Ausgabe 
21.3.1929
 
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Die Liebe

-erBrigiitaHoSlermann

Vornan von Elisabeth Tleh.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).

12 Fortsetzung Nachdruck verboten

.Schwester Gitta, Tante Gitta!" Don allen Sellen riefen es kleine, helle Kinderstimmchen: unD Schwester Gitta ging von einem Bettchen zum anderen und erfüllte jeden Wunsch der klei­nen Lieblinge.

Schwester Christiane war unbemerkt unter der Tür des Schlafsaales erschienen, und sah beglückt auf das liebliche Bild.

Schon längst hatte sie sich mit der zarten Drigllta Hvllermann ausgesöhnt. (Zn diesem Per­sönchen steckte eine ungeahnte Zähigkeit und Energie. r

Unb mit was für überströmenber Liebe unb Zärtlichkeit hingen bie Kleinen an ber schönen, blonden Schwester!

Tante Gitta, wie man sie überall nannte, war der Liebling aller geworden, der Sonnenschein des ganzen Heims. . ry_

. Schwester Gitta, ich wollte Ihnen bei Ihrer vielen Arbeit noch eine besondere Aufgabe auf- bürden" erklang "^e Stimrye der Schwester Chri­stianes'in das lustige Plaudern und Lachen.

Brigitta erhob sich rasch und ging, freundlich lächelnd, der Eintretenden entgegen.

Gewiß, Schwester Christiane, ich habe Zell, ^.Zeit? eigentlich nicht, Kind. Sie müssen sogar für die neue Arbeit, die ich Ihnen zugedacht habe, Ihre Mittagsruhe verwenden. Aber wer sollte mir sonst den Christbaum für die morgige Christbescherung anputzen?" .

Ein leichter Schatten huschte bei diesen Worten über Brigittas Gesicht.

Morgen war Weihnachten. Sie mochte nicht daran denken. Ihr Herz war aller Freude bar. Aber durfte sie noch an sich denken?

Gern, liebe Schwester Christiane, sagte sie deshalb, sich zusommenraffend. ..Ich werde nur nach Tisch alles Aötige dazu holen."

Recht so. Kind," entgegnete die Leiterin des Heinis mit besonders warmem Blick: und es war Brigitta unwillkürlich, als hätte diese gullge Frau tief in ihr Herz gesehen unb ihre Ge­danken gelesen.

Unb Schwester Christiane hatte auch einen be­stimmten Zweck bomit erfüllt, gerade Drigllta Hollermann für diese Arbe'll auszuwählen. Sie wollte das junge Mädchen langsam und möglichst unauffällig zwingen, wieder am Leben und seinen Freuden teilzunehmen. Kannte sie doch Brigittas trauriges LÄhicksal sehr genau, denn der alte

Nr. 68 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 2'. März 1929

Kommunale Verlehrssragen in Gießen.

In der Jahres-Hauptversammlung des Derkehrs-Dereins Gießen, die wie gestern schon kurz berichtet am Dienstag­abend im Hotel Schütz stattfand, entspann sich nach der Erledigung der Geschäftsberichte des Dorstandes und der Wahlen eine interessante Aussprache über Gießener DerkehrSfragen. Den Anlaß dazu gab ein Dortrag des Dorstandsmit- glicdcs Redakteur D l u m s ch e i n über das Thema

Zeitfragen

-er Gießener Derkehrsförderung.

Der Redner sprach zunächst namenS des Ge- somtvorstandes dem Dereinsvorsihenden, Stadtv. S ch w i e d e r, Dank aus für die außerordent­liche Mühewaltung, die er auch im verflossenen Geschäftsjahre im Interesse des Dereins unb damit der Allgemeinheit in vorbildlicher Weise auf sich genommen hatte. Dann zu dem Thema seines Dortrages übergehend, erörterte er zu­nächst die Frage des

Interessentenkreise« an den Ausgaben der verkehrs- sörderung.

Er betonte, daß als Interessenten aus diesem Gebiete in erster Linie die Geschäftsinhaber, wie überhaupt die Kreise von Handel, Ge­werbe unb Industrie anzusehen seien,denn ihnen kämen die Erfolge der Derkehrswerbung vor allem zugute. Darüber hinaus müsse aber auch jeder andere Mitbürger, auch die sog Privatleute, als Interessenten an der He­bung des Derkehrs bezeichnet werden. Denn durch gesteigerten Fremdenverkehr käme zusätzliches Geld von außen her bi unsere heimische Wirt­schaft herein, an deren Aufblühen alle Devölke- rungskreise stark interessiert seien, wie sie um­gekehrt auch unter einem Rückgang des heimischen Beschäftigungsgrades mit zu leiden hätten. Aus diesen Ucberlegungen ergäbe sich die Schluß­folgerung, daß alle Bürgerkreise die Arbeit de« Derkehrs-Dereins unterstützen müßten, vor allem durch Beitritt, aber auch durch sonstige Förderung. Statt dessen bemerke man vielfach, erstaunlicher Weise auch hier und da in der Geschäftswelt, gegenüber der Tätigkeit des Derkehrs-Dereins Gleichgültigkeit unb oft auch DerständniSlosigkeit, die zum Teil sogar zum Austritt aus dem Derein von solchen Bürgern geführt hätten, für die es im ureigensten Interesse erforderlich sei, der Arbeit des Derkehrs-Dereins Beistand unb Förderung zu gewähren. Man müsse hoffen und wünschen, daß diese Lauheit verschwinde unb der Derkehrs-Derein in Zukunft tatkräftige Unterstützung aus allen Kreisen der Bürgerschaft erhalte.

Rach kurzem Hinweis auf die großen Zu­kunftsaufgaben der Gießener Derkehrs- förderung z. D. Ausbau des Straßenbahn­netzes mit dem Endziele der Schaffung einer elek­trischen Ueberlandbahn, Hinausverlegung der Bahnanlagen aus dem Weichbilde der Stadt, Schaffung eines Saalbaues usw., für die aber in den nächsten Iahrcn die erforderlichen umfang­reichen Geldmittel nicht beschafft werden könnten erörterte der Redner eine Anzahl aktueller Fragen der Derkehrsförderung, ohne damit das Thema in allen Tellen erschöpfend behandeln zu wollen. Er wünschte hinsichllich der kommenden

städtischen Autolinie zwischen Gießen unb Klein-Linden

die Festlegung der Fahrtstrecke und bie Gestaltung des Fahrplanes unter weitmöglichster Berück­sichtigung der Interessen unserer Geschäftswelt,

ferner die weitere Unterstützung der Kraftomnibuslinien aus der Rachbar­schast nach Gießen, da diese Linien Zubringer- bienfte für unsere Wirtschaft leisten.

Zur Befriedigung berechtigter Wünsche aus den Kreisen der Automobilisten unb deS hei­mischen Gastwirtsgewerbes sei eine

baldige anderweitige Regelunig der Autoparkplahfrage

erforderlich, da der gegenwärtige Zustand mit Recht zu erheblichen Klagen Anlaß gegeben habe und hiesigen Gasthäusern schon häufig dadurch Schaden entstanden sei, daß auswärtige Auto­mobilisten in Ermangelung geeigneter und zweck­dienlicher Parkungsmöglichkellen ihre Rast nicht hier gehalten hätten, sondern nach den Rachbar- ftäbten wellergefahren seien. Der Redner emp­fahl die Schaffung von umfangreicheren Autoparkplähen beiderseits der Selterstorhäuser unter Heranziehung der jetzigen kleinen Grünflächen an dieser Stelle, evtl, die Einrichtung eines größeren Autopark- plahes in der dortigen Gegend, für bie evtl, jetzt eine Möglichkeit gegeben sei. Ferner sei es empfehlenswert, an den Hauptkreuzungspunkten der Derkehrsstraßen unserer Stadt zur Erleichte­rung des Fährverkehrs in den Abend- und Racht- ftunden

beleuchtete Wegweiser anzubringen, bie mit weithin sichtbarer Licht­schrift den Kraftfahrern und Fuhrwerkslenkern in ber Dunkelheit eine rasche Orientierung ermög­lichen. Auch ber Zustand mancher Straßen, ins­besondere z. B. der W e st a n 1 a g e, bedürfe drin­gend einer Verbesserung, da der Fahrzeuaver- kehr auf einer solchen Straße recht gefährlich und unangenehm sei.

Dringende Wünsche seien auch bei der Reichs­bahn wiederholt zur endlichen Erfüllung anzu- melben, unb zwar handele es sich jetzt hier um eine

bessere Beleuchtung des Bahnhofsvorplatzes und die schnellste Durchführung der Erweiterung der Bahnhofshalle.

Die ungenügende Beleuchtung des Bahnhofs­vorplatzes, der zum größten Teile Eigentum der Reichsbahnverwaltung fei. wurde bei der Reichs­bahn von ber S'adtverwaltung unb auch vom Derkehrs-Derein schon wiederholt bemängelt, bis­her aber immer ohne Erfolg: ber heutige Deleuchtungszustanb sei jedenfalls durchaus unzulänglich. Die Reugestal­tung der Raumverhältnisse in der Halle des Bahnhofsgebäudes sei schon vor mehreren Mo­naten in ihrem ersten Teile in Angriff genom­men unb auch abgeschlossen worden, dann habe man die Wellerführung Der Arbeiten eingestellt, unb nun werbe es wohl so kommen, daß dieser Innenumbau der Halle gerade in der Hauptreisezeit mit ihrem starken Men­schenandrang vorgenommen werde. Der Redner betonte, daß nach seiner Ansicht die Gieße n e r Reichsbahnbehörde für alle diese Versäumnisse nicht verantwortlich zu machen fei, vielmehr Die Schuld an höherer Reichsbahn st eile gesucht werden müsse. Cs sei dringend erwünscht, daß die Stadtverwaltung hinsichllich dieser beiden Forderungen erneut nachdrückliche Vorstellungen bei Der Reichsbohnbirektion Frankfurt erhebe. Die Gießener Bürgerschaft müsse erwarten, daß die Reichsbahnverwaltung diesen Wünschen end­lich Eillgegcnkommen erweise.

Bedauerlicherweise habe man seit längerer Zell nichts mehr gehört über den Fortgang der Ar­beiten zur

Schaffung de« Gießener Viehhofgebäudes

unb damit zum Ausbau unserer Märkte. Es wäre zu begrüßen, wenn diese Ausgabe nun auch in möglichst naher Zell gelöst werde unb bomit die Derkehrsförderung neue Möglichkeiten zur Entfaltung erhielte. r

Der Dortragende erörterte sodann Mittel unb Wege zur

rNilhttfe der Gefchästvwett an den Ausgaben der Verkehrvwerbearbeit

unb zog dabei in Betracht, daß der Derkehrs- Derein unter Urnstänben von den Organisa­tionen ber Geschäftsinhaber unb Gewerbetreiben­den auch einmal finanzielle Mitwirkung bei der Herausgabe von Werbe­schriften in Anspruch nehmen müsse In dankenswerter Weise habe bisher die Stadt- verwallung dem Derkehrs-Derein ansehnliche Mittel beigesteuert, ob das weiter der Fall sein könne, sei bis jetzt noch nicht gewiß. In unserer Rachbarschaft, z. D. in Marburg, würden weit größere Geldmittel der öffentlichen Hand für Derlehrswerbung zur 'Verfügung gestellt als hier. Man müsse hoffen, daß die Organisationen ber heimischen Wirtschaft sich gegebenenfalls den Wünschen des VerkehrS-Vereins in ber eben angedeuteten Richtung nicht verschließen.

Der Redner wies am Schlüsse seiner Aus­führungen aus die Wichtigkeit einer sorgfältig geführten

Fremdenslalistik

hin. äu der die Hotels unb Gastwirtschaften die erforderlichen einwandfreien Ausschlüsse durch ge­naue Ausfüllung der Fragebogen geben müßten. Aus dieser Statistik könne man Fingerzeige ge­winnen für bie weitere Tätigkeit auf dem Gebiete der Derkehrswerbung. Dringend wünschenswert sei weiter ein

enges Zusammenarbeiten der vereine mit dem verkehrs-verein

hinsichtlich der Auswahl der Tage für Veranstaltungen. Cs sei bisher em auch für die Vereine unleidlicher Zustand gewesen, daß an manchen Sonntagen drei oder vier Veranstal­tungen zugleich stattgefunden hätten, bei denen schließlich fein Verein auf seine Rechnung gekom­men sei. Hm diese Rachteile in Zukunft zu ver­meiden. wolle der Vorstand des Verkehrs- Vereins der ehrliche Makler zwi­schen den Vereinen sein, um durch eine möglichst gleichförmige Der teilung der Veranstaltungen die Vereine vor Rachteilen schützen zu helfen unb damit zugleich auch den allgemeinen Verkehroinleressen zu die­nen. Entsprechende Vorschläge habe der Ver- kehrsverein schon mehrfach an die Vereine ge­richtet. bisher sei aber leider ein Ergebnis noch nicht zu verzeichnen. Man müsse hoffen, daß auch nach dieser Richtung hin der uneigennützigen Ar­beit des Verkehrs-Vereins die verdiente Würdi­gung zuteil werde.

Mit der Aufforderung, in Zukunft die B e - strebungen des Verkehrsvereins eifrig z u unterstützen unb damit zur Förderung des Gemeinwohls in un­serer Stadt beizutragen, schloß ber Redner seine Betrachtung ber wichtigsten Gegenwartsaufgaben unserer kommunalen Derkehrssöcderungsarbeit.

3m Anschluß an den mit lebhaftem Beifall auf- genommenen Vortrag setzte eine rege

Aussprache

ein. Als erster Redner stimmte Beigeordneter Dr. ,yj a m m mit dem Referenten völlig darin überein, daß die Frage der Anlegung von weiteren

Sanitätsrat hatte es ihr in seinem Damaligen Briefe mitgctcilt.

Es war kurz nach-Tisch.

Brigllta Hollermann stand soeben auf der Treppenleiter, um auf der Spitze des mächtig hohen Weihnachtsbaumes einen Weihnachtsengel zu befestigen, als eine wohltönende Männer­stimme vom $üreingarg rie :

Da komme ich woh. gerade recht, Schwester Gitta, um Ihnen ein wenig behilflich sein zu können!"

Schnell wandte Brigitta, die ganz in Gedanken versunken war, den blonden Kopf unb erkannte nun erst den jungen Ortspfarrer Wendelin, ber sich die von ber grimmigen Kälte roten, durch­frorenen Hände vergeblich wann zu pusten ver­suchte.

Gehen Sie lieber erst zu Schwester Christiane an den warmen Ofen unb tauen S.e sich auf. Sie finb ja ganz burchfroren unb sehen wie ein Schneemann aus, Herr Pastor!" rief Brigitta, von ber Leiter herablachend, aus.

Rein, nein. Schwester," entgegnete Pastor Wendelin luftig,ich bleibe doch lieber ein wenig bei Ihnen. Lassen Sie mich zusehen. Wie hübsch Sie heute aussehen, wahrhaftig, wie ein kleiner, blonder Weihnachtsengel: sogar die roten Backen fehlen nicht. Sylt bekommt Ihnen gut. Schwester Gitta: haben Sie sich ein wenig hier eingelebt?'

Ich fühle mich hier sehr wohl, und bin Schwe­ster Christiane von Herzen dankbar, daß sie mich behält , erklang es. leicht verlegen, von Bri­gittas Lippen, während sie emsig viele kleine, goldene Sternchen rings um den Baum be­festigte. Ä

Behält?" entgegnete der Pastor.Hallo, Schwester Gitta, sind Sie nicht doch ein wenig zu bescheiden? Was sollte wohl Schwester Chri­stiane ohne Sie überhaupt anfangen? Schaffen Sie nicht für Drei? Hängen Die Kinder nicht in wahrhaft abgöttischer Liebe an der guten Tante Gitta? Ist das nicht alles Ihr Verdienst?"

Brigitta errötete leicht und kletterte rasch die Leiter herab, um einen Korb vergoldeter Rüsse vom Tisch aufzunehmen.

Pastor Wendelin sprang hinzu und beteiligte sich nun eifrig an ber Arbeit.

Brigitta schwieg beharrlich unb machte sich nur noch emsiger daran, den Daum zu schmücken.

So kam es, daß der Baum nach Derlauf einer Stunde schon beinahe fertig war.

Der junge Geistliche hatte fich unbemerft in den Hintergrund des Saales entfernt und leise das Harmonium gufgeklappt.

Brigitta stand versunken vor ber hohen, schlan­ken Tanne. Pastor Wendelin hatte sie offenbar ganz vergessen.

Da erklang plötzlich in jubelnden, rauschenden Tonen das alte, schöne Weihnachtslied durch den stillen Raum.

O du fröhliche, o du selige

Brigitta zuckte heftig zusammen und hob ab­wehrend Die HänDe. Das Lied riß mit einem Schlage alle Wunden ihres gemarterten Innern wieder auf. Sie sah Den Weihnachtsbaum des letzten Jahres vor sich, daheim im Elternhause: und damit siel ihr alles wieder ein, was sie verloren hatte.

Als Pastor Wendelin das Lied mit einem leise verklingenden Akkord schloß und sich zu Brigitta umwandte, war diese spurlos aus dem Saal ver­schwunden.

Kopsschüttelnd schloß er daS Harmonium und ging hinüber zu Schwester Christiane, wo er auch Brigitta wieder traf, Die mitten im Kreise Der Kinder am Boden hockte.

Mit einem seltsamen Leuchten in den Augen sah er selbstvcrgcs'en auf das anmutige Bild und merkte Dabei nicht, daß Schwester Christiane ihn mit stummem, erstauntem Blick streifte, und dann ein kurzes, heißes Erschrecken über ihr gütiges, kluges Gesicht ging.

Die Weihnachtsbescherung für die Kinder fand am nächsten Tage schon am zeitigen Rachmittag statt, mit Rücksicht auf die kleinen Rekon­valeszenten.

Run ruhten sie schon, selig träumend, in ihren weihen Bettchen.

Schwester Christiane sah mit ihren Drei Ge­hilfinnen in ihrem gemütlichen Wohnzimmer: unb auch Pastor Wendelin und der Ortsarzt, Doktor Larsen, ein alter Junggeselle, hatten sich zum Weihnachtsabend eingesunden. Denn bei Schwester Christiane war es am Weihnachtsabend immer urgemütlich. unD Die mütterliche Freun­din hatte stets eine nette lleberrafchung bereit und hielt auf einen guten Braten.

Gerade stapfte der alle Andresen mit der ein­getroffenen Post ins Zimmer.

Auch für Brigitta waren zwei Briefe Dabei.

Der eine stammte von ihrem väterlichen Freund. Sanitätsrat Lührmann. unb ber zweite, mit Der ungelenken, zittrigen Schrift, kam von Der alten Hanna.

Still zog sich Brigitta von den anderen in eine Ecke des Zimmers zurück, um Die Briefe zu lesen. _ .

Unwillkürlich griff sie zuerst nach Hannas Brief und öffnete ihn.

Liebes, gnädiges Fräulein", schrieb die alte Dienerin.Morgen zum Weihnachtsabend sollen Sie doch wenigstens von mir einen Weihnachts- gruh erhalten: denn Die Frau Geheimrat wird kaum Daran denken, und Fräulein, Isa hat uns nun doch auch für immer verlassen."

Isa fort?" murmelte Brigitta bestürzt. Dann beugte sie sich wieder über bie ungelenken Seiten.

.. Fräulein Isa ist zu ihrer Freundrn noch Ber­lin, ber jungen Frau von Salden. S'.e wissen doch, es ist Ri von Brekendorf, bie im Früh-

Auto-Parkplätzen brennend geworden ist. Projekte hierfür feien bereits ausgearbeitet, er hoffe, daß bie Plätze halb zur Verfügung gestellt werden könnten. Auch die Anregung des Vortragenden hin­sichtlich ber Anbringung beleuchteter Rich­tungsschilder hält er für sehr beachtenswert: diese Einrichtung könne man ins Auge fassen. Den Forderungen des Referenten gegenüber ber Reichsbahn schließe sich Die Stadtverwaltung voll und ganz an. Alle Vorstellungen der Stadt bei ber Reichsbahn, welche auf eine Besserung der vom Vortragenden kritisierten Verhältnisse hinzielten, seien bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Die Stadtver roaltung werbe aber nun erneut bei ber Reichsbahn vorstellig werden. Bezüglich ber Straßenher- ft e 11 u n g seien alle Städte zur Zeit in einer sehr mißlichen Lage. Durch den ständig steigenden Auto- verkehr und den Umstand, daß immer schwerere Lastkraftwagen gebaut würden, der Automobilin­dustrie auch bezüglich ber Breite der Wagen keine Schranken gesetzt seien, würde bie Fahrbahn ber- artig stark in Anspruch genommen, baß bie Städte bezüglich der Straßenherstellung nicht mehr mit könnten. Wenn hier nicht eingegriffen würde, gingen bie Stabte an ben hohen Straßenbaukosten zu­grunde, oder bie Straßen kämen in einen furcht­baren Zustanb. Unsere Stabt fei aber insofern noch sehr übel baran, als sie trotz bes starken Durchgangs­verkehrs ber Autos nichts aus ber Kraftfahrzeug­steuer für bie Straßenunterhaltung bekomme. Auch Vorstellungen bei der Regierung nach biefer Rich­tung hin seien erfolglos gewesen. Mit bem 11 m bau ber Westanlage könne jetzt begonnen werben, nachdem einige Schwierigkeiten nun über­wunden seien. Die Frage ber (Erbauung bes 33 i c h- Hofes werbe auch jetzt noch von ber Stabtverwal- tung mit großem Nachdruck behandelt, jedoch seien einige technische Fragen erst noch zu klären, außer, dem spiele auch die finanzielle Seite bei diesem Pro­jekt eine große Rolle. Die Verhandlungen wegen eines Staatszuschusses seien noch nicht abgeschlossen. Er hoffe in dieser Hinsicht auf Entgegenkommen ber hessischen Regierung, zumal die Stadt dem hessischen Staat gegenüber auch bei der, kostenlosen Abgabe von Gelände und in ber Bereitstellung von Bar­mitteln für staatliche Einrichtungen (Universität) wiederholt weitgehendes Entgegenkommen gezeigt habe. Bezüglich Der Fremdenverkehrs st at,- ft i k wies Beigeordneter Dr. Hamm Darauf hin, daß die von den beteiligten Geschäftsleuten erbetenen Unterlagen in keiner Weise für Steuerzwecke Ver­wendung finden.

Stadtv. Kaufmann Wilh. Horn bedauerte in voller älebereinstimmung mit Dem Dortragenden Das geringe Interesse eines Teils der Geschäfts­welt an Den Derkehrswerbefragen. er wies weiter auf Die außerorDentlich ungünstigen wirtschaft­lichen Verhältnisse hin, die geeignet feien, ein­zelnen Gewerbetreibenden den Blick und das Interesse selbst für wichtige Fragen außerhalb Des Betriebes zu nehmen. Er wünschte zwecks Aufklärung die Verbreitung des Vortrags des Redners in zufammenfassender Form.

' Stadtv. Rahnefeld machte einige Vor­schläge zur Fremdenstattstik.

In feinem Schlußwort dankte Redakteur B l u m s ch e i n Dem Beigeordneten Dr. Hamm für die erschöpfende Antwort auf Die dringendsten der von ihm angeschnittenen Fragen. Er betonte Dabei mit Worten der Anerkennung DaS große Interesse, welches Die Stadtverwaltung bisher stets allen Verkehrssragen entgegengebracht habe, sowie die rege Mithilfe Der Verwaltung. Er schloß mit dem Wunsche, daß Der Vortrag und Die Aussprache Dazu beitragen möchten, die Lau­heit mancher Kreise in bezug auf Verkehrs, fragen zu beseitigen. ..

Die weiteren Verhandlungen des Abends brachten eine Anzahl Wünsche und Anregungen

johr Den Gesandtschaftsattache heiratete. Wie mir Fräulein Isa erzählte, geht sie zur Gesell­schaft zu Frau von Salden, Da Deren Mann nach Schanghai verseht worden ist. sie sich aber von Dem Berliner Gesellschaftsleben noch nicht zu trennen vermag. In einem halben Jahre ent- scheibet es sich, ob Frau von Salden ihrem Manne nachreist. Der wohl Den Auslandposten für mehrere Jahre erhält. Fräulein Isa will sie Dann auch begleiten, und freut sich schon Darauf, Die Frau irgendeines reichen Ausländers zu werden. Ach Gott, liebes Fräulein Brigitta, hoffentlich heiratet das Fräulein Isa Dann mcht etwa so einen gelben Japaner, schon wegen Der kleinen Kinder!

Doch nun habe ich genug geschrieben. Der gnädigen Frau Mutter geht es sticht besonders gut. Sie ist nie daheim, und wenn sie sich zuviel zugemutel hat. greift sie immer zu Der kleinen braunen Spritze. Ich glaube, es ist Gift, was fie von. Doktor T-eiUnger erhält. Sie muß Die Einspritzungen aber letzt schon immer öfter machen, sonst helfen sie nicht mehr. Wo find die schönen Zeiten hin! Manchmal denke ich. es wäre doch recht gut, wenn Der liebe Gott mich bald abrufen würde.

Run nichts für ungut, und ergebene Weih- nachtsgrühe von Ihrer alten Hanna."

Traurig fah Brigitta von Dem Briefblatt aus und ein Schluchzen würgte ihr Die Kehle.

Sie bekämpfte jedoch tapfer ihre Tränen und öffnete hastig Den Brief des Sanitätsrats Lühr­mann.

Dieser schrieb ihr in feiner großen, energi­schen Schrift viele herzliche WeihnachtSgrüße und teilte ihr mit. daß die alte Jurgens speziell für sie einen besonderen Kuchen gebacken habe, der wohl aber später als Der Brief eintreffen würde, alldieweil Pakete zur Weihnachtszeit ziemlich lange unterwegs wären.

Plötzlich aber zuckte Brigitta heftig zusammen beugte sich tiefer über Die Zeilen, da ihr Blick auf einen Ramen gefallen war.

Zitternd vor Herzklopfen las sie weiter.

UnD noch eins muß ich Ihnen berichten, liebes Kind", schrieb der alte Herr am Ende seines Briefes. »Vielleicht erleichtert Ihnen diese Rachricht ein wenig Ihr Herz. Zum mindesten nimmt Ihnen diese Rachricht Den quälenden Ge­danken. daß Sie Doktor Eggenhrechts Tod ver- tchuldet hätten. Ja, ich lann Ihnen sogar mit Bestimmtheit tagen, daß Eggenbrecht bei dem Explosionsunglück nicht ums Leben kam. Ter, den man aus Den Trümmern zog. war ein Fremder, der sich ins Laboratorium einge­schlichen hatte, um zu stehlen. Ein Sterbender hat mir alles gebeichtet. Das Schicksal spielt ost seltsam und hatte unter Den vielen Kollegen, Die zur Verfügung standen, gerade mich zum Beichtvater eine> alten, sterbenden Derbr-chers bestimmt. (Fortsetzung folgt.)