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23.7.1929
 
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Nr. 170 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (vberheffen)

Dienstag, 25. Zuli 1929

Dr. Oorpmüller.

Der Generaldirektor der Deutschen Deichs- bahngesellschaft, Dr.-Ing. e. h. Julius Dorp- müller, vollendet am 24. 3uli sein 6 0. 2 e * bensjahr. Aus dem Dienst der preußischen Staatsbahn hervorgegangen, darf er für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, als oberster Leiter der Reichsbahn den wesentlichsten Anteil an der Llrnstellung der Reichsbahn in ein Unter­nehmen rein kaufmännischer Ratur gehabt zu haben. Den Außenstehenden werden die Ver­dienste vielleicht nicht im einzelnen bekannt sein, es ist aber nicht zu viel gesagt, wenn man be­hauptet, daß Dr. Dorpmüller kraft seiner organi­satorischen und finanzpolitischen Fähigkeiten die Möglichkeiten geschaffen hat, die Reichsbahn den Derkehrsbedürsnissen der deutschen Wirtschaft in jeder Hinsicht anzupassen. Die Umstellung der Reichsbahn, die diese nach dem Dawesplan er­fahren mußte, bedeutete eine Aufgabe, die zu ihrer Lösung des größten Weitblickes bedurfte. Dr. Dorpmüller ist es aber gelungen, gerade in bezug auf die Finanzwirtschaft durch die Aushebung der kameralistischen Buchführung und deren Ersetzung durch die Methode der Rentabili­tätsberechnungen eine Basis zu schaffen, die eine gesunde Fortentwicklung der Reichsbahn ermög­lichte. Der Rahmen der Bewegungsfreiheit der Reichsbahn ist durch die Reparationsverpflich­tungen außerordentlich beengt, so daß es gewiß Schwierigkeiten macht, die Tarifbeschränkung den Wünschen der Wirtschaft entsprechend zu ge­stalten. Das Ansteigen des Güterverkehrs auf Grund von Ausnahmetarifen darf nach dieser Richtung hin als großer Erfolg gebucht werden. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Tarifpolitik der Reichsbahn in entscheidender Weise durch die Konkurrenz anderer Verkehrsmittel beeinsluht wird, für die durchaus günstigere Wettbewerbs­grundlagen bestehen, als für die durch die Re­parationen und die übernommenen Pensions­lasten vorbelastete Reichsbahn. Cs hat sich hier für die Reichsbahn ein Proolem ergeben, das in Anbetracht seiner Schwierigkeiten nur mit dem größten Interesse verfolgt werden kann.

Die Reichsbahn spielt aber auch als Auftrag­geber für die deutsche Wirtschaft eine große Rolle, belaufen sich doch die Aufträge an die Industrie im Iahre durchschnittlich auf weit über eine Milliarde Reichsmark, die bei zweck­mäßiger Verteilung ohne Frage konjunkturaus- glcichend wirken können und auch konjunkturaus­gleichend gewirkt haben. Cs galt aber, im Inter­esse des Reuaufbaues der Reichsbahngesellschaft, auch noch andere Reuordnungen vorzunehmen. Hierher gehört die Umänderung des gesamten Deschassungswesens, wobei die schon seit langem eingeleitete Umgestaltung des Reichsbahnzentral­amtes kurz vor dem Abschluß steht. Der Detriebs- ücherheit ist das Interesse des Generaldirektors in ganz besonderem Umfange gewidmet. Die zahl­reichen technischen Vorschläge, so die Verstärkung des Oberbaues, die Durchführung der Kunze- Knorr-Dremse, die Einführung neuer Puffer und Kuppelungen dürften dafür ein beredtes Beispiel geben. Rationalisierung des Betriebes ist der oberste Grundsatz Dr. Dorpmüllers, was vor ollem in Bälde auch zu einer Reueinteilung der Direktionsbezirke führen soll. Die Umänderung deS Reparationsplanes und die damit verbundene Befreiung der Reichsbahn von der fremden Kon­trolle werden ohne Frage diese Entwicklung er­leichtern.

1869 zu Clberfeld geboren, trat Iuli us Dorpmüller zunächst nach seinem Studium in den preußischen Staatsdienst, wurde 1907 zur Uebernahme der Stellung als Vorsteher des technischen Bureaus der Detriebsdirektion der Schantung-Eisenbahn beurlaubt, wo er, nach­dem er in den Dienst der Kaiserlich chinesischen Staatsbahn TientsinPukow übergetreten war, bis zum Weltkriege blieb, um dann der drohen­den Internierung sich durch die Flucht durch Sibirien zu entziehen. Rach dem Kriege trat er wiederum in die Reichsbahn ein, bis er im Iahre 1926 als "Nachfolger Oesers zum Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn gewählt wurde.

Das Thermometer.

Erzählung von A. K Kämpfer.

Es war im Sommer des Kriegsjahres 1918, in der flandrischen Ebene. Vorfeldkämpfe in reifen Kornfeldern, die wir bei dem Sturm auf Dors und Berg Kemmel dem Feinde entrissen hatten. Es gab Stunden am Tage, in denen ein ge­tarnter Schlachtenbummler nichts gesehen hätte als die im Winde sich wiegenden Aehren und grüne Wiesen unter sonnigem, wolkenlosem Him­mel. Kein Freund, kein Feind war sichtbar. Hur in dem dichten Buschwerk, in den für Flandern so typischen Wiesenhecken, lagen be­wegungslos graue Gestalten, denn die Ebene war weit und bei Freund und Feind wachten scharfe Augen, bereit, das sich zeigende Leben durch tod­bringende, eiserne Grüße jäh zu zerstören. Erst in den Rächten erwachte das Leben, begann der Tanz mit dem Tod. Dann war die Luft erfüllt von dem Heulen der Granaten und den hämmern­den Schlägen der Maschinengewehre. Melde­gänger eilten von Hecke zu Hecke, Essenholer gingen und kamen, brachten Proviant und die Post, Sanitäter trugen im Feuer der Granaten Tote und Verwundete zurück, und die wachsamen Posten erhellten das Vorfeld mit weitleuchten­den, schwebenden Kugeln.

In einer solchen Rächt besuchte mich Hansen in meinem Llnterstand, einem brüchigen Kellerloch eines zerschossenen Bauerngehöfts. Hansen war verstimmt und einsilbig, und erst als ihm der hochprozentige Fusel endlich die Zunge gelöst hatte, fragte er:Glauben Sie an Träume?"

Ich zuckte die Achseln.Je nachdem, schießen Sie los!

Wissen Sie," sagte er,es war eigentlich keine Handlung, nur ein Bild, ein traumhaft empfun­denes Bild. Ich sah ein Thermometer, ein ein­faches Thermometer, sah die Quecksilbersäule vom Nullpunkt langsam steigen bis auf 28. Da hielt lie und fiel sturzartig zurück auf Rull. ilnö vlötzlich sah ich neben der Zahl ein kleines Kreuz and dieses Kreuz wurde größer und größer, das Thermometer verschwand und das Kreuz blieb."

Ich versuchte zu lachen.Das sind Rerven- fachen, Hansen," sagte ich.Fragen Sie jeden -Arzt, Ihr .Urlaub ist fällig, und Sie haben

6 Milliarden Liier Wasser...

... verbraucht das deutsche Volk an jedem heißen Tag.

Don Rudolf Bier.

Linser deutscher Teufel muh ein guter Wein- schlauch sein und Saus heißen, daß er so durstig ist und mit so großem Saufen Weins nicht kann gekühlt werden. Lind wird solcher ewiger Durst Deutschlands Abgott und Plage bleiben bis an den jüngsten Tag," klagte schon Martin Luther. Seit jener Zeit ist der Durst des deutschen Volkes kaum geringer geworden, und an heißen Sommer­tagen braucht man innerhalb der deutschen Gren­zen gewaltige Mengen Biers, Mineralwassers, Limonaden und notfalls sogar klaren Wassers, die trockene Kehle anzufeuchten. Berlins Wasser­verbrauch kann unter Umständen an einem heißen Iulitag bis zu 800 Millionen Litern anschwellen, also eine Wassermenge darstellen, die einen See von einem Kilometer Länge, 400 Meter Breite und zwei Meter Tiefe bildet. An solchen Tagen entfallen auf den Kopf der Bevölkerung in Ber­lin bis zu 200 Liter Wasser, die natürlich un­möglich allein zum Trinken verwendet werden können: aber in den Hundstagen wird viel ge­badet, und auch die gewerblichen Betriebe haben einen größeren Wasserverbrauch. Im allgemeinen rechnet man, daß jedem Großstädter täglich 150 Liter Wasser zur Verfügung stehen sollen. In London werden sogar jetzt 225 Liter verlangt. In den Mittelstädten kommt man mit 100 Liter aus, während in den Kleinstädten und Dörfern nur 50 Liter für jeden Menschen nötig sind. Grob gerechnet, brauchen also 20 Millionen Deutsche in den Großstädten täglich 3 Milliarden Liter Wasser: den 10 Millionen Menschen in den Mittelstädten werden 1000 Millionen und der übrigen deutschen Bevölkerung knapp 2000 Mil­lionen Liter geliefert, so daß der Wasserverbrauch der deutschen Bevölkerung täglich nahezu 6 Milliarden Liter erreicht. LDürde man dieses Wasser zusammengießen, so könnte man an jedem Sage eine Talsperre von einem Qua­dratkilometer Oberfläche und 6 Meter Tiefe voll­füllen. Tatsächlich ist aber der Wasserverbrauch noch weit größer, da für jedes Stück Großvieh täglich weitere 50 Liter und für jedes Stück Kleinvieh etwa 10 Liter Wasser verwendet werden.

Die Beschaffung dieser gewaltigen Mengen ist selbstverständlich nicht leicht. In der zweiten Hälfte des vergangenen Iahrhunderts glaubte man noch, daß es am besten fei, Srinftoaffer aus den Quellen abzuleiten, die es besonders in ge­birgigen Gegenden in großer Zahl gibt. Man meinte, dieses Wasser sei am gesündesten, und ein weiterer Vorzug ist,, daß es auch noch eine ver­hältnismäßig niedrige Temperatur besitzt. In­zwischen hat sich herausgestellt, daß Quellwasser ziemlich ost mit Bakterien durchsetzt ist. Wie Professor Gärtner in seinem BuchDie Quel­len in ihren Beziehungen zum Grundwasser und zum Typhus" auseinandergesetzt hat, sind' zahl­reiche Epidemien auf die Verwendung von Quell­wasser zurückzuführen. Aber noch aus einem anderen Grund konnte man sich unmöglich daraus beschränken, das Wasser zu benutzen, das aus den Spalten und Klüften der Gebirge rinnt: Groß­städte verlangen so gewaltige Zufuhren, daß man schon frühzeitig auch das Oberflächenwasser der Seen und Flüsse heranzog. Dagegen läßt sich wenig einwenden, wenn die Wasserwerke nach modernen Grundsätzen eingerichtet sind und gute Filteranlagen besitzen: daß aber auch bei dieser Versorgungsart unliebsame Lleberraschungen Vor­kommen können, zeigte die Choleraepidemie von 1892, die auf den Genuß von Elbwasfer in Hamburg zurückzuführen war; in Gelsenkirchen traten im Iahre 1901 zahlreiche Typhusfälle nach dem Genuß unfiltrierten Ruhrwassers ein. Die meisten Städte sind deshalb dazu übergegangen, das Wasser tief aus der Erde zu holen und die unterirdischen Ströme zu benutzen, die seit Ur­zeiten das alluviale und diviuale Schwemmland durchziehen. Auch Berlin benutzt wie viele

andere deutsche Städte in den letzten Iähren vorwiegend Grundwasser; nur xutocilen wird bet steigendem Verbrauch eine Anleihe im Müggel­see ausgenommen, dessen Wasser sehr gesund ist, aber zur Vorsicht nodrmit Chlor verseht wird. Diese Umstellung ist auch deshalb wichtig, weil das Wasser der Oberfläche einen anderen Härte­grad als das Grundwasser besitzt. Hartes Wasser schmeckt gut und ist besonders geeignet zum Kaffeekochen aber nicht zum Waschen. Man könnte also die schwer durchführbare Regel auf- steilen: Wasche dich mit Fluhwasser und trinke Grundwasser.

Wohlschmeckendes T r i n k w a s s e r muh kühl sein; diese Forderung ist aber gerade in den Hundstagen schwer zu erfüllen. Moderne Haus­halte find durch die elektrischen Kühlschränke frei­lich von den Schwankungen der Witterung un­abhängig geworden; aber nicht jeder kann sich einen so kostspieligen Apparat leisten. Früher begnügte man sich damit, im Winter Cis aus den Seen zu schlagen und es in tiefliegenden Kellern aufzubewahren. Tatfächlich ist es möglich, auf diese Weife Eis während des ganzen Som­mers zu konfervieren. Aber wir haben zum Glück nicht stets fo kalte Winter wie im letzten Iahr, und es ist daher oft nicht möglich, genü­gende Mengen Ratureis einzukellern. Heute gibt es in Deutschland über 160 Fabriken, die täg­lich 2 20 000 Zentner Kunsteis Herstellen können. In Berlin werden jährlich etwa vier Millionen Zentner Kunsteis verbraucht, und an einem schönen Iulitag kühlt man in den Berliner Gasthäusern und Privathaushalten, in den Lager­häusern und den Geschäften das Fleisch, die Butter und andere Lebensmittel mit etwa 40 000 Zentnern Kunsteis. Insgesamt werden in Deutsch­land jährlich etwa 21 Millionen Zentner Kunst­eis verbraucht, für die die Konsumenten 35 Millio­nen Mark bezahlen.

Wasser in jeder Form hilft, die Schrecken der Hitze zu mildern. Aber nicht alle Deutschen sind Freunde der Wassertherapie, soweit sie innerlich angewandt wird. Im Iahre 1927 wurden in Deutschland rund 5,1 Milliarden Liter Bier getrunken; das ist ziemlich wenig, wenn man es mit dem Verbrauch vor dem Kriege vergleicht, da im Iahre 1913 beinahe 7 Mil­lionen Kubikmeter Bier durch deutsche Kehlen flössen, genau gerechnet: 102 Liter auf den Kopf der Bevölkerung gegen 81 Liter im Iahre 1927. Cs ist aber anderseits wieder eine sehr große Menge, wenn man erfährt, daß die ganze Welt einschließlich Deutschlands nur 18 Milliarden Liter Bier verbraucht, in Deutschland also weit mehr als e in Viertel ckllen Biers getrunken wird. Der Branntweinverbrauch, der in den letzten Iahren wieder gestiegen ist, aber noch lange nicht die Vorkriegshöhe erreicht hat, dürste bei dem heißen Wetter keine große Rolle spielen. Auch Wein wird in Deutschland nur in be­scheidenem Maß getrunken: man schätzt den Wein­verbrauch auf etwa 200 000 Kubikmeter jährlich, gegen 300 000 vor dem Krieg. Wein ist ein Luxusgetränk und wird nur in Süddeutschland und am Rhein auch vom einfachen Mann ge­nossen, während es z. D. in den romanischen Ländern, in Frankreich, Italien und Spanien als ganz selbstverständlich gilt, daß der Arbeiter und der Dauer zu jeder Mahlzeit ihren Krug Wein auf dem Tisch haben.

Wieviel Mineralwasser in Deutschland getrunken wird, ist kaum zu schätzen. Die Viel­falt der Fabrikate, der Limonaden und künst­lichen oder natürlichen Sauerbrunnen erschwert es außerordentlich, einen Lieberblick zu gewinnen. Doch wird man nicht fehlgehen, wenn man be­hauptet, daß der Verbrauch an Mineralwässern beträchtlich zugenommen hat; Fabrikanten und Gastwirte bestätigen, daß Mineralwässer jetzt in außerordentlich großem Umfang in Deutsch-

ihn bitter nötig. Einstweilen: trinken Sie, Träume sind Schäume!"

Er lächelte und trank, wir mischten die Karten, und er gewann an 300 Mark.

In der nächsten Rächt kam er wieder, bleicher noch als gestern und ernster.La meme chose, sagte er und warf sich ächzend zu mir auf das Stroh,beut sah ich dasselbe im Traum, bei 28 hielt die Säule und fiel. Doch" er griff nervös nach den KartenSie wollen Revanche, wer gibt?

Während ich mischte, fragte ich:Wie alt find Sie, Hansen?"

Ich werde in sechs Tagen 28, aber das ist es ja gerade, der Traum läßt Zweifel. Meint er das Datum des Monats, so bin ich schon morgen fällig, wenn nicht, so läuft die Galgenfrist noch ganze sechs Tage."

Hansen," sagte ich und legte die Karten bei­seite,Sie sind doch mehrfach angeschossen und feit 14 an der Front. Ich würde es nicht für feige halten, wenn Sie noch heute für ein paar Wochen auf Urlaub gingen.

Er lachte kurz auf.Glauben Sie, daß ein Mensch seinem Schicksal entgehen kann? Ich nicht. Ich bin Fatalist."

Als er gegangen war, hatte er abermals hoch gewonnen, meine Barschaft war restlos erschöpft.

Den nächsten Tag verbrachte ich in fieberhafter Erwartung. Die Front war ruhig und doch, als der Abend kam, blieb Hansen aus. Erft nach Mitternacht erschien er, lachend und fröh­lich, wie früher.

Apropos, sagte er,das vermaledeite Queck­silber hab' ich auch heute wieder gesehen, aber jetzt ist die Sache mir klar. Fünf Tage Zeit, fünf Sage ist die Welt noch schön. Ich komme spät, wissen Sie, weshalb? Dis 12 Uhr war Krise und da wollt' ich Rücksicht nehmen, denn ein Ratscher auf dieses Kellerloch und keine Maus bleibt lebendig.

Er kam jetzt jeden Abend, war heiter und unterhaltend zwei Sage trennten uns noch von seinem 28. Geburtstag.

Da kam Befehl, daß in der kommenden Rächt das Regiment abgelöft und zurückgezogen würde. Als ich es Hansen sagte, wurde er bleich vor Erregung. Ich schüttelte ihm herzlich die Hand.

Ihr Kalkül war falsch, denn den Geburtstag verbringen Sie von A. bis Z. in der mit Recht so "beliebten Etappe. Herrgott" fügte ich lachend hinzuAngst habe ich nur vor dem Kater am folgenden Morgen."

Und dann kam der Sag, an dem Hansen 28 wurde. Wir lagen in einem entzückenden, idyllischen Dörfchen Flanderns, weit ab von dem Schußbereich der feindlichen Artillerie. Hansen selbst schien die Träume völlig vergessen zu haben und am Abend waren wir bei ihm zu Gast. Sein Quartier lag in der schlohartigen Villa eines flämischen Holzhändlers. Wir tran­ken, scherzten und jeuten, was sollten wir rauhen Kriegsknechte auch anderes tun? Um 11.45 Uhr wurde Hansen unruhig, stand auf und ging an das Fenster. Und kurz darauf horten wir das helle, knarrende Surren tieffliegender, feindlicher Maschinen. Da fing ich Hansens Blick auf, in seinen Augen lag ein ganz leiser Triumph. Hastig sprang ich vor und löschte die Kerzen,in den Keller!" brüllte ich, daß die Anderen erstaunt aufsahen.

Seit wann sind Sie so nervös?" fragte der dicke Ranfft,wegen der paar niedlichen, kleinen Käser?"

Aber in meiner Stimme hatte Angst gelegen, weshalb sollt' ich es leugnen, und Angst steckt an. Sie alle polterten hastig die dunkle Treppe hin­unter zum Keller. Rur Hansen nichL Der stand unbeweglich am Fenster und starrte hinaus. Hansen," schrie ich,sind Sie wahnsinnig?" Ich sprang zu ihm, zerrte und stieß ihn zur Treppe, er wehrte sich, wir rangen und standen schließlich erschöpft Sekunden gegenüber. Dann reichte er mir die Hand,Sie meinen es gut, aber ich bleibe, leben Sie wohl!"

Ich sah im Mondlicht sein aschfahles Gesicht, hörte dicht über mit das blaffende Knallen der Schrapnells unserer Abwehrgeschütze und fiel mehr als ich ging die Treppe zum Keller hin­unter. Und dann hörte ich zwei krachende Ein­schläge, fühlte die Mauern wanken und bersten, dachteBomben" undHansen", und dann verlor ich die Besinnung.

Als ich zu mir kam, standen meine Freunde besorgt ura mich herum. Meine erste Frage galt Hansen.

land verwendet werden. Dagegen läßt sich un­gefähr berechnen, wieviel Milch "Deutschland erzeugt und verbraucht. Es gibt hier etwa zehn Millionen Milchkühe, die nach Ansicht der Fach­leute jährlich rund 20 Millionen Kubikmeter Milch liefern. Freilich wird dieses Milchmeer zum größten Teil nicht ausgetrunken, da etwa neun Millionen Kubikmeter in der Landwirtschaft selbst verbraucht werden, 41 2 Millionen zur Aufzucht des Viehes dienen und 2 Millionen in Molkereien verarbeitet werden. Don der Milch, die zum Trinken verwendet wird, entfallen im Durchschnitt auf den Kopf der Devölkerung jähr­lich nur 70 Liter, so daß der Rormalmensch täg­lich nur ungefähr ein Fünftel Liter trinkt.

Wenn man bedenkt, daß das deutsche Volk jährlich außerdem etwa 130 Millionen Kilogramm Kaffee und mindestens die dreifache Menge Kaffee-Ersatz, sowie große Quan­titäten Tee und Kakao zur "Bereitung von Getränken heranzieht, so ergibt sich, daß die Stillung des Durstes kein billiges Vergnügen ist.

Die Minderheiten-Frage.

DieSüddeutschen Monatshefte" haben ihr neuestes HeftDie Minderheitenfrage" dem Kernproblem einer Curopapolitik auf weite Sicht gewidmet und haben in knappster Zusam­menfassung von Beiträgen hervorragender Sach­verständiger, vor allem der Führer der Minder­heiten selbst, eine Darstellung des gesamten Pro­blems geschaffen, nach der sich jeder die Schwie­rigkeiten und Möglichkeiten seiner Lösung vor Augen zu führen vermag.

DasM inder he i t en Problem als Rechts - und Existenzfrage" umreiht der Münchner Historiker Prof. Karl Alexander von Müller in seinem Geleitwort. Der Münchner Minderheitenrechtler Dr. Kurt T r a m p l e r er­örtert in einem grundlegenden ArtikelVölker­bund und Völkerfreiheit" die Entstehung des Minderheitenproblems in feiner heutigen Form aus dem Gedanken des westlich-demokra­tischen Rationalstaates, behandelt weiter den un­zulänglichen Minderheitenschutz durch den Völker­bund, wobei der Verfasser bereits das gesamte Ergebnis der Madrider Ratstagung mitverarbei­tet hat, und weist schließlich die Wege, gegen den Willen der französischen Politik durch den Ge­danken der Anerkennung der freien Volksrechte (nationalkulturelle Freiheit und staatsbürgerliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung) in völker- gesellschaftlichen Staaten zur Völkerfreiheit und zu europäischem Frieden zu gelangen. Dem Ar­tikel ist eine wertvolle Rechtskarte aus dem Buch des gleichen VerfassersStaaten und nationale Gemeinschaften" beigegeben. Die folgenden prin­zipiellen "Beiträge führen die in dem ersten Artikel kurz umriffenen Gedankengänge im ein­zelnen aus. So schreibt der Schöpfer des estlän- oischen Kulturautonomie-Gesehes, der deutsche Abgeordnete im estländischen Parlament Wer­ner Hasselblatt (Reval) über die.Kul­turautonomie in Cstlan d", die in diesem Land tatsächlich die nationalkulturelle Freiheit gewährleistet. Hasselblatts hervorragende rechts­schöpferische Tat der Schaffung dieses Gesetzes ist für die ganze europäische Rationalitäten­bewegung, in der vierzig Millionen Menschen um ihre nationale Freiheit kämpfen, richtungweisend geworden. Der jüdische Minderheitenführer in Litauen, Abg. Dr. Iacob Robinson (Kaunas), einer der angesehensten Sachverständigen für Minderheitenrecht, erläutert im einzelnen die Forderung auf staatsbürgerliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung der Minderheitenangehörigen im Staat und zeigt deutlich die Wege, auf denen zahlreiche Staaten die Anerkennung dieser grund­legenden Rechte umgehen. Der Präsident des europäischen Rationalitätenkongresses, der Slo­wene Dr. Iosip W i l f a n, behandelt in knappen Llmrissen die Zusammenhänge der euro­päischen S i ch e r h e i t s f r a g e mit dem Minderheitenproblem. Schließlich orien­tiert ein ausgezeichneter Artikel von Dr. Erich Walch (München) über dieMinderheiten- Politik der Sowjetregierung, die, wenn

Die Villa des Holzhändlers war zertrümmert. Rur das Zimmer, in dem Hansen geblieben war, das stand. Die Scheiben waren zwar zersplittert von dem Luftdruck der Explosion und der Kalk war von den Wänden gesprungen, aber Hansen war unverletzt, während über mir Schutt und Geröll der brechenden Mauer zusammenstürzte.

Hansen?"

..Hier," rief eine heisere Stimme, und ich sprang auf, fühlte die noch heilen Knochen, starrte ihn an wie ein Weltwunder:Hansen, Ihr Geburts­tag ist rum!---Er blickte lachend nach

der Llhr:Sie haben Recht, 12 Llhr 10."

Verehrte Zeitgenossen, Freund Hansen lebt heute als wohlbestallter Amtsrichter in einem hübschen, rheinischen Landstädtchen. Er glaubt nicht mehr an Träume, und doch eine Marotte hat er behalten aus jenen Tagen: kein Thermo­meter ist in seinem Haus, einschließlich seines Badezimmers.

Hochschulnachrichten.

Der durch den Weggang des Professors W. Hävers an der Llniversität Würzburg er­ledigte Lehrstuhl der vergleichenden Sprachwissen­schaften ist dem ordentlichen Professor Dr. jur. et phil. Julius Pokorny in Berlin ange­boten worden. Der Privatgelehrte Dr. Her­mann Müntz in Berlin hat einen Ruf als ordentlicher Professor der Mathematik an die Llniversität Leningrad erhalten und ange­nommen. Der aus Lodz gebürtige Mathematiker absolvierte feine Studien an der Llniversität Ber­lin bei bejr Professoren H. A. Schwarz, G. Fro- benius, F. Schottky und E. Landau und promo­vierte 1910 mit einer Dissertation über Mmimal- flächen. 1914 bis 1917 wirkte Dr. Müntz als Ober­lehrer in Hessen, war später Mitarbeiter des Iahrbuches über die Fortschritte der Mathematik und 1927 bis 1929 Mitarbeiter von Prof. A. Einstein. Müntz ist Verfasser einer langen Reihe von Arbeiten aus dem Gebiete der Geometrie, Zahlentheorie, Integralgleichungen usw. Der Dermatologe Professor Dr. Alfred S t ü h m e r in M ü n st e r hat den an ihn ergangenen Ruf an die Medizinische Akademie zu Düsseldors als Dachfolger von Prof. K. Stern abgelehnt.