Rr. 272 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Dienstag, 19. November 1929
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Schädliche Geheimniskrämerei.
Die Tatsache, daß die Verhandlungen des Organisationskomitees für die Neugestaltung der Reichsbahngesellschaft In Paris zu Ende gegangen sind, konnte nicht gut verheimlicht werden. Dennoch hat man den Eindruck, daß gewisse Berliner 2lmtsstellen es am liebsten gesehen hätten, wenn daraus ein großes Geheimnis gemacht worden wäre. Man hüllt sich nämlich auf das Sorgfältigste in Schweigen über das Ergebnis der Besprechungen mit der Motivierung, daß ja noch nicht alle Punkte bereinigt seien und daß Leverve zur Erledigung der Aestsragen noch nach Berlin kommen müsse. Dos Ganze ist, um cs offen auszusprechen, eine Sorte von Geheimdiplomatie, für die wir nicht das gering st e Verständnis aufbringen. Es scheint mit dieser Angelegenheit ähnlich gehen zu sollen, wie mit dem deutsch-polnischen Liquidotionsabkommen, desfen Wortlaut in Deutschland noch immer nicht zu haben ist, obwohl polnische Blätter schon auszugsweise darüber berichten, oder wie mit dem Abkommen über die rheinischen Eisenbahnen, dessen Dekanntwerden wir im Grunde nur der letzten französischen Kabinettskrise und der eigenartigen Stellung Driands in der jetzigen Regierung verdanken.
Es ist peinlich für das Auswärtige Amt und schädlich für die deutschen Interessen, wenn führenden Vertretern der deutschen öffentlichen Meinung strengste Vertraulichkeit auferlegt wird wie bei dem rheinischen Eisenbahnabkommen mit der Motivierung, daß die Bekanntgabe eines Abkommens, in dem die deutschen Interessen zu hundert Prozent gewahrt worden seien, Driands innerpolitische Stellung erschweren müsse, während doch offenbar der deutsche Botschafter in Paris solange wie irgendmöglich bestrebt war, auch die französischen Politiker an die Vertraulichkeit zu binden, und zwar mit dem umgekehrten Argument, daß die außerordentlichen Zugeständnisse, die Deutschland in der Frage der rheinischen Eisenbahnen gemacht habe, die ohnehin schwache innerpolitische Stellung der amtierenden Reichsregierung erschüttern werde.
Auch wer guten Willens und bereit ist, ein gut Stück Wegs mit der Reichsregierung auf ihren gewiß schwierigen außerpolitischen Pfaden zu gehen, der wird sich doch des Eindruckes nicht erwehren können, daß hier von Amts wegen vor der deutschen Oeffentlichkeit ein doppeltes Spiel gespickt wird, um die Ration solange wie möglich im Linklaren über den tatsächlichen Sachverhalt und die wirklichen Zusammenhänge zu belassen. Auf die Dauer muh sich das für die deutschen Interessen sehr schädigend auswirken. Denn die Regierung begibt sich damit freiwillig des wirksamsten Rückhalts, den sie- in ihrem schweren Ringen um die Wiederherstellung der deutschen Freiheit haben kann, nämlich der sachlichen Kritik an ihren Zugeständnissen. Cs gab einmal eine Zeit, da »ußtbn die verantwortlichen Minister die Waffe der deutschen öffentlichen Meinung geschickter zu handhaben als gegenwärtig. Es waren die Monate, die 1924 dem Dawes-Plan und 1925 dem Abschluß des Locarno-Vertrages vorausgingen. Damals konnte man, wenn auch nicht auf parlamentarischem Toden, doch immerhin von einem nationalpolitischen Zusammenspiel von Regierung und Opposition sprechen. Denn die wirksamste und am besten auszunützende Opposition wurde dem deutschen Auhemninister in jener Zeit von der politischen Presse Deutschlands gemacht, deren (Stimmen gewiß nicht wenig dazu beitrugen, daß die damalige Etappe überhaupt erreicht werden tonnte. Es scheint aber, daß mit dem Tode Dr. Stresemanns, der ein sehr geschärftes Gefühl für die Bedürfnisse und Möglichkeiten der politischen Zeitung hatte, das enge Vertrauensverhältnis zwischen Presse und Regierung a u f g e h o b e n ist. Denn anders kann die Geheimniskrämerei, die jetzt um Abmachungen getrieben wird, die wichtigen Lebensfragen großer Teile der deutschen Ration berühren, nicht wohl erklärt werden.
Das Argument, daß die Abmachungen über die künftige Organisation der Reichsbahngesellschaft, über die Umgestaltung des rheinischen
Gießener Konzertverein.
Konzert des Ros^-Ouartetts.
Unter den Streichquartettvereinigungen der Gegenwart erscheint das Rose-Quartett am meisten dazu berufen, Träger der spezifischen Wiener Tradition zu sein. Sein geistiger Führer, Prof. A. R o s 6, steht seit nahezu einem halben Jahrhundert in engster Fühlungnahme mit dem Wiener Musikleben und hat während dieser Zeit die verschiedensten musikalischen Strömungen an sich vorüberziehen sehen. Und wenn man auch nicht unbedingt dem Zusammenhang zwischen dem Kunstwerk und dem Orte seiner Entstehung zu- ftimmen will, so wird man aber gewisse, wenn auch oft verborgene Beziehungen zwischen beiden nicht verleugnen können. Und solche inneren Verbindungsfäden begünstigen das Rose-Quartett bei seinem einzigartigen Darstellen bodenerwachsener Wiener Kunst.
Bei einem Streichquartett wird stets in vorwiegendem Maße die erste Geige dem Ensemble die Prägung geben. Prof. Rose ist ein Gegner von ganz hervorragenden Qualitäten. Er blieb aber nicht bei der reinen solistisch-virtuosen Tätigkeit stehen und machte seine ausgezeichneten musikalisch-geistigen Führereigenschasten bem von ihm gegründeten Quartett dienstbar. Roses Ton hat etwas Vergeistigtes, Transparentes: in der Kan- tilene gibt er warm blühend nach: im Technischen ist er durchsichtig, spritzend, prickelnd: aber jedes» mal ist er beherrscht von einem ausgeprägten Willen zur Klangschönheit. Rie wird er diese Instanz im Aufwallen des Impulses überschreiten und Um stets vor einem allzustarken Durchbrechen persönlichen Temperamentes bewahren. Dieselbe edle, fast aristokratisch zu nennende Zurückhaltung prägt sich bei Rose auch im Gestalten der Werke ab. Rie wird er in einem sogenannten musikalischen Draufgängertum eine gewisse ästhetische Grenze überschreiten. Er geht ganz in dem Werk auf mit sublimiertester Feingeistigkeit und verliert sich nie in sich selbst. Man könnte Bei ihm vielleicht von einer musikalisch-ästhetischen Interpretation im Gegensatz zu einem naturalistischen ungehemmten Subjektivismus sprechen. Und dennoch will es scheinen, als habe sich in dem letzten Jahrzehnt das Hauptmoment in der
Eisenbahnwesens, über den deutsch-polnischen Finanzausgleich in den Gesamtkomplex des QJoung- Plans hineingehörten und deshalb nicht eher zur Erörterung gestellt werden dürften, als bis das Gesamtwert vorliege, ist unserer Meinung nach nicht stichhaltig. Wir verkennen gar nicht, daß die Reichsregierung aus taktischen Gründen gezwungen sein wird, in der einen oder arideren Frage einmal Zugeständnisse auch wesentlicher Ratur zu machen, um die Linie ihrer Gesamtpolitik nicht zu gefährden. Sie wird diese Zugeständnisse aber niemals wirksam ausnutzen fön .en, um auf anderen Gebieten etwas
ernsthaft Erstrebenswertes zu erreichen, wenn sie dabei von vornherein auf die Mitwirkung der deutschen öffentlichen Meinung verzichtet, wie das jetzt schon in den erwähnten drei Fällen zu unserem lebhaften Bedauern geschehen ist.
Die schädliche Geheimniskrämerei hat aber auch eine bedenkliche innerpo litische Seite. Es ist gar kein Wunder, daß jetzt an allen Ecken und Enden wilde Gerüchte ausflackern, wie beispielsweise das, daß die Pariser Liquidationsverhandlungen von deutscher Seite nicht sehr geschickt geführt würden und anderes mehr. Die Reichs
regierung schädigt also durch ihr jetzige- Verhalten in der empfindlichsten Weise ihren inner» politischen Kredit, der doch ohnehin nicht mehl» besonders groß ist, obwohl sie doch alle Veranlassung hätte, dem deutschen Volke rückhaltlos zu sagen, was ist und sich dadurch wieder Vertrauen zu ertoerben. Ie länger sie also dies- Sorte von Geheimdiplomatie gegenüber dem eigenen Volke anwendet, um so mehr schädigt sie nicht nur die innerpolitischen Interessen de« jetzigen Regierungsgemeinschaft, sondern dia außenpolitischen Lebensfragen der ganzen Ration.
„Hände hoch — Kriminalpolizei!"
Was ich in 45 jährigem Kampf gegen das internationale Verbrechertum erlebte.
IX.
Oer $atl Genschow.
Der interessanteste Fall, dessen Bearbeitung mir beim Polizeipräsidium in Berlin übertragen wurde, war die Mordfache Genschow. Ich saß gerade behaglich im Kreise meiner Gäste, als der Kriminalkommissar vom Dienst mir telephonisch mitteilte, daß in Friedenau ein Mann plötzlich unter Dergif tun gsc r fche nungen erkrankt und dann in der Rettungs,teile, der man ihn sofort zugeführt habe, gestorben sei. Der Mann habe in einer Likörstube mit einer Frauensperson zusammen gesessen, die dann plötzlich verschwunden sei. Auf Anordnung des Dirigenten der Kriminalpolizei hätte ich die Bearbeitung der Angelegenheit sosort in die Hand zu nehmen.
In dem Leichenkasten der Rettungswache liegt ein stiller Mann, dessen Gesicht und Körper eine auffallend gelbe Färbung aufweist. Der Arzt erklärt mir, daß nach seiner Meinung der Tote das Opser einer Opium-Vergiftung fein müsse, und ich eile an den Tatort, um von hier aus die weitere Ausklärung zu veranlassen. Unterstützt von der eifrigen Arbeit der zuständigen Revierkriminalpolizei gelangen meinen Beamten bald die erforderlichen Feststellungen. Der Tote, ein in der dortigen Gegend bekannter Butterhändler, hatte gegen sechs ilfjr abends in Begleitung einer Frauensperson die Likörstube betreten und sich mit ihr in eine der Rischen des Lokals zurückgezogen. Dann hatte er für sich und seine Begleiterin einige Schnäpse bestellt und dabei hauptsächlich Angostura-Schnäpse, besonders bittere Liköre, bevorzugt. Plötzlich war dann die Frauensperson verschwunden. Der Mann war an die Theke herangetreten, um seine Zeche zu bezahlen, wurde aber plötzlich von älnwohlsein befallen und war besinnungslos ^usammengebrochen. Er hatie sich nicht mehr erholen können, sondern war schon nach wenigen Minuten verstorben. Der Wirt des Lokals gab an, daß er die Frauensperson, dir Begleiterin des Butlerhändler 3, schon häusiger gesehen habe, sie schiene Herrenbekanntschasten zu machen und mit diesen dann Lokale aufzusuchen. Mehr konnte vorläufig nicht festgestellt werden.
Roch am gleichen Abend gelang es der wirk- llch bewundernswürd'.gen Geschicklichkeit der zuständigen Revierkriminalpolizei, die Frauensperson zu ermitteln. Zunächst leugnete sie, mit dem Manne überhaupt in der Likörstube gewesen zu sein, gab dann aber; als ihr die Gegenüber stellung mit dem Wirle an gedroht wurde, doch zu, den Butterhändler auf der Straße angesprochen und mit ihm in der Likorstube einige Schnäpse getrunken zu haben. Der Mann sei dann plötzlich so aufgeregt gewesen, daß sie Angst vor ihm bekommen habe und deshalb schnell sortgelausen sei. 2lls sie auf dem Tifche die Likörgläser, aus denen sie und ihr toter Begleiter getrunken hatten, und in denen sich noch kleine Reste des Likörs befanden, erblickte, erbleichte sie. Sie überlegte einen Augenblick, und es wurde ihr Wohl klar, daß die chemische älntersuchung dieser Likörreste sie überführen mußte. Aul längeres Zureden hin legte sie
23on Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht.
Copyright bh Greiner & Co., Berlin NW 6. dann bald ein Geständnis ab. Sie gab zu, den Butterhändler auf der Straße angesprochen und zum Besuch der Likörstube aufgefordert zu haben, um ihn seiner Barschaft zu berauben. Hier habe sie zunächst versucht, den Mann betrunken zu machen. Als ihr bieS aber nicht glücken wollte, habe sie, um den Mann zu betäuben, eine Opiumlösung, die sie für eigenen Bedarf immer bei sich trage, in die Schnäpse gegossen. Ilm durch den bitteren Geschmack des Opiums den Mann nicht mißtrauisch zu machen, habe sie Angostura-Liköre bestellt, die durch ihre eigene Bitterkeit das Opium nicht wahrnehmen lassen. Schließlich sei der Mann dann auch ganz apathisch geworden, und sie habe diese Gelegenheit benutzt, aus seiner Brieftasche einige große Scheine äu entwenden. Rjemals habe sie aber den Tod des Dutterhändlers beabsichtigt, sondern nur seine Betäubung gewollt, um ihren Diebstahl ausführen zu können.
Die Frauensperson würbe zunächst dem Polizeigefängnis Berlin eingellesert, und von hier aus wurden noch in der gleichen Rächt weitere Ermittlungen eingeleitet, die schließlich zu einem überraschenden Erfolge führten. Rosa Genschow entpuppte sich als eine gewerbsmäßige Räuberin, deren Stzeziaiität darin bestand, Männer auf der Straße anzuspreche r, sie in Likörstuben zu verschleppen, durch kleinere Dosen Morphium oder Opium, die sie heimlich den Likören be.mengte, zu betäuben und ihnen dann älhr, Brieftasche, Geldbörse und was gerade verfügbar war, zu entwenden. Hierbei verfuhr sie so raffiniert, daß ihr Opfer meistens erst dann bewußtlos wurde, wenn beide schon das Lokal verlassen hatten. Wurde der Mann dann draußen von älnwohl- sein befallen, so rief sie kurz entschlossen irgendeine Droschle heran und gab, sofern sie den Diebstahl schon ausgeführt hatte, dem Droschkenkutscher die Adres'e des Mannes mit dem Auftrage, den eben unwohl gewordenen Herrn nach seiner Wohnung zu fahren. Hatte sie den Diebstahl noch nicht vollendet, so scheute sie sich nicht, selbst mit in der Droschke Platz zu nehmen und dort sich das anzueignen, was sie erwischen konnte. Dann stieg sie entweder während der Fahrt aus, oder aber sie ließ die Droschke halten, um schnell eine Besorgung zu machen, oder in einem Lokal zu telephonieren, und ließ dann den Droschkenkutscher vergebens auf ihre Rückkehr Wärtern Mit einem für eine Frau beispiellosem Raf inement arbeitete sie, skrupellos und kaltblütig erledigte sie ihre Opfer. Auf ebensolche Weise hatte sie auch einen Kriegsgerichtsrat le.inengeiernt und hatte es verstanden, sich in das Vertrauen dieses Herrn so einzuschleichen, daß er es wagte, sie in sein Iunggrsellenheim einzuladen. Dort verlangte sie von ihm Schnaps und sie verstand, das Betäubungsmittel so geschickt in das Glas des Kriegsgerichtsrats zu bringen, daß dieser nichts merkte, sondern ahnungslos den Schnaps nahm und in einen tiefen Betäubungsschlaf fiel. Als er zwei Tage später aus diefem Schlafe, knapp dem Tode entronnen, erwachte, war seine Wohnung aufgeräumt. Alle seine Versuche, der Räuberin wieder habhaft zu werden, hatten leider keinen Erfolg. In diesem einen Falle hatte sie bei der
Darstellung von einer früheren fast rein objektiven Haltung dem Werk gegenüber etwas mehr dem Subjektiven genähert.
Lind dies mag für das Quartett einen großen Vorzug bedeuten. Im Vergleich zu einer Aufführung des Beethovenschen si-Dur-Ouartettes op 591, die der Referent vor mehr als einem Iahrzehnt vorn Rose-Quartett horte, bedeutet die Gießener Aufführung dieses Werkes einen sehr beachtlichen inneren Fortschritt. Vielleicht hat die besondere Schubertkultur der letzten Iahre (Schuberts Quartette sind eine Hauptdomäne der Rose-Vereinigung) das Einsließen der subjektiven Gefühlssphäre begünstigt.
Wie der Führer so sind auch die Vertreter der anderen Instrumente ausgeprägte Individualitäten, technisch vollendet, im Zusammenklang das Quartett als organischen Körper offen- barend' stets dezent, nachgiebig, aber nie damit ihren Eigenwert aufgebend.
An der Spitze der Dortragsfolge stand Mozarts Quartett ll-Dur, (Kochel Rr. 590) eines jener Quartette, die er auf Anregung Friedrich Wilhelms fl. von Preußen für dessen persönlichen Gebrauch geschrieben hatte. Bei der Abfassung dieses Werkes mußte Mozart das persönliche Können des Königs, der ein meisterlicher Cellospieler war, berücksichtigen. Infolgedessen kommt das Cello besonders mit seinem Spiel in den höheren Lagen zur Geltung, zum andern aber bedeutete diese Bestimmung des Werkes für einen besonderen Hörerkreis eine Deschrävckung des rein persönlichen Momentes beim Schaffenden. Es ist der Größe des Mozart- schen Genius zu danken, daß sich dieses Opus dennoch in die Folge seiner Meisterwerke einreihen läßt. Cs war verwunderlich, daß das Rose-Quartett, obwohl es Mo^rt innerlich sehr nahesteht, eine etwas zu objektive Haltung dem Werk gegenüber einnahm. Der zweite Satz hätte viel mehr innerliche Wärme entfalten tonnen; im Menuett wäre die Ausführung des langen Vorschlages bei weitern dem Charakter des Satzes angemessener gewesen. Der Schlußsatz erschien etwas überspitzt in der Tempo-ahme: die Zäsuren hätten eine viel eindringlichere Beachtung erfahren können. Denn was da- Quartett bei Beethoven bis ins .Feinste, Subtilste hin beach
tete, hätte doch wohl mit gleichem Recht auch dem Mozartschen Werke zukommen müssen.
Mit Beethovens b-Dur-Quartett (op. 59 I) gab die Vereinigung einen Höhepunkt, der schlechthin kaum zu übertreffen war. Wie die einzelnen Stimmen jeder Regung des Komponisten nachsühlten, wie sie jeder Wendung restlos gerecht zu werden versuchten, das war nach jeder Hinsicht unvergleichlich. Wie der erste Sah herauswuchs, fein artikuliert in allen klanglichen Phasen, wie er den Weg zum Bewußtsein und Bewußtwerden der Kräfte in allen seinen Stadien vom Zweifel, vom Sinnen bis zum heroischen Krasterfülltsein hin kennzeichnete, das war flang- gewordene Geistigkeit. Dem zweiten Satz mag in der Quartettliteratur eine ganz besondere Ausnahmestelle zukommen. Ob man in ihm ein Vorahnen von Mendelssohns Sommemachtstraum- spuk sehen will, ob er den Ausdruck subjektivsten Phantasiespieles darstellt: er bindet in sich die stärksten Kontraste vom ausgelassensten Humor bis zu versinkender Schwermut. Ein Meisterstück kantablen Stlles war die Durchführung des Adagio molto e mesto, wie die einzelnen Instrumente plastisch mit ihrem Anteil am Thematischen heraustraten, wie das Figurative nie Selbstzweck wurde, wie das Ganze in seinem organischen Stimmungsverlauf sich erschloß. In bravouröser Weise führte die Primgeige hin zu dem mit seiner unverwüstlichen Lebenskraft erschlossenen Finale, das mit seinem Theme russe die innere Beziehung herstellt zu dem Gönner, dem Beethoven die drei Quartette op. 59 gewidmet hat, dem russischen Gesandten in Wien Grafen Rasumowskh.
Bedeutete das Deethovensche Werk den Höhepunkt der Veranstaltung, so stand auch H a h d n s „L e rdj e n“ -Qu a r te 11 (op. 64; Rr. 5) in der Ausführung und Darbietung durch das Rose- Quartett nicht nach. Welch ein natürlicher Iubel lag in den Einsätzen der ersten Violine in dem Cingangsfatze, das Adagio entfaltete sich breit und warm unter der Führung der ersten Geige, das Finale (Vivace) zog prickelnd, schäumend und dennoch dezent am Ohr der Hörer vorüber. — Bei diesen starken Eindrücken konnte ein begeisterter Rachhall im ganzen Hause nicht aus- bleiben. Viele Male mußten die Spieler sich auf dem Podium zeigen. Das Rose-Quartett bat sich
Ausführung ihrer Straftat ein Freund unterstützt, der dem Paare bis zur Wohnung des Kriegsgerichtsrats nachgegangen und vor bce Tür zunächst auf weitere Anweisung feine« Freundin gewartet hatte. Die Genschow hatte ihn dann, als sie ihr Opfer, den Kriegsgerichts^ rat, betäubt wußte, schnell heraufgeholt und mit seiner Hilfe die Wohnung ausgeplündert. Den Bemühungen der Polizei gelang es bald, auch diesen F.eund in Danzig zu ermitteln und fest« zunehmen.
Interessant ist ein kurzes Lebensbild diese« Frau, die als Opfer des Kokains und antercK Rauschgifte zur Verbrecherin wurde. Rosa Genschow wurde 1889 in Danzig als Tochter eines Rittergutsbesitzers geboren. Ihr Vater war abe< bald nach ihrer Geburt gestorben und hatte seins Famille infolge mißlicher Vermögenslage in bescheidensten Verhältnissen zurückgelassen. Ihre Erziehung lag deshalb allein in den Händen tet Mutter, einer Willensschwächen und liederlichen Frau, einer Morphinistin, der die Tochter schon in ihrer frühesten Iugend bei der Beschaffung des verbotenen Rauschgiftes behilflich sein mußte.
Unter diesen Verhältnissen war von einer regelmäßigen Erziehung der Tochter natürlich nicht zu reben. Schon mit dreizehn Iahren entlief sie ihrer Mutter, trieb sich in Berlin umher und wurde schließlich in der Lindenpassage, wo sie Herrenbekanntschaften zu machen suchte, polizeilich aufgegrif en. In ^Anbetracht der traurigen häuslichen Verhältnisse und der festgestellten sittlichen Verwahrlosung wurde sie der Füx- sorgeerz e;ung überwiesen. Kaum neunzehnjährig, entlief sie dieser Fürsorgeerziehung, kam wieder nach Berlin und begann hier ihr Abenteuerleben, Zwölf Jahre hindurch trieb sie sich, meistens arbeitslos, in Berlin, Leipzig, Hamburg, Hannover und vielen anderen großen Städten Deutschlands umher, häufig in Begleitung ihrer völlig heruntergekommenen Mutter. Auch diese Mutter war zur Verbrecherin geworden, die alle ihr als Gesellschafterin angeboter.cn Stellungen dazu benutzte, irgendeine günstige Gelegenheit ausfindig zu machen, um ihre vertrauensselige Herrschaft auszuplündern. Immer mehr war die Mutter ihrem Laster verfallen, dem Morphium, Kokain, Aether und Opium, und schließlich verführte sie auch ihre Tochter zu bem Genüsse dieser Rauschgifte. Aber in Freud und Leid hielten Mutter und Tochter immer zusammen.
Auch diese gefährliche Verbrecherin zeigte einen sympathischen Zug, das war eben diese Liebe zu ihrer Mutter. Seit ihrer Flucht aus der Für- sorgeerziehung hat sie für ihre Mutter gesorgt, und ihr erster Gedanke war stets, mit ihrem gestohlenen oder sonstwie erbeuteten Gelde ihrer Mutter eine Freude zu machen und deren trauriges Los zu erleichtern. Mit der Mutier, die durch den Genuß der Detäubungsgifte vollkommen zusammengebrochen war und rettungslos verloren schien, ist sie wochenlang umhergereist, um sie in einer Anstalt einer Entziehungskur unterwersen zu lassen, älnd gerade die Deute des letzten Verbrechens, dessen Opfer der Dutterhänd- ler wurde, sollte dazu dienen, die Kosten einer solchen Entziehuirgskur zu bestreiten.
in Gießen eine große Schar treuer Anhänger gewonnen. Dr. H.
Ein Larm-Messer.
Seit Fahrenheit vor mehr clls 200 Iahren das von Galilei erfundene Thennometer mit einer Skala versah, können wir die Temperatur von diesem Instrument ablesen. Aber niemand kann angeben, wieviel S?ärm in einem Raum herrscht, und doch erweist sich diese Feststellung als immer notwendiger, je mehr wir in unserer von Motoren durchdröhnten und von Autohupen durchgellten Zeit unter der stets zunehmenden Fülle der Geräusche leiden. Das Bedürfnis nach einem Apparat, der den Lärm mißt, ist in der modernen Technik aulgetreten, seitdem man bei den Bauten schalldämpfende Einrichtungen anbringt und die Stärke der Lautsprecher genau feststellen will. In den Laboratorien der amerikanischen Bell-Telephongesett- schast hat man daher einen „Audiometer'" konstruiert, einen „Geräusch-Thermometer", das auc elektrischem Wege die Stärke der Geräusche mißt. Die Skala, die an diesem Apparat angebracht ist. geht von dem leisen Geräusch, das an einem vollkommen ruhigen Ort gerade noch hörbar ist. bis zu dem stärksten Lärm, dem wir im Alltagsleben begegnen. Zehn Einheiten des flein- sten Geräusches stellen eine Tonstärke dar, die dem Rauschen der Blätter bei leisem Wind entspricht. Bei 20 Grad ist das Geräusch der menschlichen Stimme im Flüsterton erreicht. Zwischen 30 und 40 Grad liegt eine sanfte Radiomusik, wie sie in einem Zimmer gehört wird. Bei 50 Grad ist die Tonstärke erreicht, die die menfeh- lidte Stimme im gewöhnlichen Gespräch an nimm.. Zwischen 60 und 70 Grad zeigt der Lärm-Messcr die Geräusche an, die sich auf einer durchschnittlich belebten VerkehrSstraße entwickeln. Bei 80 Grad ist der Lärm in einer Reuhorker Unter- grundbahn erreicht und zwischen 90 und 100 Arad der Lärm in einem Flugzeug. Bei 108 Grad wird ein starker Lärm registriert, der die Grenze dessen darstellt, was das normale Ohr noch aushalten kann. Vielleicht wird sich dieses Lärm-Thermometer allmählich überall einbitr- gern und der leidenden Menschheit erst einmal -um Bewußtsein bringen, wie sehr iHv« Ohvsq aeaeniDärtia mibüandelt w-r-d«. ___..


