Ausgabe 
22.5.1929
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 117 Erstes Blaff

179. Jahrgang

Mittwoch, 22. Mak 1929

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags Beilagen

Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

Bezugspreis für 2Wochen: 1 Reichsmark und 15 Reichspfennig für Träger­lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten- Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:

Frankfurt am Main 11686.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Unio^rfitStr-vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Gietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstratze 7.

Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bi» zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20'/, mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Amerika fordert die Ratifizierung des Gchuldenabkommens mit Frankreich.

London, 22. Mai. (WTB. Funkspruch.) Wie der Washingtoner Korrespondent der Times von inahgcbcnder Seite ersöhrt, hat SchahsekretärMel- lon gestern den französischen Botschafter Clau­del ersucht, mitzuteilen, daß die amerikanische Re­gierung so schnell wie möglich über die 'Aussichten der Ratifizierung der französischen Schuldensundierungs- vercinbarung verständigt zu werden wünscht.

Rach einer Meldung des Washingtoner Korre­spondenten der Agentur havas wird als Grund für das Ersuchen der amerikanischen Regierung angege­ben, daß die Erledigung des neuen Zolltarifs und der Wirtschastshilfe die Sonderkommissionen des amerikanischen Senats und des Repräsentanten­hauses sehr lange beschästigen, und es deshalb immer wahrscheinlicher werde, daß das amerika­nische Parlament sich während der Arbeiten dieser Kommissionen vertagen werde.

Amerikas Zugeständnis.

Bedenken im Senat.

Paris, 22. Mai. (WTB. Funkspruch.) Der Chikago Tribüne" wird gemeldet, daß der Be­schluß Hoovers, die amerikanischen Schuldenforde­rungen herabzusehen, zwar ziemlich allgemein gebilligt werde, daß aber doch einige Kreise, darunter vor allem die Senatoren S m o o t und Borah, das Vorgehen des Präsidenten nicht zu unterstützen schienen. Während Smoot als Vorsitzender des Finanzausschusses die Ansicht vertrete, daß die Ratifizierung des französisch-amerikanischen Schul­denabkommens als Vorbedingung für die Herabsetzung der amerika­nischen Ansprüche ausgestellt werden müsse, sei Senator Dorah der Meinung, daß die Rege­lung, die in Paris vorbereitet werde, f ü r Deutschland unbillig sei. Wenn, so habe Senator Vorah erklärt, eine Regelung der Schul­den- und Reparationsproblemc erreicht werden könne, die eine endgültige Verständigung dar­stelle und ein Gefühl der Genugtuung bei allen beteiligten Parteien auslöse, dann wäre es die Pflicht und Schuldigkeit der Vereinigten Staaten, eine vernünftige Konzession zu machen, aber die Zugeständnisse der Alliierten schienen den Zeitungsberichten zufolge nicht weitgehend genug zu sein. Er glaube daher nicht, daß sie eine endgültige oder zufriedenstellende Regelung ergeben.

Einigung der Gläubiger auf Kosten Deutschlands?

Wenn man den Berichten aus Paris glauben darf, dann ist durch den Teilverzicht Ame­rikas auf seine Forderungen für die Be- sahungskosten am Rhein eine wesentliche Er­leichterung der Lage eingetreten. Präsident Hoover hat bekanntlich die Bereitwilligkeit der Vereinigten Staaten erklärt, auf 10 Prozent der Besahungskosten, insgesamt auf 4 bis 5 Millionen Goldmark, zu verzichten. Selbstverständlich han­delt es sich hierbei lediglich um eine amerikanische Geste, deren praktische Bedeutung sehr frag­würdig ist. Immerhin haben sich darauf am Pfingstsonntag die Delegierten der Gläubiger­staaten in Paris an die Arbeit gemacht und ihre Einwände gegenüber den deutschen Vorbehalten formuliert. Aus der französischen Presse geht hervor, daß die alliierten Staaten zwei deut­sch e Forderungen als unannehmbar bezeichnen, nämlich erstens die Heranziehung der österreichischen Rachfolgestaaten zu den Reparationsleistungen und zweitens die Frage eines zweijährigen Moratoriums.

Dagegen sollen die alliierten Staaten eine Reihe von Forderungen ausgestellt haben, die ihrerseits nach der Meinung Berliner politischer Kreise wiederum geeignet sind, neue Schwierig­keiten in die Verhandlung zu bringen. Die Alli­ierten wollen nach französischen Pressemeldun­gen einmal, daß die Kommerzialisierung der deutschen Reparation s schuld ins­gesamt 50 Milliarden ergebe, zweitens, daß die berüchtigte b e l g i s ch e M a r k s o r d e r u ng ge­regelt werde, und ferner, daß der engl i s ch e und italienische Anteil in v o 11c r Höhe wieder hergestellt werde. DieBer- Handlungen der alliierten Gläubigerstaaten sind fortgesetzt worden, und man rechnete in Paris mit einem neuen Zusammentreffen mit Dr. Schacht. Nachdrücklich muh vor dem Optimismus gewisser Kreise gewarnt werden, dieschonjeht von einer vollzogenen Einigung in Paris spre­chen wollen, es sei denn eine Einigung auf Deutschlands Kosten.

Neue Schwierigkeiten.

Sturmlauf gegen die deutschen Vorbehalte.

Paris, 21.Mai. (WTB.) Die Agentur havas berichtet über die heule vormittag gepflogenen Be­ratungen der Sachverständigen der Gläubigermächle, daß diese die letzte Fassung des Textes geprüft haben, den sie als neue Formel für d i e deutschen Vorbehalte Dr. Schachts vorschlagen werden. Die Gläubigerdelegationen sind

zu einer grundsätzlichen Einigung über die Frage der v e r t e i 1 u n g gelangt. Der Text wird ebenso wie die früheren Mitteilungen die Form eines von den Sachverständigen der Hauptgläubiger­mächte unterzeichneten Begleitschreibens an den Vor­sitzenden des Ausschusses, Owen Poung, annehmen. In diesem Begleitschreiben werden die B e d i n g u n- g e n angegeben, unter denen die Gläubigermächte geneigt sind, die von Dr. Schacht bereits angenom­menen Ziffern auf der Grundlage des von Sic Josiah Stomp verfaßten allgemeinen Berichtes ihrer­seits anzunehmen. Sobald die Antwort der Gläu­bigermächte Dr. Schacht zur Kenntnis gebracht wor­den ist, wird der Meinungsaustausch zwischen den deutschen Delegierten und den Vertretern der Gtäu- bigermächte beginnen. Wie der Korrespondent der LondonerTimes" meldet, wird die Aufnahme des Berichts durch Dr. Schacht von den Gläubigergrup­pen mit großer Sorge betrachtet; es bestehen sicht­liche Anzeichen dafür, daß die Abänderungen eine Annahme durch die Deutschen schwie- r i g machen werden. Die Ablehnung zweier deutscher

Vorbehalte wegen der Zahlungen der Rach­folge st aalen und wegen des Morato­riums allein könnten genügen, um eine ablehnende Antwort herbeizuführen. Wenn außerdem, wie anzu­nehmen ist, Dr. Schacht ersucht werden sollte, eine besondere Bezahlung an Belgien über die vorgesehene Annuität hinaus zu leisten, dann ist man deutscherseits entschieden gegen die Annahme. Man hört von zuverlässiger Seile, daß die Deutschen unter diesen Umständen den Bericht a b l e h n e n würden. Der Korrespondent führt dann aus, daß die britischen Delegierten sich nicht zur Unterstützung des belgischen Anspruchs verpstichtet glauben, doch glaube man, die Franzosen hätten, wenn nicht auf der Konferenz, dann schon vorher eine derartige Zusage gegeben. Wahrscheinlich werde Poung in diesem Fall zu vermitteln haben. Zum Schluß meint der Korrespondent, es sei nahezu undenkbar, daß die Verhandlungen nach dreimona­tiger Arbeit wegen einer Frage, die tatsächlich außerhalb ihrer Aufgabe liegt, zusammenbrechen sollten.

Großdeutsche Pfingsten.

Oie 48. Hauptversammlung des Vereins für das Deutschtum im Ausland in Kiel.

Kiel, 21. Mai. (Priv.^Lel.) Kiel steht im Zeichen des D. D. A. Die Straßen sind belebt von den Scharen der V. D. A.-Iugend, die von allen Seiten des deutschen Sprachgebietes zur gewohn­ten Pfingsttagung herangeeilt sind. Tleberall grü­ßen Fahnen und Flaggen, und die Farben des V. D. A. schmücken Schaufenster und Läden. Die Zahl der Besucher dürfte mindestens 13 000 be­tragen. Die breiteste deutsche Oeffentlichkeit zeige an der Kieler Tagung stärkstes Interesse. Dos beweist die große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten und angesehener Körperschaften, die vertraten find. Die bedeutendsten Vertreter des Auslanddeutschtums und die Führer der Schuhorbeit sowie zahlreicher befreundeter Ver­bände sind in Kiel eingetroffen. Das Hessen- 1 a n d kann im Verhältnis zu seiner Gröhe und Devölkerungszahl zu den Landesverbänden ge­zählt werden, die die meisten Besucher zur Pfingst­tagung stellen. 820 Jugendliche mit 70 Führern zogen in diesem Jahre aus. Daß sich außerdem noch 110 Erwachsene anschlossen, ist auch erfreu­lich. Beweis dafür, daß auch den Mitglieder­kreisen der Ortsgruppen das Interesse an den Pfingsttagungen in ständiger Zunahme begriffen ist. Die Tatsache, daß auch Dolksschulgruppen teil­nehmen, zeigt, daß die Gedanken der Dolkstums- arbeit im Begriffe sind, weiteste Kreise unseres ganzen Volkes zu erfassen.

Oie Zrauentagung

des Freitag bildete, wie alljährlich, den Auf­takt. Aus der Erwägung heraus, daß alle Kultur- und Jugendpflege durch die wirtschaftliche Lage bedingt ist, stand im Mittelpunkt der Erörterun­gen die Frage, wie weit die erwerbstätige Frau im Grenz- und Ausland Stütze des Volks­tums ist. Fünf fesselnde Berichte von Damen aus Polen, Lettland, Estland, Siebenbürgen und Oesterreich zeigten, wie Frauenkraft und Frauen­wille in fünf verschiedenen Gebieten deutschen Volkstums Frauen und Mädchen zu selbständigem Erwerb führt, um aus größerer wirtschaftlicher Sicherheit die Kraft zu völkischer Selbstbehaup­tung zu gewinnen. Der Hauptvorstand beriet am Freitagabend die Tagesordnung der Hauptversammlung, während den zahlreichen Gä­sten ein Orgelkonzert in der Rikolaikirche einen Abend der Sammlung und Erbauung ver­mittelte. Zahlreiche Besucher fanden auch die beiden AusstellungenFrauendienst am Auslanddeutschtum" und die Rordschleswig- ausstellung im Kaisersaal des Schlosses. Beide waren äußerst lehrreich.

Der Samstag stand im Zeichen mehrerer großer Veranstaltungen, die den Grundproblemen des V.D.A. galten und den nachhaltigsten Eindruck hinterliehen. Die Fülle der aufschlußreichen Vor­träge, der anregenden Aussprachen macht es schwer, auch nur das markanteste hervorzuheben. Die Hauptausschuhsihung begann nach Degrü- hungsworten des Vorsitzenden, Freiherrn v. d. Bus sch e. mit einem Vortrag von Rektor Koopmann - Tingleff über dieKulturarbeit in Rordschleswig", in dem er ein interessantes Bild des Sprachen- und Rationalitätenkampfes in der Vorkriegszeit und die Gestaltung der Ver­hältnisse in der Rachkriegszeit entwarf. Der Red­ner beschäftigte sich eingehend mit den Wesen der dänischen Schulgesehgebung, die darauf abzielt, auch aus der deutschen Schule ein Mittel zur Eingliederung deutscher Kinder in dänische Kul­tur zu machen, wenn auch die ungehinderte Ent- wicklungsmöglichkeit des Privatschulwesens ein Vorzug der dänischen Kulturpolitik ist. Am Nach­mittag trat

die 48. Hauptversammlung

im Kolosseum zusammen. Nach freundlichen De- grühungsworten des 1. Vorsitzenden folgten die Aussprachen der behördlichen und Körperschafts­

vertreter, deren Zahl man erfreulicherweise stark gekürzt hatte. Ministerialrat Siet)je, Berlin, überbrachte die Wünsche und Grühe der Reichs­und preuhischen Staatsregierung. Er besprach da­bei die Arbeit des VDA., der alle Volksklassen umfassen und Inland- und Auslanddeutschtum verbinden solle. Bischof Mordhorst, Kiel, überbrachte die Grühe des deutsch-evangelischen Kirchenbundes, und Domherr Huber, Oeden- burg, der altbewährte Vorkämpfer des Deutsch­tums in Ungarn, fand begeisterte Worte aus der Tiefe feines deutschen Herzens. Der Ehrenvor­sitzende des L.-V. Schleswig-Holstein. Admiral Recke, hob die Tätigkeit des Landesverbandes hervor, der durch seine Iugendspende in den breiten Volksmassen Wurzel gefaßt und durch Sammlung von Geldmitteln zur Errichtung von Schulen und der Erhaltung von deutscher Sprache und Art beigetragen habe. Eine Reihe von tele­graphischen und brieflichen Glückwünschen, deren Zahl die Bedeutung des VDA. erneut erhärtete, an der Spitze solche von dem Reichspräsi­denten und Reichskanzler, wurden ver­lesen. Admiral S e e b o h m erstattete sodann den Jahresbericht. Aus den umfangreichen Aus­führungen seien hier folgende Punkte hervor­gehoben: Die Zahl der Ortsgruppen ist von 2489 aus 2714 gestiegen, die der Schulgruppen von 4078 auf 4654. Die Pflichtbeiträge haben mit 489 684 Mark den Voranschlag um 22 Proz. überschritten. Auch im besetzten und Saarggbiet hat der Ausbau der Organisation begonnen, die Gewinnung der Volksschulen hat erfreuliche Fort­schritte gemacht. Der Gesamthaushalt überschritt mit 2 444 294 Mk. den von 1927 um nahezu 230000 Mk. Die Unterstützung der Be­treuungsgebiete, die zum großen Teile durch die Landesverbände geschieht, ist nicht nur rein finanzieller Natur; sie führt auch den Schulen zum Beispiel Lehrmittel zu, bemüht sich über­haupt, die Verbindung mit der Heimat auf allen Kulturgebieten zu erhalten, bzw. wieder anzu­knüpfen. Sehr erfolgreich ist der Verein in Ver­bindung mit den zuständigen Stellen für die Besserstellung der auslanddeutschen Lehrer eingetreten. Für Studienbeihilfen an auslanddeutsche Studierende wurden 220 000 Mark ausgegeben, das Büchereiwesen wurde systematisch völlig neu aufgebaut, das ausland- deutsche Turn- und Sportwesen wurde gepflegt, Auswandererberatung, Schülerbriefwechsel zwi­schen In- und Ausland bildeten weitere wichtige Arbeitsgebiete des Vereins. In Nordamerika haben der in Hessen wohlbekannte Direktor T r e u t, Neuhork, in Südamerika Probst Hübbe äußerst erfolgreich an der Sammlung des dortigen Deutschtums gearbeitet. Wichtige Mittel zum Ausbau der Organisation waren die Werbewochen, die allein in Bayern und Brandenburg je 125 000 Mark Reingewinn er­brachten. In den Vereinszeitschriften und der Tagespresse wurde die Lage des Auslanddeutsch­tums und die Schuharbeit dargestellt, zahlreiche Dolksschulgruppen wurden neu gegründet. H e s s e n - D a t?w\ st a d t wurde hierin als vor­bildlich bezeichnet. Eine lebhafte* Aussprache schloß sich an die Erstattung des Jahresberichtes. Die 49. Hauptversammlung wird als 50jährige Jubelfeier in Salzburg stattfinden, von wo herzliche Einladungen vorliegen.

Der Schleswig-Holstein-Abend in der Aula der llnioerfität gestaltete sich zu einer erhebenden Kundgebung. Pastor D. Schmidt- Wodder hielt einen aufschlußreichen Vortrag über Selbstbehauptung und Kulturaustausch, die vor­nehmsten Aufgaben des deutschen Volkes, in ihrem Zusammenspiel an Deutschlands Nord­grenze.

Turn« und Sportkämpfe beschäftigten tagsüber die D. D. A. Jugend, für den Abend aber

waren jeweils mehrere Gruppen von Landesver^ bänden zu

Begrüßungsabenden

zufainmengefaßt. Die hessische Jugend feierte jU' sainmen mit den Landesverbänden Mittelrhein, Niederrhein-Berg-Ruhr, Baden, Bayern, Oesterreich in der gewaltigen Nordostseehalle. Tausende von Jugendlichen erfüllten den weiten Raum, die schnei­digen Weisen der ältesten V. D. '21. - Schülerkapelle, der von Hann.-Münden, die am Nachmittag in einem Sonderkonzert sich den Beifall der Hörer und 700 Mark verdient hatte, umrahmten die zwanglosen Darbietungen. Den Ausbau der Feier und die Qeftaltuna des Programms hatte die lands- mannschaftliche Bereinigung Rhenania übernom­men. Ein buntbewegtes Programm zog an unserm Auge und Ohr vorüber: Die Gruppe Bergisch- Land fang Heimatlieder, ebenso die Gruppe Unter- bannen, die Kölner Stadtsoldaten in ihren roten Röcken und beweglichen Rückenfortsätzen zeigten ein luftige Exerzieren aus der Zopfzeit, rheinische Mä­dels und Jungen tanzten einen Reigen undKöllsche Kräszcher" riefen schallendes Gelächter hervor. Da­zwischen ernste Ansprachen des Leiters der Veran­staltung, ferner des Abgeordneten K a l l i n a vom Sudetendeutschland und von Chefredakteur Dr. H öb e r (Köln), der die Schönheiten des deutschen Rheins pries, die Nöte des besetzten Gebietes her- vorhob und ausführlich über die deutsche Mutter­sprache als Sinnbild der deutschen Einigkeit fprarfj. Befremdend wirkte für die Hessen bei den Ausfüh­rungen des Redners das Fehlen jeden Hinweises auf die Besatzungsnot unseres Landes. Alle Dar­bietungen wurden durch Lautsprecher den Riesen- mengen der Anwesenden übermittelt. Zu bedauern ist, daß aus den Reihen der tausend '2lnwesenden des Landesverbandes Hessen niemand etwas zur Ausgestaltung des Abends beitragen konnte. Mit diesen Begrüßungsabenden der Landesverbände, denen sich ein solcher der Studenten zur Seite stellte, fanden die Veranstaltungen des Samstags ihren eindrucksvollen Abschluß.

poincares neue Fanfare.

So sehr sich manche Kreise in Deutschland heute auch bemühen, anläßlich der glücklichen Landung desGraf Zeppelin" in Toulon und der damit verbundenen Begleiterscheinungen den Eindruck zu erwecken, als ob die Verständigung und das innige Zusammenarbeiten zwischen Deutschland und Frankreich sich durch nichts mehr aufhalten lasse, so sehr bemüht sich Poincare auf der anderen Seite, nicht den Eindruck auffommen zu lassen, als ob das amtliche Frankreich sich auch nur im geringsten gewandelt habe. Er sprach in Douaumont von dem Verbrechen, das die ehemaligen Kriegsgegner Frankreichs begangen hätten und ging dann auf die Verletzung der belgischen Neutralität ein, die al­lein schon Frankreich und Belgien einen Rechts- an sp ruch für alle Schäden gebe. Frank­reich habe im Hinblick auf die Reparations­regelung immer wieder Zugeständnisse gemacht, um eine allgemeine Versöhnung zu ermöglichen. Auch die Zustimmung zu dieser Sachverständigen­konferenz sei ein Entgegenkommen gewesen, denn der Dawesplan genüge Frankreich vollkommen. Dies ist also die Mentalität, mit der das amt­liche Frankreich von heute die Reparations- frage beurteilt, wobei Poincare es nicht unter­lassen hat zu betonen, daß er sich das Ergebnis der Sachverständigenkonferenz nachher noch sehr genau ansehen werde, ehe er es dem Parla­ment zur Annahme empfiehlt. Jedenfalls wolle Frankreich nicht die Kosten der Einigung tragen.

Russische Außenpolitik.

Eröffnung

des Rätekongresses der Sowjetunion.

Moskau, 21. Mai. (WB.) Nach zweijährig« Pause wurde gestern der 5. Rätekongreß der Sowjetunion eröffnet. Das Diplomatische Korps sowie die ausländische und inländische Presse waren vollzählig erschienen. Kalinin, der den Kongreß eröffnete, wurde lebhaft begrüßt. Die Wahl des Präsidiums geschah durch Akkla­mation, wodurch deutlich erkennbar wurde, welche Mitglieder sich der Popularität erfreuten und welche wegen ilnftimnvgfeiten zwischen dem Parteizentrum und der Rechtsopposition ihre Be­liebtheit bei den .Kongreßmitgliedern verloren haben. Ins Präsidium wurden u. a. gewählt Bucharin, der ohne Applaus, und Tomski, der mit schüchternem Willkommen begrüßt wurde. Beide waren nicht erschienen; auch nicht Woro­schilow. dessen Rede gelegentlich der Maifeier bekanntlich deutscherseits beanstandet worden war. Als Stalins Name bei der Wahl zum Präsi­dium genannt wurde, folgte minutenlanger Bei­fall. Stalin zeigte sich seiner Gewohnheit ent­sprechend, auch gestern nicht. Auffallend freund­lichtouröe Petrowski, der Vorsitzende des ukrainischen Vollzugsausschusses und Mitglied des Vollzugsausschusses der Sowjetunion emp­fangen. Man hatte diesmal auf die Ausschmückung der vom Präsidium besetzten Bühne verzichtet. Als einziger Regieaufwand kann die Besetzung der Proszcniumslvge mit turkmenischen Delegier­ten in ihren malerischen Gewändern bezeichnet werden.

Als erster Redner nahm, von starkem Beifall begrüßt, Rhkow das Wort, der in diesen. Tagen den Vorsitz des Rates der Volkstons miffare Grohruhlands niedergelegt hat. Rykotv erklärte: Die Sowjetregierung betreibt untoanbeU bar Friedenspolitik und war stets bestrebt, bfc