Nr. 275 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 2(. November (929
Aus der Provinzialhaupistadt.
Gießen, den 21. November 1925.
^Heffen^-AbendimManneheimGreßen
Wie der Marine-Verein Gießen uns berichtet, hat die Pflege der Tradition der Reichs- marine vor einigen Lagen in unserer Stadt wieder eine neue Anregung bekommen durch den Besuch der M a r i n e a b o r d n u n g von dem Linienschiff „Hessen", die unter Führung des Kapitänleutnants Müller für zwei Tage in unserer Stadt beim Marine-Verein zu Gast war. Den Besuchern zu Ehren veranstaltete der Marine-Verein Gießen in seinem Heim an der Wißmarer Straße einen Empsangsabend. bei dem Kamerad R. Rodiger im Hamen des Vereins alle Gäste des Abends willkommen hieß. Besonderen Gruß entbot er der Abordnung des Linienschiffes „Hessen", ferner Oberregierungsrat Dr. Heß vom Kreisamt und den Vertretern des Offizierkorps unseres Bataillons bei ihrem Besuche im neuen. Heim des Marinevereins, dem „Haus der Kameradschaft". Kapitänleutnant Müller sprach sodann für den herzlichen Emp- sang den Dank der „Hessen"-Abordnung aus, überbrachte die Grüße der Besatzung des Linienschiffes „Hessen" und schilderte hierauf in fes- felnder Weife den Werdegang unserer stolzen Marine bis zu ihrem Niedergang nach dem verlorenen Kriege, und den darauf folgenden Wiederaufbau der ReichLmarine. Er gab ein interessantes Bild von dem Leben der Besatzung aus unserem Patenschiff „Hessen", das feit 1902 im Dienste des Vaterlandes steht. Eine Schilderung der Auslandsfahrten des stolzen Schiffes, die mit dazu beitragen sollen, das Ansehen Deutschlands in der Welt wieder zu heben, und ein Bericht über den Empfang der „Hessen" in Spanien fanden bei den dankbaren Zuhörern besonderen Anklang. Der Redner richtete schließlich sehr beherzigenswerte Worte an die Jugend und überreichte dieser als Andenken an den Besuch von der Wasferkante einen in Miniaturformat angefertigten Rettungsring der „Hessen", während er dem Verein als Zeichen treuer kameradschaftlicher Erinnerung zwei Bilder und Tischstandarten der Reichsmarine übergab. Die mit großem Beifall ausgenommenen Darlegungen des Redners fanden ihren Ausklang in dem gemeinsamen Gesänge des Deutschlandliedes. Der weitere Verlauf des Abends brachte einige sehr gemütliche, von bestem Kameradschaftsgeist erfüllte Stunden, die von der Kapelle Seitz in bester Weise verschönt wurden. Der Besuch der „Hessen"-Abordnung w rd beim Gießener Marine-Verein stets in bester Erinnerung bleiben.
** Von der Landesuniverfität. Ernannt wurde der ordentliche Pro.eßor Dr. Ernst Weih in Halle zum ordentlichen Professor für Chemie an der Landesuniverfität Gießen mit Wirkung vom 1. November 1929 ab.
•• Don der Gießener Studentenschaft. Der Engere Ausfchuß der Ci ferner Studentenschaft im Wintersemester 1929/30 setzt sich wie folgt zusammen: 1. Vorsitzender: stua. jur. Theo Mittler. 2. Vorsitzender: stud. lur. Georg 2 a nc e 11 e, 1. Sck;r ftführer: stud. theol. Heinrich Scheuermann, 2. Schriftführer: stud. theol. et jur. Ludwig Berg. 1. Kassenwart: stud. korest. Ernst Pfnorr. 2. Kassenwart: stud. theol. Erich Leidolph, Beisitzer: stud. jur. Fritz Achenbach. — Die Aemter der Gießener Studentenschaft sind wie folgt besetzt worden: Grenz» und Auslandamt: stud. med. vet. Konrad Windhausen: Vergünstigungeamt: st.id. jur.
Das Erbe desHerrn von Anstetten.
Vornan von 3- Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Während Günther las, hielt der Kranke hartnäckig den Blick auf ihn gerichtet und fand sogar ein Lächeln ,als er dessen verstörtes Gesicht gewahrte. „Begreifst du jetzt, daß solche Briefe tödlich fein tonnen?“ Und als eine Erwiderung unterblieb, sagte er bittend: „Lies jetzt, was Bernd schreibt. Ich fühle mich nicht stark genug, auch das noch durchzusehen."
Der Knabe war sichtlich erregt gewesen, als er die Zeilen hingeworfcn hatte, denn die Buchstaben waren von einer Ungleichmäßigkeit, wie man sie nur dann zu Papier brachte, wenn das ganze Leben eine schwere Erschütterung erfahren hatte:
„Geliebter Vater!
Heute dringt mein Rufen bis über die Wasser, durch Urwald, Steppe und Dschungel hinüber zu Dir — — Komm! Komm! Komm! — - Mama sagt mir, daß sie Dir geschrieben habe. Du solltest endlich — endlich Heimkommen zu uns.
Vater! — Ich kann nicht knien! Es fällt mir sogar schwer, meine Füße in der Kirche zu beugen, aber jetzt — jetzt Vater liege ich hier auf dem Boden und hebe die Hände zu Dir auf und bitte Dich um aller Liebe willen--
Du hast mich doch lieb, Vater?--komm!
komm' komm zu mir! Zu uns!
Ich bin doch schon fünfzehn Jahre und kein Kind mehr. Cs wird alles gut werden, Vater. Du brauchst nicht bange zu fein. Mama hat mir Dein Bild in mein Zimmer gestellt, weil ich mich nicht mehr recht erinnern konnte, wie Du aussiest. Aber jetzt würde ich Dich aus tausend anderen heraussinden. Und Vater — — Mama hat gestern zu dem Diener gesagt: „Sorgen Eie dafür, daß die Zimmer des gnädigen Herrn instand gesetzt werden. Er kommt in den nächsten Wochen zurück." Ich habe ihrs abgcschmcichelt, daß ich meine Schlafstube neben der Deinen kriege. Das wird fein, Vater! Denk doch! Ich bin dann der erste, der Dir „Guten Morgen" wünscht und wenn Du abends zu Bett gehst, kannst Du Dich noch ein Stückchen an den Rand des meinen sehen und mir erzählen.
Mama hat auch das Dach im Dienerhause erneuern lassen und einen großen Daimler
Kurt Grünebaum: Kulturamt und Amt für politische Bildung: stud. jur. Hartmut P ulmer; Presseamt: Amtsleiter: stud. jur. Ludwig Jung. Abt. Nachrichten: stud. jur. Ludwig Jung. Abt. Lesehalle: stud. jur. et rer. poi. Ludwig Fritz, Abt. Archiv: stud. jur. Otto Bergmann, Abt. Nachrichtenblatt: stud. jur. et rer. pol. Walter Breth: Amt für Leibesübungen: stud. jur. Wilhelm Reitz: Fachamt: stud. med. vet. Karl Helm: Aeltcste der Studentenschaft: stud. theol. Erich Schmidt, cand. phil. K. Raiher: Entlastungsau Ischuß: cand. theol. Rudolf Scheuer, cand. jur. Ludwig K l a u s, cand. jur. Ferdinand Weißgcr ber: Diszipli- narttertrct:r: Aus den Korporationen: stud. jur. Ludwig Klaus, Vertreter: stud. jur. Lance l l e, stud. jur. Theodor Mittler; Aus der Freistudentenschaft: stud. rer. pol. Wilhelm König , Vertreter: stud. phil. Ludwig Berg, stud. jur. Fritz Ache n b a ch.
"Herstellung der Klinik st raße. Die Arbeiten an dem Bürgersteig der Klinikstrahe, östlich der Frankfurter Straße, wurden in den letzten Tagen beendet. Der neue Bürgerste'.g zu beiden Seiten der Straße ist erhöht angelegt und mit Platten bzw. seinem Kleinpflaster ausgelegt worden. Da die Fahrdamm-Straßendecke infolge der Arbeiten ziemlich stark gelitten hat, wird gegenwärtig mit Hilfe der Straßenwalze die Fahrbahn in ordnungsmäßigen Zu st and gebracht. Die Arbeiten dürften in aller Kürze beendet sein.
** Beginn der berufsüblichen Arbeitslosigkeit. Der Beginn der berufsüblichen Arbeitslosigkeit für die Berufe und Gewerbe, für die der Verwaltungsrat der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung eine berufsübliche Arbeitslosigkeit einheitlich für das ganze Reichsgebiet anerkannt hat, ist auf den 9. Dezember 1929 festgesetzt worden.
Hohe Auszeichnung eines Gießener Geflügelzüchters. Der bekannte hiesige Geflügelzüchter Friedrich Bauer, der vor einigen Wochen auf der Jubiläums» Geslügelausstcllung in Hannover vor ügllch au> gezeichnet wurde, erhielt jetzt in Worms bei der Hessischen Landesgeflügelschau, die abwechselnd jedes Jahr in einer der drei hessischen Provinzen stattfindet, für seine ausgestellten Jungtiere der Rhodeländer Hühncrras.e achtmal die Note „sehr gut“, fünf Ehrenpreise und einen Leistungspreis. Auch auf der großen Geflügelausstellung in Marburg hatte er mit seinen Hühnern den besten Züchter-Erfolg, indem ihm hier viermal die Note „sehr gut'" und zwei Ehrenpreise zugesprochen wurden.
*• Vorsicht vor reisenden Chaiselongue-Händlern. Ton der Polsterer-, Tapezierer» und Sattler-Innung für Stadt und Kreis Gießen wird uns mitge eitt: „Vom Reichs- sachverdand deutscher Tape ierrneister, Polsterer und Dekorateure wird darauf aufmerksam gemacht, daß in verschiedenen Gegenden des deutschen Reiches Chai elongue-Händ er austreten, um die auf einem Lastauto verstauten Chaiselongues zu erstaunend billigen Preisen zu verkaufen. Ein Käufer, welcher sich betrogen fühlte, hat die von ihm gekaufte Chaiselongue dem Fach- Verband zur Terfügung gestellt. Sie ist in Gegenwart der staatlichen, der gewerblichen und Der Gesundheitspoli ei, sowie der Sachverständigen auseinandergenommen und als minderwertig sowohl betreffs des Materials, als auch der Verarbeitung bezeichnet worden. In dem fogenannten Polstermaterial befanden sich alte Zeitungen, Z garrcnreste usw. Das Institut für Hygiene und Bakteriologie teilt über den mikroskopischen Tesund wörtlich folgendes mit: „Vor-
gekauft, obwohl wir doch keinen Sechssitzer brauchen. Sie steuert ihn nämlich selbst. Und Du und ich, wir sitzen dann hinten. Man kann viel besser plaudern, wenn man nicht chauffiert.
Ich glaube, daß ich Dich gar nicht an der Station empfangen kann, denn ich werde krank fein, sehr krank vielleicht, vor Freude. Cathlen hat mir Baldriantropfen gegeben, sie sollen sehr gut für Herzkrämpfe fein. Wenn Du zurückgekehrt bist, werde ich sie nicht mehr brauchen.
Also komm! Komm!
Komm zu Deinem Bernd."
„Ja, ich komme, mein Junge!"
Güncher sah tödlich erschrocken auf das kalkweiße Gesicht, dessen Augen wie die eines Sehers brannten und hielt mit aller Kraft den Mann zurück, der jetzt die Decke nach hinten schlagend, vom Lager steigen wollte.
„Was machst du, Peter?"
„Du weißt es doch! Heim muh ich! Heim zu meinem Jungen!"
„Peter!" warnte Anstetten und benötigte die ganze Kraft feiner Muskeln, den Vetter zu halten. „Derartige Aufregungen müssen sich furchtbar rächen. Laß doch vernünftig mit dir reden, Lieber,“ bat er und drückte ihn auf den Rand des Bettes zurück. „Du sollst ja reifen — aber nicht heute."
„Morgen vielleicht?" Cs war mllder Spott in der Stimme des Kranken. „Morgen ist es zu spät! Wenn ich aber heute reife und während der Fahrt die Augen zutue, dann hat sie wenigstens den Beweis, daß ich das Letzte getan habe! Dann — — dann kann sie nicht sagen, ich hätte mich geweigert, heimzukommen — Dann hat sie auch kein Recht mehr, Anstetten zu verkaufen, und meinen Jungen heimatlos zu machen.“
„Peter! Wir sind doch nicht auf dem Semmering, daß es nur ein paar Schnellzugsstationen bedarf, um nach Hause zu kommen. Von Dard- schiling bis Bombay allein sind zwei Tagereisen. Das andere nicht mitgerechnet.“
Der Kranke fühlte die ungeheure Mattigkeit der Glieder und das gänzliche Versagen des Herzens, das aller Kraft des Willens spottete und jede Minute stillzustehen drohte. „Möchtest du mir Dr. Alsworth rufen lassen?"
„Sofort!“ Günther war schon aus dem Zimmer.
Peter von Anstetten griff wieder nach dem Brief des Sohnes: „Ich komme, Bernd! Hab nur Geduld! Du sollst nicht umsonst vor deinem Vater gekniet haben. — — Willst du mir das große ^Kursbuch dort geben," wandte er sich an den Hindu, der lautlos eingetreten war und eine Flasche Rotwein mit Sandwichs auf das Tischchen nebenan stellte.
„Sahib! Es ist nicht nötig.“ Der Inder sprach in ruhigem Befehls ton.
„Nicht nötig!--“
wiegend verschmutzte Textilsa'ern, P'lanzenfasern- abfälle, daneben getrocknete Grashalme, Seegras, Strohhalme, Strohreste, Holzte'.lchen, Pflanzenreste (Blattstücke. Stengel usw.), Papier- und Pappstücke, ungebrannte Streichhölzer, Baumrinde, Zigarettenasche, Jutefa em, Reste von Gurten, ausgerupfter Fllz, Holzwolle und ähnlicher Abfall. — Geruch: dumpf, muffig.“ Dieser amtliche Befund des s og. Polstermaterials und die überaus minderwertige Verarbeitung, sowie das wacklige Gestell ohne jede Garantie des Verkäufers sollte jedem Käufer zu denken geben und zur Pflicht machen, lieber zu angemessenem Preis eine reelle, gute Arbeit eines Handwerksmeisters zu erwerben."
** Vortrag in der Hess. Nerven- Heilstätte. Man berichtet uns: Den Patienten in der Heilstätte wurde gestern ein äußerst genußreicher Unterhaltungsabend geboten. An Hand des von der Heilstätte neu erworbenen Projektionsapparates wurden die Zuhörer in einem Lichtbildervortrag zu den ausgedehnten Werft- anlagen der Zeppelinbaugesellfchaft in Friedrichshafen geführt, wo ihnen in klaren Bildern zunächst der geniale Erfinder des lenkbaren Luftschiffes, der greife Graf Zeppelin selbst, sowie der heutige erfolgreiche Leiter der Werft, Dr. Eckener, und der Chefingenieur. Dr. Dürr, vc-rgestellt wurden. In leicht verständlicher §orm erläuterte der Vortragende, Herr Engels, Wetzlar, dann die im Bild wiedergegebene Entwicklung des Zeppelinluftschiffes bis zu seinem gegenwärtigen, erfahrungsgemäß allen Anforderungen der Aviatik genügenden Typ. Mit sichtbarem Interesse verfolgten die Patienten die Ausführungen des Redners, der ihnen die Konstruktion des Schiffes darlegte. Die gigantischen Ausmaße des Luftriesen wurden ebenso bestaunt, wie die überaus zweckmäßig ausgestattete Inneneinrichtung, welche die Ausnutzung auch des tleinften verfügbaren Raumes erkennen ließ. Die Zuhörer sahen sodann den Start des Luftschiffes zu feiner ersten Amerikafahrt und verfolgten das Schiff auf seiner Reise bis zu seinem Ziel. Herrliche Landfchaften wurden in majestätisch-stolzem Flug überflogen, aber auch Gefahren drohende Unwetterzonen wußte das Schiff sicher zu durchqueren. Jeder Zuhörer mußte dem Redner daher beipflichten, als er am Schlüsse seines Vortrages betonte, daß das deutsche Volk in seiner gegenwärtigen großen Not doch stolz fein dürfe auf eine Tat, die zu vollbringen deutscher Technik und deutscher Willenskraft Vorbehalten war. Zweifellos sei die Zeppelinbau-Gesellschaft berufen, dem deutschen Vaterlande die früher innegehabte Weltmachtgeltung wieder zu verschaffen. Spontan löste der dankbar aufgenommene Vortrag bei den Zuhörern das gemeinschaftliche Singen der letzten Strophe des Deutschlandliedes aus. In einem zweiten Vortrag führte der Redner die Patienten an den Rhein, an den Schicksalsstrom unseres Volkes. Mainz, Rüdesheim, Dingen. Bacharach, die Loreley, Burg Ehrenfels, die feindlichen Brüder, St. Goar und Koblenz mit dem stolzen Provinzialdenkmal wurden gezeigt. Der Vortragende — scheinbar selbst ein Kind dieses mit Humor so reich begnadeten Heimatlandes — wußte seine Ausführungen so würzend zu gestalten, daß an die Lachmuskeln der Zuhörer nicht geringe Anforderungen gestellt wurden. In liebenswürdiger Weise hatten sich einige Mitglieder des Mandolinenklubs unter Leitung des Herrn Seih bereitgefunden, der Veranstaltung den gebührenden Rahmen zu geben. Die vorgetragenen Musikstücke fanden dankbare Zuhörer, die wünschen, noch öfter mit gleichen Darbietungen erfreut zu werden. Alle Patienten wissen besonderen Dank der Leitung der Heilstätte, die ihnen an diesem Abend eine Ablenkung
Ohne Widerstand zu leisten, lieh sich Hans Peter von den kräftigen Armen auf das Lager zurückbetten.
Fünf Minuten später trat Alsworth mit Günther in den Raum. Der Arzt vermochte seinen Schrecken nicht zu verbergen. — „Das letzte Stadium!" Obwohl er diesen Ausspruch nicht in Worte kleidete, las der Baron es mit aller Gewißheit von seinem Gesicht ab. „Fühlen Sie sich matter?“ fragte er und horchte, sich herabneigend, auf den Schlag von Peters Herzen.
Bei achtundvierzig horte er zu zählen auf. — Er hatte nicht gedacht, daß der Verfall so rasch eintreten würde und war für den Moment unfähig, irgendetwas zu sagen.
„Kein Aufschub möglich?" unterbrach der Kranke sein Schweigen. Diesmal fehlte das Lächeln in seinem Gesicht.
„Herr Baron, wir haben uns alle der Macht eines Höheren zu beugen.“
„Ich verstehe! — — Habe ich noch Zeit bis nach Bombay — womöglich noch auf das Schiff zu kommen?"
„Nach menschlichem Ermessen nicht mehr.“
„Ich danke Ihnen, Mister Alsworth. Ein ehrliches Bekennen habe ich immer geschäht. Günther, du weiht, dah ich noh Wünsche habe. Vor einer Stunde habe ich noch gebeten! Jetzt wirst du müssen! — M-sfen! Wenn du mir den Weg in die Ewigkeit nicht versperren willst.“
Der Baron konnte nicht sprechen, reichte nur die Hand über das Bett und lieh sie in der des Kranken ruhen, der unverwandt zu ihm auffafy
„Dr. Alsworth, Sie werden darüber schweigen, dah jetzt oder in der nächsten halben Stunde Hans Peter von Anstetten aus dem Leben scheidet. Niemand darf darum wissen. — An meine Stelle tritt mein Vetter Günther von Anstetten mit allen Rechten und allen Pflichten als Vater und Gatte."
„Peter I“ Die Hand des genannten zitterte derart tn den fiebernden des anderen, dah dieser seine Linke darüber legen muhte.
„Das Opfer, das du mir zu bringen hast, ist ungeheuerlich. Ich weih es, Günther. Ich weih aber auch, dah ich auf dich bauen kann, wie auf keinen anderen Menschen sonst. — Cs sind nur drei Jahre, die du mir dein Wort halten muht: Bis zu Bernds achtzehntem Geburtstag. Dann wirst du einen Vorwand finden und wieder verreisen — wieder hierher und Dr. Alsworth wird bestätigen, dah der Freiherr Hans Peter von Anstetten im Sage seiner Rückkehr nach Dard- schiling dem Fieber erlegen ist."
Der Arzt nagte an seiner Lippe und wich den Augen aus, die so zwingend auf ihn gerichtet waren.
„Kann ich auf Eie zählen, Dr. Alsworth?"
beschert hat, welche als Heilfaktor gewiß nicht unterschätzt werden dars.
" Obst - und Gartenbauverein Gießen. Am Sonntag sprach Garteninspektor Rentsch (Friedberg) über das zeitgemäße Thema „Herbst- und Winterarbeiten im Obstgarten. Behandlung der Obstvorräte auf dem Lager". Dem ersten Teil seines fesselnden Vortrags, der durch zahlreiche Beispiele aus der Praxis lebendig gestaltet ward, entnehmen wir solgendes: Die Leimringe gegen den Frostnacht- fchmetterlingi können, wo die rechtzeitige Ausführung der Arbeit versäumt wurde, auch jetzt noch angelegt werden, obschon der Schädling seit einer Woche auf dem Marsche ist. Jeder mit Leimring geschützte Baum ist gegen die Schädigung gesichert, ganz unabhängig von der Tätigkeit des Nachbars. Der Schaden ist darum so empfindlich, weil hierbei das erste Grün vernichtet wird, das der Baum aus Reservestosfen hervorgebracht hat. Durch erneutes Austreiben tritt eine Crfchöpfung ein, die sich durch Unfruchtbarkeit im nächsten Jahr noch auswirkt. Blutläuse werden gerade jetzt, wo sie sich zur Ruhe begeben wollen, durch Anwenden von Obst- baum-Karbolineum in 30 Proz. Mischung mittels Pinsel wirksam bekämpft, fo daß ihr frühzeitiges Erscheinen-, das gerade am schäd.ichsten ist, unmöglich gemacht wird. Der Boden unter den Bäumen ist tief zu graben. Im Grasgarten soll man wenigstens Baumscheiben Herstellen und diese in einer Entfernung vom Stamm von 2 bis 3 Meter vffcnhalten. Sie zur Düngung bei alten Bäumen benützen zu wollen, wäre verkehrt, denn die Düngung ist da angebracht, wo die Saug- wurzeln liegen. Jauche ist darum empfehlenswert, weil sie überall die Wurzeln erreicht und von der Grasnarbe gegenwärtig nicht mehr vorweg» genommen werden kann. Da aber Jauche ein einseitiger Dünger ist, muß durch SuperphoSphat ergänzt werden. An frischgesetzten ‘Säumen sei der Wurzelschnitt lediglich auf die beschädigten Wurzeln befchränkt. Der Schnitt sei rechtwinklig zur Wurzel, so klein wie möglich. Der Schrägschnitt ist zu verwerfen. Je reicher die Bewurzelung ist und je länger die Wurzeln sind, um so weniger ist der Pfahl als notwendiges Hebet nötig. Bäume ohne P ahl gezogen, im ersten Jahr nur durch eine dünne Bohnenstange gestützt, werden später standfester, als solche, die sich vier bis fünf Jahre auf den Halt des Pfahles verlasen konnten. Jedes Zuviel beim Schnitt ist nachteilig. Steinobst wird nach dem Pflanzen kurzgeschnitten, aber nicht im Herbst, sondern erst im darauffolgenden Frühjahr. Auslichten bet Krone und Verjüngen sollen erst im Zustande rollkvmmener Saftruhe vorgenommen werden. Solange der Saftstrom noch Abwärtsbewegung zeigt, ist die Fortnahme von Teilen der Krone ein Nachteil. Unfruchtbare Bäume durch Schnitt zur Fruchtbarkeit bcranlaffen zu wollen, ist verkehrt und bewirkt das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde. Die Kurztriebe an den Aesten sind in allen Fällen zu schonen, da sie die Aufwärtsbewegung des Saftes unterstützen. Edelreiser und Steinobst sind vor Weihnachten, die übrigen im Januar zu schneiden. Die Winter- sprihung der Obstbäume, die alle zwei bis drei Jahre torgenommen werden sollte, ist das zuverlässigste Universalmittel gen en alle tierischen Schädlinge, aber nicht gegen Schorf, dessen Bekämpfung mit anderen Mitteln hauptsächlich im Frühjahr geschieht. 3m zweiten Teil des Vortrages, der sich mit der Aufbewahrung der Winteräpfel beschäftigte, empfahl der Redner die Aufbewahrung auf dem Speicher als zuverläs.i- ger, denn in feuchten ober zu trockenen Kellern, indem man sein Obst in Kisten mit trockenem Torfmull bette, so zwar, daß sowohl unten wie
Ein kurzes Zögern. „Ich glaube, dah ich es auf mein Gewissen nehmen kann, Baron."
„Ich danke Ihnen! — Und du, Günther?“
„Ich! — — Du machst einen Betrüger auS mir!--"
„Doktor,“ wandte sich Hans Peter an den Arzt, „würden Sie die Güte haben, in etwa einer Viertelstunde wieder nachzusehen?"
Der Engländer verstand sofort. Er blickte nach der Uhr an seinem Handgelenk und versprach pünktlich zu sein.
Die beiden Vettern sahen sich allein gegenüber. Keiner wollte alä erster das Schweigen überbrücken, bis Günther wieder zu reden begann. „Deinem Sohne Vater zu sein, das verspreche ich dir auf Cid. — Deiner Frau Öen Gatten zu ersehen, ist eine Unmöglichkeit für mich."
„Nicht so unmöglich, wie es aussieht, da sie jede eheliche Gemeinschaft ablehnt, du hast es ja selbst gelesen — bist du ihr lediglich Kamerad! Herr von Anstetten, der Mann, dessen Namen sie trägt.“
„Sie würde schon in der ersten Stunde den Betrug durchschauen," fiel ihm Günther dazwischen.
„Laß mich aussprechen. Hast du schon einen Menschen gefunden, der uns auseinanderhielt, auch dann, wenn wir zufällig gleichzeitig auf» tauchten? Selbst unsere Mutter hat mich geküßt, wenn sie dich umarmte und Günther gerufen, wenn ich ihr in die Arme flog. Auch Dr. Alsworth bestätigte mir diese fast unglaubliche Aehn- lichkeit. Er hielt uns für Zwillingsbrüder. Meine Frau wird nicht den geringsten Zweifel daran haben, dah ich es bin, der zurückkehrt, vorausgesetzt, dah du dich nicht selbst verrätst."
„Das ist es ja," erregte sich Günther. „Ich kann wohl einen Knaben lieben, der in mir den Vater liebt, aber kein Weib umarmen, mit dem ich noch nie etwas zu tun gehabt habe."
„Wie machst du mir das Gehen schwer!“ Hans Peter schloß erschöpft die Lider und ruhte eine Weile vollkommen reglos, als ob er bereits verschieden wäre.
Die unheimliche Ruhe rih ihn wieder auf. „Günther, ich habe dir deswegen das Tagebuch zu lesen gegeben, damit du Einblick in alles bekommen hast, in den ganzen großen Irrtum meiner Ehe. Ich habe ihn noch nie einem Auge preisgegeben, als dem deinen. Du muht ja alles wissen. Ich kann dich nur bitten: Lies es wieder und immer wieder, bis dir mein ganzes Leben geläufig ist, als wärest du der jauchzende Bräutigam von einst gewesen und allmählich der enttäuschte, wunschlose Mann geworden, als der ich aus der Heimat ging.--Nur drei Jahre,
Günther! Drei armselig kurze Jahre, wenn du mir von deinem Leben opferst."
(Fortsetzung folgt.)


