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Nr. 68 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, 2\. März (929

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Oie Sachlieferungen.

Einer der Unterausschüsse der Sachverstän- Digengruppe in Paris hat sich dieser Tage mit einem der umstrittensten Probleme des Tributs au beschäftigen. Es handelt sich um die S a ch - liefer ungen, auf die Deutschland, solange es gezwungen wird. Tribute zu leisten, nicht verzichten kann, auf deren Empfang die Sieger­staaten indessen mehr oder weniger kein Gewicht legen. Wenn nicht die Regierungen selbst, so doch die Industrie der einzelnen Länder, weil für sie die Sachlieferungen immer so etwas wie ein unlauterer Wettbewerb sind. Rein volkswirtschaftlich gesehen, bedeuten die Sach­lieferungen für Deutschland eine leidlich erträg­liche Form deS Tributs, immer vorausgesetzt, daß die Höhe des Gesamttributs sich der Lei­stungsfähigkeit anpaßt. Die Sachlieserungen hat nicht Deutschland aufgebracht, sondern sie sind im ..Ueberschwang des Sieges" von den Ur­hebern des Versailler Vertrages ausgeklügelt worden, um Deutschlands wirtschaftlichen Aufstieg zu drosseln. Das ist eine lange Liste, die der Versailler Vertrag seinerzeit ausstellte, eine Liste, in der von Steinkohlen angefangen, so ziemlich alles von Deutschland verlangt wurde, was sich nach menschlichem Er­messen überhaupt Herstellen läßt.

Run hoben sich die Sachlieferungen doch etwas anders entwickelt, als sich die Sieger das vorstellten. Frankreich, das die Zwangs­kohlenlieferungen u. a. mit der Zerstörung der nordfranzösischen Bergwerke durch englische Ge­schütze begründete, hat diese zerstörten Berg­werke nicht nur längst wieder aufge­baut, eS hat auch neue Schächte abgeteuft, so das; es heute mit Einschluh der lothringischen Förderung, sowie der der Saargruben über eine Kohlenerzeugung verfügt, die mit 70_ Millionen Tonnen um 30 Millionen Tonnen höher liegt als die von 1913. Immerhin verzichtet Frank­reich trotzdem auch heute noch nicht auf die deut­schen Zwangslieferungen, denn es hat noch 1928 rund 4,5 Millionen Tonnen bezogen, also ebenso­viel wie Italien, dessenKohlengruben" von deutschen Truppen nicht zerstört werden konnten, weil sie im Monde liegen. Die deutschen Stein­kohlen lassen sich die Sieger gern weiter gefallen, zumal sie sich nur solche Mengen aussuchen, die sich durch erstklassige Güte auszeichnen, also einen Gewinn darstellen, mit dem sich unter Umständen Handel treiben läht. Frankreich hat noch ein übriges getan, um sich nur die Zwangskohlen» lieferr'ngcn zu sichern, indem es die Lieferung deutscher Kohlen für private Rechnung verbot. Dafür führen Frankreich und Italien aus England erhebliche Mengen ein, so daß der deutsche Bergbau das Rachsehen hat.

Insgesamt hat Deutschland 1928 für 658 Mil­lionen Mark Sachlieferungen auf Daweskonto geleistet, gegen 578 Millionen Mark im Iahre 1927. In den monatlichen Rachweisen über den auswärtigen Handel Deutschlands umfaßt das Verzeichnis der Sachlieferungen nicht weniger als 16 Seiten enggedruckten Textes, wobei alles vertreten ist. vdn den Erzeugnissen der Land­wirtschaft über Rohstoffe bis zu den Fertig­waren aller Art. Selbst Kinderspielzeuge sind 1928 im Wert von fast einer Million Mark ge­liefert worden!

Wenn Deutschland schon einmal Tribut leisten soll, so hat es ein Interesse daran, diesen Tribut i nl Inlands zu verrechnen. Würden die Sach­lieferungen gestrichen, so erwüchse insofern ein soziales Problem, als eine Erzeugung im Wert von 6 bis 700 Millionen Mark au 'sfiele. Heute wickeln sich die Dinge so ab, daß der Generalagent die Zahlungen in vorgesehener Höhe empfängt, wobei aber ein erheblicher Teil dieser Zahlungen im Inlande verbleiben kann, da Deutschland dafür ja Waren liefert. Den Sie­gern liegt offenbar nicht viel daran, auch nicht daran, daß in Deutschland Hafen- und Brücken- matcrial auf Daweskonto hergestellt wird. Der Industrie in den Siegerstaaten behagt es, wenn

Deutschland nur Barzahlungen leistet, da­mit für diese Zahlungen alle möglichen Arbeiten und Lieferungen von der Industrie dieser Sieger­staaten selbst geleistet werden können. Da ist bei­spielsweise auf Sachlieferungskonto von deut­schen Werken eine Drücke über die Donau zwi­schen Belgrad und Pancevo gebaut worden, die rund 17 Millionen Mark kostete. Für die eng­lische und französische Industrie ist das ein un­behaglicher Wettbewerb, denn für sie steht es außer Frage, daß Jugoslawien diesen Auftrag nach England oder Frankreich gegeben haben würde, um die Bezahlung aus dem deutschen Tribut zu enrpfangen. Das gilt nicht nur von Brückenbauten, das gilt auch für Maschinen, die etwa Italien bezieht, oder für Lokomotiven und Schienen, die Rumänien in beträchtlicher Menge braucht. Deutschland kann und wird auf die Sachlieserungen nicht verzichten dürfen. Es kann es nicht, weil dieser Verzicht nichts anderes ist, als die Brotlosmachung von Tausenden von Arbeitern. Deutschland muß im Gegenteil darauf bestehen, daß der aller­größte Teil des Tributs in Form von Sach­lieferungen im Inlande untergebracht wird. Diese Abwicklung ist auch volkswirtschaft­lich viel eher tragbar als es Barzahlungen sind, die ohne Gegenleistung in das Ausland ab-

fließen. ES kommt weiter hinzu, daß, wenn Deutschland schon einmal auf Sachlieferungs- könto leistet, diese Leistungen unter Umständen auch werbend für die deutsche Wirtschaft wir­ken können. Gerade diesen Wettbewerb fürchtet die Industrie der Siegerstaaten, weshalb sie den Sachverständigen in Paris damit in den Ohren liegt, auf Sachlieferungen zu verzichten.

Die Sieger müssen sich damit vertraut machen, daß eine andere Form der Tributleistung, als sie vornehmlich durch Sachlieferungen möglich ist, für Deutschland nicht in Frage kommt. Wenn Deutschland bisher Barzahlungen leisten konnte, so nur deshalb, weil dies auf dem Umweg über die Auslandverschuldung ge­schah. DaS läßt sich nicht für unbegrenzte Zeit fortsehen, so daß jeden Tag für Deutschland der Zwang eintreten kann, unmittelbar auS dem Ertrag seiner wirtschaftlichen Arbeit zu leisten. Wenn die Industrie in den Siegerstaaten eine andere Lösung wünscht, so möge sie sich dafür einsetzen, daß der Wahnsinn der einseitigen Tri­butbelastung mit sofortiger Wirkung aufhört. Aber Deutschland zuzumuten, es solle sich auch noch im Interesse der Siegerstaaten finanziell verbluten und sozial zugrunde richten lassen, das zerreißt schließlich den dicksten Gedulds­faden.

Duce und Dauer.

Oie Förderung der Landwirtschaft im faszistischen Italien.

Von unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, im März 1929.

Daß der Dauer auch ein Mensch ist, sozu­sagen, hat noch jeder Herrschaftswechsel mit be­merkenswerter Fixigkeit entdeckt. Der Erzeuger nahrhafter Güter wurde sofort auf denBoden der vollzogenen Tatsachen" gestellt oder dem Arbeiter-, Soldaten- und Dauernrat einverleibt, er mochte wollen oder nicht. Aber während die russische Revolution die in der Rot gemachten Versprechungen später bedenkenlos auf den Mist­haufen warf, hat die faszistische Umwälzung den Landmann in den Mittelpunkt der Ration gestellt und je länger, je mehr zu schätzen gelernt. Ia, die Landwirtschaft ist zum Generator des Staates geworden. Mussolini sieht in der Ruralisation" das Hauptziel des neuen Italien.

Es war der Hauptfehler des italienischen So­zialismus, daß er in seinem bornierten Klassen­haß, in seiner blöde gtinug aus fremden Industrie­ländern importierten, sur die agrarische Halbinsel gänzlich ungeeigneten Phraseologie, den Dauer übersehen zu können glaubte, daß er auch mit militärischer Verständnislosigkeit an dieser Masse kräftiger Männer vorbeitrottete, die nur eines Führers bedurften, um ein unbesiegbares Heer zu werden. Es war umgekehrt eines der strategi­schen Meisterstücke Mussolinis, diese Versäumnis nachzuholen, indem er die Bauern sammelte und als Kerntruppe seiner Schwarzhem­den gegen den Sozialismus warf. Sie waren es, neben den Rationalisten, die die faszistische Revo­lution zum Siege führten.

Damit sollten sie aber ihre Aufgabe nicht vollendet haben. Hatte der Faszismus gefordert, daß die Besten des Volkes, die Front­kämpfer das Recht haben müßten, die Ration zu regieren, so verlangte er nun daneben für die produktive Schicht des Volkes, nicht also bloß für den Fabrikarbeiter, das Hauptinteresse des Staates. Der Rährstond sollte, anders als biher. nicht bloß geduldet sein, sondern bevor­zugt werden, er sollte vor allem auch das Be» wußsein seines Wertes, daß er noch nicht besaß, gewinnen. Mussolini erfüllte damit nicht etwa nur eine Dankespflicht wie der Condottiere, der feine Söldner belohnt, er sah weiter. Er erkannte, daß sich Italien angesichts der militärischen Iso­

lierung des Landes und der bevorstehenden Kriege wenigstens in der Lebensmittelversor­gung vom Auslandunabhängig machen mußte, nachdem ihm die Ratur schon die Roh­stoffe. Eisen und Kohle, versagt hat. Der Boden also, die heilige Erde, ist die einzige Zuversicht, der Boden allein bringt mit Bestimnrtheit hervor, was kein Abrüstungsgeschwäh und keine inter­nationale Konferenz geben kann.

Gctreideschlacht. Aufforstung. Bodcnverbesse- rung und die Förderung der Landwirtschaft in jeder Beziehung hängen daher innig mit Musso­linis Bevölkerungspolitik zusammen, politisch wie wirtschaftlich, mit dem Ziel der Bevölkerungs­vermehrung, mit dem Landfluchtverbot, mit der Verhinderung der Auswanderung und den in diesen Tagen gesetzlich niedergelegtcn Privilegien der Familie, besonders der kinderreichen. Eine sittliche Größe liegt in diesem Grundzug des faszistifchen Staates, die ebenso zum Herzen spricht, wie die amerikanische Großzügigkeit, mit der die neue Ordnung durchgeführt wird, unsere verstandesmäßige Bewunderung erweckt. Was ist doch unter der segensreichen Hand einer starken Regierung aus diesem Volk der Makka- ronie-Esscr und Mandolinen-Svieler, des süßen Richtstuns und der Fremdenindustrie geworden!

Richt von ungefähr hat derVölkerbund der Landwirtschaft", das von 75 Staaten unterhaltene internatio,laleLandwirtschafts-Jn- stitut, dem Italien auf dem Pincio ein wür­diges Heim errichtete, gerade Rom als Zentrum seiner Wirksamkeit gewählt. In Italien wird ge­arbeitet und es ist eine Lust, sagen die fremden Delegierten, hier zu arbeiten! Denn Mussolini fertigt den Landmann nicht mit Ausflüchten, pa­pierenen Verheißungen und bureaukratischen Er­lassen ab, Duce und Bauer verstehen ein­ander.

Die Zufriedenheit der Land bearbeitenden Be­völkerung zu erringen, das will etwas heißen in Italien, liegen doch in keinem anderen Staate die Verhältnisse so verwickelt wie auf der schon durch die klimatischen und kulturellen Unterschiede so auffällig zergliederten Halbinsel. Vom ein­fachen Taglöhner angefangen, über den Colonen hinauf zum Halbpächter, vom selbständigen Bauer

Hymnus über das Buch.

Von Zrih Adolf Hünich.

Laßt uns, Freunde, von allen gewaltsamen Er­oberungen, die uns versagt bleiben sollten, viel­leicht weil sie niemand glücklich machen, zurück- M)ren zu den friedlichen und beglückenden Erobe­rungen, die in der Stille des Bücherzimmers un­ser warten. Hier werden Freundschaften ge­schlossen, die nie oder nur selten veralten (wäh­rend doch sonst die vielen Zufälligkeiten im Verkehr der Menschen untereinander ost die rein­sten Verhältnisse bis zur Entfremdung trüben), hier finden wir die Gefährten, die uns ihre Liebe oder was sonst unserm Herzen not- und wohltut, schenken, ohne eine Gegenleistung zu fordern, hier sind die hundert Spiegel aufgestellt, in denen wir, erhoben und beschämt, unsere Größe und Armut erkennen. Bücher bezeichnen den Weg, der uns aus der süßen Dämmerung der Iugend in das unbarmherzige Licht der Reife geleitet hat, sie sind die Stufen unseres Wachs­tums. Bücher sind die Brücken, über die wir das Gebiet längst schon verstummter oder noch redender Seelen betreten. Erinnert euch, wen hat nicht gerade in den verzweifeltsten Stunden sei­nes Lebens der dämonische Zug des Schicksals an ein Buch geführt, aus dem ihm Verheißung, Trost und Glück entgegenstrahlte, wie wenn er plötzlich aus einem dunklen Zimmer voll toller Schauer in den hellsten Sonnenschein hinausgetreten wäre? Wer aber war wiederum nicht auch dankbar, wenn ihn ein weißes Buch das Leben verachten lehrte, weil es fragwürdig, gleisnerisch und voll Verrat ist? In wieviele Beziehungen wir auch verwoben sein mögen, immer spüren wir den Durst der Seele, den tausend Lockungen zu folgen, die uns unablässig umgaukeln, den Drang, uns n Abenteuer zu stürzen, die um_ so betörender cheinen, je weniger wir die Möglichkeit einer Rückkehr aus ihnen sehen. Glücklich vielleicht, -Der, vom magischen Ruf der Ferne gebannt, ich dem Strudel überläßt, aus dem er, stark oder gebrochen, auftauchen wird, glücklich aber auch, Tier das Leben, das er sich oder das sich ihm versagt, im farbigen Abglanz der Dichtung ge­nießt. sich in Länder tragen läßt, die seiner Sehnsucht fabelhafter und verzauberter erschei­nen als sie wirklich sind, zu Frauen, die er maß­los, ohne Enttäuschung, lieben darf, in Paläste, wo er mit Königen, in dürftige Stuben, wo er mit Bettlern und allen, die nach Gerechtigkeit hungert, umgeht, wie mit seinesgleichen. Schrei­

ben denn die Dichter den Iammer und Iubel, die Geschlagenheit und Ekstase ihres Herzens, ihre Träume, ihre Sehnsucht, nur für sich selbst? Sind sie nicht Eroberer, die nicht gewalttätig, sondern mit werbender Liebe von uns Besitz ergreifen, uns zu sich herüberziehen wollen, um uns die Welt zu zeigen, wie sie sie sehen oder wünschen, daß sie wäre und wie sie vielleicht nie sein wird? Sie sind die wahrhaft Reichen, die eine Welt verschenken können, ohne zu verarmen, weil sie sich ihnen in der abgründigen Tiefe ihres Herzens immer wieder neu gestaltet. Geben wir uns an sie hin, auf daß, nach dem Wunsche des Dichters, ihre Schönheit in tausendfachem Sinne über uns komme!

Das billige Buch.

Seine Licht- und feine Schattenseiten.

Von F. Mombert, Leipzig.

Der 22. März ist in ganz Deutschland der Tag des Buches. An diesem Tage soll die Idee des Dücherkaufes des Kaufes des guten Buches in den weitesten Volkskreisen auf jede nur denk­bare Weise propagiert werden. Hierbei wird vielfach, genau wie man es bei dem Weihnachts­geschäft im vergangenen Iahre feststellen konnte, das sogenanntebillige Buch" in den Vorder­grund treten. Unter dem billigen Buche soll dabei nicht jedes Buch, das etwa 1 bis 3 Mark kostet, verstanden werden, fonbern lediglich die bekannten Serienbände größeren Umfangs, mit­unter bis zu 900 Seiten, die man in gewissem Sinne auch als Fabrikbücher bezeichnen kann. Sie werden heute von geschickten Verlegern in Riesen­auflagen herausgebracht und erfreuen sich eines ganz gewaltigen Absatzes.

Diese Serienfabrikation von billigen Büchern es handelt sich fast ausschließlich um Romane hat dazu geführt, zahlreiche Bücher Kreisen der Bevölkerung nahezubringen, die sonst frei­willig oder aus Mangel an Mitteln an das Kaufen von Büchern nicht gedacht haben und denken konnten. Darin liegt ein unstreitiges Ver­dienst dieser Verleger. Gerade durch das billige Buch sind auch manche unserer besten Autoren, ich denke hier besonders an C. F. Weher, Gemein­gut nicht nur derGebildeten", sondern auch weitester Volkskreise geworden. Das ist natürlich ein Erfolg, der nach der kulturellen Seite hin nicht zu unterschätzen ist.

Aber diese Lichtseiten des Serienbuches dürfen uns doch nicht hindern, aus die mannigfachen schweren Schädigungen hinzuweisen, die in kul­tureller und wirtschaftlicher Hinsicht durch das Fabrikbuch entstanden, sind. Auf diese Gefahren hinzuweisen, erscheint um so notwendiger, als das breite Publikum zu leicht geneigt' ist, nur die günstige Seite der Serienbücher ins Auge zu fassen; denn die günstigen Wirkungen zeigen sich sehr schnell, während sich die ungünstigen erst nach längerer Zeit in ihrer vollen Schwere bemerkbar machen können.

Wir sprachen von kulturellen und wirtschaft­lichen Schädigungen. Die letzteren zeigen sich schon heute in der vielbesprochenen Krise des deutschen Buchhandels, an der freilich auch in hohem Maße noch andere Faktoren mitbeteiligt sind. Aber daß diese Krise einen derartigen Umfang annehmen konnte und sich zu einer Dauerkrise auszuwachsen droht, das ist doch auch zum Teil die Schuld des Serienbuches. Diese Gattung von Büchern verschafft nämlich ihren kapitalkräftigen und ge­schickten Verlegern den größten Tell des Absatzes an belletristischer Literatur und an Geschenk­werken. aber auch zum Tell an wissenschaftlicher Literatur; es sei nur an Knauers Standardbände erinnert. Die Verleger der übrigen schöngeistigen Literatur verlieren hierdurch immer mehr ihr früheres Absatzgebiet und ihre früheren Absatz­möglichkeiten. Daß manche modernen Autoren weniger gekauft werden, ist bei dem Riveau eines großen Teiles der heutigen Romanliteratur viel­leicht kein Schade. Daran ist teilweise auch sicher­lich die Ueberproduktion an derartigen Werken schuld. Doch viel gute Literatur, namentlich auch Lyrik, hat ebenfalls unter dieser Konkurrenz zu leiden und findet heute vielfach nur einen ganz unzureichenden Absatz. Der Verleger, der es noch wagt, solche Bücher zu drucken, übernimmt damit ein großes Risiko. Auf diese Weise kommt ein großer Teil unseres schöngcsistigen Verlages in eine äußerst bedrängte Lage, da er vor einem unabsehbaren Lager steht. Heute zeigt sich dies noch nicht überall in vollem ilmfang, die Oeffent- lichkeit weiß auch vielfach nichts davon; manche Verleger haben auch noch immer Hoffnung auf kommende Erfolge, die sich auch hin und wieder einstellen. So wird heute noch vielfach weiter­gedruckt und weiterverlegt, wenn auch zum großen Tell mit Kredit. Wie lange das noch weitergehen kann, hängt hauptsächlich von dem Fortschritt ab, den das billige Buch macht, und von der Konkurrenz, die dadurch für wertvolle Reuerschei­nungen entsteht.

bis zum Feudalherrn wieviele soziale, In den meisten Fällen kaum auseinanderzuhaltenden Schichten! Dafür aber kommt eine einzige ge­sunde Maßnahme einer Reihe von Ständen z. - gute. Die Voraussetzung für eine durch­greifende Verbesserung der Verhältnisse war naturgemäß der saszistische Staat mit seiner Grundidee von der Unterordnung des Ein­zelnen wie des Standes unter das Gesamtwohl des Vaterlandes. Jeder, der in Italien a r - beitet, und nur dieser Arbeiter genießt den Schutz des Staates, arbeitet für den Staat. Das ist das oberste Gesetz.

Um das tägliche Brot zu sichern, hat Musso­lini die Getreideschlacht eingeleitet. Sie wurde bereits gewonnen. Um das Klima zu ändern, das jährlich mit viermonatiger Trocken­heit den Süden heimsucht, wird jetzt ganz Italien, aus geforstet, ein geradezu cäsarisches Werl. Um die Berghänge kulturfähig zu machen, wurde eine W a s s e r r e g u l i e r u n g größten Stiles unternommen, die mit der Energie­versorgung Hand in Hand arbeitet. Dem kleinen Wildwasser gilt die Sorgfalt wie dem riesigen Stausee In Sardinien. Um K^'onien im eigenen Lande zu gewinnen, ifl_ das Gesetz über die Bonifica integrale, die vollständige B öden - Verbesserung von den Alpen bis Sizilien, erlassen und sofort durchgeführt worden. Bis in die entlegensten Bergnester und Sumpfhöhlen hinein bringen die Lichtbildautos der Regierung, um den weltverlorenen Bauern die neue Lehre zu bringen. Eine Aufklärungsarbeit, die haupt­sächlich in den Händen des nationalen Front­kämpferbundes liegt. Die Entwässerung verdrängt auch die Malaria.

Der Duce bekämpft die Arbeitslosigkeit, in­dem er die staatliche Unterstützung an die Arbeit bindet, die Leute auf die Felder und aus die Bauplätze schickt, Bauernnot und Wohnungs­not damit aufhebt. Richt genug damit? Gut, so werden die Steuern herabgesetzt (von 12 Pro­zent auf 7,5 Prozent), die übertriebenen Arbeits- löhne gesenkt, die Pachtverträge revidiert. Binnen Iahresfrist war die schwere Krisis überwunden. Später legte der Staat die Hände nicht in den Schoß, er griff dem Bauer unter die Arme, wo es nottat und tut. Agrarfeindliche Maßnahmen können nicht aufkommen, weil, wie gesagt, die Landwirtschaft als Fundament der nationalen Wirtschaft anerkannt ist. Italien soll ein Agrar - staat bleiben. Riemand darf mehr auswandern und für die noch in der Fremde sich abmühenden Emigranten bereitet die Heimat fieberhaft Boden vor, so daß schließlich jeder Italiener auf eigenem Grund stehen kann und wirb.

Besitz verpflichtet. Daö gilt auch für ben Großgrundbesitzer. Daher Aufhebung oder Beschränkung der säkularen Weidewirtschaft, wo andere Bewirtschaftungsmethoden größeren Ertrag versprechen. Richt aber, daß der Be­sitzende nun einfach enteignet würde, wie es unter ben Linksregierungen nach dem Kriege gang und gäbe war, er mutz sich nur umstellen. Wo die Kleinbauern aus Trägheit ober Unver­stand daS Land schlecht bebauen, kann umgekehrt wieder zur Vereinigung zu großen Gütern ge­schritten werden, die amerikanische Erntemethoden erlauben, wie zum Beispiel in den trocken­gelegten Sümpfen um Reapel. Dort ist aus einem traurigen Riedbauerntum ein modernes, groß­zügiges Latifundientum entstanden. Moderner Großgrundbesitzer, das will heißen, das Land nicht mehr durch Pächter auspowern lassen und ein aristokratisches Leben in Paris oder Rom ver- lubem, sondern selber mit Hand anlegen, Ma­schinen ausproben, am Volkswohl mitarbeiten, wie der letzte Tagelöhner. Wer jetzt einen Spaziergang in die Campagna, in die seit Jahr- tausenden nicht mehr vom Pfluge berührte Steppe unternimmt, der sieht mit Staunen, wie riesige Flächen unter den Motorpflug genommen werden, daß die steinharten Schollen zu kleinen Gebirgen sich türmen. Sieht ein Jahr später, wie diese jungfräuliche Erde schnell verwittert und begierig den Samen aufnimmt, um im

Daß mit einer solchen 1 Unterbindung in der Fortentwickelung unserer schönen Literatur in kultureller Hinsicht gewisse Gefahren verbunden sind, liegt auf der Hand. Derartige Schädigungen zeigen sich jedoch auch noch in anderer Be­ziehung, die namentlich dem Buchhändler sichtbar wird. Schon während des letzten Weihnachts- geschäftes konnte man das deutlich beobachten. Früher lieh sich der Kunde im Laden Bücher aus allen möglichen Verlagsanstalten und aus den allerverschiedensten Gebieten als Geschenke für Bekannte und Verwandte vorlegen, er lernte damit Aeuerscheinungen kennen und so war auch immer die Möglichkeit gegeben, guten neuen Büchern zu einem gewissen Absatz zu verhelfen. Heute dagegen kommt ein großer Teil der Bücher- fäufer in ben Laden mit den Worten:Ich möchte einen Band Knauer verschenken oder einen Band Hafisbücherei" usw. Diese Bequemlichkeit des Pu­blikums, die zum Teil auch auf Sparsamkeit be­ruht, muß auf die Dauer zu einer geistigen Ver­flachung führen; denn dadurch bestimmen letzten Endes die betreffenden Verleger, welche Bücher bet uns gelesen werden. Aehnlich. ja teilweise noch schlimmer, liegen in dieser Hinsicht die Verhältnisse bei den Duchgemeinschaften.

Mögen diese Bemerkungen auch dem Richt- eingeweihten vielleicht etwas übertrieben klingen, so sind sie doch für einen großen Teil des heu­tigen Publikums zutreffend, und zwar besonders für den Teil, der Bücher nur an bestimmten Tagen, wie z. D. an Weihnachten ober als Kon­firmationsgeschenk, zu kaufen pflegt. Als weitere Folge davon kann sich bann im Laufe der Zeit ein Rückgang der literarischen Bildung einstellen, da ja gerade der Absatz und die Lektüre solcher Bücher, die in diesen Serien nicht enthalten sind, stark abnehmen wird. So fei an die deutschen Romantiker erinnert, an denen das Interesse in weiten Kreisen und gerade aus ben darge­legten Gründen, in ben letzten Jahren bei uns stark zurückgegangen ist.

lieber allen Schattenseiten dürfen wir freilich auch die eingangs erwähnten günstigen Wirkun­gen dieser Entwicklung in der deutschen Bücher- Produktion nicht vergessen. Doch sei gerade zum Tage des Buches die Mahnung ausgesprochen, im ureigensten Interesse sich auch anderer Bücher als solcher Serienbände zu erinnern, solbst wenn man nicht für zwei bis drei Mark einen mehrere hundert Seiten starken Band in Leinen ge­bunden erhalten kann.