Ausgabe 
23.2.1929
 
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Samstag, 25. Abruar 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 46 Zweites Blatt

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Friedrich Spielhagen

3u seinem 100. Geburtstage.

Von Hanns Martin Elster.

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freute. Die- jung« Volksleben ist reich an starken Kräften eines echten praktischen Idealismus. ES ist reich durch die eigentümlich« Gastli hkeit des amerikanischen Geistes, mit dec er unendlich emp­fänglich alle Anregungen, woher sie immer kom­men, begrüßt und aufnimmt. Und dcnnochl Den­noch! Für uns heißt es: Soll Deutschland Ame­rika werden oder Deutschland bleiten? Deutsch­land, das will sagen: das Land des reichsten persönlichen Lebens in der Gewißheit der ewigen Dinge, im Dienst der unbedingten Werte, der das Wahre will, weil er das Wahre ist, das Gute tut, weil eS als unbedingtes Gebot seinen Sinn in sich selber hat. das Schöne liebt, weil in seiner h iligen Welt des Scheins allein im Spiele der Einbildungskraft der Geist im Bedingten die Vollendung des Unbedingten genießt, das Gött­liche sucht, weil nur in Gott als dem heiligen Willen der Geist die Ruhe findet, die ihn trägt, tröstet, kräftigt und richtet. Die deutsche Sen­dung muß die Seele des deutschen Staates und deS deutschen Volkes werden. Deutschland wird im Geiste leben oder es wird untergehrn. Rur der deutsche Geist kann das unpolitische Weltreich der deutschen Kultur erhalten, durch welche dieses Volk als eine Einheit des Lebens bewahrt bleibt. Bleibt Deutschland dem Geiste treu, fo bleibt es und wächst es als ein Volk von vielen hundert Millionen, - ein Weltreich des Frie­dens und der geistigen Eemeinschast. In seinem unpolitischen Reiche strömen de n politischen Reich die Kräfte. Alle deutsche Geschichte war Todes­gefahr. Wieder und dringender als je lautet die Frage: Wird Deutschland bleiben? Rie war die Ausgabe den Arbeitern les Geistes höher gestellt. Sie "sollen wie nie zuvor die Führer ihres Volkes sein. Deutschland wird aus dem Geiste neu geboren werden oder es wird vergehen.

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taten nationalen Entschlossenheit und Bewußt­heit. So aber löst sich au8 dem Verhängnis die neue Aufgabe heraus. Die Auslanddeutschen, die bis dahin nut Versprengte waren, sind zufam- mengeschweiht in die wahrhaftige Schicksals­gemeinschaft des Leidens um Deutschlands willen. Der neue deutsch« Dolksgedanke ist im Ent­stehen. in dem zum erstenmal in ter deutschen Geschichte alles, was deutsch ist auf der Erde, in feinen hundert Millionen sich weih und will als eine Einheit desselben Geistes und Willens zum Leben. Deutschland aber muh das Staats- volk im Volksstaate werden, das In seiner Selbst­verständlichkeit und Sicherheit der nationalen Bewußtheit ruht. Wir stehen nicht am Ente, sondern am Ansang der deutschen Geschichte.

Aber freilich geht das deutsche Wesen am Tore in sein neues Haus durch die schwerste Krisis seines Werdens. Don Geistern der Fremde so bedroht wie umstrickt ist es in Gefahr, sich selbst verloren zu gehen. Das Herz Europas hat immer die Dlutströme alles europäischen Ge­schehens durch sie hindurch-« eitet. Aber es ist, all den Rachbarvölkern freundlich, verwandt und nah, doch nie in ihnen aufgegangen, sondern hat aus ihnen allen den deutschen Lebens- und Dil- dungsgedanken genährt, in dem sich feine Wesen­heit siegreich offenbarte und bewahrte. Wie wird es in ter kommenden W« tzeit sein? Der ameri­kanische Gedanke lockt alle mit Sirenenllängen: Wohlstand für alle, Behagen für alle. Massen- und Allgemeingut, was bis dahin Luxus war, aber freilich bann auch nur Massendenken. Massenfühlen. Mas sengen eßen, Abweenh it des eigentlich persönlichen Lebens und der Einsam­keit im Ewigen. Der amerikanische Gedanke glänzt nicht nur als Gold, sondern auch als Jugend mit aller Liebenswürdigkeit kindlicher Lebens-

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Eine starke Strömung beherrscht heute literarisch« Leben und Urteilen. Sie hebt _ Zeitroman mit ihrem Lobe und ihrer Liebe über alle anderen Romanarten empor. Rach ihrer

Deutscher Geist und deutsches Volk.

Don Geheimrat Dr. Eugen Kühnemann, o. profeffor der Philosophie an der Universität Äreslau, Präsidenten der Gesellschaft für deutsches Schrifttum.

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(tote übrigens auch der Marschall Pllsudski selbst) toar niemals allzu begeisterter Bewunderer des Bündnisses mit Frankreich beide aber glaubten, daß Polen in den ersten Rachkriegs- sahren ohne Frankreich nicht auskommen könne.

Für die politisch« Orientierung Alk?nazhs toar eine peinlich« Rivalität mit dem tschechischen Außenminister D e n e s ch entscheidend, der dem klugen Polen immer ein Dorn im Auge war. Benesch war es, der dank französischer Unter­stützung das auch von den Polen beansprucht« Te s cheu für die Tscheche! sichern konnte; da­mals mußte Polen wohl ober übel auf dieses Stück des früher österreichischen Schlesiens ver­zichten. Der Ruhm Bencsch) wuchs und wuchs, er verstand ja, Reklame für sich zu machen, er wurde Intimus französischer und englischer Mi­nister und war bald der große Mann der Kleinen Entente. Von Askenazy aber sprach bald niemand mehr. . . Sogar der französisch« Gesandte in Warschau, Panajicu, der Vorgänger LarocheS. machte das nach Askenazys Auffas­sung brutale Kesseltreiben gegen den ehrgeizigen polnischen Diplomaten mit. Diese persönliche Ver­stimmung trägt zweifellos viel Schulo an der Schärfe der jetzigen Abneigung gegenüber Frank­reich.

Als Marschall Pllsudski zur Macht kam, gewann auch Askena^y neuen Einfluß. Mehr sogar, als er jemals als polnischer Hauptdelegier­ter in Gens besessen.hatte. Jetzt ist seine Stund« gekommen: er sagt, daS Bündnis mit Frankreich nütze Polen nichts, denn Frankreich könne nicht einmal Polens Westgrenze schützen und habe schon gar kein Verständnis für weitergehende Ansprüche Polens an diesen Grenzen . . . Frank­reich habe Polen in Locarno im Stich gelassen und es tue nun nichts für einen Ostpakt.

Die Angriffe sind im letzten Jahre besonder« heftig geworden, feit nämlich von Deutschland die Frage ter Rheinlandräumung aufgewor­fen wurde. Doch im Frühjahr 1927 war Zaleski nach einer Pariser und Genfer Reise fröhlich heim

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Warschau, Februar 1929.

Ob die politische Loslösung Polen- von Frankreich vollzogen wird oder nicht, ist heute eine müßige Frage. Die Tatsache, daß solche Pläne überhaupt bestehen, und sie sind ja auch von ungarischer und italienischer Seite mindestens angedeutet worden, zwingt zu ihrer Beachtung und wirst vielleicht auch neues Licht auf manche polnischen Maßnahmen, z. D. aus die Aus­lösung tes obersch'.esischen Sejm.

In den politischen Kreisen Warschaus, aber auch ganz öffentlich in der polnischen Presse spricht man augenblicklich viel von dem Streit, der zwischen den Anhängern und den Gegnern einer polnischen Allianz mit Frankreich ausgebrochen ist. Eingeweihte Kreise wissen schon lange darüber Bescheid, daß zwischen Frankreich und seinem vielgeliebten Alliierten Polen eine gewisse Abkühlung eingetreten ist und daß jetzt die französische Diplomatie ganz wie im Falle Deutschland die Verschleppung der pol- nisch-franzosischen Hantelsveriragsverl a.iil ngen mit dem bösen Witten der polnischen Regierung begründet. In den politischen Salons rings um die polnische Regierung erörtert man immer häu­figer die Mög'ich'eit einer neuen außenpo­litische nOrientierung Pol:ns und man denkt hierbei an eine Annäherung, vielleicht so­gar ein Bündnis mit Ungarn und Italien.

Hauptruser im Streite für die Abkehr von Frankreich ist ter frühere Hauptdelegierte Po­lens beim Völkerbund, Pros. Szymon Aske­nn z h , bet augenblicklich zwar kein offizielles Amt bekleibet, aber als außenpolitischer Ratgeber das Ohr tes Marschalls Pllsudski besitzt. Askenazy erklärt nun, Frankreich verso'ge In sei­ner Außenpolitik rein egoistische Motive, es stütze seine Alliierten, wenn sie ihm nützlich wären, aber es opfere bedenkenlos die Interessen seiner Freunde, wenn ihm dies zur Erreichung eines politischen Vorteils notwendig erscheine. A k?nazy

DaS deutsch« Volk scheint in feirem Erdengange und Schicksal bestimmt, das Volk des Geistes zu werden. Bis es in der Döllerwanterung in die Geschichte eintrat, nahm es auf sich den Ge­danken der neuen We tzeit, den Gedanken vom Weltreich ter Christenheit, in dem die Völker die Familie Gottes bilden. Der "-,'espalt zwi­schen der geistlichen und der weltlichen Gewa t, an dem es sich im Mitteln ter aj.ie.bt, ist im Grunde kein anderer als dec Zwiespalt zwi.chen Idee und Wirklichkeit. Ganz ter Idee angege­ben, versäumte es die erste Pflicht tes Volkes, einen starken Rationalstaat zu gründen, seit den Tagen Ottos tes Großen erscheint die deut­sche Geschichte wie eine Verschwörung, die Deut­schen jeder Hinein^evöhnung in einen gemein­samen nationalen Willen zu entfrenten: ein zweiter Beginn feiner Geschichte wurde diesem immer wieder kindhaften Vol e in der Refor­mation geschenkt. Es ist den Deutschen eine zu­gleich stolze und schreckliche Erinnerung, wie sie als das merkwürdigste aller Völler, und zwar ebensosehr in den Katholiken wie in den Prote­stanten, um einer reine n Frage des ©«wissens willen das nationale Dasein selber aufs Spiel setzen, bis es i.n Dreißigjähri en Kriege nahezu zum Verbluten des Volkes kam. Niemand wußte bei seinem Ende vor der namenlosen Ver­wüstung, daß ein Einziges gerettet war, die deutsche Seele.

So kam es denn, daß, als nach hundert Jahren der Deutsche bc :ann, ein neues Reich aufzurichten, es ein reine 3 Reich der Seele toar. Die große deutsche Musik Halle es eingeläutet, mit den Klängen, die aus ter ©ottoerbunben- hrit des deutschen Cenütes stammten. Die große deutsche Dichtung sand den Weg zurück zum .Ur­quell ursprünglicher Poesie und wurde in Klop­ft ock wieder die Sprache des von den Ewigkeits­vorstellungen bis ins Innerste erschütterten Her­zens. Aber das Eigene, was hier zum erstenmal in ter ganzen Geschichte des Menschengeistes ge­schah, war dies, daß der Lebsnsgedanke der neuen Bildung, die hier intstehen wollt«, sich gleichzeitig als Dichtung und Phllosophie aus­sprach, Gestaltung und Gedanke bilde.en die­selbe neue Welt. Wenn in Goethe die größte Arbeit der Selbstbildung geschah, in ter die Welt Geist, der Geist Welt tourte, das Ich sich ent­faltete am Gesamtumkreis ter Sachlichkeiten und so der Menschen.pe'Ü zu einer nie geahnten Fülle der Selbstosfenbarun) kam, so maß Kant dem Geiste den ganzen Umfang seiner Möglichkeiten auS und lehrte die Menschheit, sich in der Ganz­heit ihrer Aufgaben zu erkennen. Herder aber gab diesem neuen deutschen Tildungsgedanken aus der Freude an deutscher Art und Kunst heraus den Zug zur allverstehenden Menschen­liebe. Aus ter Kantschen Kritik entwickelte Schil­ler die Prophetie von der Ganzheit des Men­schentums als dem letzten Ziele und riß die Seele empor durch die erhabene Erschütterung an den Bildern des mit den Schicksalsmächlen unablässig um seine Freiheit ringenden Menschengeistes. Fichte toar es Vorbehalten, die hohe deutsche Bildung in nationalen Willen zu verwandeln. Am Stolz ihrer Sendung für das Menschheits­reich des im Ewigen lebenden Geistes hob er die Verzweifelnden e.npor. Hegel aber türmte das gewaltsame System, in dem Gc« he und Kant, ter ganze Dildungspehall des Goelheschcn Schauens und in dir scharfe Sie e tes Kant'chrn Wissens um die Notwendigkeiten tes Geistes, zur Einheit kamen. Das Weltreich te3 deutschen Geistes umspannte alle Sie.c und Weite der Geistigkeit. Mit ihm gewann Deutschland die Geltung eines großen Volke; für die Welt zu­rück und wurde der Lehrer ter Menschheit. Aber als höchstes lebte in dem al en ein neuer Le- bensgebanke, eine neue Gewißheit, die als ein lebendiger Glaube das deutsche Wesen zugleich ausdrückte und beseelte. Es ist ter Glaube, daß der Sinn des Lebens nicht darin liegen fann, möglichst hohes Behagen In Genuß für möglichst viele zu finden, sondern darin, baß wir ein per-

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Anschauung und nach ihrem Willen soll der Epiker zuerst feine Zeit gestalten und seiner Zeit dienen, mit der Anerkenntnis von ^Aktualität", besser Gegenwärtigkeitaktuell", besser Zeitgenosse fein und diese unsere Zeit beuten, klären, führen, beeinflussen, formen. Dem Dichter des Zeit­romans gebühre allein der Zulauf der gleichzeiti­gen Leser, er habe heißt es mit Recht den Vorzug vor Epikern, die historische ober rem geistige Stoffe verarbeiten, vor afl denen, die die Ewigkeit höher als das Zeitliche, die Unend- liche mehr als das nur Endliche, das Göttliche tiefer als die nur gegenwärtige Form des Mensch­lichen schätzen. Wir haben genug Beispiele von Wassermann bis Werfel, von Heinrich Mann bis Rudolf Herzog, die. jeder auf seine Art, den Sieg des Zeitromans beweisen.

Und doch ist diesen Anhängern des Zeitromans nicht recht geheuer zumute. Sie spüren leise ober auch deutlich, daß dem Zeitroman auch die Ver­gänglichkeit der Zeit anhaftet. Jene Vergäng­lichkeit, die nur durch die Reife der Formkraft oder den Adel des Geistes, also durch die schöpfe­rischen Mittel, die das Alltägliche, der Erschei­nungen Flucht in das Unalltägliche, Ewige, Blei­bende erheben. Sie ahnen, daß letzten Endes doch der Romanautor mit seinen Werken den Sieg behält, der bei aller Tiefe und Echtheit seines Zeiterlebens stets dem Ewigen dient.

Friedrich Spielhegen und sein Rachleben ist da ür das unwiderlegbarste Beispiel. Der Dich­ter derProblematischen Daturen" von 1861, des ..Hammer unb Amboß" von 1869, terSturmflut" von 1876. um nur drei Hauptwerke anzuführen, beherrschte mit seinem epischen Schaffen nach seinem plötzlich 1861 emporschteßenden Ruhme di« Zeit und Leser- weit zwischen 1850 und 1890 völlig, während Dichter wie Wilhelm Raab«, Gottfried Keller,

dem Selbstbestimmungsrecht ter Persönlichkeit, eines allgemeinen Kampses gegen Vorurteile, für eine autogene Moral", wie H. Bieler gut sagt, sah unb in seinem ehrlichen Rechtsgefühl, in seiner bürgerlichen Rechtschaffenheit hier b:e Ideale ter klassischen Zeit, des Gülen, Wahren unb Schönen allein verwirklichen zu können meinte. Er ging in seinem dem Abel unb tem Priester­tum gleich feindlichen bürgerlichen Freis.nn so weit, bah er in seinem figurenreichen Roman W as will bas werde n?" von 1886, ter gewiß viel Autobiographisches enthält, sag:«:3n jedem von uns steckt ein Stuck von einem Sozial­demokraten ... Wir... stehen im Leben in ter festen Ueberzengung: «in Hohes und Herrliches will werden, eine neue glorreiche Phase ter ewig strebenden Menschheit." In folgerichtiger Fort­entwickelung feines junnteutschen. von der 1848er Revolution unb Demokratie impulsiv vorwärts- getricbcncn Liberalismus erntet er also bei jener hauptsächlich großstädtischen bürgerlichen Sozial­demokratie, die heute noch politisch von großem Einfluß ist, wenn auch ihre Weltanschauung, wie Spielhagens Beispiel zeigt, zwei, drei Menschen­alter zurückliegt...

Das Historische dieser ©esamtanschauung Spiel­hagens verrät sich sofort, wenn man seine Ro­mane frei von jeder Parteipolitik einfach ein­mal als Lebensgestaltung und Kunstform beur­teilt. Den Maßstab ter Dichtung darf man schon deswegen nicht anlegen, weil Spielhagen nie zu den Epikern gehört hat, die aus dämoni­schen Urgründen schaffen. Immer war Spiel­tagen ter klug arbeitende Schriftsteller, der den Stoff ter Zeit mit Hilfe eines rhetorischen Fa­buliertalentes in geschicktem Aufbau und mit mancher feinen Einzelausführung erzählte. Er war als Schritsteller so recht ein Erklärer seiner Zeit für Zeitgenossen mit Hilfe einer partei­politisch-sozialethischen Weltanschauung, die in ihrem Grunditealismus aus ter deutschen Klassik stammte, aber nie das Vermögen besah, in die Tiefe zu schürferr. Die ist Spielhagen das Wesen von Dollstum ober Schicksal, von Blut- kräften ober religiösen Dotwenbigkelten, von Metaphysik otet Ewigkeitsbindung aufgegangen. Als leidenschaftliches Temperament packte er feine Umwell unb schilderte sie im Farbenglanze seiner

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Theodor Storm, C. F. Meyer sich noch jeden Leser erkämpfen muhten. Heute aber lesen Mil­lionen Deutsche jahraus jahrein Raabe, Keller, Storm, Meyer in immer neuen Ausgaben, um Spielhagens Epik kümmert sich aber schon feit einem Menschenalter fein Leser mehr, ja die strenge Literaturkritik und -geschichte hat ihn für völlig historisch geworden erklärt. S;ielVagen selbst erlebte noch in tiefer Verbitterung das Versinken seines Ruhmes und feiner ItL-fun f, zuletzt als b.ind gewordener Greis, der am 25. Februar 1911, nach dem allzufrühen überraschenden Tode seiner Lieb­lingstochter. die 82jährigen Augen zur ewigen

sohn geborene, zu Stralsund ausgewachsene, da­durch mit Pommerns Landschaft und Menschen innig verbundene, nach einem der Medizin, Jura, Philologie in Bonn, Berlin und Greifswald gewidmeten Studium, nach einem Versuch als Schauspieler und nach einem Hauslehrerjahr aus einem pommerschen Adelsgute in Leipzig aus dem Englischen und Französischen übersehende, Privat­stunden gebende jun;« Oberlehrer, war von Ju­gend auf ein entschiedener und begeisterter An­hänger des freisinnigen Bürgertums, des demo­kratischen Fortschrittsgedankens, ein Erbe jener jungteutschcn Gedankenwelt, die sich in der Revo­lution 1848 zu Tote stürzte. Er machte auch aus dieser bis zur Tendenz ausgedehnten Partei­stellung weder in seiner kurzen Redakteurzeit an ter Zeitung für Dorddeutschland. tem ietzigen Hannoverschen Kurier, zu Hannover von 1850 bis 1862 und an ter Deutschen Wochenschrift, ter späteren deutschen Romanzeitung, Berlin, feit 1862 noch als freier Schriftsteller in Berlin, wo er von 1862 bis an sein Lebensende in bestem gesellschaftlichen Ansehen lebte, noch gar als Romanautor nie ein Hehl. Immer sah er die Welt und die Menschen mit den Augen tes sreisinnigen Fortschrittparteilers. ter als Gutz­kows Nachfolger und als Porkämpfer tes Dil- dr ngSliteralismuS die Opposition gegen Bis­marck stets mitmachte, weil er darinten poli­tischen Ausdruck deS allgemeinen Strebens nach

fönlicheS Leben getoinren in ter Gewißheit der ewigen Dinge, im ewig Wahren, ewig Guten, ewig Schönen, ewig Göttlichem Deutsch sein heißt frei fein in der Selbstbestimmung durch das Ewige, deutsch sein heißt fromm fein in ter Ergriffenheit durch den göttlichen Sinn der Welt. Die Einheit von Freiheit und Frömmigkeit ist ter deutsche Gedanke.

Große Völker können nur durch die Welt ge­tragen werden. Die Welt, die England trägt, ist das britische Reich, die Welt, die Deutschland trägt, ist ter deutsche Geist. Der deutsche S aat und ter deutsche Geist haben verschiedenen Ur- sprung und ver chiedenes §«imat'and gehabt. Der neue deutsche Staat, der im Heldentum Fried­richs tes Großen entsprang, ist in Jeir.ern seeli­schen Ursprung tem deutschen Lebensgedanken tief innerlich verwandt. Auch ihm liegt der Sinn des Lebens nicht im Genuß, sondern im Dienst für unbedingte Pflichten. Kant, der dem deutschen Gebend ebauten seine Ethik gibt, formt in ihr das Bild des friderizianischen Lebens. Aber der Dienst, ter h'er gemeint ist. ist Dienst für Staat und Volk. die Ehre des Staates ist die Ehre des Mannes. Das tragisch« Problem der Deutschheit liegt an die'er Stelle: in der Hineinbildung des deutschen Lebensgedankens in nationalen Dienst und Willen. Das Ringen der deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert besteht gaiu eigentlich darin, daß der deutsche Geist und der deutsche Staat einander leiden­schaftlich suchen. In der deutschen Einheit und Freiheit soll ihre Ehe gefeiert werden. Endlich aber kommt ten Deutschen ihr politisches Reich nicht durch wohlmeinende Reien und Schriften geistreicher Männer, auch nicht durch Blut und Eisen, sondern als Geschenk des Genius, von tem wir fünfzig Jahre gelebt haten. Bismarcks neue deutsche Welt brachte auch einen neuen deutschen Menschen hervor, ter die meisten Tu­genden deS alten deutschen Menschen bewahrte, seine geistige Spannkraft, seine Lust an der Arbeit um der Arbeit willen, seine unbedingte Hingabe an die Sache, aber er vereinigte sie mit einer wundervollen auf die Erde gerichteten Tat­kraft. Der Mannes iedanle vom Dasein, der in ten Tagen Friedrichs des Großen in Deutsch­land nur im Kopse tes großen Königs vor­handen toar, ist Gemeingut ter deutschen Män­ner geworden, daß es immer die erste Auf­gabe teS Mannes bleiten muh, um diese bunte Erde zu ringen unb auf ihr ein Herrschaftsreich für unser Volk auszurichten. Daß aber Deutsch­land immer vor allem eine geistige Tatsache blieb, dafür sorgte die merkwürdigste Folg«, die sich aus unserer Geschichte schicksalhaft ergab. Bei feinem anderen großen Volke wird etwas ähnliches gefunden. Von den hundert Millionen Menschen, die unser Volk bilden, leben vierzig Millionen nicht im Reiche, sie sind Aus­landdeutsche. Deutschland heißt das große Volk, das zu zwei Fünfteln aus Auslanddeutschen be­steht. Was sie an die Heimat knüpft, ist allein ein geistiger Zusammenhang der gemeinsamen Art, des gleichen Lebenswillens, desselben Le- bensgedankens. Deutschland wird aus t em Geiste leben oder es wird nicht leben. Deutschland als Volk bedeutet das unpolitische Weltreich des deutschen Geistes. So schicksalhaft cc ügt, so viel­fach unfertig lagen dir deutschen Dinge.

Der Weltkrieg schien ter Geburtstag tes deut­schen Volkes zu werden. Es erlebt? ten größten Tag seiner Geschichte, als in den heiligen Aueust- tagen 1914 mit einemmal das ganze Volk Reichsdeutsche und Auslandteutsche ein Ge­danke, ein Wille, ein Dienst ter Treu« bis zum Tode war. Es erfuhr zum erstenmal seine ganze Kraft in ten vier Schicksalsjahren, die, trotz allem, die größte Dolksieistung aller Zeiten sind. Es erlag freilich auch an seiner inneren Schwäche in doppeltem Sinne, einmal im Schicksal 6er Auslanddeutschen, die, vertrieben, verfolgt, ver­stoßen. die Schreckensseiten des Allen Testaments an sich toahrwerden sahen, dann aber in einem letzten Versagen der bis zum End« durchgehai­

reichen Belesenheit und Wissensbildung, seiner agitatorischen Rednervirtuosität, die seinen Hel­den Leitartikel über Zeitfragen in den Mund legte, und dazu mit einer durchaus zeitgebun- tenen Sprache, die heute altmodisch, breit und umständlich anmutet.

Man fragt sich heut« bei erneuter Lektüre feiner Meisterromane, worin ihre große Wir­kung beruhte. Zweifellos in Spielhagens mensch­licher Persönlichkeit: hier zeigt ter be­rühmte Romanautor das Ewige seines Wesens. Was Spielhagen kämpferisch, parteipolitisch, so­zialethisch vertrat, das toar er auch wirklich als Mensch und Mann. Er toar ehrlich freisinnig, er lebte auch so in völliger Freiheit und Unab­hängigkeit. mit dem ganzen Verantwortungs­gefühl seines Eintretens:Siner für alle, alle für alle,"ter einzelne nichts weiter als ein Sol­dat in Reih und Glied." Er hantelte nach diesem Grundgedanken ter demokratischen Miliz, die jedes kriegerisch Heldenhafte ablehnt, jedes Privileg von Adel und Priestertum bekämpft und nur ten der Gesamtheit verantwortlichen, verpflichteten Individualismus, der sich ter letzten Hergäbe aller seiner Kräfte für die Gemeinschaft be­fleißigt. gelten läßt. Durch diese Reinheit seiner menschlichen Persönlichkeit, die vom Schriftsteller und seinem Berufe mit vornehmster Verantwor­tung und rücksichtslosem Emst das Lauterste an Ehrlichkeit und Arbeit verlangt«, ward Spiel- hagen zu einem Spiegel, in dem seine Zeit­genossen ihr Bild, ihre Welt, ihr Tun und Trei­ben, ihre Zeit ehrlich zu sehen glaubten.

Und so ist es auch noch: gehen wir von d?r Persönlichkeit Spielhagens aus, wodurch zugleich seine Grenzen und Hemmungen, Einseitigkeiten und Engen gegeben werden, so können wir die von ihm geschilderte Zeit, die uns historisch, ja kulturhistorisch geworden ist. nun mit der Leben­digkeit eines Mitlebenden durch seine Romane kennen lernen. In tenProblematischen Naturen" sehen wir die Jahre 18-13 bis 1860 mit unmittelbarer Stimmungsfülle toi?ter aufer- stehen, inDie von Hohenstein" (1853) die 1848er Revolution, inReih und ©Ile b*' (1866) ten mit Lassalle aufkommenden Sozialismus und die Konfliftzeit. inHammer und Amboß" (1869), dem Jch-Roman, dessen Form Spielhagea

Neue Bündnispläne in Warschau

Verstimmung gegen Frankreich. Eine neue Allianz?

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