Ausgabe 
22.3.1929
 
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Nr. 69 viertes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Freitag, 22. März (929

West- oder Ost-Politik?

Oer Reichspreffewart des Iungdeutschen Ordens spricht in (Stehen.

2luf Einladung der Bruderschaft Gie­ßen deS Iungdeutschen Ordens fand am Donnerstagabend im Cafe Leib eine öffent­liche Versammlung statt, in welcher der Reichs­pressewort des Iungdeutschen Ordens, August Abel, über die Frage:West- oder Ost-Poli- tik?" vom Standpunkte des Iungdeutschen Ordens aus sprach. Der große Saal und die Galerie waren bis zum letzten Platz voll beseht: die Besucherzahl, darunter viele Interessenten aus der Umgegend, dürfte mit 1000 Menschen nicht zu hoch gegriffen sein. Der Verlauf des Abends war, abgesehen von einer Dissonanz während der Aussprache, harmonisch und für den Iungdeut» schen Orden zweifellos ein starker Erfolg.

Der Großmeister der Bruderschaft Gießen, Stu­dienrat Dr. Gebhardt, eröffnete die Ver­sammlung mit einem Hinweis auf die jetzt zehn­jährige Wirksamkeit des Iungdeutschen Ordens, der sich nicht nach rechts oder nach links schlage, sondern am weitesten vorne stehen wolle auf dem Wege zum wahren Dolksstaat aller Deut­schen. Der Iungdeutsche Orden sei keiner Partei oder Interessengruppe dienstbar, sondern er gehe seinen eigenen, geraden Weg.

Reichspreffewart August Abel betonte am Anfang seines etwa Inständigen fesselnden Vortrages, daß dos, was er sage, kein Evangelium Jet, sondern die jungdeutsche Ansicht darstelle, M der jeder seine eigene Stel­lung wählen könne. Der Redner beschäftigte sich zunächst eingehend mit der Darlegung der Gründe, die den Iungdeutschen Orden zu seiner West Politik, der sog. Franzosenpoli-- tik, geführt hoben. Er erinnere dabei an die Vor­gänge vor 10 Jahren in Versailles, bei denen er als deutscher Pressevertreter den tra­gischen Kampf der deutschen Friedensdelegation gegen den Vernichtungswillen des Feindbundes in allen Teilen miterlebt hat. Weiter besprach er den französischen Einbruch in das Ruhrgebiet, der in Wirklichkeit der Ver­such der französischen Schwerindustrie zur An­nektion des Ruhrgebietes gewesen sei. Unter den damaligen Umständen sei natürlich eine Politik der Verständigung mit Frankreich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Am 6. April 1925 habe aber der Generaldirektor Dr. Brons von den Kruppwerken in einer Pariser Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem gesagt wurde, die Industrie hüben und drüben habe vor allem das Interesse, Geschäfte zu machen. Diese Kundgebung des an hervorragender Stelle stehen­den Industrieführers sei die Geburtsstunde der aktiven jungdeutschen Außenpoli- t i k gewesen. Der Orden habe den Standpunkt eingenommen, daß das Geschäftemachen nicht alles sei, sondern auch Rücksicht genom­men werden müsse auf die nationalen Belange, sowie die Wiedererringung der deutschen Frei­heit angestrebt werden müsse. Von hier aus­gehend, habe sich dann die jungdeutsche Westpoli­tik entwickelt.

Der Redner machte dann auf die Pakte der deutschen Großindustrie mit der fran­zösischen Großindustrie aufmerk am, wo­durch

die wirtschaftlich verbündete deutsch-französische Schwerindustrie zum beherrschenden Faktor in Europa geworden sei.

Er erinnerte an die politischen Auswirkungen dieser Industrieverständigung: die Dawesgesetze, die Anerkennung von Locarno und die Zustim­mung zum Kelloggpakt. Das deutsch-französische Industriebündnis habe die seinerzeit drohende, gewaltige Arbeitslosigkeit in Deutschland vor­übergehend verhütet und den nahenden Bolsche­wismus zurückgedrängt, auf der anderen Seite ober seien die wirtschaftlichen Folgen für die deutsche Industrie sehr schwer. Beweis dafür sei der deutsch-französisch » belgische Stahltrust, durch den die hochentwickelte deutsche Stahlindustrie verpflichtet sei, bei Ueber» schreiking ihres Produktionskontingents hohe

Strafgelder an die französischen und belgischen Vertragspartner zu zahlen und damit deren In­dustrie zu stützen, was schon mehrfach der Fall gewesen sei.

Bei den früheren Wirtschaftsverhand- lungen zwischen der deutschen und der fran­zösischen Industrie sei von deutscher Seite aus versäumt worden, gleichzeitig auch nationale Belange durchzusetzen. Der Eisentrust mit Frankreich solle jetzt, zum 1.Oktober, wieder erneuert, werden. Der Iungdeutsche Orden werde mit aller Macht auf die deutsche Schwerindustrie dahin einwirken, daß sie bei den kommenden Verhandlungen mit den Fran­zosen nationale Forderungen unseres Volkes durchsetze.

Wenn man in Paris Wert lege aus die IDirf- fchastsverständigung mit der deutschen In­dustrie, dann mühten auch die französischen Kriegsgerichte von deutschem Boden verschwin­den und das besetzte Gebiet frei werden.

Die deutsche Wirtschaft müsse den Franzosen deutlich erklären, daß sie mit ihrem Imperia­lismus gegen Deutschland Schluß machen müßten. Wenn die Franzosen erkennen ließen, daß in dieser Hinsicht nichts von ihnen zu erwarten sei, dann müsse die deutsche Industrie, die auch von anderen Staaten umworben werde, sich nach anderen wirt­schaftlichen Möglichkeiten in der Welt umsehen, denn so allein wie vor Jah­ren stehe die deutsche Industrie heute nicht mehr in der Welt.

Der Sinn der jungdeutschen Aranzosenpolltik sei also: eine ehrliche Verständigung mit den einsichtigen und vcrständigungsbereiten fran­zösischen Kreisen, aber nur unter voller Wah­rung der nationalen Belange unsere» Volkes. Diese jungdcutsche Franzosenpolitik fei übrigens nicht vom Iungdeutschen Orden ausgegangen, sondern Franzosen seien erst mehrmals zum Iung­deutschen Orden nach Berlin gekommen, der sich dann bereit erklärt habe, die Verbindung mit den Kreisen in Frankreich und England aufzu­nehmen, die ebenso wie die Iungdeutschen gegen die Gefahr der finanziellen Versklavung Europas ankämpfen.

Der Redner kam dann auf den Internatio­nalen F ron t käm p f e r-K on gre ß in Luxemburg zu sprechen, bei dem unter maß­geblichem Einfluß des Iungdeutschen Ordens von den Kongreßteilnehmern, ehemaligen Frontsol­daten aus allen am Kriege beteiligten Ländern, einstimmig der Veschluh gefaßt wurde:Die Freiheit steht höher als der Fried e". Dieser Kongreß habe bereits moralische Erfolge gezeitigt; u. a. sei das SchimpfwortBoches" seit Oktober vorigen Jahres aus den Front- kämpferzeitungcn der anderen Länder verschwun­den, Aufklärung über den gewaltigen Unsinn des Weichselkorridors, des Freistaates Danzig und über die Vergewaltigung Ostpreußens sei durch den Orden in der Welt verbreitet worden, die Kriegsschuldlüge, die Kolonialschuldlüge, die Rheinlandfrage usw. habe der Iungdeutsche Orden in Paris und in London in öffentlichen Versammlungen angeschnitten; sicherlich alles Er­gebnisse der jungdeutschen Westpolitik, die sich schon sehen lassen könnten und die eine Recht­fertigung dieser Politik seien.

hinsichtlich der Ostpolitik stehe der Iungdeutsche Orden keineswegs als grundsätzlicher Gegner einer Verständigung da. vorausgesetzt natür­lich, dah uns mit einer solchen Verständigungs­politik die Gefahr des Bolschewismus, die heute noch immer bestehe, nicht eingeimpft werde.

Der Redner gab der Ansicht Ausdruck, daß eine neue probolschewistische Welle komme, zumal neuerdings die Rationalsozialisten sich stark nach Rußland hin orientierten. Diese Dinge werde man mit großer Aufmerksamkeit verfolgen müssen.

Weiter forderte der Vortragende entschie­denste Abwehr des selb st aufgeberi­schen deutschen Pazifismus, der in seiner Auswirkung nur ein Anreiz für gewisse Kreise anderer Völker sei, ihren Kriegsgelüsten gegen Deutschland weiterhin freien Lauf zu las­sen. Die Verständigungsmöglichkeiten mit Frank­reich würden im selben Maße wachsen, wie der Wille zur Freiheit im deutschen Volke stärker werde, und im gleichen Maße abnehmen, wie die'er Pazifismus bei uns zunehme. Für $inen solchen Pazifismus hätten die Franzosen nicht das geringste Verständnis.

Der Redner verlangte ferner st r a f f st e Disziplin aller Deutschen gegen­über dem Außenminister, der die deul- schen Interessen gegenüber unseren Widersachern vertreten solle. Diese straffe Disziplin und na­tionale Geschlossenheit müsse auch gegenüber dem jetzigen Außenminister Stresemann Platz greifen, selbst wenn die Person des Ministers manchen Kreisen nicht genehm sei. Er sei aber der Außenminister des Deutschen Reiches, und als solcher müsse er von allen Volksgenossen gestützt werden.

Der Vortragende beschäftigte sich dann mit Polen und den gegenwärtig im Gange be­findlichen Verhandlungen toegen der Auf­nahme der polnischen Eisenindustrie in den deutsch-französisch-belgi- schen Cisentrust, wobei die deutsche Schwer­industrie eine sehr maßgebliche Rolle spiele.

Er forderte von der deutschen Schwerindustrie, daß sie sich einer Stützung der polnischen In­dustrie, die durch die Ausnahme in den Eisen- lrust einträte, mit Entschiedenheit widersetze, solange polen hinsichtlich des Weichselkorridors nicht die selbstverständliche Gegenleistung in der Rückgabe des Korridorgebietes an das Deutsche Reich gemacht habe.

Das heutige Korridorgebiet sei deutsch und müsse wieder deutsch werden. Diese Forderung durchzudrücken, habe jetzt die deutsche Schwer­industrie die Möglichkeit. Wenn sie dieser Auf­

gabe nicht entspreche, dann lade sie eine schwere Verantwortung auf sich.

Zum Schlüsse seines Vortrages gab der Red­ner der Hoffnung Ausdruck, dah sich mit dem Iungdeutschen Orden alle anderen Bünde und nationalen Volksgenossen zusammenfänden in dem hingebungsvollen Bemühen, das Diktat von Versailles zu revidieren und dabei den berechtigten deutschen Interessen Geltung zu verschaffen. (Langanhaltender star­ker Beifall.)

Die Aussprache.

In der anschließenden Aussprache nahmen vier Redner das Wort, und zwar von den Deutsch- nationalen Studienrat Kauer, Wetzlar, Stu­dienrat Dr. Lenz, Gießen, und Landesgeschäfts­führer Dr. Brehm, von den Rationalsoziali- ft en Herr Heißer von hier. Die Redner stimm­ten in mancherlei Hinsicht mit dem Vortragenden überein, machten aber anderseits erhebliche Ein­wände gegen den jungdeutschen Standpunkt gel­tend. Im Verlaufe der Debatte kam es wieder­holt zu lebhaften Kundgebungen; ein besonderer Mihklang ereignete sich während der Rede Dr. Brehms, der trotz wiederholter Aufforderun­gen des Versammlungsleiters nicht zu dem Vor­tragsthema sprach und schließlich nach scharfen Auseinandersetzungen mit dem Vorsitzenden vor Ablauf seiner Redezeit unter Protest die Bühne verließ. Von deutschnationaler und nationalsozia­listischer Seite wurden in der Diskussion u. a. auch Vorwürfe gegen Stresemanns Politik er­hoben, im übrigen nach Maßgabe der Redezeit deutschnationale bzw. nationalsozialistische Ge­sichtspunkte vertreten.

Zu Beginn seines Schlußwortes fragte Reichs- pressewart Abel zunächst öffentlich, ob denn kein Deutsch-Volksparteiler in der Versammlung an­wesend sei, der den Außenminister und Volks- parteivorsihenden Strefemann gegen die in der Diskussion erhobenen Vorwürfe verteidigen wolle. Da auf diese Frage keine Antwort erfolgte, setzte sich der Referent dann mit den Argumenten seiner politischen Gegner eingehend auseinander.

Geschichten ans aller Welt.

Nachdruck, and) mit Quellenangabe, verboten.

Es brennt bei der Feuerwehr!

(r) Amsterdam.

Die Feuerwehr von Gouda den Ramen muh man sich eigentlich ebenso merken, wie man sich den des Hauptmanns von Köpenick gemerkt hat. Denn mit ihm wird für immer die Erinnerung an eine tragikomische Harlekinade verknüpft sein, wie sie die allzu ernsthaft veranlagte Vorsehung leider nur sehr selten zu bescheren Pflegt.

Die Feuerwehr von Gouda also, dem hollän­dischen Kleinstädtchen, das eine besondere Art in den Riederlanden sehr beliebter Tonpfeifen fabriziert, nahm in diesem wie auch in allen boraufgegangenen Jahren den Fasching wahr und veranstaltete für ihre Mitglieder, jedoch lange nach dem kalendarischen Abschluß der Kar­nevalszeit, einen zünftigen Maskenball. Da sah man die braven und würdigen Vertreter der Drandwehr, vom Direktor herab bis zum Wehr- mann, in den phantastischsten und lustigsten Ver­kleidungen erscheinen, mit fuchsroten Perücken, falschen Rasen, in türkischer und Cdelpagen- Tracht, und in heiterster Stimmung, die noch da­durch erhöht wurde, dah die wackeren Feuer­wehrmänner mit gewohnter Hingabe den eigenen Vrand an den reichlich zur Verfügung stehenden Spirituosen löschten.

Um Mitternacht, als derBetrieb" auf der Höhe war und Branddirektor und Polizeikom­missar von Gouda am Wirtschaftsbüfett gerade Brüderschaft getrunken und sich ewige Freund­schaft geschworen hatten, versuchte ein Zivilist, ein Goudaer Bürger, der unmaskiert und mit allen Anzeichen der Erregung in den Festsaal gestürmt kam, eine gehässige Störung des Festes. Er stürzte nämlich auf den Branddirektor zu, den er trotz seiner ungeheuren Wachsnase erkannte, und stieß die Alarmmeldung hervor:

Mijnheer, die Feuerw^hrkaserne brennt!"

Ein ungeheures Gelächter antwortete ihm. Denn es war doch klar, nicht wahr, daß dies nichts an­deres sein konnte als ein köstlicher und durchaus dem Milieu angepahter Faschingsscherz! Die Be­teuerungen des Bürgers gingen im Gelächter der Umstehenden und den Klängen des Tanzorchesters unter, und die brave Feuerwehr amüsierte sich weiter--

Bis plötzlich in die nächste Musikpause deutlich und klar von draußen die Feuerglocken beider Goudaer Kirchen hineinklangen. Alles war so­fort ernüchtert, am schnellsten der Herr Brand­direktor, und nun konnte man das seltsame Schau­spiel erleben, wie die Feuerwehr in ihren bunten und grotesken Kostümen im Sturmschritt durch die Straßen eilte, die taghell von dem Brande er­leuchtet waren.

Sie kam zu spät. Die Drandwehrkaserne war bis auf die Umfassungsmauern völlig abgebrannt. Die armen Rarren in ihren Karnevalskostümen waren plötzlich obdachlos geworden. Und ganz Holland lacht heute über die wackere Feuerwehr von Gouda.

Drei Faß Genever.

(r) Brüssel.

Die Bewohner der belgisch-luxemburgischen Grenze erinnern sich heute immer noch gern der lustigen Geschichte, die einem belgischen Zoll-

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