Ausgabe 
19.9.1929
 
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Nr. 220 Erster Blatt

179. Jahrgang

vonnerrtag, 19. September 1929

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Gießener Anzeiger

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Am die Rentabilität der Landwirtschaft.

Die Minister Dietrich und Steiger auf der Tagung des Deutschen Landwirtschastsrats. - Die Rückgewinnung der Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes.

Münster i. W., 18. Sept. (WB.) Der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrates Brandes er­öffnete in der Stadthalle die 59. Vollversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates. Er begrüßte den erschienen Reichsernährungsminister Dr. Dietrich, ferner den preußischen Landwirtschaftsminister Dr. Steiger, den bayrischen Landwirtschaftsminister Dr. Fehr, den mecklenburgischen Ministerpräsiden­ten Eschenburg, ferner die Vertreter der Reichs-, Staats- und Provinzialbehörden, die Vertreter der Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft und die Vertreter der großen deutschen Wirtschaftsver­bände.

Reichsernährungsminister Dietrich übermittelte zunächst die Grüße des Reichs- Präsidenten und der Reichsregierung, deren besonderes Sorgenkind die Landwirtschaft sei. Mit der deutschen Landwirtschaft stehe und falle nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern das ganze Volkstum. Mit großer Sorge verfolg« die Reichs­regierung die schwierige Lage am Getrei­de markt. Im Hinblick auf die vorhandenen Schwierigkeiten sei beschlossen worden, alsbald über ein planmäßiges Zusammenarbeiten zwischen der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft und Getreide­industrie- und Kommissions-A.-G. zu verhandeln. Die Rcichsrcgierung sei durchaus entschlossen, im Rahmen des Gesetzes dieGetreidepreiseauf jede Art und Weise zu halten. Die Aus­wirkung der Zollerhöhungen werde abgewartet wer­den müssen. Der Minster ging dann auf die gesetzlich im Sommer d. 9. beschlossenen Maßnahmen em und bemerkte, daß er fest entschlossen sei, den Der- mahlungszwang energisch durchzusuhren, daß er darüber hinaus gewillt sei, die Quote des zu ver­mahlenden deutschen Weizens zu erhöhen bzw. den Vermahlungszwang in einen Beimah­lungszwang u m z u w a n d e l n. Die Lage am Getreidemarkt betrachte er im übrigen als nicht hoffnungslos. Diel größere Sorge bereite die Preisgestaltung am Großviebmarkt.

Zwei wichtige Fragen der Landwirtschaft be­träfen die Z i n s e n u n d S t e u e r n. Die unan­genehmste Zin'enllast der Landwirtschaft, nämlich Die der Rentenbankzinsen, werde aller Voraus'icht nach am 1. April 1930 verschwin - Den. Dadurch werde Die Landwirtschaft alljähr­lich 90 bis 100 Millionen Reichsmark sparen. Die Amortisationsfrist der Rentenbanlscheme werde auf 10 bis 12 Jahre verlängert werden. Es bestehe die Hoffnung, auch zu einer Lösung zu kommen in der Hinsicht, daß der Renten- bankkreditanstalt ihre finanzielle Grundlage, die in Den ihr Jahr für Jahr aus den» Rentenbankzinsen zufließenden 25 Mil­lionen liegt, erhalten werde. Darüber hinaus werde mit einem Zusammenschluß der beiden Ge­nossenschaften die Zinsspanne vom ersten Geld­geber zum letzten Geldnehmer verringert werden können. Unter den Steuern seien die Drückendsten die Re al steuern, die für die Landwirtschaft etwa eine halbe Milliarde betrü­gen. Der bevorstehende Finanzausgleich müsse so gestaltet werden, daß die Länder und Gemeinden Diese Real steuern ermäßigen könnten. Der Minister versprach, in dieser Richtung tätig zu sein. Der Minister erklärte, daß er nie um die Politik, sondern stets um die Sache gekämpft habe. Der Kampf um die Landwirtschaft sei ein Kampf um die deutsche Wirtschaft, denn ohne eine Deutsche Landwirtschaft könne eine deutsche Wirt­schaft überhaupt nicht bestehen. Auch die freie und unabhängige Stellung Deutschlands unter Den Rationen hänge von einer günstigen Lage Der Landwirtschaft bzw. gesicherten Ernährungs- gvundlage des Volkes ab, desgleichen aber auch Die Erhaltung eines gesunden Volkes selbst.

der preußische Landwirtschastsminister Dr. Steiger

führte dann u. a. aus: Auch in diesem Jahre ist es weniger die Ernte, die die Lage der Land­wirtschaft noch besorgniserregender gestaltete, sind es vielmehr die Preise für dieland- wirtschaftlichen Erzeugnisse. So zeig­ten die Großhandelspreise für landwirtschaftliche Produkte Anfang dieses Jahres einen Stand von etwa 132, erreichten im Mai einen Tief­stand von etwa 124 und haben sich neuerdings mit gewissen Schwankungen wieder auf den Stand zu Beginn des Jahres gehoben. Dieser Preis­stand zeigt bei einem Index von etwa 157 für industrielle Fertigwaren die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft. Diese Rotlage der Landwirtschaft hat ihre Ur­sache neben den gegenüber der Vorkriegszeit stark gewachsenen Lasten besonders in Welt- wirtschaftlichen Zusammenhängen. Zum Schuh der landwirtschaftlichen Erzeugung hat Preußen im Sommer Maßnahmen der Reichs­regierung und des Reichstages zugestimmt, die auf einen erhöhten Zollschuh bei Ge­treide, Mehl, Butter und Kartoffeln abzielen, und die eine Teillösung der Maßnahmen dar- stellen, die auf diesen Gebieten von der Land­wirtschaft gefordert werden. Reben zollpolitischen Maßnahmen muh die innere Regelung treten, die von der Selbsthilfe der Landwirt­schaft und von staatlichen Maßnahmen gemein­sam getragen werden muh. Sollen die erziel­

baren Preise für die Landwirtschaft wirllich er­reicht werden, so muh neben der strengen Durchführung des Vermahlungs­zwanges durch eine bessere Deleih- barkeit der Getreideprodukte das Jnlandangebot besonders alsbald nach der Ernte eingeschränkt werden.

Entsprechende Maßnahmen sind in der Bera­tung begriffen. Hinzu muh eine einwand­freie Preisfe st st ellung an denDör- s e n treten. Es muh damit gerechnet werden, dah alsbald an der Berliner Produktenbörse mehrere Votierungen für Weizen und Roggen unter Zugrundelegung der verschiedenen Hekto­litergewichte eingeführt werden. Die bessere Qua­lität wird so ihren höheren Preis erhalten und damit werden die Bestrebungen zur Qualitäts­erzeugung sowie die Standardisierungsmahnah- men gefördert. Die für die Bewegung der Getreideernte im Reichsetat eingestellten 3,75 Millionen Reichsmark müssen nach meinem Da­fürhalten der Getreidebewegung in vollem älm- fange und ganz besonders im Interesse der öst­lichen Landwirtschaft sofort dienstbar gemacht werden.

Bei der Entwicklung der Kartvffelpreise ist leider wieder eine ständig f a ll ende Preis­tendenz zu beobachten. Ich hoffe, dem äleber- angebot an Speisekartoffeln aus dem Jnlande durch weitgehende Förderung der Markenkar­toffelbestrebungen Herr zu werden. Mit beson­derer Besorgnis erfüllt mich die Entwicklung der Rindviehpreise. Es werden deshalb be­sonders die Verhandlungen zur Aenderung der Diehzölle beschleunigt werden müssen. Durch den Rückgang bed Schweinepestandes haben die Schweinepreise einen so hohen Stand er­reicht, daß hierin für die Landwirtschaft ein starker Anreiz- liegt, -Gchweinezucht und -hcck- tung zu vermehren. In Den Zahlen über Die Bewegung des Schweinebestandes dürfte jeden­falls der Beweis dafür liegen, dah wir die Ernährung der Bevölkerung wieder ausreichend mit inländischen Schweinen decken können, was der Forderung, Angleich der Schweine- an die Rindviehzölle, die Wege ebnen dürfte.

Präsident Dr. Brandes

berichtete bann über die Stellungnahme zum Ren­tabilitätsprogramm der Landwirtschaft und führte u. a. aus: Der deutschen Landwirtschaft muß unter allen Umständen ihre Lebens- und Entwicklungs- Möglichkeit wiedergegeben werden, selbst wenn da­mit vorübergehende Härten für andere Berufe ver­bunden wären. Eine verloren gegangene Renta­bilität in der Landwirtschaft läßt sich wieder Her­stellen durch Umorganisation des Betriebes, Ver­minderung der Ausgaben und Vermehrung der Ein­nahmen. In Deutschland muß eine Wirtschaftspolitik betrieben werden, die einen Jntensitätsgrad der Landwirtschaftsbetriebe zuläßt, der dem auf heu­tigen Landgrößen selbst wirtschaftenden Bauern und dem Arbeiter Beschäftigung und Verdienst gibt. Die Rentabilität würde sich nach den auf Grund der Buchführungsergebnisse angestellten Berechnungen durch eine 25prozentige Einnahmeer­höhung aus dem Verkauf von Getreide, Vieh, der Milch und der Molkereierzeugnisse Herstellen lassen. Reben dem Festhalten an dem klar erkannten Zu­kunftsprogramm, das unangetastet bestehen bleiben muß, sind Maßnahmen mit sofortiger Wirküng notwendig, wie sie in der Eingabe der Führer an den Reichsernährungsminister vor einer Woche niedergelegt worden sind. Unser Ziel ist: Wiederher st ellung der Rentabilität der deutschen Landwirtschaft, um die Landwirtschaft lebens sähia zu erhalten und da­durch di« Grundlag« für Deutschlands Zukunft und Deutschlands Freiheit zu schaffen. Unser Kampf gilt letzten Endes der deutschen Freiheit, und der freie Mann auf freier Scholle ist unser Ziel.

Der Geschäftsinhaber der Dlscontogesellschaft

Dr. Solmßen, Berlin

sprach überDer Poungplan und die deutsche Landwirtschaf t. Er führte u. a. aus: Alle nach dem Kriege geschlossenen Ver­träge, einschließlich des Dawes- und des TZoung- Planes, dienen dem Zweck, den durch die Rieder­lage Deutschlands geschaffenen Zustand zu ver­ewigen. Der Doung-Plan ist eine poli­tische und keine wirtschaftliche Lö­sung. Will Deutschland den im Poung-Plan in ungeheurer Höhe festgesetzten Verpflichtungen genügen, so muh es seine Zahlungsbilanz so ge­stalten, daß es die abzuführenden Beträge deckt. Die Bilanz der deutschen Wirtschaft ist zur Zeit negativ. Sie muh in dem Umfang« aktiviert wer­den, dah aus den älebe rschüssen die Verpflichtungendes Poung-Planes abgedeckt werden können. Das Wirtschafts- Programm, das der deutschen Wirtschaft durch die Annahme des Poung-Planes vorgeschrieben wird, muh in erster Linie auf die Einfuhr- verminderung abzielen. Erste Voraussetzung muh die größte Sparsamkeit in der Finanz gebarung der öffentlichen Hand sein. Eine Einfuhrverminderung kann nicht bei der Einfuhr der industriellen Rohstoffe einsetzen, sondern nur bei den fünf Milliarden Der Lebensmitteleinfuhr. Die Haupt­arbeit hat hier die Landwirtschaft zu lei­

sten. Ein im Interesse der Gesamtheit erforder­liches Agrarprogramm muh als Hauptziel ver­folgen:

1. die Rahrungsfreiheit und damit die Voraussetzung für die politische Freiheit Deutschlands zu erringen,

2. die Handelsbilanz auszugleichen oder sogar zu aktivieren,

3. R a u m zu schaffen für die von der Industrie erwerbslos belassenen Bevölkerungskreife.

Hand in Hand mit der Steigerung der agrari­schen Produktionskraft muh ein freiwilliger Kampf der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung für das inländische Erzeugnis gehen. Um die Wirkungen der die deutsche Volkswirt­schaft zur Zeit kennzeichnenden Kapitalnot zu beseitigen, muh die Landwirtschaft Qrgani- sationsformen anstreben, die neben dem Per­sonal- und Htzpothekarkredi-t den Warenkre­dit als hauptsächlichstes Mittel zur Mobilisie­rung der in der Masse der Agrarerzeugnisse ge­bundenen Werte treten lassen. Solange das

deutsche Volk aus Gebieten jenseits der Grenze bezieht, wird es abhängig bleiben. Erst wenn es seine Rahrung innerhalb des deutschen Vater­landes erzeugt, wird es frei werden können.

Eine Entschließung

erwartet neben schleunigster Durchführung der von den landwirtschaftlichen Führern geforderten Sofortmahnahmen vollständige Verwirk­lichung des im Frühjahr ausgestellten Ren­tabilitätsprogrammes. Der Deutsche Landwirtschaftsrat sieht einen Ausweg aus der Rotlage des deutschen Volkes nur in einer z i e l- bewuhten Umstellung der gesamten deut­schen Wirtschaftspolitik auf die Entwicklung aller landwirtschaftlichen Produktionskräfte und richtet an Reichsregierung und Reichstag die dringende Bitte, sich endlich unter Zurückstellung aller parteipolitischen Erwägungen zu einer Wirtschaftspolitik zu entschließen, die Dem deutschen Volke wirtschaftliche und politische Freiheit zurückgewinnen kann.

Die MrtschaßWlM des Völkerbundes.

Oer Vorschlag eines Zoll-Waffenstillstandes. Oie Organisierung der inter­nationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit durch den Völkerbund.

Genf, 18. Sept. (WB.) Die Aussprache über die Wirtschaftsprobleme wurde abgeschlossen, und der von Dr. Breitscheid vorgelegte Bericht samt den sehr umfangreichen Entschließungsanträgen angenom­men. Offen bleibt nur noch der Entschließungsantrag üher die. . chM

Zollwaifenstillstandes und die Gesichts­punkte, die für die Organisierung einer inter­nationalen wirtschaftlichen Zusam­menarbeit durch ein Kollektivabkommen maß­gebend sein sollen. In letzter Stunde war von eng­lischer und irischer Seite ein Abönderungsantrag eingebracht worden, so daß diese Entschließung noch einmal an die Redaktionskommission zurückver­wiesen werden mußte. Trotzdem werden genügend Vorbedingungen gegeben sein, um die Organisierung des Wirtschaftsfriedens in folgenden drei Etappen mit Aussicht auf praktische Ergebnisse zu versuchen:

1. Aufforderung an sämtliche Staaten, Ende dieses Jahres dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Erklärung abzugeben, ob sie bereit sind, an der Konferenz für den Zollwaffen st in­stand teilzunehmen unter möglichst gleichzeitiger Mitteilung ihrer etwaigen Vorbehalte.

2. Verhandlungen, die sich über eine lange Zeit erstrecken dürften, zwischen den Staaten, die an dem Zollwaffenstillstand teilnehmen.

3. Schlußkonferenz nach zwei bis drei Jah­ren zur Sanktionierung der erzielten Der- handlungsergebnisse, zu der alle Staaten ohne Aus­nahme eingeladen werden sollen, damit ihnen die Möglichkeit zur Teilnahme an den daraus hervor- gehenden internationalen Abmachungen geboten wird.

Außer dieser neuen Methode zur Herbei­führung und Organisierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit behandeln die übrigen zehn be­reits endgültig angenommenen Wrrtschaftsent- schließungen die Fortsetzung der bisherigen Ar- hclten Der Wirtschaftsorganisation des Völker­bundes unter der Leitung des ständigen Wirt­schaftskomitees, in dem bekanntlich tne Regie­rungen der hauptsächlichen Industrieländer ver­treten sind. Die beiden wichtigsten Entschließun­gen betreffen di« Kohlen- und Zucker- Enquete DeS Wirtschaftskomitees, wobei im Gegensatz zu den ursprünglichen fvanzösifchen An­trägen von der Einberufung einer internationa­len Kohlen- bzw. Zucker-Konferenz vorerst ab­gesehen wird. Die Entscheidung übet die Ein­berufung einer d iploma tischen Kohlen- k o n f e r e n z wird dem Völkerbundsrat über­lassen. Diese Konferenz hätte sich mit den Preis­schwankungen auf dem internationalen Kohlen­markt und mit dem Mißverhältnis zwischen der Kohlenförderung und dem Kohlenverbrauch zu befassen. Die Frage der Analeichung der Arbeits­zeit und der Lohnverhältnisse im Kohlenbergbau wird der weiteren Bearbeitung durch das Inter­nationale Arbeitsamt überlassen. Auch in der Frage der Einberufung der Zuckerkonferenz wird dem Völkerbundsrat vollkommen freie Hand ge­lassen. Der Völlerbund beschränkt sich dabei auf die Beobachtung der weiteren Entwicklung des internationalen ZuckermarkteS und regt lediglich die Herabsetzung der Zuckersteuer zur Hebung des ZuckerverbraucheS an.

Das Münchener GsenbahnnnM vor Gericht.

Freispruch sämtlicher Angeklagten. Oer Hauptbahnhof München.

In dem Prozeß wegen des Eisenbahn­unglücks im Münchener Hauptbahnhof am 15. Juli v. I., bei dem eine Reihe von Passa­gieren ums Leben kamen, kamen die Sach­verständigen zu Wort. Prof. Halter von der Technischen Hochschule München betonte, dah an der fraglichen Stelle an der Donnersberger Drücke weder eine Block stelle vorhan­den war, noch, ein geordnetes Zug- meldeverfahren bestand. Wenn ein solches Meldeversahren bestanden hätte, wäre die Ver­wirrung des Stellwerkmeisters Schnellrieder und des Angeklagten Schall nicht eingetreten. Mit den vorhandenen Mitteln hätte eine verläß­liche Sicherung des Meldewesens nicht erzielt werden können. Am kritischen Tage sei alles kreuz und quer gegan­gen und so fei es verständlich, dah bei dem Stellwerkbeamten ein Irrtum bezüglich der Mel­dung über die Durchfahrt des Vorzuges entstand. Beim Vorhandensein ordnungsmähiger Siche­rungsvorkehrungen wäre «in solcher Irrtum un- ^ich gewesen. Rach dem Gutachten des Ge­heimen Daurats Bauer, Berlin, bestand der Hauptmangel der Dahnhofsanlage zur Zeit des Unfalls in dem vollständigen Fehlen der Abhängigkeit der eignete und Weichen von Der Betriebs stelle. Auch die Streckenblockung sei nicht regelrecht durch­geführt worden, was bei dem Unfall eine aus­schlaggebende Rolle gespielt habe. Di« Beamten hätten einen außerordentlich schweren und verantwortungsvoll en Dien st ge­habt. Der Sachverständige Prof. P i r a r t h von der Technischen Hochschule Stuttgart erklärte die Anlage auf dem Münchener Hauptbahn­hof wohl als ungewöhnlich, aber die Betri^s- einrichtungen wären so beschaffen gewesen, daß

ein Unfall an sich nicht passieren konnte. Dagegen stellte dieses System an das Personal so außergewöhnliche Anforderungen, daß dieses Personal in bestimmten Zeiten nicht mehr ganz verantwortlich für irgendwelche Fol­gen gemacht werden konnte.

Der Staatsanwalt erklärte, die Tatsache, dah in den Betriebsanlagen auf dem Haupt­bahnhof in München schwere Mängel vorhanden gewesen seien, sei nicht als Strafaus­schließungsgrund, sondern nur als wesent­licher Strafmilderungsgrund anzusehen. Die An­geklagten hätten nrcht nur Betriebsvor­schriften verletzt, sondern sie hätten auch in der kritischen Situation nicht alles getan, was sie nach ihrer Erfahrung und ihrer Ansicht hätten tun können. Der Staatsanwalt beantragte dann wegen je eines Vergehens der fahrlässigen Transportgefährdung in Tateinheit mit einem Vergehen der fahrlässigen Tötung und der fahr­lässigen Körperverletzung gegen Den Angeklagten Schaffnergehilfen Ritzer einen Monat Gefäng­nis, gegen di« Lokomotivführer Rickel und Al­brecht aus Rürnberg je drei Monate Gefäng­nis, gegen den Stellwerksschaffner Schell und den Blockwärter Hechtel je fünf Monate Ge­fängnis und gegen Den Lokomotivführer Fischer Freispruch.

Rechtsanwalt H i r s ch f e l D erhob in seiner Ver­teidigungsrede schwere Vorwürfe gegen die Reichs- bahn. Der Präsident der Reichsbahngesellschoft, Dorpmüller, habe in einer Pressekonferenz in Berlin die Schuld an dem Unfall der Nachlässigkeit des Personals zugeschrieben. Justizrat Ehrt st bezeich­nete als eigentliche Ursache des Unfalls Mangel an Zentralisation und übertriebene Personaleinsparung. Die Verantwortung für das Unglück müsse der Reichsbahn rugeschrieben