Nr. 117 Erstes Blaff
179. Jahrgang
Mittwoch, 22. Mak 1929
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Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Amerika fordert die Ratifizierung des Gchuldenabkommens mit Frankreich.
London, 22. Mai. (WTB. Funkspruch.) Wie der Washingtoner Korrespondent der Times von inahgcbcnder Seite ersöhrt, hat SchahsekretärMel- lon gestern den französischen Botschafter Claudel ersucht, mitzuteilen, daß die amerikanische Regierung so schnell wie möglich über die 'Aussichten der Ratifizierung der französischen Schuldensundierungs- vercinbarung verständigt zu werden wünscht.
Rach einer Meldung des Washingtoner Korrespondenten der Agentur havas wird als Grund für das Ersuchen der amerikanischen Regierung angegeben, daß die Erledigung des neuen Zolltarifs und der Wirtschastshilfe die Sonderkommissionen des amerikanischen Senats und des Repräsentantenhauses sehr lange beschästigen, und es deshalb immer wahrscheinlicher werde, daß das amerikanische Parlament sich während der Arbeiten dieser Kommissionen vertagen werde.
Amerikas Zugeständnis.
Bedenken im Senat.
Paris, 22. Mai. (WTB. Funkspruch.) Der „Chikago Tribüne" wird gemeldet, daß der Beschluß Hoovers, die amerikanischen Schuldenforderungen herabzusehen, zwar ziemlich allgemein gebilligt werde, daß aber doch einige Kreise, darunter vor allem die Senatoren S m o o t und Borah, das Vorgehen des Präsidenten nicht zu unterstützen schienen. Während Smoot als Vorsitzender des Finanzausschusses die Ansicht vertrete, daß die Ratifizierung des französisch-amerikanischen Schuldenabkommens als Vorbedingung für die Herabsetzung der amerikanischen Ansprüche ausgestellt werden müsse, sei Senator Dorah der Meinung, daß die Regelung, die in Paris vorbereitet werde, f ü r Deutschland unbillig sei. Wenn, so habe Senator Vorah erklärt, eine Regelung der Schulden- und Reparationsproblemc erreicht werden könne, die eine endgültige Verständigung darstelle und ein Gefühl der Genugtuung bei allen beteiligten Parteien auslöse, dann wäre es die Pflicht und Schuldigkeit der Vereinigten Staaten, eine vernünftige Konzession zu machen, aber die Zugeständnisse der Alliierten schienen den Zeitungsberichten zufolge nicht weitgehend genug zu sein. Er glaube daher nicht, daß sie eine endgültige oder zufriedenstellende Regelung ergeben.
Einigung der Gläubiger auf Kosten Deutschlands?
Wenn man den Berichten aus Paris glauben darf, dann ist durch den Teilverzicht Amerikas auf seine Forderungen für die Be- sahungskosten am Rhein eine wesentliche Erleichterung der Lage eingetreten. Präsident Hoover hat bekanntlich die Bereitwilligkeit der Vereinigten Staaten erklärt, auf 10 Prozent der Besahungskosten, insgesamt auf 4 bis 5 Millionen Goldmark, zu verzichten. Selbstverständlich handelt es sich hierbei lediglich um eine amerikanische Geste, deren praktische Bedeutung sehr fragwürdig ist. Immerhin haben sich darauf am Pfingstsonntag die Delegierten der Gläubigerstaaten in Paris an die Arbeit gemacht und ihre Einwände gegenüber den deutschen Vorbehalten formuliert. Aus der französischen Presse geht hervor, daß die alliierten Staaten zwei deutsch e Forderungen als unannehmbar bezeichnen, nämlich erstens die Heranziehung der österreichischen Rachfolgestaaten zu den Reparationsleistungen und zweitens die Frage eines zweijährigen Moratoriums.
Dagegen sollen die alliierten Staaten eine Reihe von Forderungen ausgestellt haben, die ihrerseits nach der Meinung Berliner politischer Kreise wiederum geeignet sind, neue Schwierigkeiten in die Verhandlung zu bringen. Die Alliierten wollen nach französischen Pressemeldungen einmal, daß die Kommerzialisierung der deutschen Reparation s schuld insgesamt 50 Milliarden ergebe, zweitens, daß die berüchtigte b e l g i s ch e M a r k s o r d e r u ng geregelt werde, und ferner, daß der engl i s ch e und italienische Anteil in v o 11c r Höhe wieder hergestellt werde. Die ‘Ber- Handlungen der alliierten Gläubigerstaaten sind fortgesetzt worden, und man rechnete in Paris mit einem neuen Zusammentreffen mit Dr. Schacht. Nachdrücklich muh vor dem Optimismus gewisser Kreise gewarnt werden, dieschonjeht von einer vollzogenen Einigung in Paris sprechen wollen, es sei denn eine Einigung auf Deutschlands Kosten.
Neue Schwierigkeiten.
Sturmlauf gegen die deutschen Vorbehalte.
Paris, 21.Mai. (WTB.) Die Agentur havas berichtet über die heule vormittag gepflogenen Beratungen der Sachverständigen der Gläubigermächle, daß diese die letzte Fassung des Textes geprüft haben, den sie als neue Formel für d i e deutschen Vorbehalte Dr. Schachts vorschlagen werden. Die Gläubigerdelegationen sind
zu einer grundsätzlichen Einigung über die Frage der v e r t e i 1 u n g gelangt. Der Text wird ebenso wie die früheren Mitteilungen die Form eines von den Sachverständigen der Hauptgläubigermächte unterzeichneten Begleitschreibens an den Vorsitzenden des Ausschusses, Owen Poung, annehmen. In diesem Begleitschreiben werden die B e d i n g u n- g e n angegeben, unter denen die Gläubigermächte geneigt sind, die von Dr. Schacht bereits angenommenen Ziffern auf der Grundlage des von Sic Josiah Stomp verfaßten allgemeinen Berichtes ihrerseits anzunehmen. Sobald die Antwort der Gläubigermächte Dr. Schacht zur Kenntnis gebracht worden ist, wird der Meinungsaustausch zwischen den deutschen Delegierten und den Vertretern der Gtäu- bigermächte beginnen. Wie der Korrespondent der Londoner „Times" meldet, wird die Aufnahme des Berichts durch Dr. Schacht von den Gläubigergruppen mit großer Sorge betrachtet; es bestehen sichtliche Anzeichen dafür, daß die Abänderungen eine Annahme durch die Deutschen schwie- r i g machen werden. Die Ablehnung zweier deutscher
Vorbehalte wegen der Zahlungen der Rachfolge st aalen und wegen des Moratoriums allein könnten genügen, um eine ablehnende Antwort herbeizuführen. Wenn außerdem, wie anzunehmen ist, Dr. Schacht ersucht werden sollte, eine besondere Bezahlung an Belgien über die vorgesehene Annuität hinaus zu leisten, dann ist man deutscherseits entschieden gegen die Annahme. Man hört von zuverlässiger Seile, daß die Deutschen unter diesen Umständen den Bericht a b l e h n e n würden. Der Korrespondent führt dann aus, daß die britischen Delegierten sich nicht zur Unterstützung des belgischen Anspruchs verpstichtet glauben, doch glaube man, die Franzosen hätten, wenn nicht auf der Konferenz, dann schon vorher eine derartige Zusage gegeben. Wahrscheinlich werde Poung in diesem Fall zu vermitteln haben. Zum Schluß meint der Korrespondent, es sei nahezu undenkbar, daß die Verhandlungen nach dreimonatiger Arbeit wegen einer Frage, die tatsächlich außerhalb ihrer Aufgabe liegt, zusammenbrechen sollten.
Großdeutsche Pfingsten.
Oie 48. Hauptversammlung des Vereins für das Deutschtum im Ausland in Kiel.
Kiel, 21. Mai. (Priv.^Lel.) Kiel steht im Zeichen des D. D. A. Die Straßen sind belebt von den Scharen der V. D. A.-Iugend, die von allen Seiten des deutschen Sprachgebietes zur gewohnten Pfingsttagung herangeeilt sind. Tleberall grüßen Fahnen und Flaggen, und die Farben des V. D. A. schmücken Schaufenster und Läden. Die Zahl der Besucher dürfte mindestens 13 000 betragen. — Die breiteste deutsche Oeffentlichkeit zeige an der Kieler Tagung stärkstes Interesse. Dos beweist die große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten und angesehener Körperschaften, die vertraten find. Die bedeutendsten Vertreter des Auslanddeutschtums und die Führer der Schuhorbeit sowie zahlreicher befreundeter Verbände sind in Kiel eingetroffen. Das Hessen- 1 a n d kann im Verhältnis zu seiner Gröhe und Devölkerungszahl zu den Landesverbänden gezählt werden, die die meisten Besucher zur Pfingsttagung stellen. 820 Jugendliche mit 70 Führern zogen in diesem Jahre aus. Daß sich außerdem noch 110 Erwachsene anschlossen, ist auch erfreulich. Beweis dafür, daß auch den Mitgliederkreisen der Ortsgruppen das Interesse an den Pfingsttagungen in ständiger Zunahme begriffen ist. Die Tatsache, daß auch Dolksschulgruppen teilnehmen, zeigt, daß die Gedanken der Dolkstums- arbeit im Begriffe sind, weiteste Kreise unseres ganzen Volkes zu erfassen.
Oie Zrauentagung
des Freitag bildete, wie alljährlich, den Auftakt. Aus der Erwägung heraus, daß alle Kultur- und Jugendpflege durch die wirtschaftliche Lage bedingt ist, stand im Mittelpunkt der Erörterungen die Frage, wie weit die erwerbstätige Frau im Grenz- und Ausland Stütze des Volkstums ist. Fünf fesselnde Berichte von Damen aus Polen, Lettland, Estland, Siebenbürgen und Oesterreich zeigten, wie Frauenkraft und Frauenwille in fünf verschiedenen Gebieten deutschen Volkstums Frauen und Mädchen zu selbständigem Erwerb führt, um aus größerer wirtschaftlicher Sicherheit die Kraft zu völkischer Selbstbehauptung zu gewinnen. — Der Hauptvorstand beriet am Freitagabend die Tagesordnung der Hauptversammlung, während den zahlreichen Gästen ein Orgelkonzert in der Rikolaikirche einen Abend der Sammlung und Erbauung vermittelte. — Zahlreiche Besucher fanden auch die beiden Ausstellungen „Frauendienst am Auslanddeutschtum" und die Rordschleswig- ausstellung im Kaisersaal des Schlosses. — Beide waren äußerst lehrreich.
Der Samstag stand im Zeichen mehrerer großer Veranstaltungen, die den Grundproblemen des V.D.A. galten und den nachhaltigsten Eindruck hinterliehen. Die Fülle der aufschlußreichen Vorträge, der anregenden Aussprachen macht es schwer, auch nur das markanteste hervorzuheben. Die Hauptausschuhsihung begann nach Degrü- hungsworten des Vorsitzenden, Freiherrn v. d. Bus sch e. mit einem Vortrag von Rektor Koopmann - Tingleff über die „Kulturarbeit in Rordschleswig", in dem er ein interessantes Bild des Sprachen- und Rationalitätenkampfes in der Vorkriegszeit und die Gestaltung der Verhältnisse in der Rachkriegszeit entwarf. Der Redner beschäftigte sich eingehend mit den Wesen der dänischen Schulgesehgebung, die darauf abzielt, auch aus der deutschen Schule ein Mittel zur Eingliederung deutscher Kinder in dänische Kultur zu machen, wenn auch die ungehinderte Ent- wicklungsmöglichkeit des Privatschulwesens ein Vorzug der dänischen Kulturpolitik ist. Am Nachmittag trat
die 48. Hauptversammlung
im Kolosseum zusammen. Nach freundlichen De- grühungsworten des 1. Vorsitzenden folgten die Aussprachen der behördlichen und Körperschafts
vertreter, deren Zahl man erfreulicherweise stark gekürzt hatte. Ministerialrat Siet)je, Berlin, überbrachte die Wünsche und Grühe der Reichsund preuhischen Staatsregierung. Er besprach dabei die Arbeit des VDA., der alle Volksklassen umfassen und Inland- und Auslanddeutschtum verbinden solle. Bischof Mordhorst, Kiel, überbrachte die Grühe des deutsch-evangelischen Kirchenbundes, und Domherr Huber, Oeden- burg, der altbewährte Vorkämpfer des Deutschtums in Ungarn, fand begeisterte Worte aus der Tiefe feines deutschen Herzens. Der Ehrenvorsitzende des L.-V. Schleswig-Holstein. Admiral Recke, hob die Tätigkeit des Landesverbandes hervor, der durch seine Iugendspende in den breiten Volksmassen Wurzel gefaßt und durch Sammlung von Geldmitteln zur Errichtung von Schulen und der Erhaltung von deutscher Sprache und Art beigetragen habe. Eine Reihe von telegraphischen und brieflichen Glückwünschen, deren Zahl die Bedeutung des VDA. erneut erhärtete, an der Spitze solche von dem Reichspräsidenten und Reichskanzler, wurden verlesen. Admiral S e e b o h m erstattete sodann den Jahresbericht. Aus den umfangreichen Ausführungen seien hier folgende Punkte hervorgehoben: Die Zahl der Ortsgruppen ist von 2489 aus 2714 gestiegen, die der Schulgruppen von 4078 auf 4654. Die Pflichtbeiträge haben mit 489 684 Mark den Voranschlag um 22 Proz. überschritten. Auch im besetzten und Saarggbiet hat der Ausbau der Organisation begonnen, die Gewinnung der Volksschulen hat erfreuliche Fortschritte gemacht. Der Gesamthaushalt überschritt mit 2 444 294 Mk. den von 1927 um nahezu 230000 Mk. Die Unterstützung der Betreuungsgebiete, die zum großen Teile durch die Landesverbände geschieht, ist nicht nur rein finanzieller Natur; sie führt auch den Schulen zum Beispiel Lehrmittel zu, bemüht sich überhaupt, die Verbindung mit der Heimat auf allen Kulturgebieten zu erhalten, bzw. wieder anzuknüpfen. Sehr erfolgreich ist der Verein in Verbindung mit den zuständigen Stellen für die Besserstellung der auslanddeutschen Lehrer eingetreten. Für Studienbeihilfen an auslanddeutsche Studierende wurden 220 000 Mark ausgegeben, das Büchereiwesen wurde systematisch völlig neu aufgebaut, das ausland- deutsche Turn- und Sportwesen wurde gepflegt, Auswandererberatung, Schülerbriefwechsel zwischen In- und Ausland bildeten weitere wichtige Arbeitsgebiete des Vereins. In Nordamerika haben der in Hessen wohlbekannte Direktor T r e u t, Neuhork, in Südamerika Probst Hübbe äußerst erfolgreich an der Sammlung des dortigen Deutschtums gearbeitet. Wichtige Mittel zum Ausbau der Organisation waren die Werbewochen, die allein in Bayern und Brandenburg je 125 000 Mark Reingewinn erbrachten. In den Vereinszeitschriften und der Tagespresse wurde die Lage des Auslanddeutschtums und die Schuharbeit dargestellt, zahlreiche Dolksschulgruppen wurden neu gegründet. H e s s e n - D a t?w\ st a d t wurde hierin als vorbildlich bezeichnet. Eine lebhafte* Aussprache schloß sich an die Erstattung des Jahresberichtes. Die 49. Hauptversammlung wird als 50jährige Jubelfeier in Salzburg stattfinden, von wo herzliche Einladungen vorliegen.
Der Schleswig-Holstein-Abend in der Aula der llnioerfität gestaltete sich zu einer erhebenden Kundgebung. Pastor D. Schmidt- Wodder hielt einen aufschlußreichen Vortrag über Selbstbehauptung und Kulturaustausch, die vornehmsten Aufgaben des deutschen Volkes, in ihrem Zusammenspiel an Deutschlands Nordgrenze.
Turn« und Sportkämpfe beschäftigten tagsüber die D. D. A. • Jugend, für den Abend aber
waren jeweils mehrere Gruppen von Landesver^ bänden zu
Begrüßungsabenden
zufainmengefaßt. Die hessische Jugend feierte jU' sainmen mit den Landesverbänden Mittelrhein, Niederrhein-Berg-Ruhr, Baden, Bayern, Oesterreich in der gewaltigen Nordostseehalle. Tausende von Jugendlichen erfüllten den weiten Raum, die schneidigen Weisen der ältesten V. D. '21. - Schülerkapelle, der von Hann.-Münden, die am Nachmittag in einem Sonderkonzert sich den Beifall der Hörer und 700 Mark verdient hatte, umrahmten die zwanglosen Darbietungen. Den Ausbau der Feier und die Qeftaltuna des Programms hatte die lands- mannschaftliche Bereinigung Rhenania übernommen. Ein buntbewegtes Programm zog an unserm Auge und Ohr vorüber: Die Gruppe Bergisch- Land fang Heimatlieder, ebenso die Gruppe Unter- bannen, die Kölner Stadtsoldaten in ihren roten Röcken und beweglichen Rückenfortsätzen zeigten ein luftige Exerzieren aus der Zopfzeit, rheinische Mädels und Jungen tanzten einen Reigen und „Köllsche Kräszcher" riefen schallendes Gelächter hervor. Dazwischen ernste Ansprachen des Leiters der Veranstaltung, ferner des Abgeordneten K a l l i n a vom Sudetendeutschland und von Chefredakteur Dr. H öb e r (Köln), der die Schönheiten des deutschen Rheins pries, die Nöte des besetzten Gebietes her- vorhob und ausführlich über die deutsche Muttersprache als Sinnbild der deutschen Einigkeit fprarfj. Befremdend wirkte für die Hessen bei den Ausführungen des Redners das Fehlen jeden Hinweises auf die Besatzungsnot unseres Landes. Alle Darbietungen wurden durch Lautsprecher den Riesen- mengen der Anwesenden übermittelt. Zu bedauern ist, daß aus den Reihen der tausend '2lnwesenden des Landesverbandes Hessen niemand etwas zur Ausgestaltung des Abends beitragen konnte. Mit diesen Begrüßungsabenden der Landesverbände, denen sich ein solcher der Studenten zur Seite stellte, fanden die Veranstaltungen des Samstags ihren eindrucksvollen Abschluß.
poincares neue Fanfare.
So sehr sich manche Kreise in Deutschland heute auch bemühen, anläßlich der glücklichen Landung des „Graf Zeppelin" in Toulon und der damit verbundenen Begleiterscheinungen den Eindruck zu erwecken, als ob die Verständigung und das innige Zusammenarbeiten zwischen Deutschland und Frankreich sich durch nichts mehr aufhalten lasse, so sehr bemüht sich Poincare auf der anderen Seite, nicht den Eindruck auffommen zu lassen, als ob das amtliche Frankreich sich auch nur im geringsten gewandelt habe. Er sprach in Douaumont von dem Verbrechen, das die ehemaligen Kriegsgegner Frankreichs begangen hätten und ging dann auf die Verletzung der belgischen Neutralität ein, die allein schon Frankreich und Belgien einen Rechts- an sp ruch für alle Schäden gebe. Frankreich habe im Hinblick auf die Reparationsregelung immer wieder Zugeständnisse gemacht, um eine allgemeine Versöhnung zu ermöglichen. Auch die Zustimmung zu dieser Sachverständigenkonferenz sei ein Entgegenkommen gewesen, denn der Dawesplan genüge Frankreich vollkommen. Dies ist also die Mentalität, mit der das amtliche Frankreich von heute die Reparations- frage beurteilt, wobei Poincare es nicht unterlassen hat zu betonen, daß er sich das Ergebnis der Sachverständigenkonferenz nachher noch sehr genau ansehen werde, ehe er es dem Parlament zur Annahme empfiehlt. Jedenfalls wolle Frankreich nicht die Kosten der Einigung tragen.
Russische Außenpolitik.
Eröffnung
des Rätekongresses der Sowjetunion.
Moskau, 21. Mai. (WB.) Nach zweijährig« Pause wurde gestern der 5. Rätekongreß der Sowjetunion eröffnet. Das Diplomatische Korps sowie die ausländische und inländische Presse waren vollzählig erschienen. Kalinin, der den Kongreß eröffnete, wurde lebhaft begrüßt. Die Wahl des Präsidiums geschah durch Akklamation, wodurch deutlich erkennbar wurde, welche Mitglieder sich der Popularität erfreuten und welche wegen ilnftimnvgfeiten zwischen dem Parteizentrum und der Rechtsopposition ihre Beliebtheit bei den .Kongreßmitgliedern verloren haben. Ins Präsidium wurden u. a. gewählt Bucharin, der ohne Applaus, und Tomski, der mit schüchternem Willkommen begrüßt wurde. Beide waren nicht erschienen; auch nicht Woroschilow. dessen Rede gelegentlich der Maifeier bekanntlich deutscherseits beanstandet worden war. Als Stalins Name bei der Wahl zum Präsidium genannt wurde, folgte minutenlanger Beifall. Stalin zeigte sich seiner Gewohnheit entsprechend, auch gestern nicht. Auffallend freundlich ‘touröe Petrowski, der Vorsitzende des ukrainischen Vollzugsausschusses und Mitglied des Vollzugsausschusses der Sowjetunion empfangen. Man hatte diesmal auf die Ausschmückung der vom Präsidium besetzten Bühne verzichtet. Als einziger Regieaufwand kann die Besetzung der Proszcniumslvge mit turkmenischen Delegierten in ihren malerischen Gewändern bezeichnet werden.
Als erster Redner nahm, von starkem Beifall begrüßt, Rhkow das Wort, der in diesen. Tagen den Vorsitz des Rates der Volkstons miffare Grohruhlands niedergelegt hat. Rykotv erklärte: Die Sowjetregierung betreibt untoanbeU bar Friedenspolitik und war stets bestrebt, bfc


