Ausgabe 
21.9.1929
 
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Nr. 222 viertes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Samstag, 2(. September 1929

Wiedersehen mii Oxford.

Von H. G. v. Lindeiner-Wildau, M. d. X

Es ist ein eigenes Gefühl, nach 25 Jahren an Stätten zurückzukehren, an denen man in der Jugend schöne und entscheidende Zeiten verlebt hat. Erinnerungen wachen wieder aus, die längst vergessen waren und während man mit ihnen wieder jung wird, erkennt man. daß diese 25 Jahre, die jeder einzelne Deutsche und unser Doll durchlebten, so reich an tragischem Erleben waren wie sonst nur viele Menschenalter. Solche Gedanken kamen mir, als ich vor wenigen Wochen wieder nach Oxford zurücktehrte, wo ich vor mehr als einem Dierteljahrhundert ein für mein späteres Leben entscheidungsreiches Studienjahr verlebte. Nirgends so wie hier in Oxford wird einem klar, wie der junge englische Mensch bewußt seit vielen Generationen z u m Staatsbürger und verantwortun gs» bewußten Mitträgcr des Schicksals seiner Nation erzogen wird. Es ist srüher viel über den Unterschied englischen und deutschen Studentenlebens gesprochen und ge­schrieben worden, als ich nach zwei schönen und freien Studienjahren in Deutschland auf die englisch« Universität kam und die dortigen viel­fachen Beschränkungen der persönlichen Freiheit kennen lernte, habe ich das englische System zunächst als dem deutschen weit unterlegen empfunden. Nicht nur, weil die Fesseln der strengen Ordnung des College-Lebens lästig und störend waren. Cs wollte mir auch scheinen, daß gerade in der Freiheit und Selbstverant­wortung des deutschen Studenten die besten und sichersten Grundlagen individueller Persönlich­keitsbildung lägen.

Inzwischen sind mir aus dem Erleben unserer Nationen doch manche Zweifel gekommen, ob das damalige Urteil des jungen, deutschen Stu­denten wohl richtig war. Der beste Maßstab für die Güte eines Systems ist ja schließlich sein praktischer Ersolg. Die deutsche und die englische Nation haben sich in dem gewaltigsten Schick­salskamps, den die Weltgeschichte kennt, gegen- übergostanden. England hat in diesem Ringen schließlich die Oberhand behalten. Gewiß sprachen alle äußeren Momente zu seinen Gunsten, gewiß hat es den endlichen Ersolg nicht nur durch eigene Leistungen, sondern als Glied einer fast die ganze Welt umspannenden Koalition er­rungen, gewiß hat es zur Erreichung dieses Zieles Mittel von einer skrupellosen Brutalität angewandt, vor der wir Deutschen zurückschcuen. Aber aus der andern Seite muß man doch sagen, daß einer der wesentlichen Gründe des Erfolges die Tatsache war. daß einer der wesent­lichen Gründe des Erfolges die Tatsache war, daß gerade d i e soziale Oberschicht der englischen Nation ein M a h von Bewußt­heit der Schicksalsverbundenheit mit dem eigenen Volke besah, die unserem mehr zum Individualismus neigenden Volke nicht in ollen seinen Teilen eigen war. Nationalgcsühl I als Einheitsbewußtscin ist zweifellos im englischen >

Volke seit langer Zeit viel stärker entwickelt ge­wesen als bei uns. Der Engländer besaß in den Schicksalsstunden seines Volkes bereits das. was wir in der harten Schule des Unglücks jetzt erst lernen müssen. Diese unbedingte Hingabe an die Nation, diese Ueberzeugtheit von der Not­wendigkeit, das eigene Volk durchzusehen, wie sie sich in dem englischen SprichwortRecht oder Unrecht, mein Vaterland" ausspricht, hat ein Maß von Opferbereitschaft und Siegeswillen er­zeugt, das schließlich zum Erfolge führen mußte.

Was dem englischen Volk seine überlieferte Erziehung zum Staatsbürger war. schenkte denen von uns, die den Krieg nicht nur als grausiges Handwerk, sondern als tiefstes, soziales Erlebnis durchmachten, eben diese Kriegszeit. Cs ist ent­scheidend für die Zukunft von Nation und Staat, daß dieses Kriegserlebnis uns nicht verloren geht, sondern als unter schwersten Opfern er­rungenes Gut nachfolgenden Geschlechtern er­halten bleibt. Wer aber mit offenen Augen durch unsere Zeit geht, sieht mit Schrecken, daß dieser Besitz uns immer mehr verloren geht. Ein m i ß- verstandener Pazifismus, der die Erinne­rung an jene Jahre des Opferns und Sterbens aus dem Gedächtnis der jungen Menschen aus- tilgen will, wirtschaftliche N o t. die ma­terielle Gegensätzlichkeiten immer stärker hervor­treten läßt. Zersetzung des öffentlichen Lebens durch mißtönenden und irregeleiteten Par­te i e n st r e i t führt bei uns zu einer Abtötung jenes schwer errungenen Einheits- und Verant­wortungsbewußtseins. führt schließlich zu einer Atomisierung der Nation, an der nationaler Le­bens- und Widerstandswille sterben muß. Drüben aber arbeitet man zäh und zielbewußt auf den durch Traditon geheiligten und durch Erfolg be­währten Bohnen an der Erziehung des jungen englischen Menschen zum Staatsbürger. Man schafft so in den Zeiten, in denen das englische Imperium die vielleicht schwerste Krise seiner Geschichte du« chrnacht, eine Führerschicht, die den festen Kitt darstellen wird, durch den das eng­lische Weltreich bei aller Lockerung der ver­fassungsmäßigen Bindungen doch zusammenge­halten werden wird. Man kann sich dem Eindruck nicht verschließen, daß in Deutschland das Be­wußtsein von der Ausgabe, den jungen deut­schen Menschen in ihren Studienjahren nicht nur Wissen z u vermitteln, sondern sie z u Staatsbürgern z u erziehen, noch längst nicht in hinreichendem Maße Gemeingut der Nation und der verantwortlichen Stellen geworden ist. Wäre es nicht an der Zeit, einmal zu prüfen, was wir in dieser Hinsicht von England lernen könnten?

Kunst und Wissenschaft.

100 Jahre Frankfurter Kunstverein.

Vor einer kleinen Gemeinde von Künstlern und Kunstfreunden sowie von Vertretern der

Dämonen der Jeii.

Vornan von Arthur Brausewetter.

36 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

ilnb indem er den Rauch feiner Zigarre aus den seinen Na enfiügcln blies:Ich kann mich kurz sausen. Mein Leben verlief bis zu meinem fünfzigsten Jahre in durchaus geordneten Dah­nen. Bis mich an der Schwelle des Alters eine heiße Leidenschaft zu einer Frau erfaßte, die sich meinetwegen scheiden ließ und mich nach einer fünfjährigen Ehe, in der ich mich unsäglich glück- lieh träumte, betrog, tote sie ihren ersten Mann betrogen hatte. Ich zog mich hierher in diese Di.la zurück, verbannte jedes weibliche Wesen aus meinem Gesichtskreise und lebte nur meiner Aroeit und wäre gestern, wenn Sie nicht die Liebenswürdigkeit gehabt hätten, es zu verhin­dern, sehr ruhigen Herzens von bannen gegan­gen.

Also hätte ich Jh r?n kaum einen Dienst er- wiesen

Sie dürfen mich nicht undankbar schelten. Es ist mir diesmal wohl wie so manchem anderen ergangen: steht man erst einmal an der großen Meeresenge, dann denkt man über Wert und Un­wert des Lebens vielleicht ein wenig anders als von der ruhigen Warte philosophischen Betrach­tens. Das ist mir eigentlich so recht klar gewor­den. als ich gestern morgen die wenigen Worte an Sie schrieb und Sie zu mir bat. Denn diese Ditte hatte noch einen anderen Zweck, als nur über mein mehr oder minder verfehltes Leben zu plaudern."

Er blickte mit einem eigentümlichen Ausdruck auf die Fingerspitzen seiner schlanken Hand und fuhr dann fort:

..Da ich außer meinem Berliner einen recht umfangreichen Besitz in mehreren anderen Städten zu verwalten habe und deshalb oft wohl monate­lang auf Reisen bin. so suche ich schon seit ge­raumer Zeit nach einem Stellvertreter für mich. Run erzählten Sie mir gestern, daß Sie augen­blicklich ohne Tätigkeit sind. Darf ich aus diesem Umstand vielleicht die Hoffnung schöpfen. Sie dauernd für mein Unternehmen zu gewinnen? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich ent* Ichlietzen könnten, diese Frage in Erwägung zu ziehen."

Klaus war ebenso erstaunt als erfreut und mußte eine gewisse Mühe auf bieten. Herrn Heuchtwanger zu folgen, als er ihm jetzt seine Gedanken und Pläne näher auseinandersehte.

Vorläufig muß ich auf mehrere Monate ver­reisen. Das Weihnachtsfest verlebe ich nach alter Gewohnheit auf dem Gute eines entfernten Ver­wandten. Von dort aus habe ich mit wesent­lichen Veränderungen an einem größeren Ge­schäfte in Lielzen zu tun, an dem ich stark be­teiligt bin und das mit nicht unbedeutendem Landbesitz verbunden ist. Es wäre mir nun wertvoll, wenn Sie während der Zeit meiner Abwesenheit in meinem Hause wohnten und sich einer Reihe von Arbeiten unterzögen, die liegen» geblieben sind und erledigt werden müssen. Es tändelt sich vor allem um die Führung der Dücher, Vermögensverwaltung und andere An­gelegenheiten, die ich Ihnen gern anvertrauen möchte. Die Mahlzeiten nehmen Sie natürlich

in meinem Hause ein. Mein Koch und der alte Mohr sind ganz zu Ihrer Verfügung: auch wenn Sie zum Feste oder zu jeder anderen Zeit Besuch empfangen, ist alles dafür eingerichtet. Ich bin glücklich, mein Haus in so guten Händen zu wissen. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir den heutigen Abend und vielleicht auch den morgi­gen Tag noch schenken könnten, damit ich Sie in Ruhe einführen und alles mit Ihnen regeln kann: denn Ende dieser Woche gedenke ich zu reisen."

Wieder hatte ein neues Leben für Klaus in dem vornehm behaglichen Hause in der Tier­gartenstraße begonnen. Er arbeitete fleißig und gab sich in den vielen Mußestunden, die ihm blieben, den mancherlei Anregungen hin, die Berlin ihm bot.

Dann und wann war er auch mit Lotte Bern­hard zusammen. Lind mit jedem Male mtfjr freute er sich an der frohen und unbeirrten ür» sprünglichkeit dieses Mädchens, vor allem an ihrer Tapferkeit. Denn er wußte genau, daß sie, mit Ausnahme von einigen Paketen, so gut wie nichts von Hause bekam, sondern nur von Nachhilfestunden lebte, die sie, soweit sie es mit ihrem zum Abschluß sich neigenden Studium irgend vereinen konnte, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in allen möglichen Häusern gab. Sie aber war immer froh und guter Dinge.

Oft konnte ihre Fröhlichkeit bis zur Ausge­lassenheit steigen. Eine blühende Sinnlichkeit war dann in ihr. eine unbekümmerte und unver­schleierte Lebenslust, die die ganze Welt hätte umarmen können.

In solchen Augenblicken fühlte er den Alters­unterschied zwischen ihnen, wurde nur um so ernster und ließ sich auch durch ihre prickelnden Neckereien nicht aus seiner Zurückhaltung heraus­bringen.

Dann wieder konnte er mit ihr über alle die Dinge, die ihnen am Herzen lagen, sprechen wie mit keinem anderen Menschen, freute sich ihres klugen und zutreffenden Urteils, ihrer gesunden und von jeder Sentimentalität freien Anschauun- oen über Dinge und Menschen.

Einmal hatte sie ihm gesagt, daß sie, wenn sie es irgend möglich machen könnte, zum Feste nach Hause fahren wollte. Ein Weihnachten ohne das alte Pfarrhaus und die Andacht des Vaters unter dem Tannenbaum, den er selber aus dem Walde holte und ganz allein schmückte, könnte sie sich nicht vorstellen.

Nun aber schienen sich doch allerlei Schwie­rigkeiten ihrer Reise entgegengesetzt zu haben, denn an einem Abend kurz vor dem Feste, als sie zusammen in den Vortrag eines berühmten Weltreisenden gingen, erklärte sie. daß sie in Berlin bleiben mühte.

Das tut mir Ihretwegen leid... wirklich auf­richtig leid. Fräulein Lotte," erwiderte er: es herrichte zwischen ihnen ein kameradschaftlicher Ton, und er nannte sie längst bei ihrem Vor­namen. Für mich aber ist es eine große Freude, das können Sie sich wohl denken. Dann kommen Sie eben zu mir.

Zu Ihnen?"

Nun, wo denn anders hin? Herr Feucht- toanger schrieb mir gestern erst, daß ich mir das Weihnachtsfest so behaglich wie möglich in seinem Hause machen und mir, wen ich lieb hätte, dazu einladen sollte. Ich weiß nun zwar nicht, wen

staatlichen und städtischen Behörden fand am Freitag in den Ausstellungsräumen des Fran k- furtcr Kun st Vereins eine akademische Feier aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens des Frankfurter Kunstvereins von 1829 sowie anschließend die Eröffnung der Frank­furter Jubiläums - Ausstellung statt. Justizrat Dr. R o e d i g e r. Vorsitzender des Vcrwaltungs- rats des Frankfurter Kunstvereins, hieß die kleine Versammlung herzlich willkommen und gab in eineck Ansprache einen ileberblid über das Entstehen und Werden des Vereins. Er kenn­zeichnete die Zeiterscheinungen vor hundert Jah­ren. die - saft die gleichen wie heute dazu

führten, daß Frankfurter Künstler eine Gemein* schast gründeten, um miteinander die schweren wirtschaftlichen und seelischen Nöte der damaligen Zeit zu überwinden. Er schilderte dann das Wachsen und Gedeihen des Vereins in späteren Jahrzehnten und schloß mit der Mahnung an Freunde und Gönner des Vereins, die lebende Generation durch tatkräftige Unterstützung wah­rer und echter Kunst vor geistiger Verflachung zu bewahren. Die Jubiläums-Ausstellung, von über 100 Künstlern beschickt, bietet einen um­fassenden Uederblick über das gegenwärtige Frankfurter Kunstschaffen.

Wirtschaft.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Die freundlichere Stimmung, die zum Schluß der vergangenen Woche eingetreten war, konnte sich nicht halten, denn es waren wieder neue Unsicherheitsfaktoren vorhanden, von denen sich die Börse nachteilig beeinflussen ließ. Dor allem waren es Abgaben in Mannesmann- Aktien. die man sich nicht erklären konnte: diese veranlaßten die Spekulation, auch auf anderen Marktgebieten zu Abgaben zu schreiten. Aber auch der unbefriedigende Bericht des Kohlensyn­dikats und die verschlechterten Börsenverhältnisse in Neuyork waren nicht dazu angetan, eine Besserung herbeizusühren. Aber dies war noch nicht von ausschlaggebender Bedeutung: viel­mehr hatte man sich über diese Dinge bald beru­higt, doch verschlechterte sich das Gesamtbild der Börse immer mehr, da wieder Material in Glanzstofsaktien in erheblichem Umsange an den Markt kam, was einen deprimierenden Ein­druck hinterließ. Die Kulisse schritt, veranlaßt hierdurch, auf den übrigen Märkten zu Abgaben, und es ergaben sich zu Anfang der Woche teil­weise ganz beträchtliche Abschwächungen. Doch versuchte die Börse, sich von diesem Druck frei­zumachen, was ihr zum Teil gelang, denn es war, wenn man von den Dorgängen am Glanz­stoffmarkt absieht, eine gewisse Beruhigung fest­zustellen. Die Stimmung war wieder zuversicht­licher : denn einige günstige Momente wurden in den Vordergrund geschoben und fanden bei zunehmendem Optimismus Widerhall. Das Ge­schäft konnte aber in der ganzen Woche hindurch kein größeres Ausmaß annehmen, da erstens Aufträge fehlten, und zweitens ein ge­wisser Druck nicht zu verkennen war. Doch genügten schon kleinste Abschlüsse, um ein An­ziehen der Kurse zu bewerkstelligen. Spezialwerte traten jedoch etwas mehr hervor und konnten teilweise ganz beträchtliche Gewinne erzielen. Ab­gaben waren faum mehr zu bemerken, viel­mehr fonntc man einige Interventionen von Großbankseite feststellen. Auch soll das Aus­land vereinzelt wieder einiges Interesse bekundet haben. Die allgemeine Lage ist nicht mehr so gespannt, was auf eine zunehmende Linterneh-

er damit meinte, aber fast möchte ich vermuten, er hat dabei an Sie gedacht. Denn er fügte hinzu, ich möchte die Kiste, die er an mich senden würde, erst am Heiligen Abend öffnen, und für seine junge, schlanke Retterin ja. so schrieb er. ich werde es Ihnen vorlesen wäre auch etwas dabei. Und wenn der alte Mohr den Weihnachtsbaum auch nicht so schön aussuchen und putzen wird, wie Ihr Vater, es wird doch weihnachtlich bei uns sein glauben Sie nicht?"

Mit Ihnen ... so ganz allein ..

Sie sagte es. ohne ihn anzusehen... leise und langsam.

In demselben Augenblicke war etwas zwischen sie getreten, was bis dahin nicht gewesen war.

Sie können ganz ruhig sein."

Ohne daß sie es recht gemerkt hatten, waren sie bereits in den großen Vorraum eingetreten, der zu dem Vortragssaal führte. Helles Licht um- flutete sie, und aus den Garderoben und von den Treppen her strömten die Menschen zu­sammen.

In dem Empfangszimmer der Tiergartenvilla brannte der Weihnachtsbaum. Die elektrischen Flammen waren ausgeschaltet, und nur die Ker­zen der dichtgewachsenen dunklen Tanne breiteten ihren gedämpften Glanz über die mancherlei Gaben, die auf der mit blendend weißem Lin­nen bedeckten Tafel lagen.

Mit großer Zartheit hatte der alte Herr so­wohl für Klaus wie für Lotte allerlei Schönes und Nützliches ausgewählt.

Nun saßen sie bei einem Glase Wein. Lotte begab sich an den Flügel und spielte die alten schönen Weihnachtslieder. Doll schöner Harmonie verlief dieser Abend.

Die folgenden Tage verlebte Klaus allein.

Aber zum Silvesterabend fanden sie sich wieder in der Tiergartenvilla zusammen.

Aber wunderbar diesmal wollte eine rechte Stimmung zwischen ihnen nicht aufkommen. Sie gaben sich beide die größte Mühe und fühlten um so mehr, daß es ihnen nicht gelang, den frü­heren unbefangenen Ton herzustellen.

Dann aber brachte der alte Mohr auf das besondere Geheiß seines Herrn eine Flasche Sekt. Lind die wirkte wie eine Erlösung, machte das Band der Zunge frei und entfesselte lustige Geister.

Lotte erzählte, rückwärts in den Sessel ge­lehnt und von den Süßigkeiten knabbernd, die auf einem kleinen Tische vor ihr standen, von ihrer Kindheit im Altfelder Pfarrhause, von Eltern und Geschwistern, von ihren Studenten­jahren in Halle und allerlei unschuldigen Streichen.

Eine wundervolle Traulichkeit herrschte in dem Zimmer: nur die hohe Schreibtischlampe unter dem dunkelgelben Schirm brannte und verbreitete ein wohlig gedämpftes Licht. Lind dennoch war eine gewisse Linruhe über sie gekommen: sie wechselte sehr oft die Stellung, fuhr mit der feingeformten Hand über Gesicht und Haar, an dem sie fortwährend zu ordnen hatte, atmete einige Male tief auf. und wenn sich ihre Blicke trafen, dann irrte ihr Auge schnell und mit leisem Erschrecken über ihn hin fort.

Sie hatte aufgehört, zu erzählen. Eine Weile saßen sie schweigend zusammen, bann lehnte sie sich in die Polster zurück und sagte, wiederum

mungslust bei der Spekulation zurückzuführen war. Gegen Ende der Woche war man jedoch wieder enttäuscht, da erneut große Posten in Glanz st offaktien an den Markt kamen. Eine hierdurch hervorgerufene Verstim- mung, die durch die nähere Betrachtung des Linieprospektes hervorgerusen wurde, griff wie­der in stärkerem Maße um sich. Die allgemeine Tendenz wurde, hiervon ausgehend, ungünstig beeinflußt. Tie neu geschaffene Lage änderte sich jedoch bald wieder: denn man sah nicht ein, daß man sich immer wieder von der schwankenden Deranlagung des Glanzstossinarktes beeinflussen lassen soll. Man konnte auch sofort bemerken, daß wieder Rückdeckungen vorgenommen wurden, und die entstandenen Verluste wurden wieder ausgeglichen. Nur Glanz st offaktien, ob* wohl dieses Papier auch zwischendurch eine Besse­rung erfuhr, hatten trotzdem einen Rekord- Verlust von 37 Prozent aufzuweisen. Die Entlastung des Reichsbankinstituts nach dem in dieser Woche erschienenen Ausweis fand An­klang. Eine gewisse Llnsicherheit war aber doch nicht zu verkennen: denn die Vorgänge blieben wie ein Gespenst im Hintergründe bestehen. Die Börse unterlag größeren Schwankungen, doch wurden die Verluste immer wieder ausgeglichen, teilweise ergaben sich sogar, bei einem Vergleich gegenüber den Kursen der vergangenen Woche, Gewinne bis zu 4 Prozent. Nur Norddeutscher Lloyd waren angeboten und bis 3 Prozent schwächer. Etwas in den Vordergrund traten Kaliwerte, doch büßten diese die Gewinne, wenn man die zwischendurch eingetretene Verschlechte­rung in Betracht zieht, wieder ein. Auf den holländischen Auftrag an Stahlverein konnte die­ses Papier leicht anziehen. Am Farbenmarkte stimulierte die bevorstehende Einführung der Farbenaktie an der Amsterdamer Börse. Auch Autowerte hatten etwas lebhafteres Geschäft. Zum Wochenschluß war die Tendenz recht freundlich, zumal keine Veränderung der Londoner Diskontrate eintrat. Glanzstoffaktien konnten sich leicht bessern, doch wurde der niedrigste Stand nur wenig überschritten. Die Geldmarktverschlechterung in Neuyork machte kei­nen guten Eindruck, doch ist er auch nicht besorg­niserregend. Renten lagen still, zum Teil etwas

über ihn hinwegsehend:Es ist doch eigentlich wunderbar

Eine Blutwelle stieg in ihr Antlitz und färbte es vollends rot.

Was erscheint Ihnen wunderbar?"

Nun alles... dieser ti es stille Abend, das fremde Haus, die ganze Umgebung... und wir beide so ganz allein... von der weiten Welt wie abgeschnitten."

Ich finde es nicht wunderbar... ich finde es nur sehr schön."

Ja... schön ist es."

Lind das ist wohl begreiflich. Besonders für mich. Lange genug hgbe ich die Behaglichkeit eines solchen Heims Entbehrt, bin von dem Augen­blicke an, wo ich das eigene Haus verlassen mußte, in der Welt umhergeworsen... immer in der Fremde."

Sie sind doch so vielen Menschen begegnet, haben so manchem nahegestanden."

Aber es war alles nur vorübergehend, alles nur flüchtige Erscheinung. Eine eigentliche Be­friedigung habe ich höchstens auf dem Lande ge­funden. Aber das war doch auch nur für eine gewisse Zeit."

Vielleicht ist es mir nicht unähnlich gegangen. Denn so leicht, wie es sich ansieht, ist mein Leben auch nicht gewesen. Besonders hier in Berlin nicht."

Ich weiß es sehr Wohl," erwiderte er,auch wenn Sie es nicht aufkommen ließen. Lind nichts schließt Wohl so zusammen als das Gefühl des Fremdseins, wenn zwei es gemeinsam tragen.

Ja... es ist seltsam. Ich kenne Sie doch erst kurze Zeit, und wir sind noch gar nicht oft zusammengewesen. Aber ich fühle mich bei Ihnen so sicher und geborgen... so ganz zu Hause."

Ihre Blicke begegneten sich, irrten nicht mehr auseinander, hielten sich fest.

Don draußen her griffen die Hände der Nacht durch den nur halb geschlossenen Fenstervorhang. Ein heller Stern grüßte hinein.

Da stand er auf, beugte sich zu ihr hinüber, hob ihren Kopf, der leicht auf die Brust ge­sunken war.

Ein scheues Lächeln ging über ihr Antlitz, eine Sekunde schien sie willenlos, alles in ihr schien gelöst und voller Hingebung.

Mit einem Male sprang sie wie im jähen Er­wachen empor, streckte die beiden Arme wie ab­wehrend gegen ihn

..Vein ... nein ... zerstören Sie alt das Schöne nicht, das zwischen uns ist."

Zerstören? gab er schmerzlich erregt zurück, ich will es unzerstörbar machen."

Mieder huschte das verlorne Lächeln über ihr Vntlih. Aber als er sie an sich ziehen und küssen wollte, wich sie ihm aus.

3dj kann nicht, kann wirklich nicht," flüsterte fie, indem sie traurig den Kopf schüttelte.

Sie lieben einen anderen?"

-,2ch habe noch nie einen Mann geliebt. Wenn id> es aber einmal täte, dann würde ich es rück­haltlos tun, mit ganzer Seele... mit allem, toas ich habe. Lind davor habe ich eine so entsetz­liche Furcht.

Sie sprach, den Blick von ihm abgewandt, mit zagender, scheuer Stimme. Er fühlte, wie schwer lhr das Bekenntnis wurde, fühlte zugleich, daß es aus der Tiefe ihrer Seele kam.

(Fortsetzung folgt.)