Ausgabe 
21.8.1929
 
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Nr. 195 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 2(. August 1929

Aber nachher, als Sie nun frei waren? Sie hatten doch als Kaufmann, wie Sie mir schrie­ben, schlechte Erfahrungen gemacht

Darf ich mir eine Gegenfrage gestatten: warum übernahmen Herr Oberst eine groß'Holz- sirma? Das Geschäft war früher wenigstens Herrn Obersten Sache nicht."

Teufel auch!" Der Alte war von seinem Sessel in die Höhe geschnellt, dunkelblau schwoll die Ader auf seiner Stirn an, heller und roter glühte das aufquellende Blut durch die kupferne Gcsichtshaut.Dumme Frage das! Ich muhte ... muß noch heute. Sie wissen: ich hatte Schulden. Mit meiner Pension konnte ich sie nicht tilgen. Sollte ich mit Frau und Kind ver­hungern... he?"

Gut. So erlauben mir Herr Oberst, dasselbe zu antworten: Ich muß muh noch heute."

Aber Sie waren frei und ungebunden. Sie hatten künstlerische Anlagen... auf der Geige waren Sie schon als Leutnant ein Meister. Warum, wenn Ihnen die weite Welt offen- stand, ließen Sie sich in Ketten legen?"

Als alles über mir zusammenbrach, ganz gewiß nicht vhne meine Schuld, galt es für mich, gutzumachen. Ich dachte an Sie, Herr Oberst, und daß ich, mußte ich jetzt ein Ange­stellter werden, unter niemandem so gerne ar­beiten tourte, tote unter Ihnen."

Unter, mir ... hm ... Sie werten unter einem anderen arbeiten als unter mir und er wird's Ihnen nicht leicht machen."

Ich hörte, ter Herr Oberst wäre ter In­haber dieser Firma."

Din ich. Aber man ist nicht immer, was man heißt, mein lieber Körber. Kaufmann ist gewiß etwas Gutes. Aber man muh dazu geboren fein, muh es im Blute haben verstehen Sie."

Er versuchte, ruhig zu sprechen. Aber es war ein eigentümliches Flackern in seiner Stimme. Und dasselbe Flackern zuckte aus den klugen braunen Augen, die früher einmal so herrschend und siegessicher in die Welt blickten und heute so tief, von schweren Schatten umkreist, in ihren Höhlen lagen.

Und nun gute Aacht. Ich habe noch einige Briefe zu diktieren. Rufen Sie mir Fräulein Fink."

Um acht Uhr wurde oben das Abendessen ein­genommen. Herr Faßbender speiste meistens im Klub und kam. wenn er nicht Sitzungen hatte oder liegengebliebene Sachen aufarbeiten mutzte, rwch für kurze Zeit nach dem Abendbrot heran. Heute hatte er sich aber entschuldigen lassen, toetl es nach dem Besuch ter Sägewerke und Holz- felter noch allerlei zu Hause zu tun gab.

(Fortsetzung folgt.)

Oberheffen.

Landkreis Gietzen.

g. Klein-Linden, 19. Aug. Der ®än< nergefangüercinArion -Älein^Smten (Mitglied des Deutschen- und Hessischen Sänger­bundes) unter dem Vorsitz von Gemeinterechner K Iung, beabsichtigt am 12., 13. und 14. Iuli 1930. anläßlich seines 40jährigen Bestehens ein größeres Sängerfest zu veranstalten. Er ist der jüngste Gesangverein, jedoch an Mitglieterzahl der stärkste Verein am Platze. Gesanglich- ist der Verein auf ter Höhe, was er seinem Ehrenchor- meister Konrad Rikolai au verdanken hat. Durch die Führung seines rührigen Vorsitzenden und durch die Harmonie, welche innerhalb tes Vereins herrscht, umfaßt ter Verein nunmehr rund 200 Mitglieder.

m Lollar, 19. Aug. Eine sehr alte und ehrwürdige Fahne kann der hiesige Ve­teranen- und Kriegerverern fern eigen nennen. Diese Fahne stammt aus dem Iahre 1742, ist festgestelltermatzen die älteste Krieger­ve reinsfahne tes Deutschen Reiches und dürfte überhaupt eine ter ältesten allgemein vorhande­nen, insbesondere ter noch im Dereinsbesitz befindlichen Fahnen sein. Runmehr hat sich in den letzten Tagen die Direktion tes Schlotz- museums in Darmstadt an den Verein mit einem Schreiben gewandt, in dem um Heberlassung leihweise oder Erwerb dieser Fahne nach­gesucht wurde. Der Vereinsvorstand hat sich in seiner jüngsten Sitzung mit dieser Angelegen­heit eingehend befaßt und beschlossen, zu­nächst in weitere Verhandlungen mit der Di­rektion tes Schlotzmuseums einzutreten. Rach Abschluß dieser Vorverhandlungen soll eine Ge­neralversammlung des Vereins endgültig ent­scheiden. _

sk. Reiskirchen. 19. Aug. In einem muster­haften Zustand befindet sich jetzt die große Der- kehrs st raheGiehen-Reiskirchen. Im vergangenen Iahr und in diesem Iahr wurde die Straße bis zum Bahnübergang zwischen hier und Großen-Buseck mit Kleinpflaster versehen, das Endstück bis zum Dorfeingang wurde mit Teerasphalt neu hergestellt. Die Arbeiten wurden in der letzten Woche zu Ente geführt, und in den nächsten Tagen wird die Straße wieder dem vollen Verkehr übergeben werten. Auch die Fort­setzung der Straße bis Grünberg ist im ver­gangenen und in diesem Iahr wiederholt geteert Worten und befindet sich in bestem Zustand.

4- Grünberg. 20. Aug. Am vergangenen Sonntag begingen die Sechzigjährigen eine Wiedersehensfeier. Die Zusammenkunft erstreckte sich auf die am 14. Mai 1883 (am -'wei­ten Pfingsttag) Konfirmierten. Am Morgen fand gemeinsamer Kirchgang statt, und der Geistliche, Dekan Schmidt, nahm in seiner Predigt über den Text: 1. Kor. 15, 10 Bez ig auf die Veran­staltung. Dann wurden Kränze an den Gräbern ter Lehrer nietergelegt, bei denen damals die Schulentlassung erfolgte (Lehrer Re uh an ter Volksschule und Lehrer Hamburger an ter Höheren Bürgerschule), desgleichen erfolgte eine Kranzniederlegung am Grabe des damals die Konfirmation leitenden Pfarrers Koch. Die eigentliche Feier fand in ter WirtschaftZum Taunus" statt. Der Anreger der Veranstaltung, Fabrikant Carl Repp, hielt die Begrüßungs­ansprache und gab dann bekannt, was er über die Altersgenossen und ihren Lebenslauf er­mittelt hatte. Weitere Ansprachen hielten Amt­mann Dörr aus Gießen und Kaufmann Brüggmann aus Kassel, die den Veranstal­tern den Dank für die Feier aussprachen. Eine photographische Aufnahme soll jedem Teilnehmer es waren 18 erschienen die Erinnerung

Haben wir Raum auf der Erde?

Ein Zufall will es, daß nach neuesten Berech­nungen gerate im Iahre 1929 genau 1929 Mil­lionen Menschen auf ter Erde wohnen. 2m Iahre 1800 waren es nicht ganz 900 Millionen, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß sich die Menschheit in hundert Iahren verdop­pelt. Zur Zeit vermehrt sich die Bevölkerung der Erde täglich um 50 000, jährlich um 18 Millio­nen Köpfe. In 10 Iahren werten mehr als 2000 Millionen Menschen auf unserem Planeten wandern, leben, und essen wollen! Langsam wird die Bevölkerungszuncchme zu einem Pro­blem, denn, wenn es so weitergeht und was spricht dagegen, daß es nicht so sein wird?, haben wir in hundert Iahren 4000 Millionen, und in 200 Iahren 8000 Millionen Menschen. Kriege und Seuchen sind nicht imstande, das Wachstum der Menschheit aufzuhalten, denn erstens ist die Zahl ter Toten immer recht gering zum Gesamtbestand, zweitens hat man immer die Beobachtung gemacht, daß die Ratur, bedacht ist, Ausfälle durch Geburtenvermehrung rasch wie­dergutzumachen.

Run haben aber die Rationalökonomen aus­gerechnet, daß die Erde im Höchstfälle imstande sei, 68000 Millionen Menschen zu ernähren. Wenn es mehr werden, was dann? Vielleicht wird man denken, wir brauchen uns darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, denn bis dahin sind wir, die wir heute leben, längst alle tot. Aber das Problem ist doch viel zu interessant, als daß es nicht mal aufgerollt werden mühte. Sehen wir uns die Erdteile an. Europa ist bei­nahe schon übervölkert und kann im Höchstfälle noch 120 Millionen aufnehmen, so daß es bei 600 Millionen Menschen in Ernährungsschwie­rigkeiten geraten würde. Asien kann auch nur noch 650 Millionen beherbergen, außer den 1700 Millionen, die es bereits hat. In Australien und der Südsee könnten vielleicht noch 400 Mil­lionen untergebracht werden, in Afrika sogar noch 2300 Millionen, und in Amerika 3100 Millionen. Run wird es aber immer so sein, daß nicht alle Gegenden der Welt gleichstark bevölkert sind, dazu sind die Lebensbedingungen

in den einzelnen Staaten, Erdteilen und Zonen zu verschieden. Es wird also ter Menschheit nichts anderes übrigbleiben, als sich im Laufe ter Zeit neue Gebiete fruchtbar zu machen und sich mit Hilfe allerlei technischer Mittel an die ver­schiedenen Klimawechsel zu gewöhnen. Holland trocknet seinen Zuitersee aus und gewinnt da­durch so viel Land, daß die Hälfte aller Hollän­der darauf wohnen konnte. In Frankreich spukt schon lange die Idee, mittels eines Kanals die unter dem Meeresspiegel liegende Wüste Sa­hara zu bewässern und fruchtbar zu machen. In Australien, Südamerika und Rordamerika kön­nen Millionen von Hektar dichten Hrwaldes ur­bar gemacht werden. Ganz Rordsibirien, das heute nutzlos daliegt, könnte mit Hilfe von Wärmespeichern Millionen von Menschen als Wohnplah dienen und, trotz der großen Kälte im Winter, während der Sommermonate als Weide­land dienstbar gemacht werden. Gewiß sind das große Projekte, an welche die heutige Mensch­heit noch nicht zu denken wagt, aber unsere Rachkommen werden sich damit beschäftigen müs­sen, wenn sie nicht verhungern wollen. Viel­leicht wird es auch einmal gelingen, ganz Grön­land, Alaska, die riesigen Inseln nördlich Ca- nada, am Ende gar den sechsten Erdteil am Süd­pol für dauernd bewohnbar zu machen? Vor 200 Iahren wäre jeder ausgelacht worden, der be­hauptet hätte, auf Island oder Spitzbergen könnten sich 12 Monate im Iahr Menschen hal­ten. Uni) heute geht es sehr gut. Gerade die Arktis bietet bei allen Gefahren doch unendliche Hilfsmittel. Die Eskimos sind die besten Esser der ganzen Erde 15 Pfund Lachs pro Mann und Mahlzeit ist nichts Besonderes, und doch leben sie alle, obwohl sie nur mit spärlichen Mitteln bei dem Fang nach Beute zu Werke gehen. Ietenfalls wird sich die Menschheit nach uns damit vertraut machen müssen, daß einmal 16 oder gar 32 Milliarden den Erdball bewoh­nen, und. für sie alle muß und wird gesorgt werten. Das Wie wird man aber denen über­lassen müssen, welche die Mittel und Wege fin­den müssen.

an diese Feier wachhalten. Aus Amerika war von zweien Altersgenossen Rachricht mit je einer Geldspende eingetroffen. Das Geld soll dem Verkehrsverein zur Anschaffung von Bänken überwiesen werten, die in den Anlagen zur Aufstellung gelangen und eine Erinnerungstafel an diese Feier tragen sollen.

z Grohen-Linden, 19. Aug. Unter dem Einfluß der hochsommerlichen Hitze ter letzten Tage ist das noch auf dem Halm stehende Som­mergetreide vollends gereift, so daß die Ernte­arbeiten bis auf geringe Ausnahmen bereits beendigt wurden. Von den diesjährigen Ernte­ergebnissen kann gesagt werden, daß die Roggen- emte gut ausgefallen ist, aber hinter den bor­jährigen Erträgen zurücksteht. Auch ter Weizen stand viel schlechter als im Vorjahre, während der Hafer und auch teilweise die Gerste recht gute Erträge brachte. Die Hackfrüchte stehen in Hinsicht auf die vorwiegend trockene Witterung verhältnismäßig gut, allerdings wären hier aus­giebige Riederschläge sehr vonnöten. Die geringen Kleetestände brachten wegen der Trockenheit un­befriedigende Erträge. Für die Grummet- ernte bestehen in feuchten Lagen sehr günstige Aussichten.

# Hungen, 18. Aug. Unser Städtchen ist reich an schönen Fachwerkbauten. In den letzten Iahren sind diese immer mehr zur Gel-

tung gekommen, als ter alte Verputz entfernt wurde. Es wäre zu wünschen, daß man sich wie in vielen cterhess. Städten, dczu entschiede, das Weck der alten Meister mit seinen Schnitzereien und Inschriften am kunstvoll aufgeschlagenen Holz­werk freizulassen und nicht zu übertünchen. In letzter Zeit ist unsere Stadt durch die Instand­setzung tes HausesZur Löw en grübe" um ein Stück malerischer Schönheit bereichert wor­den. Der Besitzer hat es durch Meisterhand erneuern lassen.

# Aus der nördlichen Wetterau, 19. Aug. Die Frühkartoffelernte ist jetzt in vollem Gange. Trotz ter wochenlangen Trocken­heit ist man mit dem Ertrag zufrieden. Auf tief­gründigen, gut bewirtschafteten Aeckern werden je Rormalmorgen 70 bis 80 Zentner geerntet. Die Preise sind in letzter Zeit dauernd zurück- gegangen. Gegenwärtig kostet der Zentner Früh­kartoffeln an Station 3,30 Mark. Infolge ter Grünfutterknappheit ist ter Preis für dies­jähriges Heu ungeheuer in die Höhe gegangen. Während vor zwei Iahren überhaupt keine Ab­satzmöglichkeit bestand, so daß ter Preis unter 2 Mark fiel, werden jetzt 6 bis 7 Mark für den Zentner süßes Heufutter geboten. In den Gärten macht sich die anhaltende Dürre sehr unangenehm bemerkbar. Rur da, wo täglich gegossen wird, zeigen Dohnen, Gurken und En­

divien einen guten Stand. Schlecht entwickeln sich vor allem sämtliche Kohlarten, so daß das Sauer­kraut zum Herbst knapp ausfallen wird. An dem Kraut treten vereinzelt die Raupen auf. Die Weinspaliere an den Wohnhäusern haben ich, soweit sie nicht völlig erfroren sind, gut von den Frosteinwirkungen erholt. Bereits beginnen sich die ersten Gescheine ter Frühburgunder' und derBlauen Gutetel" zu färben. Der Be­hang ist wieder sehr gut. Die Ernte tes Fruh- obstes hat begonnen. Obwohl der Ertrag unter mittel ist, sind die Preise verhältnismäßig gering. Für Aepsel, die hier und da etwas besser aus­gefallen sind, werten 12 Mark für den Zentner geboten. Für das Pfund Frühbirnen bieten die Händler ab Daum 8 bis 9 Pfennig.

Kreis Büdingen.

I! Düdingen, 20. Aug. Am Sonntag und Montag fand, von gutem Wetter begünstigt, das Düdinger Herb st schießen statt. Die beiden Ehrengaben, welche am Sonntag aus­geschossen wurden, erhielten Mehgermeister Lud- wig Scheid und Zugführer Karl Gaul. Auf der Dürgerscheibe erhielten Preise: 1. Ludwig Göckel, 2. Karl Gaul, 3. Wilh. Grün. 4. Ludw. Faust, 5. Hch. Schw arz, 6. Hch. Grün. 7. Mannagottera, 8. Herrn. Hof­meister, 9. Schühenmeister Kärcher, 10. Lud­wig Schön. Auf der Festscheibe: 1. Erich H a n- n c r, 2. Franz G.ö del, 3. Se. Durch!. Prinz Dieter, 4. Abr. Eu I au, 5. Adolf Link. 6. Iean Hensel, 7. Mannagottera, 8. Schützenmeister Schneider, 9. Ludw. S ch ei d. 10. Max Salomon. Auf der Glücksscheibe: 1. Mannagottera, 2. Ad. Link, 3. Karl D rächt, 4. Aug. Waltz, 5. Ludw. Göckel. 6. Mannagottera, 7. Baron Collas, 8. Schützenmeister Kärcher, 9. Baron C o l - las, 10. Wilh. Grün.

* Ridda, 20. Aug. In seiner letzten Ver­sammlung behandelte der Bezirkslehrer­verein Ridda die beabsichtigte Abänderung der Satzungen tes Hauptvereins und die Vor­schläge betreffs der Titelfrage ter Lehrpersonen an Volksschulen. Da in diesem Herbste 50 Iahre seit Gründung tes Bezirkslehrervereins Ridda verflossen sind, wurde eine bescheidene Feier des 5Ojährigen Bestehens tes Vereins beschlossen. Die Feier soll in Verbindung mit einer Fa­milienkonferenz am 7. September in ter hiesigen Turnhalle ftattfinten. Von den Gründern des Vereins lebt keiner mehr. Ferner wird der Hessische Lehrer-Turnverein am 21. September hier in ter Turnhalle seine dies­jährige Hauptversammlung abhalten, wobei inter­essante Vorträge und Vorführungen von Hebun­gen tes Darmstädter Lehrer-Turnvereins und einiger Schulklassen nach den gegenwärtigen An­forderungen des Schulturnens für Knaben und Mädchen ftattfinten werten.

+ Ortenberg, 18. Aug. Nach dem Beispiel unterer Gemeinden soll auch uniere Stadt ein Kriegerdenkmal bekommen. Heber die Höhe des Anschaffungswertes und den Standort ist noch nichts Räheres bekannt. Die Einnahmen eines im Gasthaus zur Post stattfindenden Kon­zertes find für den Denkmalfonds bestimmt.

Kreis Schotten.

-7- Schotten, 18. Aug. Die Vertreterver­sammlung desS änge rg ausD ogelsbe r g- Süd findet in diesem Iahre am 8. September in Ortenberg statt. Der Gau ist im Laufe tes Iahres auf 52 Vereine angewachsen. Da ter erste Vorsitzende, Lehrer Storck (Altenstadt) aus gesundheitlichen Rücksichten sein Amt nie­derlegte, hat eine Ersatzwahl stattzufinden. Die drei Plahvereine haben es übernommen, den geschäftlichen Teil ter Tagung mit ®efangVer­trägen zu umrahmen.

Dämonen der Zeit.

Vornan von Arthur Brausewetter.

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Run begab er sich zu den verschiedenen Pul­ten, stellte diese oder jene Frage, war sofort im Bilde und gab feine Anweisungen kurz und klar, aber stets freundlich und mit einem ge­wissen persönlichen Ton, der etwas Warmes und Wohltuendes hatte.

Eine längere Weile verhandelte er mit Herrn Pintscher, der alles Geschäftswidrige von sich gestreift hatte, wieder ganz Diensteifer war und doch vor Stolz und Freude glänzte, als der Alte ihn während der trockenen Besprechung eines eben ausgestellten Kostenanschlags für xiefem- schwellen nach dem Befinden seiner Mutter fragte, Die feit längerer Zeit bettlägerig war, und ihm dabei leise mit ter starkknochigen Hand über das gewellte Knabenhaar strich.

Klaus Körber hatte feinen englischen Bericht mitten im Satz abgebrochen. Die seltsam ge­spannte Erregung, die sich seiner beim Eintritt dieses ManneS bemächtigt hatte, auf den er jetzt schon Tag und Stunden geharrt, von dem er wenig und doch für sein aufmerksames Ohr genug des Hnbegreiflichen gehört, war zu groß, als daß sie ihn zu irgendeiner Arbeit fähig machte. Sein Auge hatte, über den schmalen Flur hinweg, durch die toeitgeöffnete Verbin­dungstür jeden Schritt des Alten begleitet. Keins der Worte, die er da drüben sowohl zu Dem gesamten Personal wie zu den einzelnen sprach, war ihm entgangen. Dabei fragte er sich unausgesetzt, wie ihn der Oberst, den er nun zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht sehen sollte, wohl begrüßen, welche Stellung er ihm gegenüber unter so völlig veränderten Verhält­nissen einnehmen würde.

Guten Abend, meine Damen, meine Herren", klang es da mit einem Male dicht neben ihm.

Guten Abend, Herr Oberst", tönte es wieder. Hnö dann streckte sich ihm ein muskulöser Arm entgegen.

Willkommen, mein lieber Körber."

Es war die warme, herzliche Stimme, wie er sie so manchmal vernommen, wenn sie nach an­strengendem Dienste in seinem oder einem ou­teten Hause, zum Liebesmahle im Kasino oder zum Dämmerschoppen am Donnerstagabend im Ratskeller sich trafen, wie er sie gehört da draußen im Schützengraben oder im schützenden Unterbaute, wenn man im Stabe beim stärken­den Glase Wein und ter qualmenden Tabak­pfeife traulich zusammensaß und gewiß nicht ahnte, daß man sich einmal ir engen Äontor­

räumen und an einem von (Briefen und Ge- schäftspapieren überreichen Pulte Wiederfinten würde.

Hnd doch war es nicht dasselbe mehr. Bei aller Wärme und Herzlichkeit war ein müder Klang in dieser Stimme, ein fremder Zug in diesem einmal so freien und offenen Antlitz.

Hnd wieder tauchten allerlei Fragen auf und gingen rätselschwer und lösungsuchend durch Klaus Körbers Seele, indes er inmitten der ange­spannt zuhörenden enteren allerlei nebensäch­liche, gleichgültige Worte mit dem einstmali­gen Kriegsiameraten tauschte. Dis dieser sich zu Herrn Rimmersatt wandte, der bereits ungeduldig und ungehalten über die ausfallende Bevorzu­gung, die der Chef einem neu eingestellten jungen Manne in feiner und des ganzen Personals Gegenwart zuteil werden ließ, einen ganzen Stoß von zu unterfertigenden Briefen und Tabellen mit ter nervös zitternden Hand raschelnd und knisternd auf dem Pulte ausbreitete und nun mit gewichtiger Stimme feinen Bericht erstat­tete:Ein längeres Schreiben an Robert Shmits in Liverpool: die Befrachtung und Lieferung der bestellten Eichenkloben ist noch in Arbeit: dann wäre noch auf die Offerte zu antworten, die Drockburry und Homes in Grimsby gestern mach­ten. Sowie Herr Körber die beiten Briefe fertig- gestellt hat, werten fie zur Hnterschrift vor­gelegt."

Gut, Herr Körber, Sie bringen fie mir nach­her in mein Kontor."

Da(s war wieder der kurze, straffe Defehls- ton, ter alles Perfönliche abgestreift, jede De- kanntschast verleugnet hatte, nur Amt und Ge- fchäft gelten lieh und die Kluft der Stellung ohne jede Absichtlichkeit wie etwas Selbstver­ständliches aufrichtete.

Mit geteilter Aufmerksamkeit und zwiespälti­gen Gedanken, aber doch mit eilender Feder ar­beitete Klaus Körber an feiner Korrespondenz, die ihm nicht leicht siel, weil fie feine erste gefchästliche Betätigung darstellte, und er vor den kritifchen Augen tes Obersten, der das Eng- lifche genau so, wenn nicht besser als er be­herrschte, Ehre einlegen wollte.

Mehreremal hatte sich der niedliche Blond­kopf neben ihm leise zu ihm hinübergeneigt, mehreremal die lustigen, nach einer Abwechslung dürstenden Augen ihn mit unbefangen heraus­forderndem Leuchten angeblickt, denn er war dem hübschen Kinde nach der herzlich kamerad­schaftlichen Begrüßung durch den Chef noch inter­essanter als von Anfang an geworden, ja, auch ein kurzes Gespräch über die neuesten Vorfüh­rungen in ten H. T., die er sich unbedingt an- sehcn müßte, hatte sie anzubändeln gesucht... vielleicht, wenn es gerade so paßte, würde sie auch noch einmal hingehen. Er hatte höflich,

ater ein wenig zerstreut und kurz geantwortet. Er konnte den Augenblick nicht abwarten, wo er in Reichenbachs Privatkonto:: treten und endlich einmal unter vier Augen mit ihm allein fein sollte.

Ater als er feine beiten Briefe an Herrn Rimmersatt abgab, ließ dieser sich Wort für Wort übersehen, feilte, klaubte an jedem Sah, jeder Redewendung herum und behandelte die ganze recht einfache und klare Angelegenheit mit einer so pedantischen Hmständlichkeit unb Heter- legenfjeit, daß er seine ganze Beherrschung auf- bieten mußte, mit dem subalternen Manne nicht gleich bei dieser ersten Gelegenheit aneinander zu geraten.

So war es recht spät geworden und außer Herrn Rimmersatt und dem Blondkopf in ihrer und Herrn Pintscher und Fräulein Heimmßen drüben in ter Buchhaltungsabteilung hatten alle anderen bereits das Geschäft verlassen, als er endlich an die Tür des Privatkontors in der Hängeetage klopfte.

Ties über den Tisch gebeugt, den massiven Körper wie einen Fiedelbogen über allerlei Akten und Entwürfe gekrümmt, saß der Alte, hob bei seinem Eintritt nut wenig den Kopf, ließ sich feine Schreiten wortlos reichen, durchflog fie, nickte e inigemal zustimmend, unterschrieb und 'gab sie ihm zurück, genau so, wie er es in frühe­ren Zeiten getan, wenn er einmal in Vertretung des Adjutanten die Regimentsschreiten zur Hnterfertigung vorzulegen hatte. Kein Stuhl tourte ihm geboten, nichts Persönliches gespro­chen oder gefragt man war im Dienste.

Klaus merkte es, mit kurzem, ehrerbietigem Gruß wollte er sich entfernen, ja, was er lange nicht getan und in ter bürgerlichen Gesellschaft für geschmacklos hielt: er schlug leicht die Hacken zusammen, und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er die Finger zur militärischen Ehren­bezeugung an die Stirn gelegt. Schon hatte er die Hand auf ter Türklinke, da rief ihn der Alte zurück.

Was ich Sie noch fragen wollte, lieber Kör­ber ja, sagen Sie mal: wie kamen Sie eigentlich daraus, diesen Beruf sich zu erwählen?" Herr Oberst wissen, daß ich, als mein Vater plötzlich starb, meinen landwirtschaftlichen Beruf aufgeben muhte, zu dem ich mich bereits auf einem großen Gute vorbereitete."

Hnd ten Sie liebgewannen?"

Der mir jedenfalls der einzig mögliche er­schien, nachdem ich nicht mehr Soldat fein durfte."

Ein Schmunzeln lief über das Gesicht des Alten, das eine rötlichbraune Farbe hatte und I faltenlos und glatt war, als wäre es aus Kupfer l getrieben.