Ausgabe 
21.8.1929
 
Einzelbild herunterladen

deutscher Seite abh 8 ngen. Wenn Deutsch­land bereit sein sollte, auf eigene Kosten Kompromisse abzuschließen, so würde man sich in England zwar darüber wundern, aber man würde natürlich keine Einwände hier­gegen erheben.

EinRechenfehler".

Die französische Annuität. Ein Weg zur Beilegung des Quotenstreits.

London, 21. Slug. (DJIB. Funkspruch.) Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" berichtet, ein sonderbarer und gleichzeitig sehr eigenartiger Irrtum im Doungplan sei ans Licht gekommen. Es habe sich herausgestellt, daß bei der Berechnung der durchschniktlichen Werte der französischen Annuitäten für die ersten 37 Jahre irrtümlich die Summe von 1046,5 Mil­lionen Goldmark angegeben worden sei, was den wirklichen Wert der Annuität um beinahe 10 0 Millionen Goldmark unterschätzt. Roch dieser Berechnung würde Frankreich gemäß dem Zoungplan tatsächlich ungefähr 57 v. h. anstatt der in Spa festgesetzten 52 v. h. oder der 1925 in Paris vorgesehenen 54 v. h. erhalten. Diese Feststellung sei von großer Dichtigkeit, da Frankreich also 5 v. h. mehr zugeteilt sind, als der Zoungplan eigentlich wollte, so daß Frank­reich jetzt in die Lage komme, Großbritannien und einigen kleineren Mächten die ihnen zustehenden Quoten zuzuweisen.

Churchill über Snowden: Rauh, aber herzlich.

Winnipeg, 20. Aug. (WTB.) Der ehe­malige Schatzkanzler im konservativen Kabinett Baldwin, Winston Churchill, erklärte in einem (Interview, er sei mit Snowdens Hal­tung im Haag einverstanden, hoffe je­doch, daß die etwas rauhe Art seines Nach­folgers, an der im Unterhaus keiner Anstoß nehme, die aber sür Ausländer etwas Ungewöhnliches darstelle, keine unnötige Unzufriedenheit erzeugen werde.

Oie Wahrheit.

Viertausend Arbeitslose in Frankreich.

Berlin, 21. Aug. (Priv.-Tel.) Gerade zur rechten Zeit wird eine Statistik über die Ar­beitslosigkeit in Frankreich veröffent­licht. Sie bringt die erstaunliche Zahl, daß es in ganz Frankreich wenig mehr als viertausend Arbeitslose gibt, wobei zu berücksichtigen ist, daß Frankreich Hundert- tausende von Ausländer, hauptsächlich Italiener, Polen und Belgier bereits ausgenom­men hat, die zum großen Teil als Arbeiter tätig sind. Mit diesen sage und schreibe viertausend Arbeislosen muß man die deutsche Zahl vergleichen, die in der günstigsten Saison unge­fähr das Zweihundertfache beträgt, um die richtige Perspektive zu gewinnen. Auf der einen Seite Frankreich, das in der ganzen Welt hausieren geht mit den unwahren Behauptungen von den deutschen Zerstörungen, das inzwischen seine ganze Industrie längst wieder neu und besser aufgebaut hat, das im Geld erstickt und schon wieder den Bankier Europas spielen kann, auf der anderen Seite Deutschland, das durch den Krieg und die Inflation weit mehr als die Hälfte seines gesamten Nationalvermögens verlor, das Hunderttausende von Auslanddeut­schen, die infolge des Krieges entwurzelt waren, wieder unterbringen mußte, das aber trotzdem jährlich Milliardenbeträge auf­bringen soll, nur weil das arme Frankreich angeblich nicht in der Lage ist, sonst zu existieren. Frankreich blüht, Deutschland verdorrt! so ist die Lage in Wahrheit. Trotzdem schachern sie im Haag um jeden Pfennig und denken gar nicht daran, auch nur das leiseste Entgegen­kommen zu zeigen, im Vertrauen darauf, daß unsere verzweifelte finanzpolitische Lage uns zwingen wird, schließlich doch zu allem Ia und Amen zu sagen.

Gießener Gtadttheaier.

Dreimal Rußland."

Dreimal Rußland bedeutete für diesen Abend dreimal Tschechow: drei Einakter des Mos­kauer Arztes und Dichters, der vor einem Viertel­jahrhundert gestorben ist.

Es war kein übler Gedanke, drei Lustspiele dieses Dichters aufzuführen, der mit kleinen Skizzen und Erzählungen begann und schließlich mit dem Mos­kauer Kunstlertheater, dessen Repertoire er anfangs versorgte, berühmt geworden ist.

Es erwies sich jedoch im Laufe des Abends, daß man nicht sowohl dreimal Tschechow, als vielmehr dreimal Ebert-Grassow zu sehen bekam: er führte die Regie, und es scheint, als ob er sich auf diesem Felde für Russisches spezialisieren wollte. Schön und gut, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber es gibt da einige Schwierigkeiten, die übersehen oder nicht beseitigt worden sind.

*

Zunächst lag bei der unbestreitbaren Aehnlich- keit der gewählten Stücke die Gefahr einer ge­wissen Einförmigkeit nahe. Dem hätte man durch ab­getönte Inszenierungen aus dem Wege gehen könnnen. Die Regie war aber, trotz manchen über­raschenden Nuancen und Abstufungen, im Grunde auf zwei Elementen aufgebaut: auf der Farben­skala des Raumes und der Lautstärke der Figuren; für unser Gefühl: zu geräuschvoll und zu bunt.

*

3mnr war die Inszenierung des zweiten Stückes °n 1'ch originell. Sie ließ vor farbigen Wänden, die fluchtig den Innenraum andeuten, die Personen als Masken und Marionetten aus der Tapete schauen ober auf die Bühne rollen. Das ist ent­schieden mal was anderes und nähert die Szenerie dem literarischen Sketsch, dem Kabarett, demBlauen Vogel".

Wenn man sich aber klarmacht, daß die im Bie- dermeiergewande erscheinenden Gestalten eines mit dem Naturalismus aufgewachsenen Schriftstellers auf diese Weise in eine stark expressionistisch ge­färbte, starre Mechanik hineingezwängt werden so dürfte man einsehen, daß sich hieraus ein Anachronismus und eine Stilvermischung ergibt, die man ablehnen muß.

«

Llnerwackeie Konsequenzen.

Wenn man sich einmal die Mühe machen würde, an der Hand einer eingehenden Prüfung all die Punkte des Versailler Friedensvertrages zusammenzustellen, die im Laufe der Zeit eine Entwicklung gezeitigt haben, deren Wirkungen gerade in umgekehrtem Verhältnis waren, als man es ursprünglich in Versailles beabsichtigte, so würde man ohne Frage zu einer recht stattlichen Liste kommen. Zwangstorrekturen an der natur­gegebenen Entwicklung werden sich niemals durch­setzen können, selbst wenn sich die Menschen die allergrößte Mühe geben und den größten Scharf­blick anwenden, um die Zwangsläufigkeit so gut es nur geht, zu retuschieren.

Der Zeppelinflug hat nach dieser Rich­tung hin wieder einmal den besten Beweis ge­geben, insofern nämlich, als er gezeigt hat, in welchem Umfange sich der uns auferlegte Zwang zu unseren Gunsten ausgewirkt hat. Nach seiner Triumphfahrt über die japanische Hauptstadt wurde das Luftschiff in jener Halle unterge­bracht, die einstmals in Iüterbvg stand und auf Grund des Versailler Friedensvertrages an Ia- pan ausgeliefert werden muhte. Die Versailler Friedensdiktatoren hatten damit gedacht, der deutschen Luftfahrtentwicklung Einhalt zu gebie­ten, und nun hat der Triumph der deutschen Luftfahrt gezeigt, wie wenig sie mit ihrer so törichten Maßnahme erreicht haben. Unb so ist es schließlich auf allen Gebieten der Technik, der Wirtschaft und des Handels. Die S a ch - lieferungen, die allmonatlich aus Deutsch­land hinausgehen, verkünden draußen den Wert der deutschen Waren. Daß dies der englische Konkurrent auf die Dauer nicht vertragen konnte, war klar. Tlnd aus diesem Grunde wehrt sich der englische Schatzkanzler Snowden mit oller

Energie gegen die deutschen Sachlieferungen, auf die Deutschland aber bestehen muß, weil es die Reparationsleistungen doch keineswegs nur in bar erfüllen kann. .Der logische Schluß, der sich im Grunde genommen aus dieser Tatsache für England ergeben müßte, wäre der, auf die Reparationen überhaupt zu ver­zichten, denn der bisherige Reparationszwang wird niemals auch zum Vorteil von England sein können.

Gerade aus diesem Grunde ist die Triumph­fahrt desGraf Zeppelin" ganz besonders zu begrüßen. Aber man muß auch diejenigen, die draußen dem deutschen Erfolge zujubeln, darauf aufmerksam machen, unter welchen unge­heuren Opfern das deutsche Volk seinen Aufstieg nimmt. DerGraf Zeppelin" ist Volks­gut denn auch der Sparpfennig des Arbeiters hat mit dazu beigetragen, daß dieses stolze Luft­schiff gebaut werden konnte. Das Opfer hat sich gelohnt, und dieses kann für Deutschland vor allem mit Genugtuung festgestellt werden. Der Zwang, den man uns auferlegte, die Fesseln, mit denen man unsere Entwicklung hemmen wollte, alle sie werden nicht stark genug sein können, um den deutschen Aufstieg zu unterbinden. Die gesunde Kraft des deutschen Volkes wird immer in der Lage sein, die Einengungen zu durch­brechen, nicht um damit die anderen zu unter­drücken, sondern um in gemeinsamer Arbeit mit allen am Werke der Fortentwicklung der Mensch­heit zu arbeiten. Neben dem unerhörten Ein­druck, den die Fahrt desGraf Zeppelin" auf die ganze Welt gemacht hat, müssen auch diese Gedanken beachtet werden. Erst dadurch gewinnt die Leistung die Bedeutung, die ihr zukommen muh.

fi»mmunalfinan$en und Arbeitslosenversicherung.

Die Städte gegen eine Verschiebung der Lasten. Aussprache im sozialpolitischen Reichstagsausschuß.

Berlin, 20. Aug. (DDZ.) Im sozialpoli­tischen Ausschuß des Reichstags fand eine Be­sprechung mit den Vertretern der Kommunal­verbände über die Reform der Arbeitslosen­versicherung statt. Staatssekretär Dr. Wei­gert vom Reichsarbeitsministerium erklärte, die Vorlage bringe eine ganze Reihe von Aende- rungen der Arbeitslosenversicherung. Die Bei­tragserhöhung um 0,5 Prozent sei auf anderthalb Iahre begrenzt. Durch die in der Vorlage ent­haltenen Aenderungen seien beträchtliche Ersparnisse erzielt. Es bleibe allerdings zunächst noch ein Defizit von 4 7 Millio­nen ungedeckt. Die Regierung hoffe aber, daß auch hierfür noch in den Verhandlungen des Reichsrats und des Reichstags die Deckung ge­funden werde.

Dr. Fritz Elsas, Vizepräsident des Deutschen Städtetages schilderte die steigende Be­lastung, die die Städte durch Heber» gang der Ausgesteuerten aus Krisen­fürsorge und Erwerbslosenunterstühung auf die allgemeine Wohlsahrtspf lege de^r Gemeind en erleiden. Die Kommunen hätten die Reformbedürftigkeit des.Arbeitslosengesehes anerkannt, aber sie mühten vor einer Reihe von vorgefchlagenen Bestimmungen nachdrücklich war­nen, weil sie nur eine Verschiebung der Lasten zuungunsten der Gemeinden bedeuteten, die ohne gleichzeitige Aenderung des Finanzausgleichs für die leistungsschwachen Ge­meinden nicht tragbar seien. Denn heute betrage der Zuschuhbedarf für das Wohlfahrts- Wesen zwischen 30 und 40 Prozent des gesamten Finanzbedarfs und steige in einer Anzahl Städte auf 46 bis 47 Prozent. Das Interesse der Ver­sicherten und Gemeinden trifft sich in dem Punkte, wo die Leistungen der Versicherung so herabge­drückt werden, daß sie zum lebensnotwendigen Unterhalt nicht mehr ausreichen und die In­anspruchnahme zusätzlicher öffentlicher Wohl-

fahrtsunterstühung notwendig machen. Es steht fest, daß' schon heute die Regelsähe der Ver­sicherung ungefähr bis zur Lohngruppe 6 unter den gemeindlichen Richtsätzen der Wohlfahrtspflege liegen. Iede weitere Minderung der Leistungen schließt also die große Gefahr weiterer Mehrbelastung der großen Ge­meinden in sich.

Bürgermeister Spennrath (Köln) äußerte sich über die w e r t s ch a f f e n d e Arbeitslosen­fürsorge. Bedauerlicherweise sind bei der Ver­wendung der Mittel der produktiven Arbeits­losenfürsorge Fehler und Mängel vorgekvmmen. Düese Fehler haben aber nicht in der Sache, sondern lediglich im System gelegen. Der Redner schilderte dann die ausgeführten Arbeiten der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge. Zwei | Hauptgesichtspunkte waren für die Bereitstellung dieser Arbeiten maßgebend: 1. die Prüfung des Arbeitswillens, 2. die körperliche Er- t ü ch t i g u ng im Dienste der Arbeitsvermittlung. Der Redner schilderte an Hand reichen Zahlen­materials die mit dem neuen System gemachten Erfahrungen.

Abg. Frau Arendsee (Komm.) fragt, ob man dem Schicksal derer, die auf Grund der Prüfung ihres Arbeitswillens aus der Wohlfahrtspflege ausgeschie den seien, nachgegangen sei, oder ob sie verhungert seien oder was sonst.

Bürgermeister Spennrath, Köln, erwidert, daß 11 Prozent sich trotz Aufforderung über­haupt nicht zur Arbeit gemeldet hätten. Die anderen seien erst erschienen, dann aber w e g g e b I i e b e n. Das sei ein Beweis, daß. sie im Falle des Arbeitswillens oder der Bedürftigkeit wohl die nötigen Stellen gefunden haben würden.

Beigeordneter Dr. Schwering, Köln, hob besonders hervor, daß für die Städte jede Aen­derung der Bezugsdauer von tiefeinschneidender

Bedeutung sei. Eine Belastung der Wirtschaft durch Erhöhung der Beiträge sei gar nicht zu vermeiden, und es sei deshalb ernstlich zu überlegen, ob nicht ein höherer Prozent­satz als Vs Prozent festzusehen sei, denn auch die örtlichen Stellen würden ja bei der Aufbürdung weiterer Lasten durch die Gesetzes­änderung nichts anderes tun können, als durch Erhöhung der Tarife und der Ge­werbesteuern die breiten Massen und die Arbeitgeber zu belasten.

Stadtrat Dr. Michel, Frankfurt a. M. wieS darauf hin, daß jeder sachliche Abbau der Ar­beitslosenversicherung automatisch eine Be­lastung der Gemeinden zur Folge babe. Er betonte weiter, daß es höchst bedenkli<WMi, die Wartezeit für die Alleinstehenden,, auf zwei Wochen zu bemessen. Es handele sich hier in hohem Maße um jugendliche Personen bei beriet Geschlechts, Arbeiter ober Angestellte, bei benen bei nicht rechtzeitiger Unterstützung besondere sittliche unb kriminelle Gefahren beständen. Damit waren die Besprechungen mit den Kom­munalvertretern beendet.

Neuregelung

der Liquidationsschäden.

Ein Vorschlag

der Geschädigten-Organisationen.

Berlin, 20. Aug. (Priv.-Tel.) Der Reichsbund der Ausland-, Kolonial- und Grenzlanddeutschen hielt dieser Tage in Berlin eine Tagung sämtlicher ihm angeschlossenen geschädigten Verbände ab, auf der d i e Auswirkung des Poungplans und der Haager Konferenz auf eine Neurege­lung derLiquidationsfchäden gemäß der Bestimmungen des Versailler Vertrages an erster Stelle zur Beratung stand. Es wurden Richtlinien für ein neues System der Kriegs- und Liquidations­schäden aufgestellt, das eine gerechte Entschädigung gewährleisten solle. Die Grundlagen des neuvorge- schlagenen Systems bilden Antragsoerfahren mit Revifionsmöglichkeiten und Rechts­weg, sowie Verteilung der Zuwendungen aus dem Voungplcrn unb ben Liquidationsüberschüssen nach wirtschaftlichen unb sozialen Gesichtspunkten, um auf biefe Weife im Gegensatz zu dem alten Entwicklungssystem die Staffelung unb Fest­setzung der Schäden unter Ausschluß des Rechts­weges zu beseitigen. In dem neuen System soll auch bas Reichsentschädigungsamt, vaS gegenwärtig bereits stark abgebaut wird, völlig überflüssig werben, und es sol­len bas Reichswirtschaftsgericht und die Zahl- stelle bei bet Reichsschuldenverwaltung genü­gen. In bas neue Entschädigungssystem soll nach ben Forderungen der Verbände auch bie Neu­regelung ber Russenschäben, Ersatz von Schäden durch bie Bolschewisten, polnische Liquidati ons- schäben usw. ausgenommen werden.

Oer russische Flottenbesuch.

Die russischen Marineoffiziere werden in Berlin begrüßt.

Berlin, 20. Aug. (WB.) Die Marineleitung gab im Hotel Kaiserhof zu Ehren des russischen Geschwaderchefs Konteradmiral Rall ein Früh- stück. In seiner Begleitung befanden sich Kommis­sar W o l k o f f und der Kommandant der , Au­rora", ferner der russische Geschäftsträger in Berlin Botschaftsrat Bratmann-Brodowski und der russische Militärattache P u t n a. Von deutscher Seite waren der Stellvertreter des Chefs der Ma- rineleiturtg Vizeadmiral Prentzel mit mehreren Herren des Reichswehrministeriums, vom Aus­wärtigen Amt Ministerialdirektor Dr. Trant- mann und Vortragender Leaationsrat Dr. v. Kaufmann anwesend. Im Verlaufe des Mah­les bewillkommnete Vizeadmiral Prentzel die Ver­treter der Sowjetflotte im Namen des abwesenden Chefs der Marineleitung und der Reichsregierung: Es ist der Sowjetregierung durch bewunderungs­würdige Aufbauarbeit gelungen, aus eigener Kraft wieder eine achtunggebietende Flotte zu schaffen. Die deutsche Reichsregierung hofft, daß sich die Be­satzungen der Schiffe der Sowjetunion in den deut- scheu Hafen recht wohlfühlen möchten. Mit Jnter-

Wir sind der Ansicht, daß an diesem Abend zu­viel Regie gegeben' wurde; Regie um ihrer selbst, um ihrer eigenen Wirkung willen. Uns scheint, daß gerade an einem Tage, der dem Gedächtnis eines verstorbenen Dichters gewidmet war, die Re- gie in allererster Linie um seinetwillen hätte wir­ken müssen.

*

Die Stücke heißen:D e r. H e i r a t s a n t r a g", D a s I u b i l ä u m" undD e r 33 ä r". Es ist von jedem einzelnen nicht viel zu erzählen. Sie haben alle drei eine scharfe Pointe und geben eine Situation. Und zwar jedesmal eine gründlich ver­fahrene Situation: einen zwiefach mißglückten Hei­ratsantrag, ein verpfuschtes Bankjubiläum, eine verhunzte Gläubigerattacke.

.Es genügt aber nicht, in der Aufführung zu zeigen, was Tschechow so gut wie mancher andere konnte: einen Einfall pointieren unb eine Situa- tion zur drastischen Komik zu steigern. (Damit kann man es bei dem ersten und schwächsten der drei Stücke bewenden lassen.)

*

3u zeigen wäre gewesen, baß Tschechow außer- bem eben Naturalist, scharfer Beobachter unb manchmal sogar ein Dichter war, der nicht nur Theaterpuppen an Drähten tanzen lassen, sondern auch mit wirklichen, echten Menschen von Fleisch und Blut umzugehen verstanb.

Noch aus dem grotesken Marionettenulk jenes verunglückten Iubiläums im Bankhause muß bie Irome unb Melancholie mancher menschlichen ^^ften» bie einfache, traurig-lächerliche Misere des Alltags zu spüren sein.

. tobenden, kreischenden, brüllen-

oen Wortgefecht um eine geschuldete Rubel- lumme rmBären" muß man gewahr werden, Situation hier sekundenlang aus der

1 ^°ffc m bie Weltliteratur überspringt, bie nicht müde, geworden ist, bas Ewig-Weibliche in tausendfältig schillernder, wechselnder Gestalt zu spiegeln, unb die das Motiv der treulosen

Ephesus, im Wandel der Zeiten UNO -Volker bis in die Gegenwart gerettet hat.

Panorama der drei Stücke und dem Iahrmarktstrubel ihrer Gestalten:

Hey als Tatjana Alexeiewna imIu- dilaum eine sehr anmutige Biedermeierpuppe, aut Rädchen rollend herüber und hinüber, mit

einem silbern plätschernden Wasserfall von Be­redsamkeit. Das derbbäuerliche, rotbackige, öst­lich akzentuierte Gegenstück: Ingeborg Sche- rer. (imHeiratsantrag"). Zuletzt die Koch als junge Witwe Ielena Iwanowna (imBä­ren ); elegant unh drollig gespielt; doch stellen­weise zu betont und bewußt spielerisch, zu iro­nisch und selbst amüsiert von der Rolle.

Ebert-Grassow machte um sie herum den wilden Mann und wutgeschwollenen Bramarbas, der am Ende überraschend zum guten Haustier und sanften Schoßhündchen gezähmt wird.

Eine phantastisch-komische Mißgeburt war der alte Diener Luka, in den Linkmann sich an­gelegentlich vertieft hatte. Arzdorf dagegen, der Gutsbesitzer mit dem Heiratsantrag, ver­steifte sich zu sehr auf körperliche Drastik unb wirkte übrigens eher wie ein Lehramtskandidat aus uralten Zeiten.

Es spielten ferner mit: Volck, Hub, Zin­gel, I ü n g l i n g; für bie Ausstattung: Löff­ler und Keim.

Der Erfolg war groß; es wurde ausdauernd geklatscht. Dr. Th.

Trübe Erfahrungen der Erfinder.

Die Zahl der im Vorjahre bei dem Londoner Patentamt zum Schutz angemeldeten Gegenstände hat alle ihre Vorgänger weit hinter sich gelassen und belief fick auf 38 556 Erfindungen. Nie also ist der menschliche Erfindergeist so eifrig am Werke nie die Hoffnung so lebendig gewesen, durch irgend­einen guten Ratschlag, den man seinen Mitmenschen erteilt, in wenigen Wochen ein riesenhaftes Ver­mögen gewinnen zu können. Wie ist es nun aber in Wahrheit mit diesen Hoffnungen bestellt? Zu dieser Frage machte der Sekretär des Patentamtes G. Drury Co lern an, aufschlußreiche, aber ent­mutigende Mitteilungen. Viele der Erfinder schei­tern daran, daß sie den Weg zum Patentamt aus dem zu unrecht herrschenden Glauben scheuen es würde ihnen dadurch eine Unmenge Kosten und umständliche Formalitäten erwachsen. Unb so fallen ftc irgendeiner unehrlichen Firma in die Hände die von Erfindern lebt und ihn in jeder erdenklichen Weise ausnutzt. Eines ihrer Hauptmittel ist die Schmeichelei, mit der sie den glücklichen Erfinder behandelt, öie erzählt ihm, wie wertvoll die Idee ist, die er gehabt hat, unb daß sie nicht nur im

Inland, sondern auch im Ausland patentiert wer­den müsse. Diese Auslandpatente sind aber eine sehr kostspielige Sache, ganz abgesehen davon, daß sie meistens besonders anfänglich, gar nicht nötig sind. 21 ber selbst bei Erfindungen, die den einzig rich­tigen Weg über das öffentliche Patentamt ge­nommen haben, wird ihr Schöpfer bei ihrem 23er- tauf noch oft arg geschädigt. So hatte ein Mann einer yirma das Alleinrecht der Herstellung einer Pumpe übertragen. In den darauffolgenden Wochen schwelgte er in der Berechnung der hohen Gewinne, die ihm aus dem Verkauf dieser Pumpen erwachsen wurden. Als sie sich aber nicht bei ihm einstellten, begab er sich schließlich zu der Herstellungsfirma, um hier zu erfahren, daß diese niemals beabsichtigt die Pumpen in den Handel zu bringen. Sie gäbe das Patent nur erworben, um zu verhindern, u en öen ®cfÖ einer Konkurrenzfirma über« gehe. Von den mehr als 38 000 im letzten Jahre angemeldeten Patenten ist eine große Zahl von An- I?ng an durch die Wertlosigkeit seiner Idee zu einem Mißerfolg verurteilt. Die Menge, die sich im Patentamt drängt, besteht zum großen Teil aus "Uten, die Monate damit zugebracht haben, etwas zu erfinden, was gar nicht nötig oder mit kleinen Abweichungen bereits vorhanden ist. Immer wieder werden neue Türschlösser für die Eisenbahnwagen angemeldet, von deren Ausführung sich der Er­finder godene Berge verspricht. Aber es gibt be-

JS$er Schlosser, ganz.abgesehen da­von, daß die Eisenbahngesellschaften ihre eigenen Bureaus haben, in denen diese Modelle konstruiert werden. Sicherheitsvorkehrungen für Straßenbahn- tpagen und Diebesschutzapparate für Automobile fino auch zwei Nummern, die auf der Liste der Erfindungen immer wiederkehren. Die beste Aus- steyt aber, ihrem Erfinder die ersehnte goldspen­dende Quelle zu werden, haben Gegenstände, die Hausarbeit ersparen oder irgend einen kleinen zlerger, der alle Welt quält, beseitigen. Solche Singe wären z. B.: eine Erfindung zum Stopfen von Socken für Junggesellen; ein Zwiebelschneider, der das Tränen der Augen verhindert; etwas, das das Glänzendwerden der Röcke und die Ausbeu­lung der Beinkleider unmöglich macht; Autobus- sitze, die zugleich die Billetts ausgeben und die Station, bej der man aussteigen will, melden; ein zusammenklappbarer Taschenregenschirm; ein Appa­rat, der die Telephonbotschaften während der 21b- wesenheit des Wohnungsinhabers aufzeichnet; eine «tasart für Brillen, die beim Putzen nicht wolkig