Rr. 195 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 19. August 1929
Turnen, Sport und Spiel.
Internationales Wafferball- turnier.
Deutschland unterliegt Schweden 1:3 (0:0).
Das Internationale Wasserballturnier in Budapest brachte am Samstag eine überraschende deutsche Niederlage gegen Schweden, an der das eigenartige Verhalten des Schiedsrichters Hodgson (England) nicht ganz schuldlos war. Er annullierte in der ersten Halbzeit auf den Protest des sehr gegen Deutschland eingestellten Publikums hin einen von G u n st erzielten Treffer, den er vorher anerkannt hatte. 3m weiteren Spielverlauf wurden bann die Schweden zeitweise stark überlegen. Dor allem brachte sich Arne Borg durch seine Schnelligkeit stark zur Geltung. Ein unverhoffter Rückhandschuh von ihm brachte Schweden, nachdem Andersson auf einen Fehler der Verteidigung das erste Tor erzielt hatte, den zweiten Treffer. Sander st röm konnte bald daraus wiederum auf einen Deckungssehler hin auf 3:0 erhöhen. Erst kurz vor Schluß fand sich die häusig vom Schiedsrichter sehr benachteiligte deutsche Mannschaft etwas besser zusammen und kam durch Amann auf eine Vorlage von Veneke hin zu ihrem Ehrentreffer.
Weitere Ergebnisse: Telgien—England 4:2 (1:1), älngarn—Frankreich 10:6 (4:4). Schwimmlanderkampf Deutschland — Ungarn: 4X1OO-Meter-Freistil: 1. Ungarn 4:06.4 Minuten. (Reuer europäischer Rekord.) 2. Deutschland 4:11.8 Minuten.
Schwimm-Meisterschaften her O. T.
Erster Tag.
Die Deutsche Turnerschaft begann am Samstag in Altona bei prächtigem Wetter und vor zahlreichem Publikum mit der Austragung ihrer Schwimm-Meisterschaften. Vereits der erste Tag brachte verschiedene Entscheidungen. Die Ergebnisse sind:
Turner. Wasserball-Meisterschaft: Aus den Vorspielen schälten sich TG. Mülhausen und Tv. Karlsruhe als die beiden Teilnehmer am Endspiel heraus. 40-Meter-Strecken- tauchen für Aeltere: 1. Kremer. Eschwei- ler, 39 Sek. Mehrkampf für Aeltere bis 45 3ahre: 1. von Loon, Kassel, 72,70 P. Mehrkampf f ü r Aeltere von 35 b i s 4 0 Jahre: 1. Heb le r, Darmstadt, 110,3 Punkte: 2. Schäffler, Saarbrücken, 109,70 P. Springen für Aeltere: 1. Rehm, Hannover, 75 P. 1 00 Meter Brustfür Aeltere: 1. Reiff, Stuttgart, 1:37,3. lOOMeterBrust: 1. Terbrüggen, Aachen, 1: 41,1. Springen f ü r Aeltere, 1. Loon, Kassel, 43,35 P.: 2. Hemmer, Frankfurt a. M., 43.05 P. Turnerinnen. 5 0 Meter B r u st: 1. Wachsmuth, Hamburg, 55,9. 1 00 Meter Freistil: 1. Weynell, Dreslau, 1:36; 2. Fecht, Stuttgart, 1:43,9. 4 0 Meter S t r e cken t au ch e n: 1. Teschke, Bres- lau, 42 Sek.; 2. Haugk, Gießen.
Der zweite Tag.
Am Haupttag der Schwimm-Meisterschaften der DT. gab es vor 6000 Zuschauern auf der ganzen Linie spannende Kämpfe, so daß fast in allen Wettbewerben die bisherigen Höchstleistungen unterboten wurden. Die Ergebnisse sind:
Dämonen der Zeit.
Vornan von Arthur Brausewetter.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
So vorzüglich in ihrer Einfachheit die Speisen auch bereitet waren, so weich und feurig der Burgunder aus des Obersten Weinkeller über die Zunge floß, es war ein frostiges Mahl, das die Drei durch eine erzwungene Haltung mühsam in die dem Sonntag nach alter Familienlieferung nun einmal gebührende Länge zogen — viel zu lang für Klaus, den es nach all dem Dumpfen und Schweren, das den ganzen Vormittag auf ihm gelastet, in die freie Gottesluft und an das Meer trieb, nach dem er eine heiße, durch die vielen Jahre nur verstärkte Sehnsucht im Herzen trug.
So empfahl er sich, als Frau Reichenbach endlich die Tafel aufhob, wartete auch den Kaffee nicht mehr ab, sondern machte sich auf den Weg zum Bahnhof, um mit dem nächsten Zuge nach Zoppot zu fahren.
Als er abends heimehrte, war im Hause alles dunkel. Er begab sich auf sein Zimmer, schloß die Fenster, zog die Vorhänge möglichst dicht zu und legte sich zu Dett.
Aber genau zu derselben Stunde wie in der vorhergehenden Nacht, fuhr er auch diesmal aus dem Schlafe empor, Hnd wieder war es Heller Tag, und wieder vernahm er das in dem tiefen Schweigen des Hauses unheimlich widerhallende Geräusch dumpf stampfender Schritte, dasselbe kurze, tiefe Aechzen, dann das harte Zuschlägen einer -£ür. And nun war wieder alles still und stumm.
Jetzt war es ihm klar: Das konnte kein an- derer als ' der Oberst fein. Wie aber war es denkbar, daß er Tag für Tag erst beim Morgengrauen nach Hause kam? Wo kam er her? Er 7>er, solange er ihn kannte, stets zu zeitiger Stunde zu Bett gegangen und des Morgens in aller Herrgottsfrühe schon im Dienst gewesen?
Diesmal sand er keinen Schlaf, so früh es auch noch war.
Punkt neun Ahr, wie ihm geheißen war, betrat Klaus Körber das Feld seiner neuen Tätigkeit.
Alles war bereits an der Arbeit, saß über seine Bücher oder Briese gebeugt, schrieb mit raschelnder Feder oder an klappernder Maschine. Man sah den Herrn nicht und wußte doch, daß er gegenwärtig war.
Obwohl die Räume ziemlich umfangreich waren und zwei große, quadratförmig gebaute Zimmer nach vom und zwei länglich schmale, aber kaum kleinere nach hinten wiesen, die immer dunkel waren und in denen man im Winter nicht ohne
Turner. 4x100 Meter für Vereine ohne Winterbad: 1. Tv. Staßfurt 6:07,9. 1000 Me- ter Freistil: 1. Müller, Kiel, 15:50,6. Mehrkampf: L. Junold, Saarbrücken, 184,75 P.; 2. Geismar, Gießen. 182 P. 4X100 Meter Hand über Hand: TG. Mülhausen 4:58.
^ringen: 1. Stork, Frankfurt a. M. 118,50. 4x 1 00 Meter Lagen: 1. MTv. Stuttgart 5:17,3. 4X100 Meter Brust: 1. NTV. Berlin 5:49,2.
Turnerinnen. 1 00 Meter Rücken: 1. Dackof, Offenbach, 1:37. 4x50 Meter Gagen: 1. Angers, Offenbach, 3:43,8. Springen: Verheul, Frankfurt, 99,20 P. 4x50 Meter Lagenstaffel: 1. Tv. Offenbach 2:54,7. 4mal 5 0 Meter Brust. 1. TDd. Hamburg; 2. Tv. Offenbach. 4x50 Meter für Kreise: 1. Mittelrheinkreis 7:16,8. 4x50 Meter Hand über Hand: 1. Tgdc. Darmstadl 2:44,3; 2. Tv. Offenbach.
Um hie sühheutsche Wafferballmeisterschast.
Hessen Worms —Zungdcutschland 2:7.
3um Rückspiel um die Bezirksmeisterschaft mußte Jungdeutschland Darmstadt in -Darms gegen Hessen Worms antreten und konnte einen glatten 7:2-Sieg landen. Jungdeutschland ist also endgültig Dezirksmeister und nimmt an der Runde der Ersten um die Süddeutsche Wasserballmeisterschaft teil.
Fußball in Gühheutschlanh.
Rach dem vor 8 Tagen in Nürnberg statt- gehabten Auftakt zwischen A. S. V. Nürnberg und dem F.C. Bayreuth (5:2) festen nunmehr in allen Gruppen mit Ausnahme ocr Gruppe Main die neuen Verbandskämpfe ein, wenn auch noch nicht sämtliche Vereine daran beteiligt waren. Nur die Gruppe Südbahern spielte mit voller Besetzung. Selbstredend gab es auch bereits die ersten Heberraschungen und die ersten unerwarteten und deshalb doppelt schmerzlichen Punktverluste. Vereinzelt siegten sogar krasse Liganeulinge.
In der Gruppe Nordbahern holte sich der A. S. V. Nürnberg beim R. f. R. Für t h mit 2:1 bereits den zweiten Sieg, Bayern Hof rang dem F. V. 04 Würzburg mit 1:1 einen Punkt ab, und der 1. F. C. Bayreuth gestaltete sein zweites Verbandsspiel zu einem überlegenen 7:1 über den Liganeuling Sp. Vgg. Hof.
Die Gruppe Südbahern hatte in München bereits ein wichtiges Ortstreffen. Hierbei schlug am Samstag der S. V. 1 8 6 0 den D. S. V. mit 6:1 Toren verdient und überlegen. Allerdings mußte der D. S. V. viel Ersah verwenden. BayernMünchen fertigte den F. V. 9 4 H l m mit 4:2 Toren nicht mit der erwarteten Heber- legenheit ab, und Jahn Regensburg versagte gegen Teutonia München in einem 2:3 verlorenen Spiele. Wacker München buhte mit feinem ersten Versuche auch die beiden ersten Punkte ein. Die Augsburger Schwaben nahmen mit 1:0 Sieg und Punkte mit nach Hause.
3n der Gruppe Württemberg hatte f- Stuttgart mit llni on -Bedingen ziemliche Mühe und konnte in einem torreichen Kampfe nur 4:3 gewinnen. Die beiden anderen Treffen brachten Heberraschungen. Der V. s. R. Heilbronn besiegte den vorjähri» Licht arbeiten konnte, so zeigten sie sich für' das Personal als zu gering. Denn die Damen und Herren, die hier in ziemlich gleichmäßiger Verteilung der Geschlechter über ihre Pulte sich beugten, saßen so dicht nebeneinander, daß man Den Eindruck hatte, als müßte einer dem anderen über die Hand oder Schulter sehen und ihn in feiner freien Arbeitsentfaltung stören. Vielleicht konnte man auf diese Weise um so ungehinderter miteinander plaudern, wenn die Arbeit einmal weniger flott vonstatten ging oder keine unsichtbaren Augen über ihr wachten.
Eine ganze Weile hatte Klaus bereits an dem hölzernen Gitter gestanden, das die Stätte der Arbeit wie ein Allerheiligstes von dem kleinen für die Kunden bestimmten Raum abschloß, als sich endlich ein sehr junges und schmächtiges Männchen von seinem Platz erhob und ihn nach seinem Begehr fragte.
„3d) möchte den Herrn sprechen."
„Herrn Faßbender?"
„Nein, den Herrn Oberst."
„Ack) — Herrn Reick)enbach. Der ist nicht hier. Vielleicht bemühen Sie sich nadjmittag von 5 bis 7 Hhr wieder her. Sie wünschen ihn in einer persönlichen Angelegenheit?"
„Nein, in einer geschäftlichen."
»Das macht Herr Faßbender. Freilich... ob er sich jetzt sprechen läßt? Wollen Sie mir 3hren Namen und den Anlaß 3hres Besuches auf diesen Zettel schreiben, dann werde ich es verschon."
„Kann ich das auch nicht mündlich abmachen?" „Herr Faßbender empfängt in geschäftlichen Dingen nur auf schriftliche Anmeldung."
Das junge, schmächtige Männchen hatte etwas sehr Bestimmtes und Flinkes - zugleich. Es war ohne Zweifel sehr geschäftstüchtig.
„Ach — Herr Körber, unser neuer Mitarbeiter", sagte es, nachdem cs den ausgefüllten Anmeldezettel durchflogen, sofort viel freundlicher und kollegialer.
Hnd auf dieses Wort erhob sich eine Anzahl männlicher und weiblicher Köpfe von den Pulten und Schreibmaschinen und sichtete den Antömm- ling mit neugierigen, zugleich aber kühl prüfenden Blicken.
„Wir erwarten Sie schon seit einer Stunde." „3d> war zu neun Hhr bestellt."
3m Sommer beginnen wir punkt acht Hhr. Ich werde Sie sofort melden. Wollen Sie, bitte, gleid) mitkommen. Hier die Treppe hinauf. In der Hange-Etage, geradeaus befindet sich Herrn Faßbenders Zimmer."
Hnd wieder mußte Klaus Körber in dem kleinen Vorflur warten. Herr Faßbender mußte für den schmächtigen Mann, der hier eine nicht unwichtige Rolle zu spielen schien, ein ganze Menge von Aufträgen haben; denn dieser erschien erst nach geraumer Zeit, jetzt wieder ganz
gen Gruppenmeister Germania Brötzingen mit 3:1 Toren. Roch mehr befremdet der 2:l-6ieg des F. C. Birkenfeld über die Stuttgarter Kickers.
In der Gruppe Baden hat man das 2:1 öeS F. C. Freiburg gegen den Ortsrivalen, Die Sp. Vgg. Freiburg, als regulär zu betrachten, aber der Liganeuling, die S p. D g g . Sch ramburg, überfuhr den S. C. Freiburg mit einem vernichtenden 6:1.
Auch in der Gruppe Rhein fielen beim Hobeln die ersten Späne. Die S p. V g g. M Undenheim knöpfte dem vorjährigen Gruppenmeister, dem D. f. L. Neckarau, mit 1:1 einen Punkt ab. S. V. Waldhof Mannheim batte es mit dem Gruppenneuling, der F. V g g. R o h r- bach, leicht und gewann 8:1. Lindenhof 08 Mannheim behielt jedoch mit ihrem 3: 1 gegen die Sp. Vgg. Sandhofen Sieg und Punkte für sich.
Die Gruppe Saar erlebte mit ihrem einzigen Spiele bereits ihre erste Heberraschung. Der erstmalig in der Liga kämpfende V. f. R. Kaiserslautern gewann auf eigenem Boden gegen Sportfreunde Saarbrücken mit 2:1 Toren knapp aber verdient.
Die Gruppe Hessen sah ihre beidenKämpfe leidlich den Erwartungen entsprechend enden, weniger allerdings hinsichtlich der Torziffern als wegen des Schicksals der Punkte. F. Sp. V. 0 5 Mainz war auf eigenem Boden für Alemannia Worms nicht zu schlagen. Aber das 4:3 stellt den Wormsern kein schlechtes Zeugnis aus. Der 1. F.C. Langen hatte den V. f. L. Neu-Isenburg bei sich und verlor mit 1:4 Toren reichlich hoch.
Von her Stiegergruppe am Polytechnikum Friedberg i. H.
Fliegerlager Wasserkuppe, 18. Aug. 3n der vergangenen Woche herrsd)te überaus ungünstiges Wetter; wirkliches Fliegerwetter gab’s nur auf einige Stunden. Jede günstige Minute wurde zum „Schulen" ausgenutzt, sofern nidjt irgendwelcher „Bruch" repariert werden mußte. Cand. ing. Schn- ft e r legte feine ^.Prüfung, cand. ing. Eckardt feine 6-Prüfung ab. Im Laufe der Woche traf die Fliegergruppe Würzburg mit zwei Maschinen ein. Die Fliegergruppe Bonn schaffte noch zwei Flugzeuge her; sie ist jetzt mit fünf Maschinen (davon vier Schulmaschinen) vertreten.
Provinzialausschußsitzung.
Der Provinzialausschuß der Provinz Oberhessen beschäftigte sich in seiner öffentlichen Sitzung am vorigen Samstag mit nachstehenden Derwaltungsstreitsachen.
Zunächst wurde verhandelt der Antrag der Gemeinde Vilbel auf Enteignung von Straßengelände in der Hanauer Straße zu Vilbel zur Herstellung eines Fußsteiges. Da das in Betracht kommende, der Frau Springer Witwe nebst Kindern gehörige Gelände bereits in dem rechtskräftig gewordenen Ortsbauplan der Gemeinde Vilbel ohne weiteres enteignet werden kann, beschränkte sich der Provinzialausschuß in der weiteren Verhandlung darauf, die Höhe des Enteignungspreises sestzustellen und erkannte durch Hrteil zu Recht: Als Gegenstand der Enteignung werden gemäß Antrag der Gemeinde Vrlbel, entsprechend dem vorgelegten Meßbrief, nachbenannte in der Gemarkung Vilbel belegene, im Grundbuch dem August Gottlob Springer und seiner Ehefrau Margarete geb. Kroner zuge- schriebene Grundstücksteile festgestellt: a) aus Flur VI Nr. 100 zur Zuteilung an Flur VI Nr. 936 = 3 Quadratmeter; b, aus Flur VI Nr. 101 zur Zuteilung an Flur VI Nr. 752 = 30 Qua-
Geschäftsmiene, mit einem großen Stoß von Briefen und Papieren und sagte eilig und im Vorübergehen: „Herr Faßbender läßt bitten.“ Dann aber wandte er sich noch einmal um. ®ic -'ch vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Pintscher. Ich arbeite im Import."
3n der Mitte des auffallend niedrigen und mit kontormäßiger Nüchternheit eingerichteten Zimmers befanden sich zwei gegenübergestellte Schreibtische, die mit Geschäftsbüchern und allerlei Schreibwerk dicht belegt waren.
Der eine Rohrsessel war leer. Von dem andern erhob sich ein schlanker, mit einem tadellos sitzenden dunkelgrauen Iackettanzug, blendend weißem Kragen und sorgfältig gebundener schwarzer Krawatte gekleideter Herr und reichte dem Eintretenden die nur mit einem schmalen Goldreif geschmückte hagere Hand entgegen.
„3d) bedauere, Sie nicht bereits gestern im Hause meiner Schwiegereltern begrüßen zu können. Aber unfereinem bleibt für Derartiges nicht Zeit."
Er sprach mit leiser, flüchtiger Stimme, der man anhörre, daß sie sich bei nebensächlichen Dingen nicht gern aufhielt. Sein glattrasiertes Gesicht mit dem von einem starken Bartwuchs herrührenden schwarzbläulichen Hnterton und den auffallend großen Ohren, die Energie und Taten- tust kündeten, wandte sich wiederum einem mit Zahlen und Anmerkungen bedeckten Briefbogen zu, an dem er eben gearbeitet zu haben schien. Er machte einige Striche mit einem langen scharfgespchten Bleistift und fuhr dann fort' „Papier und Holz sind ja wohl innerlich verwandte Zweige. Aber die Tätigkeit in ihnen ist grundverschieden, und Sie werden es deshalb verstehen, daß ich 3hnen vorläufig noch keinen leitenden oder selbständigen Posten geben kann, ^d) dachte, Sie vielleicht mehr in der Exportabteilung, die Hemm Nimmersatt untersteht als Korrespondenten zu beschäftigen. Zugleid) würde Ihnen die Befrachtung und Versendung der getätigten Verträge' obliegen. Wie mir erinnerlich, schrieben Sie damals, daß Sie das Englische in Schrift und Sprache mit Sicherheit beherrschen."
D^ junge Pintscher erschien wieder mit einem Gundel von Papieren, eilend, dienstfertig, mit jebem Blick seiner treuherzigen Kinderaugen die Worte seines Herrn in sich saugend, der ihm einige Aufträge erteilte und dabei mit raschelnder Feder e ine ganze Anzahl von Hnterschriften fertigte.
,Hnb nun möchte ich Sie unten vorstellen und 3hrer Abteilung zuführen," wandte sich Herr Faßbender wieder zu Klaus. „Wir haben in unserem Hause gewissermaßen vier Abteilungen," erklärte er, indem sie die kleine gewundene Treppe hinunterschritten, „eine für unsere
bratmeter und an Flur VI Nr. 936 — 8 Quadrat- meter. Die von der Gemeinde Vilbel an dis Grundstückseigentümer zu leistende Entschädigung wird auf 107 Mk. festgesetzt. Der Ausspruch der Enteignung erfolgt nach Rechtskraft der vorstehenden Entscheidung auf Antrag der Gemeinde Vilbel, sobald der Nachweis über rechtsgültige Zahlung der Hinterlegung der Entschädigungssumme erbracht ist. Der Antrag ist längstens binnen drei Monaten nach Rechtskraft zu stellen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Gemeinde Vilbel. Der Streitwert wird auf 107 Mk. festgesetzt.
Als weiterer Punkt der Tagesordnung wurde verhandelt das Gesuch des Anton O l i g m ü l - ler zu Bad-Nauheim um Erweiterung der ihm bereits erteilten Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft mit Branntweinausschank im Hause Höhenweg Nr. 1. Der Bürgermeister der Stadt Bad-Nauheim sowie das Polizeiamt daselbst hatten sich gegen die Genehmigung ausgesprochen. Bei dem eingereichten Gesuch drehte es sich in der Hauptsache um die Errichtung einer Kegelbahn. 3m Lause der mündlichen Verhandlung, in der der Vertreter des Süddeutschen Kegelverbandes sowie der Vertreter des Polizeiamts und weitere Zeugen gehört wurden, war zu vernehmen, daß einerseits die 3nteressen des Kegelsportes und andererseits die 3nteressen des Villenviertels (3ohannisbergviertel), letzteres hinsichtlich der mit dem Betrieb einer Kegelbahn verbundenen Ruhestörungen, hervorgehoben wurden. Der Provinzialausschuß lehnte den Antrag des Anton Oligmüller zu Bad-Rauheimi auf Erweiterung der ihm am 12. Mai 1928 erteilten Konzession für das Haus Höhenweg Rr. 1 ab. Die Kosten des Verfahrens wurden dem Antragsteller zur Last gesetzt und der Wert des Streitgegenstandes auf 1000 Mk. festgesetzt.
2lls Dritter Punkt wurde verhandelt der Antrag des Kreisamts Friedberg auf Hnterfagung des Gewerbebetriebes des R. K. zu Friedberg als Rechtsberater. Der Genannte hatte in Friedberg das Gewerbe eines Rechts- und Steuerberaters eröffnet und hiervon dem Kreisamt Friedberg Anzeige erstattet. Aus Grund der gegen K. früher ergangenen Bestrafungen wegen Hrkundenfälschung, Betrugs, Hntrcue und Hnter- fdjlagung beantragte das Kreisamt Friedberg bei dem Provinzialausschuß Hnterfagung des Gewerbebetriebs. In der mündlichen Verhandlung, in der K. längere Ausführungen machte, kam der Provinzialausschuß zu folgendem Urteil: Dem R. K. Au Friedberg wird der Betrieb eines Rechts- und Steuerberaters untersagt, und ihm unter Festsetzung des Streitwertes auf 100 Mk., die Kosten des Verfahrens zur Last gelegt.
Ferner wurde verhandelt die Berufung der Gemeinde Aulendiebad) (Kreis Büdingen) gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 23. Februar i. S. Ortsbürger- nutzen des Heinrich Neun, Zimmermanns, in Aulendiebach. 3n dieser Sache hatte bereits der Kreisausschuh des Kreises Büdingen durch Urteil entschieden, daß dem Kläger anstatt die Hälfte des Losholzes für das 3ahr 1929 das volle Losholz zu gewähren ist. 3n den mündlichen Verhandlungen, in denen der Vertreter der Gemeinde, Bürgermeister Roth, und der Kläger gehört wurden, kam der Provinzialausschuß unter Wahrung der Rechtslage zu dem Urteil, die Berufung der Gemeinde Aulendiebach als unbegründet kostenpflichtig zurückzuweisen. Der Streitwert wurde auf 12 Mk. festgesetzt. 3n vorstehender Streitsache machte der Vertreter der Gemeinde geltend, daß nach Ortsgebrauch (Gewohnheitsrecht) bei Vorhandensein von Eltern oder Schwiegereltern die nutzungsberechtigten jüngeren Ortsbürger, wenn sie in einer Hofreite zusammen wohnen, nur die Hälfte eines Loses zu nicht unbedeutenden Sägewerke, die Sie ja auch bald kennenlernen werden, eine zweite für Den Einkauf von Handelsware, man könnte sie aud> Die Abteilung für Polen um) Pommcrcllen nennen, Dann die Exportabteilung, der Sie angehören werden, und schließlich die Buchhaltung."
Während des ganzen Gesprächs war es Klaus aufgefallen, haß der Name des Obersten als des eigentlichen Geschäftsinhabers überhaupt nicht genannt wurde. Herr Faßbender sprach ausschließlich von sich in der ersten Person, allenfalls, wie eben jetzt, mit „Wir".
Unb nun schritt er mit ihm durch die einzelnen Kontorräume, und überall wurde er mit sichtbarem Respekt, ja, von den jüngeren männlichen und weiblichen Angestellten mit einer gewissen Ehrerbietung empfangen.
Auch seine Vorstellung hatte etwas Geschäftliches, wie alles an diesem den Geist des Kontors und seiner Arbeit in sich verkörpernden N^mne. Kaum ejnen Sessel gab es, kaum eine Schreib- oder Kopiermaschine, an der er mit dieser Vorstellung nicht eine gedrängte und zugleich bündige Bemerkung oder Anweisung verband der unverzüglich Folge geleistet wurde. So kam es wohl, daß man von dem fremden: Ankömmling wenig Notiz nahm und nur in der Exportabteilung eine etwas längere Besprechung mit dem Vorsteher. Herrn Nimmersatt, über die Aufgaben und Pflichten des neuen Mitarbeiters stattfand.
Hnmittelbar nach Geschäftsschluß. Punkt 1 Hhr, tour&e oben das Mittagessen eingenommen, zu Dem Klaus Körber toieDerum gelaDcn war und SU dem auch Herr Faßbender erschien. Er hatte den grauen 3ackettanzug mit einem Cutaway getauscht, zu dem er gestreifte Beinkleider und schwarzweiße Binde trug. Seiner künftigen Schwiegermutter küßte er ritterlich die Hand seiner Braut überreichte er mit einigen liebenswürdigen Worten des Bedauerns, daß er den gestrigen Sonntag von ihr hatte fernbleiben muffen, zwei langstielige, wundervoll geformte Rosen, Klaus Körber gegenüber bewahrte er genau dieselbe förmliche Zurückhaltung, wie er ne vorhin im Geschäft gezeigt, als wollte er von üornberein gtoifdjen ihnen beiden jene unüberbrückbare Schranke aufrichten, die er jedem An- geftellten gegenüber für notwendig erachtete.
^^oer war das Gedeck für den Hausherrn aufgelegt, und wieder blieb es unberührt. Hnd diesmal entschuldigte ihn Frau Reichenbach nicht, und weder Edith noch ihr Bräutigam sprachen von ihm.
.^laus aber nahm sich vor, sich so bald wie möglich nach einer Wohnung umzuseyen und jede irgendwie passende ohne weiteres zu mieten. ~cnn' was er hier sah und erlebte, erschien t T - ^md und seltsam und begann ihn zu bedrucken. (Fortsetzung folgt.)


