Nr. 299 Drittes Blatt
Außenpolitische Llmschau.
Äon Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. 5t
Der russisch-chinesische Konflikt ist beendet: die ^Beauftragten der russischen und der Mukdenregierung haben das Protokoll unter- zeichnet, in dem China die russischen Dedin- jungen annimmt, und so den Streit mindestens <1118 der Sphäre der kriegerischen Auseinandersetzung herausgebracht. Beide Regierungen werden nun die Verhandlungen weiterspinnen, um ile ostchinesische Dahnsrage zwischen sich endgültig zu bereinigen. Don der Rankingregierung bot man dabei nichts gehört. Eie gab dafür genau gleichzeitig Siegesnachrichten heraus: Last i'tt Südrebellen geschlagen seien und man hoffe, nun auch des Aufstandes im Rorden Herr zu werden. So wird China wieder länger mit iich zu tun haben und die russisch-chinesische Auseinandersetzung in diplomatischen Verhand- langen weitergehen. Die Welt rechnet damit, daß |ie sich zunächst um den Fernen Osten ' nicht ;a kümmern braucht.
Das wird besonders angenehm In Tokio und Washington empfunden werden, weil jetzt die | Dorbereitung auf die Londoner Marine- Ion f e r e n z außerordentlich drängt. Die englisch-amerikanische Verständigung in bezug auf Schiffe ist ja vorhanden. Es scheint aber, als lollte doch auch die Frage der Freiheit der Meere, Les Seerechts, zwischen England und Amerika zur Sprache kommen. So sehr das die . L Verhandlungen erschwert, so wenig wird wohl Hoover wenigstens von einer ersten Erörterung des Problems abfehen können, weil er an diesem Punkte die öffentliche Meinung daheim für sich, für die ganze Abrüstungsaktion, gewinnen kann, die keineswegs von allen Seiten gleich- mäßig in den Vereinigten Staaten gebilligt wird. Nach Frankreich hat Henderson einen Wink herübergegeben, um gleichfalls den Doden für die Flottenloaferenz gut vorzubereiten. Er betonte, daß die Verständigung mit Amerika durchaus nicht einen engen angelsächsischen Vertrag bedeute und durchaus nicht die Trennung ton Frankreich, dessen Freundschaft gerade von ikm sehr hoch geschäht sei und mit dessen QEi» jiiftcr Vriand er auf der Konserenz nun gern zusammenarbeiten werde. Henderson sagte damit n-d)t leere Komplimente. Das für England Ent- scheidende liegt ja in seinem Wort »Wir sind furch die geographische Lage miteinander ver- iunden. Ihr seid unsere nächsten Rachbarn und wenn der Kanal.unnel zustande kommt, tue riet ihr uns noch näjer sein.' So läßt er icutlich erkennen, wo Englands Schwäche liegt unb was England daher an der Seile Frankreichs doch auch festhält. Er hofft, das; auf der ■■ Konferenz das »größte gemeinsame Maß der Flottenabrüstung erreicht werde" und stellt darüber hinaus das Programm: Januar — Fünf- Nlachie-Konserenz, Frühjahr — die vorbereitende Mrüstuncslommiision Les Völkerbundes, Herbst Bericht der Völkerbundsversammlung und toten Beschluß, »die allgemeine Abrüstungs- ionserenz cinzuberusen, auf der ein Weltabrü» smngsvertvag endgültig entworfen werden wird." UAlon kann dieser Bewegung so skeptisch gegen» überstehen wie man will, aber es liegt jetzt, durch England und Amerika hereingelommcn, ein großer Zug in ihr und. wie man sieht, ti:t Plan zum mindesten, der Hand und Fuß hat. . Mit Japan und schließlich auch mit Italien wird man dabei in den Seefragen zur Verständigung kommen. Die Schwierigkeit liegt l:i Frankreich und dessen marinepolitischen Fvr- i.tungen. Sie sind bekannt: Frankreich, wie jede sbwächere Seemacht, ist mit einer Bindung des ,LLinienschifsbaues durchaus einverstanden, aber cs will die Freiheit im Kreuzerbau und im ll-Dootsbau. Zu dieser Frage ist nun im Bericht ht Marinekommission der französischen Kammer - «in sehr interessantes Moment here'.ngekommen. S'.cfe Kommission erörtert die Situation für öle .Abrüstunnslonserenz unter dem Gesichtspunkte to8 deutschen Panzerkreuzerbauti a n s, der mit dem bekannten Kreuzer »A“ hgonnen hat. Und der Bericht stellt nun gegeneinander, daß die Mächte der Woshington- bnlerenz verpflichtet seien, bei Schiffen von
Das Erbe
-es Herrn von Anstetten.
ZRoman von I. Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
L Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Sie Baronin ist eine wundervolle Frau. Sie reinen ihre ganze Liebe zu besitzen. Da dürfte denn doch nicht so sehr schwer fein, den Mut fri finden, ihr einzugestehen, wie sich die Sache erhält."
„Sie sprechen als Unbeteiligter, lieber Doktor." „Als Unbeteiligter?" unterorach ihn Alsworth. Eie wissen: Aucy ich bin durch das Versprechen, n schweigen, belastet. Wenn Sie einverstanden inl, übernehme ich die Mission gerne, zu Ihrer 1c«u Gemahlin zu gehen und ifjr die Wahrheit , si enterbreiten.“
„Ilm keinen Preis!"
„Sie werden sehen, verehrter Herr Baron —" „Kein Wort mehr davon, Doktor, oder Sie können mich in der nächsten Sekunde vor Ihren .Jirjea über die Klippen springen sehen."
2lsworth streckte eilig die Hand nach feinem ist in. „Sie könnten mir ruhig vertrauen, Baron Unther. Ich würde alles so bestätigen, wie tt sich zugetragen hat. Der todkranke Mann dort t-ien in Dardschiling — das Ultimatum, welches h ihm schickte, Heimzukommen — die Gewißheit bS Sterbens, die es ihm unmöglich machie, die teile noch anzutreten und wie er Sie beschwor, pult seiner in die Rechte des Gatten und Vaters yt treten, damit das Gut dem Sohne erhalten ble-bc. — Baron, es gibt keine Frau, die da nch! weich wird und Verzeihung findet."
.Möglich, Doktor. — Mer eine Gewißheit H>.fid)t trotzdem nicht für mich. Denken Sie nur, !dos Sie empfinden muß, wenn sie hört, daß sie IL'.s Weib eines Mannes wurde, mit dem sie Ardcr nach göttlichem, noch menschlichem Recht schunden ist."
..Die Baronin sieht mir nicht aus, als ob sie «! nlich wäre," bemerkte Alsworth. — „Und Sie
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 2’. Dezember (929
10000 Tonnen und Darunter die Geschützkaliber auf 223 Millimeter zu beschränken, während der Versailler Vertrag Deutschland ähnliche Verpflichtungen nicht auferlege, der neue deutsche Panzerkreuzer stehe also außerhalb dieser Berechnungen. Daraus zieht die französische Kam- merkornrnißion eine bemerkenswerte Konsequenz: entweder müsse man die Bestimmungen des Abkommens von Washington ändern (womit die ganze mühselige bisherige Einigung in Frage gestellt wird) oder — man müsse zu einer Verständigung mit Deutschland kommen und dieses zur Konferenz auch einladen. Das Gewicht dieser Begründung wird noch dadurch verstärkt, daß auch auf andere Mächte hinge- toiefen wird, z. B. Spanien, das nicht zu den Signatarmächten von Washington gehöre, also beliebig ähnliche Schiffe bauen könne, weshalb das Flottenabkommen eben auf die Mächte zweiter Klasse überhaupt auszudehnen sei. Die französische Absicht ist natürlich, durch Derartige Hinweise von vornherein Die Londoner Arbeit zu erschweren, die Sabotage ist das leitende Prinzip Der ganzen französischen »Ab.üstungs- Politik'. Aber sowohl in London wie in Washington wird man nicht bestreiten können, daß in einem solchen Hinweis auf Deutschland und Spanien etwas Richtiges liegt und daß die Marineabrüstung, wenn sie wirklich etwas bedeuten soll, nicht einfach von den Seemächten ersten Ranges unter sich ausgemacht werden kann.
Inzwischen haben Macdonald und fein Kabinett Die Köpfe ganz voll von Den inneren Fragen. Am 12. hat das Kabinett die erste Kohlenbill im Unterhaus vorgelegt. Sie nimmt ein englisches Koh'ensynLikat, einen vollständig obligatorischen Zusammenschluß Der Zechen in Aus ficht, ferner einen' Untersuchungsausschuß, Der Die Preiskontrolle im Interesse Les Verbrauches ausüdt; ferner die Herabsetzung der Arbeitsschicht von 8 auf 7l/t Stunden (Juli 1931 folgt dann automatisch die Rückkehr zum 7-Stundentag) und schließlich eine staatliche Stelle für Die Fragen der Arbeitszeit, der Arbeitsbedingungen und vor altem Der Löhne, also eine staatliche Lohnprüfungsstelle. Die Vorlage hat sofort eine politische Krise herauf- beschworen. da beide Oppofitions-arteten gegen sie sind. Eine Riederlage in einer so wichtigen Frage aber könnte Las Kabinett Macdonald nicht aushalten. Indes wird Wohl keine Krise daraus werden, weil die beiden Oppositionsparteien gegen verschiedene Teile der Vorlage sind. Die Liberalen sind für Herabsetzung der Arbeitszeit und die Lohnprüfungsstelle, lehnen aber das Syndikat, die Verkaufsgenossenschaft ab. Die Konservativen wieder wollen nicht die Lohn- prüsungsste'l" -nd Die Herabsetzung der Arbeitszeit und sind für Die Zwangsorganisation. Dieser Vorgang zeigc wieder, wie wenig sicher das Labour-Kabinett steht. Es muß außerordentlich vorsichtig und elastisch operieren, wenn es- sich längere Zeit halten will. Bringt es diese Kunst auf, kommt cs über Koh^envorlage, Arbeitslosigkeit, Budget hinweg, so kann es. wie wir meinen möchten, 1 bis l1/« Jahre für sich rechnen, und das wäre wegen der großen außen- politischen Ziele und Arbeit, Die das Kabinett sich gesetzt hat, im Interesse Der Weltfriedensordnung nur zu wünschen.
Aber noch in'erefan er ist uns an diesen englischen innerpoliti.chen Vorgängen das Südliche, Das Programmatische, programmatisch Reue. Man faßt einen so wichtigen W'.rtfcha-ts- zweig wie Den Kohtenbau jetzt eben doch staats- organisatorisch an. Der Sozialismus in England kommt auf etwas Pfanwirtschaftliches hinaus. Und die Konservativen, die auch in einer inneren Umbildung sind, die Gruppe der jungen Konservativen darin vor allem, stehen Dem aufgeschlo sen entgegen. Diese jungen Konservativen. für lie etwa'cer Ab. erri re e Boothöy spricht, sehen ein, daß mancher.'ei Anschauungen und Einrichtungen der Vorkriegszeit in England nicht mehr gelten können und daß England in seiner industrielien Organisation hinter Amerika und Deutschland zurückgeblieben ist. Sie scheuen daher vor Dem Satze nicht mehr zurück, daß, wie Boothb) sagt, das Wirtschaftsleben heute keine Privatfache mejr fei, sondern eine Sache des Staates. Mit diesen Gedanken» gängen von Links und Rechts vermag die
sind doch zwei Menschen, Die sich lieben! — Und dann, Sie haben doch jedenfalls nicht Die Absicht, diese Frau heute oder morgen im S.ich zu lassen."
„Wie können Sie denken', fuhr Anstetten auf. „Ich werde bis zu meinem letzten Atemzuge bei ihr blciöen, vorausgesetzt, daß nicht alles einmal ein jätzes Ende nimm.! — Ein Ende mit Schrecken, Doktor."
„Sie haben es selbst in Der Hand, Baron."
„Ich weiß es. — Und trotzdem! Sie können nicht ahnen, wie sehr ich diese Frau liebe!"
„Und Den Sohn des Toten?"
„Richt weniger! — Wenn auch Brunhilde Die Täuschung verleihen wollte, Bernd könnte es nie und nimmer. — Lassen wir s also! Ich sonne mich in meinem Scheinglück, bis es zur Reige geht und trete Dann vom Schauplatz ab. Ich möchte Sie heute schon um Ihr Versprechen bitten, mir einen Platz neben Hans Peier zu geben. Ich glaube, ich habe es verDient, Seite an Seite mit ihm zu ruhen."
„Gewiß, Baron! — Obwohl ich hoffe, Daß es noch eine andere Lösung gibt, als diese. Jedenfalls bedarf es nur einer Aufforderung Ihrerseits, und ich nehme die heikle Angelegenheit in Die Hand unD regle Sie zu Ihrer vollsten Zufrie- Denheit."
„Ich werde mich Ihrer Worte erinnern, Doktor. — Wollen wir nun wieder zurückgehen? Ich möchte noch gerne ein Glas Wein mit Ihnen trinken, wenn Sie nicht zu müde sind."
»Schlafen wäre mir jetzt eine Unmöglichkeit", war Die Antwort.
Es ging schon gegen zwei Uhr, als Die beiden Herren nach Dem ersten Stock hinaufstiegen, um sich zur Ruhe zu begeben.
Anstetten nahm schon vor Der Türe des Zimmers Die Schuhe ab, unD trat lautlosen Fußes ein. Die ©arDinen hingen reglos. Ihr Muster warf würfelförmige Schatten üaer Den gelten Teppich, Der Den Böden bedeckte. In Dem breiten Doppelbette lag Drunhildes blonDer Kopf in Die Kiffen geDrüdt. Das schöne Gesicht war von mattem Rot überhaucht unD Der feingeschwungene MunD zu einem leichten Spalt geöffnet.
Der Munn stanD ohne Bewegung und sog jede Linie Dieses herrlichen Körpers in sich ein. Roch war Dies alles sein Eigentum! Wenn er sie
liberale Partei LlohD George- einfach nichts anzusangen: sie hat in sich, in ihrem Programm, nichts, was das aufnehmen könnte.
Sehr charakteristisch paßt es dazu, daß man über diesen Fragen rasch weiter kommt in Absichten, einen nationalen Wirtschafts - rat, der in Krisenzeiten die Regierung beraten solle, zu bilden. Macdonald beschäftigt sich Damit. Man denkt an einen Rat von 25 Mitgliedern aus allen Parteien, Wirtschaftsführern. Gewerkschaftlern, Theoretikern, ständigen Beamten. In diesem Wirtschaftsrat wäre natürlich erste Aufgabe das Thema der Arbeitslosigkeit. Kurz:
Auch hier Reues und Umbildendes, waS zum letzten Punkte gerade Darum so interessant ist, als ganz genaue Parallelen Damit in den letzten Wochen, ja Bemühungen HooverS, vor sich gegangen sind. Eomohl Der Außenpolitiken wie Der Wirtschaf.spolitiker Deutschlands hat allen Anlaß, dergleichen genau zu verfolgen, als Zeichen einer Bewegung, eines, wie wir das nennen möchten, reformerischen Kapitalis " m u s. Und nur ein solcher wird — eine Lehre, Die recht sehr auch für unser Deutschland gilt — ein wirklich dauerhaftes Bollwerk gegen Len Sozialismus sein!
DerWechsel im GießenerEtadirat.
Am vorigen Dienstag ist das alte Gießener Stadtratskollegium nach Ablauf seines Manda'eZ mit Dank und Anerkennung für Die in vierjähriger Arbeit Der Stadt Gießen geleisteten Dienste verabschiedet worden. Der neue ©tabtrat wird sein Mandat am 1. Januar 1933 ü -ernehmen und es hoffentlich in ebenso gedeihlicher Weise ausüben, wie das abgetretene Parlament. In diesen Tagen zwischen zwei Kollegien erscheint es angebracht, sich das veränderte Bild in Der Zusammensetzung des Stadtrates, wie es durch den Ausfall der Kommunalwahl am 17. Rov. gestaltet wurde, vor Augen zu halten.
Auf Der rechten Seite des Hauses hat es bei Den Deutschnationalen Die einschneidendste Veränderung gegeben. Von der alten Stadtrats- fratiion kehrt lediglich dec seit 1923 dem Kollegium angehörenLe Bauunternehmer Georg Becker in Den neuen Stadtrat zurück. Für das neue Parlament kandidierten nicht wieder der seit 1919 im Stadtparlament tätige Landgerichts- Direktor Schm ahl, die ebenfalls seit 1919 mit« wirkende Frau Prof. Kramer, Der seit 1923 dem Kollegium aageßörende Universi ätsprofessor Dr. Borgmann und Der von 1923 bis 1925, dann wieder seit 1929 amtierende Landwirt Heinrich ©ottmann. Das Ausscheiden dieser Personen aus dem Stadtrat ist, vom Standpunkt Les kommunalen Allgemeinintere.scs aus gesehen, ein schmerzlicher Verlust. Mit Landge- richtsdirektor S ch m a h l geht der Arbeit im Stadthause ein Kommunalpolitiier und Jurist von bemerkenswertem Format verloren. Der durch seine kluge und einsichtsvolle Art, durch seinen Weitblick, gepaart mit vorsichtiger Abwägung Der Dinge und Klarheit des Handelns, wie auch durch seine hervorragenden Eigenschaften als Jurist, als guter Kenner des Etats und als geschickter Fraktionsvorsitzender Der Arbeit für Las Allgemeinwohl wertvolle Dienste geleistet hat, die man künftig wohl noch manchmal sehr bermiffen wird. Durch klugen Rat, sorgsame Umsicht und großen Eifer zeich Tete sich auch Frau Prof. K r a m c r bei der Ausübung ihres Mandats aus. InsbIonoere Den Fraueninteresfen war sie dank ihrer langjährigen und hervorragenden Führerschaft im Alice-Frauenverein und ihrer unermüdlichen Mitwirkung als Helferin aller sozialen Bestrebungen auch im Stadtrat eine verdienstvolle Vorkämpferin, deren Stärke weniger im rednerischen Auftreten im Plenum, als vielmehr in der sachlichen Gestaltung der Dinge in den Kommissionen lag. Mit dem Rücktritt von Prof. Dr. Borgmann verliert das Haus eine Kraft, die b: sonders als fachkundiger Beurteiler und Förderer unseres Stadtwaldes von größter Bedeutung- für die Beratungen und Entscheidungen des Stadtrates hinsichtlich des städtischen Waldbesitzes war. Man darf wohl .annehmen, daß Prof. Borgmann natürlich auch künftig seinen Rat zum Besten unseres Waldes nicht versagen wird, aber sehr bedauerlich ist es, daß seine Mitarbeit im Stadtrat selbst künftig nicht mehr erfolgen kann. Der einzige Landwirt im Stadtrat war bisher der Oekonom G o 11 - mann, mit dessen Ausscheiden nun auch die wertvollen Kenntnifse und Erfahrungen Dc3 landwirtschaftlichen Fachmannes Dem Hause für Die nächsten vier Jahre verloren gegangen sind. Die Vertretung der Deutschnationalen Dollspartei im neuen Stadtrat, Die künftig keine. Fraktionsstärke mehr haben wird, hat noch vor Beginn des
jetzt rief, wurden diese weißen Arme sich willenlos um seinen Hals schlingen, und dieses blühende Lippenpaar unter dem Kusse des seinen zu leisem Gestammel erwachen.
„Brunhilde!"
Die schlaftrunkenen Lider hoben sich und fielen wieder herab.
Er setzte sich auf Den RanD Des Bettes unD nahm Die schmalen, kühlen Hände in Die seinen. »Hilde! — Ich habe Dir etwas zu sagen!" Der Wein hatte eine Stimmung in ihm geschaffen. Die ihn mit weltzerreihender Kraft erfüllte. Wer weiß, wann er wieder von solchem Mut beseelt war. »Brunhilde!"
Ihr Kopf glitt neben feinen Arm und blieb dort ruhen.
»Hörst du mich, Geliebte?"
„Ach Bernd! — Was bist du für ein großer, Dummer Junge!"
„DernD!" Der Mann war jäh ernüchtert. Der Sohn stand vor ihm und hielt die Hände gegen ihn gespreizt: „Betrüger!"
Brunhildes Kops fiel zur Seite. Die Fäuste gegen die Augen gedrückt, sank Anstettens Körper vornüber, immer tiefer und tiefer, während die Lippen verständnislose Worte lallten.
Als Die Baronin gegen Morgen erwachte, starrte sie ungläubig auf Den Gatten, der vor ihr auf Dem Teppich lag und den Kopf in die Arme gebettet hielt. Eine Weile faß sie ganz reglos, Dann rief sie ihn, hielt Die Finger erschrocken über den Mund unD atmete auf, als er nicht antwortete.
Sie mutzte ihm das Peinliche der Situation ersparen und sich wieder schlafend stellen. Die hochsteigende Sonne warf Anstetten einen Regen von Goldpfeilen ins Gesicht. Das weckte ihn. Unter halboffenen Lidern sah sie, wie er sich aufrichtete und den Blick durch den Raum schickte.
Geräuschlos hob er sich hoch und kühte die Hand, die sie auf der Decke liegen hatte. Dann ging er zum Waschtisch und begann, Toilette zu machen.
Ihr Lachen ritz ihm den Kopf zurück: »Guten Morgen, Peter!"
Die Arme ausgebreitet, kam et zu ‘Dr herüber.
-Du bist wohl gar nicht zu Bett gewesen, mein Lieber?"
Mandats einen sehr empfindlichen Verlust durch den plötzlichen Tod des als Spitzenkandidat gewählten Studienrats Dr. Lenz erlitten, Der sich durch seine Mitarbeit im Giehener Krcisaus- schuh schon eine wertvolle Summe von Erfahrungen in Der praktischen Kommunalpolitik erworben hatte. Mit Ausnahme des Bauuntcr- nehmers Becker, dem seine bisherigen Erfahrungen in der Stadtratsarbeit für die neue deutfchnationale Gruppe zustatten kommen w.r- den, sind die beiden anderen Deutschnationalen Stadtratsmitglieder des neuen Hauses kommunal- politisch noch durchaus unbekannt. Frau Dr. K le Witz wird Die Rachfolge von Frau Kramer antrcten. Univerfitätsprosis or Dr. Brüning zieht als Listennachfolger für Den verstorbenen Dr. Lenz in den Stadtrat ein. Erfreulich ist, daß mit Prof. Brüning nicht nur wieder ein direkter Mittler zur Universität, sondern auch ein Arzt in den Stadtrat kommt und dort mit Dem weit-" reichenden Wissen des Ar'tes bei zahlreichen einschlägigen Fragen fruchtbringend tätig fein kann.
Beim Zentrum, das im alten Stadtrat eine Arbeitsgemeinschaft mit Den Deutschnationalen unter Der Bezeichnung „ Freie Vereinigung" bildete, ist die Veränderung nicht grotz. Der schon feit 1919 als Zentrumsvertreter im Stadtrat wirkende Lehrer G o e r z wird dort auch weiterhin als Vertreter seiner Partei Die reiche Summe seiner Erfahrungen Dem Dienst für das Gemeinwohl widmen. Der seit 1923 als Stadtratsmitglied tätige Hotelier Franz Schwab hat sich von Der weiteren Mitarbeit zurückgezogen und in Dem Stadtbauoberinspektor Grode, der schon von 1919 bis 1922 als Stadtverordneter tätig war, einen Rachfolger gefunden. Die berufliche Tätigkeit bei Der städtischen Baupolizei und Die Dort gesammelten Kenntnisse und Erfahrungen des neuen Zentrumsvertreters werden feiner kommunalen Arbeit, insbesondere auf Dem Gebiete des Bauwesens, zustatten kommen.
Als Reuling tritt das Stadtratsmitglied Lotz als Vertreter Der Rationalfozialisti- fchen Deut schen Arbeiterpartei in das Kollegium ein. In kommunalpolitischer Hinsicht ist auch dieser neue Mann bis jetzt völlig unbekannt.
Fast in Der alten Zusammensetzung wird die Fraktion der Mittel st andsvereinigung wiederkch-en. Der seit 1926 im Stadtrat sitzende Elektrotechniker Map W e i tz b ä ck e r hat sich von der kommunalpolitifchen Arbeit an dieser Stelle zurückgezogen. Durch den Gewinn eines Mandates werden außer sechs wiederkehrenden Mit- gliedern dieser Fraktion noch zwei neue Vertreter ihren Einzug in Den Stadtratssaal halten, und zwar der Handelsvertreter Adolf Schmidt und der Schreinermeister Friedrich Lenz. Auch diese beiden Stadtratsmitglieder find in der praktischen Kommunalpolitik Reulinge, ihnen dürfte aber das Einarbeiten in das neue Tätigkeitsgebiet dadurch erleichtert werden, daß sie sich auf einen ausgedehnten Stamm gut ein- geweihter Fraktionskollegen unter Der weiteren Führung durch den bisherigen Fraklionsvvrfitzen- den Architekt R i c o l a u s stützen können.
Erhebliche Veränderungen hat es auch in Der Fraktion der Deutschen Dolkspartei gc* geben. Bei der personellen Reugestaltung dieser Fraktion ist zugleich der Senior Des Stadtrates, Der fett 1933 in diesem Gremium tätige Bau--
„Erlaube, Hilde!"
„Hast mit irgendeinem Der glutäugigen Caprimädchen geschäkert?"
»Brunhilde!"
„Was soll ich anders denken? — Dein Bett i st unberührt."
In knabenhafter Ratlosigkeit stand er vor ihr.
»Du brauchst nur zu sagen, wo du gewesen bist". Drängte sie.
»Bei dir!"
„Ach wo!" Sie fühlte plötzlich Erbarmen mit feiner Hilflosigkeit: „Hans Peter, du bist nicht klüger, als Dein Sohn."
Mit einem Lachen hob sie die Arme, zog ihn zu sich herunter und küßte ihn, küßte ihn, bis Der Mann wiederum alle Skrupel vergaß und nur noch das eine dachte:
Roch ist sie mein! — Roch lacht mir das Glück! Unb wenn es auch nur ein Scheinglück war, das schon in der nächsten Stunde zerflat- tern konnte, er war doch selig darüber.
„Run, hab ich recht gehabt, mein 3unge?" General Lötzen klopfte Bernd auf die Schulter und freute sich diebisch über dessen todernstes Gesicht. „Eifersüchtig bis zur Höchstgrenze! — Wie?“
Der Knabenkörper gab sich einen Ruck: „Die Mama ist nur mehr für Den Vater Da! UnD umgekehrt! — Ich bin überflüssig geworden."
„Es scheint!" Das Lachen der Exzellenz rief Brunhilde herbei, Die seit Tagen mit Dem Gatter: zurückgekehrt war. „Was hast Du Denn Schöne > erzähltz Papa?"
„Schönes? — DernD und ich werden uns demnächst empfehlen."
Die Baronin stand mit halboffenem Munde.
»Der Junge und ich sind eifersüchtig! — Jawohl! Wir gehören auch noch mit zur Za- milie und wollen nicht immer so, so halb geduldet neben euch ^erlaufen. Wenn eure Flitterwochen zu Ende sind, kommen wir wieder."
„Aber Bernd, du —“
„Mutter, sei still!" Er warf ihr einen fcttfen- ben Blick zu.
(Fortsetzung folgt)


