Nr. 194 Erster Blatt
179. Jahrgang
Dienstag, 20. August 1929
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Bietzen.
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Briand vertröstet die deutschen Minister auf Mittwoch und Voung-plan
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Japan feiert Offener und den „Gras Zeppelin"
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verhaftet, so besteht immer noch zwischen Ursache und Wirkung ein klaffendes Mißverhältnis. Die Einstellung des Bahnverkehrs auf einer Hauptlinie für die Dauer von annähernd drei Wochen war eine Maßnahme durch die Tschechen s i ch selbst zumindest in gleichem Maße wie Ungarn
legenheitsangriff recht plumper und durchsichtiger Art, der denn nach breitspuriger diplomatischer Vorbereitung auch endgültig im Sande verlief.
gewissen deutschen Stellen bisher Briand entgegengebracht worden ist, hat sich von neuem als irrtümlich erwiesen. Die deutsche Regierung wird jetzt aus der durch Briand geschaffenen Lage die notwendigen Konsequenzen ziehen müssen, wenn sie überhaupt noch auf dieser Konferenz eine Klärung der Räumungsfrage in der einen oder anderen Form erreichen will.
Die französische Regierung wird nun vor die endgültige Entscheidung gestellt werden müssen, ob sie überhaupt ehrlich an eine Räumung des Rheinlandes denkt, oder ob weitere Derhand- lungen als nutzlos anzusehen sind. Ruch in vielen Kreisen der anderen Rbordnungen empfindet man die französische Haltung in der Räu- mungsfrage als ein unehrliches Spiel mit Deutschland. Die französische Taktik liegt offen auf der Hand. Man will die Entscheidung über die Hauptfragen der Konferenz bis auf die letzte Stunde hinausschieben, um dann Deutschland in die Zwangslage zu bringen, entweder weitgehende Zugeständnisse in allen großen Fragen machen zu müssen, oder die Verantwortung für einen Abbruch der Verhandlung auf sich zu nehmen. Die Versuche Frankreichs, Deutschland in eine derartige Stellung zu bringen, treten jetzt -deutlich hervor. Die Verquickung der Räurnungs- frage mit der finanziellen Frage, die von Frankreich systematisch seit dem ersten Tage der Konferenz getrieben wird, kann auf deutscher Seite
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mit Jubel begrüßt. Es war fast genau 100 Stunden von dem Augenblick feines Aufstiegs an in-ter Luft. Die Bevölkerung der -State füllte die Straßen und schaute voller Begeisterung nach dem Luftriesen auf. Als das heulen der Sirenen und Fabrikpfeifen die Ankunft des Luftschiffes anfün- digten, ließ jedermann die Arbeit liegen und eilte, um sich auf einem Hausdach oder einem sonstigen Aussichtspunkt einen Platz zu sichern. Das Luftschiff Zog in Begleitung der acht zu seiner Begrüßung ausgefandten Flugzeuge in großen'Steifen so langsam und in so geringer höhe über dem Inneren der Stabt dahin, daß die Gondeln und der Schiffsname deutlich zu erkennen waren. Die Menge begrüßte das Schiff mit Händeklatschen und durch Winken mit Schärpen und Tüchern. Das Luftschiff flog dann zunächst nach Zokohama weiter, um 25 Minuten später zurückzukehren. lieber dem Flugplatz kasumigaura lag eine von der Hitze hervorgerufene dünne Dunstfchicht, die die Sicht einigermaßen beeinträchtigte. Schließlich kauchle das Luftschiff über den Feldern auf und wurde von den Massen mit brausenden Danzai-Rufen begrüßt. Eine Marinekapelle spielte die deutsche Nationalhymne, und gleichzeitig dröhnten die Motoren eines weiteren Flugzeuggeschwaders, das sich zur Begrüßung erhob. Bei diesen Maschinen befand sich auch das Flugzeug „E u r o p a“, mit dem hünefeld im vergangenen Jahr von Europa nach Tokio geflogen ist.
Das Luftschiff war um 19.07 llhr örtlicher Zeit unter Mithilfe der 500 von der japanischen Kriegsmarine beteifgefteUfen Malrosen sicher in der Luftschiffhalle unlergebracht. Nach Erledigung der Zollformalitäten, die nur kurze Zeit in Anspruch nahmen, verliehen die 20 Passagiere, die sämtlich wohlauf und in bester Stimmung waren, die große Halle, wobei jeder einzelne von der Volksmenge mit stürmischer Herzlichkeit
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Einer ähnlichen Initiative scheint auch der von der tschechoslowakischen Regierung inszenierte Zwischenfall von Hidasnemeti entsprossen zu sein. In psychologischer Beleuchtung stellt dieser Fall eigentlich nur das letzte Glied in der langen Kette von beiderseitigen Verstimmungen und Verärgerungen dar, die sich durch eine fortgesetzte Spionenschnüffelei sowohl auf ungarischer wie auch auf tschechischer Seite manifestieren. In ihrer Absicht, den außenpolitischen Ehrgeiz Ungarns zwischen bescheidenere Grenzen weisen, wählten aber die Tschechen diesmal den ungeeignetsten Weg. Die Episode von Hidasnemeti scheint schon in völkerrechtlicher Einstellung durch einen argen Schönheitsfehler behaftet. Vorausgesetzt, die ungarischen Grenzbehörden hätten den tschechischen Bahnbeamten Pecha zu Unrecht und im Widerspruche zu der mit der tschechoslowakischen Regierung getroffenen Bahn- konvention wegen Spionageverdachtes
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nur abgewiesen werden. Die deutsche Oeffentlich- feit muh jetzt an die deutsche Regierung die Forderung richten, daß sie hier endlich Klarheit schafft.
Oer britische Standpunkt.
Nhcinlandräumung ohne Rücksicht auf die Rcparationsfrage.
London, 19. Rüg. (WB.) Reuter meldet aus dem Haag: Es verlautet, daß bei der heutigen Rheinlandbesprechung klar geworden ist, daß der französische und der deutsche Standpunkt noch immer weit auseinandergehen. Bri- and war, wie berichtet wird, noch immer außer st ande, ein endgültiges Datum für die Beendigung der Räumung zu nennen. Er bleibe dabei, daß ihm das unmöglich sei, bevor eine Re gelung der Reparationsfrage erreicht ist. Der deutsche Standpunkt ist bekanntlich der, daß die Räumung von der finanziellen Regelung nicht-abhängig gemacht werden sollte. Der deutsche Standpunkt wird von Hen>« derson geteilt. Der britische Staatssekretär des Aeuheren hat wiederum erklärt, daß die britische Regierung nicht beabsichtigt, die Zurückziehung der Truppen lediglich von dem Ergebnis der Haager Konferenz abhängig zu machen, sondern daß sie am Ende des nächsten Monats mit der Räumung beginnen werde.
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gestraft haben, garnicht zu sprechen von den gein* litten Rückwirkungen, die eine solche tief ‘ins Wirtschaftsleben schneidende Willküroersügung auch in internationalem Belange erwecken muß. Es blieb denn auch aus der in überstürzter Weise ge- schafsenen ungesunden Lage tschechischerseits kein anderer Ausweg, als ein absoluter Rückzug, der nun selbstverständlich im Endeffekt eher zur He- bung des ungarischen Selbstbewuhtseins führt. Die tschechisch-ungarischen Beziehungen blieben auch nach der Beilegung dieses ominösen Zwischenfalles gespannt, und die eben jetzt stattfindende Monstre- verhandlung gegen den slowakischen Autonomisten Tuka, der von feiten der tschechischen Behörden Geheimverbindungen mit den ungarischen Irre- denttsten bezichtet wird, trägt gewiß nicht zur Entspannung der Atmosphäre bei. Eine solche Politik der Nadelstiche liefert freilich den Lenkern der ungarischen Außenpolitik immer wieder neuen Stoff zum Beweis dessen, warum ein Zusammen- roirfen mit den Nachfolgestaaten dem ungarischen Selbstbewußtsein widersprechen muß. In Wirk- Iichkett aber verhalten sich die Dinge so, daß Un* garn unter wirtschaftspolitischem Zwange schrittweise von seiner ursprünglichen Gefühlspolitik abweicht. Und es stellt zweifellos ein mitteleuropäisches Gesamtinteresse dar, daß die Regierung Beth- len auf den Umwegen über Rom und Paris schließlich auch den Weg einer opportunistischen Verständigung mit seinen Nachbarn finden möge.
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Dieserart ist Ungarn in eine eigenartige Zwitterlage geraten, die sich dadurch kennzeichnen ließe, daß einerseits Frankreich ungeachtet der neuentdeckten freundschaftlichen Gefühle zu der Budapester Regierung nach wie vor schützend seine Arme über die mit seiner Hilfe entstandenen Nachfolgestaaten ausbreitet, daß aber andererseits dieselben Nachfolgestaaten sich durch das französisch-ungarische Einvernehmen dennoch vor den Kopf gestoßen fühlen und dies in weit ausgesprochenerer Weise als seinerzeit bei Stiftung des italienisch-ungarischen Freundschaftsvertrages, gegen den eben Frankreich eine hinlängliche Rückdeckung bot. Die Gefühlswiderstände gegen die somit geschaffene Lage finden in gewaltsam hervor- gegerrten diplomatischen Zwischenfällen ihren bezeichnenden Ausdruck. Das erste Zeichen einer 33er» schnupfung der leitenden Stellen in Prag, Belgrad und Bukarest war bereits die gemeinsame Demarche, die vor etlichen Wochen mit Bezugnahme auf die Rede, die der ungarische Ministerpräsident anläßlich einer Heldendenkmalweihein Budapest gehalten hatte, an die ungarische Regierung erging. Daß es nicht die Tatsache an und für sich war, daß Graf Bethlen bei einer internen ungarischen Feier sich zu einer irredentistischen Aeußerung verstiegen hat, die die Entrüstung der Kleinen Entente erweckte, erhellt schon daraus, daß die drei Regierungen ihren Kollektioschritt erst längere Zeit nach dem infriminierten Geschehen unternahmen. Es Handelle sich vielmehr um einen V?r»
Es bleibt doch — auch wenn der erste Rausch der Begeisterung verflogen ist — eine g r a n - di ose Leistung, die Dr. Eckener mit dem »Gicks' AppeiN'" völlV'rachf^t. $ft wenig"mehr als hundert Stunden wurde eine Strecke zurückgelegt, die in der Luftlinie 10 500 Kilometer, mit dem Umwege aber über Sibirien doch wohl 12 000 Kilometer beträgt, so daß eine Stundengeschwindigkeit von fast 120 Kilometer durchgehalten werden konnte. Und das, obwohl aus betriebstechnischen Gründen ein Teil der Reise nur mit drei Motoren zurückgelegt wurde. Dr. Eckener hat aus seinen früheren Erfahrungen gelernt. Er hat deshalb vorsichtshalber einen Tag mehr gerechnet, als er gebraucht hat. Aber er will ja keine Rekorde, er will eine Zuoerlässigkeitsprüfung, er will der Welt zeigen, was das Luftschiff leisten kann. Deswegen wird er weniger Gewicht darauf legen, daß tatsächlich alle Langstreckenrekorde von ihm jetzt gebrochen sind. Wichtiger ist für ihn, daß die Fahrt sich reibungslos vollzog, daß die unglaublichen Schwierigkeiten, die über einem undurchforschten Gebiet mit mangelhaften Karten zu überwinden waren, spielend bei Seite geschoben wurden. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, daß d i e Eisenbahn für die gleiche Strecke mehr als die vierfache Zeit beansprucht, um den ungeheuren Fortschritt zu erfassen, der in diesem Fluge liegt. Gewiß haben auch Flugzeuge schon die Strecke überwunden, aber sie sind in ihrem Betriebsstoff sehr viel stärker von der Erde abhängig und können ein solches Tempo nicht durchhalten. Deshalb bedeutet der Flug von Friedrichshafen nach Tokio eine entscheidende Etappe zur Ausgestaltung des Luftverkehrs. Er ist ein günstiges Omen für das Gelingen auch der ganzen Reife um die Erde, von der auf Anhieb mehr als ein Drittel bewältigt wurde.
Begeisterter Empfang in Tokio.
Tokio, 19. Aug. (WB.) Das Luftschiff „Graf Zeppelin" wurde bei seinem Erscheinen über der alten Hauptstadt des Offene von Tausenden
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfiläts-Vuch- und Steindruckerel TL Lange in Sieben. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
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Ungarn zwischen den Nachbarn.
Don Or. Gustav Erenyi.
Budapest, August 1929.
Etwas verspätet und auf ziemlichen Umwegen hat Ungarn nach außen die vermittelnde Orientierung zwischen mehreren Richtungen eingeschlagen, die Deutschland bereits seit Jahren konsequent verfolgt. Es gab noch nicht so lange eine Periode, in der der ungarische Staat inmitten des europäischen Mächtekonzerns und der ihn mit Mißtrauen umgebenden Rachfolgestaaten gänzlich isoliert dastand. Rach etlichen mißlungenen Versuchen, das zum Bunde der Kleinen Entente vereinigte Randgefüge durch Sonderab- machungen mit dem einen oder anderen Bundesmitglied zu sprengen, fand schließlich .Ungarn in der Anlehnung an das faszistische Italien die erste Stütze von Gewicht in seiner mitteleuropäischen Verlassenheit. Die Emphase, mit der Mussolini sein Herz für Ungarns Volk und Regierung entdeckte, wurde zunächst als ein außenpolitischer Trumpf ersten Ranges gewertet und gegen die unmittelbare Rachbarsphäre weidlich ausgenüht. Die Rervosität, mit der die Freundschaftsakkorde zwischen Rom und Budapest in den Staaten der Kleinen Entente, insbesondere aber im Prager Machtrayon ausgenommen worden sind, kam für erste, ungeachtet der Rückschläge, die sie für den Frieden im mittleren Donaubecken bedang, einer Art nationalen Genugtuung gleich.
Indes zeigte es sich nur zu bald, daß durch die mit vielem Aplomb eingeleitete italienische Orientierung in der Praxis nicht viel gewonnen war. Die sanguinischen Hoffnungen auf eine Gebietsrevision. die in breiten ungarischen Volksschichten im Zusammenhänge mit der italienischen Freundschaft wachgerufen und die nur noch genährt worden sind durch den Umstand, daß zwischen Mussolini und dem proungarischen Zeitungsmagnaten Lord Rotherme re eine Art Zielgemeinschaft hergestellt wurde, blieben in ihrer Gänze unerfüllt. 3n wirtschaftlicher Hinsicht brachte das Zusammengehen mit Italien auch nicht die geringsten Vorteile. Hingegen verschärfte .. sich der, Druck von benachbarter Seite, und was das Hinzutreten des faszistischen Sekundanten vielleicht an Prestige einbrachte, das ging durch den wirtschaftlichen und kulturellen Gegendruck der mit Frankreich alliierten Rachbarstaaten wieder verloren. So muhte denn in den Köpfen überlegener ungarischer Staatsmänner, zu denen Ministerpräsident Graf Bethlen unstreitbar in erster Reihe gehört, je länger je mehr die Ueberzeugung reifen, daß auf einer geographischen Fläche, die feit Kriegsabschluh durch den französischen Einfluß durchsponnen ist, ein fortgesetztes Sich-Stemmen gegen den herrschenden Strom den vitalsten Selbsterhaltungsinteressen zuwiderlaufen müsse. Unbeschadet des faszisten- sreundlichen Kurses war es schon von lange her ein Bestreben der Dethlenschen Politik, die psychischen Folgen der Frankenfälschungsaffäre endgültig zu liquidieren und mit dem Quai d'Orsay bessere Beziehungen herzustellen. Man sah sich um so eher in diese Richtung gedrängt, als das ungarische Revisionsbegehren weder durch die Annäherung an den italienischen Faszismus, noch durch jene an die englische Rothermere-Presse merllich gefördert wurde. Run wurde aber Ungarn bei allen Tastversuchen in Paris beharrlich an die Kleine Entente gewiesen, durch deren Vermittlung erst der Weg nach dem Westen zu hinterlegt werden könnte, obschon es doch gerade Absicht der ungarischen Regierungsmänner war, eine Verständigung mit dem Westen gegen die angrenzenden Gebiete auszuspielen. Und da nun einmal eine Prager Intervention für Ungarn nicht in Frage kommen konnte, sah man ei auf eine vermittelnde Freundschaft mit War- '4 au ab. Durch feine unmittelbare Besprechung mit Briand aus Anlaß der jüngsten Madrider Tagung des Völkerbundes und seiner darauffolgenden Pariser Reise tat Graf Bethlen ein Uebriges.
2n der Folge schien es sich recht deutlich zu dokumentieren, daß eine neue Aera in den ungarisch-französischen Beziehungen anhub, und so- 'crn diesbezüglich noch irgendein Zweifel herrschte, !o sorgte das offizielle Ungarn durch feine fran- p!enfreunölid)en Kundgebungen für deren Zer- iteuung. Jede Zeile, die von 'nun an in der französischen Presse über Ungarn mit einem wohl- vrllenden Deiton erschienen war, fand in den Ludapester Blättern durch die Verbreitung des amtlichen ungarischen Korrespondenzbureaus einen vertieften Widerhall. Run hat seit einiger Zeit in. den französischen Regierungsorganen die Ungarn gewidmete Rubrik in der Tat an Breite ml) Wärme gewonnen, auch Artikelserien über die politischen und kulturellen Zustände im St. ktefansreiche wiederholen sich im „Temps" und interen führenden Pariser Blättern neuestens :ed)t häufig. Aber zwei Symptome beweisen 's unzweideutig, daß Frankreichs Verhalten jegenüber den Problemen im Südosten trotz Un» jimä neuer Orientierung im Wesen unser ändert geblieben ist: in fast jeder Freund- tfjaftdbeteuerung an die ungarische Adresse wird ucleich darauf verwiesen, daß Ungarn schon in» tCge seiner neu entstandenen Interessengegensätze iu dem Deutschtum der Verständigung mit Frankreich bedarf, und es wird in diesem Zu- '«nimenhange immer wieder die burgenlän- Nsche Frage hervorgezerrt, und überdies el™ eä feiten unterlassen, zu betonen, daß die Freundschaft nur so weit reichen könne, als sie he territorialen Bestimmungen des Triano - ter Friedensvertrages nicht berührt.
Haag, 19. Aug. (WB.) Briand traf zu der angefünbigfen Besprechung mit Reichsaußenminister Dr. Strefemann über die Frage des Räumungstermins am Nachmittag um 3 Ahr im Orange- Hotel in Scheveningen ein. Unmittelbar nach Abschluß der Besprechung zwischen Dr. Strefemann und Briand, die nach einstündiger Dauer um 16 Uhr zu Ende ging, trafen sich alle Außenminister der vier Rheinlandmächte, also Briand, Hymans, Henderson und Dr. Strese- mann, der letztere in Begleitung des Reichsmini- sters für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, im Grandhotel, dem Sitz der englischen Delegation. Die Unterredung dauerte etwa 45 Minuten und betraf im wesentlichen nach Mitteilung eines Teilnehmers die mit der Räumung zusammenhängenden finanziellen Fragen sowie die Prozedur, die nach Erledigung des dem Juristenkomitee erteilten Auftrages anzuwenden wäre. Bei dieser Prozedur Han- teil es fick) also um die Frage der F e ft ft e t l u n g s- und vergleichskommisfion. Diese wird bisher im Schoße des Juriftenkomitees geprüft, das ebenfalls im Laufe des heutigen Nachmittags feine Arbeiten fortfehte. Eine erneute Zusammen- f u n f t der betreffenden Außenminister ist für Mittwoch nachmittag 4 Uhr vorgesehen, um sich mit den bis dahin zu erwartenden Vorschlägen des Juristenkomitees zu befassen.
Ein unehrliches Spiet.
Haag, 19. Aug. (£11. Funkspruch.) Don feiten der deutschen Abordnung wird die trotz der Ankündigung Driands am heutigen Montag nicht erfolgte Bekanntgabe des französi- s ch e nR äumungstermins damit begründet, daß die französische Regierung .im Falle einer vorzeitigen Bekanntgabe ihrer Räumungstermine auf große innerpolitische Schwierigkeiten stoßen würde und die Stellung des französischen Kabinetts auf das ernsthafteste gefährdet werden könnte. Jedoch läßt man offen, ob nicht Briand möglicherweise Strefemann die französischen Räumungstermine vertraulich bereits mitgeteilt habe. Demgegenüber wird von französischer und belgischer Seite übereinstimmend erklärt, daß Driand weder in der Unterredung mit Strefemann noch in derBiermächtebesprechung irgendwelche Mitteilungen über die französischen Räuinungstermine gemacht habe.
Man steht somit vor der Tatsache, daß die französische Regierung die Bekanntgabe ihrer Räumungstermine in folgerichtiger Weiterführung ihrer bisherigen Haltung nach wie vor verschleppt. Die Spannung, die in den politischen Verhandlungen der Konferenz seit den letzten Tagen besteht, wird hierdurch aufs neue in schärfster Weise gekennzeichnet. Für die französische Regierung ist die Rheinlandräumung lediglich ein Teil der Gesamtregelung sämtlicher schwebenden politischen Fragen, d. h. der Saarfrage, der Rheinlandkontrolle und neuer finanzieller deutscher Lasten in Ausdehnung des Voungplanes. Die Rheinlandräumung wird, wie dies mit jedem Tage deutlicher zutage tritt, von Frankreich zu einem politischen Handelsgeschäft gemacht. Demgegenüber steht die bisherige Auffassung der Reichsregierung, daß die Rheinlandräumung bedingungslos sofort und unabhängig von der Annahme und Durchführung des Voungplanes, sowie unabhängig von der Regelung der Saarfrage zu erfolgen habe. Die von Driand nicht gehaltene Zusage, den Räumungsiermin bekanntzugeben, hat für die deutsche Abordnung eine schwere Lage geschaffen. In den deutschen Kreisen wird Driands Haltung als unehrlich und unwahr bezeichnet. Das Dertrauen, das von
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