Ausgabe 
23.4.1929
 
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Nr. 9 4 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 23. April 1929

Zu Mob Vurühardts Nachlaß.

Von Friedrich Gundolf.

Die Werke Iakob Burckhardts find im vorigen Jahre frei geworden und helfen vielleicht dos "Sinken der Bildung ein wenig verzögern, der geschichtlichen Seh rast, die mehr als in den Seiten derBarbarei" heute gefährdet ist durch die fixen Ideen der Wiffenschast selbst und durch die Buh- oder Reizfucht des außerwissenschaft- lichen Lebens. Bildung als allseitige Empfäng­lichkeit für menschliche Gesichte in der Zett Bil­dung als aktives Bcrlangen noch Gestalt ves oott- oder naturgegebenen Wandels, nicht als felbstzweclliche Kenntnis möglichst vieler oder möglichst genauer Tatsachenmoisen. oder als qrundsähliche Anreihung oder Schichtung von Zustands^ oder Bo^angserbschasten, Bi Dung als geschichtliches Wcltgesicht. nicht als Methode am beliebigen Stoff geübt und nicht als..Kritik von Lleberlicserungen. hat in oaiob Vurckharell zuletzt einen umfassenden Trager und Hüter ge­funden. Die Gesamtausgabe feiner Werke, von Albert Oeri und Emil Dürr veranstaltet bringt ein Menschenalter nach seinem Tode gerade dieses Bermächtnis noch , einmal eindr'.ng.ich vor unsere Augen, in derselben Zeit, da es durch die Erleichterung und Verbreiterung des Zugangs Gefahr läuft, dem allgemeinen Schmawort- geschwäh oder dem dekorativen Getändel noch wahlloser ausgeliesert zu werden.

So wünschenswert es bleibt, daß der große Lehrer jedem Bedürftigen vernehmbar und er­reichbar werde, möglichst unabhängig von Mit teln des Habens und Scheinens, so schade Ware cd. wenn er aus einem Mcmschenlund.r ein Meinungsvorrat würde. Der 7. ^nd der samtausgabe enthält als vollkommen neues> Wert aus dem NachlaßHistorische Fragmente (wie es die Herausgeber nennen), eigentlich eine apy ristische Weltgeschichte, susammengestellt aus Aufzeichnungen, Auszügen. Merkmalen, vre sich Durclhardt 'jahrzehntelang zu versa)ie7ene>ii B verfitätsvorträgen aus dem ganzen <2>cbic oct Weltaeschichte von den alten AegYPtern bis zu Napoleon angefertigt. Emil Dürr g'bt, gewarnt durch die fch i'-'men Erfahrungen eines Dorga.- gers bei der Edition der griechischen Kultur-

Das neue Rumänien.

Bon unserem ll. ^.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

D u k a r e st, April 1929.

Seitdem vor nunmehr fünf Monaten die national-zaranistische Regierung in Rumänien ans Ruder kam, ist für dieses Land eine neue Epoche angebrochen. Der Delage- riingszustand wurde aufgehoben, sogar in Dessara- bien. Die neue Regierung entfaltet eine fieber­hafte Tätigkeit, vielfache Gesehesvorlagen wurden von Ministerium und Parlament beschlossen, und jetzt nach Ostern beginnt die große Diskussion um die allgemeine Verwaltungsreform, die den gesamten Verwaltungsapparat Rumä­niens von Grund auf ändern soll. Presse und Regierung enthüllen die Vergehen der früheren Regierung kurz, es hat die Entschei­dungsschlacht gegen die Korruption in jeder Form begonnen.

Bevor man jedoch ein Urteil über die Tätig­keit der Regierung und über ihre Aussichten in dem Kampf gegen den Mißbrauch der Gewalt und für ein zivilisiertes Rumänien beurteilen kann, muß man einen kurzen Rückblick auf den Zustand des Staates werfen, wie chn die Brüder Bratianu hinterließen. Ohne einen solchen Ver­gleich versteht man den jetzigenheiligen Krieg" der Regierung Maniu im Innern des Landes nicht.

Im Laufe der letzten zwanzig Jahre war Ru­mänien kein moderner Staat, sondern eigentlich ein Privatgut der Familie Dra- lianu. Die Brüder der Bratianu belohnten alle, die sich um sie verdient gemacht hatten, und bestraften die, die sich Ungehorsam chnen gegenüber zuschulden kommen liehen. Die so­genannte liberale Partei setzte sich aus Schma­rotzern und Dienern, bestenfalls aus Beamten der Bratianus zusammen, die samt und sonders nur das eine Interesse hatten: Vertrauen und Anerkennung von der Familie Bratianu zu ern­ten. Das Staatsinteresse, das Interesse des Volkes stand in zweiter Linie. Besonders d i e neuerworbenen Provinzen hatten nur den Zweck, der Bereicherung eben der Diener Bratianus zu dienen.- Oft genug haben die Präfekten von Bessarabien, der Bukowina oder Siebenbürgen nach fünf bis ^chs. ja schon nach vier Iahten ihre famoseVerwaltung" nieder­gelegt. um als große Herren auf prächtigen Sitzen Waffen, Silberzeug oder kostbare Spitzen zu sammeln.

Eine so allgemeine und wahrhaft virtuose Be­stechlichkeit kannte sonst kein Land Europas, wohl keines auf der Welt. Alle Beamten, angefangen vom Minister bis herab zum letzten Mann mach­ten sich bezahlt. In der ganzen Verwaltung von oben bis unten und von unten bis oben bestach jeder und ließ sich bestechen. Fast jeder hatte seinen festen Preis. Ihrer aller Interesse war auf das engste mit dem der Familie Bratianu verknüvst, die die Herrin des Staates war. In wahrhaft grandioser Form verwirklichten die mächtigen Brüder das Prinzipleben und leben lassen". Unter diesen Umständen war es selbst­verständlich, dah das ..liberale" Regiment seine Funktionäre ausschliehlich aus der sogenannten Reg ata" nahm, dem Territorium, das das rumänische Königreich vor dem Balkan­kriege umfaßte. Rur Rumänen aus der Regata tonnten es zu Amt und Würde bringen. Ist es verwunderlich, dah sich in sämtlichen anderen Provinzen ein tiefer Hah gegen die rumänische Bureaukratie herausbildete. deren moralisches Ri- veau noch tiefer lag als deren Bildungsgrad? Die Sikuranza schließlich, die rumänische po­litische Polizei, kann sich ein Europäer einfach nicht vorstellen. .

Wirtschaftlich hielten die Bratianus syste­matisch und bewußt die Teilnahme ausländischen Kapitals am Wirtschaftsleben fern. Die indu­strielle und finanzielle Leben des Landes, sowie der gesamte Kredit geriet in die Hände von liberalen" Banken und damit ebenfalls in die Hände der Bratianus. Diese Banken waren richtige Wucherinstitute, und die Familie Bra­tianu machte sich unter dem Vorwand, die Werte

des Landes jn rumänischer Hand zu behalten, unter kluger Benutzung der gesetzgebenden Ge­walt zu Herren eines Systems von Ausbeutung und Betrug, das letzten Endes nur die Minister und die hohen Beamten mit noch mehr Geld versorgte. 51 m eine soziale Revolution zu Der- meiden, haben die Bratianus unter dem Pseu­donym Averescu eine radikale Agrarreform durchgeführt, bei der sie alte Landbesitzer, be­sonders in den neuen Provinzen, einfach ent­eigneten. Aber man gab den Bauern Land, ohne ihnen gleichzeitig Betriebsmittel. Agrar­kredit oder sonstige wirtschaftliche Hilfe zu ge­währen. Man legte ihnen Steuern und Abgaben auf, ohne ihnen die Möglichkeit zu kaffen, diese auch abzutragen. Unter diesen Bedingungen konnte Rumänien natürlich aus der ewigen Wirt­schaftskrise nicht herauskommen. Im ganzen Lande herrschte tiefste Unzufriedenheit, die jeden Augen­blick zu heller Wut und zu hellem Aufruhr auf­flammen konnte.

War die Lage im Gebiet der alten Regata schon schlimm, so war sie in denbefreiten" Provinzen tausendmal schlimmer, vor allen, in der Bukowina und in Bessarabien. Dort herrschte das Verwaltungsprinzip: nehmen so viel wie möglich und dafür geben so wenig wie mög­lich. Die rumänische Verwaltung saugte die Pro­vinzen buchstäblich aus. Zehn Iahre ist das so gegangen. Was dort an Werten vorhanden ist, entstand auf dem Wege der Selbstverwaltung oder war von der russischen oder österreichischen Verwaltung noch übernommen: Hospitäler, Agrar­kreditinstitute. Genossenschaften und sonstige Ein­richtungen. Folge davon: Be s s a r a b ie n ,eine der reichsten Provinzen des alten Rußland, lei­det heute Hunger, vier Distrikte. Acker­mann. Kagul, Dendery und Kischinew müssen von Staats wegen ernährt werden. Die Land­wirtschaft ist in vollem Verfall, Der Handel geht zurück und die Stadt Kischinew wird von Tag zu Tag ärmer. Die Industrie ist ruiniert und ganz Bessarabien stirbt langsam ab. In der Bukowina ist T s ch e r n o w i h , einstmals blühend und reich, früher das östliche Wien genannt, heute arm und tot. Das deutsche Theater wich einer rumänischen Rationalbühne, Die sich nie­mand an sieht auch diese Provinz ist nach zehn Iahren ruiniert.

So war die Lage Rumäniens beim Scheiden der Brüder Bratianu, der alten Freunde der Entente. Das national-zaranistische Kabinett Maniu ging mit einem sehr umfangreichen R e- formprogramm an die Arbeit. Auf poli­tischem Gebiet verfolgt es das Ziel, die Korrup­tion mit der Wurzel ouszureihen. auf wirt­schaftlichem Gebiete will Maniu, abgesehen von der Stabilisierung Der Währung, die Allmacht Der liberalen Bank und Deren Verflechtung mit Dem gesamten Wirtschaftsleben Rumäniens bre­chen. Es ist vor allem an die Schaffung eines wohlfeilen Agrarkredit; gedacht, wobei natürlich Auslandskapital nach Rumänien gezogen werden müßte, und an landwirtschaftliche Amelio- rcticnen, um Hungersnöte, wie fie gegenwärtig in Bessarabien einander ablösen, in Zukunft un­möglich zu machen.

lieber allem guten Willen Darf man jedoch Die großen Schwierigkeiten nicht ver­gessen, Die sich Der Durchführung Dieses Pro­gramms entgegenstellen. Die Königsfrage erscheint grunDsählich geregelt, da Der Prinz Carol durch seine ..Unternehmungen" im vori­gen Iahre auch in Der Armee Den letzten Rück­halt verloren hat. und nun nicht einmal mehr als Kandidat für die Mitgliedschaft im Regent­schaftsrat in Frage kommt. Von Dieser weite her sind also keine Schwierigkeiten zu erwarten. Etwas anderes ist es mit Den Gegensätzen. Die innerhalb des Kabinetts selbst vor­herrschen. Cs handelt sich ja um eine Koali­tionsregierung. die aus zwei Parteien be­steht, nämlich aus Den rumänischen Rationa­listen Transsylvaniens und Den Zaranisten oder Der Bauernpartei. An Der Spitze der Ratio- na I i ft en stehen Maniu. Magearu, der Han­delsminister, und der Wojwode Vaida, der Mi­nister des Innern. Der Einfluß der Zara» nisten ist besonders stark in Bessarabien, der Bukowina, der Dobrudscha und im Banat. Die

Bauern. Die im Gegensatz zu Den neun Porte­feuilles Der Rationalisten Deren nur Drei besitzen, haben an ihrer Spitze die starke und einfluß­reiche Persönlichkeit des Landwirtschaftsministers M i ch a l e k. Es ist nun klar, daß aus dieser ungleichen Verteilung Der Ministersitze Unzu­friedenheit besonders im zaranistischen Lager ent­stehen muß. was von Der liberalen Presse weid­lich ausgenüht wird. Da jedoch jedermann weiß, daß ein Bruch der Koalition nur den Liberalen zugute kommen könnte, hofft man, Maniu werde start genug fein, um Die Parteien zusammenzu- halten. Erschwerend fällt allerdings ins Ge­wicht. Daß Der zweite Parteichef Der Zaranisten, Der Professor Stere, auf Betreiben Der Fran­zosen und Der EnglänDer bei Der Verteilung Der Portefeuilles leer ausging. WeDer in Paris noch in London hat man es nämlich dem Pro­fessor verzeihen können, daß er während Der Be- sehungszeit in Bukarest geblieben unDv mit Den Deutschen zusammen gearbeitet hat. 2m Grunde genommen handelt es sich aber, wie man sieht, bei Dem Konflikt innerhalb des Kabinetts nur um Fragen personeller Statur, während auf der anderen Seite in politischer Hinsicht weitgehende Hebereinftiinmung besteht, obwohl die Zaranisten links von den Rationalisten stehen und ein radi­kaleres Programm verfolgen.

Ein neuer Gegner ist dem Kabinett Maniu in der Kirche erstanden, und diese Gegnerschaft kann nicht ernst genug genommen werden. Aeußer- lich handelt es sich darum, daß die Kirche die Regierung anklagt, sie begünstige die sogenann­ten katholischen Tendenzen der rumänischen Sy­node, die in Hebereinstimmung mit dem Patri­archen angeordnet hat, daß das Osterfest dies­mal nach dem neuen Stil auf Den 31. März und nicht auf den 5. Mai fallen solle. Der ortho­doxe Flügel der Kirche, Der sich großen Ein­flusses in der Moldau und in Bessarabien er­freut, hat auch gewaltige Macht innerhalb Der Armee, und er hat es auch wagen können, die Anordnung der Regierung im Hinblick auf das Osterfest in der Moldau und in Bessarabien un­beachtet zu lassen.

Das größte Hindernis wird Der Regierung jedoch von Der Beamtenschaft selbst be­reitet. die persönlich durchaus mit der liberalen Partei verwachsen ist und von Den Deformen Manius wenig oder nichts zu erwarten hat. Don diesen Beamten wird eine Sabotage getrie­ben, Die gerade in letzter Zeit überaus ernste Formen angenommen hat. und dies um so mehr, weil Die Regierung natürlich nicht über genügend ausgebildetes Menschenmaterial verfügt, um mit einem Schlage die widerstrebenden Beamten durch regierungstreue Personen zu ersehen. So er­innert Denn die ^Regierung Maniu an einen Generalstab ohne Armee oder vielmehr an ein oberstes Armeekommando, dessen Truppen wider die Führer aufbegehren.

Außenpolitisch verfolgt das Kabinett Maniu offenbar Die großen Linien weiter. Die für Die Politik Bratianus maßgebend waren. Dies hängt eng mit Der Tatsache Der finan­ziellen Abhängigkeit Rumäniens von Frankreich u n D England zusammen. Andererseits jedoch ist ein fühlbarer Unterschied gegenüber der früheren Regierung in der Hal­tung Manius gegenüber der Kleinen En­tente festzustellen. Die Kleine Entente bringt Rumänien wirtschaftlich keine Vorteile, Da es mit Den Agrarstaaten Südslawien unD Der Tschechoslowakei in feinen Güteraustausch treten kann. Maniu wünscht aufrichtig ein Bünd­nis mit Ungarn unD Bulgarien und mochte außerdem auf die wirtschaftliche und tech­nische Hilfe Deutschlands zählen. In maß­gebenden Kreisen von Bukarest herrscht die Mei­nung vor. Daß sich Rumänien ohne deutsche Hilfe wirtschaftlich nicht entwickeln könne, und so wünscht es erklärlicherweise normale und freundschaftliche Beziehungen zu Berlin. Was Ungarn anlangt, so ist die unangenehme Frage Der magyarischen Optanten vorläufig gelost. Ebenso ist man dabei, die Frage der Entschädi­gung der bulgarischen Enteignungen zu bereini­gen." um Den bulgarischen Minderheiten in der Dobrudscha ein erträglicheres Dasein zu ver­schaffen.

Geschichten aus aller Welt.

Schimpanse em Bartisch.

Paris.

Das Eröfsnungsfest eines neuen Pariser Kaba­retts wurde durch das unerwünschte Auftreten eines Schimpansen in eine Tragikomödie ver­wandelt. Mitternacht war schon vorüber, die Stimmung der Gäste hatte Den Höhepunkt er­reicht, alles jubelte und tanzte nach Den Klängen einer ganz vorzüglichen Jazz-Musik, als sich plötzlich eine Rebentür öffnete und ein aus­gewachsener Schimpanse in Den Saal trat. Mit ein paar Sähen war er an Der Bar angelangt, setzte sich auf Den Bartisch und fing an, Die Gäste mit allen in seinem Handbereich liegenden Gegenständen zu bombardieren. Teller, Lllörflaschen und Gläser verschönerten bald Die spiegelglatte Tanzfläche. Alles stürzte panikartig ins Freie, während der Wirt über Tische und Stühle die Iagd auf seinen Schimpansen auf­nahm. den er auch nach einiger Zeit einfangen und wieder an seine Kette legen konnte. Von der Fortsetzung Der Feierlichkeiten wurde für diesen Tag abgesehen. (Man fragt sich bloß, wozu muß sich so ein Wirt ausgerechnet einen Affen halten?)

Preiswerte Schlangenbisse gefällig?

(m) Kopenhagen.

Die ärztliche Praxis des Dr. Matti Kar- vbnen ließ viel zu wünschen übrig. Die Bürger der finnischen Westküstenstadt Björneborg waren eben ein gesunder Menschenschlag. Sie krankten höchstens an Der Trockenlegung. ...

Auch das Geschäft des Zoologen Elias Me- kinen ging recht schlecht. Wer sollte auch in der heutigen schweren Zeit Luxustiere, wie Angora- Laßen. Papageien und dergleichen mehr kaufen? Roch dazu in einem Rest wie Björneborg!

Für geschmuggelte Alkoholika aber hatten die braven Björneborgcr ein reges Interesse. Sie

gaben gern ihr Letztes für einen guten Schluck hin. Die Beschaffung von Alkohol war aller­dings eine verflixt schwierige Angelegenheit. Der Oberbürgermeister ein trockener Geselle ver­stand diesbezüglich feinen Spaß und seine Voll­zugsorgane kargten weder mit empfindlichen Geld- noch mit Freiheitsstrafen. Da war guter Rat wirklich teuer.

Die Björneborgcr hatten also Durst. Die Pa- tientur des Dr. Karvonen wollte nicht zunehmen. Und das zoologische Geschäft des Elias Mekinen stand kurz vor Der Pleite. Rach einigen schlaf­losen Rächten gelang es jeDoch Dem tüchtigen Mediziner, diese Drei bedauerlichen Tatsachen auf eine gemeinsame Plattform zu bringen. Seine Idee sollte den Durst Der Björneborger stillen und ihm sowohl wie seinem Freunde Mekinen aus die Beine helfen.

Zu diesem Zwecke ließ Mekinen zwei nied­liche Schlangen kommen. Ottern. Allerdings keine Kreuzottern, vielmehr ganz harmlose Ottern ohne Kreuz und ohne Giftzähne: zwei ausgewachsene Exemplare einer in Finnland beheimateten Rasse. Und doch repräsentierten sie in diesem Falle einen weit größeren Wert als eine von den Siegern bisweilen göttlich verehrte tropische Bon constrictor. Die Ottern bissen nämlich mit einer erstaunlichen Ausdauer! Wohl waren ihre Bisse in höchstem Grade ungefährlich, doch blieb dies ein Geschäftsgeheimnis ihres Besitzers sowie des Kompagnons Dr. Karvonen. Die Gebissenen ha­ben sich natürlich schwer gehütet, dies Geheimnis zu lüften; Die famos abgerichteteii Schlangen bissen ausschließlich vertrauenswürdige Männer. Sie taten cs überdies recht preiswert: ein Biß kostete nur 15 Mk. Für weitere 5 Mk. verschrieb Dr. Karvonen denVerunglückten" Alkohol. Als Gegengift. In größeren Mengen natürlich: Schlangenbisse sind eine gefährliche Sache. ...

gefchicht:, vielleicht zage durch Burckhardts Scheu vor der Publikation ungestalteter Dorarbetten unD Rachlaßrestc. in einem Vorwort genaue Rechenschaft über fein Verfahren, über Den Zu- ftanD Der Vorgefundenen Schätze und über Deren eigene Geschichte. Wem es nicht um Sachen aus dem neuesten Stand der Wissenschaft', um methodische oder kritische Modebestände zu tun ist, sondern um die Gedanken eines hohen Geistes. Der kann Diese Gabe nur mit freudig staunen­dem Dank hinnehmen.

Es ist trotz aller Lücken im Stoff (wozu man auch die durch neuere Forschung überholten Fak­tenbilder rechnen mag), trotz Der oft vorläufigen Form, trotz oder auch wegen der monologifchmi Heftigkeit oder Bosheit der Urteile ein Buch, nicht nur Der wandelbaren Wissenschall. son- Detn der Weisheit, nicht der Kenntnisse. sondern Der Erkenntnis, nicht nur Der Meinungen, sondern Der willentlichen Einsicht. Auch Die Aphoristik, daä scheinbar Bruchstückhafte ist hier kein solcher Mangel, wie cs bei fanatischen Systematikern oder Methodikern wäre. Der zugleich einheit­liche und spannnngsreiche Seelengrund, traft dessen BurckharDt Den unendlichen Stoff aus­wählt, wahr und wichtig nimmt und Darstellt, ohne Sllüße um einen begrifflichen Zufammen- Hang (wie oft Zufammeazwang!) und ohne Singst vor Der Unvo'llständigkeit. weil er von vornherein weiß, wie zufällig, winzig und wlll'.ürlich auch das ergiebigste OucIIcnmafrriat gegenüber der Wirklichkeit ist. erscheint in jedem Einzelsatz der Fragmente und gibt ihnen eine Rundheit und Fülle, zugleich eine Helle und Welle ringsum, wodurch diese Sammlung Den stofflichen Schul­büchern wie den systematischen Geschichtsphilo­sophien überlegen ist und abermals Dartut, Daß cs zuerst auf Augen und nicht auf Gesichtspunkte mit Brillen ankommt, auf Die persönliche Geistes- sülle und nicht auf dingliche Erlernbarkeiten und Anwendbarkeiten. , .

Daä Werk hört fich an wie Das Selbstgespräch eines Geistersehers oder wie das Zwiegespräch mit Den Geschichlserlcheinungcn... mehr als die Bücher und die Kollegin selbst entlastet von dem SZerantwortungsgefühl des Lehrers des Künst­lers und des Bürgers, Der BurckharDt sich suhlte. sobalD er öffentlich erschien. Er war völlig frei von Gefallsucht unD Selbstgenuß oder er beimpfte

mit erfolgreicher,Leidenschaft Derartige Regungen in sich von früh an... er hielt Das Absterben Der persönlichen Eitelkeit für eine unumgängliche Vorbedingung der Größe, und so wenig er je den großen Mann gespielt hat bis zur Furcht, ja bis zum Ekel abwendig jeder Art von Getue und Gehaben, nach außen hin, so muß er doch Den Stachel seines eigenen Genius gefährlich ge­spürt haben. Sein Schönheitssinn Dagegen, feine unter deutschen Gelehrten fast einzige Empfind­lichkeit für Mängel des Erscheinens, (nicht des Scheinens) nötigte ihn auch, dem eigenen Bild unD Werk die lehtmögliche Reinheit, Rundhett, Bestimmtheit zu geben, nicht damit Das Publikum ihn lobe, sondern damit das geheimnisvot e All- Auge, das in seinem eigenen Bild sich verbürgte, ihn richtig schaue. Daher die feine Sorgfalt feines Stiles im Schreiben und Reden und die geniale Mühsal, womit er seinen mündlichen Vortrag durchsann, im Erscheinungsraum wi'derschafB.id, was er in Arbeitswochen bereitet

DieHistorllchen Fragmente" bieten noch mehr als die weltgeschichtlichen Betrachtungen den Zwi- fchenzustand zwischen Der unwillkürlichen Ein­gebung und der bewußten Formulierung... sie enthalten deshalb viel von der heimlichen Hal­tung, Meinung, Stimmung Burckhardts, viel von Der Baseler Medisanz, von Dem Gemurmel und GeschnöDel Der Dortigen kleinsten Kreise, von Der herzlich kalten Bosheit eines entschieDcnen Willens, Der nicht 5um Tun kommt, einer exube- ranten Humanität ohne Wirkfreiheit, Don_ einer bürgerlich verklemmten Vornehmheit. Sobald BurckharDt nach außen trat, verringerten sich diese Roidürfte seiner Seele und der Schwung des ver­nehmlichen und verewigten Wortes hob ihn über Die Mißhelligkeiten seiner Herkunft hinweg. Seine ..Fragmente" laßen einiges davon noch so deutlich vernehmen, wie Der Basler Anckdotenschatz. Doch sie zeigen zugleich unD Das^macht einen ihrer Reize, wenn auch nicht ihre TugenD aus --an welchen besonderen Plagen Burckhardts besondere Stärke wuchs, aus welchen Kleinlichkeiten er sich feine Große erzog, aus welchen Engen gerade er ein solches Pathos Der Freiheit, Weite unD des umfänglichen Begreifens bedurfte und errang. In feiner Kontemplation hebt mehr als inRan - fes Objektivität, die aus mystischer Beschaulich- feit eines protestantischen Frommen stammt, als

in Momms e ns politifch-advokatorischem Eifer, worin noch das Zelotengezänk Der Reformation nachwirkt, unbeschadet ihres persönlichen Wissen­schaftsingeniums. die Leidenschaft eines bildsüch- tigen und bildtrunkenen Künstlers, der sich in einem streng bedingten Bürgertum heimisch weiß und beklommen fühlt, Der heraus möchte ohne es eigentlich zu wollen und sich schadlos hält für die versagen Ueberschwängc durch Kritik, ja Strittet vaid an Den eigenen Wünschen, objek­tiviert alsWünschbarkeiten" wie er fie nennt, bald an seinen verehrten Wunschbildern und seinen bewanderte'.'. Furchtbildern, zumal Gewal­tigen oder ©etealtfa neu der Weltgeschichte: Dante, Michelangelo, Rapoleon. richtend von seinem Ver­zicht her. bald seinen Verzicht süh-^

nend und losend im Anschauen solches

Meister, welche in einer großen Sache aufge­gangen. auf gehoben erscheinen ohne Den Frevel des Sprengens und Stürzens: Raffael, Rubens, Cäsar. Auch sein Verhältnis zu den Religionen erklärt fich daraus: ein gewisser Traditionalis­mus, Der ihn, weniger aus romantischem Kunst­sinn, den universalen Kirchengefügen milder stimmte als Der. eifervollen Durchbruchsbewegun­gen zumal Profe'.ien mit fanatischen Macht­ansprüchen wie Puritanismus, Islam und Luthe­rei. haßte er geradezu. Dies sind bei ihm nicht Zeichen einer romantischen, dionysischen oder gar utilitarischenHeldenverehrung", sondern seines Vertangens nach Eintracht mit hoher Welt, das er im Zeitalter der objektiven Wissenschaft als Schüler Renkes vielleicht mißdeuten konnte als Sachenfron. Immer wieder überrascht uns bei ihm und zumal in diesen unbewachterenFrag­menten" Die Spannung zwischen sehnsüchtigen Sinn für Groß- jeder Art und der geheimen Angst Basler Angst. Humanistenangst. Dürger- angst (niemals Psafsenzorn) vor ihrer Ver­wirklichung. Sein berühmter Sah:Die Macht an sich ist böfe" hat weniger einen politisch-pazi- sistischen Sinn als einen religiösen und ist Der Ausdruck einer Furcht vor Wirkungen, für Deren Gründe er Ehrfurcht empfand.

Fragen wir nach dem eigenllichen Wahrneh- mungs'bereid) dieser Vorträge, d. h. nach Den Wesen­heiten. aus Denen und für Die BurckharDt zur Ge­schichte tarn, zugleich Die Zentren, welch.' ihm Die ungeheuren Stoffmassen orDncten ohne die Erleich-