Nr. 220 Erster Blatt
179. Jahrgang
vonnerrtag, 19. September 1929
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Monatr-Bezugspreir: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspsennig für Träger, lohn, auch bei Richter« scheinen einzclnerRummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanschlüsse unterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnach» richten: Anzeiger Sichen.
Postscheckkonto: Frankfurt am Main 116S6.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche UnlversiMS'vuch- und Steindruckerei R. Lange in Stehen. Zchriftleitung und Seschästrstelle: Zchulstrahe 7.
Annahme van Anzeigen für die Tagesnummer bi, zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm hbhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig- für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20'/, mehr.
Chefredakteur:
Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.tz.Thyriot; für den Übrigen Teil Ernst Munftchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Am die Rentabilität der Landwirtschaft.
Die Minister Dietrich und Steiger auf der Tagung des Deutschen Landwirtschastsrats. - Die Rückgewinnung der Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes.
Münster i. W., 18. Sept. (WB.) Der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrates Brandes eröffnete in der Stadthalle die 59. Vollversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates. Er begrüßte den erschienen Reichsernährungsminister Dr. Dietrich, ferner den preußischen Landwirtschaftsminister Dr. Steiger, den bayrischen Landwirtschaftsminister Dr. Fehr, den mecklenburgischen Ministerpräsidenten Eschenburg, ferner die Vertreter der Reichs-, Staats- und Provinzialbehörden, die Vertreter der Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft und die Vertreter der großen deutschen Wirtschaftsverbände.
Reichsernährungsminister Dietrich übermittelte zunächst die Grüße des Reichs- Präsidenten und der Reichsregierung, deren besonderes Sorgenkind die Landwirtschaft sei. Mit der deutschen Landwirtschaft stehe und falle nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern das ganze Volkstum. Mit großer Sorge verfolg« die Reichsregierung die schwierige Lage am Getreide markt. Im Hinblick auf die vorhandenen Schwierigkeiten sei beschlossen worden, alsbald über ein planmäßiges Zusammenarbeiten zwischen der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft und Getreideindustrie- und Kommissions-A.-G. zu verhandeln. Die Rcichsrcgierung sei durchaus entschlossen, im Rahmen des Gesetzes dieGetreidepreiseauf jede Art und Weise zu halten. Die Auswirkung der Zollerhöhungen werde abgewartet werden müssen. Der Minster ging dann auf die gesetzlich im Sommer d. 9. beschlossenen Maßnahmen em und bemerkte, daß er fest entschlossen sei, den Der- mahlungszwang energisch durchzusuhren, daß er darüber hinaus gewillt sei, die Quote des zu vermahlenden deutschen Weizens zu erhöhen bzw. den Vermahlungszwang in einen Beimahlungszwang u m z u w a n d e l n. Die Lage am Getreidemarkt betrachte er im übrigen als nicht hoffnungslos. Diel größere Sorge bereite die Preisgestaltung am Großviebmarkt.
Zwei wichtige Fragen der Landwirtschaft beträfen die Z i n s e n u n d S t e u e r n. Die unangenehmste Zin'enllast der Landwirtschaft, nämlich Die der Rentenbankzinsen, werde aller Voraus'icht nach am 1. April 1930 verschwin - Den. Dadurch werde Die Landwirtschaft alljährlich 90 bis 100 Millionen Reichsmark sparen. Die Amortisationsfrist der Rentenbanlscheme werde auf 10 bis 12 Jahre verlängert werden. Es bestehe die Hoffnung, auch zu einer Lösung zu kommen in der Hinsicht, daß der Renten- bankkreditanstalt ihre finanzielle Grundlage, die in Den ihr Jahr für Jahr aus den» Rentenbankzinsen zufließenden 25 Millionen liegt, erhalten werde. Darüber hinaus werde mit einem Zusammenschluß der beiden Genossenschaften die Zinsspanne vom ersten Geldgeber zum letzten Geldnehmer verringert werden können. Unter den Steuern seien die Drückendsten die Re al steuern, die für die Landwirtschaft etwa eine halbe Milliarde betrügen. Der bevorstehende Finanzausgleich müsse so gestaltet werden, daß die Länder und Gemeinden Diese Real steuern ermäßigen könnten. Der Minister versprach, in dieser Richtung tätig zu sein. Der Minister erklärte, daß er nie um die Politik, sondern stets um die Sache gekämpft habe. Der Kampf um die Landwirtschaft sei ein Kampf um die deutsche Wirtschaft, denn ohne eine Deutsche Landwirtschaft könne eine deutsche Wirtschaft überhaupt nicht bestehen. Auch die freie und unabhängige Stellung Deutschlands unter Den Rationen hänge von einer günstigen Lage Der Landwirtschaft bzw. gesicherten Ernährungs- gvundlage des Volkes ab, desgleichen aber auch Die Erhaltung eines gesunden Volkes selbst.
der preußische Landwirtschastsminister Dr. Steiger
führte dann u. a. aus: Auch in diesem Jahre ist es weniger die Ernte, die die Lage der Landwirtschaft noch besorgniserregender gestaltete, sind es vielmehr die Preise für dieland- wirtschaftlichen Erzeugnisse. So zeigten die Großhandelspreise für landwirtschaftliche Produkte Anfang dieses Jahres einen Stand von etwa 132, erreichten im Mai einen Tiefstand von etwa 124 und haben sich neuerdings mit gewissen Schwankungen wieder auf den Stand zu Beginn des Jahres gehoben. Dieser Preisstand zeigt bei einem Index von etwa 157 für industrielle Fertigwaren die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft. Diese Rotlage der Landwirtschaft hat ihre Ursache neben den gegenüber der Vorkriegszeit stark gewachsenen Lasten besonders in Welt- wirtschaftlichen Zusammenhängen. Zum Schuh der landwirtschaftlichen Erzeugung hat Preußen im Sommer Maßnahmen der Reichsregierung und des Reichstages zugestimmt, die auf einen erhöhten Zollschuh bei Getreide, Mehl, Butter und Kartoffeln abzielen, und die eine Teillösung der Maßnahmen dar- stellen, die auf diesen Gebieten von der Landwirtschaft gefordert werden. Reben zollpolitischen Maßnahmen muh die innere Regelung treten, die von der Selbsthilfe der Landwirtschaft und von staatlichen Maßnahmen gemeinsam getragen werden muh. Sollen die erziel
baren Preise für die Landwirtschaft wirllich erreicht werden, so muh neben der strengen Durchführung des Vermahlungszwanges durch eine bessere Deleih- barkeit der Getreideprodukte das Jnlandangebot besonders alsbald nach der Ernte eingeschränkt werden.
Entsprechende Maßnahmen sind in der Beratung begriffen. Hinzu muh eine einwandfreie Preisfe st st ellung an denDör- s e n treten. Es muh damit gerechnet werden, dah alsbald an der Berliner Produktenbörse mehrere Votierungen für Weizen und Roggen unter Zugrundelegung der verschiedenen Hektolitergewichte eingeführt werden. Die bessere Qualität wird so ihren höheren Preis erhalten und damit werden die Bestrebungen zur Qualitätserzeugung sowie die Standardisierungsmahnah- men gefördert. Die für die Bewegung der Getreideernte im Reichsetat eingestellten 3,75 Millionen Reichsmark müssen nach meinem Dafürhalten der Getreidebewegung in vollem älm- fange und ganz besonders im Interesse der östlichen Landwirtschaft sofort dienstbar gemacht werden.
Bei der Entwicklung der Kartvffelpreise ist leider wieder eine ständig f a ll ende Preistendenz zu beobachten. Ich hoffe, dem äleber- angebot an Speisekartoffeln aus dem Jnlande durch weitgehende Förderung der Markenkartoffelbestrebungen Herr zu werden. Mit besonderer Besorgnis erfüllt mich die Entwicklung der Rindviehpreise. Es werden deshalb besonders die Verhandlungen zur Aenderung der Diehzölle beschleunigt werden müssen. Durch den Rückgang bed Schweinepestandes haben die Schweinepreise einen so hohen Stand erreicht, daß hierin für die Landwirtschaft ein starker Anreiz- liegt, -Gchweinezucht und -hcck- tung zu vermehren. In Den Zahlen über Die Bewegung des Schweinebestandes dürfte jedenfalls der Beweis dafür liegen, dah wir die Ernährung der Bevölkerung wieder ausreichend mit inländischen Schweinen decken können, was der Forderung, Angleich der Schweine- an die Rindviehzölle, die Wege ebnen dürfte.
Präsident Dr. Brandes
berichtete bann über die Stellungnahme zum Rentabilitätsprogramm der Landwirtschaft und führte u. a. aus: Der deutschen Landwirtschaft muß unter allen Umständen ihre Lebens- und Entwicklungs- Möglichkeit wiedergegeben werden, selbst wenn damit vorübergehende Härten für andere Berufe verbunden wären. Eine verloren gegangene Rentabilität in der Landwirtschaft läßt sich wieder Herstellen durch Umorganisation des Betriebes, Verminderung der Ausgaben und Vermehrung der Einnahmen. In Deutschland muß eine Wirtschaftspolitik betrieben werden, die einen Jntensitätsgrad der Landwirtschaftsbetriebe zuläßt, der dem auf heutigen Landgrößen selbst wirtschaftenden Bauern und dem Arbeiter Beschäftigung und Verdienst gibt. Die Rentabilität würde sich nach den auf Grund der Buchführungsergebnisse angestellten Berechnungen durch eine 25prozentige Einnahmeerhöhung aus dem Verkauf von Getreide, Vieh, der Milch und der Molkereierzeugnisse Herstellen lassen. Reben dem Festhalten an dem klar erkannten Zukunftsprogramm, das unangetastet bestehen bleiben muß, sind Maßnahmen mit sofortiger Wirküng notwendig, wie sie in der Eingabe der Führer an den Reichsernährungsminister vor einer Woche niedergelegt worden sind. Unser Ziel ist: Wiederher st ellung der Rentabilität der deutschen Landwirtschaft, um die Landwirtschaft lebens sähia zu erhalten und dadurch di« Grundlag« für Deutschlands Zukunft und Deutschlands Freiheit zu schaffen. Unser Kampf gilt letzten Endes der deutschen Freiheit, und der freie Mann auf freier Scholle ist unser Ziel.
Der Geschäftsinhaber der Dlscontogesellschaft
Dr. Solmßen, Berlin
sprach über „Der Poungplan und die deutsche Landwirtschaf t“. Er führte u. a. aus: Alle nach dem Kriege geschlossenen Verträge, einschließlich des Dawes- und des TZoung- Planes, dienen dem Zweck, den durch die Riederlage Deutschlands geschaffenen Zustand zu verewigen. Der Doung-Plan ist eine politische und keine wirtschaftliche Lösung. Will Deutschland den im Poung-Plan in ungeheurer Höhe festgesetzten Verpflichtungen genügen, so muh es seine Zahlungsbilanz so gestalten, daß es die abzuführenden Beträge deckt. Die Bilanz der deutschen Wirtschaft ist zur Zeit negativ. Sie muh in dem Umfang« aktiviert werden, dah aus den älebe rschüssen die Verpflichtungendes Poung-Planes abgedeckt werden können. Das Wirtschafts- Programm, das der deutschen Wirtschaft durch die Annahme des Poung-Planes vorgeschrieben wird, muh in erster Linie auf die Einfuhr- verminderung abzielen. Erste Voraussetzung muh die größte Sparsamkeit in der Finanz gebarung der öffentlichen Hand sein. Eine Einfuhrverminderung kann nicht bei der Einfuhr der industriellen Rohstoffe einsetzen, sondern nur bei den fünf Milliarden Der Lebensmitteleinfuhr. Die Hauptarbeit hat hier die Landwirtschaft zu lei
sten. Ein im Interesse der Gesamtheit erforderliches Agrarprogramm muh als Hauptziel verfolgen:
1. die Rahrungsfreiheit und damit die Voraussetzung für die politische Freiheit Deutschlands zu erringen,
2. die Handelsbilanz auszugleichen oder sogar zu aktivieren,
3. R a u m zu schaffen für die von der Industrie erwerbslos belassenen Bevölkerungskreife.
Hand in Hand mit der Steigerung der agrarischen Produktionskraft muh ein freiwilliger Kampf der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung für das inländische Erzeugnis gehen. Um die Wirkungen der die deutsche Volkswirtschaft zur Zeit kennzeichnenden Kapitalnot zu beseitigen, muh die Landwirtschaft Qrgani- sationsformen anstreben, die neben dem Personal- und Htzpothekarkredi-t den Warenkredit als hauptsächlichstes Mittel zur Mobilisierung der in der Masse der Agrarerzeugnisse gebundenen Werte treten lassen. Solange das
deutsche Volk aus Gebieten jenseits der Grenze bezieht, wird es abhängig bleiben. Erst wenn es seine Rahrung innerhalb des deutschen Vaterlandes erzeugt, wird es frei werden können.
Eine Entschließung
erwartet neben schleunigster Durchführung der von den landwirtschaftlichen Führern geforderten Sofortmahnahmen vollständige Verwirklichung des im Frühjahr ausgestellten Rentabilitätsprogrammes. Der Deutsche Landwirtschaftsrat sieht einen Ausweg aus der Rotlage des deutschen Volkes nur in einer z i e l- bewuhten Umstellung der gesamten deutschen Wirtschaftspolitik auf die Entwicklung aller landwirtschaftlichen Produktionskräfte und richtet an Reichsregierung und Reichstag die dringende Bitte, sich endlich unter Zurückstellung aller parteipolitischen Erwägungen zu einer Wirtschaftspolitik zu entschließen, die Dem deutschen Volke wirtschaftliche und politische Freiheit zurückgewinnen kann.
Die MrtschaßWlM des Völkerbundes.
Oer Vorschlag eines Zoll-Waffenstillstandes. — Oie Organisierung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit durch den Völkerbund.
Genf, 18. Sept. (WB.) Die Aussprache über die Wirtschaftsprobleme wurde abgeschlossen, und der von Dr. Breitscheid vorgelegte Bericht samt den sehr umfangreichen Entschließungsanträgen angenommen. Offen bleibt nur noch der Entschließungsantrag üher die. . chM
Zollwaifenstillstandes und die Gesichtspunkte, die für die Organisierung einer internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit durch ein Kollektivabkommen maßgebend sein sollen. In letzter Stunde war von englischer und irischer Seite ein Abönderungsantrag eingebracht worden, so daß diese Entschließung noch einmal an die Redaktionskommission zurückverwiesen werden mußte. Trotzdem werden genügend Vorbedingungen gegeben sein, um die Organisierung des Wirtschaftsfriedens in folgenden drei Etappen mit Aussicht auf praktische Ergebnisse zu versuchen:
1. Aufforderung an sämtliche Staaten, Ende dieses Jahres dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Erklärung abzugeben, ob sie bereit sind, an der Konferenz für den Zollwaffen st instand teilzunehmen unter möglichst gleichzeitiger Mitteilung ihrer etwaigen Vorbehalte.
2. Verhandlungen, die sich über eine lange Zeit erstrecken dürften, zwischen den Staaten, die an dem Zollwaffenstillstand teilnehmen.
3. Schlußkonferenz nach zwei bis drei Jahren zur Sanktionierung der erzielten Der- handlungsergebnisse, zu der alle Staaten ohne Ausnahme eingeladen werden sollen, damit ihnen die Möglichkeit zur Teilnahme an den daraus hervor- gehenden internationalen Abmachungen geboten wird.
Außer dieser neuen Methode zur Herbeiführung und Organisierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit behandeln die übrigen zehn bereits endgültig angenommenen Wrrtschaftsent- schließungen die Fortsetzung der bisherigen Ar- hclten Der Wirtschaftsorganisation des Völkerbundes unter der Leitung des ständigen Wirtschaftskomitees, in dem bekanntlich tne Regierungen der hauptsächlichen Industrieländer vertreten sind. Die beiden wichtigsten Entschließungen betreffen di« Kohlen- und Zucker- Enquete DeS Wirtschaftskomitees, wobei im Gegensatz zu den ursprünglichen fvanzösifchen Anträgen von der Einberufung einer internationalen Kohlen- bzw. Zucker-Konferenz vorerst abgesehen wird. Die Entscheidung übet die Einberufung einer d iploma tischen Kohlen- k o n f e r e n z wird dem Völkerbundsrat überlassen. Diese Konferenz hätte sich mit den Preisschwankungen auf dem internationalen Kohlenmarkt und mit dem Mißverhältnis zwischen der Kohlenförderung und dem Kohlenverbrauch zu befassen. Die Frage der Analeichung der Arbeitszeit und der Lohnverhältnisse im Kohlenbergbau wird der weiteren Bearbeitung durch das Internationale Arbeitsamt überlassen. Auch in der Frage der Einberufung der Zuckerkonferenz wird dem Völkerbundsrat vollkommen freie Hand gelassen. Der Völlerbund beschränkt sich dabei auf die Beobachtung der weiteren Entwicklung des internationalen ZuckermarkteS und regt lediglich die Herabsetzung der Zuckersteuer zur Hebung des ZuckerverbraucheS an.
Das Münchener GsenbahnnnM vor Gericht.
Freispruch sämtlicher Angeklagten. — Oer Hauptbahnhof München.
In dem Prozeß wegen des Eisenbahnunglücks im Münchener Hauptbahnhof am 15. Juli v. I., bei dem eine Reihe von Passagieren ums Leben kamen, kamen die Sachverständigen zu Wort. Prof. Halter von der Technischen Hochschule München betonte, dah an der fraglichen Stelle an der Donnersberger Drücke weder eine Block stelle vorhanden war, noch, ein geordnetes Zug- meldeverfahren bestand. Wenn ein solches Meldeversahren bestanden hätte, wäre die Verwirrung des Stellwerkmeisters Schnellrieder und des Angeklagten Schall nicht eingetreten. Mit den vorhandenen Mitteln hätte eine verläßliche Sicherung des Meldewesens nicht erzielt werden können. Am kritischen Tage sei alles kreuz und quer gegangen und so fei es verständlich, dah bei dem Stellwerkbeamten ein Irrtum bezüglich der Meldung über die Durchfahrt des Vorzuges entstand. Beim Vorhandensein ordnungsmähiger Sicherungsvorkehrungen wäre «in solcher Irrtum un- mö^ich gewesen. — Rach dem Gutachten des Geheimen Daurats Bauer, Berlin, bestand der Hauptmangel der Dahnhofsanlage zur Zeit des Unfalls in dem vollständigen Fehlen der Abhängigkeit der eignete und Weichen von Der Betriebs stelle. Auch die Streckenblockung sei nicht regelrecht durchgeführt worden, was bei dem Unfall eine ausschlaggebende Rolle gespielt habe. Di« Beamten hätten einen außerordentlich schweren und verantwortungsvoll en Dien st gehabt. — Der Sachverständige Prof. P i r a r t h von der Technischen Hochschule Stuttgart erklärte die Anlage auf dem Münchener Hauptbahnhof wohl als ungewöhnlich, aber die Betri^s- einrichtungen wären so beschaffen gewesen, daß
ein Unfall an sich nicht passieren konnte. Dagegen stellte dieses System an das Personal so außergewöhnliche Anforderungen, daß dieses Personal in bestimmten Zeiten nicht mehr ganz verantwortlich für irgendwelche Folgen gemacht werden konnte.
Der Staatsanwalt erklärte, die Tatsache, dah in den Betriebsanlagen auf dem Hauptbahnhof in München schwere Mängel vorhanden gewesen seien, sei nicht als Strafausschließungsgrund, sondern nur als wesentlicher Strafmilderungsgrund anzusehen. Die Angeklagten hätten nrcht nur Betriebsvorschriften verletzt, sondern sie hätten auch in der kritischen Situation nicht alles getan, was sie nach ihrer Erfahrung und ihrer Ansicht hätten tun können. Der Staatsanwalt beantragte dann wegen je eines Vergehens der fahrlässigen Transportgefährdung in Tateinheit mit einem Vergehen der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung gegen Den Angeklagten Schaffnergehilfen Ritzer einen Monat Gefängnis, gegen di« Lokomotivführer Rickel und Albrecht aus Rürnberg je drei Monate Gefängnis, gegen den Stellwerksschaffner Schell und den Blockwärter Hechtel je fünf Monate Gefängnis und gegen Den Lokomotivführer Fischer Freispruch.
Rechtsanwalt H i r s ch f e l D erhob in seiner Verteidigungsrede schwere Vorwürfe gegen die Reichs- bahn. Der Präsident der Reichsbahngesellschoft, Dorpmüller, habe in einer Pressekonferenz in Berlin die Schuld an dem Unfall der Nachlässigkeit des Personals zugeschrieben. Justizrat Ehrt st bezeichnete als eigentliche Ursache des Unfalls Mangel an Zentralisation und übertriebene Personaleinsparung. Die Verantwortung für das Unglück müsse der Reichsbahn rugeschrieben


