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Nr. 18 Zweites vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 22. Januar 1929

HM / rrt. M. v

Das indische Ultimatum.

Don unserem ständigen f-Derichterstatter. /Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

London. 3anuar 1929.

Während die Simon-Kommission, die bekanntlich feststellen soll, inwieweit Indien reif zur Selbstverwaltung" ist, und was für Reformen ihm gewährt werden können, Indien ein zweites Mal bereist, haben die po­litischen Führer der nationalen Bewegung In­diens in Kallutta einen Beschluß gefaßt, der d i e Erklärung Indiens zum Dominion bis zum Ende des Iahres 1 929 fordert. Falls das englische Parlament bis zu diesem Zeitpunkte nicht von sich aus den Dominion- Status gewähren sollte, so wird erneut die schärfste Verhängung der Richtmitarbeit anye- droht. 2a, der radikale Flügel unter den in­dischen Rationalisten kündigt an, daß er in die­sem Falle eine Proklamation zur Annahme brin­gen würde, die nichts weniger als die völ­lige Unabhängigkeit Indiens ver­langt.

Damit ist eine außerordentliche Verschär­fung der gesamten Lage eingetreten. Denn die Beschlüsse des Kongresses von Kalkutta zeigen, das) die nationale Bewegung in Indien sich nach wie vor um die englischen Reformvor­schläge nicht kümmern will und infolgedessen auch die Arbeiten der Simon-Kommission ablehnt. Die englischen Berichte aus Indien geben eine Ver­schärfung der Lage allerdings noch nicht zu, sprechen vielmehr im allgemeinen von einer Ent­wicklung, die den englischen Plänen günstig sei. Die englische Presse bemüht sich eben, die Vor­gänge in Kalkutta lächerlich zu machen und als harmlos hinzustellen. Sie weist statt dessen auf Spaltungsbewegungen innerhalb der nationalen Bewegung Indiens und auf die alle Gegner­schaft zwischen Hindus und Mohammedanern hin, die ja allerdings wohl immer noch sehr groß ist. Selbst die Dominion-Entschliehung wird als bedeutungslos hingestellt, bzw. als Sieg der gemäßigten Richtung gedeutet, die angeblich berell sein soll, mit den Engländern zu paktieren.

Diese Behauptung erschelllt in der Tat nicht ganz unrichtig, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Forderung auf Einführung des Do­minion-Status gegenüber der Forderung auf Her­stellung der völligen Unabhängigkeit Indiens von England eine starke Abschwächung bedeutet. Bisher haben die Führer der na­tionalen Bewegung es stetH abgelehnt, sich über das Verhältnis eines freien Indiens zu Eng­land zu äußern, bzw. anzuerkennen, daß für die indische nationale Bewegung die Rotwendig­leit bestände, irgendeine Verbindung mit England zu belassen. Diejenigen, die (neuerdings stark unter dem Einfluß Moskaus, dessen Schriften und Lehren in den letzten Iahren wachsend unter der nationalen Iugend Indiens Anllang gefun­den haben) eine völlige Loslösung von allem was englisch ist. forderten, müssen also mit dieser Entschließung überaus unzufrieden sein, da England ja nur den Wunsch der Do- minion-Leute zu Erfüllen brauchte, um der Agi­tation der Unzufriedenen den Boden zu ent­ziehen. Das ist auf dem Kongreß in Kalkutta deutlich ausgesprochen worden, und die Oppo­sition gegen Sie Annahme der Dominion-Cnt- schließung war dementsprechend groß. Wenn nicht Gandhi, der noch immer als der reprä­sentativste Führer des nationalen Indiens zu gelten hat, sich mit seiner ganzen Autorität für die Dorninion-Cntschließung eingesetzt hätte, zusammen mit Pandit Motilal Rehru. der noch vor wenigen Iahren als überaus radikal verschrien war, so wäre sie kaum angenommen worden.

Gerade das wird als bezeichnend für die Ent­wicklung der Dinge im indischen nationalen La­ger angesehen. Die Tatsache, daß Gandhi und Rehru. die jahrelang als radikal verschrien waren, sich für eine Resolution einsetzten, die in schärf­stem Widerspruch zu den radikalen Forde­

rungen von ehemals stehen, soll angeblich zeigen, daß die indische nationale Bewegung an einem Punkte angekommen ist, an dem sich die Geister scheiden. Zwischen denen, die glauben, daß die Freiheit Indiens nur mit Zustimmung der Engländer in absehbarer Zeit erreicht werden kann, und die infolgedessen die ganze Agitation nur als Mittel zum Zweck ansehen, und den anderen, die das Heil nur in einer Resolution beziehungsweise in einer völ­ligen Trennung von England sehen, und deshalb die Forderungen der Agitation wörtlich für wahr halten, klaffe eben ein Zwie­spalt, der kaum noch zu überbrücken sei. Daß es gerade die Iugend, geführt von Iyengar, Bose und Iavaharlal Rehru, ist, die die radikalen Forderungen vertritt und sich in Opposition ge­gen die offiziellen Führer Der Swaraj-Partei befindet, sei dabei durchaus verständlich, ba die politische Iugend nicht nur in Indien stärker an Revolutionen als an staatsmännische Kom­promisse glaubt.

Und doch würde man den bewährten Führern der indischen Rational-Bewegung unrecht tun, wenn man über den Forderungen der radikalen Iugend die ganze Tragweite der Dominion-Cnt- schließung verkennen würde. Wenn Indien e i n Dominion würde, d. h. ein sich selbst ver­waltender unabhängiger Teil innerhalb des bri­tischen Weltreiches, nur verbunden mit Groß­britannien durch eine Art außenpolitischen Bünd­nisses, so würde dies in sich d i e Erfüllung aller Forderungen bedeuten, die die na­tionale Bewegung in Indien aufgestellt hat, und die beachtlicherweise in der Hauptsache innen­politischer nicht außenpolitischer Ratur. sind. Die Abschaffung der jetzigen Vollmachten des Vizekönigs, Sie Einführung einer freien und un­gebundenen gesetzgebenden Körperschaft, die Ver­einigung Indiens in einem einzigen großen Staat, ja sogar das völlige Verschwinden der englischen Derwaltungsbeamten in kürzester Zeit würden und mußten die Folgen der Gewährung des vol­len Dominions-Status sein. Das beweist u. a.

die vom nationalen Kongreß in Kalkutta an­genommene Verfassungs-CnZchließung, die zeigt, daß die nationale Bewegung in Indien auch durch ihre offiziellen Führer radikale Forderun­gen auszusprechen, vermag, die praktisch den nur dem Tone nach radikaleren Forderungen der Iugend kaum nachstehen. Der Unterschied be­steht lediglich darin, daß man agitatorisch eine verschiedene Terminologie verwendet, wenn man nicht die Außenpolitik eines künfti­gen Indien für ebenso wichtig hält, wie die zur Zeit brennenden Fragen der inneren Verwaltung.

Da die Engländer die indische Reform nicht von den Spitzen der Behörden, sondern Don bet Grundlage der Verwaltung aus an­greifen wollen, wird hieraus ersichtlich, wie weit man sich inzwischen auseinandergeredet hat, und wie wenig Aussicht darauf besteht, daß zwischen den nationalen Indern und den Engländern eine Verständigung erzielt wird. Dessen scheinen sich aber gerade auch die angeblich gemäßigten Füh­rer der Swaraj-Partei durchaus bewußt zu sein: sie wissen, daß ihre Dominion-Entschließung in der Form, in der sie gestellt wurde, auch dem konzessionsberei'.esten englischen Reformer nicht als annehmbar erscheinen könne. Und hier scheint denn auch die Absicht zu liegen, die Gandhi und Rehru bei der Annahme der Ent­schließung gelei.et hat. Sie haben absichtlich unerfüllbare Forderungen gestellt, weil sie wissen, daß England seiner ganzen Men­talität nach vorläufig die Forderungen des na­tionalen Indiens, selbst wenn sie in einem ge­mäßigten Gewände erscheinen, nicht erfüllen kann. Die Absage, die die Formulierung:Dominion bis Ende 1929 in Wirklichkeit also bedeutet, wird man demnach kaum verkennen dürfen: der Kampf um die Freiheit Indiens geht weiter, unabhängig von den Reformen, die das englische Parlament beschließen sollte, um das letzte Ziel der nationalen Bewegung in Indien, die Befreiung vom englischen Ioch, doch noch zu erreichen.

3uriWuiW Odrcheffess durch die Reichsbahn?

Veranlaßt durch unsere, von der Reichsbahn­verwaltung bi her unwidersprochen gebliebene Rachricht über die Umwandlung wich­tiger D-Züge in FD- - g e a u f der Main-Wesec-Bahn zum Rachtell des reisenden Publikums hat der

Verkehrsbund Oberheffen

gestern an die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. das nachstehende P r o - te st schreiben gerichtet:

DerGießener Anzeiger" Rr. 15 vom 18. 3an. 1929 meldet, daß die Reichsbahndirektion Frank­furt a. M sich mit der Absicht trage, die D-Züge 191/192 der Strecke Hamburg (Berlin) Kassel Gießen Frankfurt in FD- Züge umzuwandeln. Diese Rachricht genannten Blattes ist trotz des umsichtigen Pressedienstes der Reichsbahndire.tion ohne Widerspruch ge­blieben. Man darf hiernach wohl annehmen, daß diese Pressemeldung die Absicht Der Reichs­bahndirektion zutreffend wiedergibt. Don diesem Standpunkt ausgehend, möchten wir nicht verfehlen, der Reichsbahndirektion unseren entschiede­nen Einspruch gegen die mit dieser Maß­nahme verbundene Benachteiligung des Reise­verkehrs zur Kenntnis zu bringen. Rachdem die Zuschläge für die Benutzung der D-Züge erst vor wenigen Monaten außerordentlich stark erhöht toorSen sind, würde die weitere Umwandlung der D-Züge in FD-Züge mit noch höheren Zu­schlaggebühren nur darauf hinauslausen, weiter­hin einseitig rein eisenbahnfiskalische Interessen zum Rachteil der wirtschaftlich ohnehin schwer ringenden Bevölkerung zur Geltung zu bringen. Wir sind, der Meinung, daß die weitmöglichste Popularisierung der D-Züge nach gesunden, kauf­männischen Grundsätzen nicht zuletzt auch im Interesse der Reichsbahndirektion liegt, und wir bitten daher in unserer Eigenschaft als Spitzen­

organisation der oberhessischen Verkehrsvxrbung und als Beauftragte der oberhessischen Behörden die Reichsbahndirektion, von dem Plan der Um­wandlung der D-Züge 191/192 in F D-Züge unter allen Umständen abzulafsen, damit diese für Ober­hessen und die benachbarten preußischen Kreise wichtige Verbindung auch den breitesten Vevöl- kerungsschichten weiterhin zur Verfügung bleibt.

Fernerhin ist zu unserer Kenntnis gekommen, daß die Reichsbahndirektion sich mit der Absicht trage, die im Sommerfahrplan 1928 gefahrenen D-Züge 153/154 Frankfurt-Gießen Bremen tm nächsten Sommer in Gießen ohne Halt durchfahren zu lassen. Auch gegen diese Benachteiligung der Provinzialhauptstadt Gießen und der benachbarten oberhessischen und preußi­schen Kreise legen wir heute schon entschieden Verwahrung ein. Bei dem genannten Zug- paar handelt eS sich um eine ausgezeichnete Tages-D-Zug-Verbindung von und zur Rordsee- küste. Eine Unterbindung der Inanspruchnahme dieser Züge durch die Bevölkerung Gießens und der Rachbargebiete würde unter keinen Um­ständen von der Bevölkerung verstanden und von Ser Reichsbahndircktion sicherlich auch nicht genügend gerechtfertigt werden können. Wir hoffen zuversichtlich, daß auch in diesem Punkt zum mindesten der vorjährige Zustand wieder­hergestellt und unter gar keinen Umständen eine Verschlechterung des D-Zugverkehrs auf der Main-Weser-Strecke eintritt.

Der Hessische Verkehrsverband, Darmstadt,

hat in der gleichen Angelegenheit bei der Reichs- bahndirektion Frankfurt a.M. Vorstellun­gen erhoben. Er hat folgendes Schreiben an die Reichsbahndirektion gerichtet:

Die Gerüchte wollen nicht verstummen, daß ge­plant sei. die Züge D 191/192 Dasel

Frankfur tGieße nH amburg und

Berlin in FD-Züge umzuwandeln. Eine der­artige Mai-nahme würde mit Rücksicht darauf, daß die FD-Zugzuschläge gegenüber den ohnehin hohen D-Zugzufchlägen stark erhöht sind, als höchst bedenklich bezeichnet werden müifen, weil sie die Züge für den Verkehr auch auf nahe und mittlere Entfernungen stark entwerten. Wir bit­ten daher, falls bie umlaufenden Gerüchte eine tatsächliche Grundlage haben sollten, von der ge­planten Maßnahme Abstand zu nehmen.

Des weiteren möchten wir nicht verfehlen, bereits heute auf die Bedenken hinzuweisen, die dem offen­bar geplanten Wegfall der im vergangenen Som­mer erstmals mit b ftem Erfolg gefahrenen Züge D 153 154 Frankfurt Bremen über Gießen Kassel als dreiklassige Schnellzüge entgcgenstehen. Die Führung von F D-Zügen zwi- schen Franlfurt und den Hansestädten wird selbst­verständlich grundsätzlich als wesenlliche Verkehrs» Verbesserung allseitig begrüßt. Andererseits muß es als im höchsten Grade bedenklich bezeichnet werden, daß die Einführung der neuen Schnellverbinbung auf K o st e n wichtiger breitiaffiger DZugsverbinbungen erfolgt. Die künftigen FD-Züge werden zwar für den Heineren Teil der wohlhabenderen Reisenden eine besonders giinst ge Verbindung darstellen. Die sehr schmerzlich empfun­dene Lucke im Schnellzug-fahrplan der Ma n° Weser-Bahn wird indessen durch den Wegfall der weitesten Kreisen zugänglichen dreiklassigen D-Zug- verbindung zu den tn Frage kommenden Zeiten be­stehen bleiben, dies um so mehr, als die FD-Züge ihrer besonderen Aufgabe gemäß in bezug auf die Anzahl der Zwischenhalte aufs äußerste beschränkt sind.

Wir hallen es für bringend geboten, bereits heute mit allem Rachdruck darauf hinzuweisen, daß insbesondere die Derkehrsverhättnisse der hessischen Provinz Oberhessen dringend er­heischen, daß schnellstmöglich außer der FD-Zug- verbindung etwa in der Lage der im vergangenen Sommer gefahrenen Züge D 153/154 dreiklassige Schnellzüge über die Main-Weser-Bahn gefühnck werden, die nach Möglichkeit nicht nur die Ver­bindungen mit Bremen und der Unterweser, viel­mehr auch mit Hamburg zu vermitteln hätten

Anmerkung der Redaktion:

Daß die beiden Spitzenorganisationen für die Derkehrswerbung in Hessen mit ihren Einsprüchen bei der Reichsbahndirellion Frankfurt a. M. durcha us im Sinne der Bevölkerung gehandelt haben, versteht sich von selbst. An­scheinend wird jetzt von der Reichsbahnverwal­tung, wie man früher schon manchmal mit Be­dauern feststellen mußte, wieder der Versuch ge­macht, über die oberhessischen Ver­kehr s in t e r e s s en mit Leichtigkeit hinwegzugehen Diesen Bestrebungen ge­genüber möchten wir die Reichsbahnverwal­tung doch daran erinnern, daß sie den ob er­be ssischen Städten gegenüber auch P f l i ch t e n zu erfüllen hat, die gebieterisch for­dern. daß ihnen die gebührende Erfül­lung zuteil wird. Wir wollen nur hoffen und wünschen, daß die Reichsbahndirektion Frank­furt a. M. von ihren sehr anfechtbaren Plänen abläßt und Ober Hessen nicht wieder gewisse-- maßen als Stiefkind behandelt.

Oberstaatsanwalt i. X Wünzer f.

WSR. Darmstadt, 21. Ian In der Rächt zum Sonntag ist Oberstaatsanwalt t R. Rudolf Wünzer nach einem langjährigen Leiden, gegen das er in seinen letzten Iahren mit aller Energie ankämpfte, verstorben. Mit ihm ist eine durch Geistesgaben und Herzensbildung un­gewöhnlich ausgezeichnete Persönlichkeit dahin- gegangen, die sich allenthalben, wo immer sie auf­trat, großer Beliebtheit erfreute. Wünzer war am 17. Dezember 1862 in Weimar geboren. Er verbrachte seine Iugend in Darmstadt, wo fein Vater Mitglied und später Generaldirektor des damaligen Hoftheaters war. Rach seinem Stu­dium war Wünzer von 1892 bis 1894 Rechts­anwalt in Darmstadt, 1894 bis 1899 Staats­anwalt in Mainz und Darmstadt, später Ober-

Was der erste Güdpolarstug entdeckte.

Mit seinem Erkundungsflug über Graham- Land, über den bereits kurz berichtet wurde, hat Sir Hubert W i l k i n s eine neue Epoche der Südpolarforschung ein geleitet Seine Lei­stung verdient aus zwei Gründen ganz besondere Beachtung: erstens hat er eins der beiben großen Probleme der antarktischen Forschung gelöst, und sodann hat er diese Tat in wenigen Stunden vollbracht, während in den Zeiten, da der un­geheure Vorteil des Flugzeugs dem Polar­forscher noch nicht zur Verfügung stand, min­destens zwei antarktische Sommer zu dieser Fest­stellung notwendig gewesen wären. Die Lage von Graham-Land zu dem Südpolar-Erdteil war bisher noch nicht genau bekannt. Graham-Land, das ist der (Harne, den man der vorgestreckten Landzunge zwischen dem 63. und 69. Grad süd­licher Breite und zwischen dem 58. und 67. Grad westlicher Länge gab, ist der am frühsten und wohl auch am besten bekannte Teil des Südpolar­gebietes. Die Süd-Shetland-Inseln, die etwa 130 Kilometer nordwestlich von seiner nördlichen Spitze liegen, wurden fast zufällig im Februar 1919 von einem englischen Seefahrer, William Smith, entdeckt. Der erste aber, der eine kurze Strecke der Küste desHauptlandes weiter süd­lich fand, war der Engländer Edward Brans­field. Da er aber sah, daß das neu entdeckte Land keine Handelswerte aufwies, so begnügte man sich damit, in den Iahren 1821 bis 1827 etwa eine halbe Million Robbenfelle einzuheim­sen, und dann blieb das Land viele Iahre un- besucht, bis der englische Robbenjäger Bisco 1832 die Westküste von Graham-Land zum Teil erforschte und der deutsche Robbenjäger Da ki­rn a n n 1874 weitere Reisen in dem Land unter­nahm. Auf einem deutschen Schiff, demIason", haben dann 1892/93 zwei norwegische Robben­jäger. die Kapitäne Larsen und Evensen, nach Eindringen in den Südpolarkreis zuerst eine Strecke hoch gelegenen Landes gesichtet, das sich vom 67. bis zum 68. Grad südlicher Brette aus- dehnte und von ihnen dieFoyn-Küfte genannt wurde. Dis zu dem jüngsten Flug von W i l - kins blieb diese Entdeckung der Flhn-Küste durch Larsen der einzige sichere Bericht von dem Vorhandensein eines Landes an dec Ostküste von

Graham-Land, das sich über den Südpolarkreis ausdehnte.

Die Expedition von Rordenskjöld im Iahre 1902/03 prüfte die Angaben von Larsen nach, berichtigte manche Irrtümer in seinen An­gaben, konnte aber nicht dieFohn-Küste" er­reichen. Die Forschungen Rordenskjölds unb der zwei Expedittonen von Charcot an den nörd­lichen und westlichen Seiten von Graham-Land zeigten aber, daß augenscheinlich fortlaufendes Land bis südlich bis zum 69. Breitengrad aus­dehnte, und seit den Treibfahrten derDeutsch­land" im Iahre 1912 und derEndurance" 1915 setzte man Sas Vorhandensein beträchtlicher Land­massen an der Westseite Ses Weddellmeeres vor­aus. So kam man auf die Vermutung, daß Graham-Land einen Teil des Südpolar-Erdteils bilde und daß es ein Glied in einer großen Gebirgskette Sarstelle, deren unter dem Wrer befindliche Gipfel durch Graham-Land und über dem Südpol sich fortsehten, um dann schließlich in der .,Königin-Maud-Kette" zu münden, die Amundsen 1911 während seiner Expedition gesehen hatte. Diese Annahme aber stand im schroffen Gegensatz zu der 1907 von Sir G. H. Darwin ausgesprochenen Ansicht, daß ein Arm des Roß- und Weddellmeeres den östlichen Teil der Antarktts vom westlichen trenne. So standen sich allo zwei geographische Anschauungen gegen­über, bis der Flug ijon WilkinS, der erste, der jemals im Südpolar«biet gemacht wurde, eine Antwort gab. Wir Müssen jetzt, daß Graham- Land fein Teil des WüdpolarerSteils ist; es ist von ihm durch die biÄte Stefansson-Straße ge­trennt, und der Teil Ms Konttnenrs, der weiter südlich gelegen ist. zeigt keine Spuren einer Ge­birgskette, wie man vermutet hatte, sondern ist von einer sanft abfallenden Form. Die Theorie einer fortlaufenden Gebirgskette muß daher auf- gegeben toerSen, während die Annahme von Dar­win an Wahrscheinlichkctt gewinnt. Aber dadurch wird auch die Ehre, den Südpolar-ErdteU ent­deckt zu haben, Sem Engländer Bransfield ge­nommen, der ja nur das nicht dazu gehörige Graham-Land gefunden hat, und als Entdecker der Antarktis erscheint der französische Polar­forscher Dumont d'U r v i l l e, Ser auf dem französischen SchiffAstrolabe" am 20. Ianuar I 1814 Adelie-Land sichtete, das zweifellos ein I Teil des Südpolarerdteils ist. Diese Entdeckung I wurde ihm allerdings von dem amerikanischen

Forscher Charles Wilkes streitig gemacht, der einige Tage später Ad6lie-Land sichtete; er be­hauptete, eiut Tage vor d'Urville östlich von Adstte-LanS Land gesehen zu haben, aber nach den Feststellungen von Scott ist kein Zweifel, daß diesesLand" nicht existierte. In einer Würdigung des ersten Südpolarfluges in der Times wird hervorgehoben, daß diese Tat von Sir Hubert Wilttns außer ihrer großen geographischen Bedeutung der eindrucksvollste Be­weis dafür ist, daß die Zukunft der Polar­forschung in der Luft liegt Während eines Flu­ges von etwa zehnstündiger Dauer hat er eine weit größere Strecke zurückgelegt als irgendeiner seiner Vorgänger in dem Graham-Land-Gebiet; dabei hat er seine kartographischen Aufzeichnun­gen mit nicht weniger Genauigkeit durchgeführt. Er erreichte die von RordenskjöldRichthofen- Tal genannte Stelle in 66 Grad südlicher Breite von seiner Basis auf der Deception-Insel in weniger als zwei Stunden, währenS Rordenskjöld, der zu Fuß von einer 80 Kilometer näher ge­legenen Basis aus marschiert war, zwei Wochen brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen, und nicht weiter vorwärts kam. Wilkins dagegen be­fand sich drei Stunden später in 71 Grad süd­licher Breite, 460 Kilometer weiter südlich. Dieser erste Südpolarflug bedeutet daher den überaus erfolgreichen Anfang einer künftigen Erforschung der Antarktts.

Eidechsen.

Von Victor Auburiin.

Rachdruck verboten!

Aus den brennend heißen Steinen, die am Ab­hang des Hügels lagen, faßen zwei Eidechsen und sahen sich an.

Er hieß Chilperich und sie hieß Hilde.

Sie sahen sich sünsundoierzig Minuten lang regungslos an, ohne auch nur mit den Augen zu Zwickern. Aber an dem Zittern ihrer Haut, die mit einem geschmackvollen Stickereimuster verziert war, konnte man das Schlagen ihrer kleinen Herzen er­kennen.

Die Gräser ringsherum rührten sich auch nicht, und die große Sonne stand wie festgenagelt am Himmel. Und durch die Gräser hindurch sah man das ferne Mittelländische Meer, das in einem blauen Traume tief eingeschlasen war.

Funfundvierzig Minuten lang sahen Hilde und Chilperich sich an und rührten sich nicht. Da drehte Chilperich plötzlich den Kopf quer, so daß ein Auge zur Erde, das andere zum Himmel sah, und die Bewegung heißt in der Sprache der Eidechsen:Ich habe dich lieb."

Sowie Hilde diese Bewegung sah, drehte sie sich um und raschelte fort, und Chilperich raschelte ihr nach. Und so heftig raschelten sie beide, daß eine dort sitzende deutsche Maldame glaubte, es sei eine Schlange und entsetzt mit ihrer Staffelei von ban­nen floh; wodurch eine der besten Landschaften für die Herbstausstellung deutscher Künstlerinnen ver­loren ging.

Die Eidechsin Hilde aber huschte durch das Gras fort, fuhr die verfallene Mauer des Olivengartens hinauf und schlängelte sich durch das große Stein­feld. und Chilperich immer hinter ihr her. An dem bekannten Schieferstück, das bei den EiSechsen Prin- zessin-Amalia-Ruh heißt, stellte er sie, sprang vor sie hin und sagte noch einmal:Ich habe dich lieb." Sie aber antwortete:Du bist ein Ekel; ich kann dich nicht mehr ausstehen mit deinem ewigen Augen- verdrehen; und wenn du mir auch nur noch einen Schritt nachgehst, wende ich mich ganz einfach an einen Schutzmann." Damit raschelte sie fort und ließ Chilperich stehen.

Eine Stunde lang stand Chilperich regungslos und sah durch die Halme auf das ferne stille Meer. Dann erblickte er vor sich eine dicke blaue Brummer­fliege, schoß durch die Steine weiter, und fing hier eine Mücke, da eine Libelle.

Am Abhang begegnete er der kleinen Eidechsin Mathilde, die ihm sagte:Chilperich, du solltest nicht im Gehen essen, das schickt sich nicht." Dabei lächelte sie so nett, daß Chilperich auch lächeln mußte und bann bezüngelten sie sich mit ihren Schlanaenzünglein unb gleich darauf begannen sie jenen Haschetanz, der in der Eidechsen spräche sagt: Wir wollen jetzt sehr glücklich sein.' Aber wie sie mitten dabei waren, fuhr die Eidechsin Hilde, die sich nur versteckt hatte, aus dem Gebüsch hervor, auf Chilperich zu und biß ihm den Schwanz ab.

Chilperig schlich langsam und ftummelig in seine Steinwohnung und war traurig.Erst sagt sie mir, ich sei ein Ekel, und wenn ich mit der Ma­thilde tanze, beißt sie mir den Schwanz ab." So dachte er sich und wunderte sich sehr, denn er war noch jung und verstand nicht viel von den Ge­heimnissen des Frauenherzens.