Donnerstag, 25. Mai 1929
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Nr. U8 Zweites Blatt
poincares „Kriedensrede" in Oouaumont.
Von Or. Gustav CRoloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
Die drei Ententeminister, die in erster Linie für den Weltkrieg verantwortlich sind, Grey, Sasonoff und Poincar6, haben sämtlich zur Rechtfertigung ihrer Politik Denkwürdigkeiten verfaßt und dabei gegen die historische Wahrheit dieselbe brutale Rücksichts- losiakeit gezeigt, die sie im Juli 1914 in der Der- eitelung aller Fricdensversuche betätigt haben. In der zynischen Verdrehung der Tatsachen haben sie das Menschenmögliche geleistet, und obgleich die wissenschaftliche Kritik die Unwahrhaftigkeit ihrer Darstellung erkannte, haben sie sich dadurch nicht beirren lassen: Grey hat seine Anschauungen in einer neuen Auflage wiederholt, und Poincars benutzt seine amtliche Stellung, um die alten Verleumdungen gegen Deutschland zu wiederholen. Die Dienstag gemeldete Rede bei einer Denkmalsent- hüllung, die er seit Jahren mit Vorliebe zu Angriffen gegen Deutschland benutzt, ist derart, daß sie auch einen bessern Anspruch auf Aufrichtigkeit, als ihn Poincars geltend machen kann, völlig zugrunde richten mühte.
Nach dem Wolfsschen Bericht hat er da gesagt: „Angenommen, daß entgegen dem Zeugnis der Tatsachen und Aktenstücke die mitteleuropäischen Regierungen nicht absichtlich die Initiative ßur Verantwortung für den Krieg übernommen hätten, so würden sie dennoch, da sie durch den gegen Belgien geführten Gewaltstreich diesem und Frankreich unermeßlichen Schaden zugefügt haben, uns beiden restlose Wiedergutmachung schulden." So viel Worte, so viel Unwahrheiten. Je tiefer die wissenschaftliche Untersuchung in die Kriegsursachen eingedrungen ist, oesto klarer ist aus den Tatsachen und Aktenstücken zutage gekommen, daß die Regie- rungen der Mittelmächte nicht dieJnitiative zum Kriege ergriffen, sondern in der Der- teidigung gehandelt haben, die Verantwortung für den Krieg ihnen daher nicht aufgebürdet werden kann. Poinoarö möge doch, um nur unparteiische Gelehrte zu nennen, die Arbeiten des Norwegers Aall und der Amerikaner Fay und Barnes lesen, und auch ohne solches Studium nmß er doch ganz genau wissen, daß er selbst die russische Regierung angetrieben hat, schroff gegen Oesterreich- Ungarn aufzutreten und es durch Rüstungen zu bedrohen, so daß eine Verständigung ungeheuer erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht werden mußte. Für welche Hinterwäldler muß Poincar6 seine Franzosen halten, wenn er es wagen kann, ihnen immer die alten Märchen wieder aufzutischen l
Geradezu lächerlich ist der Satz über Belgien. Erstens trifft die moralische Verantwortung für den deutschen Einmarsch nicht die Mittelmächte, sondern die Entente, die durch ihren Ueberfall Deutschland zu dem verzweifelten Versuch, sich durch Besetzung Belgiens gegen die Uebermacht zu schützen, gezwungen hat, zweitens hat Deutschland sofort erklärt, allen Schaden, den es durch den Durchmarsch anrichte, wiedergutmachen zu wollen, und drittens hat der Schaden, den Belgien erlitten hat, nichts mit Frankreich zu tun. Wenn Frankreich Schaden genommen hat, so hat es ihn durch seine jahrzehntelange Revanchepolitik und durch die Unterstützung der russischen Angriffslust, ohne die der Krieg nicht ausgebrochen wäre, selbst hervorgerufen. Frankreich kann also an die belgische Frage keine Forderung der Wiedergutmachung knüpfen.
Damit nicht genug: Poincarö fährt fort: „Diele Deutsche guten Glaubens — so verblendet sie auch durch eine parteiische und unvollständige Dokumentation sein mögen, nämlich durch das in Berlin nach dem Waffenstillstand veröffentlichte Material — geben zu, daß dieser Einfall in Belgien die fran-
Der Spargelstreit.
Von Mana Schnack.
Der französische Gelehrte und Philosoph Fontenelle hatte einen Freund, den Abbe Dubos: auch dieser war Mitglied der Akademie und ein Gelehrter seiner Zeit: aber mehr als die Gelehrsamkeit galt dem Abbe der Genuß von Tasel- freuden, die die beiden Köpfe zusammengebracht hatten. Fontenelle und Dubos befanden sich oft nur im Einklang über philosophische Meinungen, weil sie gleichzeitig vor einer duftenden Platte „Crevettes ä la Montpessier“ sahen und sich durch ihre Meinungsverschiedenheiten nicht den Genuß am Essen stören wollten. Liebrigens konnte eine wahre und tiefe Freundschaft zwischen den beiden nicht bestehen, weil ja jedes Gefühl nur vom Magen eines Jeden beherrscht wurde, der jede andere Leidenschaft und Gefühlsäußerung, die gegen ihn war, ausschloh.
Eines Tages bekam Fontenelle von einem Bewunderer oder einer Verehrerin — die Geschichte ist ungewiß in diesem Punkte — einen prächtigen Korb Spargel zugesandt. Es waren die ersten Spargel des Jahres: die Spargelzeit hatte noch nicht begonnen. Die Leckermäuler rissen sich noch mit wässerigem Munde um sie. Fontenelle sah mit gierigen Augen und genußsüchtig aufgeworfenen Lippen die herrlichen und zarten Spargel, deren Köpfe einen duftigen und kaum wahrnehmbaren blauen Schimmer trugen. Er überlegte, daß sie vielleicht noch ein wenig wässerig und frühreif sein könnten, aber sie hattmr, als er daran roch, schon jenes feine und schwelgerisch erdhafte Aroma, das die Wonne jedes Spargel-
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Aber mitten aus seiner freudigen Betrachtung wurde er durch ein beigelegtes Billett gerissen, auf dem stand: „Für Monsieur de Fontenelle und Monsieur l'Abbe Dubos." Oh Schrecken: sie waren nicht alle für ihn allein! Gr muhte sie teilen! ... Aber da Fontenelle ein Mensch von unbestechlicher Ehrlichkeit war, begab er sich umgehend mit der guten Nachricht auf der Zunge und dem Korb unter dem Arm zu seinem
Freunde.
Dubos empfing Fontenelle mit großer Freude.
„Ein Korb Spargel? Für uns? Ich verjünge mich ganz," sagte der Priester. „Läßt du sie
„Ja! Aber auch ich bleibe hier mit ihnen/ erwidA!te Fontenelle. „Wir essen sie zusammen." Insgeheim aber hoffte Fontenelle von der dem Freunde zustehenden Hälfte bei der Teilung noch etwas gewinnen zu können: denn er hatte ein unermeßliches Vertrauen auf die Aufnahmefähigkeit seines Magens, der sicher über den seines Gegners triumphieren würde.
^ösischen Reparationsforderungen rechtfertige" usw. Auf die unlogische Verbindung der französischen Forderung mit der Besetzung Belgiens brauchen wir nicht mehr einzugehen. Aber prachtvoll ist die Behauptung über die ungenügende dokumentarische Grundlage für das Urteil der Deutschen über die Kriegsurlachen: als ob Poincars nicht ganz genau wüßte, daß seit fast einem Jahrzehnt das gesamte Material über den Kriegsursprung, das in den deutschen Archiven vorhanden ist, veröffentlicht worden ist, und daß, dem deutschen Beispiel folgend, auch die Wiener und Londoner Regierung ihre Akten herausgegeben haben, und daß, wenn die „Dokumentation" noch unoollftänbig ist, das in erster Linie die Schuld der französischen Regierung ist, die bisher nur ganz lückenhafte, durch zahlreiche Fälschungen entstellte Veröffentlichungen gestattet hat. Poincarö, der die Hauptverantwortung hierfür trägt, spottet seiner selbst und weiß ganz genau, wie. Wie schön ließ sich nach solchen Proben Poincarsscher Ehrlichkeit
in der Fortsetzung der Rede über den Dawesplan der Satz, daß Frankreich in allen seinen Verhandlungen mit Deutschland stets „den Wunsch nach einer allgemeinen Versöhnung" und „eingewurzelte Friedensliebe" betätigt habe, und welches Vertrauen wird man hiernach auf feinen guten Willen für die Verständigung in den kommenden entscheidenden Tagen haben dürfen!
Vor kurzem ist gegen Poincars von Hans Delbrück, einem der angesehensten und ältesten Historiker, nicht nur von Deutschland, sondern der ganzen Welt, in einem offenen Briefe der Vorwurf, Akten gefälscht zu haben, erhoben worden. Es ist ausgeschlossen, daß Poincar6 diese Beschuldigung nicht zur Kenntnis gekommen ist, aber er hat jede Aeußerung hierüber vermieden. Vielleicht soll die Rede in Souaumdnt eine Antwort hierauf sein. Poincar6 blieb sich damit nur konsequent: eine auf Unrecht und Lüge aufgebaute Politik läßt sich nur durch Steigerung des Unrechts und der Lüge verteidigen.
Insekten und Insektenforscher.
Von Or. Walther Aorn, Leiter des Deutschen Entomologischen Museums der Kaiser-WilhelM'Gesellschast in Äerlin-Oahlem.
Sehr viele der Leser werden als Kinder Insekten gesammelt haben. Jeder weih, daß L i n n 6 fein säuberlich jedem Tiere einen Dor- und einen Familiennamen gegeben hat (Art- und Gattungsnamen), daß die Gattungen wiederum zu Familien, Ordnugen, Klassen usw. zusammen- gefaht und weiterhin Kataloge publiziert sind, in welchen in systematischer Reihenfolge alles fein säuberlich aufgezählt steht. Cs erstanden Zeitschriften, in denen neue Arten beschrieben wurden. Man revidierte von Zeit zu Zeit gruppenweise das Tierreich, und um die letzten Schwierigkeiten der „Verwaltungstechnik" zu lösen, schuf man Publikationen, welche alljährliche Heber* sichten über die Fortschritte gaben. Die Museen illustrierten das alles sozusagen durch ihre Sammlungen. Der Laie sollte also annehmen, die theoretische und museale Verwaltung des Jnsekten- reiches sei genau so fein säuberlich geordnet wie z. D. die Steuerliften im Deutschen Reiche.
Leider ist dem nicht so, im Gegenteil! Wenn Linnö auferstehen würde, so würde er wahrscheinlich mit seinen Schülern eine gewaltige Abrechnung halten und höchstwahrscheinlich zu dem Hr- teil kommen, daß fein Lebenswerk gründlich verpfuscht worden sei.
Wie ist das im Jnsektenreiche möglich gewesen? Run, sehr, einfach. Jeder Zweig einer Wissenschaft hat seine besonderen Schwierigkeiten. Infekten zu bearbeiten ist an und für sich nicht fchwieriger als irgend andere Tiere: ja, man wird sogar ohne weiteres zugeben müssen, es gibt Tiere, welche viel schwieriger zu bearbeiten sind. Aber in einem Punkt bietet keine andere Gruppe des Tierreiches, ja auch des Pflanzenreiches parallele Schwierigkeiten wie die Insekten, nämlich in der Quantität!
Aus den etwa 4100 Linneschen Arten vom Jahre 1758 waren 1815 etwa 21 000 Arten, 1859 etwa 200 000 und 1898 etwa 410 000 geworden. Aber das ging noch alles, und kein Entomologe kam auf die Idee, daß die Quantität der Insekten in sich eine Gefahr darstellte, hatte man doch um die Jahrhundertwende schon Hunderte von wissenschaftlichen Gesellschaften und Zeitfchriften gegründet, welche u. a. Insekten, und Dutzende, welche allein Insekten vom systematischen Standpunkt aus studierten. Die Jahresberichte wiesen zwar fortschreitend immer größere Zahlen anderer Arten auf, aber auch die Zahl der systematischen Entomologen, d. h. derjeni
gen Wissenschaftler, welche sich mit der Beschreibung und Einteilung der Insekten befaßten, wuchs sehr erheblich. Dazu kam, daß sich die Museen gegen Ende des letzten Jahrhunderts gewaltig vergrößerten und ihre entomologischen Abteilungen ausbauten. Die Kataloge, in welchen man die Insekten registrierte, hielten zwar mit den Fortschritten der Wissenfchaft nicht ganz Schritt, aber auch sie wuchsen. r'rft im letzten Jahrzehnt dämmerte es einigen Entomologen, daß irgend etwas bei diesem ganzen betriebe nicht in Ordnung sein mühte. Neuere Katalogversuche wiesen gelegentlich Zahlen auf, welche beängstigend wurden. Man konstatierte 500 000 beschriebene Insekten* arten, während der ganze Rest der übrigen Tiere zusammen genommen diese Zahl bei weitem nicht erreichte. Jetzt kennt man etwa 750 000 beschriebene Jnsektenarten, was ungefähr soviel ist, wie die gesamten restlichen beschriebenen Tiere plus höhere Pflanzen zusammengenommen betragen: nur die Kryptogamen retten sozusagen die Ehre der Pflanzen, wobei allerdings zu beachten ist, daß bei den Kryptogamen die Begriffe Species und Art nicht ohne weiteres mit den Interpretationen der sonstigen Pflanzen und der Tiere gleichgeseht werden können. Seit einigen wenigen Jahren hat man nun in der Entomologie immer wieder versucht, sich ungefähr ein Bild zu machen, wieviel Jnsektenarten in der Natur insgesamt (inkl. der unbeschriebenen) wohl vorkommen möchten, indem man die wachsenden Zahlen der Arten in einzelnen Gruppen verglich oder festzustellen suchte, wieviel neue Arten durchschnittlich in eingehenden Sendungen aus bestimmten Ländern vorhanden seien. Die Zcchlen, zu welchen man auf diese Weise kam, fliegen sehr bald auf 2 bis 3 Millionen in der Natur existierender (zum großen Teil aber noch nicht beschriebener Arten! Mit dieser Erkenntnis sank fozusagen manchem systematischen Entomologen das Herz in den Hosenboden. Aus dem früheren Optimismus wurde ein glühender Pessimismus, so daß in getoaüigen Sprüngen die Taxen der in der Natur existierenden Jnsektenarten auf 5, 10, 25 und schließlich sogar auf 50 Millionen anstiegen. Die letzten Zcchlen sind natürlich rein phantastisch und entbehren jeder Begründung: aber die Zahlen von 3 bis 5 Millionen sind durchaus glaubwürdig.
Wenn man sich umgekehrt nach entsprechenden Taxen für die Pflanzenwelt erkundigt, so hört
„Ich ordne sofort an, daß die Spargel zubereitet werden," sagte Dubos. lind er rief dabei die Köchin. „Natürlich in Oel!"
„Wie, in Oel?" entrüstete sich Fontenelle, verletzt in seinen heiligsten — und wie er glaubte besseren — Heberzeugungen. „In Butter. In einer bräunlichen Buttersauce. Die Spargel schreien nach Butter. Es muh eine erstklassige Tunke sein! Denn es sind Spargel von la Tour* nelle! Bezüglich dieser Sorte, mein teurer Freund, dürfen wir keine Aenderungen vornehmen."
„Ich habe keine Lust, dir zu widersprechen," antwortete Dubos. „Aber du hast eine vollkommene Unkenntnis bezüglich der Spargel. Oh, dein Geschmack zeigt heute die traurigsten Verfalls- erfcheinungen. Denn diese erstklasfigen Spargel sind aus den Gärten von Charteauroux. Hnd warum willst du nicht einsehen, dah es Spargel von Charteauroux sind!" ...
„Nein, ich sehe es nicht ein, mögen sie von Charteauroux sein, aber ..."
„Die Spargeln von Charteauroux wollen Oel! Cs ist ein Gesetz, es ist eine uralte Hebcrlieferung! Hnb es ist außerdem eine Feinheit des Geschmackes!"
„Mein teurer Abbe, deine Bildung hat Lücken, die mir Schaden Bringen. Ich versichere dich, dah ich niemals meine Einwilligung zu deiner Ernennung als ständiger Sekretär der Akademie gegeben hätte, wenn ich von deinen Mängeln gewußt hätte. Wahrhaftig, ich war voreingenommen. Hnd wie? Oel? Willst du mit dem ordinären Oel die köstliche Erlesenheit dieser Spargelerstlinge zerstören?"
„Ah, ah," schrie Dubos auf, „das hätte ich von dir nicht erwartet! Ordinäres Oel! Dieses heilige Erzeugnis. Willst du vielleicht, daß ich einen Schritt vor deiner Butter zurückweiche, du Parvenü des Tisches, du Liebling der Frauen zweifelhafter Natur, Mensch mit einer befleckten Vergangenheit! Schon dein Blick genügt, die Schönheit dieser Spargel zu zerstören!... Nein, nein, halte ein, ich bitte dich, du würdest mich sonst beleidigen! — Vvonne, in Oel diese Spargeln!"
„Dubos, du hast keinen Takt, du hast mir schon bewiesen, dah du keinen Geschmack besitzest, aber nun sehe ich, daß du auch keinen Takt hast. Hartnäckig bestehest du auf der Zubereitung in gewöhnlichem Oel, ohne die Tradition zu beachten, die du so erheblich verletzt. Es ist ja unnütz, sich mit dir darüber zu unterhalten. Ich bin immer dagegen gewesen, seine Zeft damit zu vergeuden, Irrende zu bekehren, die im Schlamm ihres trügerischen Nichtwissens untersinken. Wir teilen die Spargel! I ch bringe meinen Teil nach Hause!..."
Aber Vvonne fand in ihrer einfachen Dienstbotenweisheit einen Ausweg, als sie sagte: „Man kann die Hälfte in Oel bereiten, die andere in Butter."
Die beiden akademischen Streithähne änderten umgehend ihre Meinung und willigten ein, verwundert darüber, dah eine solche salomonische Lösung nicht ihnen selbst eingefallen war. Bvonne verschwand mit den Spargeln in der Küche, und die beiden Philosophen diskutierten weiter. Der Vergleich hatte zwar ihre naschhafte Lüsternheit zufriedengestellt, aber ihre geistige Erregung dauerte noch fort, weil jeder an seiner Heber* zeugung festhielt.
„Du wirst mir gestatten, zunächst zwei Spargel in Butter zu prüfen," sagte der Abbe. „Und dann ..
„Nicht aus Hartnäckigkeit, sondern aus prinzipieller Einstellung," erwiderte Fontenelle, „miß* fällt mir deine Frage: ich allerdings werde keine Prüfung vornehmen. Ich werde vielmehr die Unfehlbarkeit meines Geschmackes respektieren und meine Heberzeugungen. von denen du glaubst, daß sie nicht begründet sind, unangetastet lassen, da sie nicht auf vorübergehenden Schwächen, sondern auf hundertmal geprüften Erfahrungen basieren. Prüfen würde schon Zweifel sein, und ich kann nicht zweifeln!"
„Wie du willst: aber ich werde jedenfalls deine Spargel in Butter versuchen."
„Du wirst mir ein Vergnügen damit machen. Ich gebe gerne zwei für einen so unempfindlichen Gaumen wie der deine nun einmal ist, der weder zu unterscheiden noch zu schätzen weih. Hebrigens habe ich keine Lust, dich zu bekehren. Jetzt, da ich den Verfall deines Geschmackes feststellen konnte, bin ich sicher, daß du, solltest du bezüglich der Spargel bekehrt fein, in einen anderen Irrtum, vielleicht bezüglich von Artischocken, fallen wirst. Ich habe für dich jede Hoffnung verloren. Es ist traurig, aber es ist wahr."
„Fontenelle," antwortete der Abbe, der anfing, sich über diesen Ton höhnischer Nachsicht aufzuregen, „ich wundere mich sehr über deine Redensarten und über die Masse unglaublicher Dinge, aber ich will dir sagen, daß ich nicht deine Blindheit bewundere, die dich glauben läßt, unfehlbarer Schiedsrichter in Geschmacksfragen zu sein, die sich doch von Gaumen zu Gaumen ändern."
„Das ist Ketzerei, mein lieber Dubos, und wenn ich dich jetzt zum Bischof ernenne an Stelle von Deauvillers, so möchte ich sehen, ob du damit einverstanden wärest, wenn sich der Olaube von Gewissen zu Gewissen ändern würde. Es ist nötig, unbestechlich in Dingen von solcher Wichtigkeit zu sein und in der Gewißheit zu leben, den richtigen Weg zu gehen, während die anderen noch im Kreis ihrer Sinnlosigkeiten Her
man, dah ungefähr 350 000 Phanerogamen beschrieben und noch 50 Prozent unbeschrieben sein mögen; für Cryptogamen werden trotz ihrer lln* Übersetzbarkeit und des vollkommen unflaren Spe- cies-Begriffes Zahlen bis zu einer Million als beschrieben und 50 Prozent unbeschrieben angegeben. Das gäbe für die Pflanzen etwa 2 025 000 in der Natur existierender Arten. — Somit können wir also heutzutage mit gutem Gewissen erklären, dah wir mit einer größeren Zahl von Jnsektenarten werden rechnen müssen als restliche Tiere plus Pflanzen zusammengenommen.
Darin liegt die eigenartige Schwierigkeit für die Bearbeitung der Insekten! Ein paar Zahlen mögen sonst ncch die Situation Hären: die Zahl der Arbeiten, welche über Insekten veröffentlicht find, beläuft sich bis zum Jahre 1863 auf etwa 27 000; die Zahl der Arbeiten für die Periode von 1864 bis 1925 kann auf ungefähr 400 000 geschäht werden. Die Zahl der Zeitschriften, in welchen jährlich über Insekten publiziert wird, dürfte etwa 2500 betragen, verteilt auf etwa 50 Sprachen. Dem entgegengesetzt steht die geringe Zahl der wissenschaftlichen Arbeiter, welche in den einzelnen Ländern die Erforschung der systematischen Entomologie als Lebensberuf haben: für Deutschland nur etwa ein Dutzend, und selbst in den Vereinigten Staaten, wo die Entomologie wegen der anerkannten Bedeutung der angewandten Entomologie so riesig groß ist im Verhältnis zu Deutschland (die Zahl der beruflichen angewandten Entomologen in Deutschland ist sicher geringer als fünfzig, während sie für 11.6.01. sicherlich 2000 überschreitet), ist die Zahl der beruflichen systematischen Entomologen auch ungefähr nur fünfzehn. Allerdings muh hinzugefügt werden, dah die Verwaltungsstellen für angewandte Entomologie in den Vereinigten Staaten die Bedeutung der systematischen Entomologie gerade wegen ihrer Beziehung zur angewandten (die systematischen Forschungen sind einer der Grundpfeiler für die angewandte Entomologie) dadurch pflegen, dah sie ihrerseits stets eine größere Anzahl von Wissenschaftlern alljährlich zur Systematik sozusagen abkommandieren. Im laufenden Jahre haben sie z. B. drüben über eine halbe Million Mark für systematische Forschung zur Verfügung gestellt.
Eine Eigenart der Systematik bestand von jeher darin, dah sich (z. B. im Gegensatz zur experimentellen Zoologie) eine große Zahl von sogenannten Liebhabern privatim mit ihr beschäftigte. Wenn viele von ihnen auch nicht die genügende wissenschaftliche Vorbildung hatten, so muß doch ohne weiteres anerkannt werden, daß viele Liebhaber in ihren Leistungen den Berufskollegen gleich waren. Allmählich wuchsen aber den Liebhabern die Insekten sozusagen über den Kopf. Längst ist es dahin gekommen, daß die jüngeren Liebhaber nur mehr oder weniger kleine Gruppen von Insekten übersehen können. Darin liegt die Gefahr der Isolierung. Dazu kommen die immer höheren Kosten für das Liebhaberstudium, die allgemeine Verschlechterung der sozialen Lage in neuerer Zeit und auch etwas die „Mode". All das hat eine rapide Abnahme der Liebhaber und eine Abnahme der Qualität ihrer Arbeit zur Folge, so daß man in den letzten Jahren bereits mehr als einmal zu hören bekommen hat, daß die Liebhaber allmählich an- gefangen haben, eine gewisse Gefahr für die Entomologie zu bilden. Mag die Behauptung auch etwas kraß sein, etwas ist sicher daran.
Aus denselben Gründen kam es dahin, daß die meisten Berufs-Zoologen sich immer mehr von der unfruchtbaren systematischen Forschung fernhielten. Die sekundäre Folge war, daß die etatsmäßigen Stellen für »systematische Entomologie nicht entsprechend vermehrt wurden. Die Zahl der Jnsektenarten kreuzt sich also immer mehr
um stolpern. So mußt du mir also erlauben, über deine Spargel in Oel zu lachen, während ich die meinigen in Butter esse."
„Deine Ironie zeugt von keinem guten Benehmen." fistelte Dubos.
„Willst du damit sagen, daß es eine Ironie in Oet ist?" erwiderte zynisch Fontenelle.
Dubos, der dick war, einen kurzen Hals und eine üppig gerötete Gesichtsfarbe hatte, wurde violett.
„Ich könnte dir beweisen, daß ich auf die Geistlosigkeiten deiner Sähe trefflich antworten konnte, denn alles an dir ist Hoffart, Fontenelle!"
„Du hast keine Demut, Dubos, du bist bar jeder christlichen Güte, du hast weder Einsicht noch Ergebenheit. Die Natur hat dich wahrhaft übel bedacht. Cs ist wahr, dafür kannst du nichts, aber dein Geist hat keine Demut, die die Diener des Evangeliums haben müssen bei der Betrachtung ihrer Schwächen und Geringheit."
Alle diese Worte sagte Fontenelle mit einem Ton so rußiger Giftigkeit, daß der Abbe sie nicht mehr ertragen konnte: er erhob sich von seinem Sih, um seine Antwort mit stärkerem Nachdruck zu füllen, aber wie von einem Schlag getroffen, verdrehte er die Augen, schloß wie betäubt den genußsüchtigen Mund und öffnete ihn, um stoßweise Atem zu schöpfen. Plötzlich fiel er stumm und lautlos zu Boden. Ein Schlaganfall hatte sein Herz zum Stocken gebracht.
Die Diener kamen, hoben den Leblosen auf und trugen ihn in das nächste Schlafzimmer. Fontenelle aber schüttelte mitleidig den hageren Kopf, Bvonne kam durch die Türe, und da sie noch nicht von dem Vorfall unterrichtet war, fragte sie: „Was gibt es, Herr von Fontenelle?"
„Alle Spargel in Butter, meine Teure, alle ohne Ausnahme," gab Fontenelle zur Antwort.
Hochschulnachrichten.
Amtlich wird die Ernennung des o. Professors Dr. theol. Franz Josef D ö l g e r von der Hni- versität Breslau zum ordentlichen Professor für Kirchengeschichte, allgemeine Religionsge- fchichte und vergleichende Religionswissenschaft fowie christliche Archäologie und Patrologie in der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn als Nachfolger des emerit. Geh. Regierungsrats Prof. A. Ehrhard bestätigt.
Dr.-Jng. Hermann Josef Menges zu Duch- schlag (Hessen) ist als Privatdozent für Mechanik an der Technischen Hochschule in Darmstadt zugelassen worden. — Der ordentliche Professor der Kunstgeschichte an der Universität Berlin, Geh. Regierungsrat Dr. Adolf Goldschmidt ist auf seinen Antrag zum 1. Oktober 1929 von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


