Samstag, 21. Dezember 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Hx. Z99 Zweites Blatt
fon, Wollen und Wunsch feines Freundes schützte, f mit dem Motto: „dezentralisierter Einheitsstaat^ Seine Wahl ist nicht die eines Flügels. Die No- (contradictio in adjecto), wie man uns In Deutsch
land zuweilen aus dem Wunsche vorspiegelt. die
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Paneuropa
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emann und icit ist noch nicht
reif, um über alles zu sprechen, aber das kann und muß gesagt werden, daß keiner treuer und loyaler Stresemann gegenüber gewesen ist als sein Nachfolger. Wenn Scholz Gegensätze gewollt hätte, er hätte sie schaffen können — und er wäre nicht schwach geblieben. Er blieb treu — ohne sich zu beugen, Üm des einheitlich — auch von ihm Gewollten willen. Und wenn die Geschichte Stresemanns dereinst von einem wirklich Kundigen geschrieben wird, dann darf der Historiker nicht vergessen, das Bild zu zeichnen, mit welch rührender Selbstbescheidung, die doch einigen nicht ganz lieb war, Scholz in den letzten Monaten vor Stresemanns Tod Per
politischen Wollens von < S d) o l z konstruieren wollen,
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fordert wurde. 2hm lag keine Servilität, aber er war freundlich und entgegenkommend, ihm lag auch nicht die 2lbgeschlolfenheit und das von Obenherab so manches Fraktionschess, unter dem so viele geseuszt haben. Und er wußte, was er wollte. Das merkten die außerhalb der Fraktion, mit denen er nun ständig zu verhandeln hatte. Wie manchmal hat seine geschickte Diplomatie das Nötige erreicht.
Scholz ist keiner von den, Gott sei Dank, ganz seltenen Volksparteilern, die in der Lehre von der großen Koalition fast ein Dogma sehen. Mit seiner berühmten Jnstervurger Rede hat er bewußt der bürgerlichen Koalition den Weg frei machen wollen. Die Oeutschnationalen kamen ins Kabinett — ihm war's zu danken. Man hat oft und gern eine Verschiedenheit der politischen Anschauungen und des
minierung ist in Einmütigkeit erfolgt. Aber die Scholz besonders begrüßen, das find — auch außerhalb der Partei —, die in ihm den Mann sehen, der berufen zu sein scheint, die bürger- l i ch e R e ch te zu gemeinsamer Arbeit zusammenzu- bringen, die nicht Katastrophen sondern Aufbau auf gegebenem Grund will, die im Sinne des alten Hergtprogramms auch dann mit der Linken arbeitet, wenn die Linke nicht herrschen, nicht beherrschen, sondern Mitarbeiten will. Das sind ferner die, die das Wort vom Primat der Außen- Politik wohl bejahen, aber einen Mei ft er der Innenpolitik ‘für die nächste Zeit als gegebenen Führer sehen. Das sind die politischkühl denkenden Menschen in unserem Vaterland, deren Verstand und deren warmes Nationalgefühl einen Strich unter alte Gegensätze auf dem rechten Flügel fordern und die Bildung einer politischen Gruppe und Bewegung, die aus dem Staat, wie er ist, unter Verhältnissen, die nicht erträumt und gewünscht, sondern erkannt werden, einen Staat schafft, der die Volksgemeinschaft nicht in der Herrscl-aft der Massen und Klassen sicht, sondern im Ausgleich auf der Basis des Wollens eines bewußten deutschen Bürgertums, das keinen Sozialismus und keine Formaldsmokratie will, sondern die Erhaltung des alten deutschen Kulturgutes, das sich im besonderen in der Leitung von Staat und Selbstverwaltung ausdrücken muß.
den: hie Eoudenhove, hie Briand! Aber selbst als Schlagwort gebraucht, offenbart der Name Paneuropa feinen tief tragischen Wesens- zug darin, daß er, um grob mit Shakespeare zu reden, die einen wie die anderen Verfechter feiner künftigen Verwirklichung über das Lebensformat hinaus zu Schurken oder zu Menschen macht, die durchaus das Zeug zum Heiligen und Helden haben, wie der Hauptträger der Paneuropa-Propaganda: sie zeigen schon dadurch das Stigma des echttragischen Paneuropa- Gedankens, daß sie nicht merken, wie schlecht im vierten oder fünften Akt das redliche Verfolgen ihrer Idee für sie selbst ausgeht, und nicht, wie hochgschähte Mitarbeiter darin in erster Linie den Weg sehen, daß ihrem zehnten Ministerium ein elftes, zwölftes, wie ich rechne, augenblicklich das dreizehnte folge.
Dabei steht im tragischen Gegenspiel da- ber rühmte Wort des zu früh verstorbenen Friedrich Nahel, daß beim Zusammenstoß großräumiger und kleinräumiger Delange auf die Dauer immer die großräumigen siegen, und daß darin eine entsetzliche Perspektive für das von 26 Staaten,' selbstherrlichen Zollgebilden, auf 36 zerstückelte, von etwa 8000 Kilometer neuen Zollgrenzen zerschnittene Europa liegt, das seine besten Wasserstraßen, wie Donau und Weichsel, seine Landverkehrsadern, unterbunden sieht und dafür vom Größenwahn lebensunfähiger National st aaten durchtobt wird.
Dabei sind ja von den großen Einheitsräumen deS Zukunftswettbewerbes für dos in tiefster Seele uneinige Europa erst zwei bis jetzt als Machtkörpcr so durchkonstruiert, daß sie Europas Zukunft überschatten: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion im Osten. Beide sind föderalistische Tildungen größten Stils, nicht Einheitsstaaten
Sehr geehrte Redaktion.
Sie stellten mir kürzlich einige Fragen zu dem Problem „Paneuropa". Vielleicht erscheint Ihnen meine Antwort zu pessimistisch — aber solange noch auf deutschem Boden deutsche Menschen auf Geheiß anderer Europäer Schienen aus Verkehrsstreifen reißen und schweigend und widerstandslos Schimpf erfahren, wird ein Teil der Mitteleuropäer, und nicht der schlechteste, von Paneuropa und Vereinigten Staaten von Europa nicht sprechen wollen. Tie Voraussetzung vereinigter Staaten ist gegenseitigeAch- tung und Versicherung anstän- dicier Behandlung von Minderheiten dort und hier. Dazu fehlt es noch an den Anfangsgrundlagen.
K. Haushofer.
»Paneuropa" halte ich für den größten, echt tragischen — nicht wie so viele meinen, rationalistischen — Gedanken unserer Rasse unseres Raumes und unserer Zeit, weil seine Idee zugleich notwendig und unmöglich, wenigstens unerreichbar ist. Innerhalb unseres Erdteiles, der vielleicht durch „pelopo- nesischer" Krieg geradeso wie einst der panhelle- nisd)e Raum seinen Rang als Weltteil schon verloren hat und aus dem scheinbaren Sieg selbstischer Herrschsucht über den Cemeinschaftsgedan- ken in Halbinselgeltung am Rumpfe Eurasiens zurückgesunken ist, bedeutet Paneuropa zur Zeit unzweifelhaft das wirkliche Schlagwort für solche, die es ehrlich meinen, und „Catchword", Fangwort oder Trugwort — wie man das angelsächsische übersehen will — für solche, die genau wissen, toi« weit sie mitgehen können, ohne von Paneuropa gefährdet zu wer-
Was sagt der Geopolitiker zu „Paneuropa"?
Don Generalmajor a. O. Or. Karl Haushofer, ordentlichen Professor für Geopolitik an der Universität München.
zentralen Korruptionsherde zu vergrößern. Von diesen beiden hat aber erst wieder einer, die 11. S. QL, seine volle wirtschaftliche Schlagkraft erlangt, und dieser noch nicht zum vollen Wüchse, der erst etwa 1950 eintreten mag. Für die russische Erde liegt das noch in ferner Zukunft; aber die Raum- und sonstigen Naturanlagen sind da. Föderalistisch sein oder gar nicht sein werden aber auch die anderen, an Größe Europa gleichen oder überlegenen Räume, wie der indische, ostasiatische, der brasilianische, der ibcro» spanische Lebensraum, zwischen denen sich in gewagten Torsionen heute noch das sich zusehends entgliedcrnde Gebilde des britischen Weltreiche« durchschlingt. Dieses sucht eben die Anlehnung an die transatlantischen Angelsachsen, und zeigt damit deutlich, wie wenig sich Paneuropa auf seine randständige Großinsel verlassen könnte — so wenig wie das ringende zweite Italien oder das werdende dritte auf die Republik Venedig, die „Serenissima". Sie kam erst heim, als sie ihrer überseeischen Habe beraubt warl Der große Festlandraum im Osten aber, die Reichsbildung der Sarmaten, fühlt sich, wie Mackinder schon 1904 entdeckt hatte, als Drehachse der Weltgeschichte der ganzen a'.ten Welt, mit einer ofiat-iujcn Front und einer europäischen Rückseite, einem ausblühenden Moskau und einem verkümmernden Petersburg—Leningrad. Diese beiden Riesenstaaten also wollen von Paneuropa nichts wissen, es nur nicht zu ihrem Schaden entstehen sehen, Frankreich aber, das wohl durch seinen Außenminister den Namen als Scheidemünze am meisten verwertet, hat nur ein Zwanzigstel seines Reiches und nicht die lebenskräftigsten Bevölkerungsteile in Europa: Gerade Coudenhoves Paneuropakarte rerrät, wieviel außereuropäische Raumvergewa'.ti- gung wie überseeische Dallastsäcke autzerbords von Paneuropa hängt.
Wenn man sich von der Unmöglichkeit der Paneuropa-Ideen. so wie sie heute vertreten wird, im Raume der Erde überzeugen will, braucht man nur ein Paneuropaheft umzudrehen und die Weltkarte aus seiner Rückseite zu betrachten. Dann fliegt das pazifistische Mäntelchen, das so gerne um sie drapiert wird, hinweg. wie ein Spinngewebe davongleitet, das von einem Taifun erfaßt wird. Es bleibt e i n Machtgedanke, gefährlicher noch und heute schon schärfer angegriffen als die Machtgedanken, aus denen das Britenreich durch alle Zonen gebaut worden ist, das doch wenigstens die t^ea» nisch-kontinentale Spannung — abgesehen vom indischen Problem — nicht so sehr mit voller Zersetzungskraft in sich ausgenommen hat.
Goll das feiner Atemweite, feines Ellenbogen- raumes beraubte Mitteleuropa nun für den Kolonialbesitz der Westeuropäer, sicher Frankreichs. Belgiens, der Niederlande eintreten —, der von Eoudenhove schwarz als zu Mitteleuropa gehörig aufgemalt wird: Glaubt man im Ernst, ohne Auseinandersetzungen von furchtbarer Tragweite die Selbstbestimmungsbewegung der südostasiatischen Millionen Niederhalten zu können? Etwa in noch größerem Stil, wenn der überseeische Angelsachsenbesih auch noch in den Schutz der paneuropäischen Idee treten wollte, z. B. wenn Raumangst den Australiern den vollen Druck einer raumhungrigen Wenschenmilliarde gegen ihre leeren Luxusräume für 6 Millionen — im Raumdruckvtthältnis 200 gegen 1 auf den Quadratkilometer — in seiner ganzen Wucht enthüllt? Der Hauptträger des Paneuropagedankens selber hat einmal seine lleberzeugung ausgesprochen, daß er diese ZukunftsauSein- crndersetzung ohne Krieg für unmöglich halte. Steuert aber Paneuropa nicht dann sehenden Auges mit auf diese Katastrophe zu, selbst wenn es im eigenen Kleinraum künftig Frieden hielte? Das glaubten ja auch die Panhellenen,
Der betende Hase.
Legende von Hans Franck.
In einer rheinischen Kirche sieht man bis auf den heutigen Tag an heiligster Stätte zu den Füßen der Mutter Gottes einen Hasen. Ungelenke Dorskünstlerhand hat ihn aus einem weichen, willigen Lindenast Herausge.chniht. Dieses Schnitz- werk haben die Jahrhunderte so dicht mit einem Gewirr von Braun und Grau, von Hellen und dunklen Flecken überzogen, daß das hölzerne Fell im roten Schein des ewigen Lämpchens von gespenstischer Lebendigkeit ist. Blickt man aus der Ferne flüchtig darauf, meint man, der Hase mache ein Männchen, um den Iesusknaben auf den Armen Marias, der beide Patschhändchen nach ihm auöstreckt, durch sein Spiel zu erfreuen. Tritt man aber dichter zu dem Altar hin, gewahrt man: Nicht voll Verlangen greift das Gotteskind abwärts, sondern es schützt, es segnet das Tier am Mantelsaum seiner Mutter. Denn der Hase — kein Zweifell — betet. Wit gekreuzten Vorderläufen fleht er Unsere Liebe Frau an: „Hilfe!" Fleht um die Erhaltung seines Lebens.
Der Herr von Limppurg nämlich war ein gewaltiger Nimrod. Otter eines seiner Hasen konnte er anno 1539 nicht habhaft werden, so oft er auch auf die Suche ging, treiben ließ, ja — wider feine Gewohnheit — darum anstand. Schnupverschnüh nannten die ©einen die'en Klügsten aus ihrer Mitte. Und sie wußten wohl, warum. Herr von Limppurg, der es schon als Schande erachtete, einen Hasen nur krank zu schießen, verfehlte Schnupperschnüß an drei Tagen hintereinander. Sie standen schließlich auf du und du, der Herr von Limppurg und Schnupper- schnüß. „Kriegst mich nicht!" höhnte Sch.iupper- schnüß mit seiner weißen Blume, wenn er schließlich doch aus dem Lager aufstand und davonhoppelte. „Krieg dich doch!" rief Herr von Limppurg ihm nach, riß die Flinte hastig an die Backe und — ballerte daneben.
An einem hellen Herbstmorgen des gedachten Jahres schwur Herr von Limppurg „Hct!". Und in der Tat, nun schien es um Schnupperschnüß geschehen. Immer wieder wurde Schnupperschnüß von den beiden Hunden des Herrn von Limppurg aufgestochen. Immer wieder mußte Schnupperschnüß aus der Deckung ausfahren. Mit Hoppeln war es jetzt, wenn er fein Leben erhalten wollte, nicht mehr getan, Schnupperschnüß mußte flüchtig werden, mußte rennen, was feine langen Hinterläufe nur hergaben. Haken auf Haken mußte Schnupperschnüß, um den heulenden Hunden zu entgehen, im Laufen schlagen.
höret und das Iesulkindlein feine Hände schützend über Dich gehalten hat, will ich Dir auch hinsüro im Felde nichts mehr antun. Wir kennen uns ja nun viel! zu lang und viel! zu gut, als daß ich jemals Dich mit Deinen Brüdern verwechseln könnte. Ziehe hin in Frieden, lieber Haas!" Bei solchen Worten hat Herr von Limppurg Schnupperschnüß gestreichelt, wie man ein schnurrendes Kätzchen streichelt. Dann hat er den Hasen, der nicht gezi.t rt hat in seinen Armen, betulich niedergesetzL Schnupper.ch üß ist davongehoppelt. Und keinen Hund, auch nicht den, der zum Begreifen vor der Kirchenschwe le einen Fußtritt nötig patte, hat man anryfeit müssen, daß er ihm nicht nachkläffe.
Die Kunde von dem betenden Hasen hat sich schneller als Flugseuer von Strohdach zu Strohdach ausgebreitet in den Dörfern und Städten ringsum. Viele Meilen weit sind die gemeinen Leute zu dem Kirchlein des Herrn von Limppurg gewallsahrtet in der Herzenshvsfnung, daß Maria, welche das Flehen des Hasen erhörte, sich ihrer Bitte nicht versagen werde. Don den Opfern, so die dankbaren Waller zurückgelasfen haben, hat man sehr bald einen neuen Chor bauen lassen können. In dessen Mitte ist, an Stelle der bemalten Holztafel, die man in einem Seitenkapellchen ausstellte, j:n:s Schnihwerk au8 Lindenholz — Maria, das Jesuskind mit den segnend ausgestreckten Händen auf dem Arm, zu beider Füßen ein betender Hase — eingebaut worden, wie man es dorten bis auf den heutigen Tag sehen kann.
Stresemanns Rachfolger.
Don Or. Fr. A. pinkerneil.
Mai 1920. Die Dolkspartei war mit ungeahntem Gewinn au8 dem Wahlkampf zurück- gelommen; die Fraktion hatte sich verdreifacht. Die Deutschnationalen buchten eine Steigerung der Wähler um über 50 Prozent. Nach noch unbeherrschten, aber streng nacygeahmten Regeln alter Demokratien entbot der Reichs.arz'er Hermann Müller den Vorstand der Vmks- partei-Fraktion ins Bismarckhaus und stellte cr- gebenst die Deute des Sieges in Gestalt der Uebernahme der Regierung zur 03er - fügung. Cs kam nach den Experimenten von Weimar zu einer rein Kirgerlichen Koalition unter Fehrenbachs Führung. Die Volkspartei sollte neben Heinze als Vizekanzler noch den Wirtschaftsminister stellen. Sie hatte in den Reihen der Fraktion Auswahl genug. Neben Stinnes und Vögler, die -nicht in Frage kamen, Leute wie Raumer, Curiius, Most, Moldenhauer, Dauch, Hugo, ihr stand Leidig zur Verfügung — aber die Wahl fiel auf einen »Außenseiter", den Charlottenburger Oberbürgermeister Dr. Ernst Scholz. Qüan raunte: -Von den Zünftigen will sich keiner die Finger verbrennen." Otter der Vorschlag ging von der Erkenntnis aus, daß es nur einem großen diplomatischen Geschick, einer ausgleichenden Natur gelingen könnte, ein bislang soz alistisch geführtes Wirtschaf sministerium unizu.orrnen und die ersten Schütte e ner b Slang fHarf cP o itionellen Gruppe in aktiver Be.eiligung an einer Regierung zu leiten. Man erwartete einen Vorteil von der Tatsache, daß Scholz weder der Geruch der Schwerindustrie anhaftete, noch er die tiefen Narben eines harten Kampfes mit.politischen Gegnern trug. Das suchte man in einem Menschen, dessen Wirken seit fast 20 Jahren ständig der Kritik der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen und dessen Erfolg nicht unwesentlich die Beherrschung der Kunst der Menschenbehandlung ausmachte.
Ernst Scholz kam aus der guten alten Kommunalkarriere. Als Assessor in Frankfurt a. M. hat er unter Adikes nicht vergebens gedient, als Kämmerer Wiesbadens ein Ressort vorzüglich verwaltet, das den Kommunaljuristen ganz eng mit allen Wirtschafts- und Finanzfragen in Verbindung bringt Die Kasselaner holten sich den kaum 38jährigen zum Oberbürgermeister und — das sagt eigentlid) mehr als alle Ausführungen über ein kurzes Wirken in einem solchen Amt — muhten ihn sich schon nach einem Jahr von den Charlottenburgern wegholen lassen. Sieben Jahre führte Ernst Scholz die Stadt Charlotten- burg — als er 9 Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt sich auf die Stadt- und De- zirksverordnetenliste seiner Partei in Charlotten- burg aufstellen ließ, genügte der Stimmengewinn, um große Defizits in anderen Bezirken zu decken.
Bei der Nachwahl 1921 für das befreite Ostpreußen kam er in den Reichstag — jung ist feine akademische Karriere. And als Stresemann 1923 mit der Aebernahme des Reichslanzleramls den Vorsitz in der Fraktion abgab, wählte man als feinen Nachfolger Scholz. Der erst zwei Jahre in der Fraktion und Parlamentarier war. And die Fraktion war nicht arm an Männern, denen man ein solches Amt anvertrauen konnte. Sieg der Rechten — schrieben die Ollleswisser. Scholz hatte in den Monaten des Zusammenarbeitens mit seiner Fraktion, in der viele Individualitäten einander das Leben nicht gerade leichter machten, das Vertrauen gewonnen, der geeignete Führer zu sein. Weil er das Stark im Wollen mit dem Geschick im Erreichen verband, weil er die Menschen von der Schwierigkeit eines Parlamentariers zu nehmen verstand, durch eine vornehme, so ungemein wohltuend wirkende Art, die wiederum nicht von Weichheit erkennen lieh, wenn Nachgeben in der Sache ge-
- ein Traum ohne Aussicht auf Erfüllung.
wagt zu antworten. Aeber die Lippen des knienden Knaben hinweg jedoch klingt es cloden- rein: „Et Häsche 15 bei der Mutter Maria!" Herr von Limppurg gewahrt Schnupperschnüß zu den Füßen des Altarbildek. Er reiht seine Fli: te hoch. „Nit schieße!" schreit die kniende Frau auf. Herr von Limppurg will eS nicht hören. Er nimmt Schnupperschnüß aufs Korn. Da ruft das kniende Mädchen verzückt: „Et Häsche b:t:t!"
In der Tat: Schnupperschnüß sitzt — hoch- gerichtet — auf feinen Hinterbeinen vor Mutter Maria.
„Männchen macht der freche Lümmel!" brüllt Herr von Limppurg. „Zum Narren hat er mich. Wie hundertmal schon. Otter diesmal treff ich nicht daneben. Gebt acht!" And langsam beginnt er den Schußfinger zu krümmen.
„Et Häsche bet t!" rufen Dutzende, ruft das ganze Dorf. „Betet!!"
Denn Schnupperschnüß fitzt nicht, wie er ehedem oftmals — Männchen machend — im Feld saß. Er hat die Vorderläufe gekreuzt übereinanber- getegt Schnupperschnüß — alle sehen, alte sagen, alle umgittern es — Schnupperschnüß betet
Nur Herr von Ltmppurg will es nicht sehen, will es — obwohl es auch in seine Augen und sein Herz bringt — nicht wahrhaben. Abdrücken! Niederknallen! Endlich des Frechen habhaft werden! Endlich ihm feine Anverchämthiten heimzahlen l überschreit er feine innerste Stimme. Da streckt das Jesuskind feine beiden Patschhändchen aus, hält sie schützend, hält sie segnend über Schnupperschnüß, und Herr von Limppurg sinkt mit b eiend aufgehobenen Händen zu der knienden Gemeinde nieder auf die Erde.
Nach geraumer Weile erst hat Herr von Limppurg sich erhoben. Er ist — ohne Gewehr — mit behutsamen Schritten in die Kirche gegangen. Schnupperschnüß hat nun wieder zu Mhen des Bildes der Mutter Maria gekniet, das Jesuskind hat seine segnenden Hände wieder in das Bild zurückgeholt. Herr von Limvpurg ist über den Kanzelplatz, am Sakramentshäuschen vorbei, an den Altar gegangen. Schnupperschnüß, als ob er gewußt hat, daß von jetzt an ewiger Friede zwischen seinem Verfolger und ihm fei, ist nicht vom QHtar heruntergesprungen, ist nicht von neuem flüchtig geworden. Herr von Limppurg hat Schnupperschnüß auf den Arm genommen und durch die kniende Menge hinweg bis zur Dorfstraße getragen. And hat allbort gesagt: -Ziehe hin, lieber Hase! Du hast Fretzheit in meiner Kirchen gesuchtt, die hastu gesunden. Dar- umb die Hund schon Fretzheit Dir gehalten, so will ich sie auch nicht brechen. And alldieweil die hochgelobete Mutter Maris Dein Gebet er-
Olls Schnupperschnüß. erkannte, daß es ihm draußen auf dem Felde trotz alles Rennens und Hakenschlagens an die Wolle g hen werde, lief er auf das Dorf zu. Die Hunde mit Iappen, Herr von Limppurg mit Fluchen hinter dem Ausreißer her.
„Et Häsche!" riefen die Kinder, als Schnupper- schnüß, gestreckten Galopps, in die Dorfstrahe einbog. Sie nahmen Steine auf, warfen nach ihm. „Et Häsche!" Sie packten Knüttel, schlugen nach ihm: „Et Häsche!" Im Trab auch die Kinderfchar hinter Schnupperschnüß her: „Et Häsche!" Erwachsene schlossen sich der Verfolgung des Gehetzten an. Sie ergriffen Mistgabeln, stachen zu: „Et Häsche!" Sie rissen Dreschflegel vom Haken herunter, knallten sie nieder: „Et Häsche!" Schnupperschnüß rannte hin und her auf ber Dor Straße, llmlief Häuser, Ställe, Backöfen. Drückte sich unter Gebüsch, hinter Türen, an Misthaufen. Immer und immer wieder aber stöberte man ihn auf: „Et Häsche!" Das ganze Dorf, die Hunde des Herrn von Limppurg, die Dorfköter — alle von Gehöft zu Gehöft hinter Schnupperschnüß her: „Et Häsche!"
Da, in feiner höchsten Not, lief Schnupperschnüß durch die offenstehende Tür in die Kirche. Rannte zwischen den teeren Bänken entlang. Ueberquerte den Kanzelplatz. Sprang auf den Altar. And kauerte sich — Lin Hase mehr, sondern nur noch behaartes, bebendes, bedrohtes Leben — zu den Füßen des Bildes der Mutter Maria nieder.
„Et Häsche!" rief es noch einmal hundert- stimmig: Empört, erschreckt, erkennend. Dann wurde es still. Ganz still.
Denn die beiden getigerten Hunde des Herrn von Limppurg verfolgten Schnupperschnüß nicht mehr. Dor der Schwelle der offenen Kirchtür standen sie mit schlagenden Flanken. Olks ob sie einer angerufen hatte. Doch war niemandem die Stimme zu Ohren gekommen, welche ihnen Haltein befohlen halt:. Auch die hrankläffenden Dorsköter liefen nicht in das Innere der Kirche. Qkrftummt lagen sie vor der Schwelle des Gotteshauses. Olls einer der zuletzt Heranjachternden doch Miene machte, sie zu überspringen, bekam er einen so heftigen Fußtr tt. daß er jaulend davonlief. Denn schon falteten sich hier und da Hände. Schon war eine Mutter m t ihrem Buben und ihrem Mädchen in die Knie gesunken.
Herr von Limppurg kommt herangekeucht. Die Dörfler bilden schweigend eine ©a,fe. „Wo ist er?“ schreit der Iagdwütige einmal über bas andere. „Ich knall ihn nieder. And wenn er sich im Schnihwerk. des Sakramentshäuschens verkrochen hat! Wo ist er?" Keiner der Erwachsenen
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Hochschulnachrichten.
Privatdozent Dr. Ludwig Anschütz, Ober- afjiftent am Chemischen Institut der Aniversität Oll a r b u r g, hat die an ihn ergangene Berufung an die deutsche Technische Hochschule in Brünn als Nachfolger von Prof. Max Hönig angenommen und soeben seine Ernennung zum a. o. Professor und Vorstand des Instituts für organische Chemie an der genannten Hochschule erhalten. Er wird sein neues Lehramt mit Jahreswechsel übernehmen. — Profesior Dr. Franz Beyerle in Greifswald hat den Ruf auf den Lehrstuhl des deutschen bürgerlichen Rechts an der Aniversität Frankfurt a. M. als Nachfolger von Geheimrat St Dur- chard angenommen. — Professor Dr. Kurt N o a t in Erlangen hat den an ihn vor einiger Zeit ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Botanik an der Aniversität Halle als Nachfolger von Pros. G. Carsten angenommen,
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