Donnerstag, 22. August 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. (96 Zweites Blatt
ihr
Fahrt in der Nacht
Von Hedda AZestenberger.
hin. Nicht halb und nicht verträumt, sondern mit einem schnellen Ruck.
„Es geht", sagt ihre Helle Stimme in den summenden Motor und in Axels sentimentales Herz hinein.
Axel stottert beinah: „Was geht?"
„Daß wir beide fahren", erklärt Gert. „Ich' hab' doch die ganze Zeit Ihre linke Hand ersetzt! Fabelhaft — aber wie ein Schießhund hab' ich auspassen müssen ...“
Axel greift plötzlich wieder mit beiden Händen zum Steuer. Ueber den Baumspitzen hängt ein unwahrscheinlich rötlicher Mond.
den Cafes. Der literarische Geschmack hat sich gewandelt, die neue Zeit hat neue Formen der bildenden Künste geschaffen, aber heute wie einst werden die Probleme im Cafe heftig debattiert. Heute wie damals verschwinden die meisten der Jungen, die sich für Genies halten, unter den Namenlosen. Nur ganz selten gelangt einer von ihnen zum Ruhm und Anerkennung. Heute wie früher kann man, wenn man gegen Morgen ins 6afc tritt, die Dichter ihre Verse sprechen hören. Die Marmorplatten auf den Tischen des Cafe „Dome“ sind bedeckt mit Zeichnungen, von denen diese oder jene doch vielleicht einmal später eine Kostbarkeit sein würde, wenn sie erhalten bliebe. In diesen Cafes vor allem herrscht die zauberhafte, beschwingte, ein wenig demoralisierende Atmosphäre von Paris. Sie lockt all die Ausländer an — Männer und Frauen — die Paris zu künstlerischen oder wissenschaftlichen Studien aufsuchen und oft über dem Cafehaus- leben die Arbeit vergessen.
Diese Cafes, die so unverbrüchlich zu Paris gehören wie Notrc Dame, blicken auf eine Geschichte von drei Iahrhunderten zurück. Im August 1629 wurde den Händlern durch einen Erlaß Ludwigs XIII. gestattet, in ihren Verkaufsläden Tische und Stühle aufzustellen und chre Kunden daselbst gleich zu bewirten. Die Ge- schästsleute, die von diesem Erlaß Gebrauch machten, bekamen ein Wappenschild, das auf blauem Feld ein silbernes Schiff, die symbolische Schwertlilie, sechs kleine Schaluppen und eine Weintraube enthielt.
Oberheffen.
Landkreis Gietzen.
£ Wiese ck, 21. Aug. Der Gemein de rat beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit dem Einspruch der Kirchen Vertretung gegen den Voranschlag 1929. Bürgermeister Schomber gibt hierbei bekannt, daß die Kirchenvertretung aus 1927/28 eine Nachforderung von 535,07 Mark eingereicht habe. Diese Nach- fordcrung wird einstimmig abgelehnt, da am 25. März d. 2. in gemeinschaftlicher Sitzung der Gemeindevertretung mit der Kirchenvertretung im Beisein von Degierungsrat Dr. Krüger, als Vertreter des Kreisamtes Gießen, und Prälat D. Dr. Diehl, sowie Oberkirchenrat Büch - l e r , als Vertreter der Landeskirche, eine Einigung erzielt wurde, wonach die Gemeinde Wie- seck an die evangelische Kirche den Betrag von 2250 Mark bezahlt und damit alle Forderungen! der Kirche bis 1. April 1929 erledigt^ sind. Der zweiten Forderung über 400 Mark für verschiedene Bau- und Instandsetzungsarbeiten konnte der Gemeinderat ebenfalls nicht zustimmen, da ncuh seiner Ansicht auch hier die Kirchenvertretung nicht den Vereinbarungen entsprechend verfahren sei, wonach zu solchen Arbeiten erst die Genehmigung der Gemeindevertretung eingeholt werden muß. Außerdem seien doch auch im Voranschlag bereits 400 Mark für laufende In- standsehungsarbeiten für Kirche und Pfarrhaus vorgesehen. Die für Reinigung der Orgel ange- sorderten 418 Mark erschienen der Gemeindevertretung zu hoch, auch war der Gemeindrrat nicht von der Notwendigkeit überzeugt, und lehnte diese Forderung ab. Ein Antrag von Gemeinderat Scherer, eine Beschwerde bei der Landeskirchenvertretung über das Verhalten der örtlichen Kirchenvertretung einzureichen, fand keine Gegenliebe. — In nicht öffentlicher Sitzung wurde dem Mehgermeister Wilhelm Haas, das Gemeindebackhaus für 3500 Mark mit acht Stimmen bei einer Stimmenthaltung zugesprochen. Die atv* dere Hälfte der Gemeindevertretung bestand auf Zahlung von 5000 Mark. Zu den zu zahlenden 3500 Mark kommen noch die Kosten, die der Ver
Hochschulnachrichten.
Prof. Dr. Ernst Hohl in Rostock hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der alten Geschichte an der Universität Graz als Nachfolger des nach Bonn berufenen Prof. Friedrich Oertel abgelehnt. Dr. Hohl, der aus Stuttgart gebürtige Historiker, dozierte früher in Straßburg. — Ernannt wurde Dr. jur. Eugen Ulmer, Privatdozent in Tübingen, vom 1. Oktober 1929 an zum ordentlichen Professor in der Rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität R o st o ck. Der aus Stuttgart gebürtige Rechtslehrer übernimmt in Rostock den Lehrstuhl für deutsches Recht. — Ferner sind ernannt worden: Prof. D. Gerhard Heinzelmann von der Universität Basel zum Ordinarius der systematischen Theologie in Halle als Nachfolger von W. Lütgert, und Prof. Dr. Hermann Aubin in Gießen zum Ordinarius der mittleren Geschichte an der Uni« versität Breslau als Nachfolger von Prof. H< Reincke-Bloch.
pariser Cafes.
Von Werner Stollen.
Wer Paris kennt und weiß, wie wichtig dem Franzosen das Cafe ist, der wird sich nicht darüber wundern, daß man der Geschichte der Pariser Cafes eine längere Betrachtung widmet. Der Pariser verfügt in den meisten Fällen nicht über eine in unserem Sinne behagliche Häuslichkeit. Die Wohnungen sind oft eng und recht unkomfortabel. Die Mieten sind sehr teuer, deshalb müssen sich auch gute Bürgerfamilien mit kleinen Wohnungen begnügen. Daraus entsteht die Pariser Sitte, Gäste meist außerhalb des Hauses, im Restaurant, zu bewirten.
Aber hier handelt es sich hauptsächlich um das Cafe. Zum Aperitif geht das kleinste Pariser Nähmädchen ins Cafe. Im Cafe trifft man sich. Wenn man sich allein fühlt, findet man im Stamm-Cafe auch ohne Verabredung Bekannte. Alle Welt geht ins Cafe. Dor allem die Künstler, die Iournalisten, die Kritiker. Man sagt, daß große politische Ereignisse im Cafe ihren Ausgangspunkt genommen haben. Die Revolution von 1848 wurde im Cafe vorbereitet. G'a m - b e t t a war der eifrigste Cafebesucher seiner Zeit. Der glühende Republikaner bereitete durch seine Reden im Cafe den Umsturz vor, dem Napoleon HL weichen mußte.
Die Cafes, in denen die historischen Größen unter den französischen Künstlern und Politikern zu verkehren pflegten, sind fast alle verschwunden. Das einzige Cafö, das noch übriggeblieben ist, ist das Cafe du Theatre Frantjais. Hier hat Müsset, der ebenfalls ein eifriger Cafö- besucher war, und oft von einem Cafe zum anderen wanderte, sehr viel verkehrt. Nicht weit von seinem Stammcafe hat man auch sein Denk-' mal errichtet. Heute ist das eine Stelle, an der der Verkehr am wildesten brandet.
Wie vor Iahrzehnten, so sammelt sich noch heute der gesamte künstlerische Nachwuchs in
Er fuhr mit ihr heim. Zufällig, weil Weg die gleiche Richtung nahm wie der seine, und er den Wagen vor der Türe stehen hatte. Als sie auf der Chaussee waren, lehnte er sich behaglich zurück und seufzte tief auf. Denn er war zufrieden. Das Essen war ausgezeichnet gewesen und schnell serviert worden, an der kalten Ente hatte er beinah des Guten zuvwl getan und beim Tanzen hatte er sich nicht überanstrengt. Alles in allem ein erträglicher Abend, es war nicht einmal spät geworden. Außerdem hatte er nicht viel Leute nach Hause zu fahren. Nur Frau Gert mit dem weißen Haar und den 25 Iahren. — Wie mag sie zu dem weihen Haar gekommen sein, dachte er vor sich hin, aber es sieht gut aus, und das tintenblaue Kleid dazu, sehr gut. Eigentlich war sie die Netteste heule abend. Nur schwer erreichbar. Immer waren ein paar alte Herren um sie herum, die sich „Ihres Herrn Vaters erinnerten". Kunststück, bei
Während oben noch der Schwarm zwischen den Zellen unter den großen Kronleuchtern kreist, über die schwere Bündel von Telephondrähten hängen, springen die ersten die schmale Treppe chon wieder hinab. Die Konferenz teilt ihr Leben zwischen dem Dinnenhof und Scheveningen. Dort sind jetzt die Minister. Also Auto, Auto, chnell, sehr schnell nach Scheveningen. Den Zeitungsverkäufern'vor dem Tor reiht man ein paar Blätter aus der Hand. Lektüre für unterwegs.
Auf dem Reitweg kurz vor Scheveningen traben ein paar Damen, locker in den Sätteln, braun gebrannt. Ein herziges kleines Mädelchen in langer Reithose hinterher aus einem kleinen Ponny. Das Klinkerpflaster der Straße ist schwarz geschliffen von Pneus. Links taucht ein bizarrer Bau mit schiefem Dach und schiefen Fenstern aus. Ein Hotel, denn es sitzen Gäste beim Lunch auf der Terrasse, wahrscheinlich Leute mit starken Nerven und schwach entwickeltemGleichgewichtsgefühl. wenn sie zwischen diesen schiefen Liniep wohnen können. Dahinter öffnet sich der Blick auf grüne Wiesen, ruhige Wasser. Dkan spielt Gols. An der Biegung tauchen die Flaggen auf den Delegations- Hotels auf.
Links der Union Iack, das Blaugelbrot der Rumänen, die japanische Sonne auf weißem Feld. Hier weih-rot? Ach so, dort wohnt der Pole Zaleski. Was mag der wohl machen? Nur Berichte aus der Politischen lesen? So beschaulich wird sein Dasein wohl nicht sein.
Plötzlich ist man mitten in einem ungeheuren Zirkus von Straßenbahnen, Autos, Motorrädern, des Zentrums Scheveningens, vor dem Kurhaus. Die junge Welt geht schon zum Nachmittagsbad. Damen in bunten Mänteln und Gummischuhen wie seltene Paradiesvögel mitten im Verkehr. Ein wohlgewachsenes junges Mädchen in einem der modernen Matrosenanzüge aus ganz leichter Seide mit flatternden Hosen. Die Zeitung sinkt langsam. Man wendet den Kopf. Man hat einiges auszusehen an dem Begleiter, den die Schönheit so reizend anlächlt. An einer Reihe Autos mit der Trikolore vorbei. Hier ist das Palace, woBriand jeden Mittag mit seinem Gefolge frühstückt.
Und nun Oranje. Sih der Deutschen. Ganz am Ende des Strandweges. Aus jedem zweiten Fenster hängt ein Badeanzug zum Trocknen. Man konstatiert im Vorbeigehen: Während die Delegation tagte, ist das Personal am Strand gewesen. Aber jetzt klappert es schon wieder aus den Fenstern. Man hört Schreibmaschinen und diktierende Stimmen. Kurgast kann man nur in kurzen Momenten spielen. Die Delegation selbst kommt kaum dazu. Auch kaum zum Genuß der „anregenden Getränke", für die der „Sparkommissar" Riesensummen ausgeworfen hat, die teilweise die phantastische Höhe von 70 Cents pro Tag und pro Kopf erreichen. — Es reicht gerade für zwei Tassen Kaffee.
In der Halle sitzen der „Kronjurist" Dr. Gauß und Staatssekretär von Schubert in eifrigem Gespräch. Dr. Gauh wird bestürmt mit Fragen nach der Kontrollkommission. Er hat sie so oft in diesen Tagen beantwortet und gleich ist wieder ein Privatissimum über Locarno, Dölkerbunds- pakt und Investigation im Gange. Gleichzeitig expliziert in einer anderen Ecke mit leitfahklarer Kürze, sehr schnell und gut sprechend, Minister Curtius einige Geheimnisse des Wallenberg- abkommens. Um Dr. Wirth haben sich ein paar holländische Iournalisten geschart. Er wird interviewt (später wird man im „Telegraaf" lesen: es war über die Vorzüge der holländischen Küche).
Ein unaufhörliches Kommen und Gehen in der Halle. Dr. Stresemann begibt sich zu Henderson. Dr. H i l f e r d i n g kommt von einer Besprechung mit Loucheur. Die Hotelgäste, die eben ihren Tee nehmen, genießen Aufmarsch und Abgang der.Diplomaten wie eine interessante Modenschau.
„So können Sie nicht fahren", warnte Gert, aber als sie sah, daß er dennoch losraste, setzte sie sich in seinem Arm zurecht und schwieg.
Avel raste wirklich. Nicht, weil es ihm Spaß machte, durch die wundervoll stille Nacht, über, eine breite und geschmeidige Chaussee zu. jagen, sondern weil diese Frau neben ihm saß, in seinem Arm allein mit ihm in der 'Nacht war. Jede Kurve schob sic noch näher zueinander, jedes Rütteln traf sie beide zu gleicher Zeit. Alles das empfand Axel sehr romantisch. Er warf dem Mond einen Blick zu und dachte: Der hängt nur für uns da oben zwischen den Bäumen. Er schaute kurz in das Dunkel einer Baumgruppe hinein und wünschte, die Frau möge sich vor solchem Dunkel fürchten. Er verflieg sich sogar zu wilden Phantasien und überlegte: Wenn jetzt was passierte - dann lägen wir beide zerschmettert im Straßengraben. Dann sah er ihr Kleinmädchen-Profil im Lichtschein und dachte: Ich verliebe mich. So fängt heutzutage Liebe an. Mit 80 Pferdekräften...
Längst hält seine linke Hand Gert fest an sich gepreßt, längst verfolgt er mit prickelnden Nerven. wie sich ihre Hand — er sieht nur einen blitzenden Ning — am Steuer zu der seinen hinüberschiebt, und er gäbe Gold, dürfte er für einen Augenblick loslassen...
Stoppen? Halten? Auf freier Chaussee? Küssen — geschmacklos. Man muß nur diese Stimmung steigern... Noch ein bißchen warten.
Wir strömen ja förmlich aufeinander zu", denkt er pathetisch, und weil er 2 irgendwo so gele- ^Dann beobachtet er Gert. Schon hat sie den Kops leicht gegen seine Schulter geneigt, schon seht sie seinem heftig pressenden Arm laurn noch Widerstand entgegen, einmal zuckt sie leicht zusammen, als erschrecke ße vor ihrem eigenen Gefühl «denkt Axel- und: Wie ein Bögelchen hockt sie in meinem Arm... Wenn das Wort „süß" nur nicht so abgeklappert wäre.
Dann erinnerte er sich wieder an fernen Wa- qen Tadellos, wie er Den meistert. Mit einer Hand. Bei der Fahrt. In s o l ch e r Stimmung. Nach s o viel kalter Ente...
Axel „strömt" wirklich. „Und Gert, denkt er, „diese süße Gert auch." Drum steckt er seine Nase sachte in ihr Haar. Drum berührt er ihre Schlafen mit feinem Gesicht - es ist wm, als mu||e nun gleich Gert leicht die Augen schließen, das Gesicht halb zu ihm wenden. Un 1 wieder berührt er sachte ihre Schläfen. „©Icut) hinter der Kurve." nimmt er sich vor, „gleich hinterher küsse ich sie." ,
Plötzlich — gerade hinter dieser Kurve, aber dennoch unvermutet, hebt Gert das Gesicht zu ihm
Den Haag, 20. August 1929.
Auf dem Dinnenhof im Haag steht ein Brunnen. Ein schmiedeeisernes Meisterstück holländischer Handwerkskunst. In der geometrischen Mitte des viereckigen, klinkergepflasterten Hofes baut er sich auf. Er ist räumlich der wahre Mittelpunkt der Haager Konferenz.
Oluf seinem runden, breiten Stemrand sitzt Tag für Tag ein „Kreis" von Iournalisten. Hier wartet man, bis drüben unter den Arkaden die Minister erscheinen. Oft dauert das stundenlang. Die Zeit wird dann lang und die Gesichter nervös. Die Köpfe rucken in Sekundenzwifchenräumen immer wieder nach oben zu einem der Türme des „Ridderzaals". Dort rückt ein Uhrzeiger stupjd und rücksichtslos Minute um Minute vorwärts. 1 Uhr 15, 1 Uhr 16, 1 Uhr 17... Um 1 Uhr 25 ist Redaktionsschluß und noch kein Sterbenswort.
Die Engländer beginnen zu telegraphieren. Nicht Radio via soundso, sondern primitive Win- kerzeicheii. Rechter Arm wagrecht, linker senkrecht bedeutet: „Snowden gibt nach". An einem Fenster in der „Kammer der Generalstaaten" tauchen einige Köpfe auf. Dort tagt die „Finanzielle". Don ihnen dreht sich einer langsam von links nach rechts, das ist die Antwort: „Unentschieden"!
Also weiter warten. Einer dichtet: Und die Hälfte deines Lebens wartest du bestimmt vergebens. Ein Franzose erzählt unterdes, wie er Snowden interviewt hat. Es war am Tage, als man den englisch-französischen Unterschied über die grammatikalische Bedeutung des Wortes ridi- kül entdeckte. Baker, Snowdens Sekretär, meldet den Fraikzosen. Aber Snowden lehnt ab. Nach einigen neuen Vorstößen bequemt er sich, seine Ansicht über die Lage in einem einzigen Sah zum besten zu geben. Er lautet: „Die Franzosen sollen ruhig weiterheulen!"
Am Drunnenrand heult alles, was französisch ist, auch wirklich vor Entrüstung. Snowden! Seine Landsleute verteidigen ihn, erzählen aus der Lebensgeschichte dieses merkwürdigen Menschen und nennen Titel der Bücher, die er geschrieben hat.
Der Uhrzeiger oben rückt weiter.
Die Chauffeure der vierzig Delegationsautos, die im Hofe in vier langen Reihen warten, haben längst einen internationalen Skakklub aufgemacht. Sie sitzen in den Ministerpolstern und spielen Karten, während ringsum andere durch die Fenster kiebitzen.
Da, drei Minuten vor Redaktionsschluß eine Bewegung unter Den Arkaden. Die Automotore springen plötzlich dumpf an. Die Minister kommen.
Der ganze Hof gerät in Bewegung. Von allen Seiten strömen sie heran. 300 Iournalisten, 160 Delegierte. Im Handumdrehen ist die rechte Hofecke am Ausgang von einer kleinen aufgeregten Volksversammlung erfüllt. Gruppen bilden sich. Nationale Gruppen, jede mit einem Delegierten als Mittelpunkt.
Das ist D r i a n d. Er trägt tatsächlich noch den Strohhut, den er sich in Madrid gekauft hat. An der Schwelle zum Hof bleibt er zögernd »stehen. Seine grauen Augen huschen umher. Er sucht jemand. Jetzt fixiert er ihn. Sein alters- frummer Finger winkt müde dem Unbekannten. Und wie aus dem Boden gewachsen, steht irgendwoher Grumbach da. Er taucht auf jeder internationalen Konferenz auf, sobald das Wort Kontrolle" fällt. Driand legt ihm vertraulich den Arm um die Schultern. Während sie ein Paar Schritte zum Wagenschlag machen, flüstert er Grumbach einige leise Worte zu. Am Auto gibt Der „Patron" Den übrigen Iournalisten das übliche Witzwort. Man lacht. Der Wagen ruckt an.
Bei den Engländern im „Grand der gleiche Betrieb. Schwarze, schwere Koffer werden aus den Räumen Der englischen Delegation her- untergeschleist. Einer tragt: „Zum wievielten Male fährt Snowden jetzt eigentlich nach London?" FinDige Leute entdecken, daß Snowdens Koffer immer gepackt seien — weil er einen Schrankkoffer hat.
In welches Quartier man auch kommt: Iournalisten, Delegationsangehörige mit gewichtigen Mappen und geheimnisvolle Gespräche. Am geheimnisvollsten tun Die Iapaner, als ob es sich für sie nicht um 12 Millionen, sondern um mindestens 12 Milliarden drehe.
Drei-, vielmal wechselt man am Tage zwischen Scheveningen und dem Biunenhof: drei-, viermal ballt sich am Tag das Politische Ereignis zur Sensation und mehr als drei- und viermal werden die Linien nach Berlin, Paris, London im Sturm genommen. Das geht bis tief in die Nacht hinein. Hinter den Gittern der Telephonzentrale fallen Den „Meisjes" die Augen zu. Sie sind müD, ebenso müD und abgekämpft tote Die Diplomaten und Journalisten dieser Haager Konferenz und wissen doch, daß am nächsten Tag das Aufundab der politischen Welt wieder beginnt.
Wenn man spät nachts den Rittersaal verlaßt, dann liegt der Brunnen, der am Tage so bevölkert ist, ruhig und verlassen unter mildem Mondlicht. Der „Mittelpunkt der Konferenz" ist wieder sich und seinen beschaulichen Träumen zwischen den alten Mauern, Die soviel holländische und soviel Weltgeschichte erlebt haben, toieDergegeben.
Driand fährt weg. Ohne etwas gesagt zu haben. Alles stürzt sich aus Henderson. Rund und rosig leuchtet er aus Dem Iournalistcnschwarm. Er schweigt mit weniger Umständen als Briand. Er zwängt sich einfach durch, wirft sich in seinen Wagen und winkt — „ab" I
ihn Grandi, jovial und sehr liebenswürdig, sammeln sich die wenigen Italiener. Gravitätischen Schrittes begleiten sie ihn. Man muß an preußische Leutnants denken, die mit einem Major dahinspazieren, respektvoll, kameradschaftlich. Das faszistische Abzeichen, das sie alle tragen, gibt ihnen Die gleiche disziplinierte Haltung.
A d a t s ch i trippelt heraus. Mit ganz kleinen, zierlichen Puppenschrittchen. Ihn würde niemand fragen. Man fürchtet sich vor seinem langge- zogenen Französisch. Erklärungen voy ihm würde heißen: Zeit verlieren. ^Iber man braucht Auskunft, in wenigen knappen Worten, Aufschluß über Drei Stunden Sitzung.
Ietzt Dr. Stresemann. Kurz, hastig, meist sehr ernst geht er energisch auf Den Iournalisten- knüuel los. Der weicht, nacht widerstrebend, aber ehvsurchtsvoll Platz Man weiß, dieser festgeschlossene Mund wird keine Antwort geben. Korrekt bleibt er durch die Schweigepflicht geschlossen.
Die Wagen rollen ab. Der Hof wird leer.
Und plötzlich ist die begehrte Information doch da!
Woher? Wer weiß das. Ein Wort. Ein paar hastige Sätze. Ein Zuruf aus einem der abfahrenden Wagen. Ein eiserner Griff an den Arm des eiligen „Gewährsmannes'. Ein Stück Papier, auf dem rätselhafte Zeichen stehen.
Die Konferenzinformation bedient sich manchmal unerwarteter Formen. 2lber sie-ist da. Und wenn das trockene amtliche Kommunique kommt, an das alle Künste des Schweigens und Verschweigens verschwendet sind, wenn die „Presse- attachees" das nichtssagende Kommunique noch ein wenig Dünner ausgewal,t haben, Dann ist Das Geheimnis Der Sitzung eine schöne Illusion. Sie hat nur kurzes Leben. Solange, wie schnelle Beine vom Binnenhof bis Turmtür im Rittersaal brauchen.
Wohl Dem, Der einmal 100-Meter-Sprinker war. Spurt zum Telephon. Start der Neuigkeit in die Welt hinausAJm Laufen schon formt sich Meldung und Inhalt: der erste Satz. Die engen Turmtreppen zum Rollsaal werden im Sturm genommen. Oben platzt Das erste Wort wie ein Schuß ins Stenogramm. Schreie fliegen von Der Tür h->r: Berlin, Hamburg, Paris, London, Düs- Dorf. Das gilt Den „Meisjes", die hinter dem Gitter Der Telephonzentrale sitzen.
Schlagmäßig setzt einige Augenblicke später Die polyglotte Kakophonie der Konferenzpresse ein. Im halbdunklen Saal stehen vierzig Telephonkabinen, enge Gänge Dazwischen. Die Zellenwände sind Dünn, teilweise ingeniöse Pappkonstruktionen. Sie Dämpfen gut, aber nicht genug. Die Stentorstimme eines Franzosen überschreit alles. Er brüllt wie Ajax: „Prenez cclte phrase la: i!s mettent le plan-Young en pieces!" Die Linie ist schlecht. Zwanzigmal wieDerholt er diese Sensation. 39 andere brüllen wie er. Englisch, deutsch, französisch, holländisch, polnisch. Niegehörte Sprachen werden laut, zu laut, um angenehm zu klingen.
Glocken schrillen. Die „Meisjes" dringen gegen diesen Stimmenorkan nicht mehr durch. Sie stellen den Lautsprecher an. Mit Getöse schüttcrt es durch Den Saal: „Zelle 173, Mister G., London!" Die Berliner Börse zur Schlußnotierung ist eine I stillverträumte Kapel^ gegen Den Haager Roll- I saar zur Stunde Der Sensationen.
der Tochter.
Axel sah sie schweigend von Der Seite an, und Da sich ihre Blicke trafen, nickte er ihr augenzwinkernd und vergnügt zu. Frau Gert lächelte gähnend zurück und schob sich tiefer ins Polster. So fuhren sie in die Nacht hinein, Die sich hinter Der StaDt groß und dunkel heranschob, mit einem leichten Herbstnebel und einem unwahrscheinlich rötlichen Mond und allen Zutaten, die man romantisch nennt. Es war wirklich eine wundervolle Nacht.
„Wenn er jetzt nicht anfängt zu reden, kann es eine schöne Fahrt werden", dachte Frau Gert.
„Daß sie um drei Uhr morgens keine Konversation mehr von mir verlangt, ist anständig", überlegte Axel.
Eine Viertelstunde verging, und noch eine. Einmal bummelte ein Wagen vor ihnen her. Ein Leiterwagen mit einem einzigen baumelnden Lämpchen und einem schlafenden Kutscher. Beinahe wären sie ihm in Die HinterräDer gefahren. Axel fluchte leise zwischen Den Zähnen, und Gert fluchte laut mit. Das gefiel Axel. Er wandte sich, ehe er wieder Gas gab, leicht zu ihr hinüber und fragte mit einem leisen Unterton von Zärtlicykert: „Kalt, ja?" Ia. Gert war ein bißchen kalt. Er hals ihr, die Decke hoch zuziehen und um Die Knie zu wickeln, unD rutschte Dabei nicht ungern näher. Er legte schließlich Den linken Arm um Gerts Schulter und sagte treuherzig: „Ietzt werde ich Sie warm halten."
Haager Brunnengeplauder!
Don unserem 8.-Sonderkorrespondenten.


