Ausgabe 
21.10.1929
 
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Nr. 247Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 21. Oktober (929

Oberhessischer Landgemeindetag.

Dor einigen Tagen hielt der Vorstand in Gießen unter dem -Vorsitz von Bürgermecger Dr. QJbl» sing, Alsfeld, eine Sitzung ab, die sich mit ®e- meindeangelcgenheiten befaßte, die gegenwärtig für die oberhessischen Gemeinden von großer Wichtigkeit und Tragweite sind. In der Frage der

Elektrizitätsversorgung der Provinz Oberhessen machte Bürgermeister Dr. N i e p o t h (Schlitz) be­achtliche Ausführungen über die demnächst bevor­stehende Umgestaltung und Vergesellschaftung der Elektrizitätsversorgung der Provinz Oberhessen im Zusammenhang mit der Llebernahme des Frankfurter Anteils der He'frag durch die Prcag, wodurch auch die Provinz Oberhessen vor sehr wichtige Entschlüsse hinsichtlich der Stromabnahme gestellt sei. Außerdem wur­den interessante Aufschlüsse über die seit­her geführten Verhandlungen in der Frage der Gasfernversorgung gegeben. Vach einer längeren Aussprache faßte der Vorstand einstimmig den Be­schluß, eine Entschließung an die Provin­zialdirektion Ober Hessen zu richten, wo­nach der Vorstand des Oberhessischen Landgemeinde- tags als berufener Vertreter der oberhessischen Ge­meinden die Erwartung ausspricht, daß die dem­nächst beginnenden Verhandlungen über die Umge­staltung der Elektrizitätsversorgung der Provinz Oberhessen nur nach rein wirtschaftlichen Gesichts­punkten unter Ausschaltung jeglicher Parteipolitik geführt werden möchten und daß vor den zu treffen­den Entscheidungen auch der Vorstand als Vertreter der oberhessifchen Landgemeinden gehört werden soll.

Die von vielen Gemeinden fortgesetzt einlaufen­den berechtigten Klagen über die für die Ge­meinden finanziell geradezu unerträglichen und in hohem Maße ungerechten Auswirkungen des neuen

Gesches über das Slraßenwesen in Hessen gaben dem Vorstände Veranlassung, folgenden Be­schluß zu fassen:

Der Oberhessische Landgemeindetag ist ein­stimmig der Ansicht, daß die Entwickelung auf dem Gebiete des Straßenwesens die Befürch­tungen, die im Vorstand bei Annahme des Ge­setzes geäußert wurden, weit übertroffen hat. Eine Reform des Gesetzes, dahingehend, daß die Gemeinden, was die Unterhaltung der Orts­durchfahrten anlangt, unbedingt entlastet werden müssen, ist dringlich. Darüber hinaus sind die Erträgnisse der Kraftfahrzeugsteuer derartige, daß eine Beteiligung der Gemeinden einem Gebote der Gerechtigkeit entspricht und daher unbedingt zu fordern ist."

Wie Bürgermeister Dr. Niepoth (Schlitz) bei dieser Gelegenheit mitteilte, werde auch im Land­tag eine alsbaldige Revision des neuen Straßen­gesetzes verlangt werden.

Auf Vorschlag des Vorsitzenden wurde beschlossen, die diesjährige ordentliche Hauptversammlung des oberhessischen Landgemeindetages aussallen zu lassen und künftig nur alle zwei Jahre abzuhalten, da man der Ansicht war, daß gerade in der gegenwärtigen Zeit zu viel Kongresse und Versammlungen veran­staltet würden, deren praktischer Nutzen oft nicht

Georg Kaiser:Hellseherei".

Uraufführung am Gictzencr Ttadttheater.

Das Schauspiel wandelt eine Fabel ab, welche sich aus einem der merkwürdigsten Probleme unserer Zeit entwickelt, jener Teilerscheinung in der vielgestaltigen Welt übersinnlicher Dinge, die man als Hellseherei bezeichnet.

Es handelt sich also hier um einen Stoff, der gegenwärtig die öffentliche Meinung beschäftigt, und der im großen Publikum ost genug man denke an den ähnlichen Fall der Therese Reu­mann einen lei enschastlichen Meinungsstreit entfesselt hat. Der Stoff ist in seiner Gesamtheit ohne Zweifel aktuell: er lag sozusagen in der Luft.

Ein vor kurzem erschienener Roman des Ocster- reichers Ernst Lothar beschäftigte sich auf eine überaus spannende Weise mit genau dem glei­chen Teilphänomen je Doch von einer grund­sätzlich anderen Blickrichtung her. Gemeinsam bei Lothar und bei Kaiser ist das persönliche Ur- teil beider über das Hellsehen, verschieden aber der Weg, der zu solchem Urteil führt: bei Lothar über den mit visionären Kräften begabten Menschen, denMagier", eäen Den Hell­seher selbst: bei Kaiser über ein weibliches Me­dium, welches zugleich Klientin und, in gewissem Sinne, Patientin ist.

Dera, in glücklicher Liebeseße dem Ar­chitekten Viktor verbunden, besucht, da Viktor durch die Besprechung eines Bauprojeits ver­hindert ist, allein eine Ballfestlichkeit: durch takt­lose Anspielungen eines Besuchers verwirrt, ver­läßt Vera, in Unruhe um Viktor, bald das Fest und vermißt bei der He'mkehr einen Ring, der ihr wertvoll und unersetzbar ist: nämlich als ein Symbol ihrer tiefen Verbundenheit mit Viktor, der ihr den Schmuck bei der Hochzeit gab.

Rach vergeblichen Rachforschungen geht Dera, die Viktor den Verlust verheimlichte, zum Hell­seher Sneederhan: sie schreibt den Tatbestand auf einen Zettel: am neunten März abends ver­lor ich meinen Ring, und Sneederhan schil­dert alsbald Fundstelle, Finder und jetzigen Aufenthaltsort des Ringes. Sneederhan, betrof­fen von den offenbar starken medialen Fähig­keiten der Besucherin, bittet Dera um ein zweites Experiment: sie schreibt, fast widerstrebend, einen zweiten (und wichtigerer) Tatbestand nieder: am neunten März abends vermißte ich meinen Mann. Sneederhan schildert nun Diktor ganz richtig, hat gleich darauf die Dision der vertrauten Be­gegnung Diktors mit einer fremden Frau ..... an jenem Abend. Dera, erschreckt und verstört, unterbricht und vebläßt die Sitzung, ehe noch Sneederhan am Ende ist.

Vera erkennt sofort die schicksalhafte Verflech­tung beider Aussagen: würde die erste sich be­stätigen, dann könnte auch die zweite nicht mehr geleugnet werden: sie vernichtet also selbst die erhaltene Spur, will auf die Wiedererlangung des Ringes verzichten, eine Wirklichkeit von sich wegschieben, deren Bestätigung sie unglücklich machen würde.

Viktor entdeckt den Verlust, versucht sofort, gegen Deras Sträuben, das ihm unbegreiflich ist,

im Verhältnis zu den dafür aufgewendeten Kosten steht. In der Angelegenheit der

Aufstellung

von Dreschmaschinen auf Provinzialsirahen (Ortsdurchfahrten) wurde der Beschluß gefaßt, Bürgermeister Dr. R i e p o t h (Schlitz) in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter zu er-

mit den üblichen Mitteln, die Wiederbeschaffung. Der Dame", einer gemeinsamen Freundin De­ras und Diktors, gelingt es, die Rachforschungen zu unterdrücken, indem sie den Architekten vor die Wahl stellt: entweder den Ring oder die Villa: die Dilla nämlich, die Diktor für die Freundin bauen möchte und an deren Schaffung ihm aus manchen Gründen viel gelegen sein muß. So gelingt es, Dera, die schon einen Abschiedsbrief an den Gemahl geschrieben hatte, vor unüberlegter Flucht zurückzuhalten.

Es erweist sich jedoch, daß die Wirklichkeit nicht einfach zu leugnen ist. Sneederhan erscheint und fragt feinerseits nach dem Ring. Er» ist von der Staatsanwaltscha t wegen seines angeblich schwindelhaften Gewerbes angeklagt. Rur der wiederbeschaffte Ring zusammen mit Deras Aus­sage könnte die Anklage entkräften. Dera weigert sich. Sneederhan, dessen Existenz auf dem Spiel steht, droht mit dem Hinweis auf vorbereit:ten Meineid und Unterschlagung. Diktor versucht ver­geblich, durch Bestechung den Hellseher zum Schweigen oder ins Ausland zu bringen.

Wieder findetdie Dame" den Ausweg. Da die Feststellung des Rings nicht zu vermeiden ist Sneederhan verfügt über einen Durchschlag der von Dera vernichteten Aufzeichnungen über die Spur, veranlaßt sie Viktor, der inzwischen auch die Richtigkeit von Sneederhans zweiter Auskunft bestätigte, an Veras Statt zum Juwe­lier zu gehen, wohin der Ring vom Finder zur Schätzung gebracht wurde, und ihn gemeinsam mit Sneederhan abzuholen. Während beide unterwegs sind, macht die Freundin ein über­raschendes Geständnis: jene Frau, mit der zu­sammen Viktor dem HelleZer in feiner zweiten Dision erschien war ich: mit ihr wollte Diktor an jenem neunten März abends die Baupläne für die Dilla durchsprechen.

lind als nun Diktor in der Tat mit Ring und Handschuh wieder zurückkommt, nimmt Dera ent­schlossen ihr Schicksal selber in die Hand. Sie zerreißt die Baupläne für die Dilla und weist die Dame, zuvor, ihre Freundin, hinaus ein wenig undankbar gegen sie, der in den letzten Stunden immerhin manches zu verdanken war, aber voller Liebe zu Diktor und voller Vertrauen auf die Kraft des Gedankens: so ist die zweite Anlegung des verbindenden Ringes für sie von tiefer Bedeutung und wird zum Sinnbild neuer Dereinigung. Lind als, ganz zuletzt, ein Brief gebracht wird, der Dera als Zeugin vorladen soll, da ist sie bereit, mit aller Inbrunst für Sneederhan zu schwören

So ist also dieses neue Schauspiel eine Ring­fabel. ein Ehedrama, eine helldunkle Liebes­geschichte: ein Stück zwischen hüben und drüben, auf der schmalen Grenze zwischen Alltag und Jenseits, zwischen nüchterner Realität und un­faßbarer Llebersinnlichkeit.

Kaiser selber nannte das Ganze im Unter­titelGesellschaftsspiel" ... bescheiden und dennoch geflissentlich: jedem andern hätte man eine so unentschiedene Bezeichnung als Drückebergerei ausgelegt vor dem ehrlichen Bekenntnis dessen, was gemeint war. Kaiser hat dergleichen nicht

suchen, bei der hessischen Regierung anzuregen, daß die Kreisämter angewiesen werden, von der Erhebung eines Verwaltungsstempels bei der Er­teilung Der Erlaubnis für die Aufstellung von Dreschmaschinen in Ortsdurchfahrten abzusehen, und daß die Verfügung der Provinzialdirettion Oberhessen vom 21. 9. 1929 rückgängig gemacht wird.

nötig, er ist durch nunmehr fast ein halbes Hundert Stücke als Dramatiker legit miert, vielleicht als der einzige wirkliche Dramatiker im strengen Sinne des Wortes, den wir zur Zeit besitzen.

Und vielleicht auch ist im Untertitel schon der Schlüssel zum Sinn des Ganzen ent­halten: zwar werden bei Kaiser (ebenso wie bei Lothar und etwa auch bei Thomas Mann in einem der schönsten Kapitel des Zauberbergs") okkulte Dorgänge nicht von vorn­herein mit aufklärerischer Geste abgelehnt, viel­mehr als durchaus möglich angenommen und selbst in ihrer ganz positiven Auswirkung in die Fabel einbezogen: zugleich aber wird auf die un­geheure Gefahr hingewiefen. die darin liegen kann, daß dies» Dinge den Bereich eines harm­losen Gesellschaftsspiels durchbrechen und über­schreiten. zum Geschäft ausgeschlachtct werden und unkontrollierbar ins Leben eingreifen. So wird ein aus unserer Zeit genommener Stoff nicht zur plalfen und geräuschvollen Sensation auf- geputzt. sondern zu einer Aktualität von ernst­hafter Bedeutung vertieft.

Das Stück ist mit einem fabelhaften technischen Können geschrieben und zu einer künstlerischen Geschlossenheit verdichtet, wie sie schon beim Oktobertag" zu beobachten war. Auch sonst erinnert dasGesellschaftsspiel" mehrfach an das Liebesstück": hier und dort ist mit Kaiser zu reden die mystische Union zweier Men­schen errichtet, welche von einer sehr nüchtern von außen her eindringenden Wirklichkeit in ihrem Bestände bedroht wird.

Bewundernswert, wie im synthetischen Szenen­aufbau, dialogweise, Sah um Satz, Spannung erzeugt und gesteigert wird: gesteigert, in eine dem Zuschauer wie Dem Duchleser glei­chermaßen sich mitteilende Erregung, hervor- gehend aus Der Erkenntnis, wie ein an sich all­täglicher Zwischenfall unversehens und unter­gründig zu schicksalhafter Wirrnis anwächst, zu einer erschreckenden Derknüpfung von geringer Ursache und lebenbedrohender Wirkung führt. Dies alles wird dargestellt in einer sehr klaren und unmißverständlichen Sprache, mit einer inne­ren Logik und einer psychologischen Begründung. Die den immer unkünstterischen, platten Zufall aus Dem RäDerwerk der Ereignisse ausschaltet.

*

Die früher erwähnten letzten Worte Deras, welche das Stück ausklingen lassen, wurden ganz leicht, ganz munter, ganz lustspielmäßig ge­sprochen: sie sollten, unserem Empfinden nach, ganz langsam, ganz von innen her, ganz leiden­schaftlich gesprochen werden. Dies ist die Stelle, an Der eine von Der unseren grundsätzlich ab­weichende Auffassung in der Inszenierung des Intendanten Dr. P r a s ch am deutlichsten zum Ausdruck kommt.

Wir erkennen an dieser Regieführung die fleißige und rein theatralisch sehr respektable Leistung rückhaltlos und gerne an. Aber wir fassen im Gegensatz zur Regie und im Zu­sammenhang mit Dem, was über den Sinn des Ganzen gesagt wurde das Stück prinzipiell anders auf. Wir glauben nämlich, daß man es durchaus und in affen Teilen ernst nehmen muß, genau so ernst wie DenOktobertag" zum Bei-

boungplan oder Dawesplan?"

Im Saale Der Liebigshohe, Der bis weit über den letzten Platz hinaus beseht war, veranstaltete gestern nachmittag Die ©ojialDemofrati- sche Partei in Gießen eine öffentliche Versammlung mit dem ThemaBoungplan oder Dawespla n? Zu der Versammlung war der hiesige Ausschuß für das Volksbegehren mit seinem Vorsitzenden,'Studienrat Dr. Lenz, Gießen, eingeladen worden, Dr. Lenz hatte dieser Aufforderung Folge geleistet.

Als Referent sprach zunächst der Pressechef im hessischen Innenministerium,

Dr. Mierendorsf, Darmstadt

in gut li/zstündigec Rede. Er betonte, über Die Schwere und Tragweite des Boungplans seien sich auch die Gegner des Volksbegehrens völlig im kla­ren, aber sie sähen den Voungplan als das kleinere Uebel gegenüber Dem Dawesplan an, Da Durch die Annahme Des Boungplans eine Herabsetzung unserer Lasten aus Dem verlorenen Kriege ein­trete und neben diesem wirtschaftlichen Vorteil noch Der politische Gewinn bestehe, daß Die Kontrollkommissionen unserer Kriegsgegner in Deutschland aufgehoben würden, ferner Das besetzte Gebiet bis zmn Sommer nächsten Jah­res geräumt werde. Der Redner beschäftigte sich weiter in eingehender Kritik mit Den Argu­menten Der Gegner Des Voungplanes und hob dabei hervor, daß Die Schuhklausel (im Dawes­plan) für unsere Währung (Transferschuh) Durch Den Boungplan durchaus nicht ganz beseitigt werde, sondern nur für den kleineren Teil der Zahlungen fortfalle, für Den größeren Teil aber bestehen bleibe. Im übrigen sei Das internationale wirtschaftliche Interesse an dem festen Bestand unserer Währung so groß, daß unsere Kriegs­gegner sich schon im eigenen Interesse hüten würden, unsere Währung durch eine neue In­flation zu gefährden. Hinsichtlich Der Zahlungs­verpflichtungen denke bei uns und auch bei Den anderen kein vernünftiger Mensch Daran, daß Die Zahlungen 59 Jahre lang fortdauern würden, Denn der Boungplan biete in sich Möglichkeiten Der Revision, mit Denen nicht nur wir, sondern auch unsere Gegner heute schon rechneten. Lins könne jeht nur eine Zeitspanne von etwa zehn Jahren interessieren, und in dieser Zeit werde unsere Last durch Den Boungplan gegenüber Dem Dawesplan um etwa 6.5 Milliarden verringert. Ll. a. fei im Boungplan vorgesehen, daß eine Ermäßigung der interalliierten Kriegsschulden | an Amerika automatisch zu zwei Dritteln auch

Deutschland hinsichtlich seiner Zahlungen zugute kommen solle. Zwar fei Amerika heute noch nicht fo weit, daß es in eine Ermäßigung Der Schulden unserer Kriegsgegner einwillige, aber diese Be­stimmung im Boungplan sei von außer­ordentlicher Tragweite, denn sie werde auch uns einmal eine Herabsetzung un­serer Leistungen bringen. Der Redner pole­misierte dann mehr unter politischen Gesichtspunk­ten gegen die Politik Der Deutschnationalen und der Nationalsozialisten, bezeichnete die Behauptung der Nationalsozialisten vomExport junger deutscher Männer und Frauen" nach irgendeiner Kolonie un­serer Gegner zurFronarbeit" auf Grund des Poungplanes alsglatten Schwindel und ungeheuer­liche Lüge", erklärte das Volksbegehren als Ausfluß des Haffes gegen den demokratischen Staat und ver­wies auf Die scharfe Verurteilung, Die Der Reichs- präfiDent v. HinDenburg über Dieses Volksbegehren ausgesprochen habe. Die Reparationszahlungen hät­ten auch mit Der KriegsschulDfrage nichts zu tun; wir müßten einfach zahlen, weil wir Den Krieg ver­loren hätten. Die KriegsschulDfrage, über Die es bei uns in Deutschland und auch weithin im AuslanDe Doch nur eine Meinung gebe, solle aus Der Poli­tik ferngehalten unD allein Der Klärung Durch Die historische Wissenschaft überlassen werben. Dem Vor­gehen Der preußischen Regierung gegen Die Beam­ten, Die sich für das Volksbegehren einschreiben, stimmte der Redner zu, denn dieses Volksbegehren verfolge unter außenpolitischem Deckmantel das in­nerpolitische Ziel: Nieder mit dem demokratischen Dolksstaat. Dagegen müsse sich der republikanische Staat zur Wehr setzen. Der Weg zur Erhaltung des demokratischen Staates und außenpolitisch in die Freiheit führe nicht über das Volksbegehren, son­dern bestehe nur in der Fortsetzung des Werkes der Verständigung mit unseren Kriegsgegnern, an dem Erzberger, Rathenau, Ebert und Stresemann mit Erfolg gearbeitet hätten. Bei dieser. Politik sei unser Volk über den Weg des Poungplans auf Dem richtigen Wege. (Langanhaltender, lebhafter Bei­fall.) In Der Aussprache vertrat

StuDienrat Dr. Lenz

den Standpunkt der Verfechter des Volksbegeh­rens. wobei er betonte, daß der Ausschuß für das Volksbegehren, den er wegen der Kürze der Zeit nicht befragen konnte, ein Erscheinen in dieser Versammlung angesichts der im voraus festgesetz­ten Redezeit wohl abgelehnt haben würde. Er sei aber trotzdem gekommen, weil sein gutes Gewissen ihn hierhergeführt habe und weil er glaube, eine gute Sache zu vertreten. Hierauf

setzte er sich sachlich mit den Ausführungen des Referenten auseinander. Er ging zunächst auf den Umfang unserer künftigen Reparations­zahlungen ein. wobei er betonte, es sei nicht richtig, die Frage fo zu stellenBoungplan oder Dawesplan?", sondern richtiger müsse gefragt werdenBoungplan oder Daweslrise?" Weiter erklärte er unter Anführung von Berechnungen, daß unsere Zahlungsverpflichtung auch für Die Zukunft keine wesentliche Minderung erfahren werde, denn zu den ermäßigten Reparations­zahlungen müßten wir doch die Summen hinzu­rechnen, die wir an Zinsen und Amortisation an das Ausland zu zahlen hätten für Die get wattigen Summen, mit Denen wir bisher die Reparationen aus dem gepumpten amerikanischen Gelde bezahlt hätten. Diese beiden Faktoren zusammengenommen, mühten wir in Zukunft so­gar noch schwerer tragen als bisher. Hierauf verbreitete er sich näher über Die geplante Re* parations- oder Tributbank und ihre schäd- lieben Auswirkungen für Die deutsche Wirtschaft. Die deutsche Reichsbahn habe auch in Zukunft weitere Zahlungen za leisten: ihr Charakter als Privatbahn müsse gewahrt bleiben. Das besetzte Gebiet sei auch nach Dem Inkrafttreten des Tsoungplanes nicht vor einer Neubesetzung ge­sichert. Die Deutschnationalen hätten einen Vertrag mit Derartigen Bestimmungen unbeDingt abgelehnt. Auf Die von Dem Referenten gestellte Frage, was Dann hätte geschehen sollen, zitierte Dr. L e n z einige Auslassungen englischer unD französischer Haupt­beteiligter an Der Haager Konferenz, aus Denen hervorgehe. Daß Dann am 1. September Der Dawes- plan automatisch wieDer in Kraft getreten fei. Zum § 4 Des Volksbegehrens erklärte Der ReDner, Daß diese Entwurfsbestimmung sich nicht gegen Die zur Zeit in Der Regierung amtierenDen Personen richte, sondern Dadurch sollten künftige Minister mit Dem Mittel Der StrafanDrohung vor Dem Abschluß von Verträgen wie Poungplan, Locarno usw. bewahrt bleiben. Da Dr. Lenz zu Beginn seiner Rebe an- gekünDigt hat, Daß Der Ausschuß für Das deutsche Volksbegehren in den nächsten Tagen ebenfalls mit einer Versammlung vor die Oeffentlichkeit tre­ten werde, wird sich dann Gelegenheit bieten, nach der heutigen Skizzierung seines Standpunktes in ganz großen Umrissen über weitere Einzelheiten zu berichten.

Nach etwa einftünbigen Ausführungen von Dr. Lenz sprach ber Referent Dr. Mierenborsf ein etwa halbstündiges Schlußwort, in dem er ben Darlegungen seines politischen Gegners entgegentrat. Mit einem Hoch auf bie deutsche Republik schloß dann die Versammlung gegen 7 Uhr.

Kriegsopferprotest

gegen den Versorgungsabbau.

In Berlin tagten der Hauptvorstand und der Verbandsau llschuß des Zentralverbandes deut­scher Krieg.beschädigter und Kriegerhinterbliebe­ner, die sich in zweitägigen Verhandlungen mit der lu ch die Spar- und Abbaumaßnah* men der Reichsregierung hervorgerufenen un­haltbaren Lage der Kriegsopfer be­faßten. Die Tagung steUte fest, daß der rigorose

spiel. Wir fassen es nicht als Satire, sondern etwa, wenn schon eine Tendenz gemeint fein soll, als Warnung auf. Rimmt man aber die Figur des Hellsehers nicht ernst, so verliert das Stück sei­nen Sinn. So hinterlieh Die Aufführung zwie­spältige Eindrücke, was besonders in der ganz ungleich wirkenden Rollenbesetzung zum Aus­druck kam.

*

Reben diesem Haupteinwand grundsätzlicher Art fallen Einzelheiten, die teilweise später zu beseitigen sind, minder ins Gewicht: es wurde mehrsach zu schnell und zu undeutlich gesprochen: und es war manches gestrichen worden, was u. E. hätte stehenbleiben müssen.

*

Der Sneederhan war so, wie er von Arz­dorf gespielt wurde, ganz verfehlt: was er gab, entsprach der Regieaufiasfung, gegen die wir uns sträuben. Er brachte, vom rein Schauspielerischen der Rotte berauscht und mitgerifsen, eine ex­pressionistische Marionette auf die Szene, die schon stilistisch die sachliche Haltung des Stückes sprengt: und er machte, innerlich, eine Panop- tlkumsfigur, einen Popanz und Lächerling aus dem Hellseher, Dem man nie und nimmer die gei­stigen und übergeistigen Kräfte zutraut, Die ihm im Verlauf des Stückes doch bestätigt werden.

Wir halten auch Die Besetzung Der Vera nicht für glücklich: Marianne Mewes holte aus Der Rolle heraus, was in ihren Kräften stand, sehr anerkennenswert: spielte routiniert, mit fließen­dem Dialog, sicher auch mit ehrlichem Bemühen: aber sie ist keine Kaiser-Darstellerin, nicht die Gestalt, Die hier gemeint war. Es fehlte Die frauliche Wärme unD Reife. Die tiefe unD schon fast ekstatische Hingegebenheit an ein Gefühl, Der unerschütterliche Glaube auch an ungreifbare und unbeweisbare Dinge ... wie er von jener Catherine imOktobertag" ausstrahlt.

Von Der glänzenDen Besetzung der beiden an­dern Rotten gingen die starken positiven Kräfte der Aufführung aus. Die im Sinne des Dichters und des Stückes überzeugendste Leistung bot Maria Koch (Die Dame"): dies ist das Reifste, was sie feit langem, was sie vielleicht überhaupt bisher gestaltet hat. Hier war die Rolle ganz erschöpft bis in Die fast unmerklichen Veränderun­gen des Gesichtsausdrucks hinein: instinktiv er­faßt die überlegene, beherrschende Mittelfigur des Stückes, in Deren Händen alle Fäden zusammen- laufen selbst Da noch, wo sie. schillernD unD zweiDeuttg in jedem ihrer sehr langsamen Sähe, mit verdeckten Karten agiert.

Ausgezeichnet war endlich auch Hais (als Viktor): er ist der gegebene Kaiser-Spieler: ver­halten. akzentuiert, klar, niemals laut, von einer gewissermaßen verschleierten Leidenschaft erfüllt. Die sich fast immer hinter gesellschaftlicher Be­herrschung unD einer kühlen Intelligenz zu ver­bergen trachtet.

Einer vorbildlichen Leistung ist zuletzt zu ge­denken: das war Der von Löffler mit einem sehr feinen Farben- unD Raumgefühl ausge- ftattete Salon, in dem alle Drei Akte sich ab- spielen.

Die Uraufführung war ein entschieDener, star­ker Erfolg. Mit Den Darstellern mußte zuletzt Der Intendant erscheinen. Dr. Th,