Ausgabe 
20.8.1929
 
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Nr. M Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 20. August 1929

Deutschlands Millionärsstraße.

Oie Berliner Tiergartenstraße wird Gesandtschastsviertel. Wo die Zndustrie- fürsten wohnen. Oie Paläste der Bankiers.

Von Legatus.

Es gehört zu bcn Aufgaben aller Botschafter und Gesandten, die ihre Nationen in der deutschen Reichshauptstadt vertreten, der Macht und dein Reichtum ihrer Heimatstaaten entsprechend auf­zutreten und ihre Länder würdig zu repräsen­tieren. Der Botschafter eines großen Reiches muß in einem Palais wohnen, das seiner Regie­rung gehört. Man kann deshalb verstehen, daß die japanische Regierung, die bei jeder Gele­genheit ihre Stellung als Großmacht zu betonen wünscht, keine Kosten gescheut hat, um ein eige­nes Botschafterpalais in Berlin zu erwerben. Für eine sehr beträchtliche Summe hat Herr von Schwabach, der Inhaber des Bankhauses Bleichröder, sein Tiergartenpalais an die japanische Botschaft verkauft. Bor kurzer -Zeit hat auch die ägyptische Gesandtschaft tue Billa des Rittmeisters von L u st i g in der Tiergarten- straße erstanden. Damit nimmt eine Entwicklung ihren Fortgang, die bereits kurz nach Beendi­gung des Krieges eingesetzt hat. Aus einer Straße des Patriziertums und der Finanzmagna­ten ist allmählich eine Straße der Diplomaten geworden. Zum Teil mag der immer stärker wer­dende Verkehr, der die früher vornehm-ruhige Tiergartenslraße durchbraust, die überarbeiteten Finanzkapitäne veranlaßt haben, ihre Wohn­sitze noch dem stilleren Grünewald oder nach dem noch weiter entfernten Wannsee zu verlegen. Aber auch die wirtschaftliche Entwicklung mag manche alteingesessene Familie gezwungen haben, ihren im Preis gestiegenen Grundbesitz zu ver­kaufen.

Verschlossen und fast ein wenig abweisend blicken die von großen Vorgärten umgebenen Pa­läste der Tiergartenstraße den Passanten an. Wer in dieser vornehmsten Berliner Straße wohnt, braucht nicht zu befürchten, daß er von einem lästigen Gegenüber beobachtet wird. Die Tier- aartenstraße ist nur auf einer Seite bebaut, so daß der Blick der Hausbewohner frei den Park sehen kann. Roch vor wenigen Zähren hat man geglaubt, daß diese vornehme Straße ein Zen­trum des Berliner Kun st Handels wer­den würde. Einige besonders finanzkräftige Fir­men haben sich dort niedergelassen und Ge­mäldegalerien eröffnet: aber diesen Luxus konn­ten sich nur wenige auserwählte Kunsthandlungen leisten. Mit dem Geldbeutel der internationalen Diplomatie kann ein Geschäftsmann schwerlich in Wettbewerb treten, und wenn sich die wirt­schaftliche Krise, die sich erst in diesen Tagen im Zusammenbruch von zwei Kunst­handlungen offenbarte, weiter auswirken sollte, wird die Tiergartenstraße vielleicht in ab­sehbarer Zeit ausschließlich den diplomatischen Vertretungen reserviert fein.

Eines der wenigen Häuser, der Tiergarten­straße, die von mehreren Parteien bewohnt werden, ist das Haus Rr. 1. Zu ebener Erde lädt eine Kunsthandlung zum Besuch ein; außerdem beherbergt die Billa eine Ballgesellschaft, ein Bankgeschäft und ein Anwaltsbnreau. Auch im Rebenhaus befindet sich eine Antiquitätensamm- lung, aber die oberen Räume werden von einem Mann benutzt, der es nicht nötig hat, fein Haus zu vermieten. Dort wohnt Erich von Gold­schmidt-Rothschild, ein Angehöriger der Rothschilddhnastie. Tiergartenstraße Rr. 3 ist das Palais Paul von Schwabachs, das die ja­panische Botschaft soeben erworben hat. Das Rebenhaus gehört der bekannten Familie Lie­bermann; dort haben sich zwei weltbekannte Antiquariate niedergelassen. Dicht an der Mat- thäikirchstraße. in einem mächtig ausladenden Palais, residiert der brasilianische Gesandte, der

die prunkvollen Räume von den Erben des be­kannten Industriellen P i n t s ch gemietet hat. Die Berliner Vertretung der Mannesmannröh­renwerke, die ihren Sih in Düsseldorf hat, be­findet sich im Rebenhaus. Industrielle und Bankiers haben ihren Wohnsitz in den nächsten Häusern, und in der Tiergartenstrahe Rr. 8 wohnt Dr. Salomonsohn, eine der leitenden Per­sönlichkeiten der Diskontogesellschaft. Dasselbe Haus ist auch der Wohnsitz des Kommerzien­rats Iandorf, der sich nach dem Verkauf seiner Warenhäuser in das Privatleben zurück­gezogen hat. Dicht daneben wohnt wiederum ein führender deutscher Bankier, Dr. Was­sermann. Zu den wenigen Patriziern, die heute noch ihren Wohnsitz in der Tiergarten- straße haben, gehört die Witwe des Konsuls Staudt.

Reben den stolzen Palästen bildet ein beschei­denes Häuschen an der Ecke der Bendlerstraße, das nichts als einen Blumenladen beherbergt, einen merkwürdigen Anblick. Tiergartenstraße Rr. 13 gehört der Freien Stadt Lübeck; dort ist die lübeckische Gesandtschaft untergebracht, über deren Rotwendigkeit man geteilter Ansicht sein kann. Bankdirektor Dr. S ch l i t t e r , der für die Deutsche Bank großzügige Transaktionen durchführt, hat sich durch den lebhaften Verkehr, der Tag und Rächt durch die Prachtstraße, brandet, nicht aus seiner Ruhe bringen und aus seiner Wohnung vertreiben lassen. Allerdings weilt er nur selten in seiner Tiergartenvilla, den größten Teil des Tages verbringt er in der Deutschen Bonk, wenn er nicht zu wichtigen Kon­ferenzen ins Ausland reist. Ein großer Textil­konzern, dessen Reichtum erst jüngeren Datums ist, hat sein Domizil in der Tiergartenstrahe 15a aufgeschlagen. Wenige Häuser weiter befindet man sich auf einem englischen Territorium. Der britische Staat ist Eigentümer eines prächtigen Palais, in dem ein Pahbureau, die Handels­abteilung und eine Luftfahrtabteilung der briti­schen Regierung untergebrachi sind. Dem In­haber eines weltbekannten Seidenhauses, Kom­merzienrat Guggenheim, gehört das Reben­haus. Vor einiger Zeit hat die Tiergartenstrahe einen Bewohner verloren, dessen Rame nicht nur in Industrie- sondern auch in Künstlerkreisen sehr bekannt ist. Fast nach jeder großen Theater- premiöre versammelte sich eine größere Gesell­schaft von Kunstfreunden und Schauspielern bei Hugo von L u st i g. Manches neue Talent ist in diesem Hause entdeckt, manche ringende Bega­bung gefördert worden. Reben dem früheren Lustigschen Palais liegt die türkische Botschaft. In ihrer Rachbarschaft erhebt sich ein präch­tiges Palast, der vor dem Krieg viele glänzende Feste der Hofgesellschaft gesehen hat. Eine durch zwei Stockwerke hinaufreichende Eingangshalle diente als Ballsaal, in dem sich die vornehmste Hofgesellschaft zu versammeln pflegte. Es ist das T i e l e - W i n ck l e r sche Palais, das heute nur noch die Berliner Verwaltung der ausgedehnten Besitzungen enthält, die zum größten Teil in­folge dds Friedensvertrages zu Polen gehören. Das Rebenhaus beherbergt die B e r l in e r Se­zession, während Tiergartenstrahe Rr. 22 der Wohnsitz eines sehr bekannten Iuweliers ist.

Das prächtige Palais daneben, dessen Umbau erst vor einem Jahr fertig geworden ist, dient heute einem Berliner Schneiderkönig als ange­messene Residenz. Eine lange Reihe elegantester Privatwagen staut sich regelmähig vor diesem Haus, wenn die Zeit der großen Modeschau herangekommen ist. Dort hat auch die Gemahlin Amanullahs eingekauft, als sie noch im

Glanz ihrer Herrscherwürde in Berlin weilte. Gern Geschäftshaus, das nicht weit von diesem Modepalais entfernt liegt, war eigentlich ein anderes Schicksal bestimmt. Camillo C a st i - glioni hatte cs in seiner Glanzzeit gekauft; es sollte sein geschäftliches Hauptquartier werden. Als aber sein Stern zu verblassen begann, muhte er sich auch von diesem Besitz trennen. Eine der prächtigsten Dillen gehört Otto Wolf, der aber nicht allzu oft aus Köln herüberkommt. Die amerikanische Militär- und Marinemission fühlt sich ebenfalls in der Tiergartenstrahe sehr wohl. Dagegen scheint Prinz Harry von Rcuh der Gegend überdrüssig geworden zu sein; denn Fr hat sein prächtiges Palais an eine große Gesellschaft verpachtet, die dort Bureaumaschinen vertreibt. Die persische und die chilenische Ge­sandtschaft liegen dicht nebeneinander; das Haus des Vereins deutscher Maschinenbauer trennt sie von dem prächtigen Palais, das die schwedische

Gesandtschaft beherbergt. Den Abschluß der Tier- gartenftraße bildet die hessische Gesandt­schaft, die aber nicht das ganze Haus bewohnt.

Der größte Teil der stolzen Paläste ist nicht sehr alt. Vor etwa 120 Jahren umsäumten noch leichtgebaute Sommerhäuschen die Straße. So hatte sich der berühmte Schauspieler und Theater­leiter I f f l a n d dort einen Sommeraufenthalt: errichtet. Dort empfing er auch Schiller, der ein einzigesmal Berlin aufgesucht hat. Schon damals galt die Tiergartenstrahe als eine der vornehmsten Wohngegenden der Residenz. Wenn auch in den letzten Jahren der größte Teil der Patrizierfamilien ihren traditionellen Wohnsitz ausgcgeben hat vor zwei Jahren verließ der Baumwollindustriellc und Kunstmäzen Dr. James Simon seine prächtige Tiergartenvilla so gilt diese Prachtstraße doch noch immer als die Millionärsstraße von Berlin.

Turnen, Sport und Spiel.

Gau Hessen D. T.

Frauenturnen.

o In der Turnhalle des T v. 1 8 4 6 zu Gießen fand am Sonntagnachmittag eine Uebungsstunde für die Frauenabteilun- fjen des Gaues Hessen statt. Mit der neuen Bestandserhebung sind die Abteilungen der Turnvereine zu Wetter, Wallau. Hartenrod und Griedel in den Gau ausgenommen, so daß über ein Drittel aller Gauvereine sich Turne­rinnen- bzw. Jugendturnerinnen-Abteilungen an- gegliedert haben. Unter der Leitung des Gau- Wartes für das Frauenturnen. Rudolf Paul (Gießen), traten über hundert Turnerinnen und Abteilungsleiter zu den allgemeinen Stabübungen an. die für alle Stufen verbindlich und in drei Gruppen aufgebaut rhythmisch nach Musik zur Durchführung tarnen. Eine von den vierteiligen Gruppen wird beim Wetturnen als Pflichtbe­standteil in die Mehrkämpfe eingegliedert. Rie­genweise wurden dann die in vier Stufen vor­liegenden Pflichtübungen am Reck, Barren und Pferd im Wechsel zum Abschluß gebracht und eine 32zeitige Pflichtfreiübung für die oberen drei Stufen eingehend behandelt. Unter der Lei­tung der Abteilungsleiter Heinrich Schneider, Tv. Wetzlar, und Frl. Luise Schwarz. Tgde. Friedberg, wurden Volkstänze allgemein und in einzelne Tanzkreife aufgelöst, wirkungsvoll dar- gestellt. Die Uebungsstunde ließ erkennen, daß die Abteilungen für den Wettkampf, der als 9. G a u- Frauenwetturnen demnächst in L i ch aus- getragen wird, turnerisch wohl gerüstet sind. Für Turnerinnen (1911 und früher) sind ein Zehn­kampf und ein Siebenkampf (Geräte) vorgesehen, für Jugend-Oberstufe (1912 bis 1914) ein Zehn­kampf. für Jugend-Unterstufe (1915 bis 1917) ein Achtkampf. Von den volkstümlichen Uebun- gen sind Kugelstoßen. Weitsprung und 75-Meter- Lauf als Pflichtübungen in die verschiedenen Stufen des Wettkampfes eingebaut, sind aber auch anderseits unter Hinzunahme des Hoch­sprunges zu einem volkstümlichen Vierkampf zu­sammengefaßt. der für alle Stufen offen nach den Maßen der Turnerinnen-Oberstufe gewertet wird. Reben Sondervorführungen, die bei sechs Wetturnerinnen einer Abteilung erfolgen müssen, sind erstmalig auch Faustballspiele für den Sonn­tagnachmittag in den Arbeitsplan ausgenommen, die unter Leitung des Gauspielwartes Fritz Sei­bert (Wetzlar) stehen. Mit der Aufforderung, den Wettkampf recht zahlreich zu besuchen, schloß der Gauwart die arbeitsreiche Tagung.

Große Erfolge des T. 3.1846 Gießen bei den Schwimmeisterschasten der O.T.

Einen ungeahnten Erfolg konnte die Schwimmabteilung des Turnvereins

Gießen von 1 8 4 6 bei den in Altona aus- getragenen Schwimmwettkämpfen der Deutschen Turnerschaft erzielen. Wenn es auch von vorn­herein bekannt war. daß diese turnerische Ver­anstaltung von den 18 Turnkreisen der D. T. gut beschickt werden würden, so überraschte dennoch das ungewöhnliche Ergebnis von nahezu 500 Meldungen. In diesen Wettkampf, der nach den Voraussagungen schon die Plätze an die Promi­nenten vergab, entsandte auch der Turnverein von 1846 drei Mitglieder seiner Schwimmabtei- lung. Alle drei haben entscheidend in den Cnd- kampf miteingegriffen und konnten dem Turn­verein 1846, der wie gewohnt stets an der Spitze der D. T.-Vereine marschiert, neue, schone Er­folge bringen. An erster Stelle verdient der Erfolg des Gerichtsreferendars Hans Geis­mar vermerkt zu werden, der 2. Sieger im Mehrkampf werden konnte. Eine ungewöhnliche Leistung, wenn man bedenkt, welche Anforde­rungen an einen Schwimmer-Mehrkämpfer ge­stellt werden. Er mußte in allen Sätteln der Schwimmkunst gerecht sein. Der Schwimm-Mehr­kampf seht sich aus folgenden Hebungen zusam­men: 50 Meter Brustschwimmen, 50 Meter Seit- schwimmen, 50 Meter Rückenschwimmen, 50 Meter Freistilschwimmen, 50 Meter Streckentauchen und 10 Sprüngen. In diesem Wettkampf, der an all­seitiger Durchbildung die höchsten Anforderungen stellt, an zweiter Stelle zu kommen, verdient alle Anerkennung und stellt dem Turnerschwimmer Geismar das beste Zeugnis aus. Im Strecken­tauchen, als Einzelkampf bewertet, konnte sich Geismar an dritter Stelle behaupten. Idol H-auck vermochte infolge außerordentlicher Lei­stung im Streckentauchen für Turnerinnen, nach­dem es ihr gelungen war, die D.T.-Höchst­leistung bei. den Kreisschwimmeisterschciften zu unterbieten, in Altona an zweiter Stelle zu kommen. Ein Sieg, der ebenfalls gebührend zu beachten ist. Franz Sauer, der Gauschwimm- wart des Hessengaues, der Abteilungsleiter der Schwimmabteilung des Turnvereins von 1846, war im Streckentauchen fürAeltere" gemeldet und konnte, trotz schwerer Konkurrenz sicherer dritter Sieger werden. Die schönen Erfolge von Altona zeugen von einer turnerischen Allgemein­bildung. die der Leistung des Turnvereins von 1846 das beste Zeugnis ausstellt.

Gommerspiele im

2. Bezirk des Gaues Hessen der O. T.

Unter der umsichtigen Leitung des Spiel- Wartes des 2. Bezirks (Gießen-Wehlar-Grünberg) Georg Hofmann, Gießen, wurden am ver­gangenen Sonntag auf dein Mtv.-Spielplatz die planmäßigen Faustballspiele ausgetragen. In der Turnerklasse stellten sich dem Leiter die Mannschaften der Turnvereine: Gießen 1846,

Die Herbstneuigkeiien des Insel-Verlages.

Soeben versendet der Insel-Verlag fein Herbst- Programm an den Buchhandel. Wir entnehmen ihm die folgenden Angaben: In dem Buche Beethovens M e i ft e r j a ß r c gibt Ro­main Rolland neben einer Schilderung von Beethovens Leben, zum Teil auf Grund bis­her unbekannter Dokumente, die nur ihm zu­gänglich waren, eine musikalische und mensch­liche Deutung der großen Werke von der Eroica bis zur Appassionata. 32 Bildtafeln, zum Teil nach neuentdeckten Originalen und ein Faksimile des erschütternden Heiligenstädter Testaments schmücken den Band. Charles Samord Terry hat Iohann Sebastian Bachs Leben beschrieben, von dem auch die leidenschaftlichsten Bachverehrer nur wenig wissen. Eine Fülle neuen Materials ist in dieser, mit 55 Bildern ausgestatteten Bio­graphie ausgebreitet. Der großen Porträtier- kunst Stefan Zweigs hat sich diesmal Ios. F o u ch c gestellt, einer der mächtigsten und zu­gleich merkwürdigsten Männer aller Zeiten. In Stefan Zweigs erregender Darstellung wächst aus dem Dunkel der Geschichte das Charakterbild eines Charakterlosen, des unheimlichen Man­nes, den Robespierre haßte, den Rapoleon fürch­tete und der beide überwältigt hat. In dem Roman5> e r Eroberer hat Richard Frie­de n t h a l Fernando Cortes und den von ihm angeführten Zug der Spanier in das unbekannte Mexiko dargestellt; in dem Roman ..Kaiser Konstantin" hat sich Albrecht S ch a e f f e r einer Persönlichkeit bemächtigt, die eine der größten Zeitwenden in der Geschichte der Mensch­heit herbeigeführt hat. Unter dem Titel ,,D i e KunstIapans" von Tsuneyoshi Tzudzu in' i erscheint zum erstenmal eine von einem Japaner in deutscher Sprache geschriebene Geschichte der gesamten japanischen Kunst. 125. oft ganz­seitige Abbildungen, sowie acht farbige Tafeln veranschaulichen den Text. Virginia Woolf, deren RomanEine Frau von fünfzig Jahren" in Deutschland berechtigtes Aufsehen erregt hat, zeigt in dem RomanO r l a n d o" ein Leben in der Zeitlupe auf einem schnell abrollendew historischen Hintergrund. Die Tiermenschen in dem gleichnamigen Roman von Henry de Montherlant, das sind die spanischen To­reros, in goldbetreßten Gewändern mit wun­derbarer Geste dem Tode trotzend und den Tod gebend Tiermensch ist Alban, der Held

dieses Romans und das andere Ich des Autors, ein junger Pariser Aristokrat, der die Stiere so sehr liebt, daß er sie töten muß. und der die uralten Mysterien des Mithra wieder her- aufbeschworen möchte, die Reinigung durch das Opferblut. Als Abschluß seiner großen, durch die Briefe und Gespräche mit Eckermann bereits vervollständigten Ausgaben der Werke Goethes legt der Insel-Verlag eine von Flodoard Frei- Herrn von Biedermann herausgegebene Aus­wahl von Goethes Gesprächen vor. Auf über 750 Seiten ist hier die lebendigste und anschaulichste Goethe-Biographie geschaffen, die sich nur denken läßt. Die mit Ungeduld erwartete Ausgabe der Briefe Rainer Maria Rilkes be­ginnt nunmehr mit dem ersten Band, der die Iahre 1902 bis 1906 umfaßt, erscheinen. Rodins Rame ist es, der, ausgesprochen oder verschwiegen, ihn zusammenfaßt. Mit dem Ro­manLucien Leuwcn, übertragen von Otto Freiherrn von Taube, liegt die achtbändige Ausgabe der gesammelten Werke von Friedrich von Stendhal (Henri Beyle) vollständig vor. Dieser große Roman existierte bisher nur als verstümmeltes Fragment; erst jetzt erscheint er, dreimal umfangreicher, nach dem soeben von Henry D e b r a y e aus der Handschrift hergestell- ten vollständigen Text zum erstenmal in deut­scher Sprache. Als abschließender Band der Sammlung Deutsche Vergangenheit nach zeit­genössischen Quellen von Iohannes Bühler er­scheintBauern, Bürger und Hansa" mit 16 Bildtafeln. Schließlich kündigt der Ver­lag eine neue Ausgabe von Ricarda Huchs MeisterwerkDer große Krieg in Deutschland" in zwei Bänden an.

Von der Helligkeit der Sterne.

Von Professor Dr. Küstermann.

Es ist vielleicht kein so ganz glücklicher Aus­druck, toenn, wir die Helligkeit der Sterne als derenGröße" bezeichnen und so von Sternen erster, zweiter, dritter Größe usw. reden. Aber der Ausdruck ist aus den alten Sprachen über­seht; er ist also schon tausende von Iahren alt und wird wohl auch fernerhin den Wechsel der Zeiten überdauern.

Im übrigen hat sich die Einteilung der Sterne in Größenklassen so vortrefflich bewährt, daß sie jahrtausendelang unverändert beibehalten und erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit durch die Einführung von Bruchteilen einer solchen Klasse verschärft wurde. Rur bei den Sterne^

erster Größe mußte die alte Bezeichnung verlassen werden. Sie sind nämlich so zahlreich, daß den Alten eine weitere Einteilung offenbar nicht mehr lohnte, fo daß sie alle Sterne, deren Hellig­keit die der zweiten Größe überragt, unbeschadet ihrer großen Unterschiede untereinander, zu einer ersten Größenklasse vereinigten. Sonst ist ein Stern einer Größenklasse im Durchschnitt 2,5mal fo hell, wie ein Stern der nächst schwächeren Klasse. Man hat dieses von den Alten ganz un­bewußt angewendete Gesetz über die sechs Grö­ßenklassen der mit bloßem Auge sichtbaren Sterne hinaus ausgedehnt, und ist so mit Zu­hilfenahme des Fernrohres und des photographi­schen Apparates bis zu Sternen der 21. bis 23. Größenklasse gelangt. Da die Zahl der Sterne in den einzelnen Größenklassen bis zur 11. Größe stärker zunimmt als die Helligkeit des einzelnen abnimmt, so tragen die schwächeren Sterne zur Eesamthelligkeit des Himmels mehr bei als die helleren. Die Gesamthelligkeit des Himmels kann durch 1440 Sterne erster Größe erzeugt wer­den, was noch nicht ganz dem 600. Teil des Vollmondlichtes entspricht. Ein hellerer Stern gehört also einer niedrigeren Größenklasse an. Tas führt manchmal zu merkwürdigen Folge­rungen. Will man z. B. die Einteilung auf hellere Sterne als dieerster Größe" ausdehnen, so muß man, um kleinere Zahlen als eins zu er­halten, zu Zahlen unter Rull übergehen. Die Größenklasse der Sonne hat man danach auf 26 berechnet. Zwischen den schwächsten, mit allen Hilfsmitteln noch eben wahrnehmbaren Ster­nen und der Sonne steht der Sirius gerade in der Mitte.

Ganz etwas anderes als dieseGröße" der Sterne, die man auch als ihrescheinbare Hel­ligkeit" bezeichnen könnte, ist nun ihre wirkliche Leuchtkraft, das heißt die Helligkeit, die sich für die Sterne ergäbe, wenn man sie alle aus gleicher Entfernung betrachtete. Da man die Entfernung der Sterne in vielen Fällen kennt, kann man auch ihre wirkliche Helligkeit ausrechnen. Da erhält man nun ganz merkwürdige Ergebnisse. Der scheinbar hellste Stern des ganzen Himmels, nämlich der Sirius, ist nur etwa 25mal so hell wie die Sonne, während scheinbar viel schwächere Sterne, wie z. B. die des großen Bären, ungefähr hundertmal so hell sind wie die Sonne; der Polarstern kommt etwa 1000 Sonnen, Beteigeuze im Orion 3000 und R i g e l gar 20 000 Sonnen an Helligkeit gleich. Hört man solche Zahlen, so ist man geneigt, zu glauben, daß unsere Sonne ein besonders schwa­cher Stern sei» da doch viele Sterne jo vielmal

heller leuchten als sie. Dieser Schluß ist aber nicht richtig, wenn man die Sonne nicht nur mit den mit bloßem Auge sichtbaren, sondern mit allen Sternen vergleicht. Mit verhälnismäßig wenig Ausnahmen sind nämlich die Sterne so weit entfernt, daß die Sonne in ihrer Ent­fernung für das bloße Auge unsichtbar wäre. Es gibt schon genug Sterne, die weniger hell leuchten als die Sonne, nur sieht man sie mit bloßem Auge nicht, weil sie dafür zu weit ent­fernt sind.

Meist berechnet man aus der Entfernung der Sterne deren wirkliche Leuchtkraft; oft verfährt man aber auch umgekehrt. Wenn man nämlich aus Physikalischen Gründen die wahre Leuchtkraft der Sterne kennt, so kann man aus ihrer schein­baren Helligkeit ihre Entfernung ausrechnen, so daß man auf diese Weise wichtige Aufschlüsse über die Große der sichtbaren Welt erhält.

Tonfilm mit Lachlöchern.

Es geht wirklich nichts über eine gute Dosis Phantasie. Hat sich doch in Chikago einBund der Tonfilmlacher" gebildet, dem nur Leute an­geboren dürfen, welche sich verpflichten. in jedem Tonfilm nach jedem Witz eine halbe Mi­nute lang zu lachen. Gleichzeitig hat sich der Bund an sämtliche Ton'ilmfabrikanten gewandt mit der Bitte, in jedem Film kün-tighinLach­löcher" einzulegen, das heißt, stumme Pausen nach jedem Witz, damit das laute Lachen nicht die folgenden Töne ober Worte des Sprechfilms störe. Aul was für Ideen die Menschen kom­men. Rächstens werden sie noch verlangen, daß man nach jeder traurigen Szene Tränensäcke her- umreiche!

Hochschulnachrichten.

Der Privatdozent an der Universität Köln ^Aan^nbrc bat einen Ruf auf den Lehr- ftußl für Biologie an der Staatlichen Akademie caunßbcrfl "iS Rachfolgcr von Prof. Ioh. Baron erhalten. Andres Arbeiten sind botanlschen und besonders pflanzenphysiologischen Inhalts. Der Ordinarius für Statistik an der $r anff ur ter Universität Prof. Dr. Franz Zizek ist für das kommende Wintersemester von der Abhaltung von Vorlesungen entbunden wor­den, um sich größeren wissenschaftlichen Ar- bCltC^JD-- en Können. Seine im Vorlesungs­verzeichnis angezeigten Vorlesungen wird der dortige Privatdozent Dr. Paul Flaskämper halten.