Hr.9s Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
Zrettag, 19. April (929
Amerika und die Weltwirtschaft.
Don Professor Dr. Hermann Levy, Berlin.
Die Leiter und Berater der amerikanischen Staatspolitik betonen gerne, daß die Vereinigten Staaten den europäischen Verhältnissen möglichst nur al« ,Beschauer" aegenüberzustehen trachten. Wo es nur möglich ist, soll die Einmischung in nicht-amerikaniscke Angelegenheiten vermieden werden. Dies bezieht sich nicht nur aus rein politische, sondern auch auf wirtschaftliche Ange- legenhÄtcn, die ja im übrigen heute so eng mit den ersterenverbunden zu sein Pflegen, dah für beide ohne weiteres Gleiches angenommen werden dgrf. Sieht man sich nun die wirtschaftlichen Beziehungen der Union zu den Verhältnissen der Weltwirtschaft, also vor allem auch der europäischen Wirtschaft, etwas genauer an, so wird man ohne weiteres erkennen, dah die Formel von der „Richt-Einmischung" viel eher einer Phrase als der Wirklichkeit gleichkommt. Es ist etwa so. als ob ein Hauswirt, wenn schwierige Verhältnisse unter den Mietern vorhanden sind, dauernd bemüht ist, sein Desinteressement zu erklären, während er ja andererseits als Hauseigentümer gar nicht in der Lage ist, in den wirklich entscheidenden Fragen abseits zu stehen, sondern höchstens sich dann verbirgt, wenn er glaubt, dah die streitenden Mietsparteien zunächst einmal sich selbst die Köpse einrennen sollen.
Amerika ist unzweifelhaft heute der mah- gebende, der bestimmende Faktor für die Angelegenheiten der Weltwirtschaft, wobei eS freilich nicht von ausschlaggebender Bedeutung zu sein braucht, ob es hier oder dorthin Delegierte entsendet oder nicht. Aehmen wir nur die Frage des Goldes: der bekannte Aationalökonom Professor Sroing Fisher hat vor einiger Zeit einen Aufsatz im Manchester Guardian Eommercial veröffentlicht, der den bezeichnenden Titel trug „Die Macht des gehamsterten Goldes". Er verweist auf die auherordentliche Verantwortung, welche die Vereinigten Staaten mit der Thesaurierung der einströmenden Gold- massen auf sich genommen haben. Der in Amerika hochgeschätzte Volkswirt schreibt: „Die Verteilung unseres ungenutzten und kostspieligen Goldüberschusses unter solche Länder, welche einen Mangel an Gold haben, ist ein Anlah zu allgemeiner Freude ... Es wird ein glatter Gewinn für die Welt sein, wenn dieser vergrabene Schatz dazu dient, die Stabilität der Preise und das geschäftliche Leben in Andern mit erschütterter Währung wiederherzustellen. Es wird die Vereinigten Staaten von der kostspieligen und ernsten Verantwortung befreien, die Ueberschußreserven des Goldes der Welt unbenutzt zu lassen ... Es ist sicherer und wirtschaftlicher. die Goldversorgung gleichmäßiger unter die Stationen zu verteilen und damit zu verhindern, dah die Vereinigten Staaten oder irgendein anderes Land die Macht haben, mit oder ohne Absicht in der Welt Inflation oder Deflation hervorzurufen."
Man hat in Amerika —. nolens, yolens — die Wahrheit solcher Erkenntnisse eingesehen, und wir wissen, daß der Gold - und Kapitalexport der llnion in den letzten Jahren beträchtlich war. Cs wurden im Jahre 1927 allein an Europa 75 Emissionen vergeben und die- amtlich errechnete Zahlungsbilanz der Union meldet für dasselbe Jahr 1648 Millionen Dollar neue amerikanische Kapitalinvestierungen im Auslands. Das ist an sich erfreulich. Aber nachdem die Amerikaner Jahre hindurch des irrtümlichen Glaubens gewesen sind, mit ihren Goldreich- tümern Produktivität ins Ungemessene vornehmen zu können, und sich erst durch die Ueber- fättigung ihres Binnenmarktes von dem Gegenteil überzeugten, scheinen sie jetzt mit ihrem Gold- und Kapitalexport einen neuen verhängnisvollen Anschauungs-Fehler zu begehen. Man kann gewiß einem Verarmten helfen, indem man ihm Kredite gibt, — vorausgesetzt, daß der Bekannte in der Lage ist. diese Kredite n u h -
bringend, das heißt, produktiv zu verwerten. Jeder gute Kaufmann wird von dieser Voraussetzung seine Hilfe abhängig machen. Amerika hat aber leider alles getan, um eine steigende Produktivität des ärmer gewordenen Europas z u hemmen. Europa kann heute nach der Union, wie wiederholt von amtlicher englischer Seite festgestellt worden ist. reguläre Fabrikate des Massenkonsums überhaupt nicht mehr absetzen. Cs muh seine Ausfuhr — von gewissen Rohstoffen, wie etwa dem Kali, abgesehen — auf besondere Qualitätsartikel hohen Wertes beschränken: denn die Amerikaner haben ihre Zölle für reguläre Waren seit dem Kriegsende geradezu prohibitiv gestaltet. Damit hat die Union dem europäischen „Schuldner" eine bedeutsame Möglichkeit, seine Schulden durch Arbeit zu bezahlen, genommen.
Amerika hat ferner seinen im Kriege erworbenen Geldreichtum dazu benutzt, in Südamerika und anderen nicht-europäischen Märkten, die früher so gut wie ganz von den Waren Europas abhingen, seinen Kaufleuten eine besondere Position zu schaffen, damit also eine Konkurrenz gegen Europa aufgerichtet, die mit dem künstlichen und politischen Mittel der „Dollardiplomatie" — so heißt das einschlägige Buch hierüber von Scott Rearing und Joseph Freeman — aufgepäppelt wird und insofern nicht gerade vom wirtschaftlich-internationalen Standpunkt als eine „lautere“ Konkurrenz zu bekochten ist. Amerika hat ferner durch eine dauernde und immer drakonischer werdende Einschnürung der Einwanderung dazu beigetragen, die überschüssigen Menschenmassen in Europa sestzuhalten, hat damit also die soziale Lage Europas mitverschlechtert. Durch die amerikanische Weigerung, europäische Auswanderer in gleichem Maße wie früher aufzunehmen. wird ein Lohndruck in den fraglichen europäischen Gebieten bewirkt, der die Kaufkraft der Massen senkt, und damit von neuem die Grundlage der industriellen Produktivität Europas schwächt.
Amerika treibt diese absperrende Politik int Außenhandel und in der Menschenzuwanderung, um seine Industrie zu „schützen", zu schützen vor billiger Ware und billigerer Arbeit. Allein dieser Schutz hat in der Form hoher Preise für alles, was die amerikanischen Landwirte kaufen müssen, den Farmern eine solche Erhöhung ihrer Erzeugungskosten gebracht, dah sie sich heute in einer bereits chronischen Depression befinden. Diese Depression wird eben wiederum dadurch verschärft, daß das vernachlässigte Europa nicht in der Lage ist, so viel amerikanische Farmererzeugnisse zu kaufen, wie es dem Interesse der amerikanischen Landwirtschaft entsprechen würbe. Die Verteuerung aller amerikanischen Preise — der Dollar ist bekanntlich nur noch 60 bis 65 Cents statt 100 Cents wert — hat zur Weltteuerung in Lebensmitteln geführt. welche die schwerste Belastung der Weltwirtschaft überhaupt ist, da wir ja wissen, daß der große Aufschwung der Weltwirtschaft zwischen 1880 und 1913 sich unter dem Zeichen herabgehen- der Preise vollzogen hat. In allen diesen Punkten hat Amerika eine Wirtschaftspolitik betrieben, die den Interessen der Weltwirtschaft durchaus entgegengesetzt ist.
Es fragt sich, ob man in der Union diese Irrwege einsehen wird, ähnlich wie man schon die trügerische Vorstellung vom Segen des „gehamsterten Goldes“ hat fallenlassen müssen. Europa wird nicht den Standpunkt vertreten, daß die Union kein Anrecht auf die weltwirtschaftliche Expansion habe. Im Gegenteil, erst unlängst konnte man in einem beachtlichen Artikel der „Deutschen Wirtschaftszeitung", dem Organ des Deutschen Industrie- und Handelstages lesen, daß europäische Industrien die Ausdehnung amerikanischer Produktion und Anlagen in Uebcrfec begrüßen würden, da selbst bei der mit amerifa-
Bolschewist und Künstler.
Meine Erfahrungen in Sowjetrußland.
Don Joseph Szigeti.
Der sehr namhafte und geschätzte ungarische Geigenkünstler Joseph Szigeti, Professor am Genfer Konservatorium, dem musikliebenden Gießener Publikum durch '■ Zahlreiche Konzerte wohlbekannt, lehrte kürzlich von einer Tournee durch Rußland zurück und legt im folgenden seine auf der Konzertreise gesammelten Eindrücke nieder. Es ist eine eigenartige Tatsache, daß alle Russen starkes Interesse an der Musik haben und daß selbst der schlichteste Landesbewohner in hohem Grade für Musik empfänglich ist. D:e Konzerte werden direkt vom Staat veranstaltet, die Künstler vom Staat bezahlt. Jedes Konzert eines ausländischen Künstlers wird durch Rund- sunk verbreitet, damit auch die breitesten Volksschichten daran teilnehmen können. Private Manager und Impresarios werden so gut wie gar nicht zugelassen. Die Künstlerhonorare sind mit Ausnahme der amerikanischen Gagen die höchsten der Welt.
Im übrigen Europa fürchtet sich die große Masse ein bißchen vor künstlerischer Musik: die russischen Herzen schlagen ihr entgegen. Der Mittel- oder Westeuropäer der unteren Klassen hält sich solcher Musik im allgemeinen nicht würdig: aber selbst der russische Analphabet ohne jede musikalische Bildung besorgt sich ab und zu Konzertkarten — auch wenn er das Spiel des auftretenden Künstlers nicht in allen Feinheiten versteht, so spürt er doch den tiefen inneren Wert und Sinn der Töne. Das Volk versäumt in seiner gefühlsmäßigen Begeisterung keine Gelegenheit, gute Musik zu hören.
Ms Komponist von den Russen besonders geschäht wird Bach, der tiefe, klare, ernste Bach. Sie lieben Mozart, dessen Rame auf fast allen Programmen steht. Aber ihr größter Liebling, ihr höchster Stolz ist P r o k o s i e f f, ein junger russischer Komponist der neueren Schule, der bereits Weltruf besitzt. Ich spiele seine Kompositionen häufig und bin sicher, daß seine Beliebtheit in Rußland noch ständig wächst. Prokofieff ist modern, sarkastisch, grotesk.
Dem russischen Volk ist ein inneres Musikbedürfnis angeboren. Das Publikum besteht keineswegs bloß aus Proletariern: im Gegenteil, alle Schichten und Klassen finden sich im Konzertsaal einträchtig zusammen.
Ich erinnere mich hierbei an ein kleines Erlebnis auf meiner russischen Konzerttour im vergangenen Jahr, das für die Musikfreudigkeit des russischen Volkes kennzeichnend ist. Selbst das Datum ist mir noch im Gedächtnis geblieben: es war am 6. Oktober. Ich sollte in einem Moskauer Konzert spiele. Vorher hatte ich ein Fischgericht gegessen, das verdorben gewesen sein muß, denn ich erkrankte und spürte beim Spiel förmlich, wie sich das Gift in meinem Körper ausbreitete. Ich fieberte sehr stark, doch unterbrach ich das Spiel nicht und merkte mit dem Einfühlungsvermögen des Künstlers, daß die Zuhörer tief ergriffen waren. Unmittelbar nach dem Konzert steckte man mich in ein Auto, um mich rasch in meine Wohnung zu bringen. . Ein Verkehrsschuhmann gab dem Chauffeur an einer Straßenkreuzung das Signal zum Halten, das dieser übersah: wir fuhren ein Stückchen weiter, worauf uns natürlich der Polizist aufforderte, zurückzu- fahren. Da lehnte sich mein Begleiter aus dem Wagen und rief:
„Lassen Sie doch den Chauffeur. Joseph Szi- gett sitzt hier im Auto und ist ernsthaft erkrankt ....."
Das genügte, der Schichtnorm brauchte keine weiteren Erklärungen. Mit einem Wink gab er uns die Fahrt frei und sagte:
„Joseph Szigeti. der Geigenkünstler, soll fahren, wann und wie er wünscht.“
Im allgemeinen gibt es, wie gesagt, keine privaten Konzertunternehmen in Rußland. Alle Vorbereitungen werden von einer staatlichen Zentralstelle unter Aufsicht des Dolksbildungskom- missars übernommen, die Angestellten dieser Zentrale sind Staatsbeamte. Die Preise der Plätze sind überall ziemlich gleichmäßig: der billigste Platz kostet etwa 1,50 Mk.. der teuerste 4 Ml. Die besten Plätze werden durchaus nicht immer von dem sogenannten „besseren Publikum" eingenommen : sehr oft sitzen Fabrikarbeiter in den ersten Rechen, während sich Professoren, Gelehrte und Aerzte mit den billigeren Scheu begnügen. Allein der Kleidung und dem äußeren Ansehen nach liehe sich die Zuhörerschaft schwer beurteilen.
Nischen Standardmcthoden durchgeführten Arbeit noch immer genug für differenzierte europäische Arbeit abfallen würde. Dieser Gedanke ist richtig. Beruht weltwirtschaftliche Mehrerzeugung auf einem wirklichen weltwirtschaftlichen Bedürf- n i s, so sorgt schon die Arbeitsteilung der Weltwirtschaft dafür, daß viele Stationen an der gesteigerten Arbeit teilhaben. Unweltwirtschaftlich aber ist es, wenn man, wie es leider im
Wesen der heutigen amerikanischen Wirtschaft--- politik liegt, andere Stationen vom eigenen Markte auszu schließen sucht und sich selbst Export- chancen auf Grund bloßen Geld- u n t» Machtprestiges sichert, wenn man Kredite gewährt, weil man sich entlasten will, aber nicht Dafür mitarbeitet, daß der Schuldner a u d> zahlungsfähig bleibt. Hoffen wir, daß noch zeitig genug eine bessere Einsicht komme.
Die deutsche Luftfahrt am Scheidewege.
Das Acichskabinett hat die von den Finanzsachverständigen vorgeschlagenen Etatersparnisse angenommen, die insgesamt einen Betrag von 180 SHill. Mk. ausmachen. Am stärksten hat die Gtatabstriche das Reichsverkehrsministerium zu tragen, dem 18 Mill. Mark für den Kanalbau und 28 Mill. Mk. für die deutsche Luftfahrt genommen werden. Das bedeutet gegenüber dem Etatvoranschlag des Reichsverkehrsministeriums für die Luft- fahrtauSgaben eine Verkürzung um runb 50 Prozent, wobei hervorgehoben werden muß, daß das Reichsverkehrsministerium bereits die für den Verkehr zur Verfügung zu stellenden Mittel gegenüber 1928 um zirka 15 Prozent gekürzt hat. Cs erhebt sich unter diesen Umständen die wichtige nationalwirtschaftliche und verkehrspolitische Frage, wie die A u f - rechterhaltung des deutschen Luftverkehrs unter diesen Umständen durchgeführt werden soll. Die deutsche Luftfahrt ist in Gefahr, und Damit auch die deutsche Flugzeugindustrie, deren wirtschaftliches Gedeihen eng mit der Aufrechterhaltung des deutschen Luftverkehrs verbunden ist.
Man muß sich darüber klar sein, daß man, so notwendig bei der derzeitigen Kassenlage des Reichs Ersparnisse sein mögen, hinsichtlich des deutschen Luftverkehrs nicht einseitig die finanzielle Frage in den Vordergrund stellen darf, sondern daß der deutsche Luftverkehr den Rahmen für schwerwiegende, verkehrspolitische und nationalwirtschaftliche Probleme abgibt. Zunächst einmal, unmittelbar praktisch gesehen, ist für 1929 der Flugplan vorbereitet und feftgelegt, der am 1. Mai voll in Kraft tritt. Er baut auf internationalen Verträgen auf, die die Luft-Hansa für den Langstreckenflug geschlossen hat, Verträge, die man aus innerpolitischen Gründen nicht kündigen kann. Ein solcher Plan hat nicht eine zeitlich begrenzte Bedeutung, sondern er ist das Glied einer Kette, das bei der in höchster Aktivität befindlichen Entwicklung des internationalen Luftverkehrs auf Jahre hinaus grundlegenden SBert hat.
Roch problematischer erscheint diese Frage, wenn ein Teil der Reichsunterstühung für die internationalen Luftlinien fortfallen soll und damit ausländische Gesellschaften auf deutsche Strecken Anspruch erheben. Bei der Luftfahrt überhaupt und dem deutschen Luftverkehr insbesondere den wirtschaftlichen Kem herauszuschälen, in einem Augenblick, wo sich die Dinge noch in der Entwicklung befinden, wo über den Anteil eines jeden Volkes an der Welthandelsluftfahrt überhaupt erst entschieden werden soll, ist mehr als müßig. Staatspolitische und wirtschastliche Gründe sprechen dafür, dah der Luftfahrt hinreichende Mittel zur Verfügung gestellt werden, um den Kampf um den Anteil Deutschlands an der Welthandelsluftfahrt erfolgreich durchzuführen, umsomehr, als das Aus- land, besonders England und Frankreich, mehr als neunmal soviel als Deutschland für die Luftfahrt ausgeben. Deutschland kann auch nicht auf außereuropäische Luftverkehrsbetätigung verzichten. Gerade das Slusland sieht in der Organisation des deutschen Luftverkehrs ein nachahmenswertes Vorbild, weil sein Luftstrecken-- neh es wie fein anderes Land in die Lage verseht. aus der jetzigen und der geplanten Entwicklung des internationalen Luftverkehrs Ruhen zu ziehen, wobei das Maß der staatlichen Subventionierung als nur gering anerkannt wird.
Man sieht im Auslande in den Ergebnissen des deutschen Luftverkehrs den praktischen Beweis dafür, daß die Verkehrsluftfahrt eine Zukunft hat.
Auf eine Tatsache sei noch verwiesen, die in diesem Zusammenhang herangezogen zu werden verdient. Das große Unternehmen des preußischen Staates, die Preußag, zahlt jährlich rund 4,7 SHill. Mark Zuschüsse an in ihrem Konzern befindliche Betriebe (CBernftcin-Untcmebmungen in Ostpreußen und Oberharzer Metallbergwerke ufto.), obwohl diese Betriebe vollkommen unrentabel arbeiten. Die Skrtoattung der Preußag erklärt, daß für die Aufrechterhaltung dieser unrentablen Betriebe und ihrer Zuschüsse, bzw. Subventionen, die durch die Gewinn- und Verlustrechnung innerhalb des (Sefamtuntemeb- mens verdeckt werden, sozialpolitische undstaats- wirtschaftliche Gründe entscheidend seien. Also hier werden nationalpolitische Motive in höchstem Maße berücksichtigt. Bei der Frage der Aufrechterhaltung der deutschen Luftfahrt, die viel weitergehende Probleme politischer und wirtschaftlicher Statur umfaßt, sollte man di e gleiche Rücksicht nehmen, um so mehr, als hier ein wesentliches Plus, nämlich die Sicherheit zukünftiger Rentabilität vorhanden ist, welche im anderen Falle fehlt. Der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit der deutschen Luftfahrt liegt nicht darin, dah man die Ausgaben kürzt, sondern daß man alles tut, um der deutschen Luftfahrt zu ermöglichen, ihre zweifellos hervorragende Stellung im Weltverkehr zu behaupten. Denn sonst läuft man Gefahr, das zu vernichten, was bisher erreicht worden ist, so daß alle bisherigen Ausgaben ä fonds perdu gemacht worden sind. Man nimmt sich aber vor allem die Möglichkeit, durch eine breite und weite Beteiligung an der Welthandelsluftfahrt die Wirtschaftlichkeit späterhin herzustellen.
Einweihung derZettstoffversuchsanlage in Darmstadt.
WSR. Darmstadt, 18. April. Heute vormittag fand die Einweihung der Zellst vffversuchsantage des Instituts für Zellulose-Chemie der Technischen Hochschule Darmstadt in Gegenwart des Ministers für Kultus und Bildungswesen Staatspräsident Adelung, des Ministers der Finanzen, des Rektors der Technischen Hochschule und einer großen Zahl prominenter Gäste aus den Kreisen der interessierten Industrien stajt. Der Vorstand des Instituts Professor Dr. K. G. Jonas begrüßte die Gäste, dankte allen an dem Zustandekommen der Qlnlagc Beteiligten, schilderte die Entstehung der nach seinen Plänen geschaffenen Anlage und gab der Erwartung Ausdruck. daß sich die Anlage zu einer deutschen Zellstoff - Forschungsstatte entwickeln möge. An die mit großem Beifall aufgenommene Ansprache des Jnstitutvorstandes schloß sich ein Rundgang durch die neue Versuchsanlage urtb das Institut, der den Gästen Gelegenheit bot, die vorbildliche neue Einrichtung kennenzulernen. Bei dem anschließenden Frühstück in dem Heim der Studenten-Wirtschaftshilfe brachten der Staatspräsident, der Finanzminister und der Vorstand des Vereins deutscher Papierfabrikanten Direktor S ch n e i l, Dresden, Trinkspruche auf das Gedeihen der deutschen Wissenschaft, der deutschen Wirtschaft und des Instituts Zellulose- Chemie aus.
Ich wurde meist von russischen Pianisten, manchmal aber auch von einem Orchester ohne Dirigenten begleitet. Das erste derartige Orchester entstand bereits vor einigen Jahren in Rußland. Die Konzerte mit dieser ^Begleitung waren mir eine interessante Erfahrung. Die Musiker einer Kapelle ohne Kapellmeister sind geübt und aufeinander eingespielt: sie können die verschiedensten Svlogeiger mit dem schwierigsten Programm ausgezeichnet begleiten. Gewöhnlich sind 80 Musiker in einem Orchester vereinigt. Die Geiger sitzen im Halbkreis auf dem Podium und drehen den Zuhörem den Rücken zu. Das ganze Orchester. das in diesem Halbkreis ausgestellt ift. bildet so eine geschlossene Einheit. Der Solo- geiger steht auf einer Erhöhung davor, mit dem Gesicht zum Publikunt. Das Orchester schmiegt sich dem Spiel des Solisten wundervoll an; bei den großartigen Beethoven-Feiern fanden meine Konzerte mit einer derartigen Kapelle starren Beifall. Uebrigens ist diese Idee bereit» in der ganzen Welt ausgenommen worden, zuerst in Leipzig, kürzlich auch in Reuyorl. Solche Or- chester werden bald überall entstehen, und ich glaube, dah ihnen reiche Erfolge deschieden sind.
Sehr viele Künstler fuchm gegenwärtig Rußland auf. darunter a-'ch ost Dirigenten von Weltruf. die trotz der eben erwähnten dirigentenlosen Orchester doch noch nicht ganz überflüssig sind. Zahlreiche Prominente der europäischen Kunstwelt finden sich in Moskau ein; ich greife nur K l e m - perer. Hu Verma nn. Casella und Hindemith heraus. Natürlich vollen diese Größen auch bezahlt fein; ihre Konzerte finden deshalb, um die Kosten zu decken, in riesigen Sälen statt. Dan eben werden aber häufig kleinere, die sog. „Lildungsl0vze.rte" veranstaltet, einzig und allein um das Volt an Musik zu gewöhnen und das Verständnis dafür zu fördern. Manchmal werden Künstler von erstem Rang zur Mitwirkung an solchen kleinen Koirzerten eingeladen, um wahre, gute Malik und ihren segensreichen Einfluß in das Volk zu bringen. Ich bin auch in einem „Bildungskonzert“ aufgetreten und war von der starken Begeisterung und dem erstaunlichen musikalischen Feingefühl der einfachen Zuhörer überrascht. Cs ist eben meinet Meinung nicht zuviel gesagt, wenn rch behaupte, daß man nirgends in der Well in allen Schichten einer Station soviel musikalisches Verständnis findet wie in der russischen Volksseele.
Babys mit Riesenschuhen.
Ein Engländer namens Thomson hat ein fabelhaftes Patent erfunden, nämlich Schuhe mit acht Einlagen. Eine sitzt an der Ferse, eine in der Schuhspihe, je eine auf der rechten und linken Seite und vier liegen auf der Sohle. Auf diese Weise kann man Kindern, welche sich im Wachstum besinden, diese Schuhe kaufen und, je nachdem wie die Füße sich entwickeln, eine nach der anderen der acht Einlagen herausnehmen, bis der gairze Schuh ausgefüllt ist. Dieses Patent muß Aufsehen erregen. Denn jetzt kann man einem Baby gleich die Größe 46 anziehen, und nie im Leben braucht es jemals wieder einen Schuh. Wächst der Fuß nicht genug, bleiben eben ein paar Einlagen drin. Die Hauptsache ist, daß man patente Schuhe anhat. Wenn der Erfinder noch acht Unterlagen unter die Schuhe nageln läßt, braucht man die Schuhe auch fein ganzes Leben lang nicht befohlen zu lassen.
Sronffurfer Theater
Daß Intendant Weichert die Shakrspeare- sche Komödie ..Was ihr wollt!" wieder in den Spielplan des Frankfurter Schau- spielhauses ausgenommen hat. ist ihm zu danken, denn immer wieder bereitet dieses Werk dem Beschauer Zreade und Befriedigung. Weicherts Regie betonte das Leichte. Unbeschwerte des Stückes, und die originell' Bühnengestaltung Ludwig Sieverts kam ihm dabei zu Hilfe. Was man auf den Brettern sah. war ein heiteres Spiel, und Problematik wagte sich nur hervor in der Verkleidung der Rarrheit. in der Gestalt des köstlichen Starren, den Richard Taube verkörperte, der mit bewundernswertem Geschick seine sonstige Crdenschwere abzustreifen wußte. Cläre Winter als Viola war in ihrem Spiel frisch und lebendig und in manchen Szenen nicht ohne Gefühl: verschiedentlich unterliefen ihr kleine iletertreibungen. Kundry Sievert als Gräfin Olivia war dagegen etwas farblos. Die drei Kumpane Tobias von Rülp, Christoph von Blei- chenwang und Fabio fanden in Toni Impekoven. Theodor Dancgger und Ben Spanier die diesen Rollen würdige, stets zum Lachen reizende Verkörperung. Herta Schwarz als das Kammermädchen Sltaria schloß sich diesem Trio entsprechend an. Eine besondere Leistung bot Franz Schneider als der dumme, eitle und liebestolle Haushofmeister SKalbolio. Der Beifall des Publikums war herzlich, H. H-r.


