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Nr. 221 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger tGenerai-Anzeiger für Gberhesfen)
Zreitag, 20. September 1929
„Der Freiheit entgegen"?
Eine Antwort an Professor Moldenhauer.
Von Or. h. r. p. Meesmann.
Unter dieser Heberschrist hat Herr Professor Dr. Moldenhauer, M. d. R., als Vertreter des Rheinlandes einen in Nummer 216 des „(Siebener Anzeigers" veröffentlichten Aufsatz geschrieben, der wegen der in ihm enthaltenen Irrtümer eine Erwiderung, ebenfalls von einem Vertreter des Rheinlandes erfordert. Der Schreiber dieser Zeilen hat als Vertreter des besetzten Gebietes an allen wichtigen Verhandlungen seit der Besetzung der Nheinlande teilgenommen und darf daher wohl eine Kenntnis der Vorgänge für sich beanspruchen.
Wie hat sich die heutige Lage des besetzten Gebietes entwickelt? Durch den Vertrag von Versailles wurde die Besetzung der Rheinlande festgelegt. Sie erfolgte in drei Zonen, von denen die erste nach fünf Jahren, also im Jahre 1925, die zweite nach zehn Jahren, also im Jahre 1930, die dritte nach fünfzehn Jahren, also im Jahre 1935 wieder geräumt sein sollte. Es war aber vorgesehen, daß, wenn Deutschland seine vertraglichen Verpflichtungen erfülle eine frühere Räumung eintreten sollte. Trotzdem nun Deutschland erfüllt hatte, erfolgte die Räumung nicht. 2m Jahre 1925 ließ sich Deutschland den Dawes-Plan mit neuen Eingriffen in die staatlichen Hoheitsrechte auferlegen. Man glaubte damit endlich das Recht auf alsbaldige Räumung erworben zu haben. Sie erfolgte wieder nicht, nur die erste Zone wurde, und zwar ein Jahr später als im Versailler Diktat vorgesehen, geräumt. Man schloß dann die Verträge von Locarno, um, wie Herr Moldenhauer sagt, das französische Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen. 2n Wirklichkeit verzichtete man freiwillig auf deutsches Land und anerkannte damit wichtigste Teile des Versailler Vertrags. Nach Herrn Moldenhauer hätte Deutschland alsdann wenigstens das Recht auf Räumung gehabt. Aber nichts erfolgte, die Rückwirkungen, die Herr Briand angeblich Herrn Stresemann fest versprochen hatte, blieben aus. Kein ernsthafter Widerspruch aber erfolgte gegen diese Nichteinlösung eines gegebenen Versprechens. Deutschland, unter Führung des Herrn Stresemann, fand sich damit ab, um „die Gegner nicht zu reizen".
Nun kamen die Pariser Verhandlungen. Das besetzte Gebiet erklärte in allen seinen Vertretungen wiederholt mit größter Entschiedenheit, es fordere nunmehr endlich sein Recht, ohne daß irgendwelche neue Zugeständnisse gemacht werden dürften. Die deutsche Regierung bestätigte diese Auffassung, gab sie aber im Haag glatt wieder preis. Sie machte nicht nur höhere finanzielle Zugeständnisse über den Voung-Plan hinaus, sondern sie erklärte sich auch mit der Einsetzung eines Ueberwachungsausschusses für das besetzte Gebiet einverstanden für unbegrenzte Zeit, obgleich das Rheinland sich hiergegen auf das allerschärfste ausgesprochen hatte. Sie begnügte sich damit, daß man diesem Ausschuß ein anderes Mäntelchen umhing, indem man die ihm zugedachten Befugnisse einem in Locarno für andere Fälle bereits eingesetzten Ausschuß übertrug. Das wesentliche dieses Ausschusses ist, daß derselbe jederzeit, wenn Frank-
Dämonen der Zeit.
ZRoman von Arthur Brausewetter.
35. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
11 nb als sie ihn fassungslos ansah: „Zwei Strolche waren uns, seitwärts zwischen den Tannen sich haltend, eine ganze Strecke gefolgt. 2ch hatte es sehr Wohl gemerkt, wollte Sie aber nicht unnötig ängstigen. Eben wollte der eine sich auf mich, der andere auf Sie von hinten stürzen... ich hatte jede ihrer Bewegungen beobachtet und mich fertiggemacht. Als die Schufte die Pistole erblickten, zogen sie sich zurück und drückten sich dort hinter die Baumstämme. Eben sah ich sie noch: jetzt sind sie spurlos verschwunden."
Sie suchte tapfer zu bleiben. Aber er merfte, daß sie sich nur mit Mühe aufrecht hielt.
„Wir wollen umkehren," sagte sie, „schnellt Wir sind ja auch hier in eine ganz einsame Gegend geraten, und kein Mensch ist weit und breit zu sehen."
„Sind Sie so furchtsam? Das hätte ich eigentlich nicht von Ihnen gedacht."
„Ich bin es sonst nicht. Zu Hause gehe ich bei Nacht und Nebel ganz allein und wohin Sie wollen. Aber da sind die Menschen auch besser."
Dann aber, als schämte sie sich, seiner Ruhe gegenüber so klein und ängstlich zu erscheinen: „Es war nur ein Augenblick... nun ist alles vorüber. Nein, wir wollen noch ein wenig weiter gehen, die Nacht ist so schön, und wenn Sie bei mir sind, fürchte ich nichts."
„So ist es recht, Fräulein Lotte! So habe ich Sie gern.“
Gr sprach es mit auf quellender Wärme, gab ihr die Hand, wollte ihren Arm in den feinen legen, da sah er, daß sie immer noch zitterte.
„Nun. mit dem Mute scheint es allzu weit nicht her zu sein," meinte er scherzend, schloß ihren Arm fest in den seinen, griff mit der freien Hand unwillkürlich in die Seitentasche, in der die Pistole war.
„O doch ... doch ..."
And dann, auf feinen Ton eingehend:
„Ich muß mich allmählich daran gewöhnen, Sie als meinen Retter zu betrachten. Es ist heute das drittemal ... Und viel öfter waren wir kaum zusammen."
Er schlug einen schnelleren Schritt an. Sie bemühte sich, ihm zu folgen, aber leicht wurde es ihr nicht. Er merkte es, verlangsamte den Schritt und versuchte, sie durch eine unbefangene Unterhaltung auf andere Gedanken zu bringen.
Aber sie ging wenig darauf ein.
„Haben Sie nichts gehört?" fragte sie, indem sie plötzlich stehen blieb und den angsterfüllten Blick über die bleiche Dämmerung dahinirren ließ.
„Nichts habe ich gehört," gab er mit unerschütterlicher Ruhe zurück.
„lind wieder nichts?"
Sie stjeh es zwischen den gebenden Lippen hervor; ihr Arm hatte sich aus dem seinen gelöst,
reich glaubt, eine Verfehlung Deutschlands annehmen zu dürfen, in Tätigkeit tritt, und alle von ihm für notwendig gehaltenen Untersuchungen einleiten kann. Das ist dasselbe, was Frankreich mit dem von ihm vorgeschlagenen Ausschuß angestrebt hatte. An diesem Sachverhalt wird auch gar nichts dadurch geändert, daß daneben Deutschland den Völkerbund anrufen kann.
Mit solchen schweren Opfern ist die Befreiung der besetzten Gebiete für den 30. Juni erkauft worden, und so sieht der „Erfolg" der deutschen Politik in Wahrheit aus. Cs liegt daher für das Rheinland nicht der mindeste Grund vor, so sehr es sich selbstverständlich über den Abzug der Franzosen freut, der deutschen Politik ein Loblied zu singen, ganz abgesehen davon, daß, wie das Rheinland stets betont hat, über der Räumung der Rheinlande das Gesamtinteresse Deutschlands zu stehen hat.
Wie waren nun die Hergänge bei der Beendigung des Ruhrkampfes, die Herr Moldenhauer ja als besonderes Ruhmesblatt ter Stresemannfchen Politik verkündet? Sehr richtig sagt Herr Moldenhauer, daß die Politik Frankreichs seit dem 17. Jahrhundert darauf ausging, das linke Rheinufer in feinen Besitz zu bringen. Nur der Widerstand der anderen Mächte, insbesondere Englands, das Frankreich nicht übermächtig werden lassen wollte, verhinderte die Ausführung dieser Absicht beim Versailler Vertrag, bei dessen Herstellung D'utschland bekanntlich kein Wort mitzureden hatte.
Dann versuchten die Franzosen ihre Absicht zu erreichen, indem sie den Streit an der Ruhr vom Zaun brachen. Dieser Versuch scheiterte, wie auch Herr Moldenhauer zugibt, nur an dem geschlossenen passiven und teilweise aktiven Widerstand der rheinischen Bevölkerung. Die deutsche Regierung unter dem Reichskanzler Cuno unterstützte und förderte diesen Kampf der Bevölkerung hauptsächlich durch finanzielle Mittel. Als dann Herr Stresemann ans Ruder kam, erklärte er die weitere finanzielle Unterstützung für unmöglich und brach damit den Kampf ab. Man braucht Herrn Stresemann hieraus keinen Vorwurf zu machen, denn unter der Wucht der Inflation erschien auch vielen anderen Leuten eine weitere finanzielle Unterstützung durch das Reich kaum durchführbar. Aber feit wann windet man einem Feldherrn Lorbeeren dafür, daß er die Waffen streckt? Ja, wenn es ujm noch gelungen wäre, die Einstellung des Kampfes mit ehrenvollen Bedingungen zu verknüpfen. Nichts von dem, bedingungslos hat die deutsche Regierung den Kampf aufgegeben und als sie dann über die Abwicklung der entstandenen Schäden mit der französischen Regierung verhandeln wollte, lehnte diese den Versuch ab mit der Erklärung, sie habe zur deutschen Regierung kein Vertrauen und werde unmittelbar mit den Wirtschaftskreisen verhandeln. So kamen die Micumverträge zwischen Frankreich und der deutschen Industrie zustande: es war eine Selbstverständlichkeit, daß später die deutsche Regierung den Industriellen die geleisteten Zahlungen zurücker- ftattete.
Man hätte die Haltung der deutschen Regierung noch verstehen können, wenn sie sich dem geschlossenen Ring der Feinde gegenüber befunden hätte. Das war aber gar nicht der Fall. England hatte gleich nach dem Ruhreinbruch der Franzosen eine amtliche Note erlassen und veröffenllicht, in welcher sie das Vorgehen Frankreichs als einen glatten Bruch des Versailler Vertrags kennzeichnete. Statt sich diesen Gegensatz Englands gegen Frankreich zu-
mit beiden Händen klammerte sie sich an ihn, als wollte sie ihn nicht von der Stelle lassen.
Seltsam war ihm zumute: hier im tiefen Schweigen der einsamen, vom geheimnisvollen Schneelicht durchzitterten Nacht, so ganz allein mit dem entzückenden Geschöpf, dessen Hände immer fester die seinen hielten, dessen blühender Leib dicht und weich sich an den seinen schmiegte.
„Sie haben eben gesagt, daß Sie nichts fürchten, wenn ich bei Ihnen bin."
„Ja ... das habe ich gesagt ... Und doch —“ Das Wort erstarb ihr auf dem Munde — Und jetzt hatte auch er es vernommen, von ferne her dumpf verhallend und doch mit ziemlicher Deutlichkeit hörbar, einen Ruf, der halb gebietend, halb hilfeheischend durch die Stille drang.
„Nein, Sie haben sich nicht geirrt," sagte er aufhorchend. „Es ist jemand in Gefahr. Die Banditen haben sich einen anderen gesucht. Wir dürfen ihn nicht im Stiche lassen."
„Was wollen Sie tun?"
„Zu ihm hin! So schnell wie möglich! Sie folgen mir, bleiben mir im Rücken, halten sich aber ganz hart an mich. Es ist keine Sekunde zu verlieren. Vorwärts!"
Er sprach mit fliegendem Atem, aber ganz bestimmt. Fast wie ein Befehlender. Sie leistete keinen Widerstand. Ihre Furcht war gewichen, ihre ursprüngliche Tapferkeit wieder wach geworden. So stand sie unter dem Eindruck seiner Persönlichkeit, daß der Druck, der sich bis dahin lähmend über ihren ganzen Körper gelegt hatte, mit einemmal geschwunden war und sie ihren Fuß wieder frei und sicher fühlte.
Er hatte die Pistole aus der Tasche genommen und schußbereit gemacht. Mitten durch das schneebehangene Gebüsch schlug er mit instinktmäßiger Sicherheit den Weg in der Richtung ein, in der sein geübtes Gehör den Ruf vernommen hatte. Zuerst war er bemüht, den stark ausschreitenden Schritt im Hinblick auf sie ein wenig zu hemmen. Dann aber, als er merkte, daß sie ohne Mühe folgte, ließ er jede Rücksicht außer acht und eilte, nur von dem Gedanken an fein Ziel erfüllt, meist laufend und über widerstrebende Stellen mit kurzem Sah fortspringend, über den hartgefrorenen, unter feinen Tritten knirschenden Schnee.
Es war die höchste Zeit.
An der Lichtung eines vom jetzt volleuchten- den Monde erhellten Platzes sahen sie einen vornehm gekleideten Herrn mit weißem Spihbart von zwer Strolchen hart bedrängt. Obwohl der alte Mann nicht die geringste Furcht zeigte, sondern die einzige Waffe, die er bei sich zu tragen schien, einen Spazierstock mit silbernem Griff, mit wuchtiger Hand über die beiden schwang, hielten diese ihre Revolver so drohend auf ihn gerichtet, daß er gegen solchen Angriff machtlos war.
Aber er gab feine Verteidigung nicht auf, sondern schien entschlossen, eher sein Leben zu lassen, als sich in die Hände der Räuber zu geben.
Da vernahmen diese hinter sich im Gebüsch dns Geräusch heraneilender Schritte, stutzten» blick
nutze zu machen, hatte die deutsche Regierung kein anderes Bestreben, als sich Frankreich in die Arme zu werfen und England hatte dann wirklich keinen Grund, Deutschland zu helfen.
So sieht der Weg zur „Freiheit" aus, den die Regierung Stresemanns beschritten hat. Sie kannte kein anderes Ziel und keinen anderen Weg als sich unter allen Umständen mit Frankreich zu „verständigen", Zugeständnisse wurden gemacht. Für keins erhielt Deutschland eine entsprechende Gegenleistung und so ist auch das selbstverständliche, längst fällige Recht auf Räumung der Rheinlande neuerdings wieder mit neuen Zugeständnissen örkauft worden. Es sei auch noch daran erinnert, daß Herr Stresemann den schmachvollen Amnestievertrag mit Frankreich einging, durch welchen diejenigen Deutschen, die Gut und Blut für ihr Vaterland im Ruhrkampf eingesetzt hatten und deshalb von Frankreich in das Gefängnis geworfen wurden, denjenigen Deutschen gleichgestellt wurden, die als Separatisten ihr Vaterland verraten hatten und deshalb von Rechts wegen hätten als Hochverräter verurteilt werden müssen. Diese Lumpen laufen heute noch unangefochten im besetzten Gebiet herum. Frankreich aber ließ nach wie vor Deutsche in französische Gefängnisse setzen und immer noch erfolgten neue Verurteilungen Deutscher durch französische Kriegsgerichte: es sei nur an den Fall des Leutnants Rouzier erinnert, der trotz schwerer Vergehen gegen Deutsche freigesprochen wurde, während die Deutschen, di sich in Notwehr zur Wehr gesetzt hatten, verurteilt wurden und dann genötigt waren, zwecks ihrer Begnadigung den französischen Präsidenten anzurufen. Herr Stresemann aber gratulierte kurze Zeit später Herrn Briand zum 25jährigen Abgeordnetenjubiläum, ob
gleich Herr Briand dieses Amt hauptsächlich dazu ausgeübt hatte, um Deutschland niederzuwerfen.
Nun noch ein Wort über Frankreichs Rheinlandpolitik, da man es so darstellt, als wenn doch der Verzicht auf diese Politik das Verdienst der deutschen Regierung sei. Erstens hat Frankreich noch niemals erklärt, daß es diese seine Politik aufgebe. Wenn es das aber tut, so ist dies nur zwei Umständen zuzuschreiben: Einmal der einmütigen Abwehr der rheinischen Bevölkerung int Ruhrkampf, aus welcher die Franzosen ersehen muhten, daß das Rheinland deutsch ist und deutsch bleiben will und daß es mit einer Annexion einen Bissen schlucken würde, der für ihn gänzlich unverdaulich fein würde, und zweitens dem sehr verständlichen Widerstand Englands und anderer Staaten, denen eine solche Erweiterung des Herrschaftsgebietes Frankreichs als mit ihren eigenen Interessen unvereinbar erscheinen mußte. So hat Frankreich es vorgezogen, sich einstweilen mit der Sicherung zu begnügen, die ihm die Verurteilung Deutschlands zur politischen und militärischen Ohnmacht, die Schleifung aller deutschen Festungen, die Schaffung einer 50 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone am Rhein und die Einführung einer ständigen Unter* suchungskommission gegenüber Deutschland in vollem Maße gewährt.
Diese Aneinanderreihung einiger Tatsachen dürfte wohl genügen, die „Erfolge" der deutschen Regierung und insbesondere Stresemanns zu kennzeichnen, und damit den „Weg zur Freiheit" als das erscheinen zu lassen, was er ist. der Weg zur dauernden Versklavung Deutschlands.
Sic Entwicklung der Angesielltenversichemng.
Bezirksiagung der Vertrauensmänner der Angestelttenversicherung.
Arn Sonntag fand in Frankfurt a. M. feit drei Jahren wieder die erste Bezirkstagung der Vertrauensmänner der Angestelltenversicherung aus Hessen. Hessen- Nassau und der Pfalz statt. Ueber 150 Personen nahmen an ihr teil.
Nach Begrüßung durch Fabrikant G e r n • g'rofe, dem Vorsitzenden des Frankfurter Ortsausschusses, hielt — wie man uns berichtet — Direktor Schäfer von der Reichsversicherungs- anstatt für Angestellte einen Vortrag über die Entwicklung der R. f. A. in den letzten drei Jahren, über die bestehenden Ausbauwünsche und ihr Auswirken, sowie über die dem Reichsrat vorliegende Gesetzesnovelle vorn 12. Juli d. 3. Die Angestelltenvei^icherung habe eine gute Entwicklung genommen, sie umfasse jetzt 3,3 Millionen versicherte Angestellte und 320 000 Arbeitgeber. Am 1. Juli 1929 liefen 163 000 Renten, gegen 129 000 zu Beginn dieses Jahres. Die Rentensumme betrage im Juli d. I. 11 160 000 RM. Der Durchschnitt der Rente betrage Anfang d. I. 82,60 RM. (einschl. Steigerungssatz aus der Invaliden-Dicherung). Witwenrente 45,15 RM. und Waisenrente 37,50 RM. An die auf Grund des Gesetzes vom März d. I. neu rentenberechtigten, 60 Jahre alten stellenlosen Angestellten seien bis zum 31. August d. I. 1177 Ruhegelder bewilligt. Vom 1. Januar bis 31. August 1929 seien 18 644 Anträge auf Renten bewilligt. Im Heilverfahren seien 108 000 Anträge im Jahre 1928 bewilligt. Aus Mangel an Mitteln sei kein Antrag abgelehnt. Im
Jahre 1928 seien über 104 000 Darlehnsgesuche bei der R. f. A. eingegangen. Für den Wohnungsbau habe die R. f. A. 100 Millionen RM. im vergangenen Jahre bewilligt. 2663 Einzelsiedlungshäuser seien bewilligt. An Verwaltungs* kosten würden 2,9 Prozent der Einnahmen verbraucht, ein sehr niedriger Satz im Vergleich zu anderen Sozialversicherungskörpern. Hinsichtlich der vorliegenden Anträge auf Leistungsausbau vertritt die R. f. A. die Auffassung, daß wesentliche Leistungsverbesse- rungen ohne Beitragserhöhungen zur Zeit auf Grund der versichern n g s t e chni s ch e n Bilanz nicht möglich seien. Eine Beitragserhöhung könne aber nicht befürwortet werden. Die R. f. A. lehne insbesondere die Erhöhung des Steigerungssatzes von 15 auf 20 Prozent ab, obwohl das selbstverständlich wünschenswert wäre. Nachdrücklich wandte sich Direktor Schäfer gegen die Verschlechterung der Selbstverwaltung, die dis Gesetzes-orlage an den Reichstag enthalte. Der Präsident und die beamteten Direktoriumsmitglieder müßten von den Organen der Anstalt selbst gewählt werden. Diese Forderung vertreten auch die Angestellten. Auch das Etatrecht und die Ausstellung der Desoldungsordnung müsse die R. f. A. selbst haben. Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen.
Die anschließende Aussprache gestaltete sich zum Teil recht stürmisch. Der Versuch, eine Entschließung zum Leiftungsaus* b au einzubringen, scheiterte, weil die Be
ten sich um und suchten, als sie den wie aus dem Boden emporgewachsenen Fremden gewahr wurden, in wirrer Flucht das Weite.
Klaus sandte ihnen, als sein „Halt" nichts fruchtete, einige Schüsse nach, die sie aber nicht zu erreichen schienen, denn er sah sie in der Dämmerung der Mondnacht untertauchen und verschwinden.
„Das war sehr liebenswürdig von Ihnen, meine Herrschaften," sagte der alte Herr, den dieser nächtliche Ueberfall und die Todesgefahr, in der er sich noch vor einer Minute befunden hatte, nicht im leisesten aus seiner Fassung gebracht hatten. „Und noch eine junge Dame dazu —“
Er ging auf Klaus zu, drückte ihn mit einer Bewegung, die er in seinen Worten nicht hatte aufkommen lassen wollen, die Hand und begrüßte Lotte mit ritterlicher Wärme.
„Das heißt Schneid zeigen. Wenige hätten es getan. Aber ich habe es immer gewußt: der ehemalige preußische Offizier verleugnet sich nicht."
„Sie kennen mich v fragte Klaus, den die ganze Art und Haltung des alten Mannes mit Zuneigung erfüllte.
„Ich habe in dieser späten Stunde zum ersten Male das Vergnügen, Sie zu sehen. Aber den gewesenen Offizier merke ich Ihnen selbst in dieser mangelhaften Beleuchtung an.“
„Gewiß, weil Die selber einer gewesen sind. Ihre Ruhe und Tapferkeit bewiesen es.“
Ein feines Lächeln spielte um die Lippen des alten Herrn.
„Sehen Sie, auch dies zeigt wieder den gewesenen Offizier, den es undenkbar dünkt, daß einer Mut und Schneid an den Tag legen kann, der nicht seinem Stande angehört. Nein, ich bin nie Soldat gewesen ... doch ich meine, wir verlassen jetzt die wenig gastliche Stätte, und Sie haben die Freundlichkeit, mich in mein Heim zu begleiten, wo wir uns bei einem Glas Wein von dem ausgestandenen Schrecken erholen können. Es wird uns allen dreien guttun, und allzu weit haben wir es nicht.“
Eine kurze Strecke wanderten sie über mehr oder minder verschlungene Pfade, manchmal bis an die Knie im hohen Schnee versinkend. Dann hatten sie die Tiergartenstraße erreicht. Vor einem palastartig gebauten Hause mit nur einem Stockwerk machten sie halt, und der alte Herr erschloß die schwereichene, mit reichem Messingbeschlag verzierte Pforte.
Hundegebell, das bereits bei ihren ersten Schritten in den Garten vernehmbar gewesen, empfing sie. An der Seite des Dieners stürzte ein pechschwarzer Wolfshund die mit roten Smhma- läufern belegten Marmorstufen herab, begrüßte mit lautem Freudengeheul feinen H»rrn. sprang in hohen Sätzen an ihm auf und nieder, ließ darüber aber die beiden Fremden keine Sekunde aus den Augen und nahm ihnen gegenüber eine so abwartende Haltung ein, daß diese nicht vorwärts zu gehen wagten.
„Jetzt kannst du die Freudentänze aufführen, werter Beppo," sagte der Alte und traute das. Zell des HundeS» „uni) vorhin, als ich dich
brauchen tonnte, wandeltest du auf Liebesabenteuern und hättest deinen Herrn vielleicht nie wieder gesehen, wenn diese braven Menschen, denen du jetzt noch dazu mit höchst überflüssigem Mißtrauen begegnest, nicht seine Retter geworden wären."
Und als verstünde der tluge Schäferhund jedes Wort, so beschämt und abbittend schmiegte er sich zu seines Herrn Füßen, so freundlich wedelte er den beiden anderen zu, gab ihnen den Weg frei und ließ sich von ihnen streicheln, was et sonst niemals bei einem Fremden duldete.
„Und nun. meine Herrschaften, legen Sie hier ab und machen es sich nach den glücklich überwundenen Strapazen recht bequem. Du aber, Mohr," wandte er sich zu seinem Diener, der mindestens um noch zehn Jahre älter war als sein Herr, „lege zwei Gedecke auf und gieße von dem Burgunder im obersten Schrankfache in die Karaffen."
Sie saßen zu dreien an dem mit großer Schnelligkeit zubereiteten Tisch. Mit steifet Feierlichkeit reichte der alte Dienet die Schüsseln, schenkte den Wein — kein weibliches Wesen wat zu spüren.
Klaus lag eine Frage auf den Lippen. Als er aber fühlte, daß der liebenswürdige Wirt keine Neigung zeigte, irgend etwas Persönliches zu berühren, unterdrückte er sie und gab sich froh und unbefangen der Behaglichkeit der Stunde hin.
Auch feine hübsche Begleiterin hatte alle Angst und Ährecken dieser seltsamen Abendwanderung überwunden. Sie nahm mit sichtbarem Vergnügen von allen aufgetragenen Speisen und sog den feurigen Burgunder mit dürstenden Lippen. Ihre Augen lachten.
*
Als Klaus am nächsten Abend in sein kleines Zimmer trat, das er seit einigen Wochen im vierten Stock einer Mietskaserne unweit des Dönhoffplatzes gemietet hatte, fand er einen Brief vor. Sofort wußte er, daß er von keinem anderen als von dem alten Herrn kommen konnte, der ihn gestern beim Abschiednehmen nach seiner Wohnung gefragt hatte.
„Darf ich Sie bitten, morgen um zwei Uhr bei mir zu Mittag zu speisen?" las er. „Ich habe einiges mit Ihnen zu bereden. Seien Sie bis dahin gegrüßt von Syrern Ihnen in tiefer Dankbarkeit ergebenen Martin Feuchtwanger."---
Sie hatten in einem Schweigen, das nur hier und da durch ein hingeworfenes Wort unterbrochen wurde, zusammen gegessen und sich dann in das Herrenzimmer begeben, in dem der alte Mohr den Kaffee reichte, Likör und Zigarren zurechtstellte und sich dann lautlos zurückzog.
„Ich habe die Gepflogenheit, niemals über meine persönlichen Angelegenheiten zu sprechen, begann Herr Feuchtwanger. „Es war ein Grundsatz unserer Erziehung, der uns von Jugend an eingeschärft wurde. Das Verhältnis, in das uns totöer Ihren und meinen Willen der vorgestrige Abend zueinander gebracht hat, rechtfertigt wohl eine Ausnahme."
(Fortsetzung folgt.)


