Ausgabe 
21.8.1929
 
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Aus der Welt des Ulms

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Raum, Zeit und die aus ihnen resultierende Zahl sind für uns Menschen, die wir imEnd­lichen" befangen sind, die drei Begriffe, die uns die Unendlichkeit, die Ewigkeit repräsentieren. Begriffe, die so abstrakt erscheinen, und doch so tief mit unserem Leben, ja mit unserem Alltag verwurzelt sind, dah wir mit ihnen, als mit ganz bekannten Größen zu rechnen gelernt haben, und uns ihrer Unergründlichkeit kaum mehr bewußt werden.

Aber wenn wir versuchen, sie etwa irgendwie in eine den Sinnen zugängliche, künstlerische Gestalt zu bringen, erkennen wir beschämt die Grenzen eben dieser Sinne und werden uns be­wußt, daß es bisher nur sehr wenige, befrie­digende Möglichkeiten gab, sie mit den Mitteln irgendeiner Kunstform wahrnehmbar zu machen.

Wie in anderen Gebieten des Abstrakten und Irrealen hat aber auch hier der Film, dieser große Zauberer, versucht, seine seltsame Fähig­keit, Gedankliches und Begriffliches ins Konkrete zu transportieren, erfolgreich anzuwenden, und es ist ihm gelungen, sehr reizvolle Lösungen dieser schweren Aufgabe zu finden.

Seine räumliche Ungebundenheit, die es ihm erlaubt, die Unermeßlichkeit des Weltalls in die Begrenzcheit der Kamera einzufangen, findet ihre Parallele in seiner Beherrschung der Zeit, die er, durch Zeitlupe, Zeitraffer, vor allem aber durch die Technik der Montage und andere Hilfsmittel ganz nach seinem Belieben aus­schalten, wiederholen, zerlegen, verändern, ver­vielfachen kann, und die er insbesondere in ver­schiedenster Weise sichtbar werden lassen kann, so dah wir ihren Ablauf, ihr Fortschreiten un­mittelbar miterleben können.

Schon allein die Großaufnahme, dieses spezifische" Mittel filmisch-dramatischer Kunst, bietet Möglichkeiten, die an sich primitiv scheinen, aber trotzdem in ihrer Einfachheit schicksalhaft wirken können. So braucht es nur des langsam aber unerbittlich vorrückenden Zeigers einer Uhr im Großbild, wie wir es schon oft sahen, so beispielsweise in der unheilschwangeren Szene imPanzergewölb e", oder ebenso er­schreckend in dem Oswald schen EinakterD e r Se l b stm ö r d e r klu b", um und das Aäher- rücken einer Katastrophe fühlbar werden zu lassen. Während eine solche Wirkung aber auch eventuell im Bühnenbild dankbar wäre, indem

die Aufmerksamkeit des Zuschauers durch Unter­stützung von Wort und Gebärde des Darstellers zwangsläufig auf diesen einen Punkt gelenkt werden könnte, finden wir in anderen Verbild­lichungen des Zeitablaufs Wege begangen, deren rein filmische Eigenart faszinierend wirkt.

So zeigt man uns in dem Terra-FilmD e r Demütige und die Sängerin" die bei­den Hauptpersonen bei Beginn einer Szene vor einem hellodernden Kaminfeuer sitzen. 3m Schluh- bild der Szene ist der Kamin ausgebrannt und tot, ein Häuflein Asche ist von den mächtigen Holzscheitern übrig geblieben, und die stunden­lange Dauer der Handlung (einer Deichte) ergibt sich ohne Wort oder Zwischentext von sell>st.

Aehnlich ist es auch in ChaplinsGold­rausch", wo Charlie in seiner Hütte einen Festtisch für seine Gäste errichtet hat. Dicke Kerzen zieren ihn, und in erwartungsvoller Freude zündet Charlie sie zur festgesetzten Stunde an. Er wartet und wartet, schläft ein und träumt, und endlich finden wir ihn traurig vor den inzwischen gänzlich niedergebrannten Stümpfen wieder, die gleichsam seine niedergebrannten Hoffnungen symbolisieren. (Das musikalische Zwi­schenspiel vom zweiten zum dritten Akt der Puccini-OperMadame Butterfly", der das erschütternde Warten auf den Geliebten während einer ganzen Aacht schildert, und das daran anschließende Bild beim Aufgehen des Vorhangs bildet hiefür ein bühnengemähes Ge­genstück !)

3n dem famosen Lubitsch - LustspielDas verbotene Paradies" wohnen wir dem Liebesmahl eines Garderegiments bei. Geschäftige Ordonnanzen eilen hin und her, Sektflaschen werden entkorkt, und die Stöpsel in einen riesigen Kübel geworfen. Vereinzelt sehen wir sie anfangs auf den Boden des Gesäßes fallen. Die Hand­lung geht weiter und als Abschluß erscheint wieder das Bild des jetzt von Korken über­füllten Eimers, die auch noch haufenweise als Zeugen dieser durchzrchten Aacht um ihn Herum­liegen. Keine Uhr, kein Text könnte mit der­artiger Eindringlichkeit die verflossenen Stun­den markieren, wie es dieses Bild tat.

Ein besonders hübsches Beispiel bot ferner etke Szene des FilmsDer letzte Walze r. 3n einem Wassertopf sollen ein paar Eier ge­sotten werden. Aber ihr glücklicher Besitzer ergibt

sich einem intensiven Flirt mit einer hübschen jungen Dame, die es aus wichtigen Gründen darauf anlegt, ihn die Zeit vergessen zu lassen. Wir sehen in verschiedenen Teilbildfolgen, wie das Wasser immer mehr verdampft, wie zum Schluß keines mehr im Topf ist, wie trotzdem die Flamme weiterbrennt, und endlich die Eier mit einem fasthörbaren" Knall zerplatzen! und erst durch dieses Geräusch wird der Mann aus seiner Versunkenheit aufgeschreckt, und die Wirk­lichkeit einer zeitlich versäumten Pflicht kommt ihm zum Bewußtsein. 3n dem Grüne- Film Die Brüder Schellenberg" wird sogar das Wagnis unternommen, ohne Dildwechsel das Verstreichen einer ganzen, langen, schicksalsschwe­ren Aacht z r zeigen. Zusammengebrochen kniet der Mann an der Leiche der von ihm.getöteten, geliebten Frau. Aur zwei Kerzenleuchter er­hellen den in Aacht getauchten Raum, und als er endlich den Kopf wieder hebt, weil das erste Tageslicht ins Zimmer tritt, sind einige Strähnen von dem dunklen Haare schneeweiß geworden, und geistige Aacht hat sich über den harten Willensmenschen gesenkt. Das Spiel des Darstellers (Conrad V e i d t), im Verein mit den technischen Mitteln der Beleuchtung und Lleber- blendung, ergaben hier einen Zeiteindruck von wahrhaft ergreifender Wirkung. Auch der Terra- FilmHeimweh" zeigt eine durchaus origi­nelle Lösung des Problems. Er spielt im Milieu der russischen adligen Emigranten in Paris. Aur durch den allmählichen Verkauf ihrer Hab­seligkeiten können diese Flüchtlinge ihr Leben fristen. Anfänglich sind sie noch im Besitz reicher Mittel, eleganter Garderobe usw., aber das reicht nicht lang, und es kommt der Tag, an dem das erste Schmuckstück veräußert werden muß. Aus der geöffneten Schmuckkassette (in Groß­aufnahme) entnehmen zitternde Frauenhände zum letztenmal ein Diadem.

Die Zeit verrinnt, und in einem späteren Bild blicken wir abermals in die geöffnete Kassette, in der nun lediglich noch vier kostbare Ringe liegen. Vor unseren Augen lost sich lang­sam ein Ring nach dem anderen in Aichts auf, bis die Kassette leer ist, und dann erst sehen wir wieder die Darsteller, an deren Kleidung, Erscheinung und ilmtoelt erkennbar wird, wie sehr sich in der Zwischenzeit ihre Verhältnisse zum schletzteren verändert haben.

Das unerbittlich eherne Schicksal, das in den mitleidslos verrinnenden Minuten einer Ab­schiedsstunde sich offenbart, haben wir im Schwarzen Engel" in seltener Plastik er­lebt. Der junge Offizier muß in den Krieg ziehen, und nimmt Abschied von seiner Braut. 3n schmerzlich seliger Selbstvergessenheit verleben sie die letzten gemeinsamen Augenblicke, aber immer wieder erscheint zwischen ihnen das schla­gende Pendel einer nicht sichtbaren Uhr, das hier seiner Zweckbestimmung entkleidet schien, und zum schicksalmähigen Symbol der Zeit an sich wurde.

Endlich sei noch der sehr eigenartigen Verbild­lichung gedacht, durch die in einem älteren Film, ich glaube es war HauptmannsPhan- t o m", das Abbüßen einer langen Zuchthaus­strafe gezrigt wurde.

Der Delinquent schritt in einen langen, finste­ren Gang, dessen Ende man nicht sah, und verschwand darin, er war für die Welt tot und verschwunden. Dann erschien das andere Ende des Ganges, und aus unendlicher schwar­zer Tiefe schritt langsam der gleichsam nach endloser Wanderung nun der Freiheit Wieder­gegebene dem Lichte zu: eine stimmungsvolle und beziehungsvolle Allegoriel

Und so gibt es noch mannigfache Wege für die so junge Filmkunst, um irrationale Begriffe durch das Medium des Auges in unser Bewußtsein zu leiten, und das gedankenschwere Wort des Gur- nomanz aus Wagners Parsifal-Dichtung müßte hier in einer sinngemäßen Variante lauten:Du siehst mein Sohn, zum Bild (statt Raum") wird hier die Zeit!"

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er darf nichtlediglich der Leichtfertigkeit und der Frivolität" entspringen, denn das würde einer laxen Auffassung der Ehe" Vorschub leisten. Das deutsche Ansehen toütbe durch Filme ge­fährdet, wenn sie gegen die nationale Ehre verstoßen oder durch wahrheitswidrige Darstel­lung deutscher Geschehnisse das Ansehen Deutsch­lands herabsehen. Auch andere Rationen dürfen nicht bewußt verletzend oder würdelos geschildert werden, so daß der Zuschauer dazu verleitet wird, diesem Volk als Ganzem die Achtung zu ver­sagen. Es muß sich hierbei aber immer um die Gefährdung politischer, nicht auch anderer Be­ziehungen handeln. Auf eine übertriebene Empfindlichkeit fremder Staaten Rücksicht zu nehmen, ist aber nicht der Zweck des Gesetzes.

Jährlich gelangen zwei Millionen Film­meter zur Vorlage an die Prüfstellen und noch ebensoviele Plakate und Photos, die zum öffent­lichen Aushang bestimmt sind und amtlich ab­gestempelt sein müssen. Wenn man hört, daß schließlich noch eine halbe Million Zensurkarten mit dem Stempel versehen werden müssen, so kann man sich denken, daß eine solche Arbeit nur durch elektrische Maschinen geleistet werden kann. B. D.

werden kann. Wird dagegen eine solche Handlung in den Bereich des Möglichen und Aachahmbaren gerückt, so kann sie verboten werden. Selbstver­ständlich brauchen sich solche Verbote, hier wie überhaupt, nicht auf den ganzen Film zu be­ziehen, sie betreffen oft nur einige Meter Streifen. Auch darf der Film nicht entsittlichend wirken. Hierhin gehören Verbrecher- und Detek­tiv-Filme, bei denen der Verbrecher verherr­licht und seine Tat als Selbstzweck gepriesen wird. Anderseits aber ist die Verwendung jeg­lichen Milieus zum dramatischen Filmaufbau durchaus zugelassen, aber es darf z. D. das Dirnenleben nicht als etwas Angenehmes und einfach Abzulegendes dargestellt werden, es darf also nicht verschönt, sondern muß in allen seinen sozialen und ethischen Gefahren gezeigt werden. Dagegen ist die Darstellung des A a ck t e n er­laubt, wenn sie nicht dazu angetan ist, Lüstern­heit zu erregen, wie das etwa bei Aackttänzen und Bauchtänzen geschieht. Besonderen Schuh genießt die Ehe. Zwar werden Ehebruch, Zer­würfnis, Scheidung und Wiederwersöhnung als Motive anerkannt, und auch ihre possenhafte rasche Abwicklung im Lustspiel ist gestattet. Aber es wird gefordert, daß die Ehe und das Ehe­problem aufgerollt und ernsthaft vorgetragen werde! der Ehebruch muß innerlich motiviert sein,

Die Filmzensur und ihre Regeln. Was ist im Film verboten - was ist erlaubt?

Das Internationale Institut für Lehrfilmwesen zu Rom legt soeben die erste Aummer ihres Organs, derInternationalen Lehrfilmschau", vor, die von jetzt an monatlich erscheinen und über alle Fortschritte auf dem einschlägigen Ge­biet berichten soll. In diesem Heft, das durch eine im weitesten Sinne internationale Mitarbeit zu­stande gekommen ist, berichtet auch Dr. Ernst See­ger, der Leiter der Derlin-Film-Oberprüfstelle, über die Aormen, nach denen die deutsche Filmzensur verfährt. Bekanntlich bestimmt die Reichsverfassung in Artikel 118:Eine Zensur findet nicht statt, doch können für Lichtspiele durch Gesetz abweichende Bestimmungen getroffen werden." Auf Grund dieser Bestimmung entstand das Reichslichtspielgeseh vom 12 Mac 1920; es ist das einzige in Deutschland bestehende Zensurgesetz.

Der Filmzensur unterliegen bekanntlich alle in Deutschland erzeugten und in den Verkehr kom­menden Filme, gleichgültig, ob die Vorführung auch nur im Ausland beabsichtigt ist: sie wird von den Prüfstellen in Berlin und München aus­geübt, deren Entscheidungen für ganz Deutschland gelten. Die Filmzensur ist eine Volkszensur, das bedeutet, daß sich die einzelnen Prüfkam­mern aus fünf Laien mit einem beamteten Vor­sitzenden zusammensehen. Die Gründe, die zum Verbot eines Films führen können, sind in; deutschen Lichtspielgeseh begrifflich genau festge- legt, und diese Begriffe sind durch die achtjährige Tätigkeit der Prüfstellen zu festen Aormen um- gewandelt worden, von denen hier einige inter­essante mitgeteilt seien.

Als gegen Ordnung und Sicherheit verstoßend werden Filme verboten, wenn durch sie die Gefahr einer Störung der öffent­lichen Ordnung und deren Sicherheit gegeben ist. Unterlagt ist alles, was den Staat gefährdet,' die Klassen gegeneinander aufreizt oder auch nur bestimmte Berufe verächtlich macht. Dagegen darf einem Tendenzfilm wegen seiner politischen, ethischen oder sozialen Tendenz als solcher die Genehmigung nicht versagt werden. Dabei kann auf die anormale seelische Verfassung einzelner Zuschauer keine Rücksicht genommen werden, es gilt vielmehr auch hier dernormale Mensch" als Maßstab. Verboten ist grundsätzlich die fil- mische Darstellung der Hypnose, wenn sie zur Übertretung der Bestimmung anreizt, die eine öffentliche spiritistische Betätigung in Deutschland unter Strafe stellt. Rechtspflege und Polizei genießen besonderen Schuh. Es darf kein Film den Eindruck erwecken, als urteilten die Gerichte parteiisch oder oberflächlich, die Polizei darf sich nicht bei Verfolgung eines Verbrechers trottelhaft benehmen, der Verbrecher darf nicht der üeberlegene fein. Hierbei macht es jedoch einen Unterschied, ob die Polizei die deutsche oder eine ausländische ist. Einige fremde Uniformen verändern schon den ganzen Sachverhalt I

Verboten sind alle Religionsverletzun- g e n und Gotteslästerungen. Hierunter fällt auch jede entstellende Wiedergabe kirchlicher Gebräuche und Einrichtungen. Aber auch die Aufnahme einesgefallenen Mädchens" in ein Kloster wird als die Verletzung des religiösen Empfindens angesprochen. Das Erscheinen eines Priesters auf einem Maskenball kann verschieden beurteilt wer­den. Alles Verrohende ist untersagt. Die Dar­stellung eines Stierkampfes ist erlaubt, da seine Vorgänge nicht auchsubjektiv verrohend" sind, sondern vielmehr dazu dienen werden, den deut­schen Beschauer abzuschrecken. Aber es können solche an sich nicht vorhandenen Wirkungen durch die Ausführlichkeit der Aufnahmen verstärkt wer­den. Sensationen verrohen nicht, wenn es sich nur um sportliche oder artistische Leistungen han­delt. Die amerikanische Groteske kann an sichsubjektiv verrohende" Vorgänge ent­halten, deren Wirkung durch die gänzliche Un­wahrscheinlichkeit der Handlung oder die Unmög­lichkeit der Aachahmung wiederum aufgehoben

Zeitablauf im Film

Von £. v. Seuffert.

Hollywood bei Nacht.

Von Erika Mann.

Hier äußert sich Thomas Manns Tochter über ihre Eindrücke im amerika­nischen Filmzentrum.

In Hollywood ist es bei Aacht so still wie in München. Aach 11 Uhr gibt es auf der Straße feinen Menschen mehr, kaum ein Auto, keinen Hund. Die, die im Kino waren (wie sind die Kinos schön, eines ägyptisch, eines chinesisch zu­rechtgeputzt, Quellen rieseln im Vorhof, Türm­chen nicken, Girlö bieten, orientalisch ver­mummt, Programmhefte feil, ganz genau so hat jener populäre kleine Moritz Asiens Tempel sich erträumt,hier sehn die Stare ihre Filmö!" steht lockend überm Portal), die Kinobesucher also sitzen schon daheim amfire- place" imcosy home, hören Radio aus Aeu- york, trinken, so-sie ausschweifend sind, ein wenig schlechten Gin dazu und nennen das ganze euphe­mistisch eineparty". Lokale, in denen man sich erlustiernen könnte, gibt es kaum. Da Alkohol offiziell nicht existiert, ist das offizielle Aacht- leben gestorben. Anderswo blüht dafür das in­offizielle ein wenig üppiger. Hier sind alle Leute abends so müde. Und am Morgen sollen sie doch wieder schmuck und glatt vor der Kamera stehen. AufParties (mit Gin und Radio) trafen wir manchmal mit der wunderbar schönen Greta Garbo zusammen. Sie sah bann irgendwo, mit zerzaustem Haar, gar nicht Primadonnenhaft ge­kleidet und sagt mit der tiefen Stimme und dem netten nordischen Akzent betrübt vor sich hin, daß sie sofuurrschtbar müde" sei. Anderes habe ich kaum jemals von ihr gehört.

Bei Emil Iannings hatten wir es fein. Dort waren kluge Leute und nette Leute und schöne Leute (ganz zu schweigen davon, wie klug, nett und schön Emil und Gussh*) selber sind), und dort gab es etwas tote eineangeregte Gesellig­keit". Auch bei Ludwig Berger, auch bei Conny Veidt. Aber sonst? Alles ist ja so kompliziert und in kleine Gruppen geordnet dort:

j Gussy Holl, Emils Gemahlin.

die Deutschen treffen sich, die Ungarn kommen zusammen, die Amerikaner sehen einander, die Italiener haben ihre Gesellschaften. Aber nir­gends ist es weniger international, als in jenem bunt gemixten Hollywood. Zudem verkehren nur Leute einer Gagenllasse miteinander, und auf einem Fünftausend-die-Woche-Fest ist niemand anzutresfcn, der etwa nur fünfhundert verdiente. Daher kommt es, dah immer dieselben zusammen feiern und daß sie sich langweilen auf ihren Festen.

Manchmal begibt man sich nachMontmartre". Dort fpeist sich's relativ angenehm und originell und dorthin bittet man seine Gäste, so man kein eigenes Heim besitzt. Aber sonderbarer als dort ist es beiHenrys".

Alles was da hofft und wartet, sitzt des Abends beiHenrys" und zeigt sich, fein geschminkt, den Herren Direktoren und Agenten. DieGirls und dieVamps, die schönen jungen Liebhaber mit dem Einheitsbärtchen um die Lippen und die Intriganten, die Schurken. Eigentlich gehört Henrys" dem Charlie Chaplin. Aber davon merkt man wenig. Aur manchmal, wenn wir großes Glück hatten, sahen wir ihn dort sitzen, kleiner, grauhaariger, unauffälliger Herr mit Augen, von denen man glaubt, daß man sie er­kennen würde, auch wenn man nicht wüßte... doch da irrt man sich wohl.

Ich habe immer gefunden, daß es beiHenrys" melancholisch ist. Große Filmbörse, aber man muh Kaffee trinken dabei. Man zeigt es nicht, dah man nur wartet und hofft, man tut. als unterhalte man sich gut. Und es gibt so wenig Hoffnung. Sind sie nicht alle schön? Auf- z uf allen ist hier fast unmöglich. Späh, in Hannover verblüffend zu seinl In Hollywood fast unmöglich! Und die Herren, auf die es an­kommt, sind so unangenehm. Dagegen haben Berliner Theaterleute ja goldene Herzen I

Aein, wer vom Aachtleben was wissen will, der muh hinunter nach Los Angeles gehn, ins Mexikanerviertel ober nachChina- t v w n". In Hollywood ist es nachts so tot, wie in München, und das will doch etwas heihen.

Filmpanorama der Körperhöhle.

Bemerkenswerte Verbesserungen am Cystoskop.

Von Dr. med. Heinrich Lebenstein.

Die Verbindung von Technik und Medizin hat die ärztliche Wissenschaft in kurzer Zeit be­reits erheblich weitergeführt. Die Einführung der Röntgendiagnostrk und derRöntgen» bestraHlung bedeutete eine neue Etappe in der ärztlichen Heilbehandlung. Die Anwendung von Radio und Lautsprecher gelang bei Übertragung von Herztönen; kurzum von jeder technischen Neuerung und Erfindung sucht auch die Medizin zu profitieren. Allerdings wirkt sich das weniger aus therapeutischem als auf diagnostischem Ge­biet aus. Aber mit der verfeinerten Diagnostik ist es dem Arzt möglich, gefährliche Krankheiten frühzeitiger zu erkennen, oder sie differential- diagnostisch von ähnlichen Krankheitsbildern ab» zuschliehen. Das wirkt sich naturgemäß indi­rekt auf die therapeuthischen Mahnahmen zu» gunsten des Patienten aus.

Auch die Einführung des Films gelang der medizinischen Technik. Schon feit längerer Zeit gibt es Röntgenfilme, die es dem Arzt ermöglichen, den Bewegungsablauf zum Beispiel des Darms oder der Magenperistaltik genau zu verfolgen. Bei manchen Krankheitszuständen ist gerade die veränderte Bewegung mahgeb» ließ, die man bisher durch Funktionsprüfungen auf chemischem Wege nur mangelhaft kombinieren konnte. Qtber der Film hat den großen Aachteil, wie wohl jeder weih, der nur einmal vor der Leinwand gesessen hat, daß er nicht plastisch ist. Versuche mit plastischem Film sind allerdings gemacht und scheinen nach neueren amerikanischen Meldungen auch durchführbar zu sein. Doch selbst damit wäre der medizinischen Diagnostik nicht immer geholfen. Es bliebe immer nur der spezielle Ausschnitt einer Körperhöhle ober eines Organes im Blickfelde, der ja zufällig gesund und funktionstüchtig sein kann, während eine angrenzende, aber außerhalb des Blickfeldes liegende Partie erkrankt sein könnte. Was bisher fehlte, war der dem Panorama ähnliche ober besser noch gleichartige Einblick in die Körper­höhlen. Cs kam habet nicht auf den Bewegungs­

ablauf an, den zeigt ja der Röntgenfilm be­reits als auf den Einblick in das Organ.

Eine gewisse und durchaus nicht zu unter­schätzenden Einblicksmöglichkeit hat es in der Me­dizin bereits gegeben. Das Cystvskop, ein besonders eingerichteter Apvarat, ermöglicht schon jetzt eine relativ einfache und anschauliche Einsicht in die Harnblase. Durch ein dünneS Rohr, das in die Harnröhre eingeführt wird, und an dessen Ende ein kleines Lämpchen ange­bracht ist, wird gleichzeitig die Harnblase er­leuchtet und vermittels optischer Linsen betrachtet. Aber die Beleuchtungsmöglichkeit ist bei der Enge der Harnwege natürlich beschränkt und reicht ganz gewiß nicht zu Filmaufnahmen aus. Dem untersuchenden Arzt würde zwar gerade bei der Hamblase in der Regel fdyon mit dem Einblick durch das Cystoskop gedient sein, wenn er nur lange genug die Möglichkeit hätte, den Ablauf der Funktion innerhalb der Blase ver­folgen zu können. Das ist leider nicht ohne weiteres möglich, weil das Auge ermüdet unb schließlich auch der Patient der Schonung bedqrs.

Aunmehr ist es dem Berliner Professor Dr. S t u tz i n gelungen, zu diesem Cystoskop einen Zusahapparat zu konstruieren, mit dessen Hilfe- automatisch unb ähnlich wie bei dem Film­aufnahmeapparat Filmaufnahmen gemacht wer­ben, während das Cystoskop gleichzeitig eine langsame Drehung ausführt. Dadurch entstehen panoramaartige Filmaufnahmen aus dem In­nern der Körperhöhle, die ohne weiteres, ge­nau wie jeder andere Film vvrgesührt wer­den können. Das ermüdende Suchen und Be­obachten fällt damit fort. Den Studierenden wird ein Einblick in bas Körperinnere gewährt, der bisher nicht möglich war. Für die Erkenntnis der Funktion innerhalb der Blase, aber auch innerhalb der Bauchhöhle sind neue Möglich­keiten eröffnet.

Die auf diesem Wege auf genommenen Pa­noramabilder wurden bereits derDeutschen Kinotechnischen Gesellschaft" vorgesührt. Sie er­regten Aufsehen unb Bewunderung, weil sie in klarer, eintoanbfreier Photographie Vorgänge und Dinge innerhalb der Blase zeigten, tüe man mit dem bloßen Auge noch nicht aesehm hatte. Don der Ausdehnung dieser Erfindung auf andere Körperhöhlen erwartet die Wissen­schaft viel.

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