Mittwoch. 25. Januar 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Hr. 19 Drittes Blatt
Aus der Wett des Films
darf er seinen Film enden, der ein eigenartiges.
bonzen, an welche dieses naive Volk in ehrsürch- darf er seinen Film enden, der ein eigenartige tiger und belustigter Stimmung wirklich glaubt, höchst fesselndes und, wie gesagt, sehr männlich« UnD da er mit diesem gaukelnden, schaukelnden Werk ist.
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Unmöglich, alle Dummheiten auszuzählen, dis Tag
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der Klosterstadt, er drang mit dem Kurbel-- kästen in den innersten Hof, er belauschte die heiligen Tänze der grotesk-schauderhaft n Masken, der tanzenden Dämonen, scheußlicher Abbilder der vielarmigen und ver.chlungenen Götter-
Fiuns, den er aus der festen Position in den Herzen seiner Liebhaber herausreihen werde.
Richts ist phantastischer und irriger als diese übereilt zustande gekommene Meinung. Die Volks- tümlichkeit des bisherigen stummen Filmes bericht auf den dvanlatischen Vikdvorgängen. Das Schweigen der weihen Leinwand hat, so behaupte ich, mehr goldenen Lohn eingebracht als das gesprochene Wort. Gerade in seiner Beschränkung liegt die Stärke des Filmspiels, das ohne Hufe von Worten in der ßage ist, jedermann, welche Sprache er auch sprechen mag, eine dramatische DegebenHeit zu erzählen. Man füge das gesprochene Wort hinzu und man würde einen Schlag gegen die Wurzel aller Filmkunst führen, die in der Hauptsache nichts mehr oder weniger als die feine Kunst der Pantomime darstellt.
Eine Wiener Burgfchauspielerin ist nicht gewohnt, früh am Morgen aufzustehen. (Denn Wiener Burgschauspieler haben meist keine Pro- ben — und wenn sie welche haben, dann erst Mittag, wie es dem gemüt- ' t allen Wienertum ent-
Briefe, die nichts erreichten Jährlich 30000 Bewerbungen bei einer Filmgesellschaft Äon Richard Aieburg.
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Redner»
Lanz der Masten und mit der Verbrennung der heiligen Symbole — Feuer ist auch in Tibet Sinnbild der Läuterung und Reinigung — das Höchste gezeigt hat, nämlich das Volk in den Augenblicken der höchsten erschütternden Ekstase,
3nt Hinblick auf die Kontreverse, die augenblicklich über diese Frage geführt wird, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß das Bild und die dramatische Dilderfolge noch immer die Grundlage einer jeden Filmkunst sind. Der Ton der Begleitmusik und die hin und wieder gebrauchten illustrierenden Geräusche bilden nur Beiwerk und Ausschmückung. Jeder Filmkenner wird mir zugeben müssen, dah es viele Situationen dramatischen Charakters gibt, die bildmähig äußerst eindrucksvoll find, in denen jedoch das gesprochene Wort überflüssig, wenn nicht gar banal wirten würde. Genau wie die Musik ist der Film zudem international in seiner Wirkung auf das Gemüt, und zwar ganz einfach aus dem Grunde, weil er international im Ausdruck ist. Die heutige Filmkunst lehnt keineswegs die Musik oder die Geräuscheffekte (siehe den Film „Wings“) als verstärkende Hilfsmittel ab, weil ja der Zuschauer nicht nur Augen zum Sehen, sondern auch Ohren zum Hören hat. Durch die Begleitmusik und die illustrierenden Rebengeräusche wird jedenfalls der Eindruck, den das Bild auf den Zuschauer auSüöt. nur verstärkt. In dieser Hinsicht bestehen heute kaum nennenswerte Unterschiede im Geschmack der Völker. Sobald aber die Personen des Filmspiels zu sprechen beginnen. verengert sich der Wirkungskreis des Films auf den Teil der Zuschauer, welc^ dce im Film angewandte Sprache verstehen. Diestt Kreis ist im Verhältnis zu dem Eindrucksbereich des stummen Filmes außerordentlich begrenzt, denn wir haben unglücklicherweise noch feine internationale Sprache Das ist auch der Grund.
weshalb maßgebende Filmproduzenten. Hollywoods. beispielsweise Douglas Fairbanks. es abgelehnt haben, sich mit dem sprechenden Film zu befassen. Während bisher das Absatzgebiet für ihre Filme die ganze Welt war. würde ein von ihnen inszenierter ,englischsprechender Film' eben auch auf die englischsprechenden Länder beschränkt bleiben.
Aus allen diesen Gründen glaube ich nicht, dah der sprechende Film je den stummen Film gänzlich ersetzen wird. Meiner Meinung nach wird es stets stumme Filme und solche mit Laut- effetten gehen, während die Anzahl der Fllme mit gesprochenem Wort beschränkt fein muß; dies auch schon aus dem Grunde, well es nicht genug Filmbühnen gibt, die über die notwendige äußerst komplizierte 2lpparatur für die Wiedergabe der Sprache verfügen. 3n Amerika ist der Film sicherlich sehr hoch entwickelt, ein Blick in die Theaterstatiftll zeigt indessen, daß von den 20 000 Theatern der Union noch nicht einmal 500 die technische Möglichkeit haben, sprechende Filme vorzuführen. Da von den 23 000 Filmtheatern in der Union mindestens 16 000 immerhin ansehnliche, zum Teil sogar recht bedeutende Unternehmungen sind, so stellt die erwähnte Zahl von 500 einen wirklich nicht sehr ins Gewicht fallenden Bruchteil der Gesamtheit der Theater dar. Wünscht also das Publikum einen sprechenden Film zu sehen — oder soll man sagen zu hören? — so kann es ja in die Theater gehen, die Über eine entsprechende Apparatur verfügen.
Reben der sensationellen Entwcckelung des sprechenden Films gehen die Er peri mente in der Farbenphotographie einher. Es ist nicht ausgeschlossen. daß beide Erfindungen, wenn sie genügend ausgebaut sind, zusammen das erreichen, was der sprechende Film allein nicht erreichen konnte. Oper und Operette Knuten dann mit erstaunlicher Wiickung aufgeführt werden.
Morgenstrmde einer angehenden Filmstars
Von Hanni Hoch.
Der sprechende Film und die Zukunst des Kinos.
Von Joseph M. Schenck, Präsidenten der United Artists Corporation, Hollywood.
Wird der sprechende Film das Kino „ revolutionieren? Wird er der Sprechbühne gefährlich werden? Wird er einst das Radio, wie wir es heute kennen, verdrängen? Das sind einige der bangen Fragen, die sich Bühnenleiter. Kino- besitzer. Radiofachleute und das große Publikum im Hinblick auf die neueste Erfindung, den sprechenden Film, vorlegen.
Der Sprechfilm, so erzähll man uns. wird in der Welt des Vergnügens und der Uwerhaltung alles von Grund auf verändern. Zum erstenmal in seiner Geschichte hat das stumme Bild, unter welcher B^eichnung der alte Film bekannt ist. einen gefährlichen Konkurrenten erhalten. Obwohl auf Grund von Aussagen erster Filmkenner genug Raum für beide Filmarten vorhanden ist, läßt es sich doch keineswegs leugnen, daß der sprechende Film die Sensation der Stunde ist Er hat überall, wo er aufgeführt wurde, größtes Aufsehen erregt und hat sich die amerikanischen Großstädte, vor allen Dingen Reu York, im Sturm erobert.
Schon heute machen sich die Folgen der neuen Erfindung in der internationalen Filmproduktion bemerkbar. Sie treten begreiflicherweise besonders In dem Zentrum der internationalen Fllm- 'nduslrie, Hollywood, sehr stark hervor. Beinahe jedes Ausnahmeatelier an der Küste des Stillen Ozeans ist heute damll beschäftigt, schallsichere Gebäude zu errichten, die für die Aufnahme sprechender Filme dienen sollen, jeder mehr oder weniger berühmte Filmstar läßt Filmaufnahmen tetner Stimme nehmen. Sprechschulen und solche zur Verbesserung und Korrektur der Stimme schießen wie Pilze übet Rächt aus der Erde hervor. Hollywood, aus der Welle des Filmglückes erwachsen, ist tost davon überzeugt, eine neue Goldmine entdeckt zu ?n. Berauscht von dem Erfolg verschiedener spreche.^er Filme, haben einige besonders optimistische Fllu.Produzenten bereits allen Sinn für die Wirtlichle.t um) alle Perspektive verloren. Voreilig behaupten sie. der sprechende Film bedeute das Ende des stummen
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„Om mani padme hum “
Uraufführung deS Filchner»FilmH.
Berlin, Mllte Januar.
3n einem Berliner Kino steht Dr. Wilhelm Filchner. der schon einmal Totgejagte. ganz matt beleuchtet von einer Heinen Lampe, an einem Pult und erklärt seinen Film. Man kann nichts von ihm sehen, höchstens die vagen Um- rtffe eines braunroten Gesichts mit blondem Haar, denn scharf weht der Wind über Tibets Hochebenen, man hört nur die Stimme, die ganz trocken, ohne schriststellcr.schen Ueberschwang von diesem Film erzählt, der eigentlich schon durch die Art, tote et entstand, durch die Leistung der Tibctwanderung an sich eine ganz fabelhafte männliche Leistung datstellt. Diese ztoanzigtausend Filmmeter, von denen in diesem Film nur gegen tausend gesammelt wurden, bedeuteten für Den Reisenden größte Gefahr, außerdem wurden sie nur als Zeitvertreib, als Rebrnbeschaftigung ge- i dreht, denn Fllckners Ausgabe war die wissen- t schastliche Erkundung des Erdmagnetismus, die tagsüber genaueste Präzisionsarbeit verlangt, während die Straßen durch dieses öde Hochland kaum sichtbar und die Bedrohungen von allen Seiten groß sind. Indessen, meint er, fei ihm und den beiden Karren, die er durch Die Wüsten Tibets lenkte, oder Der Vakkarawane. Die er später hatte, immer ein gutes Gerücht vor ausgelaufen, was in Tibet so ziemlich das Wich- । tigfte sei: .ein Witz, der sehr gesalzen sein darf, und der Tibeter freute sich tote ein Kind, man muß ihn nut zu nehmen wissen, Darin liegt das ganze Rätsel". Filchner hat chn also — von den Änbilden seiner Reise redet er überhaupt nicht — genommen; aber trotzdem nicht gewagt, seine Aufnahmen, besonders an den heiligen Stätten, olfen zu kurbeln, der Apparat, den er immer selbst schleppen mutzte, stand unter Tüchern oder war in e inet landesüblichen Gebetmühle versteckt. Trotzdem ist Filchner mit einer bewunderungswürdigen Ruhe — Die man manchem berufs- mätzigen Operateur wünschte — an seine Objekte hetangea rügen und hat nun diesen Film heravs- gebracht^ Der dann in Abschnitten von je hundert Metern durch Die aufständischen Chinesen nach Tient'in durchgeschmuggelt wurde, dank der Liebenswürdigkeit des Marschalls Feng. Und nur von diesem Film spricht Filchner. niemals von sich,' höchstens, datz er einmal von einem klugen Chinesen. Der sich eben die Schutzbrille aufseht, sagt: .Lü, mein kleiner Freund, er hat mich gerettet, als ich mutterseelenallein und krank war." Der Film aber heißt „Om mani padme hum“, o du heiliges Kleinod im Lotos, Amen. GS ist die kurze, von Menschen gesprochene, von Gebetsmühlen gedrehte, von Schnarren geknarrte Gebetsformel Der Malaisten.
Menschen zeigt der Film, ungestellte, ungeschminkte, die nicht ahnten, datz sie dem Objektiv standen: verrunzelte Greisengesichter, früh läßt der Wind und Die herbe Kälte die Züge altern, sonnengebrannte mit Schlitzaugen und Den ausgebuchte ten Backenknochen, Chinesen, Tibetaner, Mohammedaner. Er zeigt Die eigenartigen Architekturen und die endlosen Oeden der Landschaft. Wenn die Kamera einmal Die schneebedeckten Gipfel Der Hochkämme entlangfährt, ahnt man die Endlosigkeit dieses in sich beruhenden Volkes, und man hat in diesem einen Bild das Bild. Aus zahllosen Köpfen formt sich der Eindruck ihrer Stämme, aus Heinen Eindrücken ihr rauhes, schmutziges, armseliges Leben. Aber man kann schon bcotetfen, daß es locken muh, die uner- schütterliche Herbheit dieses Tibet zu erschüttern und seine Geheimnisse zu lösen. Von diesen großen Geheimnissen auch erzählt der Film und gipselt in Der langen epischen Beschreibung des großen Festes im Kloster Kumbum. Denn Filchner filmte nicht nur Die endlosen Architekturen
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'.Artikel
Filmabenleuer im dunklen Erbteil
Dem Kameramann bietet Afrika so aufregende, ja noch spannendere Abenteuer als Dem Grotz- wildjäger. Es beDarf der größten Geistesgegenwart. um beim Ansprung eines Löwen oder beim Daherstürmen einer Elefantenherde ruhig weiter- zukurbeln. Dem bekannten Forschungsreisenden Colin Rotz ist es gelungen, einige solcher erstaunlichen Aufnahmen zu machen, und er erzählt von dieser spannenden „Jagd mit Dem Kurbeltasten" in seinem neuen bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienenen Buch „M i t K a - mera, Kino und Kegel durch Afrika“, dtoar gelang eS ihm nicht, den Löwen im Ansprung zu erhaschen, aber mit seinen Elefantenaufnahmen war er glücklicher. Rach langem Marsch waren sie den riesigen Dickhäutern plötzlich nahe: „Run gab es keine Verzögerung mehr. Mein Apparat surrte, und gleichzeitig kracht» die schwere Büchse des Elefantentöters, einmal, zweimal. Durch das Surren meiner Kamera waren die Elefanten unruhig geworden. Zwei, drei begannen zu flüchten. Wie die Büchse krachte, kam Leben in die ganze Herde. Vor uns, um uns brach eS In Den Büschen. Das Gras rauschte. Es war ein gewaltiger Anblick, wie Die ganze Herde an uns vorbeiflüchtete. Als Der Lärm sich gelegt hatte, hörte man nur noch ein schweres Stöhnen. Vorsichtig gingen wir Dem Ton nach. Da wälzte sich in einer Lache hellen, roten Blutes im letzten Todeskampf der getroffene Bulle." Ein andermal mutzten sie
nach Dem Krieg wollten sie heiraten. Aber es tarn alles anders. Mllers Mutter brachte gemeine Lügen gegen meine Mutter auf. Schreinen Sie mir bald, zetttören Sie nicht meine letzte Lebenshoffnung!"
Die Frauen find im allgemeinen zurückhaltender mit ihren Erzählungen, aber auch primitiver. „Ich wollte höflichst anfragen, ob ich im Film mit untergebracht werden kann. Da ich momentan ohne Arbeit bin. Hatte immer schon großes Interesse Dafür. Meine letzte Beschäftigung war Servierfräulein in Bad Kosen. Mein Aller ist 18 Jahre. Hoffentlich habe ich keinen Fehltritt getan und wäre Ihnen dafür sehr dankbar, Hochachtungsvoll Hilde X." — Mancher Brief muß ewig unoerständlich bleiben, ftr z. D-: „Werte Filmgesellschaft! Da ich aus der ©ommerreife zurück bin, mochte ich jetzt mal für Ihre Gesellschaft arbeiten." Ein ganz besonderes Kuriosum, begleitet von einer fast unheimlichen Photographie, ist der folgende Bries: „Sehr geehrter Herr Direktor! Ich empfehle mich der Filmgesellschaft zu Berlin. Bin bestbekannt in St. Wende! und im ganzen Saargebiet. Din somit auch ein luftiger Bruder. Besonders beliebt bei jungen Damen. 22 Jahre, elternlos, unschuldig geschieden wie ein Krokodil. Geneigt, mit allen Akten vorzugehen, habe ich einen Gang an mir wie sonst irgendein Trampeltier. Talentvoll wie ein Känguruh. Kräfte besitze ich wie ein Eisbär."
ür Tag Im Engagementsbureau einer großen Ge- ellschaft in den Bewerbungsschreiben einlaufen. E§ inb unerfahrene Menschen, meist sehr jungen Alters — aber auch bejahrte Männer und Frauen, die mehr Erfahrung haben sollten — die glauben, jum Filmschauspieler gehöre nichts als der Mut, sich in den Aufnahmeraum zu begeben und von Den Jupiterlampen bestrahlen zu lassen. Die falschen Angaben über die hohen (Sagen und die allzu seltenen Mitteilungen über das tatsächlich herrschende Elend bei Den kleinen Filmschauspielern, unter denen sich manche Begabung findet, steuern bcuu bet, Lustschlösser in kritiklosen Gehirnen entstehen zu lassen. Die Flut der Briefe, die kaum gelesen, und im besten Falle archiviert wird, zeugt nur von der Abenteurerlust armer Menschen, die nicht wessen, wie sie sich aus der Enge ihrer Verhältnisse befreien können, und die bann auf ben üblichen Ausweg verfallen: der Film muß helfen.
Ich bin Schauspielerin am Burgthealer. UnD werde eines schönen Tages nach Berlin engax giert, um in dem Defu-Film „Alpentragödte" unter Der Regie Robert Lands — auch eines Wieners — das Bergmädchen Maria zu spielen, Lieber Den Gegensatz Berlin—Wien schimpfen wir Wiener ja gern. Lind schließlich ist Früh- ausstehen keine speziell Berliner Eigentümlichkeit. Und trot)Dem werde ich das Gefühl nicht los. Daß meine Heinen, merkwürdigen und unbequemen Abenteuer frühmorgens an Den ersten drei Berliner Tagen ein bißchen typisch für diese Stadt sind.
Erster Morgen: Zch werde von meiner Wirtin, trotz dringender Bitte am Abend vorher, nicht geweckt. Bis der gewaltige Hllfsregisseur, Dem das Warten unten im Auto schon zu Dumm geworden ist, alles mit großem Krach alarmiert
Zweiter Morgen: Ich habe etwas gelernt und lasse mich telephonisch wecken. „2 Zimmer mit. Telephon" habe ich gemietet — nur steht es int Rebenzimmer. Die ganze brave Wirtsfamilte wacht also früh um sechs iUjr auf, der erstaunte Vater vernimmt am Telephon Die Stimme des heute, als Entschädigung für gestern besonders liebevollen Hilfsregisseurs: „Hoeßlein, geliebtes'. Ausstehen!" Von Da ab ist mein moralisches Renomms futsch.
Dritter Morgen: Hm es wieder zu reparieren, verzichte ich auf telephonisches Wecken, habe mir einen dicken, großen Wecker auf einem halben Dutzend Tellerchen schön neben Dem Bett montiert. Er rumort auch pünktlich und aus^ giebig. Aber an diesem Morgen bleibt Die erboste Familie mit Taubheit aesckstagen, niem an?» rührt sich, ich traue mich nicht, mich zu melden. Hnd mutz so ohne Frühstück das Haus verlassen.
Drautzen gießt es. Hierzulande sagt man: Es regnet Strippen. Trostlos Der Hilfsregisseur, ist lieb und nett. Mein unglücklicher Magen knurrt. Endlich riskiere ich ein Geständnis meines schrecklichen Hungers. Wir halten an einer Bäckerei, Die eben geöffnet wird. Dann an einem Milchgeschäft. Eine .Schrippe" und ein Glas Milch bilden das Frühstück des hoffnungsvollen Filmstars.
Sie sorgen hier sehr zuverlässig für die schlan» Linie, das muh man ihnen lassen.
voeben ist in Berlin die erste Film- b ö r f e Der Reichsanstall für Arbeitslosenversicherung gegründet worden, um stellungslosen Schauspielern Beschäftigung zu verschaffen. Unser Mitarbeiter schildert auf Grund eingehender Untersuchungen bet_ den deutschen Filmgesellschaften die meist lachen lichen Bemühungen von Außenseitern, in kurzer Zeit als Filmstars Reichtümer zu erwerben.
Der Film findet die geeigneten Darsteller am allerbesten unter den berufsmaßigsn Schauspielern; sie wissen, worauf es ankommt, haben die Romantik schon abgestreift, die ausschlaggebende Bedeutung des Technischen und „Handwerksmäßigen" in der Kunst der Darstellung erfaßt und besitzen einen Gradmesser ihres Könnens. Sie wißen meist auch, welche Wege bei dem Andrang zum Film am sichersten zu Dem begehrten Ziel führen, das meist in einer kleinen Rolle besteht. Aber es gibt auch die kleine ungarische Schauspielerin von einem unbekannten Budapester Theater, die sich nach Berlin ausgemacht hat und nun im Zustand filmischer Ungeduld bei der Produktionsabteilung einer großen Gesellschaft vorspricht. Heimlich wandelt sie gewiß auf den Spuren Dilma Bankys, denkt an Hollywood und ist bloß zu sehr Schauspielerin, um das merken zu lassen. Sie läßt sich vertrösten wie die anderen: im Augenblick wird nichts gedreht, oder die Rollen sind schon besetzt.
Eine Ueoerschwemmung mit Angeboten kommt jedoch aus der Masse der Richtschauspieler, der „Filmfreunde" und „Kino-Besucher", wie sie sich nennen. Freilich nur eine Ueberschwemmung der Aktenschrönke: selten ist ein Briefschreiber entschlossen genug, den Sprung nach Berlin zu wagen, wie jene Elli L., die auf dem Briefpapier eines Bonner Hotels mit stürmischer Handschrift lediglich schreibt: „Fahre heute nacht nach Berlin und werde mich Ihnen morgen vorstellen. Elli I." Die Akten enthalten weiter nichts über sie, und es bleibt zweifelhaft, ob Elli L. überhaupt nach Berlin gelangt ist, oder ob man sie vorher aus dem Hotel zurückgeholt hat, wohin sie nach dem Skandal zu Hause geflohen war, den man, ohne Raphael Schermann zu sein, aus ihren Schriftzügen erkennt. Die anderen alle sind trotz „hochentwickeltem Selbstgefühl" zage Naturen, die die Wirkung ihres Briefes abwarten und hoffen, daß ihnen die Gesellschaft Reisegeld schickt, da sie alle andeuten oder offen aussprechen, daß sie nicht in der Lage sind, nach Berlin zu fahren und sich einer Prüfung zu unterwerfen. Hunderte solcher Briese gehen jeden Tag allein bei der „Ufa" ein — Briefe in unbeholfener, meist liederlicher Handschrift, auf rosa, lila, blauem, goldgerändertem, stets schlechtem Briefpapier; den meisten Anfragen sind primitive Paß- oder Amateurphotos beigesügt, ober der Schreiber stellt in Aussicht, daß er sich ein Bild machen lasten werde, wenn man es wünsche, „denn jetzt habe ich nur eins, wo ich sechs Jahre alt war'.
Mehr als 30 000 Menschen, die meisten im Alter von 17 bis 25 Jahren, schreiben jährlich allein an Die Ufa, und in diesem Heer sind alle Berufe und Schichten vertreten, vom Lausburschen bis zum Sohn eines Diplomaten, der durch fein gutes Aus-
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sehen bei Liebhaberaufführungen in den aristokratischen Kreisen in Paris und London Erfolg gehabt ■ hat, sich nun in Hollywoöd oder in Berlin für den ' Fllm ausbilden lasten, zum Entgelt vorläufig Bureauarbeiten verrichten und alle Kosten erstatten will, wenn er fein Erbteil von einer halben Million erhalten hat. Dieses ganze Heer steht aber fast durchweg in einem feindlichen Verhältnis zur Orthographie und Grammatik Der deutschen Sprache, und es ist gewiß kein Zufall, daß Leute, die sich in fürchterlichen Satzkonstruktionen verhaspeln und über die einfachsten Regeln stolpern, um so sehnsüchtiger nach der stummen AusdrucksmögliHkeit des Films verlangen, die ihnen ganz ohne Tucken zu fein scheint. Stets wird auf die frühzeitig innere Berufung zum Film hingewiesen, und die Leute zeigen sich ihrer Sache sehr sicher. „Mein Lieblingsfeld ist das Drama unb kann darin Großes leisten. Ich hoffe, daß Sie im Interesse des Films und des Nachwuchses mir meine Bitte gewähren werden und diese Zeilen als das Produkt einer fixen Idee ansehen. Der Zwanzigjährige, der seiner besonderen dramatischen Begabung so sicher ist, ist ein von Melancholie umwitterter Derkäufer und tut sich etwas Darauf zugute, „mit allen Umgangs- und Gesellschaftsformen vertraut" zu fein. Meist ist das Selbstgefühl der angehenden Stars, bie~ allerdings — Orthographie Der Fremdwörter ist Glückssache — mit Vorliebe „Stahrs" ober „Starr" schreiben, noa) ganz erheblich unsympathischer. Aus Rostock schreibt jemanb: „Unterzeichneter hat große Lust zum Film. Ich stehe im achtzehnten Lebensjal)re, sehr intelligent unb talentvoll. Wenn ich mir einen Film ansehe, so ruhe ich nicht eher, bis ich ben Gesichtsaus- bruef des Künstlers im Spiegel nachgemacht habe, was mir auch gelingt. Nun möchte ich Sie bitten, und mir mitteilen, oo ich aus dem Bilde das richtige Filmgesicht habe." (Photographie: Stupsnase, abstehende Ohren, spärliche blonde Härchen.) Ein Bursche aus einem Hotel in der Schweiz schreibt: „Die Leute sagen, ich habe eine rassige Mur, und Der Regisseur vom Stadttheater gab mir den Rat, ich solle nach Berlin als Kellner gehen, um dort entdeckt zu werden. Nun beuge ich vor und pro- bier's mal so, wenn's nicht gelingt, ist nichts verloren: indessen grüßt Sie mit einer vorzüglichen $ocba$fung N.N., Officebursche."
Die meisten schildern genau ihr Leben, zählen alle ihre Fähigkeiten auf. Die mit dem Fllm gar nichts zu tun haben: ein Hausdiener beschreibt getreulich alle Fahrten, die er als „Chefgehilfe," der Internationalen Schlafwagengesellschaft gemacht hat, bis er diesen Posten „betreffend Augenleiden" aufgeben mußte. Sie glauben, daß ihre Erlebnisse und ihr Schicksal sie zum Film führen. Das Köstlichste ist in dieser Beziehung der Brief eines Bäckerlehrlings aus Oberschlesien: „Wenn ich so zu Leuten hinkomme (in meinem Beruf ist das nichts besonderes), da sagen sie mir, bas ich das ganze Getue eines Schauspielers habe. Ich habe nur noch ein bis zwei Monate zu lernen und dann bin ich frei. Frei für ben Film!!! Meine Mutter ist aus armem Stanbe. Noch mit jungen Jahren kam sie bis nach Berlin. Dort lernte sie einen Herrn kennen, dessen Name ich verschweigen will. Sie liebten sich, und


