Ausgabe 
19.6.1929
 
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Mittwoch, 19. Zuni 1929

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. m Zweites Blatt

polens hoffnungsvolle Jugend!

1* Don unserem 8.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Warschau, Juni 1929.

Während der Lemberger Studenten- k r a w a l l e konnte man in der Regierungspresse häufig lesen, daß dasObwiepol" an allem Schuld sei, die akademische Jugend verhetze und im Interesse seiner finsteren, staatsfeindlichen Machenschaften mißbrauche. Unter diesen Um- ständen sieht auch der Fremdling gleich davon ab, dasObwiepol" für ein neues Haarwasser oder Entsettungsmittel zu halten, denn wofern solche Dinge manchmal auch nichts nützen, so schaden sie doch selten. DasObwiepol" aber nährt sich mit Vorliebe von nationalen Minder­heiten und ist somit untrüglich als polnische politische Partei anzusprechen und zwar, als das zu einem gefälligen Sammelwort abgerundete G rohpolnische Lager" ( nationale Rechte).

2m allgemeinen pflegen sich die übrigen Par­teien, einschließlich des Pilsudski-Dlocks, mit gutem Appetit an diesen nationalpolitischen Tafelfreuden zu beteiligen und man muh den Blick schon auf Madrid und die Minderheitenklagen richten, um die vegetarischen Anwandlungen der Regie­rungspresse richtig einzuschätzen. Wenn die halb­amtlicheEpoka" sogar erklärt, daß man es den Studenten nicht erlauben dürfe, die Anarchie des 17. Jahrhunderts heraufzubeschwören unddas friedlich Zusammenleben der polnischen Staats­bürger verschiedenen Volkstums und Glaubens" zu stören, so war das ein für den Gebrauchsfall abgelagerter Fastenfisch, dem die Sommerhitze nicht betommcn sein dürfte.

Nun, die Studentenstörten" bekanntlich doch, und zwar so ausgiebig, daß allerlei Innenarchi­tektur dabei zuschaden ging. Die Polizeischritt ein", es floß Blut auf beiden Seiten und man flüsterte sogar schon von einer behördlichen Schließung der Hochschulen. Als dann aber aus Madrid für das polnische Geschäft günstige Nach­richten einliefen, flaute die offizielle Entrüstung merkwürdig rasch ab. Das Lemberger Strafgericht lieh sich von väterlichen Gefühlen übermannen und beschloß, diewegen öffentlicher Gewalt und böswilliger Zerstörung fremden Eigentums" ver­hafteten Studenten freizulassen. Nur der Herr Staatsanwalt hatte noch einige juristische Bedenken lieblos, wie solche Bureaukraten nun einmal sind. Lieber Nacht wurden aus den anarchischen Korporälen" ,,jugendlichhitzige, in ihren religiösen Gefühlen gekränkte Patrioten' und kein Mensch wundert sich, wenn die gestern noch knurrige Regierungsprcsse heute wieder Arm in Arm mit den Obwiepol-Organen über die deutschen Henkersknechte von Oppeln" herfällt.

Daraus läßt sich folgende praktische Lehre ableiten und nach Belieben variieren: Wenn ein junger Deutscher in den zerfetzten, verstüm­melten Ostmarken einem Polen zu nahe tritt, dann ist er einevertierte Bestie" wenn dagegen ein polnischer Student die kul­turellen Institutationen der Minderheiten^ ver­wüstet und kleine aufmunternde Strahenkämpfe Hervorruft, dann ist er im schlimmsten Falle ein irregeleiteter, aber von edelsten Impul­sen durchbebter Jüngling": dem man natürlich nichts Übelnehmen kann (sofern er seinen Patriotismus nicht ausgerechnet vor einer Dölker- bundsratstagung spazierenführt).

Das wäre also die politische Seite der Sache, doch es gibt noch eine andere vielleicht schlim­mere. Der Pole liebt es, gleich anderen Völkern, in begeisterten Ausdrücken von seiner akademischen Jugend zu sprechen: Als von dem Hort der nationalen Erneuerung, den Wegbereitern Groh- polens, den Fahnenträgern der völkischen Kultur. Das ist sein gutes Recht und somit ganz in der Ordnung. Diese Jugend aber hat sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, Lobhudelei und Be­weihräucherung als ihr zustehenden Tribut ein* zus ordern, was in Zukunft sein sollte, auf me Gegenwart zu übertragen und in sich selbst die tonangebende, einzig-rechtmäßige Inkarnation

des polnischen nationalen Gedankens zu erblicken. Es gibt kaum ein inner- oder außenpolitisches Ereignis, zu dem die Studentenverbände nicht in schwülstigen, phrasenhaften Resolutionen Stel­lung nehmen und jede Zeitung macht es sich zur patriotischen Pflicht, dieseEntschließungen" ihrer akademischen Gesinnungsgenossen womöglich in Fettdruck aufzutischen als wäre damit das letzte, entscheidende Wort gesprochen. Was Wun­der, daß sich die unreifen, an Größenwahn lei­denden Jünglinge und Jungfrauen die natio­nale Exekutive anmaßen und hemmungs- los handgreiflicher tocrbcn, wo der Resolutionen fabrizierende Geist nicht langt. Gesinnungsschnüf­felei, Provokation, Hetze, Demonstration und nicht zuletzt der Knüppel oder Pflasterstein das find die üblichen Mittel, mit denen der polnische Student seinenIdealismus" zu gebührender Gel­tung bringt. Wo in anderen Ländern derStrahen- pöbel, der Mob, der Janhagel passende Be­tätigung sucht, da steht er in Polen im Schatten derKulturträger" (was seine freundliche Mit­wirkung allerdings nicht ausschließt).

Noch vor wenigen Tagen durfte der Lem­berger Pöbel der nationalen Studentenschaft dabei helfen, die Polizei mit Steinen zu bewerfen und sie von den Pferden zu reihen. Minder- Heiten-Exzesse, Llkrainer-Gemehcl, Iuden-Po- gromc: Llndenkbar ohne polnisch-akademische Füh­rung! In Warschau waren es hauptsächlich Studenten, die Anfang Mai, mit wüstem Gebrüll und Fäustcschütteln, die deutsche Gesandtschaft zu stürmen versuchten. In Posen waren es letzt ebenfalls Studenten, die (vermutlich als Sonderpropaganda für die Allgemeine Landes­ausstellung) in der Schloßstraße Schaufenster ein­schlugen und den Führer der deutschen Sejm­fraktion auf der Ausstellung selbst bedrohten.

Die Blüte der Nation, die Zukunft Polens, die Großsiegelbewahrer der nationalen Kultur!

Arme Kultur...

Aer KüWf um die Saar.

Zehn Jahre nach Versailles verdient eine der ungelösten, unter allen aber die klarste und ein­fachste Frage von neuem das Interesse der Welt: die Saarfrage. Der Vorsitzende des Bundes der Saarvercine, Senats Präsident Andres, Frankfurt a. M., wies anläßlich der Bundestagung in Münster auf die Kundgebungen für die Rückkehr des Saargebietes zum deutschen Vaterland hin und stellt fest: Die über allen Zweifel erhabene deutsche Hal­tung des Saarvolkes, die bei diesen Kundgebun­gen immer wieder festgestellt werden kann, kann nicht über Nacht die Befreiung herbeiführen. Wer das glaubt, der überschätzt die Achtung, die das Selbstbestimmungsrecht der Volker in der Welt genießt, und der unterschätzt die Zähig­keit, mit der die Franzosen Stellungen festhalten, die ihnen das Versailler Diktat gebracht hat. Zwar haben die Franzosen die Hoffnung, die Saarbevölkerung könne sich jemals zu Frankreich hingezogen sichten, zu Grabe getragen, und auch die abgeschwächte Hoffnung, das Saarvolk werde sich wenigstens für ein Eigenöasein erwärmen, ist tief gesunken: aber die Hoffnung, daß sich mit Hilfe der in Versailles errungenenMachtstellung bis 1935 noch irgendeine Wendung herbeiführen liehe, die Frankreich etwas mehr verschafft als die einfache Wiederherstellung des Zustandes vor der Vergewaltigung von 1919, diese Hoffnung werden die Franzosen so leicht kaum aufgeben. Darum muh das Saarvolk darauf gefaht sein, die Fremdherrschaft noch bis zum Jahre 1 935 zu tragen, und wir alle müssen mit ihm auf der Wacht bleiben, gegenüber Versuchen der Franzosen, der Saarfrage einen Dreh zu geben, der nur französischer Begehrlichkeit dient.

Auf der Suche nach einem solchen Dreh haben französische Unternehmer eine rührende Sorge für das wirtschaftliche Gedeihen des Saargebietes in ihrem Herzen entdeckt. Sie finden immer neue Zusammenhänge der Wirt­schaft des Saargebietes mit der Wirtschaft Frank­reichs heraus, und sie predigen die dauernde Eingliederung der Saarwirtschaft in die fran­zösische Wirschaft. Es kümmert sie nicht, dah sie

mit solchen Predigten den Boden des Versailler Vertrages verlassen, der die endgültige politische Zukunft des Landes lediglich abhängig macht von dem Willen des Volkes:en tenant compte du desir exprime par le vote de la po- pulati n" wird der Völkerbund bestimmen, unter welche Staatsgewalt das Gebiet zu treten hat: also als ein getreuer Buchhalter, der das Ergebnis der Volksabstimmung ausrechnet und fest stellt. In der Präambel zum Anhang an Art. 50 ist gesagt, dah lediglich die Be­völkerung des Saargebietes es ist, die über ihre endgültige Rechtslage entscheidet. Diese klaren Vorschriften versucht man in Frank­reich zu verdunkeln, weil man den Kampf um das Saargebiet auf ein Gefechtsfeld verschieben möchte, das den Franzosen nicht ganz so ungünstig scheint, wie das des Vollswillens. Aber es scheint ihnen nur so. Die Grundlagen der Wirtschaft des Saar*

WSN. Frankfurt a. M., 18. Juni. Das Hauptinteresse der heutigen Stadtverord­netenversammlung beanspruchte die An­gelegenheit der Frankfurter Gasgesell­schaft, die schon seit einigen Wochen in star­kem Maße die öffentliche Meinung beschäftigt und worüber der Hauptausschuß am vergange­nen Donnerstag einen gemeinsamen An­trag der Parteien, einen eingehenden Be­richt des Magistrats über die Vorgänge bei der Gasgesellschaft zu verlangen, eingebracht hatte.

Nach einer kurzen Begründung des Antrages des Hauptausschusses durch den Berichterstatter ergriff zunächst

Oberbürgermeister Or. Landmann

das Wort, um dem Wunsch der Parteien ent­sprechend in vollem Llmfange Rechen­schaft undAufklärung Über die Vorgänge bei der Frankfurter Gasgesellschaft zu geben. Dr. Landmann, der in fast ein* stündiger Rede die ganze Angelegenheit behan­delte, zerlegte zunächst die Materie in drei Punkte, nämlich 1. den Prüfungsvermerk der Price Waterhouse & Co., 2. die Verluste bei der Gewerkschaft Friedrich und 3. die Frage der sogenannten Expansionspolitik und die Vorwürfe des Dr. Merton gegenüber der Frankfurter Gasgesellschaft und Oberbürgermeister Landmann. Nach dem Ausdruck seines Bedauerns über diese ganze Affäre, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt habe und geeignet sei, den Kre­dit der Frankfurter Gasgesellschaft und das An­sehen der Stadt Frankfurt zu schädigen, legte Dr. Landmann zunächst dar, wie

der falsche Prüfungsvermerk unter die Bilanz der Gasgefellschaft

gekommen sei. Die Firma Price Water­house sei mit der Prüfung der Bilanz der Gasgesellschaft beauftragt worden. Ihr Prü­fungsbericht ii. .rrschied sich von dem der Re­visionskommission in der Beziehung, daß die Forderungen der Gasgesellschaft an die Gewerkschaft Friedrich, die in dem Be­richt der Revisionskommission als Aktiven auf­geführt wurden, nach Ansicht der Price Waterhoufe infolge ihrer Dubiosität nicht als Aktiven in die Bilanz einzusetzen seien. Nach­dem aber die Revisionskommission dem Arbeits­ausschuß der Gasgesellschaft und ferner dem Aufsichtsrat die Annahme der Bilanz in der von ihr vorgeschlagenen Form empfohlen hatte, wurde diese Bilanz vom Aufsichtsrat der Ge­sellschaft genehmigt. Nach der Genehmigung der Bilanz durch den Aufsichtsrat hat nun die Di­rektion der Gasgesellschaft den schwe­ren und unbegreiflichen Fehler begangen, den Prüfungsvermerk von Price Water- house unter d i e Bilanz der Gas- gesellschaft zu setzen, während zwar eine Bilanz von der Firma aufgestellt, aber in dieser Form nicht akzeptiert worden war. Die Direktion der Gasgesellschaft habe nun

gebietes sind oft genug untersucht worden, und sie haben immer zu dem Ergebnis geführt, daß das Gedeihen der Saarwirtfchaft in einem weit höhe­ren Grade abhängt von der engsten Verbunden­heit mit der deutschen Wirtschaft, als mit den Beziehungen zur franzöfischen Wirtschaft über die Grenze: den schlagendsten Beweis aber hat uns doch das unglückliche Experiment des Ver­sailler Vertrages selbst gebracht: es liegt jetzt klar zutage, daß die Wirtschaft zugrunde ge­gangen wäre, wenn man sie nicht mit allen möglichen abfchwächenden Mitteln über Wasser gehalten hätte. Die Rettung kann also nur die Rückkehr zum deutschen Vaterland fein. Der Kamps auf dem Gefechtsfeld des Volkswillens be­gann mit der plumpen Lüge Clemenceaus von 150 000 Franzosen, die im Saargebiet wohnten: es gab keine 100 dort, und daran hat sich n i ch t s geändert.

einen zweiten Fehler begangen, dem Vor­sitzenden des Aufsichtsrates, nämlich dem Ober­bürgermeister, nicht von der Korre­spondenz, die nach einigen Wochen, nachdem Price Waterhouse von dem falschen Prüfungs- Vermerk Kenntnis erhalten hatte, mit dieser Firma geführt wurde, Mitteilung zu machen. Was die Verantwortung für den fal­schen Prüfungsvermerk anlange, so treffe ihn, den Oberbürgermeister, nicht die geringste Schuld, da er die Bilanz der Gasgefellschaft mit dem falschen Prüfungsvermerk nie zu Gesicht be­kommen habe. In einer Sitzung der Finanz­kommission sei aber, so erklärte Dr. Land mann mit Nachdruck, ausdrücklich von der Direktion der Gasgesellschaft festgestellt worden, daß nicht den Vorsitzenden des Aufsichtsrates, sondern ein­zig und allein die Direktion der Gesell­schaft die Schuld für den falschen Prüfungsvermerk treffe. Nicht zuletzt aus diesem Grunde habe Dr. Landmann die ulti­mative Forderung Dr. Mertens abgelehnt, so­fort den Posten des Aufsichtsratsvorsihenden niederzulegen. Was nun

die Verluste und Schaden bei der Gewerkschaft Friedrich

betreffe, fo müsse er feststellen, daß der Verlust einzig und allein auf höhere Gewalt zu- rückzuführen sei. Zu dem dem Magistrat ge­machten Vorwurf, daß er, bevor er an die Gewerkschaft Friedrich herangetreten sei, ein tech­nisches Gutachten hätte einholen müssen, erklärte Dr. Landmann, daß d er Magistrat eine Studien­kommission eingesetzt habe, die in den Jahren 1 92 4/2 6 eine genaue Untersuchung der Grube vorgenommen habe. Das Resultat der Untersuchung sei gewesen, dah es nach An­sicht der Techniker unverantwortlich wäre, wenn die Grube nicht ausgenuht wepden würde. Den durch den Wassereinbruch verursachten Schaden habe kein Mensch voraussehen können. Was die Frage der

Expansionspolitik

und die Vorwürfe Dr. Mertons anlange, so habe er von vornherein in diesen Angriffen eine von bestimmter Seite und mit Unterstützung bestimmter Persönlichkeiten herrührendeKamp s- an f a g e gegen die von der Stadt seit Jahren mit Erfolg betriebene Kommunalpolitik gesehen. Er lehne die Vorwürfe Dr. Mertons als vollkommen unbegründet ab und bitte die Stadtverordneten, sich in keiner Weise durch diese außerordentlich bedauerlichen Vorkommnisse beirren zu lassen. Die Stadtverwaltung werde nach wie vor ihre Kommunalpolitik zugunsten und zum Wohle der Bevölkerung fortsehen.

In der stundenlangen Debatte kamen von selten der einzelnen Fraktionsredner wesentlich neue Momente nicht zu Tage. Die Parteien ver­langten lediglich einen erschöpfenden Bericht des Magistrats unter der Betonung, dah die ge­plante Gaspreis-Erhöhung unter

Gas"-Debatte im Nanksukier Siadtzattanient.

Oberbürgermeister Or. Landmann antwortet aus die Angriffe Or. Mertons.

Berliner Landschaft.

Von Rudolf Großmann.

Eine Erinnerung taucht herauf. . . Zahllose Fahrgleise, dauerndes Gepseife, Züge fahren ein und aus. Riesenplakate bluffen auf in freiem Felde. Häusermeer auf Hügeln. In silbriger Ferne sich verlierend. Kleinbürger schlendern unter dem Melon einher oder wölben sich mit breiter Allüre im Grase. Enger zieht sich die Stadt, spielerisch klein angelegte Höfe mit Gärt­chen, das Pfeifen verstärkt sich, langsam knarrt der Zug ein:Gare de lEst!

Damals, als in uns jungen Deutschen Pafs anfina zu gären und uns unruhig machte, da lieh ich die Stadt, um sie von derbanheue aus zu fassen. Bald kamen andere nach M<ni fuhr nach St. Cloud, nach Fontenay aux Roses, jedes Wochenende ging man auf öiefortits , die ehemaligen Stadtwälle, wo man in der Sonne Klimmzüge machte, die von Freundinnen begut­achtet wurden. Man stand im Sonnenunter­gang auf den fortifs und hörte die Pistons die Signale der Garde Röpublicaine blasen, man er­baute sich an den Motiven des Douanier Henry Rousseau, der die Malerei der pensionierten Beamten, Portiers und Offiziere zu Ghren brachte. Dort malte man. und die Pariser Jun­gens, die über einen geschulten Geschmack, ver­fügen, warfen den HerrenSpinatmalern, cne die Pinsel zu tief in die grünen Sarbto^fe tauchten, zur Verstärkung der Farbeffekte Strahenkot auf die Leinwand.

Viel später lernte ich das Weichbild Ber­lins kennen, sah es zuerst durch das Medium Paris. Dann trieb ich mich monatelang vor der Stadt herum und glaubte doch allmählich zu dem waschechten Aspekt Berlins gelangt zu fein.

Ich liebe die Peripherie Berlins, da wo die Stadt leiser atmet, rov sie unbekümmert ihr Leben für sich im Unterred führt. In grünen Lauben spinnt sich Kleinleutedasein der Innenstadt kat­tunen fort, endlose Landstrahen, auf denen an lan­gen, langen Sonntagen Bürger zweckerlöst trotten, zeigen in Fernen, dunkle Stadtkanäle enden hier. Lind schon sickert Natur spärlich mit Gras­halmen und ausgelaugten Abendröten, die Well- Llschdächer widerspiegeln, in die Stadt ein, I

und sie wiederum schiebt sich mit Menschenwerk, I Groteskmaschinellem, wie tändelnd ihr entgegen, | steckt Telegraphenstangen, glättet da den Erd­boden, läßt dort noch eine Sandkuhle, in der Kinder buddeln, stellt Stratzenstaffeln ins Leere und zieht Eisendrähte um künftige Bauplätze.

Noch ist Boden da, verschwenderisch scheint er da zu sein, der fleißige Berliner entzaubert dem Sande naturtrunken in arbeitsreichen ileber- ftunden bald tropische Fülle, Laubengänge wölben sich, Blumenflor prangt, Früchte der Gärtm und Felder, von der Kartoffel bis zum Pfirsich, werden geerntet und in stolz geschulterten Ruck­säcken heimgetragen. All das wächst und tou^ chert wie zu hundertjährigem Bestand, und doch ist die Bauparzelle schon in festen Händen, morgen schon kann der Grund für Zinshäuser oder Siedlungsbauten gelegt werden. Noch ist Platz da, die Natur geizt nicht mit ihm, Rummel­plätze mit hrllrosa lichten Zelten errichtet unbe­kümmert fahrendes Volk, Bretterbuden entstehen kinderspielzeughast: aber näher und näher rückt schon die Häuserphalanx, zieht sich enger und enger um dieses Stegreifgedicht, das bald wei­ter von draußen von neuem gedichtet wird.

Aber zu solcher Selbstbetrachtinig hat ja die Vorstadt Berlins gar keine Zeit! Sie ist ja kein leichtes, selbstgefällig-idyllisches Chan­son, wie die von Paris, die verstaubt und alt bleibt wie sie immer war, und im Kontakt mit der Innenstadt. Der Berliner scheint sich feine Landschaft selbst erfunden zu haben, und umge­kehrt die Landschaft ihn. Nirgends wo anders ist der Himmel so grell und unerbittlich blau wie über diesem Grün, über diesem grellgelben Sand, nirgends ist die Lust so hart und flar, wie in der Mark. Wenn der Berliner ba frei* tüftelt, jedes Flüßchen bepaddelt, auf jedem Fleckchen Rasen wuselt und in Sonntagsstim­mung macht, seine Stullenpapiere entfaltet, be­wundere ich als verträumter Süddeutscher, wie er sich inStimmung" zu bringen versteht.

Aufs Tempo kommt's an! Er hat es genau wie seine Stadt es hat und auch seine Vorortlandschaft. Erscheint er durch die Prä­zision des Llmtriebes und Ablaufes in seiner Weltstadt manchmal etwas auf gerieben und fadenscheinig, ist's nur für den Moment: das verlangsamt sein Tempo nicht, macht ihn noch nicht beschaulich, slugs reißt er sich wieder auf

und wird draußen wieder stramm und kompakt. Lind wenn ich irgendwo anders an Berlin denke, so sehe ich nicht das alte Berlin der Innenstadt vor mir, sondern das Berlin draußen, das mit der alten Stadt gar nichts zu tun hat, das Berlin von heute, irgendein Stück grünen Rasens, der morgen schon als Bauplatz umzäunt ist, bald darauf sich in eine Häuserreihe von Knall­bauten verwandelt, mit wimmelnden Stukkaturen und goldblitzenden Dalkongittern, sehe eine stäm­mige Kiefer im Wald, die plötzlich als Groß­städterin zwischen kahlen Häuserwänden steht, denke an Karl Röhler, der, das erstemal am Anhalter Bahnhof aussteigend, schon glatt be­schnittene Fichtenbretter da liegen sieht und fragt: Ist das der Grünewald?"

Kleine Anekdoten.

Nacherzählt von Sigismund von Nadecki.

Nun, Jim," fragt der Bürgermeister einen alten Sünder,was hat Euch denn wieder hierher ge­führt?"

Zwei Policemen, Sir", war die ruhige Antwort. Betrunken, nehme ich an?" inquirierte der Bürger­meister weiter.

Jawohl, Sir," sagte Jim, ohne eine Miene zu verziehen,alle beide!"

*

Ein bekannter englischer Politiker wurde öfter interviewt, als ihm lieb war. Eines Tages saß er gemütlich plaudernd in einem Londoner Hotel, als ein fremder junger Mann auf ihn zukam und ihn dringend in die andere Ecke des Zimmers bat. Dort angelangt, flüsterte ihm der Fremde zu: ,Lch ge­höre zur Redaktion eines Abendblattes und würde gern wissen, was Sie von der Außenpolitik der Re­gierung halten?"

Der Politiker blickte ein wenig erstaunt auf ... Dann sagte er kurz:Folgen Sie mir." Voranschrei- tend führte er den jungen Mann durch das Lese­zimmer, bann einige Stufen hinunter in das Ge­sellschaftszimmer, darauf durch einen langen Korridor in den hinteren Speisesalon, und endlich zog er den Besucher in eine dunkle Ecke hinter den Kleider­ständern.

Dort flüsterte er ihm leise ins Ohr:Ich habe nicht die geringste Ahnung davon."

Meine Nichte stellt sich auf die äußersten Zehen­spitzen und läßt den Brief mit Mühe und Not in den Briefkasten gleiten.

Dann wartet sie zwei Sekunden.

Glaubst du", fragt sie endlich,daß der Brief jetzt schon ein wenig weiter ist?"

*

Sie ist so naschhaft, daß sie sich mit dem Kuchen sogleich vor den Spiegel stellt.

Auf die Art," sagt sie,auf die Art ich zwei Kuchen!"

Der Gatte erwacht und findet seine Frau in Tränen.

Liebste, was gibt es?"

O, ein Traum," schluchzt sie,ich hatte einen schrecklichen Traum!"

Um sie trösten zu können, fragt er nach dem Traum. Nach langem Widerstreben erzählt sie:

Ich träumte, daß ich durch die Straßen ging und zu einem riesigen Warenhaus kam. Dort hingen überall Plakate: .Ehemänner zu kaufen/ Man konnte sehr schöne für fünfzehnhundert Mark haben, sogar auch schon für elfhundert, und auch noch sehr, sehr nette für hundert Mark."

Da fragte der Gatte gutmütig:

Sahst du irgendeinen, der mir ähnlich mar?"

Ach, Dutzende," schluchzte das Frauchen,in ganzen Bündeln, das Bündel zu zehn Mark fünfzig."

*

Kürze ist die Seele aller Meldungen. Aber viel- leicht ging jener Journalist doch zu weit, als er einen Unglücksfall, wie folgt, feiner Zeitung meldete:

John Dixon entzündete ein Streichholz, um nach­zusehen, ob noch Benzin in feinem Tank sei. Benzin war vorhanden. Alter 56 Jahre."

*

Mirni ist fünf Jahre alt. Zitternd, schluchzend läuft sie herein und stürzt sich in die Arme von Mutti.

3a, was ist denn mit dir, mein Kindchen? Wo­vor hast du Angst?"

D", stammest Mimi mit einem Tränenschauer. Mutti hör doch: ich habe mich so gelangweilt, und bS hab' ich mir zum Spaß eine Geschichte er­zählt, unb ba brin kamen Wölfe vor, unb ba hab' ich solche Angst bekommen! ..."