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20.3.1929
 
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Mittwoch, 20. März 1929

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Rr. 67 Drittes Blatt

Jugend und Hochschule

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nicht nur geebnet, sondern direkt entzogen, wenn im Elternhau e dem schulpflichtig werdenden Kinde der erste Gang zur Schule als der Anfang vieler Freud« bringender Tage hingestellt wird, der es ja auch sein kann, wenn die Schüler wollen. Sie davon zu überzeugen, dah die Schule etwas ist. was man nicht nach Belieben besuchen oder ver­nachlässigen kann, dürfte nicht schwerfallen, sehen doch die Kleinen Üjre größeren Kameraden und Kamercünnnen jahraus jahrein denselben Weg gehen. Auch jedes Bemitleiden der schulpflicht,g werdenden Kinder ist streng zu vermeiden, we­nigstens vor ihren Ohren. Ganz gewiß fällt es den kleinen Schülern im Anfang sehr schwer, längere Zeit hindurch stillsitzen zu müssen, aber das ändert sich bald. Der Unterricht für die Kleinsten ist auch heute so abwechslungsreich und beweglich gestaltet, daß es ihnen wirklich nicht schwer zu fallen braucht, die Schule nicht als Gefängnis anzusehen. Deshalb sind die Mitleids­äußerungen der Mütter vor den Kindern gar nicht angebracht. Hat man die Ueberzeugung, dah ein schulpflichtig werdendes Kind den her­antretenden Anforderungen körperlich und gei­stig noch zu wenig gewachsen ist, so ist es ja möglich, die Schulpflicht hinauszuschieben.

Milieueinslüssen abhängig.

Treffend bemerkt Stern, dah die Eltern bei der Auslese mitzusprechen hcüien müsien. und daß nur die Kinder in die höhere Schule überwiesen werden sollen, deren Eltern einverstanden sind. Dah dieses Einverständnis freilich bei den Eltern aus sozial gehvbenercn Schichten leichter zu er­reichen fein wird, dah diese sogar auf, die Um­schulung drängen, während die Angehörigen so-

Nachdruck verboten.

Wenn man, wie ich, in der Bähe größerer Schu.cn wohnt und frühmorgens vom Fenster aus die Schulkinder beobachtet, die zur Schule gehen, so fällt einem bei aufmerksamer Beobachtung folgendes aus: Es gibt zwei Gruppen von Kin­dern. Die e.ne Gruppe ist diejenige, we.chr zur Zeit in di« Schule geht, ohne Hast, die Sachen ordentlich angezogen, die Mappe gefchnü.t.

Die andere Gruppe ist diejenige, welche im letzten Augenblick a.8 den Häusern stürzt, den Mantel mitunter nur halb an, das Früh­stücksbrot noch halb in dec Hand heiß, auf­geregt und im Trab den Schulweg eilend.

Cs drangt sich einem unabweisbar die Heber» zeugung auf, daß bei den Kindern, die dauernd zu spät und in dieser Hast zur Schu'le eilen eine gelegentliche Vergütung kommt natürlich überall einmal vor, dah bei diesen * typisch gehetzten Kindern etwas im Eiternhause nicht stimmt, daß man den We.t derStunde vor der Schule" nicht ersaßt hat.

Es ist sehr schädlich für di« Gesundheit der Schu.kinder, sowohl wie für ihre Rerven, als auch für ihre Psyche, wenn sie vom Ausstehen bis zum Fortgehen hasten müssen, um zur Zeit beim Unterricht zu sein. Matt sollte es sich durch­aus zur Regel machen, die Kinder so zeitig zu Wecken, daß genügend Zeit bleibt, um ohne Zeit­vergeudung. aber mit (Gelassenheit alles zu er- ledigen, was nötig ist, ehe die Schule beginnt. Man sage nicht, daß jede Viertelstunde Schlaf für das Kind segensreich sei. So hoch man den Schlaf auch bewehrten mag, die Viertelstunde der längeren Ruhe ist kein Ausgleich für den Rach­teil, welcher entsteht, wenn das K.nd sich hinter­

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her um so mehr abhasten muß. Man prüfe nur einmal nach, ob die Viertelstunde nicht leicht ge* Wonnen werden kann, wenn das Kind am Aoeiü) zuvor ein« Viertelstunde früher ins Bett geschickt wird. R.chts ist mehr geeignet, bei einem ner­vösen Kind die Rervosität zu steigern, als wenn es seinen Tag mit Hast beginnt, und in der Angst, von vornherein etwas zu versäumen. Und es ift geradezu typisch für das nervöse K.nd. daß es das Verhältnis von Zeit- und Lebensaufgaben zu meistern nicht imstande ist. Wenn ein Kind frühmorgens zur richtigen Zeit ausstehen, seine Toilette und sein Frühstück zur richtigen Zeit er­ledigen kann und den Schulweg in Gelassenheit macht, so kann man mit ziemlicher Sicherheit auf eine innere Ausgeglichenheit der Pchche schloßen. Das nervöse Kind dagegen findet sich gewohnlrch früh nicht aus dem Bett, es schiebt den Moment des Aufstehens so lange hinaus, bis es Anziehen und Frühstück in der größten Eile erledigen muh. Es seht sofort aus Angst vor dem Zuspätkommen Appe.itlosigkeit ein. Das sind dann die Kinder, welche nur ein paar Dissen des Frühstücks hin»- unterwüegen und, wenn man sie zw ngen Will, an Uebelkeit und Erbrechen leiden. Gewöhnlich tritt na h der inneren Aulregung und Unruhe, wenn diese Kinder glücklich die Schule erreicht haben, eine starle Reaktion ein. Die Kmder wer­den ebenso schnell müde wie sie vorher uber- angespannt gewesen sind. D.e Lehrer haben dann den Schü er mit der typ..chen Morgenmüdigkeit, toc. e die Lernfähigkeit außerordentlich hemmt.

A.l dies« DeLngstigungen und Hemmungen des nervosen Kindes las,en sich erheblich reduzir^n. wenn man der Stunde vor der Schule als ($r- zjeher oder Mutter besondere Aufmerksamkeit

Liebeo 14-18 Uhr, und 13 Uhr und von iichensaal eine

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zial tiefer stehender Schichten häufiger Einwände erheben werden, und daß allein schon dadurch die Kinder aus besser gestellten Kreisen wesentlich bevorzugt sind, erscheint sicher. 3n der Stadt werden im Wesentlichen wirtschaftliche Motive die Eltern bestimmen: denn sie sollen ja für das Kind nun noch länger sorgen: die gewährten Er­ziehung ibeihilsen reichen nicht aus. um die Kosten zu decken, und vor allem sie entschädigen nicht für den Ausfall an Verdienst, mit dem die Eltern für die Zukunft rechnen und auf den sie nicht selten angewiesen sind.

Die Auslese soll nach vier Schuljahren er­folgen: nur in Ausnahmefällen ist eine Umschu­lung bereits nach drei Jahren möglich. Daß hier der Lehrer der abgebenden Schule allein nicht entscheiden kann, weil er zu sehr auf den Durchschnitt dec eigenen Klasse eingestellt ist und weil er die Anforderungen der weiterführenden Schule zu wenig kennt, dah aber auch der Lehrer der letzteren nicht entscheiden kann, weil ihm das Kind fremd ist. wird von Stern eindringlich und mit vollem Recht betont: hinzukommt, dah beide zu sehr auf die Leistung eingestellt sind. Erst durch das Zuiammenwirlen von beiden mit dem Psychologen läht sich ein einigermaßen sicheres Urteil über die Begabung des Kindes gewinnen. Beobachtung des Kindes an Hand eines nach psycho'ogischen G.sichtspun'ten zusammengestell­ten Schemas, Leistungsbeurteilung und Testprü- fung. Würdigung der gesamten Persönlichkeit des Kindes gemeinsam sollen entscheiden, ob es einer Schule mit höheren Dildungszielen über­wiesen werden kann. Die bisher mit diesem Ver­fahren gemachten Erfahrungen zeigen, dah man sich auf dem richtigen Wege befindet: denn die Zahl der Versager war außerordentlich gering; sie betrug bei den Hamburger Auslesen nur etwa 2 Proz.; sie war bei Umschulungen ohne Zu­hilfenahme der psychologischen Methode jeden­falls erheblich größer. Dis zu einem gewissen Grade ift natürlich jede Prognofe unsicher, aber die geringe Zahl der Versager zeigt doch, daß die Unsicherheit in diesem Falle gering ist. Weitere Untersuchungen haben ergeben, daß voll­kommene Wandlungen in den späteren Schul­jahren überaus selten sind, daß die Zahl nur etwa l bis 2 aus 1000 betrügt.

Die guten Erfahrungen der Hamburger Test­prüfungen sind zum Teil sicher in der sorgfälti­gen Auswahl der einzelnen Prüfungsaufgaben und in ihrer Anpassung an den besonderen Zweck, die Lehrziele der weitersührenden Schule, zu suchen. Dah cs sich hierbei vorwiegend um eine Untersuchung der sprachlich-theoretischen Seite der Intelligenz handelt, wurde bereits bemerkt; diesd scheint mir nun einer Prüfung relativ leicht zugänglich zu fein; ob das gleiche für andere Begabungsricht mgen zutrifft, möchte ich hier nicht erörtern. Wichtig wäre es, die Lebens- und Derufsschicksale der so Ausgewähl­ten weiter zu verfolgen, um zu sehen, wie sie sich später im Leben bewähren; denn erst diese Bewährung im Leben wird über die Berechti­gung der Auslese entscheiden.

Die Stunde vor der Schule

Von Lisa Honroth-Loewe.

lese der überdurchschnittlich Begabten anzustre­ben. Und hier erheben sich nun die beiden psycho­logischen und pädagogischen Fragenkomplexe: ist eine solche frühzeitige Erkennung der Begabun­gen möglich, wie ist sie möglich und wie soll die Auslese praktisch durchgeführt werden, welche besonderen Einrichtungen find zu treffen, um den besonders begabten Kindern gerecht zu wer­den? Zunächst die psychologische Frage: schon seit einigen Jahrzehnten hat sich die Psycholo­gie mit dem Problem der Begabungsdiagnose beschäftigt, und sie hat eine Reihe von Metho­den ausgearbeitet, welche die Begabunasdia- gnofe und den Begabungsgrad feststellen sollen. Besonders waren es Binet und Simon, die hier bahnbrechend waren; ihre Methode hat den Weg durch die ganze Welt gemacht und überall anregend und befruchtend gewirkt; in den letz­ten Jahren ist das Verfahren besonders in Amerika weiter ausgebaut und praktisch er­probt worden, wobei es allerdings eine nicht immer wünschenswerte Mechanisierung erfuhr. In Deutschland waren es Reumann, Wil­liam Stern, Otto Lieprnann, Bober- t a g und andere, die sich eingehender mit der Begabungsforschung beschäftigten. Die Metho­den, die sich hier entwickelten, in erster Linie das Test» und das Beobachtungsversahren, ha­ben bei aller Vorläufigkeit und Einseitigkeit doch zu einer Reihe brauchbarer Ergebnisse ge­führt. Zuerst beschäftigte man sich vorwiegend damit, die Minderbegabten auszuscheiden, und erst später ging man dazu über, auch die Höher­begabten feststellen zu wollen. Dah die von der Degabungssorschung ausgebildeten Verfah­rensweisen hier Anwendung ftnben können, wird zuzugeben sein.

Gibt man die Rotwendigkeit, einer Sonderung nach Begabungen an, so wird sich sogleich die Frage erheben, in welchem 211 ter diese eintreten müsse. Während die einen auf jeden gemeinsamen Grundschulunterricht verzichten wollen, fordern die arideren ein gemeinsames Durchlaufen der gesamten Volksschule: man wolle gerade die be­gabteren und geistig regeren Schüler derselben erhalten, um ihnen hier bereits ihre Verpflich- tung für die anderen zum Bewußtsein zu Bringen; man wolle keinen Begabungshochmut züchten, nicht ein Gelehrtenproletariat entstehen lassen. Stern sucht diese Einwände zu entfräftigen, in­dem er darauf hinweist, daß gerade im Interesse einer Kraftentfaltung eine Differenzierung not­wendig sei; ein Unterricht, der auf den Durch­schnitt zugeschnitten sei, könne die Kräfte der be­gabteren Schüler nicht voll beanspruchen, es fiele ihnen zu leicht, zu folgen, und sie würden nicht lernen, mit Fleiß und Mühe zu arbeiten. Für einen gesunden Wettbewerb sei eine gewisse Gleichheit des RiveauS erforderlich. Seien die Begabteren aber unter sich, so müßten sie sich in ganz anderem Maße anstrengen. Es komme hinzu, dah man gar kein Gelehrtenproletariat züchten, sondern jeder Begabung gerecht werden wolle. 2lun möchte ich hierzu bemerken, dah bis­her doch vorwiegend die intellektuelle Dega-

da Vertrauen und Respekt Herkommen, die doch unbedingt zum gegenseitigen Verstehen und In- einanderleben notwendig sind? Da wird alle Liebe und Mühe, mit denen die von ganzem Her­zen ihrem Beruf ergebenen Erzieher der kleinen Menschenkinder unermüdlich um deren Anhäng­lichkeit und Respekt werben, vergebens sein.

Don ganz unberechenbaren Folgen ist es, wenn die Eltern die Klagen ihrer Kinder über tne Lehrerschaft unterstützen, ohne sich erst einmal näher über di« Ursache zu unterrichten. In neunundneunzig von hundert Fällen werden die Klagen ohne weiteres unberechtigt, zum mindesten stark aufgetragen sein. Jedenfalls dürfen die Leh­rer und Lehrerinnen vor den Ohren der Kinder nicht herabgesetzt werden, wenn sie üjre Autorität nicht einbühen sollen. Was aber soll aus einem solchen Kinde, was aus seiner Schulzeit werden? Sie wird ihm eine fortgesetzte Quelle der Verbit­terung und Unzufriedenheit fein, in der aller Jugendfrohsinn fehlt. In solchen Fällen hilft auch nur ganz selten ein Wechsel der Lehranstalt, sondern nur ein offenes, vertrauensvolles Aus­sprechen zwischen Eltern und Lehrern.

Allen diesen höchst verderblichen Vorkommnissen ist aber von vornherein der Grund und Boden

Erster Echulgang.

Von Johanna Weiskirch.

Nachdruck verboten.

Alljährlich, wenn es Ostern werden will, pochen nicht wenig Mütterherzen dem Tage bäng­lich entgegen, an dem es heiht, ihre schulpflichti» qcn Lieblinge zum ersten Gang in das neue Leben zu geleiten. 2lber noch weit mehr Kinder- Herzen zittern ihm ängstlich entgegen. Wenn man die Kleinen auf diesem, ihrer völligen Frei­heit ein Ziel sehenden Wege beobachtet, wie sie - auf zögernden Füßchen und manchmal mit tränen- gefüllten Augen den M.ttern oder anderen Be­gleitern folgen, können sie einem sehr leid tun. Wer vermöchte es zu ergründen, was dann in den kleinen angstvollen Seelchen vorgeht, welche Vorstellungen sie quälen? Wer weiß es. welche Bilder sich an diesem Tage in sie einprägen, manchmal unauslöschlich, sie durch lange Zeit hindurch b s in ihre Träume hinein verfolgen?

Kein Mansch, auch die eigene Mutter nicht, kennt sich volllommen in der Psyche eines Kmdes aus. Aus diesem Grunde aber hätte jede Mutter die nicht ernst genug zu nehmende Pflicht ihm den ersten Echiugang als einen wunderschönen Weg erscheinen zu lassen, auf den es sich schon lange zuvor freut. Dah das sehr wohl möglich ist, sicht man an den mit eilenden Schritten, fröhlichen Augen und lachendem Munde der Schule zustrebenden kleinen Buben und Mädels, die cs gar nicht erwarten konnten, bis sie ihr Ränzchen auf den Rücken und die Düchcrtafche in die Hand nehmen durften.

Es ist mehr als töricht von Eltern, größeren Geschwistern und Dienstboten, den schulpflichtig werdenden Kindern bei jeder Gelegenheit die Schule als eine Hölle hinzustellen. in der man vom Lehrer oder der Lehrerin bei jeder Kleinig- leit an den Ohren gezogen, mit dem Lineal auf die Finger geschlagen, in die Ecke gesteift oder gar in eine finstere Kammer mit Ratten und Mäusen eingcsperrt wird. Kein Wunder, wenn es dann einem ängstlich oder sensibel veranlagten Kinde vor dem ersten Gange zur Schule graut uni) es in vielen Fällen nur mit größter Mühe da au zu bewegen ist.

Rie werde ich, ein temperamentvoll veranlagt gewesenes Kind und das vierte in der sechs- zahligen Gefchwisterreihe, meinen an der Mutter Seite angetretenen ersten Schulgang vergessen, in dessen Hintergrund eine gewichtige Zucker- brezel des Hcimtragens harrte. Die freudige Er- Wartung, die mein Kinderherz bis zum Rande füllte, wirft noch heute, bis in meine Herbsttage hinein, ihren Schimmer. Mir war die Schule im Elternhaus als etwas so wunderschönes Rot- wendiges hingestellt worden, in dem man aller­dings fleißig und aufmerksam sein müsse, um die Zufriedenheit des Lehrers zu Wecken und keine Strafe zu erhalten, daß ich gar nicht an der Wahrheit des Gesagten zweifelte.

Es ist also nicht nur dem schulpflichtigen Kinde, sondern auch dem Lehrer und der Lehrerin ge­genüber unverantwortlich gehandelt, wenn diese Erzieher, deren 2lmt gewiß nicht leicht ist als Schreckgespenster hingestellt werden. Wo sollen

bung (und zwar nach ihrer logisch-theoretischen Seite hin) Berücksichtigung ge.unden hat und daß die Tests, welche zur Auslese benutzt wur­den, auf eine Erfassung gerade dieser Dega- bungsrichtung gingen. Wenn es sich nicht um diese Begabung handeln würde, wäre auch nicht einzuschen, weshalb die Schüler das Klassen­niveau weit überragen; man findet im Gegen­teil, daß vorwiegend praktisch oder künstlerisch veranlagte Kinder in ihren Schulleistungen zu- rückbleiben. Diese werden von der Auslese, so tote sie bisher wohl vorwiegend gehandhabt wird, es gibt Ausnahmen, nicht erfaßt. Meines Er­achtens liegt aber gerade hier eine ungemein wichtige Ausgabe: diese mehr einseitig begabten Kinder herauszufinden und zu fördern und auch ihre allgemeine und wissenschaftliche Bildung zu begünstigen, sie in ihre ganze seelische Dersafsung richtig einzuordnen.

Stern hebt hervor, daß be. der Auslese vermut­lich auch die Kinder aus sozial geboteneren Schich­ten besser abschneiden würden als die Kinder aus den unteren Volksschichten:man bedenke, daß rein erbbiologisch betrachtet, die sog. geho­benen Schichten ja auch schon eine Auslese durch die Generationen hindurch darstellen, die minde­stens 5um Teil eine automatische Begabungs- auslese ist; denn immer wieder arbeiten sich aus der breiten Masse neue Schichten nach oben aus Grund irgendwelcher höheren Geisteefähigkeiten. Infolge dieses Prozesses ist es sehr wahrschein­lich, daß überhaupt in den gehobenen Schich­ten schon erblich Hochbegabungen in größeren Prozentsätzen vorkommen als in der ungeliebten Masse: und darum wird in der freien Schulbahn­konkurrenz von Kindern aller Schichten auch tüns- tig ein recht großer Teil der Auegelesenen auf die Kinder der in der Kultur länger verwurzelten Schichten entfallen." Ich kann gegen diese Aus­führungen gewisse Bedenken nicht unterdrücken. Daß die Kinder aus den verschiedenen sozialen Schichten verft, ied-ene Leistungen auf intellektuel­lem Gebiet oufzuwcisen haben, scheint nach den vorliegenden Untersuchungen und nach den täg­lich zu machenden Erfahrungen erwiesen. Aber hier spielt meines Erachtens das Milieu eine erheblich größere Rolle als die ererbte Anlage. Es wäre noch zu untersuchen, ob diese in den gehobencren sozialen Schichten wirklich häufiger eine höhere Ausbildung zeigt. Daß die Kinder gehobener soz ater Schi yten vermöge ihrer besse­ren Leistung bei den Begabung Prüfungen gün­stiger abschneiden, halte ich für sicher: die Prü­fung prüft bestenfalls den Entwicklungsstand im gegebenen Zeitpunkt, aber nicht die ursprüngliche Anlage: dieser Entwicklungsstand ist aber von

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Zum Problem der Schülerauslese

Von Or. Phil. et. med. Erich Stern, a. o. Professor der Philosophie an der Universität

Gießen.

2lls man während des Krieges in Deutschland an eine praktische Durchsührung von Mahnay- men zur Förderung begabter Volksschüler ging, da begegneten diese Versuche einem allgemeinen Interesse. In Tageszeitungen und in der päda­gogischen Facypresie wurden sie eingehend erörtert; sie sanden bald begeisterte Zustim­mung. übertriebene Hoffnungen knüpften sich an sie, bald stießen sie auf Zweifel und Äritif Seit­her ist es ruhiger geworden, was freilich n chl bedeuten soll, daß die Diskussion über die hier liegenden Probleme zum 2lbschliih geMMmen ist. Gerade deshalb aber wird eine Schrift Beach­tung finden, die von sachkundiger Seite auf Grund der bereits vorliegenden Erfahrungen eine zusammenfasfende Darstellung der Fragen versucht, wie sie kürzlich der bekannte Hamburger Psychologe William Stern in seiner Arbeit Probleme der Schülerauslese" versucht.

Das Problem einer Förderung begabter Volks- schiller hat mannigfache Seiten: im wesentlichen drei vo.i ihnen behandelt William Stern: die ethische, die pädagogische und die psychologische. Geboren wurde die ganze Bewegung aus einem vor allem durch die Kriegserlebnisse geweckten Gefühl der Verantwortung für die sozial tiefer stehenden Schichten des Volkes: die höhere Schul­bildung und damit der Zugang zu den höheren Berufen sollte nicht länger ein Privileg ein­zelner SHichten fein. Sollen für den Ausstieg in führende Stellen nicht mehr Herkunft, Besitz. Beziehungen maßgebend sein, fonoern die Quali­täten des Menschen, so muß der Weg freigemacht werden, daß wirklich alle im Menschen liegen­den wertvollen Kräfte und Fähigkeiten sich ent­falten können. Rur dann wird der einzelne auch sein Bestes für die Allgemeinheit zu leisten imstande sein. Dazu aber ist er verpflichtet; denn Begabung bedeutet nicht eine angenehme Gabe, deren der Träger sich freuen darf, sondern zu­gleich eine Verpflichtung, die er der Allgemein­heit gegenüber hat. Hnö diese wiederum hat die 2lufgabe. den Begabten zu fördern und ihm die Wege zum Aufstieg zu ebnen. Dabei wird betont, daß es sich nicht allein um eine Äh^e- rung der intellektuellen, vorwiegend theoretischen Begabung, handelt, sondern dah jeder Mensch irgendwelche Anlagen zu wertvoller Leistung besitze, daß es gelte, festzustellen und Sur Ent­faltung zu bringen. In der Praxis freilich scheint es bisher so zu sein, daß die intellektuelle, theo­retisch gerichtete Begabung eine vorwiegende Be­rücksichtigung findet, während für die übrigen Zöglinge weit weniger gesorgt wird.

Will man den verschiedenen Begabungen ge­recht werdens so müssen sie einmal möglichst früh­zeitig erkannt werden, zum anderen aber ist auch eine Sonderung im Unterricht, eine Aus-

schenkt. Man wecke daS Kind zwar behutsam, verlange dann aber mit sanfter Entschiedenheit, daß es kurz darauf ausstehe. Man überlass« es nicht feinen Träumereien, sondern bleibe unter Umständen dabei, bis es sich aus dem Deck her» aus und in die Realität des Lebens gefunden hat Ist es notwendig, so muh man auch eine gewisse Zeit hindurch das Anziehen überwachen, damit hier di« Zeit nicht nutzlos vertan wird. Selbst­verständlich darf man h erbet selbst keinerlei Rer- vosität zeigen, sonst steigert man im Kinde ge­rade das. was man abdämpsen wollte. Man diri­gier« nur so. dah das Kind eine Viertelstunde völlige Ruh« zum Frühstück gewinnt. Vorbedm- gung ist selbstverständlich, daß der ganze HauS- halt selbst pünktlich geführt, und daß das Früh­stück zur Zeit auf den Tisch gebracht wird. Hat man diese Erziehung zur Ruhe eine Weile mft Konsequenz durchgeführl, so wird man sehr bald beim Kinde eine sichtbare Erleichterung verspüren. Cs wird dann nicht mehr dauernd der Kontrolle bedürfen, um das Kind zur richtigen Zeiteintei­lung zu bringen. Das Kind wird jetzt die großen Vorteile, die ihm daraus erwachsen, erkennen, und wird jene Selbstdisziplin entwickeln, welche ein wesentlicher Faktor der späteren Lebens­gestaltung überhaupt ist. Zu dieser Selbstdisziplin gehört natürlich, dah die Schulsachen unter allen Umständen am Abend vorher gepackt werden. Man halte darauf, dah dies sofort nach Abschluh der Arbeiten erfolgt.

Bei nervösen Kindern, welche an der so­genannten neurotischen Morgenmüdipkeit leiden, ist es auherordentlich gut, am fr hen Morgen ein paar kleine gymnastische Hebungen zu machen. Diese Hebungen, welche man aus den Bewegungen der rhythmischen Gymnastik entneh­men soll, dürfen in keiner Weise den Körper anstrengen, sie sollen nur physisch und dadurch psychisch etwas von jener Schwungkraft geben, um über, die Morgenmüdigkeit Hinwegzukommen. (Selbstverständlich ist diese neurotische Morgen­müdigkeit nur ein Symptom für eine tiefer lie­gende Hrsache, und die paar gymnastischen Hebungen von fünf Minuten allmorgendlich können kein Heilmittel, sondern im besten Falle ein kleines Hilfsmittel fein.)

Reben diesen Kindern, die sich nie aus dem Bett herausfinden, gibt es den entgegengesetzten Typ des nervösen Kindes. Dieses Kind wacht vor lauter Ängstlichkeit, etwas zu versäumen, viel zu ftüh auf, kann nicht mehr einschlafen, holt sich womöglich frühmorgens die Schulbücher noch einmal hervor, um zu wiederholen, was es doch am Abend vorher ganz gut gewußt hat: ist längst vor der Zeit angezogen und be­unruhigt durch diese nervöse Heberpünktlichkeit sich selbst und seine Umgebung. Der Erfolg ist am Ende genau derselbe wie beim unpünktlichen Kinde. Hier wie dort wird ein Uebermah von Kraft zwecklos aufgewandt, um sich dann in der Reaktion der Müdigkeit zu zeigen.

Solchen Kindern Hilst man am besten, indem man ihnen selbst einen Wecker gibt Sie werden sich allmählich davon überzeugen, dah sie eine Verspätung nicht zu befürchten haben. Allmäh­lich werden sie vielleicht auch das Zutrauen zu ihrer Umgebung bekommen, dah man sie rechtzeitig weckt. Auch empfiehlt es sich, wenn diese Kinder frühmorgens vor der Zeit er­

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