Ausgabe 
19.12.1929
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 19. Dezember 1929.

Geheimrat Pros. Or. Gommer.

Am 19. Dezember vollendet Geheimrat Prof. Dr. med. et phil. Robert Sommer, Di­rektor der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten, in Gießen, sein 6 5. Lebens- jahr. Geboren 1864 in Grottkau (Schlesien), besuchte er das Gymnasium in Sauer (Schl), studierte in Freiburg, Leipzig und Berlin Me­dizin und Psychologie und wurde nach Ablegung des medizinischen Staatsexamens und philosophi­schen Doktorexamens 1889 Assistenzarzt an der Schlesischen Provinzial-Srrenanstalt Rybnik und sodann am 1. Suli 1890 Assistenzarzt an der Psychiatrischen Klinik in Würzburg. Sm Suli 1892 habilitierte er sich in der medizinischen Fakultät der Hniberfität Würzburg für Psychia­trie. Am 1. April 1895 wurde er an die im Bau begriffene Klinik in Gießen berufen, deren weiterer Ausbau ihm wesentlich zu danken ist.

Am Zustandekommen des ersten Kongresses für experimentelle Psychologie in Gießen 1904 hat er hervorragenden Anteil: er ist 25 Sah re stell­vertretender Borsitzender der Gesellschaft für ex­perimentelle Psychologie gewesen. Sn vielfältiger Tätigkeit als Arzt und Klinikleiter, als Forscher und Organisator und als Leiter seiner Studenten hat er sich überall dankbare Freunde und Ver­ehrer erworben. Seinen Kranken ist er stets ein menschlich-gütiger Berater und Helfer gewesen. Die wissenschaftliche Welt kennt und achtet ihn als Berfasser einer heute noch bedeutsamen Schrift über die Geschichte der Psychologie im 18. Sahr- ßunaert, die 1892 zuerst erschienen ist und dem­nächst in neuer Auflage wieder erscheinen wird, als Gelehrten, der besonders auf dem Gebiet psychophysiologischer älntersuchungsmethoden und der Familienforschung und Bererbungslehre Grundlegendes geschaffen hat und der als Er­forscher der vorgeschichtlichen Straßen, der sog Rennwege, hervorgetreten ist. Große geistige De- Wegungen der Gegenwart, die Psychotherapie und psychische Hygiene, verehren ihn als Vorkämpfer ihrer auf das soziale Wohl gerichteten Bestre­bungen. Die Stadt Gießen schätzt ihn als lang­jährigen früheren Stadtverordneten, dem sie in baulicher und organisatorischer Beziehung man­ches verdankt und als Erhalter der Wirkungs­stätte des großen Chemikers S. v. Liebig. Die Studentenschaft dankt ihm die Erwerbung und den Ausbau ihres Universitäts-Sportplatzes, den er in seinem Rektorat vom 1. Oktober 1914 bis 1. Oktober 1915 in Angriff nahm. Sein unermüd­liches, arbeitsreiches Wirken auf den verschie­densten Gebieten der Sozial-Psychologie und -Psychopathologie führte in den letzten Sähren au bedeutsamen Ergebnissen: Die Organisation Der Psychotherapeuten und die Gründung einer ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, in der er mehrere Sahre den Dorsitz geführt und als Leiter von vier Kongressen lebhafte Anerkennung gefunden hat, ferner die Gründung des deutschen Berbandes für psychische Hygiene als Glied der

großen internationalen Bewegung fürWental- Hygiene", dessen erste Tagung im Herbst 1928 in Hamburg er geleitet hat. Als Borsitzender des deutschen Berbandes gehört er dem vorberei­tenden Komitee für den im Mai 1930 in Wa­shington unter dem Ehrenvorsitz des Präsidenten der Bereinigten Staaten von Amerika, Hoover, stattfindenden ersten internationalen Kongreß für psychische Hygiene an.

Ein Hinweis auf die Hauptschriften möge ein Bild von seinem reichen und vielseitigen wissen- schastlichen Schaffen geben: Grundzüge einer Ge­schichte der deutschen Psychologie und Aesthetik von Wolf-Daumgarten bis Kant-Schiller, 1892; Diagnostik der Geisteskrankheiten, 1. Aufl., 1894, II. 1921: Lehrbuch der psychopathologischen Anter- suchungsmethoden, 1899: Kriminalpsychologie und strafrechtliche Psychopathologie auf naturwissen­schaftlicher Grundlage, 1904; überseht ins Sta- lienische und Russische; Familienforschung und Dererbungslehre, 1. Aufl. 1907, 2.1922, 3.1927; Tierpsychologie, 1925; Die Ribelungenwege von Worms über Wien zur Ehelburg, 1928; ferner Schriften über Sozialpsychologie und psychische Hygiene, Universität und Stadt Gießen und Dichtungen.

Mögen seiner so fruchtbaren Wirksamkeit noch lange Sahre stets wachsenden Erfolges beschieden fein.

Geheimrat Prof. Or. Brhrens f.

Gestern morgen starb unerwartet der frühere, langjährige Vertreter der Romanischen Philologie an unserer Universität, Geheimrat Prof. Dr. Diedrich Behrens. Obwohl er seit dem 1. Oktober 1929 emeritiert war und in letzter Zeit kränkelte, hatte sich der Verstorbene nach alter Gewohnheit in fein Seminar begeben, um die immer noch auf ihm la­stende Arbeit zu erledigen. Dort raffte ihn inmitten feiner Studenten der Tod hinweg.

Diedrich Behrens, in einfachen Verhältnissen am 12. Januar 1859 zu Sophiengroden in Oldenburg geboren, konnte auf Grund von Privatstunden, die ihm sein erster Lehrer Heinrich Ahrens erteilte, mit 14 Jahren aus der Volksschule zu Neugarms­siel in die Tertia des Gymnasiums zu Jever ein­treten. Nachdem er 1878 an dieser Anstalt das Abi­tur bestanden hatte, widmete er sich an der Univer­sität Straßburg bis 1882 dem Studium der Neueren Sprachen. Er beendigte es durch die Erwerbung des Doktortitels in Straßburg und die Ablegung des Staatsexamens in Greifswald. Hier in Greifswald konnte sich der 25jährige Gelehrte, dessen Doltor- arbeit das ungeteilte Lob von Gaston Paris, des berühmtesten französischen Romanisten, gefunden hatte, im Herbst 1884 habilitieren. Im Jahre 1890 folgte Behrens einem Rufe als a. o. Professor nach Jena, von wo er ein Jahr später als ordentlicher Professor an unsere Landesuniversität berufen wurde. Hier hat er bis an fein Ende, fast vier Jahrzehnte, segensreich gewirkt.

Das wissenschaftliche Wirken des Heimgegangenen hat unter der von allen Romanisten geteilten Er­kenntnis gestanden, daß die romanische Philologie nur noch eine Fiktion ist, daß ein einzelner nicht zugleich in modernster französischer Literatur, alt-

italienischer ober altportugiesischer Grammatik, spa­nischer Mundartforschung und rumänischer Volks­kunde so bewandert sein kann, um mit eigenen wis­senschaftlichen Arbeiten heroorzutreten. Deshalb hat sein ganzes Wirken auf der Einsicht beruht, daß sich nur durch weise Selbstkritik und Beschränkung für die Wissenschaft Ersprießliches leisten lasse. Wenn der Verstorbene auch in allen romanischen Sprachen zu Hause war, so galten seine Neigungen und Ver­öffentlichungen ganz der französischen Philologie. Durch die Zeit seines Lebens geübte Einschränkung ist er hier ein Meister seines Faches geworden. Das Werk, mit dem Behrens Weltruhm erlangt hat, ist seineGrammatik des Altfranzösischen". Nach die­sem Buch» lernen nicht nur die deutschen Romanisten die historische Entwicklung der französischen Sprache, sondern auch die ausländischen Neusprachler, ins­besondere die Franzosen selbst. Ein Beweis dafür, was deutscher Gelehrtenfleiß zu leisten vermag! Es ist hier unmöglich, auf alle weiteren Publikat o- nen des Gelehrten einzugehen. Hervorgehoben fei nur, daß sich Behrens in den letzten Jahrzehnten besonders eingehend mit der Frage nach der wechsel- eiligen Durchdringung der einzelnen Sprachen be- chäftigte. Er hat durch eine ganze Reihe von grö­ßeren Arbeiten nachgewiesen, wie und in welchem Maße französische Wörter in die englische Sprache und andererseits englische und deutsche in die fran­zösische Sprache Eingang gefunden haben. Der Tod überraschte Behrens, als er m tten in der Darstel­lung des orientalischen Sprachgutes im Französischen begriffen war. Der Verstorbene hat sich aber auch sonst wissenschaftlich in hervorragender Weise be­tätigt. Seit 1885 war er Mitherausgeber der Zeit­schrift für französische Sprache und Literatur, die er von 1891 ab allein redigierte.

DieGießnerRomanisten verdan'en derTa'kraft und Ausdauer des Terftorberen d e Gründung der Gießener Beitrage zur Romanischen Philo­logie", in denen viele Doktoranden ihre Arbeiten veröffentlichen konnten. Und hier ist des Dahin- gegangenen als des rührenden Förderers seiner zahlreichen Studenten zu gedenken. Roch im hohen Alter hat er bis in die Rächt hinein mit feinen Schülern zusammengesessen, um ihre Arbeiten zu vertiefen und zu feiten. Dieser Gelehrte, der seinen Stolz darin sah, im fachwissenschaftlichen Sinne ein Positivist zu sein, war in Wirklichkeit ein Idealist im weiteren Sinne. Außer für seine Familie lebte er ganz der Wissenschaft.

Eine selbstlose, sich selbst bis aufs äußerste ausnuhende Persönlichkeit muhte unbedingt der studentischen Sugend imponieren und vorbildlich erscheinen. Darum fühlte sie bei dem plötzlichen, in ihrer Mitte erfolgten Tode ihres alten Leh­rers, daß sie außer den Wissenschaftler einen ganzen Menschen verloren hatte. Auch die älteren Generationen der hessischen Neusprachler werden des Derstorbenen schmerzlich gedenken, ganz be­sonders diejenigen, welche im engeren akademi­schen Sinne seine Schüler waren.

Weite Kreise unserer Stadt haben den alten Geheimrat gekannt. Aber nur wenige kannten ihn wirklich. Wenn Behrens auch in den langen Sahren seines Wirkens in Gießen hier feine zweite Heimat gefunden hat, so war er doch im

Grunde der Rorddeutsche, der Oldenburger. Wer ihn auf der Straße sah, mochte von ihm den Ein­druck eines verhärteten Gelehrten gewinnen. Auch ging er als stiller Wissenschaftler vom alten Schlage allen Deranstaltungen und allem Zere­moniellen gern aus dem Wege. Wer ihn jedoch im engeren Kreise bei sich hatte, wußte, wie dieser anscheinend so schwer zugängliche Gelehrte auftauen und von Witz und Humor sprühen konnte.

Der unerwartete Heimgang Diedrich DehrenS' bedeutet für seine Angehörigen einen schweren "Verlust. Möchte es ihnen ein Trost sein, daß seine zahlreichen Schüler ihren schlichten und guten Lehrer nicht vergessen werden!

Bornotizen.

Tageskalender füt Donnerstag. Oberhessi.a-er Geschichiseerein: Vortrag (mit Lichtbildern): Gießen im Siebenjährigen Krieg, von Prozessor Dr. Roeschen (Laubach), 23.15 Ahr. Hörsaal deZ Phy'i a'.ischen Institut'. Oberh- hessische Gesellschaft für Ratur» und He lkunde: Vortrag von Professor Dr. DinglerLamarck und der Lamarckismus", 20.30 Ahr, Hörsaal des Forstinstitut 3. Lichtspielhaus Bahnhof­straße: H6ee[ente:'äufet" undEin besserer Herr". Astoria-Lichtspicle: »Der 13. Geschwo­rene" undHütet euch vor leichten Frauen".

Kauft noch vor dem Sonntag! Für die Weihnachtseinkäufe stehen nur noch wenige Tage zur Verfügung. Am nächsten Sonntag, dem Goldenen Sonntag, dürfte sich voraussichtlich wie­der ein großer Zustrom von Käufern in den Geschäften bemerkbar machen, unter denen na­mentlich die Landbevölkerung stark vertreten fein wird. Wer feine Weihnachtsgeschenke in Ruhe und mit Sorgfalt auswählen will, sollte schon vor dem Sonntag einkaufen, denn erfah­rungsgemäß können trotz des besten Willens des Derkausspersonals bei einem Massenandrang nicht alle Wünsche des Publikums so weitgehend berücksichtigt werden, wie das unter normalen Verhältnissen an den Werktagen der Fall ist. Sowohl im eigenen Snteresse, aber auch mit Rücksicht auf die Geschäftsleute möge jeder Bür­ger, insbesondere aber der Städter mit seinem bequemeren Weg zu den Geschäften, sich sagen: Wer jetzt ungesäumt kauft, handelt klug!

** Kraftomnibuslinie Gieße nD ors- Gill Birklar. Der Kraftverkehrsgesellschaft Hessen" wurde vom Ministerium des Innern die Konzession zum Betrieb einer Kraftomnibuslinie GießenDorf-GillBirklar erteilt. Die neue Linie wird gemeinschaftlich mit der bereits bestehenden Linie ÄießenSteinbachAlbach betrieben und wird schon seit einigen Tagen befahren. Der Verkehr auf der Strecke GießenBirklar erfolgt zunächst nur viermal wöchentlich, und zwar Dienstags, Donners­tags, Samstags und Sonntags.

'** Stadttheater-Abonnement. Die Einlösung des vierten Abschnitts des Stadttheater- Abonnements betrifft eine Bekanntmachung im heu­tigen Anzeigenteil, auf die wir die Interessenten be­sonders Hinweisen.

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