Aus -er Pwvinziakhaupistadt.
Gießen, den 22. August 1929.
Oer frühe Abend.
Man weih nicht, ob man ihn begrüßen otec fürchten soll. Wenn man die Stunden zahlt, die einem der lichte Tag beschert, wenn man sich von dem Abend nichts erwünscht oder nichts erhofft als di« Ruhe der zerschlagenen, von der Arbeit abgehetzten Glieder, dann vielleicht ist er nur freudig zu erwarten als Spender des erquickenden frühen Schlafs, der traumlos weg- siihrt von einer Welt, die mit wenig »reuten, aber mit um so größerer Mühsal ihre Geschöpfe bebürdet. Anters aber wohl, wenn sich die Gedanken am Abend noch erheben zu kühnem Flug, weil man jung ist. weil einem das Leben zu grau die Welt zu eng ist. weil man Kraft in sich fühlt, vieles zu vollbringen, weil man erfüllt ist von einem unbändigen Verlangen, alle Freuden, alle Schönheiten ter Welt an sich zu reiften, alles zu umfassen, was das Auge sieht. Dann hat wohl der frühe Abeird keine Dunkelheiten, seine ersterbenden Stimmen schrecken nicht und führen keine Schwermut heran, sondern tausend lockende, gleißende, in bunten Farben schimmernde Lichter und Freuten glühen auf.
So kann man überlegen, und einiges davon mag richtig sein. Aber auch nur einiges, nicht alles. Ist wirklich die Iugend, die aus Fülle schöpft, aus Fülle zu schöpfen begehrt und kraftvoll an sich reiht, was sie begehrt, immer die reichere? Ist sie nicht auch belastet mit jener Unrast, die sie von einem zum andern treibt, beschwert mit dem unbändigen Verlangen, daß alles keine Grenzen und kein Ende habe, wird sie nicht getrieben von ter Sehnsucht nach einem unbekannten großen Erleben, nach dem ewig iln* bekannten überhaupt, das wir in blauer Ferne suchen und doch nie finden können? Kommt sie so wirklich dazu, die Süße des frühen Abends, der still daherkommt, sich niedersenkt wie ein tmnfier, weicher Mantel, das Ferne einhüllt, auf die eng begrenzte Welt, die und lieb ist, die wir uns gewonnen haben, zu genießen? Vein. Der
frühe Abend ist auch ihr lieb und wertvoll, und er wird es ihr erst recht, wenn er verklungen ist: aber mit Bewußtsein diesen Abend empfangen, ihn auszuschöpfen als einen Bringer kleiner Freuden in traulichen Stimmungen, das kann sie nicht, aber sie wird es lernen, wenn ihre Tage dahingegangen sind.
Wir alle lernen oder lernten es. Und wenn man sich heute auch noch so laut gebärdet, so fest in ter flüchtigen Stunde stehend, so siegesgewih nur dem vertrauend, was aus der Stunde an wägbaren Werten quillt: Wir werden alle ruhiger mit den Tagen, wir werden alle stiller und bescheidener, und der frühe Abend kommt zu jedem von uns einmal als Bringer jener kleinen Freuden, die leise aufklingen und noch leiser von uns gehen, aber doch einen Vachklang lassen, der in den nächsten Morgen hineinläutet. S.
Daten für Freitag, 23. August
Sonnenaufgang 4.58 Uhr, Sonnenuntergang 19.07 Uhr. — Mondaufgang 20.29 Uhr, Monduntergang 8.05 Uhr.
1443: der Humanist Rudolf Agricola in Baflo geboren: — 1769: der Naturforscher Georg von Sumer in Mömpelgard geboren; — 1842: der Geschichtsschreiber Karl Theodor von Heigel in München geboren.
Gießener Wochcnmnrktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 200 bis 210; Matte 30 bis 35; Käse (10 Stück) 60 bis 140; Wirsing 20 bis 25; Weißkraut 15 bis 20; Rotkraut 20 bis 25; gelbe Rüben 10 bis 15; rote Rüben 10 bis 15; Spinat 20 bis 30; Römischkohl 10 bis 15; grüne und gelbe Bohnen 25 bis 35; Erbsen 25 bis 30; Tomaten 25 bis 40; Zwiebeln 10 bis 20; Kürbis 8 bis 10; Pilze 35 bis 40; Kartoffeln 51/2 bis 6; Frühäpfel 15 bis 25; Falläpfel 4 bis 5; Dirnen 10 bis 30; Heidelbeeren 35 bis 40; Preiselbeeren 45 bis 60; Pflaumen 10 bis 15; Zwetschen 15 bis 25; Mirabellen 20 bis 25; Reineklauden 20 bis 25; Honig 40 bis 50; junge Hähne 120 bis 130; Suppenhühner 100 bis 120; Pfirsiche 55 bis 60; das Stück: Tauben 70 bis 90; Eier 14 bis 15; Blumenkohl 30 bis 80; Salat 10 bis 15;
Salatgurken 15 bis 85; Einmachgurken 2 bis 4; Endivien 15 bis 20; Ober-Kohlrabi 10 bis 12, Lauch 10 bis 15; Rettich 10 bis 20; Sellerie 10 bis 15 Pfennig, der Zentner: Kartoffeln 5 Mk.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Spielvereinigung 1900: Generalversammlung, 21 Uhr, Gasthaus Boller. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Seeschlacht bei Coronel und den Falk- landsinseln".
** Sitzung des Provinzialausschus- s e s. Am Samstag, 24. d. W., Dorrn. 8,30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes in Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Provinizalausschusses ter Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Carl Zülch & Sohn in Gießen gegen die Stadt Gießen wegen Heranziehung zu den Müllabfuhrgebühren für das Haus Alicen- strahe 24 (8,30 Uhr). 2. Klage des Rudolf Bachmann zu Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 6. Iuli 1929 wegen Versagung eines Wandergewerbescheines (8,30 Uhr). 3. Beschwerde der Hauptverwaltung des Landgrafen von Hessen in Philippsruhe bei Hanau a. M. gegen die Entscheidung des Dezirkswohnungs- kommissars beim Kreisamt Frieoberg vom 11. Februar 1929 wegen Enteignung von Baugelände zugunsten ter Gemeinte Rieder-Eschbach (9 Uhr). 4. Gesuch des Ernst Brandt zu Dad- Rauheim um Erteilung der Erlaubnis zum Betriebe einer Schankwirtschaft mit Dranntwein- ausschank im Hause Am Goldstein Rr. 2 (9 Uhr). 5. Klage des Dezirksfürsorgeverbantes ter Stadt Mainz gegen dre Entschließung des Ministers für Lttbeit und Wirtschaft Dom 4. Februar 1929 (9,15 Uhr).
** Straßensperrung. Die Herrichtungsarbeiten am Schienenstrang der elektrischen Straßenbahn sind jetzt bis zur Straßenkreuzung am Stern Kaiserallee-Licher Straße-Moltkestraße gediehen. Die Sperrung der StaiferaUee vom Ludwigsplatz bis zur Moltkestraße ist aufgehoben. Die Straße „Am Nah- rungsberg^ zwischen Licher Straße und Gutenberg- stratze ist wegen Vornahme der obenerwähnten Ar
beiten seit gestern gesperrt. Die Licher Strafe ist von der Georg-Philipp-Gail-Straße bis zur Straße „Am Kugelberg" gesperrt, da in der Kurve der Straßenbahn von der „Stadt Lich" ab in Richtung nach dem Schützenhaus Schienen ausgewechselt werden Die Umleitung des Fährverkehrs erfolgt im Straßenzug: Llcher Straße, Georg-Philipp-Gail- Straße, Kaiserallee, Am Kugelberg, Licher Straße.
*• Städtische Grummetgrasv er steigern ng. Montag. 26. d. M., und Dienstag« 27. d. M, soll das Gras von den städtischen Wiesen öffentlich meistbietend versteigert werten. Interessenten können Räheves aus ter amtlichen Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil ersehen.
** Ausstellungs-ReubaudesMode- Hauses Salomon. Das Modehaus Salomon hat gestern nachmittag seinen Ausstellungsneubau in ter Goethestraße eröffnet. Es ist gelungen, den Filialbau, ter unter Leitung des Architekten R i k 0 l a u s, ausschließlich von einheimischen Handwerkern ausgeführt wurde, in ungemein schneller Arbeit innerhalb weniger Wochen ferttgsustellen; Das Gebäude weisst eine Tiefe von sechs Meter und eine Länge von zwanzig Meter auf und wird durch einen kleinen Mitteleingang in zwei Hälften getrennt. Der Ausstellungsraum ist dazu bestimmt, Artikel teS Aussteuevhauses Salomon, Seltersweg 81, vorzuführen ; für diese Qlrtif'I (wie Betten, Gardinen, Innendekoration) wurde in tem neuen Hause der richtige Platz geschaffen. Der Chef- tekorateur ter Firma Salomon, Herr Ludwig Rosenbaum, hat die Dekoration ausgeführt.
** Die Ev angelische Volksgemeinschaft, Landesverband Hessen des Christlichen Volksdienstes, hatte für letzten Montag in den Saal des Oberhessischen Vereins für Inne«! Mission eine öffentliche Versammlung einberufen. Rachdem Hauptschriftleiter Hamburger (Staden) die Erschienenen begrüßt hatte, ergriff LanÜ- tagsabgeordneter Rektor Kling das Wort zu seinem Vortrag „Welche Aufgaben haben die Christen im öffentlichen Leben, besonders im Hinblick auf die kommenden Wahlen". Gr warb für eigene evangellsche Wahlvorschläge für die
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Grummetgrasversteigerung der Stadt Gießen.
Montag, den 26„ und Dienstag, den 27. August 1929, soll das Grummetgras von den städtischen Wiesen öffentlich meistbietend versteigert w.erden, und zwar:
Montag, den 26. August 1929:
a) vormittags 9 Uhr (Zusammenkunft am Schlachthof) von den Wiesen im Neustädter Feld, bei dem Schlachthof, Hohleiche und auf der Insel;
b) vormittags 10^ Uhr (Zusammenkunft in der Restauration von Gg. Schrimpf, Kaiserallee 4) die Wiesen an der Thromschen Fabrik, eine Wiese hinter der Kläranlage, von den Wiesen am Weiher, am Ohleberg, im Heegstrauch und am Alten Steinbacher Weg (Rußland);
ch nachmittags 2 Uhr (Zusammenkunft in der Restauration Philosophenwald) von den Wiesen im Wiesecktal, am Fürstenbrunnen und an der Eselswiese. 6926C
Dienstag, den 27. August 1929:
a) vormittags 9 Uhr (an Ort und Stelle) an der Anneröder Straße von den Wiesen am Altcntisch und Uters- brunnen, anschließend an der Rödger Straße von den Ochsenwiesen und den Wiesen im Stolzenmorgen. Das Grummetgras von den Wiesen des Gas- und Wasserwerks in den Gemarkungen Rödgen und Großen- Buseck wird im Stolzenmorgen mit- versteigert.
Steiglicbhaber, welche die Wiesen besichtigen möchten, wollen sich an den städtischen Wiesenmeister Klos, Am Rodberg 5, wenden
Bekanntmachung.
Betr.: Zugelassene Installateure.
Ferner ist zur Vornahme von Installationen an elektrischen Leitungen im Stabt- gebiet zugelassen: 6927D
Otto Hofmann, Grohen-Linden, Burg- strafte 23.
Gießen, den 20. August 1929.
Elektrizitätswerke und Ueberlandanlage der Stadt Gießen.
Stolte.
Arbeiisvergebung.
Die Arbeiten zur Ausführung einer neuen Brücke von 3 m Durchflußweite (Eisenbetonplatte) in Lauter sollen auf Grund der Reichsverdingungsordnung vergeben werden. 69250
Angebotsvordrucke können bei uns abgeholt und die Zeichnungen eingesehen werden.
Die Angebote sind verschlossen und mit der Aufschrift „Angebot Brücke Lauter" versehen bis zum 31. d. vormittags 11 Uhr, bei uns einzureichen.
Zuschlagsfrist 14 Tage.
Gießen, den 20. August 1929.
Provinzialdirektion Oberhessen.
Tiefbau.__________
Das SahvesßeK oes »ao-lleoirarotigoeteins Siegen findet Sonntag, 25. Ang., in Reiskirchen statt.
beginn des Gottesdienstes 1'/, llhr
Beginn der Nachversammlung 31/, Uhr Jedermann ist herzlich eingeladen.
Gießen, den 20. August 1929.
Der Oberbürgermeister. I. B.: Klingspor.
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Diele haben gut getroffen. — Aber Oer „Echühen- Oberst" hatte doch Oie ruhigste HanO unO das.sicherste Auge. - So gibt es heute auch eine ganze Anzahl wirklich guter Zigaretten, aber Oie OBERST mit Oem beliebten, leicht-würzigen Aroma trifft am sicher
sten Oen Geschmack Oes süOOeutschen Rauchers.
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