Ausgabe 
21.5.1929
 
Einzelbild herunterladen

Nr. U6 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Dienstag, 2t. Mai 1929

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. 3t

Vor der ausländischen Presse hat Dr. S t r e s e - mann sehr nachdrücklich seiner Enttäuschung über den Gang der Abrüstungsverhandlun- gen Ausdruck gegeben. Jedermann wird dem zu­stimmen, aber zugleich fragen, ob sich Deutschland mit dem Ausdruck der Enttäuschung nun genügen läßt oder ob nicht dieser Ausgang Veranlassung gibt, einmal die Anlage und Methoden der deutschen Außenpolitik gründlich neu zu überlegen und zu revidieren. Daß von einer sog.Lösung" der Re- parationssrage Dann, wie Dr. Stresemann hofft, ein neuerElan" für die Abrüstung ausgehen werde, wird er selbst nicht recht glauben. Die Zeit rückt heran, daß nun wirklich die Probe auf das Exempel der deutschen Dölkerbundspolitik gemocht werde!

Dazu wird auch nach anderer Richtung Veran­lassung sein. Eben hat der Dreierausschuß des Völ­kerbundsrates für das Studium des Minder­heit e n p r o b l e m s mit der Prüfung der ein­gegangenen Denkschriften begonnen. Und zwanzig derartige Eingaben liegen vor, über die das Völ- kerbundsfekretariat strenges Geheimnis bewahrt. Wozu das, da die Stellungnahme der Kleinen En­tente, Polens und Griechenlands, die die deutschen Anregungen rundweg ablehnen, längst veröffentlicht ist, desgleichen die Vorschläge Ungarns und auch der Schweiz? Bloß die deutsche Denkschrift ist bisher nicht veröffentlicht. Da die Kleine Entente, Polen und Griechenland die Kompetenz des Völkerbundes in Minderheitenfragen überhaupt bestreiten wollen, muß die Dreierkommission erst einmal die wichtige Frage klären, ob der Völkerbund ohne Zustimmung der Staaten, in denen Minderheiten sind, und auch ohne Antrag eines Mitgliedsstaates berechtigt ist, über die Minderheitenrechte zu wachen. Ob Minder­heitenrecht, ob Abrüstung, wir wiederholen: Die Zeit rückt heran, in der für die deutsche Völker- bundspolitik die Probe aufs Exempel zu machen ist. Und dazu ist eine neu orientierte und eine aktivere Völkerbundspolitik nun von Deutsch­land anzulegen und zu betreiben, so sehr im Augen­blick die Reparationsfrage alle Kraft in Anspruch nimmt.

Auf drei Vorgänge mehr an der Peripherie sei heute die Aufmerksamkeit gelenkt. Am 24. April hat Dänemark gewählt. In bedingtem Grade war die Parole: Für oder gegen Abrüstung! Und von 1,4 Millionen Wählern wählten 740 000 die Par­teien der Linken, die die Abrüstung Dänemarks verlangen. Richt zu vergessen ist ober auch das Ar- beitslosenproblem und die Fragen der Arbeitslosen- Unterstützung in dem Wahlkampf, die auf die Entscheidung mitwirkten. Es Ht eine innere und die große Politik nicht interessierende Angelegenheit Dänemarks, wenn damit an Stelle eines gemäßigt liberalen Kabinetts eine sozialistisch-radi­kale Koalition trat, das zweite Kabinett S t a u n i n g. Aber für die große Politik ist wichtig, daß die Militärfrage in Dänemark im Sinne einer weitgehenden Abrüstung entschieden ist, worüber allerdings erst endgültig entschieden wird, wenn die Erste Kammer gesprochen hat. In Genf hat sich, soweit mir uns "erinnern, der Vertreter Dänemarks nicht besonders für die Abrüstung eingesetzt. Wenig­stens hat Deutschland von dieser Seite keine Unter­stützung erfahren.

Ein tiefer greifender Wechsel vollzog sich in O e st e r r e i ch. Der Rücktritt des Bundeskanzlers

Aspern.

Zum 120. Jahrestag.

Von Alfons von Czibulka.

Napoleon war seit seinem Auftreten noch in keiner Schlacht überwunden worden: dies war die erste, die er verlor, und vollständig verlor, im offenen Kriegsfelde eine große Hauptschlacht.

Darnhagen v. Ense:

Denkwürdigkeiten des eignen Lebens.

Es war ein sommerlicher Frühlingstag über der Wiener Landschaft, wo das Korn schon hoch in den Halmen stand, der Pfingstsonntag des Wendeiahres 1809, an dem auf der geräumigen Ebene des Alarch- feldes, dort wo es vom Norden her an die Auen und Arme der Donau stößt, im Angesichte der Kaiserstadt jene Schlacht begann, die eine Legende zerstörte.

Denn dieses große Ringen, das zwei Tage lang um die Dörfer Aspern und Eßling brandete, ist nicht deshalb merkwürdig, weil es eines der blutig­sten der Geschichte ist, und die französische Armee beinahe die Hälfte ihres Bestandes, die öster­reichische fast ein Drittel verlor. Auch ist Aspern nur non geringem taktischen oder strategischen Interesse. Wenngleich die beiden bedeutendsten Feldherrn ihrer Zeit Napoleon, der damals noch Unüber- munbene und Erzherzog Carl, der Sieger in so vielen Franzosenschlachten ihre Heere gegenein­ander führten, so mangelten doch diesem erbitterten Zusammenstoß die großen Entschlüsse hüben und drüben.

Bedeutungsvoll aber und sich gewaltig auswir­kend waren die beiden Tage von Aspern im Geisti­gen. Sie nahmen Napoleon für die Zukunft gleich­sam die psychologische Voraussetzung für seine Siege. Die Maischlacht vor den Mauern Wiens zerstörte die Legende von der Unbesiegbarkeit des Impera­tors, befreite die Völker von der lähmenden Er­starrung, von der Verzauberung, die der junge Grill­parzer, der den Kaiser bei einer Parade auf der Schmelz, dem Wiener Exerzierfelde, gesehen, in die Worte kleidete:Er bezaubert mich wie der Vogel die Schlange."

Denn vor Aspern war es noch wie der Erzherzog Carl in seinen Schriften niederschrieb:Allein noch unerschüttert stand der Wahn, daß Bonapartes Wille unwiderstehlich sei. Selbst Preußen, wo am mei­sten Aufregung gegen ihn herrschte, fühlte sich durch das Mißgeschick von 1806 zu tief gebeugt, um die Waffen zu ergreifen, bevor ihm der Weg zum Er­folge schon gebahnt war."

Der Wahn, die Furcht vor dem Titanen, die Be­wunderung auch hielt Deutschland gebannt Darum verhallte auch ungehört das Manifest des Erzher­zogs an die Deutschen, das sie zu diesem ersten Be­freiungskrieg rief. Wenige nur kamen aus dem Reiche. Und auch diese, wie Varnhagen v. Ense erst nach der Aspernschlacht, um unter den Fahnen Oesterreichs zu kämpfen, das zum Abschluß seiner Sendung ein letztes Mal wie so oft allein für jenes

Seipel, einer so bedeutenden Persönlichkeit, ist ein Ereignis von großer Bedeutung, was schon durch die ungewöhnlich lange Krise der Regierungs­bildung bewiesen wurde. Die Christlichsozialen haben wieder den Bundeskanzler, Dr. Streeruwitz, bestellt. Aber das ist ein anderer Faden, der da ge­sponnen wird. Dr. Seipel hat seine gaiye Innen­politik auf den Kampf gegen die Sozialdemokraten aufgebaut und dazu die gemeinsame Front mit den Großdeutschen und dem Landbund geschaffen. Diese Mehrheit war gewiß heterogen, aber sie wurde durch die gemeinsame Richtung gegen die Sozial­demokratie zusammengehalten. Das hat sich auf die Dauer nicht halten lassen, und so entschloß sich Dr. Seipel, durch seinen Rücktritt die Bahn zu einer neuen Orientierung, zu einem anderen System zu eröffnen. Das ist nun geschehen, insofern zwar das neue Kabinett aus denselben Parteien, den Christ­lich-Sozialen, den Großdeutschen und dem Land­bund besteht, aber der neue Kanzler mit de r sozialdemokratischenOppositionFüh- l n n g suchte, um ihre Mitarbeit für ein Arbeits­programm zu gewinnen. Dessen Aufgaben liegen in der Innenwirtschaftspolitik, namentlich in der Re­form der Mietengesetzgebung. Es ist in diesen be­sonderen Fragen für den neuen Kanzler beinahe leichter, mit der Opposition eine Verständigung zu finden, als unter den Parteien dieser Koalition eine völlige Übereinstimmung herbeizuführen. Das ist nun eine schwierige Lage, die gleichfalls sehr schnell kritisch werden kann und in der weiter das Bedenk­liche einer Rücksicht auf die Sozialdemokratie liegt, die auf Kosten der Staatssicherheit gehen kann, zu­mal der Parteicharakter der österreichischen Sozial­

demokratie, die sehr radikal ist, dem linken Flügel der deutschen Sozialdemokraten entspricht.

Schließlich: das große Werl der Verständigung zwischen Staat und Kirche in Italien ist durch die Ratifikation der Lateranverträge am 14. Mai beendet. Dabei hat Mussolini eine historisch- politische Rede größten Stils gehalten, die sowohl zeigt, daß er in seiner Ausgabe als Führer des Staates immer mehr gewachsen ist, wie daß er in dieser so schwierigen Frage die Autorität und das selbständige Recht des Staates sehr sicher zu wahren gewußt hat. Begreiflicherweise hat die Rede im Vatikan sehr verstimmt, aber, nach- dem einmal der Vatikan dem Abschluß zugestimmt hat, kann er dagegen nichts machen. Mussolini hat in dieser Rede die Verträge in die richtige nationale Beleuchtung gerückt und das Wesen seines Staates festgestellt, der der Religion und der Kirche durchaus gibt, was ihrer ist, aber darum doch italienisch und vor allem faszistisch bleibt. Lind er hat dabei sehr wirkungsvoll die große italienische Vergangenheit mit der Gegen­wart verknüpft mit dem Satze:Der Ruf Ca­vours nach dem Olivenzweig ist in Erfüllung gegangen. Wir tragen ihn an das Grab dieses großen Führers der italienischen Einheit, denn heute ist sein Wunsch Wirklichkeit ge - w o r d e n. Kein Wunder, daß diese auf festem geschichtlichen Grunde stehende staatsmännische Rede auf die Kammer und das Volk Italiens außerordentlich wirkte, und sie hat so diesen denkwürdigen Abschluß einer tausendjährigen Frage in das richtige Licht gesetzt. Der Staat Italien kann mit der Regelung sehr zufrieden sein, und das ist das Verdienst Mussolinis selbst!

Mit Sock und pack im Sonderzug.

Oie Mailänder Scala auf dem Weg nach Deutschland. Oer Neisemarfchall der Revuetheater. Tanzgirls und Tierkarawanen aus der Wanderschaft. Zirkus­umzug mit 200 Wagen. Elefanten sind ungemütliche Reisegenoffen.

Von Heinrich Gühring.

In Italien gibt es keine bodenständigen Theater. Wie in anderen Ländern die Zirkusse und die klei­nen Wanderbühnen, so ziehen auf der Apenninen- Halbinsel die Schauspielertruppen von Stadt zu Stadt, pachten jeweils auf eine oder mehrere Wo­chen ein Theater, in dem sie ihre eigenen Dekora­tionen aufstellen, und selbst Pirandellos be­rühmte stagione macht davon keine Ausnahme. Nur Italiens weltbekannte Opernbühne, die M a i - länder Scala hat es bisher verschmäht, auch nur vorübergehend ihre Seßhaftigkeit aufzugeben und ihre Mitglieder zeitweise dem bunten Volk der Fahrenden Leute" einzureihen: zum erstenmal wird sie in diesen Tagen von ihrem Grundsatz ab­gehen und sichmit Sack und Pack", mit dem Or­chester, den Sängern, dem Chor, dem Ballett und sogar mit den eigenen Dekorationen auf die Wander­schaft begeben. Das Ensemble der Mailänder Scala 350 Personen wird zur Berliner Fest­spielwoche in der Reichshauptstadt erscheinen. Ein Sonderzug, der aus einer stattlichen Anzahl von Wagen besteht, bringt die italienischen Gäste nach Deutschland. In den Salonwagen reifen die Solo-Mitglieder gemeinsam mit Toscanini, dem weltberühmten Dirigenten, und für die hun­dert Mitglieder des Orchesters, für den Chor und das Ballett-Personal find eine Reihe Personen­

wagen vorgesehen. Die zahlreichen Güterwaggons am Schluß des Zuges enthalten die Dekorationen und die Prospekte für alle Opern, die das En­semble der Mailänder Scala in Berlin auf führen wird. Eine internationale Transportfirma hat den Auftrag übernommen, sämtliche Dekorationen und Requisiten pünktlich heranzuschaffen und das ist ein verantwortungsvolles Amt, da das Berliner Festspiel-Programm bei einem Versagen dieser Firma nicht ordnungsgemäß eingehalten werden kann.

Die Italiener wollen bei ihrem ersten Gastspiel im Ausland dem deutschen Publikum und unmittel­bar der ganzen Welt, die über das große künstle­rische Ereignis berichten wird, ein möglichst ge­schlossenes Bild ihrer Leistungen und ihrer Eigen­art bieten: das ist aber nur möglich, wenn sie ihre eigene Bühnenausstattung benutzen und darauf ver­zichten, ein fremdes Orchester heranzuziehen. Selbst­verständlich kann ein solcher Umzug eines ganzen Theaters nicht von einem Tag zum andern erfol­gen. Viele Besprechungen wurden abgehalten, um alles zweckentsprechend zu organisieren: vor etwa vier Wochen waren technische Direktoren der Mai­länder Scala in Berlin, um mit ihren deutschen Kollegen genaue Vereinbarungen über den Aufbau des Bühnenbildes zu treffen und abzumachen, wie

ganze Deutschland kämpfte, dessen Krone es drei Jahre vorher ermüdet entsagte. Hunderttausend Mann aber stellte der Rheinbund für jeneFranzö­sische Armee von Deutschland", deren größter Teil nun, nachdem der Angriff des Erzherzogs Napoleon maßlos gereizt, nach Oesterreich aufbrach, um den Kaiserstaat von der Karte Europas zu streichen. So kämpften auch bei Aspern wieder Deutsche gegen Deutsche.

Am 9. April, an dein Tage, an dem im Land Tirol die Feuerzeichen von den Bergen riefen, von Hand zu Hand die Zettel gingen mit den zündenden Worten:s'ist Zeit", überschritt die Armee des Erz­herzogs die bayerische Grenze. Es war, nachdem Oesterreich als erster Staat die Landwehr geschaffen, zum ersten Male, daß auf deutscher Seite ein Volks- beer in die Schranken trat. Ungeübt, noch in der öinearlaktik friderizianischer und theresianischer Zeit geschult, nur von adeligen Korpsführern geführt, verlor es trotz wahrhaft heldenmütiger Gegenwehr die ersten Tage des Feldzugs. Schwerfällig trat es über Südböhmcn den Rückzug gegen das unvertei­digte Wien an, das Napoleon schon in stürmischem Vormarsch genommen hatte, als der Erzherzog im Marchfeld erschien.

Die Donau zu überschreiten und die Oesterreicher zu vernichten, war Napoleons nächstes Ziel. Nur eines fürchtete er, daß der Feind sich nicht mehr zum offenen Kampfe stellen und nur halb besiegt nach Ungarn weichen werde, das der Kaiser ver­gebens zum Abfall von Oesterreich drängte. Mit schwachen Kräften unternommene Versuche, über den Strom zu kommen, mißlangen.

Am 20. Mai endlich, an dem drei Brückenschläge über die breite, in der Schneeschmelze der Alpen hochgehende Donau notdürftig gelungen waren, be­gann der Uebergang auf die große waldreiche totrominfel, die man die Löbau nennt. Von dort trat über einen schmalen Donauarm das franzö­sische Heer ins Marchfeld hinaus. Geringe Kräfte nur, schwache Bataillone, Ulanen und Husaren war­fen sich plänkelnd entgegen. Napoleon hielt diese Gefechte für verschleiernde Nachhutkämpfe und be­fahl für den kommenden Tag die rasche Vorrückung zur Verfolgung des Feindes. Die ganze Nacht über ging die Armee auf den immer wieder reißenden Brücken über den Strom.

Am frühen Morgen schon ritt der Kaiser, hinter sich die Marschälle und eine starke Bedeckung, ins Marchseld hinaus. Leer schien die Ebene. Da presch­ten plötzlich, hinter einer Bodenwelle auftauchend, österreichische Ulanen heran und nahmen in schnei­digem Ueberfall einen General aus dem Gefolge des Kaisers gefangen, den sie vielleicht für Napoleon hielten. Die Rekognoszierung war mißglückt. Doch immer noch hielt der Kaiser dieses Geplänkel des Feindes für die Deckung des Rückzugs. Und als am späten Vormittag Napoleon war wieder nach der Löbau geritten Offiziere ihm meldeten, daß die Oesterreicher sich zum Angriff formierten, wehrte er ungläubig ab. Erst als der Beobachter auf dem Kirchturm von Aspern, der Adjutant des Marschalls Berthier, diese Meldungen beftätiatc, glaubte Napo­leon an die offene Feldschlacht. Awersichllich sagte

er zum Pfarrherrn von Aspern:In einer Stunde liegt Oesterreich zu meinen Füßen." Da traf der Stoß des Erzherzogs das französische Heer.

Als nicht mehr daran zu zweifeln war, daß der Kaiser mit aller Macht über die Donau ging, hatte der Generalissimus den Angriff befohlen. Frisches Eichenlaub an den Tschakos und Helmen wie es der Brauch bei den Oesterreichern noch im Welt­kriege war singend und mit klingendem Spiel rückte das erzherzogliche Heer in fünf Kolonnen, Kavallerie in der Mitte, in einem flachen Halbkreis fächerförmig gegen Aspern und Eßling an. Die Franzosen standen mit zurückgenommenen Flügeln auf einer für damals breiten Front von neun Kilo­meter vor den beiden die Ebene überhöhenden Dör­fern, wo sie in Eile zu schanzen begannen.

Nach langem Geplänkel, bei dem die hessischen und badensischen Reiter Napoleons mit ungarischen Husaren rauften, begann um die dritte Nachmittags­stunde die eigentliche Schlacht, als aus den Staub­wolken vor Aspern, aus dem Dampf der Ausfeuer­lagen französischer Batterien der Sturmstreich der Oesterreicher wirbelte.

Um die beiden Dörfer entbrannte nun der Kampf, indes von den Praterauen her der Generalstabs­hauptmann Magdeburg steinbeladene Rammschiffe und Brander gegen die Franzosenbrucken führte. Drei Kolonnen griffen Aspern an, zwei warfen sich auf Eßling. Im Zentrum hielten mit ergriffenem Säbel die Schwadronen des Fürsten Liechtenstein. Doch war die österreichische Kavallerie im Gegen­sätze zur französischen, die in geschlossenem Treffen zwischen den Dörfern stand, in der Hauptsache auf die Kolonnen verteilt.

Neunmal wurde an diesem Tage Aspern von den Oesterreichern gestürmt. Neunmal warf sie der Ge­genstoß des Marschalls Massena, der mitten unter seinem, sich heroisch wehrenden Fußvolk stand, aus dem Orte und über die flachen Wiesenhänge hinab. Dem zehnten Sturme mußte Massena weichen. In Eßlingen, wo derSchüttkasten", ein dreistöckiges, dreißig Meter hohes Gutsgebäude, der Hauptftütz- punlt der Franzosen war, widerstand der Mar­schall Sannes unter grauenvollen Blutopfern den immer wieder anbrandenden Sturmwogen. Bei­spiellos kämpfte auf beiden Seiten die Infanterie. Bei jedem Stoß und Gegenstoß kam es in beiden Dörfern zum würgenden Handgemenge. In jeder Gasse, in jedem Hause, in Kellern und Speichern, in Scheunen und Ställen, hinter Wagen, Pflügen und Eggen, auf den Dächern selbst wurde ge­kämpft.

Vergebens suchten Kartätschenlagen aus fast 400 Geschützen den Oesterreichern zu wehren. Vergebens jagte der Kaiser, der selbst in Aspern erschien, und der Marschall Massena die Reitergeschwader gegen die Sturmkolonnen des Feindes. In rasenden, bra­vourös geführten Attacken fiel die damals beste Kavallerie der Welt das Fußvolk des Erzherzogs an. Auf fünfzehn Schritt ließen die Bataillone die anreitenben Regimenter heran, bann schlug bas Salvenfeuer in bie bkitzenben, jagenben Treffen. Mit bem Bajonett wehrte sich die Infanterie gegen bie tapferen Franzosenreiter. Auf bie Zurückpral- lenben warfen sich Liechtensteins Kürassiere, bie

bie maschinellen Einrichtungen für bie aufzuführen« den Opern zu benutzen finb. Pläne, in benen auch bie kleinsten Einzelheiten vorgesehen finb, wurden in mühevoller Arbeit entworfen, und bereits heute sind bie Berliner Bühnenarbeiter genau darüber unterrichtet, wo jede einzelne Kulisse, jedes einzelne Ausstattungsstück aufgestellt werden muß. Aber nicht nur in Berlin sind umfassende Vorarbeiten geleistet worden: seit Monaten wurden zahllose Proben in Mailand abgehalten, Toscanini hat seine Solisten nicht geschont man weiß, daß dieser be­rühmte Dirigent an jeder Ausführung mit unglaub­licher Sorgfalt feilt, grundsätzlich nur Vorstellungen dirigiert, die bis ins Letzte durchgearbeitet sind, und Toscanini ist überzeugt, daß diese stets von ihm geübte Praxis gerade bei der Berliner Festspiel­woche besonders notwendig ist, da er in Deutschland den Weltruf der Scala zu verteidigen hat. Man wird nun in Berlin Gelegenheit haben, den gro­ßen Musiker zu bewundern, dessen Gedächtnis die Zuhörer stets verblüfft; Toscanini hat nämlich bis Gewohnheit, jebe Operaus bem Kopf" zu bin- gieren, unb ber Meister hat niemals bei einer Auf­führung eine Partitur vor sich liegen.

Welche Schwierigkeiten der Transport eines großen Ensembles und kostbarer Ausstattungs- gegenstände bietet, wissen auch die Direktoren der großen Berliner Revuetheater, die oft im Reich Gastspiele veranstalten. Gewöhnlich ver­pflichten die Direktoren, deren Bühnen auf Wan­derschaft gehen, einen bewährten Organisator, gewissermaßen einen Reise in arschall des Theaters, der für alles verantwortlich ist. Dieser geplagte Mann muß nicht nur den ge­samten Transport organisieren, sondern, was weit schlimmer ist, auch alle Vorwürfe und Be­schwerden über sich ergehen lassen, die eigen­willige Künstler stets erheben, weil sie sich auf der Reise benachteiligt ober schlecht behandelt glauben. Bei ihm beschwert sich die Diva über die Rücksichtslosigkeit der übrigen Reisegesell­schaft, er hat darüber zu wachen, daß das Bal­lett-Corps bei der Llbreise vollzählig auf dem Bahnhof versammelt ist, und zu seinen Obliegen­heiten gehört es auch, Frieden zwischen zankettden Kolleginnen zu stiften. Ist der Transport glück­lich am Bestimmungsort angelangt, steht der Reisemarschall vor neuen Sorgen. Der Direktor prophezeit schon bei der Ankunft, daß die Deko­rationen wahrscheinlich nicht zur Stelle sein werden, der Komiker kann auf der fremden Bühne nicht in Stimmung kommen, die Instrumente des Orchesters sind unterwegs verschwunden und müs­sen gesucht werden, die Tanzgirls sind übermüdet und haben keine Lust, aufzutreten. An allem ist der unglückliche Reisemarschall schuld, er wird sogar dafür verantwortlich gemacht, daß die zu spät eingetroffenen und sehnsüchtig erwarteten: Dekorationen bei dem Transport gelitten haben. Wenn dann endlich die Vorstellung zustande kommt und wenn der Deifall des Publikums die Schauspieler umbraust, tritt der Reisemar- schall sehr bescheiden in den Hintergrund: nie­mand denkt mehr daran, daß die Ausführung! ohne seine unermüdliche Arbeit nie geglückt wäre.

Oft mag der gehetzte Reisemarschall einer Revuetruppe den Kollegen beneiden, der den Transport einer anderen Schau organisiert; den Transportchef eines Zirkus. Löwen und Tiger sind leichter zu behandeln als Revuestars: sie sitzen in sicheren Käfigen und können "sich nicht über das Fehlen eines Salonwagens behagen. Auch die Elefanten unb Bären zeigen gewöhn­lich auf der Reise keine Rervosität, sondern be­wahren bei allen Llnbequemlichkeiten ihren Gleich-

nach einem verlorenen Kavalleriekampf wieder zwischen den Kolonnen hielten.

Als ein später Abend über die zu einer Holle gesteigerte Schlacht, über die wie Fackeln brennen­den Dörfer sank, wiesen die Franzosen nur mehr bei Eßling und auch dort mit Mühe die Angriffe ob.

Damals schon erwog Napoleon den Rückzug. Erst als die immer wieder zerstörten Brücken notdürftig geflickt waren, entschloß er sich zur Fortsetzung des Kampfes. Neue Truppen, die schlachtbewährten alten Grenadiere des Kaisers gingen bei Fackelschein über den Strom. Mit ihnen gedachte Napoleon am nächsten Tage das Zentrum der Ossterreicher zu durchbrechen.

Am Morgen raste wieder der Kampf um die Dör­fer. Wieder wurde Aspern, dessen sich Massena be­mächtigte, sechsmal gestürmt und sechsmal verloren. Dann warfen sich nach einem Massenfeuer der Ar­tillerie Frankreichs berühmteste Divisionen auf die Mitte der feindlichen Front. Indes die Infanterie wie ein riesiger Keil das Zentrum der Oesterreicher in zwei Teile zerriß, sollte der Sturmritt von acht­tausend Reitern das Schicksal des Tages entschei­den. Es schien zu gelingen. Die Ocsterreicher began­nen zu weichen. Zeichen von Panik stellten sich ein.

In diesem Augenblicke war es, daß der Erzher- zog, dessen Gefolge fiel oder verwundet wurde, die Fahne des schon zurückgehenden Regiments Zach ergriff unb, seinem Heere voranreitend, wie fern ist diese Zeit das Zeichen zum Angriff gab. Reiterei prellte vor, die sechzehn Grenadier­bataillone, die bisher in Reserve gestanden, öster­reichische Schlesier, Kärntner, Wiener und Ungarn, griffen ein. Verfolgt von den Ausfeuerlagen von dreihundert Geschützen, rollte die französische An­griffswelle zurück.

Als nun auch die Rammschiffe wieder die Brücken zerstörten, der Sturmstrcich der Oesterreicher immer näher unb rascher wirbelte, befahl Napoleon den Rückzug. Er übergab ben Oberbefehl an Mas­sena unb ritt nach der Löbau.

Inbes Massena, dem die alten Garben des Kai­sers unterftanben, Aspern nach verzweifelter Gegen­wehr verlor, hielt Marschall Cannes, ber bort bi? Todcswunbe empfing, unerschütterlich Eßling. Die Katastrophe verhinbernb, sank dort Napoleons beste Infanterie zu Tausenden nieder, während bie fran­zösische Armee ben Rückzug vollzog.

Es war nur ein Rest, lieber breißigtausenb Mann, brei Marschälle waren an biesen beiden Tagen geblieben. Mehr als zwanzigtausend, darunter drei­zehn Generale, verloren die Oesterreicher.

Zum ersten Male war der Kaiser besiegt. Er mochte ahnen, daß er mehr verloren hatte als eine Schlacht. Auf ber Insel Löbau verfiel er in einen zwanzigstünbigen totenähnlichen Schlaf. Die Mar­schälle berieten, was zu tun sei, wenn er nicht mehr erwache. Unb als sein Schwager Murat ihn später nach ber Ursache ber Niederlage fragte, gab er zur Antwort:Sie haben bie Oesterreicher bei Aspern nicht gesehen, also haben Sie nichts ge­sehen."

Aspern war der Anfang jenes Weges, dessen Ende Waterloo hieß.