängstigt hatte.
Mitten in der entsetzlichsten Aufregung erschien gegen Mitternacht Greiff, vergnügt und leicht angeduselt. Die leidenschaftlichen Gefuhlsaus- brüche seiner Familie ernüchterten ihn blitzschnell. Als anständiger Mensch machte er die Polizei sofort telephonisch daraus aufmerksam, daß man nicht länger mehr nach feiner Leiche zu suchen brauche. .
Am nächsten Morgen, kurz bevor er in sein Bureau ging, brachte ein Beamter den alten Hut zurück. Der Filz blickte ihn wortlos und mit jenem leisen Vorwurf an, den man in den Augen von Menschen lesen kann, an denen man einmal einen Mordversuch gemacht hat.
Run konnte nur noch raffinierteste List helfen.
Den Filz unterm Arm. stieg der Bankier in eine beliebige Elektrische und fuhr so lange, bis er in eine ihm völlig unbclanntc Gegend des Berliner Rordens kam. Dort betrat er irgendein beliebiges Miethaus, erstieg sämtliche Treppen und war> den Hut zum obersten Flur- fenstcr in den Hof hinaus. Er sah noch, wie der lebhafte Wind ihn erfaßte und nach dem Reben- | grundstück trug. Befriedigt verließ er das Haus,
begab sich in sein Bureau und hielt die Sache nun endlich für abgeschlossen.
Das zitternde Hausmädchen weckte ihn aus dem Rachmittagsschlaf. Ein Mann sei da, der sich nicht abweisen lasse. Er heiße Hornemann.
Hornemann machte keinen sehr beruhigenden Eindruck. Ein starker, totenblasser Mensch in schwarzem Bratenrock und offenbar in höchster Erregung. Er riß den unseligen Hut aus dem Zeitungspapier und fragte den Bankier, ob er das Ding als fein Eigentum anerkenne. Um gleich anzudeuten, daft diese Frage nur eine Formsache sei, zog er unter dem Schutzleder der Innenseite einen von der Polizei gestempelten Zettel hervor, auf dem Rame und Adresse des Besitzers, jedenfalls in der vorigen Rächt, amtlich festge- stellt waren.
Es erwies sich, daft Hornemann. als er mittags nach Hause kam, den Hut im Wohnzimmer, nahe am Fenster, auf dem Fußboden entdeckt hatte. Seine Frau leugne noch und behaupte albernerweise. er müsse zum Fenster hereingeflogen sein. Obwohl dies ja nun durchsichtiger Unsinn wäre, so verbiete ihm, Hornemann. doch seine Gewis- senhaftigkeit als Beamter, sich zu einer leidenschaftlichen Tat hinreihen zu lassen, bevor der Sachverhalt nicht klipp und klar erwiesen sei.
All dies trug Hornemann mit derartig erhobener Stimme vor. daß Frau Lily sich veranlaßt sah, das Zimmer zu betreten.
Da sie ihren Mann vollkommen vernichtet in seinem Klubsessel hängend fand, schien ihr seine Eheirrung so wenig zweifelhaft, daß sie einen Weinkrampf bekam.
Rur sehr langsam und mit großer Mühe konnte die Wahrheit durchdringen.
„Siehst du," sagte der Bankier nachher zu seiner Frau, ..was ich immer behaupte, untere alten Sachen sind keine „Sachen" mehr, sind Lebewesen, wenn auch bloß solche von unseren eigenen Gnaden, und man kann sich nicht wundern, daft sie Unfug anrichten, wenn man sich plötzlich von ihnen zurückzieht. Ratürlich kann man Menschen und Dinge nicht mehr so recht leiden, die, durch den ewigen Verkehr mit uns. uns allzu ähnlich geworden sind. Aber Verbrechen bleibt Verbrechen, und Lebendiges läftt sich eben ein für allemal nicht töten...
Von morgen ab trage ich wieder den alten Hut. Der neue kommt mir sowieso wis eine Maske
vor. die den Leuten eine Unberühmtheit vortäuschen soll, die ich nicht mehr besitze. Du schüttelst den Kopf ... ja. Frauen haben für so etwas weniger Verständnis. Wir Männer sind eben einfach tiefere Menschen."
Oie einfachste Mechode.
Ein amerikanischer Matrose, der in Cherbourg an Land ging, erinnerte sich daran, daß einer seiner früheren Kameraden in einem dortigen Krankenhaus liege, und beschloß, ihn aufzusuchen. Er fand auch das Haus, doch dort fiel ihm ein, daft ihm nichts einfiele, er sprach nämlich kein Wort Französisch. Leider verstand dort niemand amerikanisch, das vom englischen, besonders wenn es ein Matrose durch den Priem spricht, recht verschieden ist. Doch der Mat war nicht dumm und bediente sich der Zeichensprache. Er versuchte dem Oberarzt klarzumachen, daft drinnen einer feiner Freunde liege, der irgendwo im Bauch operiert worden sei.
„Ist gemacht," sagte der Oberarzt auf Französisch und nahm den Mann mit in den Operationssaal. Dort legte man ihn auf einen Tisch, und ehe er sich's versah, wachte er aus der Rarkose auf und war um einen Blinddarm ärmer. Wie man sieht, ist die Zeichensprache nicht immer das Richtige.
Hochschulnachrichten.
Der nichtbeamtete außerordentliche Pros. Dr. jur. Hans Gerber in Marburg hat einen Rus als ordentlicher Professor für öffentliches Rechi an die Universität R o st o ck erhalten. Gebürtig aus Altenburg. S.-A.. absolvierte Gerber seine juristischen Studien in Heidelberg. München, Berlin und Jena, erwarb in Jena den Doktorgrad. 1923 wurde Dr. Gerber mit der ®e» schästsleitung des Universitäts-Institutes für öffentliches und Arbeitsrecht in Marburg beauftragt und habilitierte sich in der dortigen Rechts- und Staatswifsenschaftlichen Fakultät für Staatsund Verwaltungsrecht. Rechtsphilosophie und Arbeitsrecht. Im Sommer 1927 erfolgte feine Ernennung zum nichtbeamteten a. o. Professor. Gerbers Sondergebiet ist Systematik des Rechts, । besonders des öffentlichen Rechts, ferner Min- | derheitenrecht.


