Ausgabe 
22.11.1929
 
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Nr. 274 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Freitag, 22. November 1929

Oer Lrak unter britischer Mandatsherrschast.

Don (5. Mutden.

Mitten in das harmonische Verhältnis, das die Labour-Party zwischen England und den Orient- völkern anzubahnen sich bemüht, krachte dieser Tage in störender Meise der Schuß hinein, mit dem Tusik Dey Suady, d:r Ministerpräsi­dent des britischen MandailandeZ Irak, seinem Leben ein Ende machte. Lind wenn auch das Schreiben, in dem er die Gründe seines Selbst­mordes au.einonderseht, von Deuter nur un­vollständig veröffentlicht wird (die Lücke wird Wohl kein Zufall sein), so st:ht d a s politische Motiv dieser Tat doch auh:r Zweifel. Mas übrigens von dem Inhalt des Briefes bekannt wurde, ist klar genug:... Die Irakleute sind schwach. Sie halten mich für einen Verräter an meinem Land, für einen Diener der Eng­länder. Welch ein Hnglüdl Ich habe alle Arten von Beleidigungen und Schmähungen er­litten als Lohn für meine Bemühungen, das Land glücklich zu machen." In diesen Worten eines Sterbenden sriegelt sich wie ein Brenn­punkt die ganze zwirspäl ige innen- und außen- Pol t sehe Lage des britischen Mandatgebietes im Zweistromlande.

Mcsopctamien oder der heutige Irak ist ein urasiatisches Land, das niemals von einer euro­päischen Macht unterjocht wurde. Lieber vier Jahrhunderte, seit dem Beginn des sechzehnten Jahrhunderts, war es zuletzt ein Vasallenland des Ottomanischen R:iches. Der Sturz der türki­schen Herrschaft im Laufe des W:l krieges weclte hier daher nur die Hoffnung auf eigene Frei­heit, zumal in dem arabischen Gros der Dev lle- rung. Ja die Hoffnungen auf ein großarabisches Reich, die in den Intellektuellen Kairos, Alexan­driens und Beiruts wach wurden, muhten Wohl auch nach Bagdad und Basra dringen. Wohl haben die Engländer diese panarabischen Ideen itub urchkreuzen gewußt, Wohl haben sie das Prinzip des divide et impera hier sogar in poten­zierter Form angewandt, indem sie den alten dynastischen Hatz zwischen Ibn-Saud in Zen- tralarobien und Hussein, dem früheren Herrn von Mekka, ausgrnuht und dessen beide Söhne: A b d u l l a zum Emir von Transjordanien und F a i s s a l, den übrigens die Franzosen aus Syrien vertrieben hatten, zum König von Irak gemacht. Allein durch all das konnte der nun einmal erwachte arabische Rationalis­mus nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Schon 1919/20 gab es vereinzelte Aufstände gegen das britische Okkupationsheer, das sich im Lande seit 1916 installiert hatte. Lind nach der Inthroni­sierung Faissals durch die E.'.gländer schrieb die Zeitung der Oppcsition^zentren in Basra (Wir zitieren nach A. RobelHerr über Asien"): Man müsse einen Ausweg suchen aus der ver­worrenen politischen Loge: dieser Wirrwarr sei aber durch die Schuld der Araber so groß, und davon profitierte der britische Schoßhund Faissal, der sich König nennt." Man darf ja nicht vcr- ges.en, daß Faissal dazu noch ein Landfrem­der ist. Seine Stellung ist daher keineswegs leicht. Auch an der Bahre seines soeben verstor­benen Premierministers suchte er seinen Glauben an die Zukunft des Landes Irak zu betonen, denn ein Boden, sagte er, dem solche Männer wie der Premier Tusik Bey entstammen, müsse eine Zukunft haben. Duqch diese Worte sollte auch der Zusammenhang zwischen Land und König angedeutct werden: denn in seinem politi-, schen Vermächtnis empfiehlt der Verstorbene seinem Sohne Ali,König Faissal, seinen Erben und Rachsolgern" die Treue zu bewahren. Die

Das Erbe des Herrn von Anstetten.

Vornan von 3- Gchneider-Foerstl.

LIrheber-Rechtsschutz durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

'Der Baron schöpfte Atem, als habe er eine eichlos lange Strecke Weges durchlaufen und sei nun rastbedürftig.

Stelle dir das vor, Hans Peter," warf Gün­ther ein,ich komme nach Hauset Dein Sohn fällt mir um den Hals und nennt mich Vater und deine deine Frau"

Meine Witwe--"

..Deine Witwe erwartet, daß ich ihr noch der langen Trennung ein freundliches Wort sage und ich könnte es nicht finden."

Ein freundliches Wort, Günther?"

..Ich habe sie ein einziges Mal gefehen, da­mals, als ich euch auf Anstetten besuchte, ich weiß nur, daß ich Furcht vor ihr empfinde."

Sie ist erst viecunddreitzig Jahre, Günther."

Man sagt, das sei für die Frau die Zeit der höchsten Blüte." Ich habe mich noch nie mit einem Me.be besaht. Ich werde Fehler über Fehler machen und wage kaum nachzudenken, wie das enden soll."

Der Kranke war in Schweiß gebadet, so un­geheuer groß war die Anstrengung des Spre­chens für ihn gewesen. Trotzdem öffnete er jetzt wieder die Lippen:Wenn es denn sein muh. Günther, daß ich zum allerletzten greise und an deine Dankbarkeit appelliere nicht an den Dank, den du etwa mir schuldest, denn von mir hast du nichts erhalten aber was dir die El­tern getan haben indem sie dir die deinen er­setzten."

Günthers Wangen lohten auf.Peter, ich habe nie vergessen, was ich ihnen schulde."

Wie bist du kleinlich. Alter! Ais ob ich das gemeint hätte! Wenn Mutter noch lebte, vielleicht würdest du dann ihr zuliebe---

Alsworth hatte leise geklopft und trat nun ein. sah auf den Kranken und h eit Günthers Blick mit ernstem Mahne r fest. Des en Gedanken wa­ren ein Chaos, wirbelten durch Vergangenheit und Gegenwart und flohen vor der Zukunft, such­ten zur Klarheit zu kommen und fanden doch keinen Ausweg.

Drei Jahre," sagte eine Stimme von weither, drei armselig kur e Jahre!" Es klang ganz leise, ganz friedenbringend, ungemein wohltuend und beruhigend.

Eine unsichtbare Macht ließ ihn die Rechte he­ben und sie in dje des Kranken legen, der sie

Beleidigungen und Schmähungen", von denen dieses Schreiben spricht, beweisen aber, daß die Opposition gegen den heutigen RcgierungLkurs und das Mandat system Englands noch stark ist und mögen hierbei auch persönliche Wottve oder sogar Intriguen mit im Spiele sein, kenn­zeichnend bleibt dennoch, daß sie in den heutigen politischen. Verhältnissen des Landes ihren Rähr- boden finden.

Der König Faissal hat aber auch recht daran getan, in seiner Grabrede zu Ehren des verstor­benen Premiers von der Zukunft des Landes Irak zu sprechen. Denn die Gegenwart sieht trostlos genug aus, vor allem in wirtschaft­licher Hinsicht. Die Oelquellen von M o s s u l, um die sich jahrelang Türken, Eng­länder, Franzosen und Amerikaner herumstritten, sind offenbar von den meisten Bewerbern nur als Vorratskammern für die Zukunft angesehen worden und werden als solche (wohl um nicht die Pctroleumpreise auf dem Weltmarkt noch mehr zu drücken), zumindest in jüngster Zeit ange­sehen. Denn sie liegen bis heute brach, und die Hoffnung des Landes, aus diesen Bodrn- schähen große Gewinne auch für sich ziehen zu können, ist also Lügen gestraft worden. Von den britischerfeits geplanten Rohrleitungen aber, die sich von Mossul bis nach dem palästi­nensischen Hafen Haifa erstrecken sollten, ist vor­derhand lediglich mit dem Ausbau des End­punktes Haifa selbst begonnen worden, was aber den arabischen Rattonalisten nun wieder die Vermutung nahelegte, dah es sich hierbei vor allem um sttategische Pläne Englands zur Be­herrschung des gesamten nahen Orients handelt, zumindest aber um die ökonomische Begünstigung des ihnen nicht weniger verhaßten Zionismus: während die Leiter des letzteren dem britischen Unternehmen als der Errichtung einerpalästi­nensischen Antwerpens" z- ubclt, nannten die arabischen Rationalisten das elbeEin Singapore im nahen Osten", bestimmt, eine Verbindung herzustellen zwischen Mittelmeer. Rotem, Schwar­zem Kaspischem Meer und Persischem Golf und einen Raum voller geopolitischer und strategischer Reize zu beherrschen....

Während aber die Raturreichtümer des Landes Irak brach liegen, fehlt es auch im Grunde an einer Bevölkerung, die diesem im Altertum so blühenden Lande, das als das irdische Para­dies galt, wenigstens einen Teil seiner alten Fruchtbarkeit wieder zurückgeben könnte. Das gilt vor allem von den arabischen Beduinen, die ein Romadenleben führen, in Zeiten der Rdt aber ihre schwächeren und fleißigeren Lands­leute überfallen und berauben, im übrigen aber jeder Steuerleistung abhold sind. Man ersieht daraus, welche vielfach schwierigen Aufgaben hier der britischen Mandatsverwaltung erwachsen, vor allem namentlich: die friedliche, ackerbautreibende Bevölkerung zu schützen und von den Scheichs Steuern einzutreiben. Diese beiden Aufgaben sind dem britischen Flugzeuggeschwader anver­traut. dessen Hauptquartier in Bagdad liegt und das nach Hunderten zählt. Die Steuer­verweigerung besonders hartnäckiger Scheichs wird, nach wiederholter, aber Vergeblicher Mah­nung, zuweilen von diesen britischen Luftstreit­kräften mit Bombardements geahndet. Die eng­lischen Flieger sind daher bei den nomadisierenden Arabern des Irak alles eher als beliebt, und noch nicht lange ist es her, dah ein britischer Pilot, der eine Notlandung in der Rachbarschaft eines arabischen Dorfes vornehmen muhte, dort samt seinem Mechaniker und Flugzeug bei leben­digem Leibe verbrannt wurde.

Alle diese Gründe würden jedoch England nicht zur Unterhaltung einer nach Hunderten zählen­den Fliegertruppe veranlassen, bildeten nicht die englischen Geschwader im Irak für den Kriegsfall

mit aller Kraft umklammert hielt.Du wirst statt meiner he.mkehren, Günther?"

3a!

Auf Cid und Ehrenwort?"

Auf Eid und Ehrenwort!"

Ich danke dir! Ich Günther--" Das

Gewirr der Worte, das nun folgte, war nicht mehr verständlich. Das Fieber fiel mit Peitschen­schlägen über den Kranken her und tauchte alles Bewußtsein in lichtlose Rächt.

Dierundzwanzig Stunden später hatte Hans Peter von Ansteiten ausgerungen.

Günther kniete verzweifelt am Lager eines itutn, um dessen Mund das stille Lächeln lag, das alles Wissen in sich barg.

Was sind Sie für ein ungeduldiges Menschen­kind, Gras Oerhen!" Die Baronin von Anstetten zog den zitronenfarbenen Seidenschal enger um ihre Schultern und schlug den Mann, der ihre silbergeglie^ecte Handtasche trug, leicht auf den Arm.Ich habe Ihnen doch gesagt, dah ich ihm geschrieben habe. Run heißt es abwarten. Starren Eie mich doch nicht so an! Er kommt nicht. Sein Telegramm müßte längst hier sein. Ich toill nur noch etwas zusehen, bis ich die Scheidung ein­leite."

Sie können so gleichgülttg ruhig sein, Baronin, während ich verbrenne." Der Graf stieß einen Kieselstein vor sich her unö köpfte achtlos die Margueriten. die dicht am Weg standen:Ich habe alle Ihre Wünsche erfüllt, Brunhilde: Das Gestüt aufgelöst und das Dutzend Pferde ver­äußert, weil es zu kostspielig war! Meinen Ra- men bei den Rennen streichen lassen und den Jockeis den Laufpaß gegeben."

Auch den schönen Girls vom Westend» Thcater?" Ihre Augen sprühten vor Spott und Belustigung.

Brunhilde!--

Graf! Distanz bewahren! Gehen Eie bitte nicht so dicht neben mir, der Weg hat Platz für drei. Ich möchte meinem sechzehnjährigen Jun­gen nicht daS Schauspiel einer flirtenden Mutter geben. Sprechen Sie jetzt etwas ganz Belang- loses. Er kommt dort über die Wiesen."

Der Graf schielte seitwärts und konnte ein Aus- steigen des Zornes nicht unterdrücken.

Oerhen war keine gemeine Ratur. Aber da alles Werben um das Zutrauen und die Rei- gung des jungen Mannes fehlschlugen, begann er diesen beinahe zu hassen. Lind Bernhard ver­galt mit Gleichem.

Wie er so einherschritt glich er seinem Vater bis ins Kleinste. Er war groß und schlank auf­geschossen,Anstettensche Rasse", pflegte Brun- Hilde zu sagen. Rur das Sichere des Auftretens und den verwundert dunklen Blick schien er von der Mutter geerbt zu haben

die wichtigste Verbindung zwischen den britischen Stationen am Mittelmeer und Indien. Die 3700 Kilometer lange Strecke zwischen dem englischen Flugplatz in Aegypten und dem in­dischen Außenposten Karachi wird heute vom britischen Flugdienst in zweieinhalb Tagen über­wunden. 3m Ernstfälle wäre die Fliegertruppe stark genug, um die für den ersten Augenblick erforderlichen Verstärkungen quer über die syrische Wüste, Mesopotamien und den Persischen Golf nach Indien zu bringen.

Angesichts all dessen mag der Entschluß der Labour-Party, den sie erst am 4. Rovernber d. 3. dem Generalsekretär des Völkerbundes mitge­teilt hat, nämlich d i e Ausnahme Iraks als Mitglied des Völkerbundes Im Jahre 1932 zu empfehlen, als sonderbar er­scheinen. Allein einmal hat sich England dazu ausdrücklich im FreundschaftSvertrage" mit Irak am 14. Dezember 1927 verpflichtet. Sodann aber mag diese Freundschaft" sich sehr wohl, infolge der oben geschilderten wirtschaftlichen Schwierig­keiten, inzwischen abgekühlt haben. Lind schließ­lich hofft das Foreign Office, daß Irak auch nach der Ausnahme in den Völkerbund, nunmehr als Dominion, innerhalb des Empire ver­bleiben wurde, so daß die dringendsten Interessen des britischen Weltreiches dort nach wie vor gewahrt bleiben würden.

Aus der provinzialhuuptstadi

Gießen, den 22. Rovcmber 1929.

Llngünst ger Rechnungsabschluß des Giadttheaters.

von der StaöfoerroaUang wird uns mit- geleill:

Bei dem Abschluß der Sladvuechnung für das Rj. 1928 ergab sich, daß der vom Stadlrat für das Slodlthealer bewilligte Zuschuß von 67 838 Mark nach dem wirklichen Rechnungsergebnis sich auf 147 395 Mark beläuft und somit der Vor­anschlag um 7 9 5 5 7 Mark überschrit- t e n worden ist. Da dieses ungünstige finanzielle Ergebnis und derartige Kreditüberschreitungen den IDeiterbetrieb des Stadttheaters ge­fährden, hat der Oberbürgermeister st r e n g e Maßnahmen für die Rechnungsführung des Stadtlbeaters getroffen und angeordnet, dah der für das Rj. 1 9 2 9 bewilligte Zuschuß keinesfalls überschritten werden darf.

e

Wie mir auf Anfrage bei der Stadtverwaltung erfahren, wird sich die Theaterdeputation in einer Sitzung am heutigen Nachmittag eingehend mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Unabhängig von dieser Sitzung sind aber seitens der Stadtver­waltung sofort verschärfte Kontrollmaß­nahmen für die Rechnungsführung des Stadt­theaters verfügt worden.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Etadttheater:Robert Guiskard" undDeme­trius", 20 bis 22,15 Llhr. MissionsbundLicht im Osten": Dortrag3m Erleben der Apostel". Bewegung für relig. Erneuerung:Ratur­erkenntnis und kommendes Christentum", 20,Zj Llhr, Llniversität, Hörsaal 41. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Frau im Mond". Asto- ria-Lichtspiele:Tempo Tempo".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns berichtet: Die VorstellungRobert Guiskard" undDemetrius" beginnt heute abend um 20 Llhr. Fremdenvorstellung, Sonntag,

Als guterzogener 3unge beugte er sich über die Hand der Baronin und bot dann seine Rechte dem Grafen, der sie nur eine Sekunde umfaßt hielt.Dem Sport gehuldigt?" fragie Oertzen.

Bernd verneinte.3ch war auf den Wiesen drüben," er zeigte hinter sich.Mutier, LaS Heu gibt eine Doppelernte und auf den Feldern stehen die Halme so hoch." Er zeigte dabei bis an ihren blonden Scheitel.Wenn alles weiter so gerät schenkst du mir dann zu Weihnachten den Traber, den ich so gerne möchte?"

Ein gurrendes Lachen kam aus dem Mund der schönen Frau.Was der 3unge für Wünsche hat! Wie, Graf? Erfüllen soll ich sie? Ach Gott, wenn ich das alles gewähren sollte, was Bernd ersehnt, kämen Sie sicher zu kurz dabei."

Oertzen warf rasch len Blick nach dem 3ungen, dessen Ceiicht urplötzlich in Glut getaucht stand.

Du erlaubst, Mama?" Er hob diesmal die weihe Fra^enhand nicht an die Lippen, ver­beugte sich nur knapp gegen die Mutter, noch knapper gegen ihren Gast und schritt hochauf­gerichtet len Weg entlang, der nach dem Schlosse führte.

Wie dumm, daß ich das gesagt habe," erregte sich die Baroniir.Er hat für alles ein Ohr und für alles ein Auge. Obwohl er noch ein Kind war, als sein Vater ging, hängt er doch mit einer solch fanatischen Liebe an diesem, als sei et nie von ihm getrennt gewesen."

Glauben Sie, dah er mich als Autorität an­erkennen wird?" fragte Oertzen kleinlaut.

Rie," lachte sie mit Lleberzegung.Dazu ist er zu sehr gereift."

Wäre es nicht möglich, dah sie ihn zu Ihrem Gatten schicken, Brunhilde?"

Den Jungen? Gras, Sie sind wohl verrückt! So degeneriert bin ich denn doch noch nicht, daß ich mein Kind dem sicheren Tode preisgebe."

Es leben mehr als dieser junge Mensch in Indien," entschuldigte er sich.

Das ist mir nebensächlich! Jedenfalls kommt mein Sohn nicht in dieses mörderische Klima."

Sie war versttmmt und schuf einen breiten Zwischenraum zwischen sich und ihm, der seinen Kopf zermarterte, wie er sie wieder versöhnen und feine Llnge'chicklichkeit vergessen machen könnte. Endlich glaubte er etwas gefunden zu haben, das ihr schmeicheln könnte.Wenn Äe erlauben, Baronin, möchte ich den Falben, der noch in meinem Gestüt ist, Bernd zum Geschenk machen. Das Tier hat keinerlei Llntugenden."

Ihre Miene hellte sich auf.Ich muh Ihr An­gebot dankend ablehnen, auch im Rainen Bernds, er würde es nicht akzeptieren. Aber Ihre Be­merkung, dah das Tier keine Llntugenden hat, läßt mich erkennen, dah es gut gemeint war "

Sie hielt ihren Schal mit der Rcchtcv fest und sprang, ohne auf feine darzercichte Hand zu

24. Rovernber:Der arme Heinrich" von Verhict Hauptmann (zum letzten Male): ermäßigte Prelle. Als Premiere für die kommende Woche wird wiederum ein Klassikerabend vorbereitet:Die Troerinnen" nach Euripides von Werfell Spiel­leitung hat Intendant Dr. P r a s ch. Damen der Giehener Gesellschast haben sich für den Chor in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt. - Am 1. Dezember, nachmittags, spricht Ma? Weisen- heyner:Mit dem Zeppelin um die Welt", mit Lichtbildern. Abonnenten Ermäßigung. Be­ginn des Vortrags 15.30 Llhr.

Literarischer VolkSkun st abend der Volkshochschule. Tie Vollshoch chu ? bittet uns, nochmals auf den AbendSpiegel der Zeit" des Kasseler Vortragsmeisters Hans Dohme hin uwei.en, der Dichtungen und Skiz­zen von Menschen und Maschinen, vom Rhyth­mus und Willen'unserer Zeit bringen wird. Ro­heres siehe heutige Anzeige.

DerVereinderFreundedeshuma- nistischen Gymnasiums teilt mit, daß der für kommenden Montag vorgesehene Vortrag von Professor Dr. Iacobsthal überFunde griechisch italischer Kunst in Germanien und Gallien" vcr- schoben worden ist, um den Interessenten dieses Vor­trages auch Gelegenheit zu geben, am nächsten Mon­tag den Vortrag überDie Troerinnen" zu hören. (Siehe heutige Anzeige.)

Taten für Samtztag, 23. November.

Sonnenaufgang 7.30 Uhr, Sonnenuntergang 16 03 Uhr. Mondaufgang 23.08 Uhr, Monduntergang 13.29 Uhr.

1719: Johann Gottlieb Immanuel Breitkops, Buch­drucker und Verleger, geboren (gestorben 1794); 1845: der Bildhauer Karl Begas in Berlin geboren (gestorben 1916).

* Heeressachschule für Verwal­tung und Wirtschaft. Die durch die Ver­setzung von Studienrat Dr. Metz nach Berlin sreigewordene hauptamtliche Lehrerstelle an der hiesigen Heeres achschule (TW) wurde Studien­assessor Dr. M e u e r aus Alten-Buseck mit Wir­kung vom 15. Rovember 1929 probeweise über^ tragen.

* * Vom Wochenmarkt. Der Verkauf von Blumen und Kränzen findet morgen, Samsta-', auf dem Landgraf-Philipp-Platz statt.

* 60 Jahre Bezieher des Gieße ne Anzeigers. Wie Frl. Helene Röme , Wicseck, Gießener Straße 83, uns mitteilt, sind es morgen 60 Jahre, dah in ihrer Familie der Gießener Anzeiger im Abonnement bezogen wird. Gleichzeitig legte uns die Dame einen Gießener Anzeiger vom 23. Rovember 1869 vor, dem Tage, an dem sie das Licht der Welt erblickte. Die Dame kann also morgen auch ihren 60. Ge­burtstag begehen.

" Drei Autounfälle an einem Tage und an einer Stelle. Eine etwas reich­liche Serie von Autounfällen an einer einzigen Landstraßenstelle ereignete sich gestern auf der Landstraße Klein-LindenDutenhofen an der scharfen Kurve in der Röhe der Abzweigung der Verbindungsbahn. Dort verlor ein Kraft­fahrer, der von Gießen nach Wetzlar unterwegs war, auf der glatten Straße die Herrschaft über seinen Wagen, der in den Straßengraben stürzte und sich dabei überschlug, so daß das Fahrgestell nach oben lag. Der Lenker kam unter den Wagen zu liegen, blieb aber zu seinem Glück unversehrt. Zur Vornahme der Bergungsarbeiten wurden Hilfskräfte von der Firma Jäger in Gießen her­beigerufen. Während diese mit dem Flotstnachen des verunglückten Wagens beschäftigt waren, kam ein Lastkraftwagen heran, dem Haltezeichen ge­geben werden mußten, da die Straße durch die Bergungsarbeiten versperrt war. Bei dem Plötz-

achten, über den Graben, der den Wiesenpfad von der Chaussee trennte.

Ein Reitknecht führte dort den Braunen auf und ab, der Oerhen von der benachbarten Stadt herübergebracht hatte. Die Gegenwart dieses Dritten brachte es mit sich, daß der Abschied der beiden sehr kühl und förmlich vor sich ging.

Roch ehe der Graf sich in den Sattel geschwun­gen hatte, flatterte der Seidenschal der blonden Frau bereits wieder über die Wiesen, wie ein zitronenfarbener Schmetterling, der leichtflügelig dahinschwebte.

Die Baronin war erschöpft und wußte eigentlich nicht wovon und weshalb. Wahrscheinlich trug die Llngeduld, das fortwährende Drängen des Grafen, ihm ihr3a" zu geben, dazu bei, daß sie feit Tagen so nervös und zerfahren war.

Dazu die Llngewißheit, ob ihr Mann den Dries bekommen hatte und ihrer Aufforderung Folge leisten würde. Sie hoffte nicht! Aber wenn! Was bann?

3e mehr die Zett sortschritt, desto größer wurde der Zwiespalt in ihr. Es war der sehnlichste Wunsch ihres Lebens, von Anstetten frei zu werden. Aber zwischen ihr und diesem Manne, dem sie sich als kaum Reunzehnjährige zu eigen gegeben hatte, stand Bernd

Bernd!

3hr Schritt wurde plötzlich rasch und elastisch. Wie kühl und förmlich er sich vorhin verneigt hatte! Als ob sie ihm fremd wäre, wie Gras Oerhen! Dummer, kleiner Berndt! Er konnte so kindhaft anschmiegend unb zärtlich fein, und dann wieder so abweisend verschlossen, dah sie, die Mutter, zuweilen ratlos vor seinem Herzen stand und nicht wußte, welches Wort sie finden sollte, Einlaß zu bekommen.

Lieber, lieber Bernd! Wie kannst du manchmal wehe tun! Sie dachte an den Abend, da Oerhen das erste Mal Gast auf Anstetten gewesen war. Der 3unge hatte mit einem Scharfblick ohne­gleichen sofort das Spiel durchschaut, das sich da anzubahnen begann.

Vor dem Schlafengehen war er noch an ihr Zimmer gekommen unb hatte geklopft:Darf ich. Mutter?"

Sie war schon am' Entkleiden gewesen. ha:«- noch rasch einen Pyjama übergeworfen unb 6:e Zofe hinausgeschickt.

Förmlich erschrocken war sie. als er mit kalll weißem Gesichte plötzlich vor ihr ftanb.3n be­schule heißen sie ihn ben Weiber-Fritze! Gute Rächt, Mutter!"

Ohne baß sie Zeit gehabt hatte, auch nur ein Töort zu ertoibern, war er aus dem Zimmer ge gangen.

Dummer, kleiner Bernd!

(Fortsetzung folgt.)