Ausgabe 
19.11.1929
 
Einzelbild herunterladen

Aus der Provinzialhauptstadi.

Sieben, den 19. November 1929.

Zur Beachtung.

Am Mittwoch, dem 20. November, erscheint der Gießener Anzeiger nicht. Infolge eines lleberein- kommens mit unserer technischen Mitarbeiterschaft fällt der ihr «arislich zustehende achte Feiertag im Jahre bis auf weiteres auf den preußischen Bufj- und Bettag.

Verlag des Gießener Anzeigers.

Oer erste Schnee.

(Ls war in der letzten Unterrichtsstunde, in der sonst schon ein wenig Müdigkeit über der Klasse liegt. Aber plötzlich ging ein leises Raunen durch die Kin- derschar. wie wenn der Herbstwind durch die Baum- wipsel fährt. Die Kopfe wandten sich, erst einzelne, dann alle, nach den Fenstern. Leise Ausrufe:E s schnei t!" wurden weilergegeben, hier und da stan­den schon einige auf und schauten hinaus.

Ja, es begann sachte zu schneien. Zuerst ganz dünne Flöckchen, dann aber wurden sie immer größer und ballten sich mehr und mehr zusammen. Kein Wind jagte sie. Langsam, fast müde, sielen sie zur Erde. Im Zimmer war es dämmerig geworden. Ui d immer dichter sanken die Flocken.

Wir brachen den Leseunterricht ab und sprachen von Schnee. Gestern erst hatten die Kleinen in ihrem Aufsatz geschrieben:Der Winter kommt gegangen. Hoffentlich wird er nicht so streng wie der letzte ..." Und nun konnten sie es kaum erwarten, daß es Winter wurde. Wie gingen ihre Mäulchen! Was sie nun alles machen wollten mit dem Schnee! ...

Die Ranzen wurden gepackt, ein kurzes Lied, das Gebet, und hinaus stürmten fünfzig hoffnungS' trunkene, dem Glück nachjagende Jungen.

Die Welt hatte sich verwandelt. Die Dächer waren weiß, Bäume und Sträucher hatten ihr Schneekleid, trotzdem noch hier und da welkes Laub darunter hervorsah, angezogen. Aber aus der Straße ging der Schnee schon in Wasser über. Die Jungen sangen:

Frau Holle schüttelt die Betten aus. Die Federn fliegen zum Fenster hinaus."

Und schon standen sie an Mauern, an geschützten Stellen, wo sich der Schnee gehäuft hatte. Die ersten Bälle durchschnitten die Luft. Die Mädchen er­schienen! Mit Hallo ging's ihnen nach!

Ganz oben am Rain sah ich auf meinem Heimweg drei Ranzen verlassen im regennassen Schnee liegen. Dahinter im Garten, wo sich der Schnee noch etwas gehalten hatte, rollten die drei Kerlchen kleine Schneewalzen und setzten sie zusammen: D e r e r st e Schneemann! Bergessen waren Schule und Mit­tagessen. Mit glänzenden Augen arbeiteten, glätteten sie an dem kleinen Schneemann herum. Zwei Steine kamen ins Gesicht, eine Rase aus Holz, und fertig war er! Kinder und Erwachsene kamen vorüber, blieben stehen, lachten und freuten sich mit den kleinen Künstlern.

Das Mittagessen wird ihnen wohl kalt geworden sein, den kleinen Schneeliebhabern, aber was will das heißen? Sie kamen heim mit nassen Strümpfen und triefenden Nockärmeln, die Ranzen hatten sie fast veraessen. In den Augen aber lag noch der helle Glanz, den nur ganz Glückliche besitzen können. Mutter, wir haben schon einen Schneemann ge­macht!" Das war alles, was sie auf die Vorwürfe sagen konnten.

Glückliche Jugend! Sorglos in den Tag stürmend, ballst du dir deine Schneemänner. Nur den Augen­blick genießend und fest vertrauend auf die Zukunft! Du siehst nicht, wie sich schon der Schnee mit dem Regen mischt, in einigen Stunden wird alles zer­flossen sein. Doch der Winter ist lang, und du träumst weiter von Schnee und Eis ... L. R.

Daten für Mittwoch, 20. November.

1497: Basco da Gama umsegelt die Südspitze Afrikas: 1602: der Physiker Otto von Guericke in Magdeburg geboren: 1802: der Maler Wilhelm von Kügelgen in St. Petersburg geboren: 1858: die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf in Marbacka geboren: 1910: der Schriftsteller Graf Leo Tolstoj in Astapowo gestorben.

Daten für Donnerstag, 21. November

1694: der Schriftsteller F.M. Arouet de Voltaire in Paris geboren: 1768: der Theologe Friedrich Schleiermacher in Breslau geboren: 1811: der Dichter Heinrich von Kleist am Wannsee bei Pots- dam gestorben.

Gießener Wochcrrmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarki: Käse 10 Stück 60 bis 1.40: Butter Pfund 2.10 bis 2 20; Matte 30 bis 35; Wirsing 12 bis 15, Weißkraut 8 bis 10; Rotkraut 12 bis 15; gelbe Rüben 10 bis 12; rote Rüben 10 bis 12; Spinat 25 bis 35; Unter-Kohlrabi 8 bis 10; Grünkohl 25 bis 35; Rosenkohl 40 bis 45; Feldsalat 1,00 bis 1,20; Tomaten 30 bis 50; Zwiebeln 10 bis 15; Meerrettich 50 bis 80; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kürbis 5 bis 8; Kartoffeln 41/« bis 5; Aepfel 10 bis 15; Birnen 10 bis 15: Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 1,20 bis 1,30, Suppenhühner 1,00 bis 1,20; Ganse 1,10 bis

1,30; Rüsse 40 bis 50; Tauben Stück 70 bis 90; Rettich 10 bis 20; Sellerie 10 bis 40; Kar­toffeln Zentner 3,50 bis 4,00; Wirsing 10,00 bis 12,00; Weißkraut 5 00 bis 6 00: Rotkraut 10,00 bis 12.00; Aepsel 8,00 bis 12,00; Dirnen 8,00 bis 10,00.

Bornotizcn.

Tageskalenderfür Dienstag: Stadt­theater:Scribbys Suppen find die besten", 20 bis 22.15 Uhr. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Der Günstling von Schönbrunn": auf der Bühne: Gast­spiel Ninon und Joe Berno-Berllosf. Astoria- Lichlspiele:Die Tochter der Steppe" undDie Tänzerin von Frisco".

TageskalenderfürMittwoch: Stadt- thealer:Hochzeitsreise, 16 bis 18 Uhr; Abendvor­stellung:Paganini", 19.30 bis 22.15 Uhr. Goethe- Bund: LichtbüdervortragAus der Wunderwelt der Blumen", 20 Uhr, Unioersitätsaula Lichtspiel­haus Bahnhofstraße:Der Günstling von Schön­brunn", auf der Bühne: Gastspiel Ninon und Joe Berno-Berloff. Astoria-Lia-tspiele:Die Tochter der Steppe" undDie Tänzerin von Frisco".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am heutigen Dienstag ist die süd- westdeutche Erstaufführung des LustspielsScr'.b- bys Suppen find die besten" (Lustspiel, ein Auftakt und drei Akte) von Julius Berstl. Die Spielleitung hat Peter F a s s o t, der zugleich eine wichtige Nolle des Lustspiels darstellt, im übrigen sind beschäftigt die Damen: Doering, Jüngling, Mewes und die Her­ren: Arzdorf, Haeser, Hais, Heitzig, Hub, Linkmann, Ritter, Wahlen und Zingel. Inspektion Wahlen. Das Stadttheater bringt morgen, Mittwoch, zwei Borstcllungen? um 16 Uhr nachmittags den mit großen Beifall aufgenommenen SchwankDie Hoch­zeitsreise", abends 19.30 Uhr als Frankfurter Ope- rettengaftspielPaganini" (Musik von Franz Lähar).

Ober hessischer Geschiß tsderein. Den ersten Bortrag dieses Winters hat Unit».* Prof. Dr. Götze übernommen, der am Donners­tag, 21. Rovember, über dieGrundlagen der deutschen Reformation" im Saale des Hotels Schütz sprechen wird. Prof. Götze 'tarn 1925 als Rachfolger von Geheimerat Be­tz a g h e l nach Gießen. Er hat sich neben und in Verbindung mit seinen sprachwissenschaftlichen Studien mit der Kultur der deutschen Reforma­tionszeit beschäftigt und auch Bücher dazu ver­öffentlicht. Das Thema seines Vortrages wird allgemeines Interesse erwecken. Dem Vortrag geht die dies.ährige Hauptversammlung des Vereins voraus. Ein gemütliches Beisam­mensein der Mitglieder schließt sich an die Ver­anstaltung an. (Siehe gestrige Anzeige.)

Der Goethe-Bund vermittelt mit seinem dritten Lichtbildervortrag des diesjährigen Winter­programms ein überaus lehrreiches Thema. An Hand von farbigen Bildern spricht Georg Weid- h a a s (Greiz) überDie Wunderwelt der Blumen" am Mittwoch, 20. November, in der Aula der Uni­versität. Siehe gestrige Anzeige.

Der Vortrag des U n i v e r s i t ä t s - Professors Dr. med. Dipp über das Thema Neueste Ergebnisse der Tropenheilkunde und ihre Anwendung in der ärztlichen Mission" findet am nächsten Sonntag n i ch t wie gestern mitgeteilt um 20 Uhr, sondern bereits um 15.30 Uhr statt. Siehe heutige Anzeige.

** Desihwechsel. Die Handels- und Ge- werbebank, e. G. m. b. H. dahier, die zur Zeit auf dem ehemals Zurbuchschen Gelände in der Goethe- straße einen Bankneubau errichtet, verkaufte ihr Dankanwesen Ostanläge 35 nebst dem zugehörigen Gelände an die Provinz Oberhessen zum Dar­preise von 75 000 Mark. Die Provinz benötigt das neucrstandene Gebäude mit seinen Tresor­einrichtungen, dessen Komplex an das im Landes- eigentum stehende, bisher schon den zweiten der Provinz Oberhessen dienende Anwesen Ost­anlage 33 angrenzt, wie wir hören, u. a. für Kassezwecke.

** Goldene Hochzeit. Gestern konnten die Eheleute Aron Steinreich, hier, wohnhaft Lin­dengasse 2, bei voller körperlicher und geistiger Ge- sundhe' das Fest der goldenen Hochzeit begehen.

** Ehrung eines Feuerwehrmannes. Am Samstag wurde dem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Heuchelheim, Karl Rinn VII., gcleaent- lich der Feier des 51. Gründungstages der Wehr, das ihm von der Regierung verliehene Ehrenzeichen für 25jährige Dienstzeit durch Kreisfeuerwehrinspek­tor D i ck o r 6 überreicht.

** Don einem Auto um gefahren. In der Naä;t zum Montag wurde der in Klein-Linden wohnhafte 31 Jahre alte ledige Vorarbeiter Karl Schmidt in Klein-Linden in der Frankfurter Straße von einem aus der Richtung Gießen kom­menden Privatauto angefahren und zur Seite ge­schleudert. Der bedauernswerte Mann blieb mit leichteren Kopf- und einer schweren Beinverletzung liegen, bis in der Nähe wohnende Leute auf seine Hilferufe aufmerksam wurden. Er mußte noch in der Nacht durch das Sanitätsauto der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in die Chirur- gisäze Klinik überführt werden. Hier wurde ein Un­terschenkelbruch festgestellt. Die Nummer des Wa­

gens, der den Bedauernswerten anfuhr,' ist inzwischen festgestellt worden.

** Literarischer Volkskun st abend der Volkshochschule. Zu dem am Samstag, 23. November, in der Neuen Aula stattfindenden AbendSpiegel der Zeit", Dichtungen und Skizzen von Menschen und Maschinen, wird uns geschrieben: Es entspricht den Bildungsaufgaben der Volkshoch­schule, daß sie weniger in die Literatur selbst einzu­führen als vermittels literarischer Darbietungen den Menschen unserer Zeit in ein inneres Verhältnis zu der Wirklichkeit zu bringen sucht, in der er stehen muß. Unter diesem Gesichtspunkt ist die zu bietende Auswahl von Dichtungen und Skizzen getroffen wor- den. Freilich kommt hierbei das meiste noch auf den Interpreten an; und nach den vorliegenden Kritiken und Empfehlungen dürfte der Sprcchkünstler Ha n s D o h m e den Ansprüchen, die hinsichtlich der Aus­drucksgestaltung zu stellen sind, voll gerecht werden.

** Weitere englische Kurse. Man schreibt uns: Der Fremdsprachklub Gießen beabsichtigt, wei- tere englische «Kurse unter Leitung des englischen Gymnasiallehrers der Universität von London,'Mr. E. F. Jones, einzurichten, da ein steigendes In­teresse sich bemerkbar macht. Anmeldungen an Herrn Mack, im Haus Schwarz (GDA.), wo auch Auskunft erteilt w rd. Siche heutige Anzeige.

** Ehrung verdienter Rudersport- freunde. Die Gießener Ruder-Gesellschaft 1877 nahm am Samstagabend gelegentlich einer internen Feier in ihrem Bootshause Beranlassung, eine ganze Anzahl älterer Mitglieder im Hinblick auf deren treue und opferfreudige Vereinszugehörigkeit auszu­zeichnen. Der Vorsitzende, Kaufmann H o ch st ä t t e r, betonte in einer kurzen Ansprache den hohen sport­lichen und sittlichen Wert des Ruderns für die Heran­bildung vollwertiger Menschen und sagte dann den Jubilaren namens der Ruder-Gescllschast herzlichen Dank für ihre stete eifrige und opferfreudige Förde­rung des Rudersportes im Rahmen der Gießener Ruder-Gesellschaft. Für 50jährige Mitgliedschaft wurde mit derGoldenen Nadel" der Ruder-Gesell­schaft Herr Christian Jnderthal ausgezeichnet. DieSilberne Nadel" der Gesellschaft erhielten fol- gende Herren: Wilhelm Bach, S. Falk, Fritz Flimm, Louis Frech, Carl Georgi, Wilhelm .fr e 11 Hermann Heß, Dr. H o d d e s, Emil Hör st, Heinrich Jughardt, Carl Köhler, Berthold Kühne, Conrad M a l k o m e s i u s, Willy M ö s er, Adolf Noll, Kommerzienrat, August Noll II., Ernst Pletz, Ludwig Rinn, Carl Röhr sen., Heinrich Schmal!, Georg Wallenfels, Max Weißbäcker, Christian Zimmer und Carl Zülch. Der Abend nahm im übrigen bei instru­mentalen Darbietungen, heiteren Vorträgen und ge­meinsamen Liedergesängen einen sehr harmonischen und stimmungsvollen Verlauf.

" 75er-Seiet. Die Fünfziger 18541904 feierten am Samstag und Sonntag gemeinsam die Feier ihres 75. Geburtstages. Ihre Zahl ist aller­dings sehr zusammengeschmolzen. Rahezu drei Viertel der 1854er deckt bereits die kühle Erde. Während am Samstag die eigentlichen Geburts­tagskinder sich zu einer einfachen Feier imHes­sischen Hof" vereinigten, nahmen an der Sonn­tagsfeier im Schützenhause auch die Ehesrauen teil. Der Vorsitzende, Heinr. Winn, gedachte in seiner Eröffnungsansprache der Ereignisse der vergangenen 25 Jahre, in denen nicht nur viele liebe Altersgenossen, sondern auch als Opfer des Krieges viele jüngere Mitinenschen aus dem Le­ben schieden. Ihnen zu Ehren erhoben sich die Festteilnehmer von den Sitzen. Herr Winn gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Fo'gen des Krie­ges, wirtschaftlicher Rotstand, Arbeitslosigkeit und innerer Hader bald überwunden werden und unser Vaterland sich wieder zur alten Höhe cmvorarbeiten möge. Er schloß seine Ansprache mit den Worten:Gott hat geholfen, Gott hilft noch, Gott wird weiter helfen." Unter gemein» samen Liedern, ernsten und humoristischen Vor­trägen verlief die Feier zur dollsten Zufrieden­heit der Teilnehmer.

"Bund für christlich - evangelis che Erziehung in Haus und Schule. Die Ortsgruppe Gießen des Dundes für christlich­evangelische Erziehung in Haus und Schule hielt dieser Tage im Zohannessaal ihre Monats­versammlung ab. Durch ein von Mitgliedern der Militärkapelle vorgetragenes Musikstück wurde der Abend eingeleitet. Dann ergriff nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden Pfarrer Lic. Waas das Wort zu seinem Vor­trag überDie religiöse Gedankenwelt des Pro­letariats und wir". Anregung dazu gab dem Redner das im 3ahr 1923 erschienene Buch des zu den religiös Sozialen gehörenden Ber­liner Pfarrers Günther Dehn überDie reli­giöse Gedankenwelt der Prolelarierjugend". Dehn habe auf dem Weg der Umfrage bei der die Fort­bildungsschule besuchenden Großstadtjugend im Alter von 14 bis 18 Jahren, deren religiöse Anschauung festgestellt. Eiwa 3600 Schüler, Zun­gen und Mädchen, aus fast allen Derufsklasfen seien teils mündlich, teils schriftlich gehört wor­den. Welches Bild entrollte sich nun vor uns auf Grund dieser Aussagen? Es sei, was die religiöse Gedankenwelt und das religiöse Leben betreffe, ein geradezu erschütterndes, es sei das

der völligen Auflösung. Die Religion M yur Privatsache, zur We.tanschauu.^ssache des ein­zelnen geworden, sie sei nicht mehr eine die GesamtAit beherrschende Macht. Das Bild sei nicht verzeichnet: wenn auch hie und da religiös interessierte junge Leute den Gottesglauben und die Kirche verteidigen, wenn es auch in Prvle- tarierkreisen tzie und da aufrichtig fromme Leute gebe, das Bild bleibe im großen und ganzen rich­tig. 3n seinen weiteren Aus.ührungen fragte der Vortragende, ob es nicht möglich sei, Brücken zu schlagen zwischen dem Proletarier und dem Christentum?Gewiß", so führte der Vortragende aus,Brücken sind tatsächlich vorhanden. Vor allem ist es die Person 3cfu, die Christentum und proletarische Religion miteinander verbindet. Frei­lich wird auf der proletarischen Seite 3esuS einseitig als Kämpfer für die Entrechteten auf- gefaßt. Gewiß, 3esus hatte ein Herz für die Unterdrückten, aber mit Unrecht wirft der Prole­tarier den heutigen Vertretern des Christen­tums vor, daß sie es vielfach nicht haben. Der Proletarier will eine Religion der Tat. Da bietet sich wieder eine Brücke zu dem der Kirche entfremdeten. Auch der kommunistische Arbeiter erkennt die Kraft, die in der dienenden Liebe liegt." Der Redner wies hier auf Vater Bodel- chwingh. auf Albert Schweitzer und Matbilde Wrcle hin.Tis: Kraft, deimC rstentrmst ckt, muß auch der aneuennen, der dem Chr.stenlum und der Kirche ablehnend gegenübersteht. Darum," o schloß der Redner,wollen wir den Glauben und die Hoffnung nicht aufgeben, wir wollen warten und bereit sein. Unser Glaube ist dennoch der Sieg, der die Welt überwunden hat." Der Vortrag machte auf die Hörer einen tiefen Ein­druck. Mit einem Dankeswort an den Redner und mit zwei stintnrnngsvoll vorgetragenen Musik­stücken des Quartetts schloß der Abend.

** Im Lichtspielhaus Bahnhof st raße läuft seit gestern ein neues Programm. In dessen Mittelpunkt steht ein von Erich Waschneck insze­nierter Greenbaum-FilmDer G ü n st l i n g von Schönbrunn". Ein Spielfilm alten Stils, der etwas schwer in Gang kommt, sauber, aber ohne tech­nische Raffinements gearbeitet ist, und im übriaen durch eine liebenswürdige Handlung, hübsche Ko­stüme und eine gut zusammengestellte, anmutige Mu­sik seine Publikumswirkung nicht verfehlt. Es hon- delt sich um eine charmante und amoureuse Episode des Pandurenobersten Freiherrn Franz von der Trenck eines Vetters des unter Friedrich dem Großen bekannt gewordenen preußischen Aben- te- vers im Wien der Kaiserin Maria Theresia. Die Geschichte ist, was das Historische betrifft, sicher­lich sehr frei und willkürlich gestaltet, aber das ist im Film ebenso wie in der Literatur durchaus statthaft. Außerdem ist eine lobenswerte Besetzung am Werk: Lil Dagover als Kaiserin (die man sich ja ganz anders vorgestellt hätte) zeigt sich hier von ihrer besten Seite; Iwan Petrovich als Trenck: eine rassige und männliche Erscheinung, dem man seine verwegenen Erlebnisse schon zutraut. Vera M a l i - nowskaja: eine sehr reizende Hofdame, Gräfin Nostiz: Henry Stuart als Kaiser Franz und der Berliner Bonvivant Vespermann als Trencks Diener find von den übrigen vor allem zu nennen. Im Beiprogramm sieht man auf der Bühne das Tanzpaar Ninon und Joe Berno-Berloff aus Kopenhagen mit Spitzen- und Kostümtänzen, welche viel Beifall finden.

CRittDermarff in Gießen.

Zum heutigen Rindviehmarkt waren 1196 Stuck Groß- und 3unzv'.eh und 176 Kälber auf getrie­ben. Sehr gut besucht war der Markt von Händ­lern aus Süddeutschland, die sehr reges 3nteresse an gutem Zucht- und Mastvieh hatten, während weniger gute Tiere fast nur in hiesige Gegend gehandelt wurden und auch dementsprechende Preise erzielten. Der Handel war lebhaft, der Markt wurde geräumt. Cs wurden bezahlt: Kühe 1 Qualität 600 bis 700 Mk., 2. Qualität 400 bis 500 Mk., 3. Qualität 200 bis 350 Mk., Schlachtkühe 100 bis 300 Mk., Rinder, Vz- bis »/«jährig, 120 bis 200 Mk., 3A- bis U/rjährig 150 bis 250 Mk., Kälber per Pfund Lebend­gewicht 60 bis 70 Pfennig. Bessere Tiere brachten Preise über Rotiz.

Ans dem Amtsverkündigungsblatt.

Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 83 vom 15. Rovember enthält: Gemeinde­finanzstatistik. Ausstellung von Wander­gewerbescheinen. Gewerbelegitimationskarten. Reichssteuerüberweisungen. Ausführung der Kreisfeuerlöschordnung. Aufsicht über Fremde.